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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus Leipzig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectidc8e2d65f
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie der Leser bemerkt haben wird, begünstigte Aph-Lin einen allgemeinen, ungezwungenen Verkehr meinerseits mit seinen Landsleuten keineswegs. Obgleich er sich auf mein Versprechen, mich aller Mitteilungen über die Welt von der ich kam, zu enthalten, und mehr noch sich auf das Versprechen derer verließ, von denen er gefordert hatte, mich nicht zu fragen, war er doch nicht sicher, ob ich, wenn es mir gestattet war, mit Fremden, deren Neugier mein Anblick erregt hatte, zu verkehren, mich genügend vor ihren Fragen würde wahren können.

Darum ließ man mich nie allein ausgehen. Es begleitete mich immer jemand von der Familie meines Wirtes oder mein jugendlicher Freund Taë. Bra, Aph-Lins Gemahlin, verließ selten die Gärten, die das Haus umgaben, und las sehr gern die romantischen und abenteuerlichen Werke alter Literatur. In den Werken neuer Jahrhunderte findet man nichts Derartiges. Sie führten ihr Bilder aus einem Leben vor, das ihr fremd war und ihre Vorstellungskraft anregte; Bilder aus einem Leben, das dem ähnelte wie wir es täglich auf der Erde führen, das durch Sorgen, Sünden und Leidenschaften belebt wird. Diese Bilder waren ihr das, was uns die Erzählungen von »Tausend und eine Nacht« sind. Aber ihre Liebe zum Lesen hielt Bra nicht davon zurück, auch ihre Pflichten als Herrin des größten Haushaltes in der Stadt nachzukommen. Täglich machte sie die Runde durch die Zimmer und sah nach, ob die Automaten und andere mechanische Bequemlichkeiten in Ordnung wären, ob die zahlreichen Kinder, die Aph-Lin sowohl für seinen Haushalt wie auch zu öffentlichen Zwecken beschäftigte, sorgfältig überwacht würden. Sie sah auch die Rechnungen des ganzen Hauswesens durch, und es war ihr größtes Vergnügen, ihrem Gemahl bei den Geschäften, die sein Amt als Hauptverwalter der Beleuchtungsangelegenheiten mit sich brachte, zu unterstützen. All diese Beschäftigungen fesselten sie an ihr Haus. Ihre zwei Söhne vollendeten ihre Erziehung im Colleg der Weisen. Der ältere, der eine große Leidenschaft für Maschinen hatte, und zwar ganz besonders für die Maschinenwerke der Uhren und Automaten, war entschlossen, sich diesem Studium ganz zu widmen, und er beschäftigte sich jetzt damit, einen Laden oder ein Warenhaus zu bauen, in dem er seine Erfindungen ausstellen und verkaufen könnte. Der jüngere Sohn zog Ackerbau und landwirtschaftliche Beschäftigungen vor, und, war er nicht im Colleg, wo er den Ackerbau theoretisch studierte, so gab er sich auf seines Vaters Besitzung der praktischen Anwendung seiner Wissenschaft hin. Hieraus kann man ersehen, welche Gleichheit im Rang bei diesem Volke herrscht. Ein Krämer steht ebenso geachtet da wie der Besitzer eines großen Landsitzes. Aph-Lin war das reichste Mitglied der Gemeinde, und doch zog es sein ältester Sohn jeder anderen Beschäftigung vor, einen Laden zu halten; niemand sah in dieser Wahl irgend einen Mangel an geistigen Fähigkeiten.

Dieser junge Mann hatte meine Uhr, deren Werk ihm neu war, mit größtem Interesse betrachtet und war hocherfreut, als ich sie ihm schenkte. Kurz darauf revanchierte er sich mit einer Uhr eigener Konstruktion, die sowohl die Zeit der meinigen als die, die die Vril-ya führen, anzeigte. Ich besitze diese Uhr noch jetzt; sie hat die Bewunderung der bedeutendsten Uhrmacher in London sowohl wie in Paris erregt. Sie ist von Gold mit diamantenen Zeigern und Ziffern, und beim Schlagen der Stunde spielt sie eine Lieblingsmelodie der Vril-ya; man braucht sie nur alle zehn Monate aufzuziehen, und seit ich sie besitze ist sie noch nie falsch gegangen.

Diese zwei Brüder waren meine Gesellschafter. Ging ich aus, so begleitete mich mein Wirt oder seine Tochter. Den ehrenwerten Beschlüssen gemäß, die ich gefaßt hatte, fing ich an, mich zu entschuldigen, wenn Zee mich aufforderte, allein mit ihr auszugehen, und benutzte die Gelegenheit, als diese gelehrte Gy eine Vorlesung im Colleg der Weisen hielt, Aph-Lin zu bitten, mir seinen Landsitz zu zeigen. Da er ein wenig entfernt lag, Aph-Lin nicht gerne ging, und ich alle Versuche zum Fliegen aufgegeben hatte, so fuhren wir in einem der Luftschiffe meines Wirtes unserem Ziele zu.

Ein Kind von acht Jahren war unser Führer. Mein Wirt und ich lehnten uns in die Kissen zurück; ich fand die Bewegung sehr angenehm und behaglich.

»Aph-Lin«, hob ich an, »ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, wenn ich Sie um die Erlaubnis bitte, auf eine kurze Zeit verreisen zu dürfen, um andere Stämme und Gemeinden Ihrer erhabenen Rasse zu besuchen. Ich möchte auch gern jene Nationen sehen, die Ihren Einrichtungen nicht folgen und die Sie als Wilde ansehen. Eben so sehr würde es mich interessieren, die Unterschiede zwischen diesen und den Rassen, die wir in der Oberwelt für zivilisierte halten, festzustellen.«

»Es ist ganz unmöglich, daß Sie allein dahin gehen könnten«, antwortete Aph-Lin. »Selbst unter den Vril-ya würden Sie großen Gefahren ausgesetzt sein. Gewisse Abweichungen in Körperbildung und Farbe und die seltsame Erscheinung dieser Haarbüschel auf Ihren Backen und Ihrem Kinn, die in Ihnen eine sowohl unserer eigenen wie jeder bekannten, noch so entfernten wilden Rasse fremde Abstammung erkennen läßt, würden sicher die besondere Aufmerksamkeit des Collegs der Weisen, gleichviel in welcher Gemeinde der Vril-ya, die Sie besuchten, auf sich ziehen, und es würde ganz von dem persönlichen Willen irgend eines Weisen abhängen, ob man Sie, wie hier bei uns, gastfreundlich aufnehmen oder Sie statt dessen sofort zu wissenschaftlichen Zwecken zergliedern würde. Wissen Sie, daß, als der Tur Sie zuerst in seinem Hause aufnahm, und während Sie dort durch Taë in Schlaf gesenkt wurden, um sich von Ihrem Schmerze und Ihrer Erschöpfung zu erholen, die Weisen, die der Tur herbeigerufen hatte, verschiedener Meinung waren, ob Sie ein harmloses oder ein schädliches Tier seien? Während Ihres bewußtlosen Zustandes wurden Ihre Zähne untersucht, und diese bewiesen deutlich, daß Sie nicht allein grasfressend, sondern auch fleischfressend waren. Fleischfressende Tiere in Ihrer Größe werden immer für gefährlich und wild angesehen und getötet. Unsere Zähne sind, wie Sie ohne Zweifel bemerkt haben werden,Ich habe nie darauf geachtet; ich bin auch nicht Physiolog genug, daß ich, selbst wenn ich darauf geachtet hätte, den Unterschied herausgefunden hätte. nicht wie die von Geschöpfen, die Fleisch essen. Es wird allerdings von Zee und anderen Philosophen behauptet, daß in früheren Zeiten, als die Ana vom Raube lebender Geschöpfe aus der Tiergattung lebten, ihre Zähne auch diesem Zwecke entsprochen haben müssen. Doch selbst wenn dem so ist, haben sie sich durch erbliche Übertragung verändert und der Nahrung, von der wir jetzt leben, angepaßt. Selbst die Barbaren, die den unruhigen, wilden Einrichtungen der Glek-Nas folgen, nähren sich nicht von Fleisch, wie die Raubtiere.

Während dieser Dispute wurde der Vorschlag gemacht, Sie zu zergliedern; aber da Taë so sehr für Sie bat, sandte der Tur, dem durch sein Amt jeder neue Versuch zuwider war, der mit unserem Brauche im Widerspruch steht, das Leben zu schonen, außer wo es klar bewiesen ist, daß es das Wohl der Gemeinde fordert, zu nehmen, zu mir, dem es als reichstem Manne des Staates zusteht, die Fremden aus der Ferne gastfreundlich aufzunehmen. Mir wurde es überlassen, zu entscheiden, ob Sie ein Fremder seien, den ich arglos aufnehmen könnte oder nicht. Hätte ich mich geweigert, Sie aufzunehmen, so würde man Sie dem alten Colleg der Weisen überantwortet haben, und was Sie dort erwartet hätten, daran mag ich nicht denken. Abgesehen von dieser Gefahr, können Sie auch zufällig einem vierjährigen Kinde begegnen, das, so eben in den Besitz seines Vrilstabes gelangt, erschreckt über Ihr seltsames Aussehen und vom Augenblick beherrscht, Sie zu Asche umwandelt. War doch Taë, da er Sie zuerst sah, im Begriff, ein Gleiches zu tun, als sein Vater seine Hand rechtzeitig zurückhielt. Darum dürfen Sie nicht allein reisen, aber mit Zee wären Sie sicher; und ich zweifle nicht, daß sie Sie gern auf einer Tour nach den Nachbarstaaten der Vril-ya begleiten wird. – Nicht aber nach den wilden Staaten. Ich will sie fragen.«

Da es mein Hauptzweck dieser Reise war, Zee auszuweichen, entgegnete ich hastig: »Nein, bitte, tun Sie das nicht! Ich gebe meine Absicht auf; Sie haben mir genug von den Gefahren erzählt, um mich davon zurückzuhalten; auch kann ich es kaum gutheißen, daß eine junge Gy mit den körperlichen Reizen Ihrer schönen Tochter ohne einen besseren Beschützer als einen Tish von meiner unbedeutenden Kraft und Statur in andere Regionen reist.«

Aph-Lin ließ jenen weichen, zischenden Tone hören, der dem Lachen am nächsten kommt und das Höchste ist, was sich ein erwachsener An als Zeichen seiner Lachlust erlaubt, bevor er erwiderte: »Verzeihen Sie meine unhöfliche Heiterkeit über eine so ernsthaft gemachte Bemerkung meines Gastes. Aber die Idee, daß Zee, die Andere so gern beschützt, daß die Kinder sie »die Beschützerin« nennen, selbst eines Beschützers bedürfe gegen Gefahren, die ihr von kühnen männlichen Bewunderern drohen könnten, ist mir zu spaßhaft. Wissen Sie, daß unsere Gy-ei, während sie unvermählt sind, allein zu anderen Stämmen zu reisen pflegen, um zu sehen, ob sie dort vielleicht einen An finden, der ihnen besser gefällt als die in ihrer Heimat? Zee hat schon drei Reisen gemacht, aber noch ist ihr Herz frei.«

Hier bot sich mir die Gelegenheit, die ich suchte, und vor mich niederblickend, sagte ich mit zitternder Stimme: »Wollen Sie mir versprechen, mein gütiger Wirt, mir zu verzeihen, wenn Sie das, was ich im Begriffe stehe, zu sagen, beleidigt?«

»Sprechen Sie nur die Wahrheit und nichts kann mich beleidigen. Wäre es dennoch möglich, so wäre es nicht an mir, sondern an Ihnen, zu verzeihen.«

»Nun denn, so seien Sie mir behilflich, Sie verlassen zu dürfen. Hätte ich auch gerne mehr von den Wundern gesehen und mehr von dem Glücke Ihres Volkes genossen, so bitte ich doch, lassen Sie mich in meine Welt zurückkehren.«

»Leider gibt es Gründe, weshalb ich das nicht vermag, wenigstens nicht ohne des Turs Erlaubnis, und die werde ich nicht erhalten. Sie sind nicht ohne Geist; Sie können uns, was ich jedoch nicht glaube, verhehlt haben, wieweit die Zerstörungskraft Ihres Volkes geht; kurz, Sie können uns irgend eine Gefahr bringen; und wenn dem Tur dieser Gedanke kommt, ist es durchaus seine Pflicht, entweder Ihrem Leben ein Ende zu machen oder Sie für den Rest Ihres Daseins einzukerkern. Aber warum wollen Sie einen Staat verlassen, der, wie Sie so gütig zugeben, glücklicher ist als Ihr eigener?«

»O Aph-Lin, meine Antwort ist einfach. Weil ich ohne mein Verschulden Ihre Gastfreundschaft verraten würde, weil in jener Laune der Liebe, die in unserer Welt bei dem weiblichen Geschlechte zum Sprichwort geworden und von der selbst eine Gy nicht frei ist, Ihre anbetungswürdige Tochter geruhen könnte, mich, obgleich ich ein Tish bin, als zivilisierten An anzusehen und – und – und –«

»Als Gatten begehren könnte« fiel Aph-Lin ernst und ohne sichtliches Zeichen der Überraschung oder des Mißfallens ein.

»Sie haben es gesagt.«

»Das wäre ein Unglück«, hob mein Wirt nach kurzer Pause wieder an, »und ich fühle, daß Sie getan haben, was Sie konnten, indem Sie mich warnten. Es ist, wie Sie sagen, nichts Ungewöhnliches, daß eine junge Gy bei dem Gegenstande ihrer Liebe einen Geschmack entwickelt, der in den Augen anderer launenhaft erscheint; aber keine Macht vermag eine junge Gy zu zwingen, von etwas abzulassen, das sie sich zum Ziele erwählt hat. Das Einzige was wir tun können, ist, ihr zureden; aber wir wissen aus Erfahrung, daß das ganze Colleg der Weisen es für vergeblich hält, eine Gy in einer Angelegenheit, die ihre Wahl in der Liebe betrifft, zu beeinflussen. Sie tun mir leid, weil eine solche Heirat gegen den A-glauran, das Wohl der Gemeinde wäre; denn die Kinder einer solchen Ehe würden die Rasse schänden, ja sie könnten sogar mit Zähnen fleischfressender Tiere geboren werden. Das darf nicht sein. Zee, als eine Gy, kann nicht beschränkt werden; aber Sie, einen Tish, kann man zu Grunde richten. Darum rate ich Ihnen, ihren Werbungen zu widerstehen, ihr offen zu sagen, daß Sie ihre Liebe nicht erwidern könnten. Das geschieht sehr häufig. Wie mancher An, um den eine Gy leidenschaftlich wirbt, schlägt sie aus und macht ihrer Werbung dadurch ein Ende, daß er sich mit einer anderen vermählt. Derselbe Ausweg steht Ihnen offen.«

»Nein! Denn ich kann keine andere Gy heiraten, ohne die Gemeinde in gleicher Weise zu beleidigen und mich der Möglichkeit auszusetzen, fleischessende Kinder zu erziehen.«

»Das ist wahr. Alles, was ich Ihnen sagen kann, und ich sage es mit der Rücksicht, die ich einem Tish, und dem Respekt, den ich einem Gaste schuldig bin, ist offen das: Wenn Sie nachgeben, ist es Ihr Tod. Ich muß es Ihnen überlassen, das beste Mittel zu finden, sich davor zu schützen. Vielleicht ist es das Richtigste, Sie sagten Zee, daß sie häßlich sei. Eine solche Versicherung von den Lippen dessen, um den sie sich bewirbt, genügt gewöhnlich, die glühendste Liebe einer Gy erkalten zu machen.«

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