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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus Leipzig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Nach dieser Unterhaltung mit Zee versank ich in eine tiefe Schwermut. Das rege Interesse, womit ich bisher das Leben und die Sitten dieser seltsamen Gemeinde betrachtet hatte, verschwand. Ich konnte mir den Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, daß ich bei einem Volke war, das, so gütig und liebenswürdig es auch war, mich doch in jedem Augenblicke ohne Bedenken und Reue vernichten konnte. Das friedliche und tugendhafte Leben dieser Menschen, das mir, solange es mir neu war, als ein heiliger Gegensatz zu den Streitigkeiten, den Leidenschaften und Lastern der Oberwelt erschienen war, fing an in seiner Düsterkeit und Einförmigkeit schwer auf mir zu lasten. Selbst die Ruhe der glänzenden Luft wirkte niederdrückend auf meine Sinne. Ich sehnte mich nach einer Abwechslung, selbst nach Winter, Sturm oder Dunkelheit. Ich begann zu fühlen, daß wir Sterblichen der Oberwelt, trotz unserer Träume von Vervollkommnung, unserem ruhelosen Trachten nach einem besseren, höheren und ruhigeren Leben, nicht dazu erzogen sind, noch dazu passen, uns lange der Glückseligkeit zu freuen, von der wir träumten, nach der wir trachteten.

Seltsam war es, zu bemerken, wie dieser Sozialstaat der Vril-ya darnach strebte, fast alles das in einem Systeme zu verbinden und zu vereinigen, was die verschiedenen Philosophen der Oberwelt den menschlichen Hoffnungen als das Ideal des geträumten Schlaraffenlandes ausmalen. Es war ein Staat, in dem Krieg mit all seinen Trübsalen unmöglich war, ein Staat, in dem allen und jedem die Freiheit in vollstem Grade zu Teil wurde, ohne jene Erbitterungen, die die Freiheit in der Oberwelt von fortwährenden Streitigkeiten feindlicher Parteien abhängig machen. Hier war das Laster, das die Demokratien herabwürdigt, ebenso unbekannt wie die Unzufriedenheit, die die Throne der Monarchien untergräbt. Nicht Gleichheit ist hier die Triebkraft sondern Wirklichkeit. Die Reichen wurden nicht verfolgt, weil man sie nicht beneidete. Hier wurden jene Rätsel inbezug auf die Tätigkeit einer arbeitenden Klasse, die bisher oberhalb der Erde unauflösbar waren und zu der größten Verbitterung zwischen den verschiedenen Klassen führten, auf die einfachste Weise gelöst: man sah vollständig von einer besonderen Arbeiterklasse ab. Mechanische Erfindungen, die auf Prinzipien beruhen, die meiner Versuche, sie anschaulich zu machen, spotten, durch eine Kraft in Bewegung gesetzt, die unendlich wirksamer und leichter zu handhaben ist, als irgend eine, die wir bisher aus Elektrizität oder Dampf gezogen haben, und von Kindern geleitet wird, deren Kräften nie zu viel aufgelegt wurde und die ihre Beschäftigung als Scherz und Zeitvertreib liebten, genügten, um einen allgemeinen Wohlstand zu erzeugen, der jedem Einzelnen zustatten kam, sodaß man nie von einem Unzufriedenen hörte. Die Laster, die unsere Städte verderben, fassen dort nicht Fuß. Sie hatten Überfluß an Vergnügungen, aber alle waren unschuldiger Art. Nie führten Belustigungen zu Trunkenheit, Krankheit oder Schwelgerei. Liebe existierte und war feurig in ihrem Streben, hatte sie aber ihr Ziel erreicht, so blieb sie treu. Ehebrecher, Ruchlose, Bösewichte waren in diesem Staate so unbekannte Erscheinungen, daß man, selbst um die Worte dafür zu finden, eine veraltete Literaturgeschichte von vor tausend Jahren darnach durchsuchen mußte. Die, die oberhalb der Erde praktische Philosophie treiben, wissen, daß dieses seltsame Abweichen vom zivilisierten Leben nur Ideen verwirklicht, die angegriffen, erörtert, bestritten und ins Lächerliche gezogen, zuweilen zum Teil geprüft und noch in phantastischen Büchern aufgestellt worden sind, nie aber zu einem praktischen Resultate geführt haben. Noch waren das nicht alle Schritte, die diese Gemeinde für eine theoretische Vollkommenheit getan hatte. Descartes hat den festen Glauben gehabt, daß des Menschen Leben verlängert werden könnte, natürlich nicht zu ewiger Dauer auf dieser Welt, aber bis zu einem patriarchalischen Alter von hundert bis hundertfünfzig Jahren im Durchschnitt, wie er es nannte. Selbst dieser Traum des Weisen war hier erfüllt, ja, mehr als erfüllt; denn die Kräfte des mittleren Alters erhielten sich über ein Jahrhundert.

Dieses lange Leben brachte noch einen größeren Segen mit sich, fortdauernde Gesundheit. Die Krankheiten, die diese Rasse befielen, wurden durch wissenschaftliche Anwendung jener lebenverleihenden wie lebenzerstörenden Kraft, die dem Vril eigen ist, mit Leichtigkeit beseitigt. Selbst diese Idee ist oberhalb der Erde nicht unbekannt. Sie taucht aber meist nur bei »Enthusiasten« und »Charlatanen« auf, und beschränkt sich auf die unklaren Begriffe von »Mesmerismus«, »Od« und dergleichen.

Über triviale Erfindungen wie Flügel, die man, wie jeder Schulknabe weiß, bereits in der vorgeschichtlichen Periode herzustellen versucht hat, die aber für mangelhaft befunden wurden, hinweggehend, komme ich zu der sehr zarten Frage, die in der letzten Zeit als notwendig für das volle Glücklichsein unseres Menschengeschlechtes aufgeworfen worden ist, zu den zwei beunruhigenden und wichtigsten Einflüssen auf die oberweltliche Gesellschaft, dem Frauengeschlechte und der Philosophie. Ich meine die Frauenrechte.

Nun haben selbst Rechtsgelehrte zugegeben, daß es unnütz sei, von Rechten zu reden, wo nicht entsprechende Kräfte da sind, sie geltend zu machen; und auf unserer Welt kann es als allgemeine Regel gelten, daß der Mann, gleichviel aus welchem Grunde, mit seiner körperlichen Kraft bei Gebrauch offensiver und defensiver Waffen, wenn es zu entschiedenen persönlichen Streitigkeiten kommt, die Frauen beherrscht. Aber bei diesem Volke kann kein Zweifel über die Frauenrechte sein, weil, wie ich bereits gesagt habe, die Gy in Bezug auf die physischen Kräfte größer und stärker ist als der An. Da sie einen festeren Willen hat und der Wille hauptsächlich zur Leitung der Vrilkraft notwendig ist, kann sie durch diese geheimnisvolle Kraft, die die Kunst den verborgenen Eigenschaften der Natur zu entlocken vermag, stärker auf ihn einwirken als er auf sie.

Darum ist alles, was unsere weiblichen Philosophen auf der Oberwelt als Frauenrechte aufstellen, den Gy-ei in dieser glücklichen Republik als naturgemäß zugestanden. Außer dieser physischen Überlegenheit hegen sie, wenigstens in ihrer Jugend, einen regeren Wunsch zum Lernen und Sichvervollkommnen, als ihn die Ana haben. Darum sind sie die Gelehrten, die Professoren, kurz, der gelehrte Teil der Gemeinde.

Wie ich bewiesen habe, betätigt die Frau dieses Staates ihr wertvollstes Vorrecht dadurch, daß sie bei einer Verbindung der wählende und werbende Teil ist. Ohne dieses Vorrecht würde sie alle anderen verschmähen. Dagegen würden wir auf der Oberwelt nicht mit Unrecht befürchten, daß ein Mädchen von solcher Macht und mit solchen Privilegien, nachdem es uns errungen und geheiratet hat, sehr herrschsüchtig und tyrannisch sein würde. Nicht so die Gy-ei. Sind sie erst verheiratet und haben sie die Flügel abgelegt, so sind sie liebenswürdige, sanfte, gefällige Genossinnen; ihre hohen Fähigkeiten passen sich den Studien ihrer Gatten an, die verhältnismäßig von kleinlicher Art sind. Kein Poet kann sich in seinen kühnsten Träumen das Glück der Ehe schöner vorstellen. Und schließlich, was besonders wichtig für die von unserer Menschheit so abweichende Charakteristik der Vril-ya ist und vor allem von höchster Bedeutung für ihr Leben und den Frieden ihres Gemeinwesens, das ist ihre allgemeine Übereinstimmung in dem Glauben an das Dasein einer barmherzigen, gütigen Gottheit und an eine zukünftige Welt. Sie erkennen, daß ein oder zwei Jahrhunderte zu kurze Augenblicke sind, um Gedanken an Ruhm, Macht und Ehrgeiz daran zu verschwenden. Und mit dieser Übereinstimmung verbindet sich noch eine andere. Sie fügen sich dem göttlichen GESETZE ein, vermeiden aber jede Spekulation und Streitigkeit in Fragen, die sie nicht zu lösen imstande sind, sondern halten immer an der Tatsache fest, daß GOTT die höchste Güte ist und daß ihnen in der zukünftigen Welt ein glückliches Dasein bevorstehe. Auf diese Weise sichert sich dieser Staat im Inneren der Erde, wo noch keine Gemeinde je das Sternenlicht erblickt hat, all den Segen und Trost einer Religion, ohne die Trübsale und Kümmernisse zu kennen, die durch Streitigkeiten zweier Religionsparteien entstehen.

Daher wäre es lächerlich, leugnen zu wollen, daß bei einer solchen Lage der Dinge dieser Staat der Vril-ya ungleich glücklicher ist als die Staaten unserer oberweltlichen Rasse. Es verwirklichen sich in ihm die kühnsten Träume unserer Philanthropen, und daher nähert er sich den poetischen Vorstellungen irgend eines engelgleichen Ordens. Und doch, wenn du tausend der besten und gelehrtesten menschlichen Wesen, die du in London, Paris, Berlin, New-York oder selbst in Boston finden kannst, nehmen und sie als Bürger in diese beseligende Gemeinde verpflanzen wolltest, ich glaube gewiß, daß sie in weniger als einem Jahre entweder vor Langweile sterben oder einen Aufruhr versuchen würden, um sich gegen das Wohl der Gemeinde aufzulehnen, und daß sie dabei auf Befehl des Tur zu Asche verbrannt würden.

Ich habe mit dieser Erzählung keineswegs die Absicht, die Rasse, der ich angehöre, zu beleidigen. Im Gegenteil, ich habe mich bemüht, zu beweisen, daß die Grundsätze, auf denen das Sozialsystem der Vril-ya beruht, es verhindert, einzelne hervorragende Menschen hervorzubringen, wie sie die Annalen der Oberwelt schmücken. Wo es keine Kriege gibt, da kann es keinen Hannibal, keinen Washington, keinen Jackson, keinen Sheridan geben. Wo Staaten so glücklich sind, daß sie keine Gefahr fürchten und keinen Wechsel wünschen, können sie keinem Demosthenes, keinem Webster, keinem Sumner, keinem Wendel Holmes oder Butler das Leben geben. Wo eine Gesellschaft moralisch eine Stellung erlangt hat, in der es keine Verbrechen, keine Sorgen gibt, so daß die Tragödie aus Mitleid und Betrübnis keine Nahrung ziehen kann, wo es keine hervorragenden Laster und Torheiten gibt, an denen die Komödie ihre heitere Satire ausläßt, da hat sie die Aussicht verloren, einen Shakspeare, einen Molière oder eine Mrs. Beecher-Stowe hervorzubringen. Es ist nicht meine Absicht, meine Mitmenschen auf der Erde dadurch zu schmähen, daß ich zeige, wie die Motive, die in einem Staate, wo Streit und Kampf herrschen, die Energie und den Ehrgeiz Einzelner anregen, in einem Staate einschlafen und verschwinden, der darnach strebt, sich die Ruhe und das Glück zu sichern, die nach unserer Meinung das Los der seligen Unsterblichen sind. Ich hege auch nicht den Wunsch, die Republiken der Vril-ya als die ideale Form eines politischen Staates hinzustellen, auf deren Erreichung unsere eigenen Reformbestrebungen gerichtet sein sollten. Im Gegenteil, unseren Beobachtungen nach, die wir Jahrhunderte hindurch gemacht haben, besteht der menschliche Charakter aus Elementen, die es vollständig unmöglich für uns machen, die Lebensweise der Vril-ya anzunehmen. Wir können unsere Leidenschaften ihrem Gedankengange nicht anpassen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß dieses Volk sich zu einer besonderen Gattung, mit der sich keine Gemeinde aus der Oberwelt verbinden kann, entwickelt hat, obgleich es ursprünglich nicht nur von unserer menschlichen Rasse, sondern, nach den Wurzeln seiner Sprache zu urteilen, sogar von denselben Vorfahren abstammt wie die große Aryanfamilie, von der die jetzige Zivilisation der Welt in verschiedenen Zweigen ausgegangen ist und seinen Sagen und seiner Geschichte nach Phasen der Gesellschaft durchschritten hat, die uns verwandt sind. Wenn dieses Volk je aus diesen unterirdischen Schluchten zum Tageslichte auftaucht, würde es, nach seiner eigenen traditionellen Überzeugung über seine letzte Bestimmung, unsere jetzigen verschiedenen Menschengattungen vernichten und ihre Stelle einnehmen. Da es jedoch mehr als eine Gy geben wird, die Neigung für einen so gewöhnlichen Typus unseres Geschlechtes, wie ich es bin, empfinden würde, darf man wohl annehmen, daß, selbst wenn die Vril-ya auf der Oberfläche erscheinen würden, wir durch eine Mischung der Rassen vor Ausrottung gerettet werden könnten. Aber das ist eine zu sanguinische Hoffnung. Beispiele einer solchen Mesalliance würden ebenso selten sein wie Mischehen von angelsächsischen Emigranten und roten Indianern. Ebensowenig würde uns zu diesem Zwecke Zeit zu einem vertrauteren Verkehre gelassen werden. Die Vril-ya würden bei ihrem Auftauchen von dem Reize eines sonnenhellen Himmels verlockt werden, sich oberhalb der Erde niederzulassen. Sie würden sofort ihr Werk der Zerstörung beginnen, würden die schon angebauten Gegenden in Beschlag nehmen und ohne Gewissensbisse alle Insassen, die diesem Eindringen Widerstand entgegensetzten, beseitigen. Und wenn ich bedenke, wie verächtlich sie über Einrichtungen des Koom-Posh oder der Volksherrschaft sprachen, und ich mir dazu die streitlustige Tapferkeit meiner geliebten Landsleute vorstelle, glaube ich, daß, wenn die Vril-ya zuerst im freien Amerika erschienen, das sie als den auserlesensten Teil der bewohnten Erde ohne Zweifel wählen würden, und sagten: »Diesen Erdteil nehmen wir; Bürger eines Koom-Posh, macht den Vril-ya Platz«, meine braven Landsleute einen Kampf beginnen würden und am Ende einer Woche keine Seele mehr von ihnen am Leben sein würde, um sich wieder um die Fahne zu sammeln.

Zee sah ich jetzt, außer bei den Mahlzeiten, wo sich die Familie zusammenfand, nur selten und auch dann war sie sehr zurückhaltend und schweigsam. Meine Furcht vor Gefahr vonseiten einer Liebe, die ich so wenig ermutigt oder verdient hatte, schwand daher allmählich, aber meine Niedergeschlagenheit vergrößerte sich dagegen. Ich sehnte mich zurück in die Oberwelt. Aber vergebens sann ich auf Mittel der Flucht. Da man mir nie erlaubte, allein umherzuwandern, so konnte ich selbst die Stelle nicht aufsuchen, wo ich herabgekommen war, um zu sehen, ob es möglich wäre, wieder in das Bergwerk hinaufzusteigen. Selbst in den stillen Stunden, während derer das ganze Haus in Schlummer lag, konnte ich mich nicht von der Höhe, in der mein Zimmer gelegen war, herablassen. Ich verstand nicht, dem Automaten zu befehlen, der meines Winkes spottend an der Wand stehen blieb, noch verstand ich mich auf die Federn, durch die die Platten, die die Stelle von Treppen ersetzten, in Bewegung gebracht wurden. Die Kenntnis, mich dieser Erfindung zu bedienen, hatte man mir absichtlich vorenthalten. O hätte ich nur gelernt die Flügel zu benutzen, deren sich jedes Kind so leicht zu bedienen verstand, so hätte ich aus dem Fenster entfliehen können, hätte die Felsen erreicht und wäre nach der Schlucht geflogen, deren steile Wände jeden menschlichen Fuß am Betreten derselben hinderten.

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