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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus Leipzig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectidc8e2d65f
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Einundzwanzigstes Kapitel

Seit einiger Zeit schon hatte ich bei der weisen und mächtigen Tochter meines Wirtes ein Gefühl des Wohlwollens und Schützens bemerkt, das eine allwissende Vorsehung dem weiblichen Geschlechte verliehen hat, sowohl oberhalb als auch im Inneren der Erde. Aber bis vor kurzem hatte ich es einer Zuneigung, wie Frauen jeden Alters sie für Kinder haben, zugeschrieben. Jetzt mußte ich zu meinem Kummer bemerken, daß Zee mich mit ganz anderen Gefühlen betrachtete, als sie Taë für mich hegte. Aber diese Entdeckung flößte mir keineswegs jene angenehme Befriedigung ein, die die Eitelkeit eines Mannes bei der schmeichelhaften Würdigung seiner persönlichen Vorzüge von Seiten des schönen Geschlechtes gewöhnlich empfindet. Im Gegenteil, sie flößte mir Furcht ein. Und doch war Zee von allen Gy-ei in der Gemeinde nicht nur die weiseste und stärkste, sondern auch allgemein anerkannt die liebenswürdigste und sicher auch die beliebteste. Der Wunsch, zu helfen, Beistand zu leisten, zu schützen, zu trösten, zu segnen, schien ihr ganzes Sein zu durchdringen. Obgleich jener Jammer, der von Schuld und Armut herrührt, dem sozialen Systeme der Vril-ya fremd ist, so hat doch noch kein Weiser in dem Vril eine Kraft entdeckt, die alle Sorgen vom Leben bannen könnte; und wo immer die Sorge sich bei ihrem Volke einstellte, da folgte auch Zee als Trösterin. Wo eine Gy nicht den den ihrigen nennen durfte, an den sie ihr Herz verloren hatte, suchte Zee sie auf, wandte alle Hilfsmittel ihrer Kenntnisse und die liebevollsten Worte an, um jene in einem Kummer zu trösten, der so sehr des Trostes einer Vertrauten bedarf. In den seltenen Fällen, wo ein Kind von ernster Krankheit befallen wurde, und wo, was häufiger vorkommt, sich während der harten und gefahrvollen Probezeit der Kinder, ein Unfall ereignete, verließ Zee ihre Studien und Vergnügungen und wurde der Arzt und die Pflegerin des Verletzten. Ihre Lieblingsausflüge führten sie zu den äußersten Grenzen des Distriktes, wo Kinder die Gegend vor Ausbrüchen feindlicher Naturkräfte oder dem Eindringen gieriger Tiere wahrten, um die Kinder vor einer Gefahr zu warnen, die ihre Weisheit entdeckte oder voraussah, und zur Hand zu sein, wenn irgend ein Unfall geschah. Ja, selbst bei ihren wissenschaftlichen Studien verließ sie ihr immer bereitwilliges Wohlwollen nicht. Wenn sie von irgend einer neuen Erfindung las, die dem Ausübenden einer Spezial-Kunst oder Kraft von Nutzen sein konnte, eilte sie zu ihm hin, um ihm diese mitzuteilen und zu erklären. War ein bejahrtes Mitglied des Collegs bei seinen Studien geheimer Wissenschaften in Verlegenheit geraten und dadurch ungeduldig geworden, so leistete sie ihm bereitwilligst Hilfe, arbeitete Einzelheiten für ihn aus, hielt seinen Mut durch hoffnungsvolles Lächeln aufrecht und schärfte seinen Geist durch ihre klaren Ansichten, kurz, sie war sein guter Genius. Dieselbe Sorgfalt zeigte sie geringeren Geschöpfen gegenüber. Ich habe oft gesehen, wie sie ein krankes, verwundetes Tier heimgebracht und es geliebkost und gepflegt hat, wie eine Mutter ihr krankes Kind. Oftmals habe ich ihr von dem Balkon oder hängenden Garten aus, zu dem mein Fenster führte, zugeschaut, wie sie sich mit ihren glänzenden Flügeln in die Lüfte hob und nach wenigen Minuten ein Schwarm Kinder, die sie bemerkt hatten, ihr mit freudigen Willkommenrufen entgegenschwebte und sich um sie scharte, sodaß sie gleichsam den Mittelpunkt eines unschuldigen Vergnügens bildete. Wenn ich außerhalb der Stadt zwischen Felsen und Tälern mit ihr wanderte, witterte oder sah das Elentier sie schon von weitem und kam herbeigesprungen, um sich von ihrer Hand liebkosen zu lassen, oder es folgte ihren Schritten, bis ein melodisches Flüstern, das das Tier verstehen gelernt hatte, es entließ. Es ist Sitte unter den unvermählten Gy-ei, auf der Stirne einen Reif oder eine Krone zu tragen, die mit opalähnlichen Edelsteinen in Form von vier Punkten oder sternartigen Strahlen geschmückt ist. Für gewöhnlich sind sie ohne Glanz, aber mit dem Vrilstabe berührt, erhalten sie eine helle züngelnde Flamme, die leuchtet, aber nicht brennt. Sie dient ihnen bei ihren Festlichkeiten als Schmuck, und wenn sie auf ihren Wanderungen die Grenze der künstlich beleuchteten Gegend überschreiten, ersetzt sie ihnen in der Dunkelheit die Lampe.

Es gab Zeiten, wo ich Zees nachdenkliches, hoheitsvolles Antlitz durch diesen goldenen Schein so leuchten sah, daß ich sie kaum für ein sterbliches Wesen halten konnte und mich vor ihr neigte wie vor einer göttlichen Erscheinung.

Aber nie regte sich in meinem Herzen ein Gefühl menschlicher Liebe zu diesem stolzen Bilde edelster Weiblichkeit. Kommt es daher, daß bei der Rasse, der ich angehöre, des Mannes Stolz seine Neigungen derart beeinflußt, daß die Frau für ihn den wahren Reiz des Weibes verliert, wenn er fühlt, daß sie ihm in allem bedeutend überlegen ist? Aber, was konnte diese unvergleichliche Tochter eines Geschlechtes, das infolge seiner Überlegenheit an Kraft und seiner glücklichen Einrichtungen alle anderen Geschlechter zur Klasse der Barbaren zählt, so betört haben, daß sie sich herabließ, mir die Ehre ihrer Zuneigung zu schenken? Obgleich ich, was mein Äußeres anbelangt, bei dem Volke, von dem ich kam, für hübsch galt, so würde doch der schönste meiner Landsleute neben dieser vornehmen und heiteren Schönheit, die die Vril-ya charakterisiert, für häßlich und unbedeutend gegolten haben.

Das Neue, der Unterschied zwischen mir und denen, an die Zee gewöhnt war, mochte es sein, daß ihre Neigung sich mir zuwandte. Wie der Leser später sehen wird, genügt dieser Grund, eine Liebe zu erklären, wie sie eine junge Gy, die noch ein halbes Kind war, und in jeder Beziehung tief unter Zee stand, für mich empfand.

Aber jeder, der diese zärtlichen Empfindungen der Tochter Aph-Lins, von denen ich soeben gesprochen habe, näher betrachtet, wird leicht begreifen, daß der Hauptbeweggrund ihrer Zuneigung zu mir in ihrem unwillkürlichen Wunsche, aufzuheitern, zu trösten und zu beschützen und den Beschützten zu erhalten und zu läutern, lag. Wenn ich auf jene Zeit zurückblicke, schreibe ich allein dieser Ursache die einzige, dieser edlen Natur unwürdige Schwäche zu, die die Tochter der Vril-ya so weit erniedrigte, für jemand Liebe zu empfinden, der so tief unter ihr stand, wie ihres Vaters Gast.

Doch, abgesehen von der Ursache, das Bewußtsein, daß ich ihr eine solche Liebe eingeflößt hatte, erfüllte mich mit Schrecken, mit einem Schrecken vor ihren Vollkommenheiten, ihren geheimnisvollen Kräften und vor der unübersteiglichen Kluft zwischen ihrer und meiner Rasse. Mit dieser Ehrfurcht, ich muß es zu meiner Schande gestehen, verband sich die mehr materielle und unedle Furcht vor den Gefahren, denen mich ihre Überlegenheit aussetzen würde.

Durfte ich nur für einen Augenblick glauben, daß die Eltern und Freunde dieses vornehmen Wesens ohne Verachtung und Abscheu an die Möglichkeit einer Verbindung zwischen ihr und einem Tish denken könnten? Sie konnten Zee nicht bestrafen, konnten sie nicht zurückhalten. Weder im häuslichen noch im öffentlichen Leben kannten sie irgend ein zwingendes Gesetz; aber durch einen Blitz des Vril auf mich konnten sie ihrer Betörung ein rasches Ende bereiten.

Glücklicherweise waren mein Ehrgefühl und Gewissen unter diesen beängstigenden Umständen frei von jedem Vorwurfe. Ich hielt es für meine Pflicht, wenn Zee mir ihre Liebe auch ferner zeigen würde, meinen Wirt davon in Kenntnis zu setzen, natürlich mit der ganzen Zartheit, die bei jedem gebildeten Manne vorausgesetzt wird, wenn er einem anderen anvertraut, inwieweit eine aus dem schönen Geschlechte ihn durch ihre Gunst ausgezeichnet hat. Dadurch würde ich wenigstens frei von jeder Verantwortlichkeit oder dem Verdachte sein, Zees Empfindungen für mich zu erwidern. Auch hoffte ich, mein weiser Wirt werde mir zu einem guten Auswege aus dieser gefährlichen Situation raten können. In diesem Entschluß folgte ich dem gewöhnlichen Instinkte eines gebildeten, moralischen Menschen, der, obgleich er auch irren kann, doch gewöhnlichen den rechten Weg vorzieht in den Fällen, wo es sichtlich gegen seine Neigungen, seine Interessen und seine Sicherheit ist, den falschen zu wählen.

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