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Das Geschichtenbuch des Wanderers

Peter Rosegger: Das Geschichtenbuch des Wanderers - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDas Geschichtenbuch des Wanderers
publisherVerlag von L. Staackmann
seriesNeue Erzählungen aus Dorf und Berg, aus Wald und Welt
volumeZweiter Band
printrunSiebente Auflage
year1906
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080613
projectid0828213f
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Aus dem Tagebuch einer Ehefrau.

Graz, am 7. April 18**

Ich heirate ihn. Meiner Mama zu Trotz heirate ich ihn. Cousin Karl lacht mich aus und Mama sagt, am Ende nähme mich auch Der nicht, ich bekäme gar Keinen. Karl sagt, ich bekäme Jeden. Mama ärgert sich, daß er Professor der Philosophie ist, ja sogar – wenn er seinen Titel zeigen wollte, aber er will das nicht – Ritter von! Das macht alle ihre Prophezeiungen von meiner Taugenichtsigkeit zu Schanden und ich soll in der schönen Villa am Rosenberge die Hausfrau sein.

Er ist genau zweimal so alt als Karl, ich habe ihn auch zweimal so lieb. Lieben muß eine brave Frau ihren Mann, das weiß ich schon, und ich will eine brave Frau werden, gerade der Stiefmutter zu Trotz, weil sie immer sagt, sie beweine den Mann, der mich nimmt.

Sie mag's thun und er soll sie belachen, das will ich.

10. April.

Heute war die Verlobung. Mama hat wirklich dabei geweint, aber vor Freuden und über mein Glück, wie sie laut sagte. Es ist auch Eins. Ich weiß gar nicht wie mir ist, so als ob ich in den Lüften schwebte, und Alles beweist mir Ehrerbietung, und die ganze Welt, so ist mir, wendet sich ringsum auf mich her und alle Bäume, alle Strauch er, an denen wir beim Nachhausegehen vorbeikamen, flüsterten mir zu: Sie ist Braut.

Ich werde es aber nicht lange sein. Mama behauptet, ich zähle im Traume schon die Tage, bis ich einen Mann hätte. Mein Onkel sagte mir scherzend: »Bleibe so lange Braut als möglich, heirate so bald als möglich. Der Ehestand ist am schönsten von vorne, der Brautstand von hinten.« – So etwas Unverständiges kann nur der gute Onkel sagen.

Gottlob, daß ich Braut bin!

30. April.

Gestern war's. Aber gestern war ich unfähig, auch nur ein Wort zu schreiben.

Heute will ich's, denn ich kann das Geheimniß nicht in mir verschließen, ich kann nicht. Das Papier will ich ja dann verbrennen.

Mein Bräutigam richtet die Villa neu ein, ich hörte, daß er in meinem künftigen Boudoir ein Fenster ausbrechen lasse gegen Mariatrost hin, weil er weiß, daß mir dieser Blick so lieb ist. Ich bin mit Mama und dem Cousin Karl sehr oft in Mariatrost gewesen; aber wenn ich vom Walde auf das weiße Haus am Rosenberg herübergeblickt hatte, wie hätte ich denken können, daß es einmal mein sein sollte!

Ich war begierig, die neue Wohnung zu sehen und wollte gestern meinen Bräutigam überraschen. Er war aber nicht zu Hause, er hatte Vorlesung auf der Universität. Ich fand die weißbeklecksten Maurer, die dummen Tapezierer, die auf ihren Leitern standen und nicht einmal grüßten. Ich wünschte, daß es heimlicher würde in diesem Hause und verließ es bald. In der Panoramagasse begegnete mir der Cousin. Ganz zufällig war er spazieren gegangen gegen Mariagrün hin und lud mich ein, ihn zu begleiten. Ich ging gerne mit ihm, aber er war sehr langweilig, riß im Vorbeigehen Blätter von den Bäumen und warf sie wieder weg.

Als wir zum Kirchlein kamen, war mir weich zu Muthe und ich sagte, wir wollten doch hineingehen und die Mutter Gottes grüßen.

Karl antwortete, er habe sie schon oft gegrüßt, sie hätte ihn aber niemals erhört. Sein Fuß sei halblahm wie immer – er hat ihn von einer schlimmen Erkältung als Kind schon so bekommen – er sei arm und verachtet, wie immer, verlassen, von Niemandem geliebt. Ich bat ihn, daß er nicht so reden möge, und vielleicht, daß ihn die Mutter Gottes heute erhöre. Ich sagte das, weil er mir leid that und weil ich einen Spaß machen wollte und endlich auch, weil ich wirklich immer ein großes Vertrauen hatte zu Mariagrün.

Wir gingen aber an der Kirche vorüber und durch den Wald hinauf. Er wollte noch nicht sprechen und als ich ihn von der Seite heimlich anblicke, sehe ich, daß sein Auge voll Wasser steht. Mir wollte das Erbarmen mein Herz zerdrücken. Ich ärgerte mich, daß mir gar kein Wort einfiel, ihn zu trösten. Wenn er nur zu Hause bei uns wäre, dachte ich, unter Leuten macht er ja seine lustigen Glossen, daß Alles lacht.

Da ist es plötzlich. Er reißt mich an sich und küßt mich so heftig, daß ich vor Schreck ohnmächtig werden mußte ...

Wir sind spät nach Hause gegangen.

Jedes allein.

30. Juni.

Die Hochzeit ist vorüber; sie war in der Domkirche, einfach und würdig. Ich hätte aber vermuthet, es würden mehr Leute in der Kirche anwesend sein. Mir sei beim Heiraten alles Aufsehen zuwider, hatte ich gesagt, aber insgeheim wäre mir doch um Zuschauer zu thun gewesen. Mama war zärtlich mit mir, wie vorher noch nie; ich hätte mir nicht träumen lassen, daß mir der Abschied von ihr so schmerzlich fallen würde.

Als mich mein Mann – ach, mein Mann! – durch unsere neue Wohnung führte, war mir sehr bange und wußte ich nicht, was ich sagen sollte, um meine Beklemmung zu erleichtern. Ich hatte einen unverstehbaren Drang, als müßte ich etwas sagen, was mir oder ihm weh thate. So sagte ich, daß ich nur Eines fürchte in diesem Haus: Die Gegenwart seiner verstorbenen Frau. Ich sei maßlos eifersüchtig.

Er lächelte und meinte, besser, die zwanzigjährige Frau sei es, als der vierundvierzigjährige Mann habe Anlaß dazu. Dann gab er mir den Schlüssel zu einem kleinen Zimmer und sagte, das Zimmer solle mein Brautgeschenk sein, mein ganz allein, er wolle es nimmer betreten und nicht mehr wissen, daß es auf der Welt sei.

Während er mit dem Hausmeister sprach über das, was bei unserer Abwesenheit zu geschehen hat, öffnete ich das Zimmer, denn ich war sehr begierig auf die Brautgabe. Im Zimmer befanden sich alle Gegenstände von der ersten Frau, von ihrem Oelbilde an bis zum Hochzeitsschmuck, ihr Schreibtisch, ihre Kleider, ihr Toilettekasten, die kleine Wiege mit dem blauseidenen Vorhang, die nicht verwendet worden ist. – Das Alles! Und es war mein Eigenthum, ich konnte es vernichten.

Als mein Mann zu mir zurückkam, fragte er in seiner gütigen Weise, warum ich weine?

»Wie lange ist es, daß sie nicht mehr lebt?« so mußte ich fragen.

Ich hätte fast gewünscht, daß er entgegenfragen möchte, von wem ich spreche, aber er sagte nur: »Seit Du lebst, Juliana, ist sie nicht. Du wirst gesehen haben, wie Alles schon verblaßt ist. Dein Geburtsjahr ist ihr Sterbejahr gewesen.«

Nun sitze ich im Zimmer des Hôtels. Mein Mann erkundigt sich beim Portier nach dem morgigen Wagen auf den Bahnhof. Ich solle mich um gar nichts kümmern, ich soll nur die schöne Welt genießen.

Wenn nur schon morgen wäre!

16. Juli.

Wir sind von der Hochzeitsreise zurückgekehrt. Es waren herrliche Tage. Ich habe mich während derselben in meinen Mann verliebt. Das ist ein goldener Mann und kann scherzen wie ein zwanzigjähriger Student.

»Ei geh', Ludwig!« verwies ich ihm einmal neckend, »ein Professor der Philosophie und so übermüthig!«

Was ich mir unter Philosophie denn eigentlich vorstellte, war seine Frage, wenn nicht die Lehre vom heiteren Genuß der lieben Welt?

Ich könnte damit einverstanden sein – aber für mein Unglück giebt es keine Philosophie.

1. September.

Keine Fürstin kann's so haben als ich. Draußen die paradiesische Landschaft mit der schönen Stadt im Thale. Im Hause die frohe Umgebung, in meinem Gemach der stille Frieden – in mir die unbeschreibliche Pein.

Wie Wochen sind mir die Stunden, da Ludwig nicht bei mir ist, und wie zittere ich, wenn er bei mir ist! Er ist jetzt in den Ferien Bauer, Gärtner und Jäger und immer munter, immer gut und liebevoll. Gar nie tritt er in's Zimmer, ohne mir eine Blume, eine Knospe mitzubringen, er ziert damit mein Haar, meinen Busen, tritt dann zwei Schritte zurück und schaut fröhlich her, wie es mir passe. Gestern Abends, da wir beisammen im Garten standen vor einem Strauche tiefrother Herbstrosen, nahm er mich an beiden Händen, schaute mir mit feuchtem, leuchtendem Auge in's Gesicht und sagte: »Juliana, ich danke Dir! Ich danke Dir, daß Du mein bist!«

Einen Stich gab's mir im Herzen, ich wankte halb ohnmächtig in's Haus.

Ich liebe ihn! Ich liebe ihn so heiß, daß ich den Frevel nicht begreifen kann, wie ich einst sagte: blos Mama zum Trotz.

4. September.

Es wird nicht anders. Es ist fürchterlich!

11. September.

Heute ging Karl vorbei und blickte zu meinem Fenster herauf. Kaum konnte ich mich noch verbergen, daß er mich nicht sah. Ich weiß nicht, was größer ist, mein Haß gegen ihn oder meine Verachtung gegen mich.

30. September.

Heute fand Ludwig, daß die Haustreppe für mich zu steil sei und will sie flacher legen lassen. Ich beschwor ihn, daß es nicht der Fall ist. Zum mindesten belegt er sie mit schweren Teppichen, daß es meine Füße recht sanft haben sollen.

Wie er strahlt vor Glück, wenn er mir etwas Liebes erweisen kann! Mein ganzer Tag, meine ganze Existenz ist lautere Liebe von ihm.

Mama kommt mit ihren Rathschlägen, die mir zuwider sind, ich will nur ihn hören – und daß ich's thue, thun kann, ist eine Schmach für mich.

Ihm gestehen! Es ist unmöglich! Unmöglich!

9. October.

Seine Studenten lieben ihn auch. Sie haben ihm gestern zu seinem Geburtstage einen Fackelzug gebracht.

»Der gilt Dir!« jubelte er mir heimlich zu, »es ist ja der erste, den sie mir bringen.«

Zum Fenster rief er hinab: »Ihr jungen Freunde! Mein Leben ist licht geworden. Opfert den Göttern, daß ich demüthig bleibe!«

»Ludwig,« sagte ich später zu ihm, da wir allein waren, »Philosophen pflegen sonst dem Glücke nicht sehr zu trauen. Ich kann nicht so zuversichtlich sein.«

Nach einer Weile habe ich beigesetzt: »Du hast nur einen einzigen Fehler, lieber Mann. Daß Du gar nicht eifersüchtig bist.«

»Diese Bemerkung,« sagte er darauf, »beweist, daß ich ganz recht habe, es nicht zu sein.«

Ich las einmal, daß es Frauen giebt, die ihre Männer nicht allein mit Eifersucht quälen, nicht allein hintergehen, sondern sie auch eifersüchtig haben wollen. Bei Gott, von diesen bin ich keine. Wie könnte ich glücklich sein, daß er mich so kennt, und über sein Vertrauen!

12. October.

Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von meinen Fenstern aus die schönen Alleen des Glacis und den Schloßberg. Die herbstlichen Schattirungen der Bäume sind gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe und seinen Gesprächen lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für Allerlei, das mir sonst gleichgiltig gewesen ist. Wie könnte ich es genießen!

Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen Pact geschlossen, daß Letzterer jeden Lärm möglichst hintanhalte und wie ein Engel mit flammendem Schwerte unser Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht, wie nahe die Zeit ist.

Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, als ich es thue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an sie habe ich in das Stadthaus mitgenommen, hier damit ein Zimmer eingerichtet, das wie meine Hauscapelle ist. Wenn mir gar zu schwer wird um's Herz und ich trotz des geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß, wem ich meine Angst und Noth klagen soll, gehe ich in das Zimmer der Verstorbenen und weine mich aus.

Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin gerufen worden ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen gestickt mit Freuden – sie hätte gerne gelebt mit diesem Mann.

Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber wundern. Ich kann nicht, ich habe es versucht – es ist, als stickte und webte ich an der Sünde weiter.

Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da ich doch weiß, es könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?

Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur nicht so unsäglich gut wäre!

25. December.

Das war ein trauriger Christabend.

Ludwig überschüttete mich mit Gaben, mich und das Kind, als ob es schon da wäre und spielen und jubeln könne. Und er saß in der dunklen Ecke des Zimmers und sagte kein Wort, sondern verdeckte sein Gesicht mit den Händen. Ich wußte nicht, was es war, und der Christbaum gab einen Schein, wie die Lichter an einer Bahre.

Ich wagte nicht, ihn zu fragen nach seinem plötzlichen Kummer, denn ich glaubte, daß er nun Alles wisse. Aber es war doch was Anderes, denn endlich stand er auf, trat zu mir heran, die ich allein am Tische des Baumes gesessen war, und küßte mich so herzlich und treu, daß es nicht zu beschreiben ist.

28. December.

Er ist nicht, wie er sonst war.

Er ist liebreich und gütig gegen mich wie immer, aber er ist nicht so heiter. Er ist zerstreut, ist viel an seinem Arbeitstische, arbeitet aber nicht, sondern schaut mit aufgestütztem Haupte nur so vor sich hin.

Er muß einen großen Kummer haben. Hundertmal wollte ich ihn schon fragen, was es sei, aber ich kann nicht, ich vermag's nicht, ich weiß nicht warum. Weiß er etwas, wie könnte er so herzlich mit mir sein, es wäre ja nicht möglich.

30. December.

Er ahnt doch etwas. Heute sprach er davon, daß es Zeit sein dürfte, das Wochenzimmer zu bereiten.

1. Januar 18**

Er ahnt nichts. Wir haben in der Nacht die zwölfte Stunde wachend erwartet.

»Ich segne Dich, Du vergangenes Jahr,« sagte er, »Du hast mir mein Menschenthum verzweifacht. Und ich segne Dich, Du kommendes Jahr, Du wirst es verdreifachen.« Er ist wieder heiter und voll Zuversicht.

5. Januar.

Ich wüßte keine andere Pein, die so höllisch sein könnte, als die meinige ist. Den Menschen, den man über Alles liebt, dem man Alles verdankt, ohne den man nicht mehr leben könnte, mit jedem Tage neuerdings täuschen und betrügen zu müssen.

Ihm gestehen? Meinetwegen glaube ich, daß ich es könnte. Sei es um seinen Haß, lieber den ertragen, als ihn zu hintergehen. Aber seine Verachtung! Nein, ich kann es nicht. Und wie ein Teufel für meine Sünde die Hölle ausschütten in sein liebes Herz? Nein, nein, eher soll er mich im Sarge sehen.

O unseliges Kind! Wie ich Dich hasse, jetzt schon. Das Einzige, was die Mutterliebe für Dich thun kann, daß sie betet, Du mögest das Tageslicht nimmer erblicken. Erscheinst Du mir todt, ach, wie werde ich Dich lieben und dankbar küssen und jubelnd begraben! O, Mutter Maria, ich rufe Dich an! Mein Herz ist zum Zerspringen so schwer. Wenn ich dieses Büchlein nicht hätte! Alles in mich könnte ich nicht verschließen.

13. Januar.

Der Gedanke verläßt mich nicht, o Gott! Es wäre ja zu unser Aller Besten. Mein Fehltritt gebüßt, kein fremdes Wesen zwischen uns. In der Ehe Harmonie und Frieden nach Gottes Willen. Wie kann etwas, das so zum Guten führt, ein Verbrechen sein?

Wenn ich nur mit ihm darüber sprechen könnte, wie über ein Fremdes, so daß ich seine Meinung wüßte für solchen Fall. Einmal hat er gesagt: Den Gott am meisten liebet, den nimmt er als Kind zu sich.

17. Januar.

So bin ich vor mir selbst nicht mehr sicher. Heute Morgens fragte mich Ludwig, woher ich denn plötzlich das Tigerherz genommen? Ich hätte in der Nacht vom Erwürgen gesprochen.

Er mußte merken, wie ich erschrak, denn er sagte sogleich: »Wenn die Frauen so schlimm wären, als ihre Träume – besonders in solcher Zeit! Der Traum ist das Ventil, durch das sich die Laster der tugendhaften Frau austoben.«

Gott wolle, es wäre so!

25. Januar.

Es ist merkwürdig, wie ich seine erste Frau, die ich anfangs als meine größte Feindin betrachtet habe, nun ganz zu meiner Vertrauten mache. Wie sehr sie ihn geliebt hat, er spricht auch nicht ein Wort darüber, aber tausend Spuren geben davon noch Zeugniß.

O weise mich, seliger Geist, wie ich Dich ihm würdig ersetzen kann!

10. Februar.

Heute bin ich das erstemal aus dem Bette. Im Nebenzimmer schläft es.

Ludwig war über die Frühgeburt nicht besonders überrascht. Es ist auch gar zu klein.

Wenn er vom Collegium nach Hause kommt, setzt er sich an's Bettlein und schaut es an. Ich habe immer gehört, es spreche das Blut, das muß doch nicht so sein. Er liebt es so zärtlich.

Wenn ich jetzt denke an meine Gedanken! Ich bin doch ein schlechtes Weib und eine Rabenmutter. Solches nur denken zu können!

Das Kind ist so hilflos und arm, daß ich weinen muß, so oft ich es anblicke. Ich soll ruhen und schlafen, ich kann nicht, ich denke an das Kind immer und immer. Liebe darf es nicht sein, das wäre Untreue gegen Den, der mir in meinen schweren Stunden wieder bewiesen hat, daß er mir Alles ist, daß ich ihm Alles bin. Ich litt viel, er litt noch mehr. Er weinte und lachte, als es geboren war.

Er kommt.

12. Februar.

Und so soll es nun fortgehen? Das Geheimniß soll bleiben und ich soll ihn betrügen bis an's Lebensende?

Das sei nicht. Das sei nimmer.

Gut kann es sich nicht lösen – aber es löst sich, ich weiß einen Ausweg. Da das Kind nicht hier bleiben darf und ich ohne dasselbe nicht sein kann, so muß ich mit ihm fort. Nach Wien, zur Schwester meiner Mutter. Von der Ferne werde ich ihm Alles schreiben und die Form finden, die ihm am wenigsten weh thut. Ludwig ist nicht allein im Hörsaal Philosoph, er wird sich zurechtfinden. Hat er den Verlust des treuen Weibes ertragen können, so wird ihn der des falschen nicht zu Boden drücken. Habe ich sein Andenken an die erste Frau unterbrochen, so wird es nach meiner Flucht – es soll nichts von mir zurückbleiben – wieder erwachen und er wird nicht verlassen sein.

20. Februar.

Ein Schreiben wollt' ich ihm zurücklassen, daß ich ihn bis zu meinem Tode unaussprechlich lieben werde, daß ich von ihm gehe, weil ich seiner nicht werth wäre.

Ich darf es nicht, ich darf diesen Brief, in den ich mein ganzes Herz und Leid gelegt habe, nicht an ihn gelangen lassen, das würde den Schmerz nur steigern. Ich will ohne Alles, so wie eine Undankbare, eine Unwürdige geht, so will ich davongehen.

Seine Verachtung gegen mich soll ihn retten und mich strafen, wie ich es verdiene. O mein Gott!

3. März.

Ludwig ist mit einer kleinen Gesellschaft von Historikern auf einige Tage nach Cilli und Pettau gegangen, um dortige Römerdenkmale zu besichtigen.

Er war sehr munter und sagte zu mir beim Abschied, ich sollte ihm nur recht den kleinen Ludwig hüten.

Ich will nicht d'ran denken, will stark bleiben, ich habe viel zu vollbringen.

Bei dem Packen sehe ich erst, wie wenig ich in dieses Haus gebracht habe, und wie viel von ihm empfangen.

Der Dienerschaft sage ich, es sei verabredet, daß ich der Luftveränderung wegen auf einige Wochen nach Wien gehen werde.

Also heute Nachmittags vier Uhr in Gottesnamen!

6. März.

Nun ist es so gekommen!

Ich zittere jetzt noch, da ich es schreibe. Wozu schreibe ich es nur, ich sage ihm ja Alles und darf es sagen, o Glück!

Ich habe ihn geliebt, jetzt bete ich ihn an und den Nachkommen schreibe ich es entgegen: er ist anbetungswürdig!

Jetzt weiß ich erst, was das ist: ein Mensch! Er hatte mich göttlicher nicht strafen, herrlicher nicht demüthigen können und erheben zugleich, als er es gethan hat. –

Das Kind dicht eingehüllt am Arm, so floh ich wie eine Diebin. Der Wagen stand vor dem Thore; über die Aufregung vergaß ich des Schmerzes, der mich schrecklich gequält hatte die Nacht und den ganzen Tag hindurch.

Am Thore steht Ludwig und fragt den Kutscher, wer wegfahre. Dieser deutet auf mich, die ich hastig aus dem Hause trete.

»Was ist das, Juliana?« ruft Ludwig.

Mir ist zum Zusammenbrechen, er stützt mich und bringt mich und das Kind zurück in die Wohnung.

»Du wolltest – mir entgegenfahren, mein Herz?« fragte er, »konntest es nicht wissen, daß wir die Reise um einen Tag abgekürzt haben.«

»Ludwig,« versetzte ich und mir wollte der Athem versagen, »lass mich jetzt ein wenig rasten, mir ist schlimm zum Sterben. Es wird bald besser sein. Ich will Dir dann was sagen.«

Er führte mich voll zärtlicher Sorgfalt auf mein Zimmer und schloß die Thür ab.

»Daran thust Du wohl, Ludwig,« sagte ich, dann fiel ich vor ihm auf die Knie.

Ich habe ihm Alles gesagt – Alles.

Er hörte es. Sein Blick war traurig, aber blieb liebevoll. Er hob mich auf und setzte sich neben mich, er war blaß, und seine Hand, mit der er die meinige hielt, zitterte sehr.

»Juliana,« sagte er, »diese Stunde mußte kommen, ich habe sie ersehnt, ich habe sie gefürchtet. Gerne möchte ich Dir die Qual mildern, vielleicht dadurch, daß ich Dir sage: Ich wußte es schon, wußte es seit dem Christabend.«

So viel sprach er, dann stand er auf und ging einigemale das Zimmer auf und ab. Hierauf setzte er sich wieder und sagte: »Ich fand an jenem Tage auf Deinem Arbeitstischchen das kleine Notizbuch liegen; es hätte meinetwegen immer dort liegen können, ich sah es nur diesmal, da ich etwas suchte, um Dir ein kleines Gedicht einzuschmuggeln, einen Gruß dem Nahenden, der uns das nächstjährige Christfest feiern helfen soll. Ich pflege nicht indiscret zu sein, aber als ich das Büchlein aufschlug, sprang mir ein Wort in's Auge, das mir sofort Deine nächtlichen Träume und Ausrufe in Erinnerung brachte. Ich mußte lesen, denn es war ein Sturm in mir, den ich beschwören wollte mit Deinen Aufzeichnungen. Aber kein Wort gab mir den Frieden zurück und ich las Alles.«

»Und hast uns nicht verstoßen und hast uns lieben können!« rief ich aus.

»Die Ehebrecherin hätte ich verstoßen,« sagte er ruhig, »Dein Fehltritt war vor dem Tage, da wir uns die Treue gelobten. Ich entschuldige nichts, denn daß es eine große Schuld war, beweist das Leid, welches sie in Dein Herz warf.«

»Und das Kind?«

»Ist unser. Ich gestehe Dir wohl, es war eine schwere Betrübniß in mir, da mich die Thatsache so plötzlich überrascht hatte; aber als ich des Gemeinen Herr wurde und die Wahrheit fand, da war ich zufrieden. Es ist mein Kind, wie es das Deine ist, denn in unseren Armen ruht es, durch unsere Fürsorge wird es gedeihen, durch unser Herz wird das seine genährt und erweckt, durch unser Vorbild wird es uns ähnlich an Seele und Leib. Es wird uns und nur uns lieben und nichts Anderes wissen. Nicht der Augenblick ist mir der höchste, welcher der niedrigste ist und mir möglicherweise vom Kind einst zum Vorwurf gemacht werden kann. Nicht wer das Menschenkind erzeugt, ist sein Vater, sondern wer es erzieht. Diesem nur hat es zu danken, denn dieser macht es zum Menschen, diesen nur kann es lieben. Kein thierisches Band ist es, das mich an unsern Ludwig fesselt, ethische, menschliche Beziehungen sind es, und wenn der Himmel den lieben Kleinen beschützt, so wirst Du sehen, daß keines Andern, daß mein Wesen verjüngt aus ihm hervorgeht. Auch uns verknüpfen dann unlösliche Bande der Natur, aber solche besserer Art, und der nur kann mir mein Anrecht streitig machen, der mir beweist, daß je ein leiblicher Vater sein Kind so theuer erkauft hat, als ich das meine.«

In diesem Sinne hat er gesprochen. Ich wimmerte zu seinen Füßen, dann an seiner Brust wie ein Kind, das den Ruthenstreichen trotzt und durch milde Worte der Liebe zerknirscht ist.

»Jedoch ein ernstes Wort,« so fuhr er fort, »habe ich mit Dir zu sprechen, Juliana, Deiner geplanten Flucht wegen. Ich erwäge die Gründe, die Dich dazu bewogen haben, sie mögen gewichtig sein oder Dir so geschienen haben. Aber ich hätte von Dir so viele Kenntniß meines Wesens und Charakters erwartet, durch welche Du wissen solltest, daß unter allen Umständen ein vertrauensvolles Bekenntniß das Beste gewesen wäre. Ich habe dieses Bekenntniß von Dir fast bestimmt noch vor der Geburt des Kindes erwartet; es hätte Dir Beruhigung und Muth gebracht, es hätte Dich meinem Herzen wo möglich noch näher gebracht, schon durch das Mitleid mit der Reuigen und durch den Vortheil, verzeihen zu können. Wie, wenn Du in den Wochen hättest sterben müssen, gepeinigt von dem Gewissen, und ohne von mir den Beweis der wahren Liebe, den ich heute erbringen kann, hören zu können! Das Alles war nicht, aber verlassen wolltest Du mich heimlich, uns Drei in ein Elend stürzen, wie ein größeres auf dieser Welt kaum zu denken ist. Diese Untreue, meine Juliana, ist mir noch schmerzlicher, als die erste es war ...«

An all das kann ich mich noch erinnern, daß er's gesagt hatte, dann weiß ich nicht mehr, was mit mir geschah. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bette, der Arzt stand neben mir und zu meinen Häupten Ludwig, der mir mit einem kühlen Tuch die Stirne trocknete.

Ich legte den Arm um seinen Nacken, und sein liebes Haupt beugte sich nieder auf mein Gesicht, und auf meine Stirne fiel eine warme Thräne ...


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Als ein letztes Siegel der Treue, ja sozusagen als eine Votivtafel zur Danksagung für ein so seltsamerweise gefundenes Eheglück fühlte sich die Frau Professorin veranlaßt, diese Tagebuchblätter – selbstverständlich mit Hinweglassung der persönlichen Merkmale und Erkennungszeichen – zu veröffentlichen.

Ich, der ich dieses zu vermitteln übernahm, habe nur zwei Bedenken: als erstes, ob die Scrupel der Frau, als zweites, ob die Philosophie des Mannes wohl das richtige Verständniß finden werden?

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