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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus Leipzig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
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Fünfzehntes Kapitel

So freundlich sich auch die ganze Familie gegen mich zeigte, war doch die Tochter meines Wirtes am zuvorkommendsten und liebenswürdigsten. Auf ihren Wunsch legte ich die Kleider, in denen ich von der Oberwelt herabgekommen war, ab und kleidete mich wie die Vril-ya, nur ohne die kunstvollen Flügel, die ihnen, zu Fuß, als kleidsamer Mantel dienten. Da aber viele von ihnen bei einzelnen Beschäftigungen diese Flügel ablegten, verursachte das Nichttragen derselben keinen bedeutenden Unterschied zwischen mir und ihnen, und ich konnte die Stadt besuchen, ohne unliebsame Neugier zu erregen. Außer der Familie meines Wirtes ahnte niemand, daß ich von der Oberwelt gekommen war. Man meinte ich gehöre irgend einem niederen barbarischen Stamme an und weile als Gast bei Aph-Lin.

Die Stadt war im Verhältnis zu dem Terrain, das sie umgab und nicht größer war als die Besitzungen vieler englischer und ungarischer Edelleute, ziemlich umfangreich. Das Ganze war bis an die Felsen, die die Grenze bildeten, aufs schönste bebaut und gepflegt. Nur einige Berge und Weiden waren zur Erhaltung unschädlicher gezähmter Tiere frei gelassen, ohne sie zu eigenem Nutzen zu verwenden. Die Güte der Vril-ya gegen diese geringen Geschöpfe geht so weit, daß die öffentliche Kasse eine gewisse Summe ausgesetzt hat, um sie in andere Vril-ya-Gemeinden – hauptsächlich in neuen Kolonien – zu versetzen, die gewillt sind sie aufzunehmen, wenn sie für die Weiden, die man ihnen in ihrem Geburtsorte überlassen hat, zu zahlreich werden. Sie vermehren sich jedoch verhältnismäßig nicht in dem Grade wie bei uns das Schlachtvieh. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, daß die Tiere die dem Menschen keinen Nutzen bringen, nach und nach von den Gebieten, die derselbe inne hat, zurückweichen oder sogar aussterben. Es ist ein alter Brauch der verschiedenen Hauptstaaten, in die das Geschlecht der Vril-ya geteilt ist, daß zwischen jeder Gemeinde ein neutraler unbebauter Streifen Land gelassen wird. Zu der Zeit, von der ich spreche, war dieser Landstrich ein hoher Felsrücken der zu Fuß nicht überschritten werden konnte. Mit Hilfe der Flügel oder Luftschiffe dieser Bevölkerung war er leicht zu passieren. Man hatte Wege zur Überfahrt von Fuhrwerken, die durch Vril getrieben wurden, gebahnt. Diese verbindenden Landstriche sind immer erleuchtet. Die Ausgaben werden aus einer besonderen Kasse bestritten, zu der alle Gemeinden der Vril-ya eine festgesetzte Steuer liefern. Durch diesen Landstrich wurde ein bedeutender Handel mit anderen nah- und ferngelegenen Staaten unterhalten. Der Hauptreichtum dieser Gemeinde besteht hauptsächlich in der Landwirtschaft. Auch tut sie sich durch geschickte Anfertigung der dazu gehörigen Geräte hervor. Diese Waren tauschen sie meist gegen Luxusartikel ein, für die sie oft hohe Preise zahlen, z. B. für Vögel, die darauf abgerichtet sind, gemeinschaftlich in kunstvollen Tönen zu pfeiffen. Diese Vögel wurden von weither gebracht und zeichnen sich durch ihren Gesang und ihr wunderbar schönes Gefieder aus. Wie ich bemerkte, wählte man ihre Lehrer und Erzieher mit großer Sorgfalt. Diese Vogelart hatte sich in den letzten Jahren außerordentlich vervollkommnet. Außer einigen wunderlichen froschähnlichen Geschöpfen aus der Spezies der Batrachiten, aber von viel intelligenterem Aussehen, die die Kinder sehr liebten und in ihren Gärten hielten, sah ich keine Lieblingstiere in dieser Gemeinde. Tiere die an unsere Hunde und Pferde erinnern scheinen sie nicht zu haben, obgleich der studierte Naturkundige, Zemir sagte, daß früher dergleichen Geschöpfe in ihrer Gegend existiert hätten und auch jetzt wohl in Regionen, die von anderen Geschlechtern als den Vril-ya bewohnt waren, noch gefunden würden. Man meinte, sie wären seit der Entdeckung des Vril, dessen Kräfte sie überflüssig gemacht hätten, nach und nach aus der zivilisierten Welt verschwunden. Durch Maschinen und Flügel war das Pferd als Lasttier entbehrlich geworden, und des Hundes bedurfte man nicht mehr wie früher zum Schutze oder zur Jagd, als die Vorfahren der Vril-ya noch die Anfeindungen von ihresgleichen fürchteten oder die geringen Tiere zur Nahrung schossen. Was das Pferd anbelangt, so war diese Gegend so felsig, daß es weder zum Vergnügen noch als Lasttier hätte von Nutzen sein können. Das einzige Geschöpf, das sie als Lasttier gebrauchte, war eine Art Ziege, die man in Landwirtschaften viel verwendete. Man könnte annehmen, daß die Natur des Erdbodens dieser Gegend zuerst zu der Idee geführt hatte Flügel und Luftschiffe zu erfinden. Die Größe des Raumes im Verhältnisse zu dem Gebiete, das die Stadt einnahm, führte zu der Sitte, jedes Haus mit einem Garten zu umgeben. Die breite Hauptstraße, in der Aph-Lin wohnte, führte auf einen großen Platz, auf dem das Collegium der Weisen und alle öffentlichen Gebäude standen. In der Mitte befand sich eine prächtige Fontaine mit einem leuchtenden Strahle, den ich Naphtha nennen will, da ich nicht weiß, was er in Wirklichkeit war. All diese öffentlichen Gebäude waren gleich massiv und solid gebaut. Sie erinnerten mich an die Architekturgemälde von Martin. Um jedes Stockwerk lief ein Balkon oder richtiger ein hängender Garten, von Säulen getragen, voll von blühenden Blumen und allerlei zahmen Vögeln. Von dem Platze liefen verschiedene Straßen aus, die alle breit und glänzend erleuchtet und auf beiden Seiten von hohen Felsen begrenzt waren. Bei meinen Ausflügen in die Stadt gestattete man mir nie allein zu gehen. Aph-Lin oder seine Tochter waren meine ständigen Begleiter. In dieser Gemeinde sah man die erwachsene Gy in so vertraulichem Verkehre mit jedem jungen An, als ob es keinen Geschlechtsunterschied gäbe. Die Detailläden sind nicht sehr zahlreich. Kinder jedes Alters, die sehr verständig und höflich, aber ohne die geringste Zudringlichkeit sind bedienen die Käufer. Der Ladenbesitzer, wenn wirklich sichtbar, ist anscheinend selten mit irgend etwas, das mit seinem Geschäfte in Verbindung steht, beschäftigt, und doch hat er diesen Beruf aus eigenem Antriebe und ganz unabhängig von seinen Existenzmitteln erwählt.

Einige der reichsten Bürger aus der Gemeinde hielten derartige Läden. Wie schon erwähnt, herrscht kein Rangunterschied, daher stehen alle Beschäftigungen auf derselben sozialen Stufe. Ein An, von dem ich meine Sandalen kaufte, war ein Bruder des Tur, des Hauptes im Magistrate; obgleich sein Laden nicht größer war als der eines Schuhmachers in Bondstreet oder Broadway, hielt man ihn doch für doppelt so reich wie den Tur, der in einem Palaste wohnte. Natürlich hatte er noch seinen Landsitz.

Die Ana der Gemeinde sind nach den geschäftigen Jahren ihrer Kindheit im Ganzen ein indolentes Volk. Ob es nun ihre Natur oder ob es Folge ihrer philosophischen Betrachtungen ist, jedenfalls halten sie Ruhe für die Hauptannehmlichkeit des Lebens. In der Tat, wenn man dem Menschen den Reiz zur Tätigkeit, den er in der Begierde oder dem Ehrgeiz findet, nimmt, wundert es mich nicht, wenn er untätig bleibt.

Für gewöhnlich ziehen sie es vor, ihre Füße statt der Flügel zu benutzen. Diese gebrauchen sie zu ihren Vergnügungen oder öffentlichen Spaziergängen – wenn man mir diesen kühnen Mißbrauch des Ausdruckes gestattet – zu Lufttänzen, die ich beschrieben habe, und zum Besuche ihrer Besitzungen auf dem Lande, die meist auf hohen Felsen gelegen sind. Solange sie jung sind, ziehen sie bei Reisen in die anderen Regionen der Ana die Flügel den Fahrgelegenheiten vor.

Die, die an das Fliegen gewöhnt sind, können, wenn auch nicht ganz so schnell als einzelne Vögel, so doch in der Stunde fünfundzwanzig bis dreißig Meilen weit fliegen. Dieses Tempo können sie fünf bis sechs Stunden lang einhalten. Aber gewöhnlich lieben die Ana, wenn sie das mittlere Alter erreicht haben, diese rasche Bewegung nicht mehr. Aus diesem Grunde halten sie vielleicht an der Lehre fest, der unsere eigenen Ärzte ohne Zweifel beistimmen würden, nämlich: eine regelmäßige Transpiration durch die Poren der Haut ist notwendig zur Erhaltung der Gesundheit. Sie benutzen gewöhnlich Schwitzbäder, die wir römisch-irische nennen würden, und nehmen danach Duschen von wohlriechenden Wassern.

Regelmäßig, wenn auch selten, ungefähr viermal im Jahre, nehmen sie ein vrilhaltiges Bad.Ich versuchte einmal ein solches Bad; es wirkte stärkend in der Art der Gasteiner Bäder, deren belebende Kraft von vielen Ärzten der Elektrizität zugeschrieben wird. Die Wirkung des Vrilbades war ähnlich, doch viel nachhaltiger.

Sie sind der Meinung, daß dieses Fluidum, mäßig gebraucht, sehr zur Erhaltung des Lebens beiträgt. Bei normalem Gesundheitszustande im Übermaße angewendet, wirkt es entgegengesetzt und entkräftet. Fast bei allen Krankheiten nehmen sie jedoch zu ihm, als dem Hauptbeistande der Natur, ihre Zuflucht.

Sie sind in ihrer Art das luxuriöseste aller Völker, aber ihr Luxus ist unschuldiger Natur. Man kann sagen, daß sie in einer Atmosphäre voll Duft und Melodie leben. Jedes Zimmer hat seine mechanischen Vorrichtungen für melodische Klänge, die gewöhnlich so gedämpft sind, daß sie dem Geflüster unsichtbarer Geister gleichen. Dieses Volk ist zu sehr an diese sanften Töne gewöhnt, als daß sie sie in der Unterhaltung oder während des Alleinseins beim Denken stören könnten. Aber sie bilden sich ein, daß das Einatmen einer fortwährend mit Musik und Wohlgeruch erfüllten Luft einen beruhigenden und erhebenden Einfluß auf die Bildung des Charakters und den Gedankengang haben muß. Obwohl sie sehr mäßig sind, vom Tiere nur die Milch genießen und sich jedes berauschenden Getränkes enthalten, sind sie doch im Essen und Trinken im höchsten Grade wählerisch. Bei ihren Vergnügungen trägt selbst der Älteste eine kindliche Heiterkeit zur Schau. Glückseligkeit ist das Ziel, nach dem sie streben, nicht als momentane Anregung, sondern als erste Bedingung des Daseins; und ihr außerordentlich liebenswürdiges Benehmen beweist, wie ein jeder auch das Glück des anderen im Auge hat.

Ihre Schädelbildung ist ganz abweichend von jedem bekannten Stamme der Oberwelt. Ich nehme jedoch an, daß sie sich durch unzählige Zeitalter aus dem brachycephalischen Typus des Steinalters (in Lyell's »Elementen der Geologie«, Kapitel X, Seite 113) entwickelt haben. Im Vergleich zu dem dolichocephalischen Typus aus dem Anfange des Eisenalters, der dem jetzt unter uns so vorherrschenden, dem sogenannten celtischen Typus entspricht. Der Schädel hat verhältnismäßig dieselbe massive Stirn (nicht hervorstehend wie der celtische), dieselbe regelmäßige Rundung in den Stirnorganen, in der Mitte ist er viel höher und die hintere Schädelhälfte, wo sich nach Aussage der Phrenologen die animalischen Organe befinden, ist viel weniger ausgebildet. Ein Phrenologe würde sagen: bei der gewöhnlichen Schädelbildung der Vril-ya sind die Organe des Gewichtes, der Zahl, des Tones, der Form, der wirkenden Ursache stark ausgebildet, das der Wirklichkeit viel hervortretender als das der Vorstellung. Die sogenannten moralischen Organe, wie die der Gewissenhaftigkeit und des Wohlwollens, sind auffallend vollkommen; die der Leidenschaft und Kampflust sehr klein, das der Anhänglichkeit groß; das Organ der Zerstörung, das heißt entschiedenes Beiseiteschaffen aller dazwischentretenden Hindernisse, kolossal, aber doch nicht so groß wie das des Wohlwollens; ihre Liebe trägt mehr den Charakter des Mitleides und der Sorgfalt für Dinge, die der Hülfe oder des Schutzes bedürfen, als der animalischen Kindesliebe. Nie habe ich eine mißgeformte Person unter ihnen gesehen. Die Schönheit ihrer Gesichter liegt nicht allein in der Regelmäßigkeit ihrer Züge, sondern auch in einer Weichheit des Antlitzes, das bis zum spätesten Alter ohne Furche, ohne Runzeln bleibt und eine heitere Anmut ausdrückt, mit jener Hoheit verbunden, die dem Bewußtsein von Macht und dem Freisein von jeder Furcht, sowohl der physischen wie der moralischen, entspringt. Jene unendliche mit Hoheit verbundene Anmut war es, die mir, der ich daran gewöhnt war, mit menschlichen Leidenschaften zu kämpfen, ein Gefühl der Demütigung, der Ehrerbietung, der Furcht einflößte. Es ist der Ausdruck, wie ihn ein Maler einem Halbgotte, einem Genius, einem Engel geben würde. Die Männer der Vril-ya sind völlig bartlos; bei den Gy-ei zeigt sich im hohen Alter ein Schnurrbart.

Die Entdeckung überraschte mich, daß nicht alle dieselbe Hautfarbe hatten wie die, mit denen ich zuerst in Berührung gekommen war. Einzelne waren viel heller, hatten blaue Augen und goldig-tiefbraunes Haar, während ihr Teint eine wärmere, schönere Färbung hatte als der der Bewohner des nördlichen Europa.

Wie man mir sagte, rührte diese Farbenverschiedenheit von Mischehen mit anderen entfernteren Stämmen der Vril-ya her, die, ob nun durch den Unterschied im Klima oder der früheren Abstammung, von schönerer Gesichtsfarbe waren als die Stämme, zu denen diese Gemeinde zählte. Die ältesten Familien der Ana hatten dunkelrote Hautfarbe; aber sie waren nicht stolz auf diese Urahnen; im Gegenteil sahen sie darauf, daß ihre jetzige Schönheit durch häufige Mischung mit anderen, zwar abweichenden, doch verwandten Gattungen erhalten blieb. Auf die Nationen, deren Gebräuche und Einrichtungen nicht mit denen der Vril-ya übereinstimmten, und die man nicht für befähigt hielt, sich der Kraft des Vril zu bemächtigen, die zu erreichen es Menschenalter erfordert, blicken sie mit der Verachtung, die Bürger New-Yorks für die Neger empfinden.

Von Zee, die in allen Wissenschaften mehr Kenntnisse besaß als irgend einer der Männer, mit denen ich in nähere Berührung kam, erfuhr ich, daß man die Überlegenheit der Vril-ya aus den früheren heftigen Kämpfen gegen die Hindernisse herleite, die die Natur ihnen in den Räumlichkeiten, in denen sie sich zuerst niedergelassen hatten, in den Weg stellte. »Überall, wo dieser erste Prozeß in der Geschichte der Zivilisation vor sich geht«, moralisierte Zee, »dieser Prozeß, der das Leben zu einem Kampfe macht, in dem der Mensch all seine Kraft zusammennehmen muß, um nicht hinter seinen Kameraden zurückzubleiben, finden wir ohne Ausnahme folgendes Resultat: da bei dem allgemeinen Streben nach Vervollkommnung eine große Anzahl untergehen muß, wählt sich die Natur zur Erhaltung nur die kräftigsten Exemplare aus. Daher blieben unserem Geschlechte, noch vor der Entdeckung des Vril, nur die höchsten Organismen erhalten. In unseren alten Büchern ist eine Legende, an die einst allgemein geglaubt wurde und die sagt, daß unser Stamm aus einer Region vertrieben worden sei, (anscheinend jene Welt, aus der sie kommen) um sich zu vervollkommnen. Durch die heftigen Kämpfe, die unsere Urahnen zu bestehen hatten, sollte eine reine Ausscheidung erreicht werden, und nach Vollendung unserer Erziehung sollten wir dazu bestimmt sein, in die Oberwelt zurückzukehren um alle die dort lebenden niederen Rassen zu verdrängen.«

Aph-Lin und Zee sprachen oft mit mir über die politischen und sozialen Verhältnisse in der Oberwelt, aus der, wie Zee so philosophisch annahm, die Bewohner früher oder später durch die Vril-ya verdrängt werden würden. Bei meinen Erzählungen, bei denen ich ohne soweit von der Wahrheit abzuweichen, daß meine schlauen Zuhörer es hätten durchschauen können, mein Möglichstes tat, unsere Macht sowie uns selbst im besten Lichte darzustellen, fanden sie immer Gelegenheit Vergleiche zwischen unseren zivilisiertesten Völkern und den niederen unterirdischen Geschlechtern zu ziehen, die, wie sie meinten, dem Barbarismus hoffnungslos verfallen seien und einem langsamen, aber sichern Aussterben entgegengingen. Aber beide stimmten in dem Wunsche überein, ihre Gemeinden vor einem verfrühten Einblicke in die von der Sonne beleuchteten Regionen zu bewahren. Beide waren menschlich und schraken vor dem Gedanken zurück, so viele Millionen Geschöpfe zu vernichten, und die prächtig gefärbten Bilder, die ich von unserem Leben entwarf, betrübten sie. Vergebens rühmte ich unsere großen Männer – Dichter, Philosophen, Redner, Feldherren – und forderte die Vril-ya heraus, mir ihre großen Männer zu nennen. »Ach«, sagte Zee, und über ihr vornehmes Gesicht glitt der Ausdruck tiefsten Mitleides, »dieses Hervortun Weniger über Viele ist das sicherste, traurigste Zeichen eines unverbesserlichen barbarischen Geschlechtes. Sehen Sie nicht daß die erste Bedingung des Glückes in dem Erlöschen der Kämpfe und Wettstreite zwischen Individuen besteht, bei denen Viele Wenigen untergeordnet sind, (gleichviel unter welcher Regierungsform). Eine wirkliche Freiheit eines Einzelnen, der Staat mag noch so frei genannt werden, ist so nicht möglich. Die Ruhe des Daseins, ohne die weder geistiges noch körperliches Glück möglich ist, kann so nie erreicht werden. Unsere Ansicht ist, daß, je mehr wir unser Leben den erhabensten Vorstellungen anpassen, die wir uns von der Existenz der Geister im Jenseits machen können, und je mehr wir uns schon hier der himmlischen Glückseligkeit nähern, um so leichter wird uns der Übergang ins Jenseits werden. Alles, was wir uns von dem Leben der gesegneten Unsterblichen vorstellen können, berechtigt uns zu dem Glauben, daß es dort keine selbstverursachten Sorgen und Leidenschaften, die zu Streitigkeiten führen, wie Ehr- und Geldgeiz, gibt. Es scheint uns, als ob es ein Leben der heiteren Ruhe sein müsse, nicht ohne Beschäftigung der intellektuellen und spirituellen Kräfte. Die Beschäftigungen, welcher Art sie auch sein mögen, sind den Neigungen jedes Einzelnen angepaßt und ohne allen Zwang. Es muß ein Leben sein, durch den unbeschränkten Austausch edler Sympathien erheitert, in dem die moralische Atmosphäre Haß und Rache, Zank und Eifersucht völlig tötet. Das ist das Ziel das alle Stämme und Gattungen der Vril-ya zu erreichen streben und der politische Standpunkt, der die Regierung als Ziel im Auge hat. Sie sehen, wie ein solches Vorschreiten ganz entgegengesetzt ist zu dem der unzivilisierten Nationen, von denen Sie kommen und die nach einer systematischen Fortdauer der Mühen, Sorgen und streitenden Leidenschaften, die bei ihrem stürmischen Fortschreiten immer heftiger werden, trachten. Das mächtigste aller Geschlechter unserer Welt außerhalb des Bezirkes der Vril-ya hält sich für die am besten regierte aller politischen Gesellschaften und glaubt in dieser Beziehung das höchste Ziel erreicht zu haben, das politische Weisheit erreichen kann, sodaß die anderen Nationen ihr folgen und sie mehr oder weniger nachahmen sollten, statt auf der größten Basis den Koom-Posh zu errichten, das heißt: die Regierung der Unwissenden, nach dem Prinzipe, daß es die Zahlreichsten sind. Sie hat ihr größtes Glück darin gesucht, daß ein Jeder mit dem Anderen in allen Dingen wetteifert. Einer sucht immer den andern in Macht, Reichtum oder irgend etwas der Art zu übertreffen; wie furchtbar ist es, bei diesem Wettstreite den Tadel, die Schmähungen und Beschimpfungen zu hören, mit denen selbst die Besten und Mildesten ihre Mitmenschen ohne Scham oder Gewissensbisse überhäufen!«

»Vor einigen Jahren«, sagte Aph-Lin, »besuchte ich dieses Volk. Sein Elend und seine Herabwürdigung waren um so erschreckender, als es sich seines Glückes und seiner Größe, mit seinen übrigen Nationen verglichen, immer rühmte. Und es ist keine Hoffnung, daß dieses Volk sich, wie man es wohl von den Ihren annehmen kann, verbessern wird, da es nur einer Verschlimmerung dieser Zustände entgegen strebt. Sie hoffen, ihren Besitztum zu vergrößern. Das ist ein direkter Widerspruch zu der Wahrheit, daß es bei Überschreitung einer sehr engen Grenze unmöglich ist, einer Gemeinde das Glück einer gutgeordneten Familie zu erhalten. Je mehr ein System, durch das einige Wenige sich über Millionen von Schwachen emporgeschwungen haben, bei ihnen zur Reife kommt, um so mehr frohlocken und rufen sie: Seht durch welche große Ausnahmen der allgemeinen Niedrigkeit unserer Nation wir die herrlichen Resultate unseres Systemes beweisen!«

»In der Tat« meinte Zee, »wenn die Weisheit das menschliche Leben der zufriedenen Gleichheit der Unsterblichen nahe bringen könnte, dann könnte kein direktes Entweichen nach der entgegengesetzten Richtung, kein System, das nach der höchsten Ungleichheit und Unruhe unter den Sterblichen trachtet, möglich sein. Auch können bei diesem Systeme, ganz abgesehen vom religiösen Glauben, die Freuden der Unsterblichen, die alle nach ihrem Tode erwarten, nicht geschätzt werden. Gemüter, die daran gewöhnt sind, ihr Glück an Dinge zu hängen, die weit entfernt von allem Göttlichen sind, würden das Glück der Götter sehr düster finden und sich nach einer Welt zurücksehnen, in der sie miteinander streiten konnten.«

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