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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus Leipzig
correctorreuters@abc.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

»Das«, sagte ich, noch voll von dem eben Gesehenen, »das ist vermutlich die gewöhnliche Weise, Ihre Toten zu bestatten?«

»Unsere unveränderliche Weise«, erwiderte Aph-Lin. »Wie ist sie bei Ihnen?«

»Wir senken die Leiche ganz in die Erde.«

»Wie! Sie würdigen die Gestalt, die Sie geliebt und geehrt, das Weib, an dessen Brust Sie geruht haben, so weit herab, sie der Verwesung preiszugeben?«

»Was tut es, wenn die Seele wieder aufersteht, ob der Körper in der Erde zerfällt oder durch einen furchtbaren Mechanismus, ohne Zweifel durch die Kraft des Vril bearbeitet, in ein Häufchen Asche verwandelt wird?«

»Sie antworten sehr gut«, sagte mein Wirt; »es läßt sich über Gefühlssachen nicht streiten; aber mir erscheint Ihre Sitte schrecklich, widerwärtig und würde den Tod in meinen Augen mit etwas Düsterem und Entsetzlichem in Verbindung bringen. Meinem Gefühle nach hat es auch etwas für sich, wenn man das Wenige, was von unseren Verwandten und Freunden übrig geblieben ist, in den Räumen, die wir bewohnen, bewahren kann. Da fühlen wir mehr, daß sie noch fortleben, wenn auch für uns nicht sichtbar. Aber hier wie in allem richten sich unsere Empfindungen nach unseren Gewohnheiten, die nur nach den ernstesten Beratungen, denen feste Überzeugung folgt, geändert werden können. Erst dann hört der Wechsel auf, Veränderlichkeit zu sein, und wird, wenn einmal eingeführt, immer nur zum Besten sein.«

Als wir das Haus wieder erreicht hatten, rief Aph-Lin mehrere Kinder zu sich und sandte sie zu verschiedenen Freunden mit der Bitte um ihre Gegenwart bei einem Feste, das während der leichten Stunden seinem Verwandten zu Ehren, den der Allgütige zu sich gerufen hatte, stattfinden werde. Das war die größte und heiterste Gesellschaft, der ich während meines Aufenthaltes bei den Ana beiwohnte und die sich bis in die stillen Stunden ausdehnte.

Das Gastmahl wurde in einem großen Zimmer abgehalten, das ausschließlich für besondere Gelegenheiten reserviert war. Dieses Mahl wich von unseren Belustigungen ab und war nicht ohne eine gewisse Ähnlichkeit mit den Gastmählern, die in dem üppigen Zeitalter des römischen Kaiserreiches stattgefunden haben. Es war nicht eine große, sondern eine Menge kleiner Tafeln, eine jede für acht Gäste, gedeckt. Man ist hier der Meinung, daß bei einer größeren Anzahl die Unterhaltung ermüdet und die Freundschaft abkühlt. Die Ana lachen, wie ich schon früher bemerkt habe, nie laut, aber der muntere Klang ihrer Stimmen an den verschiedenen Tafeln war ein Zeichen heiterer Unterhaltung. Da sie keine aufregenden Getränke haben und, obgleich lecker und wählerisch, doch mäßig im Essen sind, dauerte das Mahl selbst nicht lange. Die Tafeln verschwanden durch den Fußboden und darauf folgten musikalische Unterhaltungen für die, die Gefallen an ihnen fanden. Viele jedoch entfernten sich. Einige der Jüngeren flogen auf, denn die Halle war unbedeckt, und führten Lufttänze auf, andere schlenderten durch die verschiedenen Gemächer, sahen sich die Seltenheiten an, mit denen sie geschmückt waren, oder es bildeten sich Gruppen zu verschiedenen Spielen. Das beliebteste war eine Art komplizierten Schachspiels, von acht Personen gespielt. Ich mischte mich unter die Menge, aber die beständige Begleitung eines der Söhne meines Wirtes, die lästige Fragen von mir fern halten sollten, verhinderte mich daran, teil an ihrer Unterhaltung zu nehmen. Die Gäste nahmen jedoch nur wenig Notiz von mir. Sie hatten mich so oft auf der Straße gesehen, daß sie sich an meinen Anblick gewöhnt hatten und ich ihre Neugier nicht mehr erregte.

Zu meiner größten Freude mied mich Zee und suchte sichtlich dadurch meine Eifersucht zu erregen, daß sie einem sehr hübschen jungen An ihre besondere Aufmerksamkeit schenkte. Obgleich er, wie es die bescheidene Art der Männer ist, wenn sie von Frauen und Mädchen angesprochen werden, mit niedergeschlagenen Augen und errötenden Wangen antwortete und schüchtern und befangen war, wie die jungen Damen der meisten zivilisierten Länder, England und Amerika ausgenommen, die zum ersten Male in die große Welt treten, war er scheinbar sehr entzückt von der stolzen Gy und wäre sicher bereit gewesen, ein verschämtes Ja zu stammeln, wenn sie ihm ihre Hand angeboten hätte. Sehnlichst wünschend, daß sie das tun möchte, und mehr und mehr von dem Gedanken entsetzt, in ein Häufchen Asche verwandelt zu werden, nachdem ich gesehen hatte, mit welcher Schnelligkeit ein menschlicher Körper zu Staub werden kann, amüsierte ich mich damit, die anderen jungen Leute zu beobachten. Ich hatte dabei die Befriedigung, zu bemerken, daß Zee nicht die einzige Verfechterin der wertvollsten Frauenrechte war. Wohin ich auch mein Auge wandte, wohin mein Ohr lauschte, es schien mir, daß die Gy die Werberin und der An schüchtern und zurückhaltend war.

Die hübsche unschuldige Miene, die ein An zur Schau trug, wenn ihm der Hof gemacht wurde, die Geschicklichkeit, mit der er eine jede direkte Antwort auf eine Liebeserklärung vermied oder die Art wie er schmeichelhafte Komplimente in Scherz umwandelte, würden der vollendetsten Kokette zur Ehre gereicht haben.

Meine beiden Begleiter waren diesen verführerischen Einflüssen sehr unterworfen und beide taten dabei ihrem Takte und ihrer Selbstbeherrschung Ehre an.

Ich sagte zu dem Älteren, der Mechanikerarbeit der Leitung eines großen Eigentumes vorzog und überhaupt sehr ernster Natur war: »Ich kann es kaum begreifen, wie Sie in ihrem Alter, bei dieser sinnberauschenden Musik, diesem Duft und Lichterglanz so kalt gegen diese leidenschaftliche Gy sein können, die Sie soeben mit Tränen in den Augen Ihrer Grausamkeit wegen verlassen hat.«

Seufzend antwortete der junge An: »Lieber Tish, das größte Unglück im Leben ist, eine Gy zu heiraten, wenn man eine andere liebt.«

»Ah, Sie lieben eine andere?«

»Leider, ja!«

»Und Sie erwidert Ihre Liebe nicht?«

»Ich weiß es nicht. Zuweilen läßt ein Blick, ein Wort mich es hoffen; aber nie hat sie mir direkt gesagt, daß sie mich liebt.«

»Haben Sie ihr nicht ins Ohr geflüstert, daß Sie sie lieben?«

»Pfui! Wie können Sie so etwas denken! Aus was für einer Welt kommen Sie? Wie könnte ich die Würde meines Geschlechtes so verraten? Wie könnte ich so un-anlich, so ehrvergessen sein, einer Gy meine Liebe zu gestehen, bevor sie mir die ihre gestanden hat?«

»Verzeihen Sie, ich wußte nicht, daß Sie die Bescheidenheit Ihres Geschlechtes so weit treiben. Sagt nie ein An zu einer Gy: ›Ich liebe Dich‹, bevor sie es zu ihm gesagt hat?«

»Behaupten kann ich das nicht; wenn das aber ein An jemals tut, ist er in den Augen der Ana entehrt und von den Gy-ei im Geheimen verachtet. Keine feingebildete Gy würde sich mit ihm befassen; in ihren Augen wäre er schamlos in die Rechte ihres Geschlechtes eingedrungen und hätte die Bescheidenheit seines eigenen beleidigt. Es ist sehr ärgerlich«, fuhr der An fort, »denn die, die ich liebe, hat keinem anderen den Hof gemacht; das gibt mir Grund zu glauben, daß sie mich liebt. Zuweilen habe ich sie im Verdacht, daß sie nicht um mich anhält, weil sie fürchtet, daß ich unvernünftige Anforderungen in Bezug auf die Abtretung ihrer Rechte stellen könnte. Wenn dem so ist, kann sie mich nicht wahrhaft lieben, da gibt sie alle Rechte auf.«

»Ist diese junge Gy hier zugegen?«

»O gewiß. Sie sitzt dort und plaudert mit meiner Mutter.«

Ich sah nach der gegebenen Richtung hin und bemerkte eine Gy in brennend rotem Kleid, bei diesem Volke ein Zeichen, daß eine Gy noch ledigen Stand vorzieht. Grau, eine neutrale Farbe, trägt sie, um damit zu sagen, daß sie sich nach einem Gatten umsieht, Dunkelrot, wenn sie kund tun will, daß sie eine Wahl getroffen, Purpurn und Orangegelb, wenn sie verlobt oder vermählt ist, Hellblau, wenn sie geschieden oder Witwe ist und sich wieder verheiraten will; doch diese Farbe wird nur selten gesehen.

Unter einem Volke, das an und für sich schön ist, ist es schwer, jemand ganz besonders Schönes herauszufinden. Die von meinem jungen Freund Erkorene stach durch ihr Äußeres nicht besonders hervor, aber es lag ein Ausdruck auf ihrem Gesichte, der mir besser gefiel als der der anderen jungen Gy-ei im Allgemeinen; sie sah weniger kühn, weniger selbstbewußt aus. Ich bemerkte, daß, während sie mit Bra sprach, sie von Zeit zu Zeit seitwärts nach meinem Freund hinblickte.

»Mut«, sagte ich, »diese junge Gy liebt Sie.«

»Was hilft mir ihre Liebe, wenn sie sie mir nicht gesteht?«

»Weiß Ihre Mutter von Ihrer Neigung?«

»Möglich. Ich gestand sie ihr nie. Es wäre unmännlich, einer Mutter eine solche Schwäche zugestehen. Ich hab es meinem Vater gesagt, er mag es seiner Frau wiedersagen.«

»Erlauben Sie mir, daß ich sie einen Augenblick verlasse und hinter Ihre Mutter und Ihre Geliebte trete? Ich bin überzeugt, sie sprechen von Ihnen. Zögern Sie nicht. Ich gebe Ihnen das Versprechen, mich, bis ich wieder bei Ihnen bin, keinerlei Fragen auszusetzen.«

Der junge An preßte die Hand aufs Herz, berührte leicht meine Stirn und erlaubte mir, ihn zu verlassen. Unbemerkt glitt ich hinter seine Mutter und seine Geliebte und hörte ihrem Gespräche zu.

Bra sprach gerade, sie meinte: »Darüber kann kein Zweifel sein, entweder wird mein Sohn, wo er das heiratsfähige Alter erreicht hat, von einer seiner vielen Verehrerinnen zur Ehe begehrt, oder er schließt sich denen an, die in die weite Ferne auswandern, und wir sehen ihn niemals wieder. Wenn Sie ihn wirklich lieb haben, meine liebe Lo, sollten Sie um seine Hand werben.«

»Ich liebe ihn, Bra aber ich zweifle, ob ich je seine Gegenliebe gewinnen werde. Er schwärmt für seine Erfindungen und Uhren, und ich bin nicht wie Zee; ich bin so unwissend, daß ich fürchte, nicht auf seine Lieblingsinteressen eingehen zu können, dann würde er meiner bald müde werden, und sich nach Ablauf von drei Jahren von mir trennen, und nie könnte ich einen anderen heiraten, nie!«

»Es ist nicht notwendig, sich auf Uhren zu verstehen, um zu wissen wie man sich dem Glücke eines Mannes unentbehrlich macht, der die Uhren so liebt, daß er sich um ihretwillen von seiner Gy trennen würde. Sie sehen, meine liebe Lo,« fuhr Bra fort, »daß wir, gerade weil wir das stärkere Geschlecht sind, das andere beherrschen, vorausgesetzt, daß wir ihm unsere Macht nie zeigen. Wenn Sie besser verständen als mein Sohn, Uhren und Automaten zu machen, würden Sie als seine Frau ihn immer glauben machen, daß Sie wähnen, ihm in dieser Kunst überlegen zu sein. Stillschweigend gesteht der An der Gy den Vorrang zu, außer in seinen eigenen speziellen Geschäften. Wenn sie ihm hierin entweder überlegen ist oder seinen Verbesserungen darin keine Bewunderung zollt, wird seine Liebe nicht von langer Dauer sein; vielleicht auch, daß er sich von ihr trennt. Aber wo eine Gy aufrichtig liebt, lernt sie auch bald das lieb gewinnen, was dem An wert ist.«

Die junge Gy erwiderte nichts auf diese Worte. Sinnend blickte sie vor sich nieder, dann spielte ein Lächeln um ihre Lippen, stillschweigend erhob sie sich, durchschritt die Menge und trat zu dem jungen An, der sie liebte. Ich folgte ihren Schritten, blieb aber diskret in einiger Entfernung stehen und beobachtete sie. Zu meiner Überraschung, bis ich mich der zurückhaltenden Art der Ana dieses Volkes erinnerte, bemerkte ich, daß der Liebende ihr Entgegenkommen mit anscheinender Gleichgültigkeit aufzunehmen schien. Ja, er ging sogar ein paar Schritte weiter, sie aber folgte ihm und kurze Zeit darauf breiteten beide ihre Flügel aus und verschwanden oben in dem hellen Räume.

In demselben Augenblicke trat der oberste Magistrat, der sich zwischen die Menge mischte, ohne durch Zeichen von Huldigungen oder Ehrerbietung aufzufallen, auf mich zu. Zufällig hatte ich diesen großen Würdenträger seit dem Tage, an dem ich sein Reich betreten hatte, nicht wiedergesehen. Als mich jetzt Aph-Lins Worte daran erinnerten, daß dieser Mann geschwankt hatte, ob ich zergliedert werden sollte oder nicht, da durchrieselte mich ein Schauder bei dem Anblicke dieses ruhigen Antlitzes.

»Ich höre durch meinen Sohn Taë viel von Ihnen, Fremdling.«, sagte der Tur und legte seine Hand höflich auf mein geneigtes Haupt; »er hängt sehr an Ihnen und ich hoffe, die Sitten unseres Volkes mißfallen Ihnen nicht.«

Ich murmelte eine unverständliche Antwort, die eine Versicherung meiner Dankbarkeit für die Güte, die der Tur mir hatte zu Teil werden lassen, und meiner Bewunderung seiner Landsleute ausdrücken sollte, aber im Geiste sah ich das Seziermesser vor meinen Augen blinken und das erstickte mir die Worte in der Kehle. Eine weichere Stimme sagte: »Der Freund meines Bruders muß auch mein Freund sein.« Und als ich aufblickte, sah ich eine junge Gy von ungefähr sechzehn Jahren, die neben dem Magistrat stand und mich mit wohlwollenden Blicken betrachtete. Noch hatte sie ihre volle Größe nicht erreicht. Sie war kaum größer als ich selbst, ungefähr fünf Fuß zehn Zoll, und dank dieser verhältnißmäßig kleinen Gestalt, war sie in meinen Augen die reizendste Gy, die ich bisher gesehen hatte. Etwas in meinem Blicke mußte ihr diesen Eindruck verraten haben, denn ihre Miene wurde noch gütiger.

»Wie Taë mir sagt,« fuhr sie fort, »haben Sie sich noch nicht daran gewöhnen können die Flügel zu benutzen. Das tut mir leid, gern hätte ich einen Ausflug mit Ihnen gemacht.«

»Ach«, erwiderte ich, »leider habe ich keine Hoffnung, dieses Glück zu genießen, denn wie mir Zee versicherte, ist die gefahrlose Benutzung der Flügel eine angeborene Gabe und es würde Jahrhunderte dauern, bevor einer meiner Rasse sich wie ein Vogel würde in den Lüften wiegen können.«

»Lassen Sie sich das nicht so sehr zu Herzen gehen,« erwiderte diese liebenswürdige Prinzessin; »es muß auch der Tag kommen, wo Zee und ich selbst für immer auf unsere Flügel verzichten müssen. Vielleicht werden wir, wenn dieser Tag kommt, froh sein, wenn der An unserer Wahl auch ohne Flügel ist.«

Der Tur hatte uns verlassen und sich zwischen der Menge verloren. Ich fing an mich in der Unterhaltung mit Taës reizender Schwester wohl zu fühlen, und sie stutzte ein wenig über die Kühnheit meines Komplimentes, als ich ihr entgegnete, daß kein An, der sie erwählen werde, seine Schwingen je dazu benutzen würde, um zu entfliegen. Es ist so gegen die dortige Sitte, daß kein An einer Gy höfliche Worte sagt, bis sie ihm ihre Liebe erklärt und ihn als ihren Verlobten angenommen hat, daß das junge Mädchen für einen Augenblick verblüfft dastand. Nichtsdestoweniger schien sie nicht unangenehm berührt davon zu sein. Bald hatte sie sich von ihrem Erstaunen erholt und forderte mich auf, sie in eines der weniger belebten Zimmer zu begleiten und dort dem Gesange der Vögel zu lauschen. Ich folgte ihr. Sie schritt mir voran in ein fast leeres Zimmer. In der Mitte desselben spielte eine Naphthafontaine, ringsherum reihten sich weiche Divans. Auf der einen Seite des Zimmers war die Wand offen und führte in ein Vogelhaus, in dem Vögel ihre kunstvollen Chöre sangen. Die Gy setzte sich auf einen der Divans, und ich nahm neben ihr Platz. »Taë sagte mir«, hob sie an, »daß Aph-Lin es in seinem Hause zum GesetzeWörtlich: Hat gesagt: In diesem Hause wird verlangt. gemacht hat, Niemand solle Sie über das Land, aus dem Sie kommen, oder über den Grund, weshalb Sie bei uns sind, befragen. Ist dem so?«

»Ja, so ist's.«

»Darf ich wenigstens, ohne gegen dieses Gesetz zu sündigen, fragen, ob die Gy-ei in Ihrem Lande dieselbe matte Gesichtsfarbe haben wie Sie und ob sie nicht größer sind?«

»Ich glaube nicht, schöne Gy, daß ich das Gesetz Aph-Lins überschritte, das mich mehr als jeden anderen bindet, wenn ich so unschuldige Fragen beantworte. Die Gy-ei in meinem Lande haben eine viel schönere Gesichtsfarbe als ich und ihre gewöhnliche Größe ist mindestens um einen Kopf kleiner als die meinige.«

»Da können sie aber auch nicht so stark sein als die Ana bei Ihnen? Vermutlich gleicht ihre überlegene Vrilkraft den ungewöhnlichen Nachteil in der Größe wieder aus?«

»Sie besitzen keine Vrilkraft, wie Sie sie kennen; doch auch in unserem Lande sind sie sehr mächtig, und ein An hat wenig Hoffnung auf ein glückliches Leben, wenn er sich nicht mehr oder minder von seiner Gy beherrschen läßt.«

»Sie sprechen aus dem Herzen,« entgegnete Taës Schwester in einem halb traurigen, halb mutwilligen Tone. »Sie sind natürlich verheiratet?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Auch nicht verlobt?«

»Auch nicht verlobt.«

»Ist es möglich, daß keine Gy um Sie geworben hat?«

»In meinem Lande wirbt nicht die Gy, da spricht der An zuerst.«

»Welch eine sonderbare Verkehrung der Natur«, sagte sie, »und welch ein Mangel an Bescheidenheit bei Ihrem Geschlechte. Aber Sie haben nie um eine Gy angehalten, nie eine lieber gehabt als die anderen?«

Ich geriet bei dieser ungenierten Frage in Verlegenheit und sagte: »Verzeihen Sie, aber ich glaube, wir fangen an Aph-Lins Gebot zu übertreten. Nur das Eine will ich Ihnen als Antwort sagen, aber dann bitte ich, mich nicht weiter zu fragen. Einst gab ich einer den Vorzug, ich hielt um ihre Hand an, und die Gy würde gern ihr Jawort gegeben haben, aber ihre Eltern versagten ihre Einwilligung.«

»Ihre Eltern! Wollen Sie damit im Ernste sagen, daß Eltern sich in die Heiratsangelegenheiten ihrer Töchter mischen können?«

»Gewiß können sie das und sie tun es sogar sehr oft.«

»In dem Land möchte ich nicht leben«, entgegnete die Gy einfach; »aber ich hoffe, Sie gehen nicht wieder dahin zurück.«

Schweigend senkte ich den Kopf. Sanft hob die Gy mein Gesicht mit ihrer Rechten und blickte mich zärtlich an. »Bleiben Sie bei uns«, sagte sie, »bleiben Sie bei uns und lassen Sie sich lieben.«

Noch zittere ich, wenn ich daran denke, was ich hätte antworten können, welchen Gefahren, zu Staub verwandelt zu werden, ich mich ausgesetzt hätte, als das Licht der Naphthafontaine durch den Schatten von Flügeln verdunkelt wurde, Zee durch das offene Dach geflogen kam und sich neben uns niederließ. Sie sprach kein Wort, aber erfaßte mit ihrer großen Hand meinen Arm, zog mich mit sich fort wie eine Mutter ihr unartiges Kind und führte mich durch eine Reihe von Gemächern nach einem der Korridore, von dem aus wir durch den Mechanismus, den sie gewöhnlich Treppen vorziehen, in mein eigenes Zimmer gelangte. Als wir dieses erreicht hatten, hauchte Zee auf meine Stirn, berührte meine Brust mit ihrem Stabe und augenblicklich versank ich in einen tiefen Schlaf.

Als ich nach einigen Stunden erwachte und den Gesang der Vögel in dem anstoßenden Vogelhause hörte, da kehrte die Erinnerung an Taës Schwester, an ihre sanften Blicke und zärtlichen Worte lebhaft zurück. Es ist unmöglich für jemand, der in den höheren Ständen unserer Oberwelt geboren und erzogen worden ist, sich von allen Gedanken, die von Ehrgeiz und Eitelkeit diktiert sind, loszumachen, daß ich bald ganz instinktmäßig stolze Luftschlösser baute. »Das ist klar«, dachte ich bei mir, »daß, obgleich ich ein Tish bin, Zee nicht die einzige Gy ist, die von meinem Äußeren gefesselt ist. Offenbar liebt mich eine Prinzessin, das erste junge Mädchen des Landes, die Tochter des Alleinherrschers, dessen Autorität sie vergeblich unter dem republikanischen Titel oberster Magistrat zu verbergen suchen. Ohne das plötzliche Dazwischenkommen dieser furchtbaren Zee würde diese königliche junge Dame mir in aller Form ihre Hand angetragen haben; und wenn auch Aph-Lin, der nur ein untergeordneter Minister, nur der Beleuchtungsverwalter ist, ganz recht getan haben mag, mir mit Vernichtung zu drohen, wenn ich seiner Tochter Hand annähme, so könnte doch ein Herrscher, dessen Wort Gesetz ist, die Gemeinde zwingen, einen Brauch aufzuheben, der eine Verbindung mit einem aus einer fremden Rasse verbietet, ein Brauch, der schon in sich ein Widerspruch ihrer gerühmten Gleichheit im Range ist.

Es läßt sich nicht annehmen, daß seine Tochter, die mit so ungläubigem Hohne über das Einmischen der Eltern sprach, nicht so viel Einfluß auf ihren königlichen Vater haben sollte, um mich vor dem Verbrennen, wozu Aph-Lin mich verdammen würde, zu retten. Und wenn ich durch eine solche Verbindung erhöht würde, wer weiß, ob mich der Monarch nicht zu seinem Nachfolger erwählte. Und warum nicht? Wenige unter diesem indolenten Philosophengeschlechte lieben die Last solcher Größe. Vielleicht sähen es alle gerne, wenn die höchste Macht in die Hände eines völlig Fremden gelegt würde, der die verschiedenen Sitten und Gebräuche anderer Länder kennt. Und welche Änderungen würde ich treffen, wenn ich erst einmal gewählt wäre! Wie viel mehr Abwechslung würde meine Bekanntschaft mit den zivilisierten Nationen der Oberwelt in das wohl angenehme, aber gar zu einförmige Leben dieses Reiches bringen! Ich schwärme für die Jagd. Ist nicht nächst dem Kriege die Jagd eines Königs Zeitvertreib? Welchen Reichtum an dem verschiedensten fremdartigen Wilde besitzt diese Unterwelt! Wie interessant, Tiere schießen zu können, die man auf der Oberwelt vor der Sintflut kannte! Aber wie? Mit diesem furchtbaren Vril, den ich aus Mangel an angeborener Fähigkeit niemals zu benutzen lernen würde? Nein, aber mit einem bequemen Hinterlader, den diese geschickten Mechaniker nicht nur werden machen, sondern ohne Zweifel auch werden verbessern können. Ja, ich erinnerte mich, einen im Museum gesehen zu haben. Den Vril würde ich als unumschränkter König ganz abschaffen, außer in Kriegszeiten. Apropos, vom Kriege! Es ist ganz unvernünftig, ein so intelligentes, ein so reiches und so gut bewaffnetes Volk auf eine so kleine Bodenfläche, die für zehn- bis zwölftausend Familien hinreichend sein mag, zu beschränken. Ist diese Einschränkung nicht eine bloße philosophische Grille, die mit dem Streben der menschlichen Natur in Widerspruch steht, ähnlich wie sie von dem verstorbenen Robert Owen auf der Oberwelt versucht wurde, aber gänzlich fehlgeschlagen ist? Natürlich würde man nicht gegen einen Nachbarstaat in den Krieg ziehen, dessen Heer ebenso gut bewaffnet ist wie unsere eigenen Leute; aber wie wäre es mit den Regionen, die von Rassen bewohnt sind, denen Vril unbekannt ist und die in ihren demokratischen Einrichtungen anscheinend meinen amerikanischen Landsleuten ähnlich zu sein scheinen? Bei ihnen könnte man, ohne unsere Verbündeten, die Vril-Nationen, zu beleidigen, eindringen, sich ihres Gebietes bemächtigen, die untere Welt dadurch vielleicht bis in die fernsten Regionen ausdehnen und so über ein Reich herrschen, in dem die Sonne niemals untergeht. (Ich vergaß in meiner Begeisterung, daß in jenen unterirdischen Regionen überhaupt keine Sonne schien, die untergehen konnte.) Was den phantastischen Begriff anbelangt, daß keiner hervorragenden Persönlichkeit Ruhm und hohe Ehren eingeräumt werden dürften, weil durch Streben nach Ehrenbezeigungen Streitigkeiten erzeugt, böse Leidenschaften angespornt und das Glück des Friedens zerstört werden würde, so steht er nicht nur mit dem Triebe der Menschen in Widerspruch, sondern auch mit denen der Tiere, die, wenn bezähmbar, das Gefühl des Lobes und des Strebens mit den Menschen teilen. Welch ein Ruhm würde einem König zufallen, der sein Reich so vergrößerte! Man würde mich für einen Halbgott ansehen!«

Als ich nun in meinem Fanatismus überlegte, wie ich dieses Leben nach einem anderen regeln könnte, das wir Christen für das einzig richtige halten, aber nie einer näheren Prüfung unterworfen haben, sah ich ein, daß unsere aufgeklärte Philosophie mich zwang, eine unchristliche Religion abzuschaffen, deren Aberglauben in so großem Widerspruche mit unseren modernen Ansichten und praktischen Ausübungen stand.

Als ich über diese verschiedenen Projekte nachsann, fühlte ich, wie gern ich meine geistigen Kräfte in dem Augenblicke mit einem Glas Whisky mit Wasser angefeuert hätte. Nicht, daß ich für gewöhnlich ein großer Liebhaber geistiger Getränke gewesen wäre, aber es gibt Zeiten, wo ein derartiger kleiner Sporn alkoholischen Geistes und eine Zigarre die Einbildungskraft beleben. Ja, sicher konnte man aus diesen Kräutern und Früchten einen Saft ziehen, aus dem ein angenehmes weinartiges Getränk zu bereiten wäre; und das genossen mit einem Stücke, aus einem dieser Elentiere geschnitten – diese Beleidigung der Wissenschaft, Fleisch, die unsere ersten Mediziner einstimmig als notwendig für die Konstitution des Menschen ansehen, als Nahrungsstoff zu verwerfen! – Welch fröhliche Stunde könnte man so beim Mittagsmahle verbringen! Wenn ich erst König bin, werde ich auch statt dieser altertümlichen von Kindern gespielten Dramen, unsere neuen Opern und ein corps de ballet einführen, für das man unter den Nationen, die ich erobern werde, junge Mädchen finden wird, die nicht so kolossal wie die Gy-ei, nicht mit Vril bewaffnet sind und nicht wie diese darauf bestehen, daß man sie heirate.

Ich war so vollständig in diese und ähnliche politische, soziale und moralische Reformen vertieft, die darauf berechnet waren, dem Volke der Unterwelt den Segen einer Zivilisation zu erteilen, wie sie das Geschlecht der Oberwelt kennt, daß ich nicht eher bemerkte, daß Zee das Zimmer betreten hatte, bis ich einen tiefen Seufzer vernahm und, als ich die Augen aufschlug, sie an meinem Lager stehen sah.

Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß eine Gy, den Sitten dieses Volkes gemäß, ohne daß es für unanständig angesehen wird, einen An in seinem Zimmer besuchen kann, obgleich man einen An für im höchsten Grade dreist und unbescheiden halten würde, wenn er das Zimmer einer Gy beträte, ohne vorher ihre besondere Erlaubnis dazu erhalten zu haben. Glücklicherweise war ich noch in der vollständigen Bekleidung, in der mich Zee auf dieses Lager niedergelegt hatte. Nichtsdestoweniger war ich über ihren Besuch sehr ärgerlich und zugleich bestürzt und fragte sie in barschem Tone, was sie wünsche.

»Sprechen Sie sanft, mein Geliebter, ich bitte Sie«, sagte sie, »denn ich bin sehr unglücklich. Ich habe nicht geschlafen, seit wir uns voneinander trennten.«

»Wohl will ich glauben, daß ein ruhiges Nachdenken über Ihr unanständiges Betragen gegen mich, als den Gast Ihres Vaters, hinreicht, den Schlaf von Ihren Augen zu bannen. Wo war die Liebe, die Sie, wie Sie sagen, für mich hegen, wo war selbst die Höflichkeit, auf die die Vril-ya so stolz sind, als Sie, Vorteile ziehend sowohl aus den physischen Kräften, in denen hier in diesen seltsamen Regionen Ihr Geschlecht dem unserigen überlegen ist, wie auch aus jenen verächtlichen und unheiligen Mächten, die die Kraft des Vril Ihren Augen und Fingerspitzen verleiht, als Sie mich vor allen Gästen, vor Ihrer königlichen Hoheit, ich meine die Tochter Ihres eigenen obersten Magistrates, der Demütigung aussetzten, mich wie ein ungezogenes Kind fort zu Bett zu tragen und mich, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen, in Schlaf zu versenken?«

»Undankbarer! Werfen Sie mir die Beweise meiner Liebe vor? Können Sie glauben, daß ich gleichgültig sein könnte für die Gefahren, denen die verwegenen Eröffnungen dieses einfältigen jungen Kindes Sie aussetzen, selbst wenn mich nicht die Eifersucht dazu triebe, die immer die Liebe begleitet, bis sie vor einem seligen Vertrauen schwindet, wenn das Herz, nach dem wir uns gesehnt haben, gewonnen ist.«

»Halt! Da Sie selbst das Gespräch darauf führen, darf ich mir wohl erlauben, Ihnen zu sagen, daß mir die größte Gefahr von Ihnen selbst droht oder wenigstens drohen würde, wenn ich an Ihre Liebe glaubte und Ihren Werbungen Gehör schenkte. Ihr Vater hat mir offen gesagt, daß ich in diesem Falle zu Asche verbrannt würde, mit so wenig Erbarmen, als ob ich das Ungetüm wäre, das Taë mit einem Blitze aus seinem Stabe in Staub verwandelt hat.«

»Lassen Sie in dieser Furcht nicht Ihr Herz gegen mich erkalten!« rief sie aus, sank auf die Kniee und ihre große Hand erfaßte meine Rechte. »Ja, es ist wahr, daß wir zwei uns nicht angehören können wie die aus derselben Rasse; es ist wahr, daß die Liebe zwischen uns rein sein muß wie die, die nach unserem Glauben zwischen Liebenden besteht, die sich in dem neuen Leben jenseits der Grenze wo das alte endigt, vereinigen. Ist es nicht genug des Glückes, beisammen, im Geist und Herzen verbunden zu sein? Hören Sie! Soeben komme ich von meinem Vater. Er willigt unter dieser Bedingung in unsere Verbindung. Ich habe genügend Einfluß im Colleg der Weisen, mich ihres Gesuches an den Tur zu versichern, daß er der freien Wahl einer Gy nichts in den Weg lege, vorausgesetzt, daß ihre Verbindung mit einem aus einer anderen Rasse nur eine Verbindung der Seelen sei. O glauben Sie, daß wahre Liebe einer unedlen Vereinigung bedarf? Ich strebe nicht nur darnach, dieses Leben an Ihrer Seite zuzubringen, Ihre Freuden und Leiden hienieden mit Ihnen zu teilen, ich fordere ein Band, das uns auf ewig in der Welt der Unsterblichen miteinander verbinden wird. Verstoßen Sie mich?«

Kniend sprach sie diese Worte, und der Ausdruck ihrer Züge nahm einen ganz anderen Charakter an; aller Ernst wich von ihrem Antlitz. Ein göttlicher unsterblicher Strahl leuchtete aus dieser menschlichen Schönheit. Aber sie flößte mir eher Ehrfurcht wie vor einem Engel ein, als daß sie mich als Weib gerührt hätte. Nachdem ich einen Augenblick verlegen geschwiegen hatte, stammelte ich ausweichend ein paar Worte der Dankbarkeit und suchte so zart, als ich vermochte, hervorzuheben, welch demütigende Stellung ich unter ihrer Rasse als ein Gatte einnehmen würde, dem nie der Name Vater erlaubt wäre.

»Aber«, sagte Zee, »diese Gemeinde bildet nicht die ganze Welt. Um Deinetwillen will ich auf mein Land und auf mein Volk verzichten. Wir wollen in irgend eine Region fliehen, wo du sicher bist. Ich bin stark genug, um Dich auf meinen Flügeln durch die Wüsten, die wir auf unserem Wege durchziehen müssen, tragen zu können. Ich bin geschickt genug, um Felsen spalten zu können, damit wir uns in ihren Schluchten eine Heimat gründen. Einsamkeit und eine Hütte mit Dir ist für mich Gesellschaft und das Weltall. Oder willst Du zurückkehren in Deine eigene Welt, die unbestimmten Witterungen ausgesetzt ist und nur von veränderlichen Himmelskörpern, die Deiner Beschreibung nach den unbeständigen Charakter jener wilden Regionen verursachen, erleuchtet wird? Wenn dem so ist, so sprich ein Wort, und ich will den Weg zu Deiner Rückkehr erzwingen und dort Deine Genossin sein, wenn auch dort wie hier nur Gefährtin Deiner Seele und ich will Dich begleiten in jene Welt, wo es keine Trennung, keinen Tod gibt.«

Ich war tief ergriffen von dieser reinen und zugleich leidenschaftlichen Zärtlichkeit, mit der diese Worte gesprochen wurden, und der Stimme, die den rauhesten Tönen in der rohesten Sprache einen sanften Klang verliehen hätte. Für einen Augenblick hatte ich den Gedanken, daß ich Zees Macht benutzen wollte, um rasch und gefahrlos in die Oberwelt zurückkehren zu können. Aber ein kurze Zeit der Überlegung genügte, um mir zu sagen, wie niedrig und ehrlos es von mir wäre, eine so tiefe Ergebung damit zu vergelten, daß ich eine Gy von ihrem Volke und einer Heimat fortlocken wollte, in der man mich so gastfreundlich aufgenommen hatte. Unsere Welt mußte ihrem Wesen zuwider sein, und, um ihrer geistigen Liebe willen, konnte ich mich nicht entschließen, auf eine menschliche, die nicht so hoch über meinem sündigen Selbste stand, zu verzichten. Mit diesem Pflichtgefühle gegen die Gy verband sich noch ein anderes gegen die ganze Rasse, der ich angehörte. Konnte ich wagen, ein Wesen in die Oberwelt einzuführen, das so furchtbare Gaben besaß, ein Wesen, das mit einer einzigen Bewegung seines Stabes in weniger als einer Stunde New-York und seine glorreichen Koom-Posh in ein Häufchen Asche umzuwandeln vermochte? Beraubte man sie des einen Stabes, würde sie mit ihren Kenntnissen leicht einen anderen angefertigt haben, denn von der Kraft der tödlichen Blitze, mit der diese zarte Maschine geladen war, war ihr ganzes Sein durchdrungen. Konnte sie, die Städten und Völkern der oberen Welt so gefährlich war, mir eine sichere Gefährtin sein, im Falle ihre Liebe einen Wechsel erleiden oder durch Eifersucht verbittert werden sollte? Diese Gedanken, die sich in wenigen Worten schwer ausdrücken lassen, schossen mir rasch durch den Kopf und entschieden meine Antwort.

»Zee«, sagte ich in dem sanftesten Tone, den ich anzuschlagen vermochte, und preßte meine Lippen ehrfurchtsvoll auf die Hand, in der die meinige verschwand, »Zee, ich kann keine Worte finden, um zu sagen, wie tief ich gerührt bin und wie hochgeehrt ich mich durch eine so uneigennützige und aufopfernde Liebe fühle. Ich kann sie nicht besser erwidern als durch volle Aufrichtigkeit. Jede Nation hat ihre Sitten und Gebräuche. Der Brauch der Ihrigen gestattet Ihnen nicht, sich mit mir zu vermählen; ebenso widersetzen sich die Sitten meiner Nation einer Verbindung zweier so ganz verschiedener Rassen. Andererseits kann ich, obgleich es mir bei meinem eigenen Volke oder in mir bekannten Gefahren nicht an Mut gebricht, nicht ohne einen Schauder des Entsetzens daran denken, mir ein bräutliches Daheim im Herzen einer Einöde zu bauen. Von allen Elementen der Natur, Feuer, Wasser und mephitischen Gasen, die in stetem Kampfe miteinander sind, umgeben zu sein, mit dem Bewußtsein, daß, während Sie damit beschäftigt sind, Felsen zu spalten oder Vril in die Lampen zu leiten, ich von einem Krek, den Sie durch Ihre Arbeiten aus seinem Schlupfwinkel aufgescheucht haben; verschlungen werden kann. Ich, nur ein Tish, verdiene nicht die Liebe einer so schönen, so gelehrten und mächtigen Gy wie Sie es sind. Ja, ich verdiene eine solche Liebe nicht, denn ich kann sie nicht erwidern.«

Zee ließ meine Hand los, erhob sich aus ihrer knienden Stellung und wandte das Gesicht ab, um ihre Bewegung zu verbergen, dann glitt sie geräuschlos aus dem Zimmer, auf der Türschwelle blieb sie stehen. Plötzlich, wie von einem neuen Gedanken bewegt, kehrte sie wieder zu mir zurück und sagte in flüsterndem Tone:

»Sie sagten mir, Sie wollten ganz offen reden. So beantworten Sie mir denn aufrichtig diese eine Frage. Wenn Sie mich nicht lieben können, so lieben Sie eine andere?«

»Nein, wahrlich nicht.«

»Sie lieben Taës Schwester nicht?«

»Ich sah sie gestern abend zum ersten male.«

»Das ist keine Antwort. Die Liebe ist rascher als der Vril. Sie zögern es mir zu sagen. Glauben Sie nicht, daß Eifersucht allein mich veranlaßt, Sie zu warnen. Wenn des Turs Tochter Ihnen ihre Liebe erklärt, wenn sie in ihrer Unwissenheit ihrem Vater gegenüber eine Neigung erwähnt, die ihn in seinem Glauben bestätigt, daß sie um Sie werben will, dann bleibt ihm keine Wahl, als Ihren augenblicklichen Tod zu fordern, da ihm besonders die Pflicht obliegt, das Wohl der Gemeinde im Auge zu haben. Er kann es nicht gestatten, daß sich eine Tochter der Vril-ya mit einem Sohne der Tish-a verbindet, es sei denn, daß sich diese Vermählung nur auf eine Vereinigung der Seelen beschränkt. Ach, für Sie gäbe es dann kein Entkommen! Sie hat nicht Kraft genug, Sie auf ihren Flügeln durch die Lüfte zu tragen; ihre Kenntnisse reichen nicht hin, eine Heimat in der Wildnis zu schaffen. Glauben Sie mir, hier schweigt meine Eifersucht und nur meine Freundschaft spricht.«

Mit diesen Worten verließ mich Zee. Und als ich sie mir in die Erinnerung rief, da dachte ich weder daran, den Thron der Vril-ya zu besteigen, noch an die politischen, sozialen und moralischen Reformen, die ich als Alleinherrscher einführen würde.

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