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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleDas Gemeindekind
pages9-238
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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4

Pavel verlor kein Wort über sein Unglück. Als Vinska ihn schelmisch lachend fragte, wo seine Stiefel wären, führte er einen so derben Schlag nach ihr, daß sie schreiend davonlief. Auch die Erkundigungen seiner Schulkameraden fertigte er mit Püffen ab; die ärgsten erhielt Arnost, der ihn dafür beim Lehrer verklagte. Damit war aber nichts getan, denn es gehörte zu den Eigentümlichkeiten des letzteren, daß er gleich stocktaub wurde, wenn einer seiner Zöglinge sich über den andern beschwerte. Eine Woche verfloß, Pavel erschien nicht mehr in der Schule; er ging aus freien Stücken in die Fabrik und arbeitete dort von früh bis abends. Mehrmals schickte der Lehrer nach ihm, und da es vergeblich blieb, begab er sich endlich in eigener Person nach der Wohnung Virgils, um den Buben abzuholen. Das Weib des Hirten empfing ihn und verblüffte ihn, bevor er noch den Mund auftun konnte, durch die lauten Ausbrüche ihres Jammers. Nach fünf Minuten war dem Lehrer, als ob er unter einer Traufe stände, aus der statt Regentropfen Schrotkörner auf ihn niederhagelten. Ihm wurde ganz wirr in seinem müden und schmerzenden Kopf.

Die Frau rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen ihrer Leiden an. Nein, sie hatte nicht geahnt, was sie sich aufhalste, als sie dareingewilligt, das Kind des Gehenkten und der Zuchthäuslerin bei sich aufzunehmen. Viel war ihr im Leben schon begegnet, aber etwas so Schlechtes wie der Bub noch nie. Jedes Wort aus seinem Munde ist Trug und Verleumdung. Erzählt er nicht, daß seine Pflegeeltern ihn abhalten, in die Schule zu gehen, und daß sie den Wochenlohn einstecken, den er in der Fabrik verdient?

Von Entrüstung hingerissen, setzte sie hinzu, die bösen Augen weit geöffnet und bedeutungsvoll auf den Alten gerichtet: »Redet er nicht noch ganz anderen als uns armen Leuten, mit Respekt zu melden, grausige Dinge nach?«

Der Lehrer hatte sein Taschentuch gezogen und drückte es an den kahlen Scheitel. Er kannte die Gerüchte, die über ihn im Schwange waren, und es bildete den Zwiespalt in ihm, daß sie ihn manchmal verdrossen und daß er sich ein anderes Mal einen Spaß daraus machte, sie zu nähren. Heute war das erstere der Fall; er winkte abwehrend: »Still still! Halte Sie ihr Maul.«

»O Jesus Maria, ich!« rief das Weib, »ich red nicht! ich möcht mir lieber die Zunge abbeißen... Keinen Pfifferling sollten sich der Herr Lehrer mehr kümmern um den schlechten Buben, sag ich nur... Die schönen Stiefel! Nicht zwei Tage hat er sie gehabt.«

»So, wo sind sie?«

Die Virgilova (wie sie im Ort genannt wurde) ergoß sich in einem neuen Redeschwall: Wo die Stiefel geblieben seien, müsse der Herr Lehrer den Juden fragen, dem der Bub sie vermauschelt habe. Der Jud werde freilich nichts davon wissen wollen, zeterte sie, und Habrecht, völlig betäubt, hielt sich die Ohren zu und trat den Rückzug an. Nach einigen Schritten jedoch blieb er stehen, wandte sich und befahl der Frau, Pavel morgen ganz gewiß in die Schule zu schicken. Sie versprach, den Auftrag zu bestellen, und tat es, indem sie Pavel am Abend mitteilte, der Herr Lehrer sei dagewesen und ließe ihm sagen, nicht mehr unter die Augen solle er ihm kommen.

Die Ermahnung war überflüssig; Pavel wich ohnehin dem Schulmeister auf hundert Schritte aus.

Der Vinska hingegen lief er nach und gehorchte ihr wie ein knurriger Hund, der, unzufrieden mit seinem Herrn, immer zum Aufruhr bereit ist und sich doch immer wieder unterwirft. Was sie wollte, geschah; er besorgte ihre Botengänge; er stahl für sie Holz aus dem Walde, Eier aus den Scheunen der Bauern; er geriet ganz und gar unter ihre Botmäßigkeit.

Indessen, was ihn auch beschäftigte, wohin er auch wanderte – eines vergaß er nicht; einen Umweg scheute er nie und niemals; Tag für Tag kam er ans Tor des Schloßgartens und spähte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses an. Anfangs mit sehnsüchtiger Hoffnung im Herzen, später, als ihm diese allmählich erloschen war, aus alter Gewohnheit.

Eines schönen Mainachmittags fand er, als er an seinen Beobachtungsposten trat, zu seiner höchsten Überraschung das Gartentor offen. Unter den Säulen der Einfahrt stand die Equipage der Frau Baronin, eine geschlossene Kalesche, mit dicken Fliegenschimmeln bespannt. Die Dienerschaft drängte sich grüßend und knixend um den Wagen, auf dem ein Koffer aufgebunden war. Nun flog der Schlag lärmend zu, der Lakai sprang zum Kutscher auf den Bock, der schwere Kasten schwankte auf den Schneckenfedern, das Gefährt setzte sich in Bewegung. In kurzem Trabe umkreiste es den Hof, bog ganz langsam um die Ecke am Torpfeiler und rollte der Straße zu. Pavel hatte einen Blick in das Innere des Wagens geworfen und war zurückgefahren wie geblendet. Er preßte das Gesicht an die Mauer; er schloß die Augen und sah dennoch wieder – sah mit den geschlossenen klar und deutlich, was er eben mit seinen offenen Augen gesehen: – die Frau Baronin war nicht allein in ihrem wunderbaren Wagen; neben ihr saß ein kleines Fräulein, in schönen Kleidern, mit einem Hütchen auf dem Kopfe, und hatte wohlbekannte, hatte die Züge Miladas, aber so runde und rosige Wangen, wie seine Schwester nie gehabt.

Plötzlich richtete der Bursche sich empor und sprang in tollen Sätzen dem Wagen nach. Der hatte abermals eine Wendung gemacht und glitt mit eingelegtem Radschuh im Schritt der dicken Schimmel den Abhang des Schloßbergs hinab. Pavel lief quer über das grüne Feld, lief der Kalesche voraus und erwartete sie, am Wegrain aufgestellt, pochenden Herzens. Sie kam quietschend und rasselnd heran, und der Junge streckte sich, guckte und erblickte abermals die liebliche Erscheinung von vorhin. Und jetzt war auch er gesehen worden, ein Freudenjauchzen drang an sein Ohr, die Stimme Miladas rief: »Pavel, Pavel!...« Mit solchem Ungestüm warf das kleine Mädchen sich ans Fenster, daß die Scheibe klirrte und in Stücke brach. Sogleich hielt die Karosse, und der Bediente schickte sich an, vom Bock zu steigen. Hastig befahl die Baronin: »Sitzenbleiben! Vorwärts, jagt den Buben fort!« Die Peitsche knallte um Pavels Kopf, und drinnen im Wagen erscholl lautes Jammergeschrei... Dazwischen ließ ernster, liebevoller Zuspruch sich vernehmen. – Pavel sah, daß die alte Dame das Kind an sich gezogen hatte und daß es in ihren Armen weinte. Dieses Weinen ging ihm durch Mark und Bein; dieses Weinen mußte aufhören, dem mußte er ein Ende machen.

Da stieß er auf einmal einen Jauchzer aus, wie er dem Übermütigsten nicht besser gelungen wäre, und begann in gehöriger Entfernung von der Kutscherpeitsche bärenplump und emsig Räder und Purzelbäume zu schlagen. Wenn der Atem ihm auszugehen drohte, stand er still, lachte zu der Kleinen hinüber, machte Zeichen und schnitt Gesichter, bis sie endlich in ein fröhliches Gelächter ausbrach. Ach, wie hüpfte ihm das Herz im Leibe, als er einmal wieder ihr liebes Lachen vernahm! -

Die Entfernung zwischen ihm und dem Wagen wuchs und wuchs.

Pavel lief und sprang nicht mehr; er schritt nur noch, und als er am großen Berge angelangt war, erklommen die Schimmel eben dessen steilen Gipfel. Mühsam keuchte er die Höhe hinan, und oben brach er zusammen, mit hämmernden Schläfen, einen rötlichen Schein vor den glühenden Augen. Zu seinen Füßen breitete die sonnenbeglänzte Ebene sich aus; an der Grenze derselben lag die Stadt; einzelne ihrer Häuser schimmerten schneeweiß herüber; die vergoldeten Spitzen der Kirchtürme glitzerten wie Sterne am blauen Tageshimmel. In der Richtung gegen die Stadt schlängelte sich die Straße durch die grünen Fluren, und auf der Straße glitt ein schwarzer Punkt dahin, und diesen Punkt verfolgte Pavel so inbrünstig mit den Blicken, als ob das Heil seiner Seele davon abhinge, daß er ihm nicht entschwinde. Als es geschah, als die Schatten der Auen den kleinen Punkt aufnahmen und ihn nicht mehr zum Vorschein kommen ließen, streckte sich Pavel flach auf die Erde und blieb so regungslos liegen wie ein Toter... Seine Schwester war ein Fräulein geworden und war fortgefahren in die Stadt. Wenn er jetzt ans Gartentor kam, mochte er nur vorübergehen; mit der Freude, nach der Kleinen auszulugen, war es nun nichts mehr. Herb und trostlos fiel der Gedanke an den Verlust seines einziges Glückes dem Jungen auf die Seele. Gern hätte er geweint, aber er konnte nicht; er wäre auch gern gestorben, gleich hier auf dem Fleck. Er hatte oft seine Existenz verwünschen gehört, von seinem eigenen Vater wie von fremden Menschen, und nie ohne innerste Entrüstung dabei zu empfinden; jetzt sehnte er sich selbst nach dem Tod: und wenn es einmal so weit gekommen ist mit einem Menschen, kann auch das Ende nicht mehr ferne sein, meinte er. Und steht es einem nicht frei, es zu beschleunigen? Es gibt allerlei Mittel. Man hält zum Beispiel den Atem an, das ist keine Kunst; es handelt sich nur darum, daß es lange genug geschieht. Pavel unternimmt den Versuch mit verzweifelter Entschlossenheit, und wie er dabei den Kopf in die Erde wühlt, regt sich etwas in seiner Nähe, und er vernimmt ein leises Geräusch, wie es durch das Aufspreizen kleiner Flügel hervorgebracht wird. Er schaut...

Wenige Schritte von ihm sitzt ein Rebhuhn auf dem Neste und hält die Augen in unaussprechlicher Angst auf einen Feind gerichtet, der sich schräg durch die jungen Halme anschleicht. Unhörbar, bedrohlich, grau – eine Katze ist's. Pavel sieht sie jetzt ganz nah dem Neste stehen; sie leckt den lippenlosen Mund, krümmt sich wie ein Bogen und schickt sich an zum Sprung auf ihre Beute. Ein Flügelschlag, und der Vogel wäre der Gefahr entrückt; aber er rührt sich nicht. Pavel hatte über der Besorgnis um das Dasein des kleinen Wesens alle seine Selbstmordgedanken vergessen: – So flieg, du dummes Tier! dachte er. Aber statt zu entfliehen, duckte sich das Rebhuhn, suchte sein Nest noch fester zu umschließen und verfolgte mit den dunklen Äuglein jede Bewegung der Angreiferin. Pavel hatte eine Scholle vom Boden gelöst, sprang plötzlich auf und schleuderte sie so wuchtig der Katze an den Kopf, daß sie sich um ihre eigene Achse drehte und geblendet und niesend davonsprang.

Der Bursche sah ihr nach; ihm war weh und wohl zumute. – Er hatte einen großen Schmerz erfahren und eine gute Tat getan. Unmittelbar nachdem er sich elend, verlassen und reif zum Sterben gefühlt, dämmerte etwas wie das Bewußtsein einer Macht in ihm auf... einer anderen, einer höheren als derjenigen, die seine starken Arme und sein finsterer Trotz ihm oft verliehen. Was war das für eine Macht? Unklar tauchte diese Frage aus der lichtlosen Welt seiner Vorstellungen, und er verfiel in ein ihm bisher fremdes, mühevolles und doch süßes Nachsinnen.

Ein lauter Ruf: »Pavel, Pavel, komm her, Pavel!« weckte ihn.

Auf der Straße stand der Herr Lehrer, den einer seiner beliebten Nachmittagsspaziergänge bis hieher geführt hatte und der seit einiger Zeit den Jungen beobachtete. Er trug einen Knotenstock in der Hand und versteckte ihn rasch hinter seinem Rücken, als Pavel sich näherte.

»Du Unglücksbub, was treibst du?« fragte er. »Ich glaube, du nimmst Rebhühnernester aus?«

Pavel schwieg, wie er einem falschen Verdacht gegenüber immer pflegte, und der Schulmeister drohte ihm: »Ärgere mich nicht, antworte... Antworte, rat ich dir!«

Und als der Bursche in seiner Stummheit verharrte, hob der Lehrer plötzlich den Stock und führte einen Schlag nach Pavel, dem dieser nicht auswich und den er ohne Zucken hinnahm.

Im Herzen Habrechts regten sich sofort Mitleid und Reue.

»Pavel«, sagte er sanft und traurig, »um Gottes willen, ich hör nur Schlimmes von dir – du bist auf einem schlechten Weg; was soll aus dir werden?«

Diese Anrufung rührte den Buben nicht, im Gegenteil: eine tüchtige Dosis Geringschätzung mischte sich seinem Hasse gegen den alten Hexenmeister bei, der ihn betrogen hatte.

»Was soll aus dir werden?« wiederholte der Lehrer.

Pavel streckte sich, stemmte die Hände in die Seiten und sagte: »Ein Dieb.«

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