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Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau

Marie Tihanyi Gräfin Sturza: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
titleDas Gelübde einer dreißigjährigen Frau
authorMarie Tihanyi Gräfin Sturza
publisherArthur Cavael
year1905
firstpub1905
senderwww.gaga.net
created20050901
projectidf50458f6
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I.

»Anna! – Anna! Hören Sie denn nicht? Es läutet schon zweimal, und Sie machen noch immer nicht auf!«

»Natürlich habe ich gehört; das ist doch kein Grund, alles aus der Hand fallen zu lassen, es brennt ja nicht im Haus. Aber den Leuten da ist es wohl einerlei; sie glauben, man hat nichts anderes zu tun, als ihrer Läuterei nachzulaufen,« brummte die brave alte Anna in ihrer Küche vor sich hin.

Die Tür zum kleinen Salon, in dem Fräulein Deaken vor einem mit Heften ganz beladenen Tische saß, stand offen. Sie korrigierte eines dieser Hefte.

Ein drittes Mal ertönte die Glocke, diesmal schon mit allen Zeichen von Ungeduld.

»Oho, das ist aber doch schon zu arg,« sprach Fräulein Deaken sich erhebend und schleppte sich schweren Schrittes zur Tür: »Ich versichere Sie, Anna, so kann es nicht mehr weiter gehen –- wenn ich selbst die Tür öffnen muß...«

Gut, gut, ich geh' ja schon, bemühen Sie sich nicht, gnädiges Fräulein,« sprach Anna, indem sie sich den Zipfel ihrer fleckigen Schürze in den Gürtel steckte. »Es ist sicher Fräulein Stella – nur die macht solchen Randal – da sehen sie, was habe ich gesagt?«

»Sie sind geradezu unausstehlich!« wandte sich Fräulein Deaken zu der alten Magd. »Gehen Sie in Ihre Küche und machen Sie die Türe zu.«

Anna tat trotz der Rüge nichts dergleichen, sondern stellte sich vor Fräulein Deaken hin: »Ich sollte aber doch schon einmal wissen, was ich für Mittag zu kochen habe,« erwiederte sie.

»Geben Sie endlich Ruh' und schauen Sie, daß Sie in die Küche kommen. – Ich bitte um Entschuldigung, meine Damen, dieser alte Eigensinn bringt mich ganz aus der Fassung... Treten Sie ein, meine Damen.«

Eine junge Frau und ein junges Mädchen traten lächelnd ein, sie schienen es gewohnt zu sein, derlei Zänkereien hinter der geschlossenen Türe des Fräulein Elise Deaken zu hören.

»Bon jour, Miß, wieder ein Streit mit Ihrer sweatmaid?« fragte das junge Mädchen, Stella Ellissen, indem sie eine Ledermappe mit Heften und Büchern auf den Tisch und ihren Hut auf den Divan warf – aber auch schon vor dem Spiegel stand, um ihre zerzausten Haare zu ordnen – die Arme erhoben, die Brauen gerunzelt, den Mund gespitzt, denn ihre blonden Löckchen waren rebellisch geworden.

Frau von Ellissen und der »englische Professor«, wie man Fräulein Deaken in vertrautem Kreise nannte, drückten sich mit freundlichem Blicke die Hand.

»Haben wir auch gearbeitet?« fragte die Miß in zweifelndem Tone.

»Ein wenig... Entsetzlich, diese Gedichte von Tennyson... Ich möchte lieber übersetzen.«

»Was denn, kleine Närrin?«

»Etwas von Swinbure – oder lieber gar nichts, wenn ich aufrichtig sein soll.«

»Aber, aber, sei doch vernünftig. Man muß lernen, um etwas zu wissen.«

»Was zu wissen? Englische Gedichte auswendig schnattern? Welch albernes, dummes Zeug!«

»Stella,« sagte Frau von Ellissen sanft, »welche Sprache, welcher Ton!«

»Yes, my mother, I know. Ich bin nun einmal eine schlecht erzogene Tochter, du hast mich zu spät in die Hand bekommen; ich sehe es ja ein. Aber man muß sich daran gewöhnen, es ist der Schick der modern erzogenen jungen Mädchen.«

Frau von Ellissen zuckte leicht die Achseln mit dem sanften Lächeln, setzte sich und blätterte in den Büchern, die auf dem Tische lagen, während Miß Stella's Hefte prüfte.

Der Unterricht begann, unterbrochen von vorlauten Bemerkungen Stella's, mitunter auch von einem kurzen Meinungsaustausch zwischen Miß und Frau von Ellissen. Letztere ließ sich auf einen Stuhl am offenen Fenster nieder, das auf den Kirchenplatz ging und zerstreute sich an dem einförmigen, schleichenden Hin und Her der Provinzler; dann lehnte sie sich hinaus und schaute auf die romantische Vorhalle der Kirche, deren Schwelle zu dieser Stunde niemandes Fuß überschritt.

Die Miß wandte sich an die junge Frau:

»Haben Sie nicht im Vorbeigehen dem Orgelspiel ein wenig zugehört?«

»Wir sind sogar eingetreten, um besser zu hören,« antwortete Frau von Ellissen, »es wurden Gesänge und Präludien von seltener Schönheit geprobt.«

»Wirklich ganz herrlich,« bemerkte Stella, die sich mit den Ellenbogen auf den Tisch gelümmelt hatte und mit ihrer Hand die Feder anmutig im Kreise herumtanzen ließ.

Die Miß versuchte, ihr einen unzufriedenen Blick zuzuwerfen und erteilte ihr eine kleine Rüge:

»Ihre Aufgaben, Stella ... doch etwas schneller, nicht so nachlässig.«

»Ich arbeite ja, Miß, darf man denn nicht einmal verschnaufen?«

Als Stella sich wieder an das Schreiben machte, wandte sich Miß neuerdings an Frau von Elissen:

»Ja, man übte die von Friedrich Seuriet komponierte Hymne, welche zu Ostern aufgeführt werden soll.«

»Unter der Leitung Ihres Bruders, nicht wahr?«

»Nein, Franz hat für diese Aufführung seinen Platz einem seiner Schüler übertragen.«

»Also doch!« sagte Stella sich umwendend. »Ich merkte gleich, daß auf das Instrument schrecklich eingehauen wurde.«

»Stella, du bist ungezogen,« rief Frau von Ellissen.

»Lassen Sie nur,« entgegnete die Miß mit einem leichttraurigen Lächeln. »Stella ist aufrichtig und wir wissen, daß ihr das Spiel meines Bruders nicht so gut gefällt, wie das des Baron Seuriet.«

»O nein, Miß, das ist nicht richtig; nicht das Spiel des Herrn Deaken ist es, daß mir nicht gefällt, sondern das, was er spielt. Und würde er auch Seuriet, Bach, Frank oder Berlioz spielen – Sie sehen ich bin nicht wählerisch – ich würde, es geradeso bewundern, wie Ihr beide, was nicht wenig heißen soll, hu? Mich langweilt all dies Zeug – ich habe immer Lust dabei zu singen: »Manon, Manon« oder »Ihr Engel rein, vom Himmel her«, anstatt mich ins Gebet, in tiefe Andacht zu versenken. Ich kann nichts dafür, daß ich so bin – ich bin eben so!«

»Sagen Sie mir nur, wo Sie das alles hernimmt?« fragte Frau von Ellissen in einem Ton, der unzufrieden schien.

»Keinesfalls aus den Gedichten von Tennyson,« antwortete die Miß und schlug mit der Hand leicht auf das vor ihr liegende Buch, um die Aufmerksamkeit ihrer Schülerin zu wecken.

»Wie? noch?« brummte Stella leise.

»Sie haben ja noch nicht einmal angefangen. Ich bemerke Ihnen, daß ich Sie hier behalten werde, bis Sie mit der Seite fertig sind.«

»So? Dann – du hast gehört, Mama, da kannst du spazieren gehen. Ich schlafe hier. Miß, haben Sie ein Zimmer? – mit einem guten, weichen Bett – wo sich's süß träumen läßt – zum Beispiel von Faust und Gretchen? Ich sag's Ihnen lieber gleich, ich beanspruche ein gutes Kopfkissen, also überlegen Sie sich's!«

»Sie ist wirklich fürchterlich!« erwiderte die Miß lächelnd und wider Willen an dem verzogenem Kinde Gefallen findend, das sie hatte aufwachsen sehen. Und schließlich ist es eine traurige Berufspflicht, niemals recht ernstlich zu schelten, selbst wenn man im geheimen vor Abspannung, Langeweile, Gereiztheit über solch quälendes Geschwätz weinen möchte.

Frau von Ellissen stand auf und knöpfte sich die Handschuhe zu:

»Dann habe ich Zeit, einige Besuche zu machen... Ich hole dich in einer Stunde ab; nicht wahr, Miß?«

Die Miß machte ein Zeichen des Einverständnisses, ohne das Stella es bemerkte. Das junge Mädchen wandte mit einer drolligen Grimasse seinen blonden Kopf:

»Mich abholen? Stets knapp auf meiner Ferse sein, als wäre ich immer noch fünf Jahre alt? Nein, wirklich, Mama, du glaubst nicht, wie albern das ist. Ein längst überwundener Standpunkt, diese Art, junge Mädchen zu erziehen! Sagen Sie ihr doch, Miß, Sie, die in Amerika erzogen sind, daß wir hier als kleine Gänse aufwachsen, duckmäuserisch, scheu, wie Puppen, ohne jede Selbständigkeit. Wir werden behütet bis ins höchste Alter... Mama, ich bin achtzehn Jahre alt!«

»Ja achtzehn Jahre...« wiederholte Frau von Ellissen.

»Du meinst also, man müsse behütet werden bis man heiratet. – Ich glaube nicht daran, daß uns Mädchen der Verstand und die Weisheit erst mit der Ehe kommen; wo ich mich heute nicht zu benehmen weiß, werde ich es morgen auch nicht können, wenn ich auch das Recht habe, mich Frau zu nennen. Brr! Da fängt erst dann das leben an. Das Wort Frau verdeckt viel, ja, alle Türen sind dann offen, und man kann fliegen, wohin man nur will, allein. – Ja, das ist eine Logik! – Also du denkst, wenn ich jetzt so, mit meiner ledernen Mappe unter dem Arm, allein, unbehütet nach Hause ginge, ich würde ganz Entsetzliches riskieren? Wenn mir aber dieses Risiko angenehm wäre, was dann, schönes Mamachen?«

»Es handelt sich hier nicht um Risikos,« sprach die Miß, »sondern um die gute Sitte, liebes Kind. Wir sind hier nicht in London und nicht in New York, wir sind hier in einer Provinzstadt.«

»Ach ja!«

»Eine Stadt aus heutiger Zeit, Die 'nen Schwarm Arbeiter in die Straßen speit. Brave Leute.«

»Möglich. Aber von mangelhafter Bildung und nicht gewohnt, wohlerzogene Mädchen abends allein auf der Straße zu sehen.«

»Sie wurden mich natürlich auffressen?«

»Nein, das wohl nicht, aber sie könnten Flegeleien zu hören bekommen.«

»Sie glauben doch nicht, Miß, daß ich ihnen nicht zu antworten wüßte, welcher Art immer diese Flegeleien auch wären.«

»Stella,« seufzte Frau von Elissen, »Du machst mir Kummer!«

»Aber süßes, schönes Stiefmütterchen, sprich doch nicht so. Du weißt genau, daß ich nur etwas übermütig bin! Mit solchen Flausen gibt man aber dem Geist der Kinder eine falsche Richtung. Geh', du wirst dich ändern, und ich werde dich bekehren.«

»Wozu wirst du mich bekehren?«

»Ich werde dich die Grundsätze von der Freiheit des Weibes lehren!«

»Wenn du keine anderen Argumente hast...«

»Oh! ich habe auch noch andere.«

»Stella,« rief die Miß. »Ihre Aufgaben, arbeiten Sie doch!«

»Auf allerhöchsten Befehl, nicht wahr? So tust du meinem Geschmack, meinen Bestrebungen, Gewalt an. Du unterwirfst mich einer Erziehungsmethode, die meinem innersten Fühlen widerstrebt. Und du meinst, ich soll mich dagegen nicht auflehnen?«

»Wenn Sie mit Ihrer Auflehnung fertig sind, Stella,« sagte die Miß mit sanfter Stimme aber entschiedenen Tones, »werden Sie einsehen, daß ich meine Zeit verliere. Und diese Zeit ist kostbar, ich lebe von meiner Arbeit. Es ist viel besser, an seine Pflichten gegen andere zu denken, als an die Rechte die man allenfalls für sich selbst geltend machen könnte.«

»Ich bitte um Verzeihung, Miß,« murmelte Stella ein wenig beschämt. Aber eine strenge Falte, die plötzlich zwischen ihren Brauen erschien, bezeugte ebensowohl die Hartnäckigkeit ihres Gedankens, als die Unzufriedenheit darüber, sich einer Bemerkung unterwerfen zu müssen, gegen die ihr Geist sich auflehnte.

»In einer Stunde,« sprach Frau von Ellisssn, indem sie sich zur Türe wandte. Und sich umkehrend: »Ich werde den Wagen schicken, Euch beide abzuholen. Sie speisen doch heute abend bei uns?«

»Ich bin heute sehr müde und habe noch alle diese Hefte zu korrigieren,« antwortete die Miß.

»Der Wagen wird Sie zeitig zurückbringen,« sagte Frau von Ellissen. »Und vergessen Sie nicht, Ihrem Bruder ein Wort zurückzulassen, daß er nachkommen möge.«

»Hm,« meinte die Miß und warf einen malitiösen Blick auf Stella, die während dieser Einladung ein unfreundliches Schweigen beobachtete, »wenn es meinem Bruder einfiele, seine Zeche mit »musikalischen Phrasen« zu bezahlen, kenne ich ein kleines Persönchen, das nicht zufrieden wäre.«

»Sie irren sich, Miß,« warf Stella gereizt ein, »ich werde Herrn Deaken sogar bitten, mich zu entschädigen und mir einige hübsche Sachen von Herrn Seuriet vorzuspielen.«

Die Miß sah sie ohne zu antworten gerührt an, wechselte leicht die Farbe und wandte dann den Blick zu Frau von Ellissen, die ein unbestimmtes Erstaunen auf der Schwelle festhielt. In ihrer himmlischen Güte räusperte sie sich sofort, rückte ihren Sessel, warf einige Bücher hinunter, seufzte, klagte über ihre Ungeschicklichkeit, kurz, bemühte sich durch Geräusch das plötzlich entstandene drückende Schweigen zu brechen. Dann neigte sie sich über Stella's offenes Buch und fragte zärtlich:

»Wo sind wir, mein Töchterchen?« darauf wandte sie sich zu Frau von Ellissen. »Also, heute abend, einverstanden!«

»Also heute abend, auf Wiedersehn!« sagte die junge Frau.

Ihr Wagen erwartete sie im Schatten vor dem Kirchentor, da die Straße, in der Miß Deaken wohnte zu schmal war, um ohne Schwierigkeit wenden zu können. Es war eine elegante kleine Equipage. Zunächst aber trat Frau von Ellissen in die Kirche, neigte sich demütig vor dem Allerheiligsten und warf einen Blick auf die Orgel. Da niemand mehr dort war, verließ sie raschen Schrittes die Kirche, stieg in den Wagen und rief dem Kutscher zu:

»Nach Hause.«

Von der Schwelle ihrer Läden sahen ihr die Kaufleute freundlich nach und riefen einander, wie jedesmal die Worte zu:

»Die schöne Frau von Elissen! ...«

»Eine so gute liebenswürdige Dame!«

Der Wagen bog ein und fuhr über die Kais, entlang an den großen Fabriken, in welchen Tuche, der berühmte Industrieartikel des Landes, gewebt, gewalkt und gefärbt wurden.

Während der Fahrt mußte Frau von Ellissen oft nach rechts und links grüßen, da sie Arbeitern begegnete, die sie alle kannten. Denn sie hatte den schönsten Teil ihrer Jugend, ihre Mädchenjahre, hier verbracht. Und obgleich die Fabrik nach dem Tode ihres Mannes verkauft worden war, war ihr Interesse für das Schicksal und das Elend der Arbeiter immer noch rege geblieben. Keiner von ihnen hatte den Weg zum Landhause vor den Toren der Stadt vergessen, das sie damals stets durch einige Sommermonate bewohnte, während es jetzt ihr dauernder Witwensitz geworden war. Dorthin kamen sie, nicht nur um materielle Hilfe zu suchen, sondern auch moralischen Halt, der öfter schon Revolten hintangehalten hatte. Denn diese freimütige Frau besaß die Gabe, schon allein durch ihre überquellende Güte zu beruhigen, zu versöhnen, Mißverständnisse zu beseitigen, den rechten Weg zu erkennen und jedem zu zeigen. Sie tat das alles ohne moralisierende Redensarten, ohne schöne Tiraden, ohne frömmelnde Predigten. Sozialistische Schlagworte waren ihr fremd, wie überhaupt ihr philosophisch ungeschultes Denken auch nicht den Schatten einer Theorie aufkommen ließ. Sie war eine ehrliche Natur, mit klarem Sinn für Recht und Unrecht, erfüllt von fast krankhafter Empfindsamkeit sodaß sie oft darunter litt, wenn ihre Seele von den vielen sie umgebenden Leid getroffen ward. Jeder Gedanke, jede Handlung Frau von Ellissen's hatten Quelle und Triebfeder in ihrem Herzen. Von etwas schwachem Charakter, besaß sie nur Kraft zur Liebe. Diese war, wie sie sagte, die Achse, die treibende Kraft, der Ausgangspunkt ihrer Lebensäußerungen, die allein das Räderwerk ihrer Maschine in Bewegung setzte. Dieses Bildes bediente sie sich, um den Arbeitern den Ideal-Mechanismus darzustellen, auf den sie ihre Tätigkeit zurückzuleiten bemüht war.

»Prägt euch das nur gut ein,« wiederholte sie ihnen stets, »man muß lieben und zu lieben verstehen. Bringt einander Opfer, ohne Rücksicht auf euch selbst, und ihr werdet ruhig, ihr werdet stark, ihr werdet mächtig sein. Wenn ihr euch aber in euren Egoismus, in eure Persönlichkeit vergrabt, werdet ihr nichts Gutes erreichen, nichts, als daß ihr andern und euch selbst Übles zufügt. Findet ihr nicht, daß es Elend und Schmerz genug gibt auf Erden? Nicht wahr? Liebet also alles, was euch umgibt; alles, von den Tieren, die uns so schmerzvoll geopfert sind bis zu euren Brotherren, die von euch selber das Beispiel des Mitleides und der Güte erhalten müssen. Das überträgt sich, seht ihr, sowie sich die Bewegung eurer Maschinen nach und nach auf alle ihre Teile überträgt, bis sie schließlich den kleinsten Zylinder in Bewegung setzt. Seid der Hebel, der ausrückt und die Masse in seine mächtige Umdrehung mitreißt. Glaubt mir, denn ich liebe euch!«

Und sie küßten ihr die entgegengestreckten Hände und kehrten heim, mitgerissen von ihrer Güte und Liebe.

Als am Ende des Kais Frau von Ellissen's Wagen über die Brücke fuhr und in die große Allee einbog, die von mächtigen, säulengleichen Ulmen gebildet war, schweiften ihre Augen, bewegt vom Anblick der Fabriksgebäude, die einst ihr Eigentum gewesen und die Erinnerung an eine schon ferne Vergangenheit aufrollten, liebevoll über die grünende Ebene mit ihren Gärten, ihren Häuschen, die sich bis an die, den Horizont abschließenden, nur durch den Einschnitt des Flusses unterbrochenen, von leichtem Nebel bedeckten Anhöhen erstreckten.

Ihre Träumerei pflegte sich ihrer Umgebung anzupassen und je nach der Gegend, durch die sie kam, zu wechseln. In ihrer zarten Empfindsamkeit war sie allen äußeren Eindrücken preisgegeben. Sie behauptete, vom Reflex der Dinge auf beinahe brutale Weise »berührt« zu werden, so daß sie von plötzlichen Schmerzgefühlen zu unerwarteter Freude übergehen konnte ohne sich dessen erwehren zu können. Und sie versuchte das nicht einmal, als ob sie an einer Erkrankung des Willens litte, die nur dann aufhörte, wenn es galt, einen Kampf zu Gunsten anderer zu führen. Die zarten Blüten zwischen dem jungen Grün, die Freude, die aus den neuverjüngten Wiesen aufstieg und die vom Gezwitscher der Vögel bei ihren Kämpfen um die Nester gepriesen zu werden schien, erfüllte sie mit einem leisen, weichen Sehnen, das ihr Herz in neuer Hoffnung schwellte. Sie schlug ihren Schleier zurück, befreite den Nacken von der gefälteten Krause, die über ihr Gesicht einen, ihrer reifen Schönheit günstigen sammetartigen Schatten warf, und atmete tief, die Lippen halb geöffnet. Dann belebten sich ihre Augen beim Anblick der spitzen Dächer ihres jetzt schon nahen Hauses: ein rosiger Hauch umspielte sie, der ihren Wangen frischen Glanz verlieh.

Der Wagen fuhr durch das Gittertor und blieb vor der Freitreppe stehen. Frau von Ellissen erstieg sie mit geschmeidiger Beweglichkeit, wobei ihre schlanke Taille sich auf den schön geformten Hüften wiegte, deren harmonische Linie ihre dreißig Jahre gekräftigt aber nicht zerstört hatten. Sie fragte das herbeeilende Stubenmädchen:

»Ist niemand gekommen?«

»Doch, gnädige Frau, Baron Seuriet.«

»Ist er wieder fortgegangen?«

»Nein, gnädige Frau, ich sah den Herrn Baron über die Gartentreppe gehen, er dürfte im Park sein.«

Frau von Ellissen lächelte, stieg eilig die Treppe hinauf und verfügte sich in ihr Zimmer. Dort trat sie geradenwegs ans Fenster, das in den Park ging, lehnte sich hinaus und zog sich gleich wieder zurück. Vem Fenster gegenüber wiegte sich ein junger Mann in einem Rocking-chair und sah dem blauen Rauch seiner Zigarette nach. Mit dem Ende seines leichten Spazierstockes, den er in der Mitte gefaßt hielt, schlug er einen unregelmäßigen Takt, den sein Fuß ab und zu verstärkte, als ob er ein unsichtbares Orchester leitete.

Die junge Frau nahm ihren Hut ab und strich mit der Bürste über ihr braunes Haar, das oben auf dem Kopf zu einem lockeren Knoten gewunden war. Sie hatte ihren Mantel abgeworfen: in tadelloser Linie zeichnete sich ihre leicht gewölbte Büste unter einem dünnen schwarzweißen Batistkleid ab. Der weiße Hals leuchtete in seinem kernigen Fleisch. Sie nahm einen Sonnenschirm und ging in den Park hinab.

Bald darauf erschien sie an der Biegung einer Allee. Der junge Mann erblickte sie und sprang mit freudigem Eifer auf. Aber er ließ sie zu sich herankommen ohne sich zu rühren, ein bewunderndes Lächeln auf dem Antlitz.

Als sie ihm ganz nahe war, rief er ihr zu:

»Mira ... wie schön Sie sind! Immer schöner! Jedesmal wenn ich Sie sehe, bin ich erfüllt von überirdischen Melodien, und die Rhytmen summen hinter meiner Stirne, wie ein Schwarm von Duft und Sonne berauschter Bienen.«

»Poet!« sagte sie mit sanftem weichen lächeln, Ihr Blick verriet ruhiges Glück. »Und Ihr Werk? Geht es vorwärts?«

»Nein,« erwiderte er nach einigen Augenblicken, »es – es gibt etwas – das mich hindert.«

»Was denn?«

»Wenn ich es wüßte! Aber – vielleicht weiß ich es doch. Sie auch, Mira, wissen es, denn Sie kennen mich besser, als ich mich selbst.«

»Sie arbeiten zu wenig, viel zu wenig; ja, ja, seit einigen Monaten läßt Ihre Energie nach; Sie verweichlichen in Träumereien, die Sie sich nicht bemühen, in Wirklichkeit umzusetzen. Arbeiten Sie!«

»Eh – ich suche. Aber wissen Sie, was ich finde? Den Wunsch glücklich zu sein, vollkommen glücklich. Diese Liebe, Mira, die Sie mir gestatten, erhitzt nicht mehr meinen Geist; meine Gedanken sind ins leere gerichtet, wenn ich auch Ihre Hände küssen darf und zuweilen Ihr Haar, so kann das meinen Wonnedurst nicht löschen. In mir glühen Unruhe und das ungestillte Verlangen nach vollster Erfüllung göttlich-menschlicher, körperlich-idealer Freuden. Meine Jugend spornt mich, wie ein Bündel Stacheln, und ich konstatiere mit Schrecken, das unser herrliches Verhältnis auf Abwege zu geraten beginnt. Ich gehe auf die Eroberung Ihrer Schönheit aus; durch dieses Blendwerk haben Sie in dem kaum talentvollen Dichter und Musiker, der ich bis dahin war, den vielleicht genialen Künstler geweckt. Er schlummerte in mir, und ich hätte ihn wahrscheinlich in Frieden ruhen lassen, wenn ich nicht gedacht hätte, daß ich um Sie, die Hohe, zu gewinnen, wachsen, meine Stirne über alle andern erheben, der gebietende Meister werden müsse, dessen souveräne Macht keiner Weigerung begegnet. Und ich habe gearbeitet; Sie wissen mit welchem Eifer! In wenigen Jahren vervollkommneten sich meine Kenntnisse, es wuchsen mir Flügel. Ich fühlte die klare, tiefe Quelle der Inspiration in mir rauschen, bereit, jetzt meinem Innern zu entströmen. Schon hatten meine ersten Werke einen unverhofften Widerhall für einen Künstler, der sich in die Provinz vergräbt, gefunden, Man hat mir schon gütigst zugestanden, daß ich nicht nur Hoffnungen errege, sondern die Gewißheit eines großen Talentes hätte, das sich bald offenbaren werde. Da wähnte ich mich dem Ziele nahe und mehr und mehr streckte ich meine Arme nach Ihnen aus. Doch in dem Maße, als ich vorschreite, ziehen Sie sich zurück und weichen meinem täglich heftiger werdenden Verlangen aus.«

»Weil ich alt werde, lieber Freund,« sagte Frau von Ellissen sanft.

»Der Unterschied der Jahre zwischen uns bleibt immer gleich; er ist heute nicht größer, als vor zwei Jahren.«

»Ich war kaum achtundzwanzig, mein lieber Fred, und Sie zweiundzwanzig. Die Leiden Ihrer Kindheit hatten Ihre Jugend vor der Zeit ernst gemacht, während ich mädchenhaft jung geblieben war in der Sorglosigkeit meines friedlichen Lebens, das unter dem fast väterlichen Schutze meines seither verstorbenen Gatten gleichsam im Schlummer lag. – Aber Sorgen bringen rasch den Ernst: die Tochter meines Mannes war zu erziehen, ihre Interessen zu vertreten. Das Gefühl der Kindlichkeit, das in mir lebte, schwand, die Jahre haben ihr Werk vollbracht – heute bin ich beinahe eine alte Frau! Ich zähle dreißig Jahre! – Und Sie lieben mich nicht mehr, – nicht wahr, Undankbarer!«

»Nein, Mira, ich kenne Ihre Zärtlichkeit, aber es ist nicht mehr Liebe – übrigens, war es je Liebe? Haben Sie mich nicht getäuscht?«

»Vorwürfe, Fred? Verdiene ich sie? Sie waren unglücklich, mein Liebling, und Sie liebten mich, wenn ich Sie zur Verzweiflung gebracht hätte, was wäre aus Ihnen geworden? Wären Sie der große Künstler, der Sie heute zu werden im Begriffe sind? Ihr Genie ist ein klein wenig auch mein Werk – wenn die Saiten Ihrer Geige unter Ihren Fingern weinen und klagen und gleich wieder scherzen und lachen, darf auch ich stolz sein auf den Anteil, der mir dabei zufällt!«

»Also Ihre Liebe war nur ein Schein, eine Mache, eine Idee?«

»Eine Idee, ja, vielleicht – Sie zu rettet. Aber ich schwöre Ihnen, es war ein aufrichtiges tiefes Gefühl, wenn ich Sie nicht geliebt hätte, Fred, hätte ich nicht heucheln können – Sie wissen wohl, daß ich Sie liebe!«

»Aber sie gestehen ein, daß Sie mich nicht mehr lieben, und Sie glauben, ich könnte ohne Ihre Liebe weiterleben?«

»Kind!...«

»Ich bin kein Kind»mehr, Mira, ich bin ein Mann, der leidet, der Sie lieben will und muß!«

»Ach Fred, was Sie heute wollen, das ist nicht mehr die ideale Zärtlichkeit, die Ihnen bisher genügte, Sie wollen das Weib! – den brutalen Besitz.«

»Ja, Mira, ich sehne mich nach Ihrer ganzen Hingabe, nach Ihrer Liebe, mehr, viel, viel mehr als früher...«

»Haben Sie überlegt, Fred, daß ich für Sie nicht die Frau sein kann, die zwei Herzen in eines vereint?«

»Bin ich denn Ihrer so unwürdig, Mira? Nun, und wenn ich die höchsten Grenzen erreichte, die menschliche Kraft dem größten Genie steckt, wäre ich auch dann noch nicht Ihrer völligen Hingabe wert?« Und in plötzlichem Zorn, die Augen voll Tränen, rief Fred: »Ich begehre Sie!«

Mira blieb erbleichend stehen und fragte voll Würde:

»Zur Frau?«

»Gewiß, und trunken voll Glück.«

»Also, wenn ich einwilligte, würden Sie einer Frau Ihren Namen geben, die sechs Jahre älter ist, als Sie? – unterbrechen Sie mich nicht – einer Frau, die Sie bald um einer naturgemäßeren Liebe willen vernachlässigen würden, die darunter leiden würde – was nichts bedeutet – Ihnen aber solch quälende Schmerzen bereiten, die das Gehirn martern und die schöpferischen Kräfte vernichten. Und mein Zweck wäre verfehlt, und Ihr Genie würde unter dem Druck materieller Kämpfe zugrunde gehen. Das Leben, mein Kind, ist den unbesiegbaren Forderungen des Instinkts unterworfen. Um an Geist und Körper gesund zu bleiben, muß man sich einfach und natürlich den unausweichlichen Gesetzen der Gattung unterwerfen und die Irrwege fliehen, welche die Folge anormaler Handlungen sind. Ist man aber frei, dann entfaltet sich der Gedanke mit aller ihm innewohnenden Kraft.«

»Wenn ich aber fühle, ich wiederhole es Ihnen, wie ich zur Verwirklichung idealer Gedanken ganz unfähig werde, weil mir das einzige Glück, das ich begehre, vorenthalten wird – der völlige Besitz des geliebten Weibes! Sie, Mira, Sie!«

»Nicht ich, glauben Sie mir, eine andere.«

»Welche?«

»Weiß ich's? Diejenige, die Ihr Instinkt fordert und die Ihnen eines Tages begegnen wird ––– später.«

»Sie, die versicherten, mich zu lieben, Sie würden ohne Widerwillen zusehen, wie ich mein Herz einer andern schenke? Sehen Sie, meine Worte allein machen Sie erbleichen, und Ihre Hände sind in den meinen kalt geworden. Ziehen Sie sie nicht zurück, Mira! Lassen Sie mir das Glück, Sie zittern und beben zu fühlen – meinetwegen!«

»Nein, Fred, beben ja, warum sollte ich es Ihnen verbergen? Aber nicht überwunden, denn ich darf und will es nicht sein.«

»Stolze!«

»Ein Stolz, der sich so weit beugt, die Todesqualen einer kläglich und schmerzlich leidenden Weiblichkeit sehen zu lassen. Ein Stolz, der Sie vielleicht bitten wird, noch zu warten, mich nicht zu bald einer bezaubernden Zärtlichkeit zu berauben, meines einzigen Glückes hienieden. Ach, wenn wir so weiter leben könnten, lange, immer!«

Sie schwiegen, und jedes verfolgte seine Träume, während sie langsam, geneigten Hauptes Seite an Seite die Allee entlag schritten, deren Ulmen schon das zarte Grün der ersten Blätter entsproß. Der zarte, von Veilchen durchwirkte Rasen umsäumte die Allee, deren frisch gestreuter Glimmersand in der Sonne glitzerte. Ländliche Bänke standen rechts und links in Abständen bis an die Grenzen des Parks, der durch eine Terrasse abgeschlossen war. Bei dieser Terrasse bildete der Fluß eine kleine Bucht, in der stumm und regungslos das Gewässer zu schlafen schien.

Die Stille des von Wiesen umgebenen Parks wurde in dieser nassen stummen Umgebung noch fühlbarer, in der das Geräusch der fernen Stadt und ihrer Kais sich brach und verhallte. Jenseits der Terrasse, der Wiesen, der Gärten, der zerstreuten niederen Häuschen erhob sich die Stadt. Sie erschien hoch, dicht und massiv und ihr eckiger Turm ragte wie der Wachtturm einer finstern Burg in die Lüfte.

An dieser Stelle genoß Mira oft den Reiz der Einsamkeit und ließ ihre Blicke über jede Einzelheit der ihr so lange bekannten Gegend schweifen. Sie konnte lange schauen, ohne daß etwas unerwartetes ihre einsamen Träumereien gestört hätte; selbst nicht der Wechsel der Tinten, die sich mit den Tagesstunden änderten und der, wenn sie sich verspätete, ihrem geübten Auge die vielfachen Abtönungen zeigte, die Manet in seinen Freilichtmalereien durch alle Skalen des Prismas festgehalten hat. Nun empfand sie, ohne es zu bemerken, deren Einfluß. Als die beiden die Terrasse erreichten, war die Sonne im Sinken; sie war hinter der schwarzen Masse der Kirche verschwunden, während um diese her die weißen Fassaden, die roten Dächer noch beleuchtet waren.

Und diese schwere schwarze, wie in Trauer getauchte Masse, die sich gleich einem Lichtschirm vor das Flammenmeer der Sonne stellte, bedrückte Frau von Ellissen und hüllte sie in eine dunkle Melancholie, die das süße Gefühl zum Schwinden brachte, mit dem sie an der Seite des wehmütig verliebten jugen Mannes langsam die helle, veilchendurchduftete Allee herabgeschritten war.

Um davon loszukommen und das ausdrucksvolle Schweigen Freds zu brechen, deutete sie mit der Spitze ihres Schirmes auf die Stadt:

»Wenn ich Sie an der Orgel weiß,« sagte sie, »dann komme ich hierher und mein Blick durchdringt das dicke Gemäuer und mir ist, als hörte ich Sie. Dann besuche ich auf dieselbe Art einige Freunde. Sehen Sie, das dort ist der Rauchfang des hohen von den Deaken's bewohnten Hauses. Ich kenne ihre Gewohnheiten. Ich weiß, zu welchen Stunden Fräulein Deaken arbeitet und betet. Denn die Miß hat das Glück, fromm zu sein«.

»Und Sie beneiden sie?« murmelte Fred mit leichtem Hohn.

»Beinahe. Die Religion hat so viel Gutes – sie tröstet.«

»Für diejenigen, die getröstet sein wollen.«

»Und es wollen sollen. Persönlicher Schmerz ist Egoismus, denn es geht dabei nicht ohne Nachteil für die andern ab.«

»O, ich weiß, daß Sie über Pflicht ganz besondere und – übertriebene Ansichten haben.«

»Was sagen Sie dann zur Miß, die ihre Pflicht mit einer Erhabenheit erfüllt, die schon ans Heilige grenzt?«

»Sie ist zu bewundern, in der Tat,« erwiderte Fred mit etwas ironischer Miene. »Mit einem solchen Bruder leben, ist wohl kein geringer Verdienst.«

»Herr Deaken ist aber sehr gut zu ihr.«

»Ja, er hatte die Güte, ihr zu erlauben – sich für ihn aufzuopfern.«

»Nicht nur allein für ihn, auch für ihre Eltem. Sie unterstützte sie alle durch ihre Arbeit. Denken Sie nur, Miß war kaum fünfzehn Jahre alt, als ihr Vater infolge seiner Erkrankung ihrer Stütze bedürftig ward. Sie kam von Amerika zurück, wohin sie einer ihrer reichen Verwandten mitgenommen hatte und suchte hier Stunden zu geben. Alles vergaß sie, ihre Schönheit, ihre Jugend, den Verlobten, den sie sich in Amerka erwählt und den sie liebte, und arbeitete freudig, einfach für ihre Angehörigen. Ihr Bruder war nicht im stande sein Brot zu verdienen, sie behielt ihn bei sich und pflegte sein einziges Talent, das Orgelspiel, damit er einmal Organist in der Kathedrale werden könne. Aber als sie sich altern fühlte! – Ich allein kenne die Leere dieser leidenschaftlichen Seele, die so großen Durst nach Liebe hatte. Oh um den glühenden Aufruhr der bezähmten, aber nicht ertöteten Sinne! Die grausam schlaflosen Nächte, die Zuckungen der Natur, die rücksichtslos ihr Ziel, erreichen will. Zu spät! –- Sie war alt und arm: das Leben hatte ihr nichts mehr zu bieten. In der Religion fand sie Kraft für die Zukunft, die deutlich und klar vor ihr lag. Sie fand Trost, aber um welchen Preis! Ihre Gesundheit ist zerstört, ihr Nervensystem zerrüttet. Heute noch schön, trotz ihrer fünfzig Jahre, schleppt sie ihre alten Füße als hätte sie Blei in den Adern statt Blut, – aber welch glatte Stirn – welcher Glanz ist noch in ihren Augen und welche Herzensgüte in ihrem Lächeln. Die Krise ist vorüber – sie bedauert nichts mehr. Ihre Eltern sind tot, sie wird ihnen folgen. Ihr Bruder hat eine sichere Existenz. Und trotzdem arbeitet sie fort und ruht nicht – es gibt so viele Notleidende, die ihrer bedürfen. Und wenn Sie wüßten, wie vielen sie Hilfe gewährt, wie viele zu ihr Zuflucht nehmen! Es ist kaum glaublich! Hören Sie nur! Eines Tages, als sie krank war, suchte ich in einer ihrer Schubladen nach einem Gegenstand, den sie verlangte. Dabei öffnete ich eine Kassette, der ein kleines Paket entfiel. Es waren alte, halb gefaltete, vergilbte Papiere. Ich gestehe, mir kam der Gedanke: vielleicht Liebesbriefe! Sie war ja so schön, und man hatte von allen Seiten ihrer begehrt. Es wäre ja nichts daran gewesen, wenn sie einige zur Erinnerung aufgehoben hätte. Und wissen Sie, welcher Art diese Briefe waren? – Dankbriefe von Leuten, denen sie Geld gesandt; Bestätigungen über mehrere Tausende. Wissen Sie, wie viel sie verdient? Dreitausend Franken. Davon lebt sie, sehr anständig und unterstützt noch Bedürftige. Niemand weiß es, ihre Barmherzigkeit, ihre Güte übt sie im geheimen, ebenso wie ihre Frömmigkeit. Denn nur selten kann man sie in eine religiöse Diskussion verwickeln. Sie lächelt bloß, läßt die Leute reden, alles reden: ihrem reichen weiten Geist wohnt Verständnis und Duldsamkeit inne. Aber sie bewahrt ihren Glauben, ihren Schatz, ihre Leuchte, ihre Freude. Oh ja! ich beneide sie!«

Fred legte leicht seine Hand auf die der jungen Frau:

»Sie haben doch, was Herzensgüte betrifft, sie um nichts zu beneiden, Mira!«

»O, schweigen Sie, Fred!« sagte sie leise errötend, gegen die Miß bin ich nur eine elende Egoistin.«

»Also,« erwiederte der junge Mann lächelnd und hielt ihre Hand fest, »dann kommen Sie doch auf den Ball der Präfektur?«

»Warum?« fragte Frau von Ellissen erregt. »Sie wissen doch, Fred, daß ich auf keinen Ball mehr gehe, daß ich in einigen Tagen dreißig Jahre alt werde.«

»Und man spricht schon von der Toilette, die Sie tragen werden. Alles weiß man in diesen kleinen Städten.«

»Das ist falsch!« erwiderte Frau von Ellissen gereizt.

»Also nein, da Sie es leugnen. Die Kleider vom vorigen Jahr waren nicht mehr herzurichten, der Winter war rauh, Sie haben viel verschenkt, sehr viel, und weil für Fräulein Stella eine neue Toilette notwendig gewesen wäre, so hat Frau von Ellissen auf den Ball verzichtet. Ihr Kleid ist auf Kinderwäsche, Bettdecken und ähnliches aufgegangen.«

»Was ist's weiter für ein großes Gpfer,« beteuerte die junge Frau, »seinen Abend nicht mit blödem Geschwätz zu verlieren. Seit ich nicht mehr tanze, langweilen mich diese Schaustellungen. Man schwätzt, man klatscht, man lästert und meine Gewohnheit tätig zu sein, läßt mich diese gespreizte Parade im Lehnsessel schwer ertragen.«

»Egoistin,« murmelte Fred.

Mira warf ihm einen fragenden Blick zu.

»Daran denken Sie nicht,« fuhr Baron Seuriet fort, »daß Sie mich einer meiner größten Freuden berauben, der Freude, Ihre herrlichen Schultern und Arme entblößt zu sehen, mir vorzustellen, daß Sie meinetwegen so schön geschmückt, meinetwegen anwesend sind, um mir ein wenig von Ihrer Schönheit zu schenken. Die wenigen Male, da ich Sie in dieser offiziellen Entkleidung bewundern durfte, gruben sich mir die geringsten Einzelheiten Ihrer sichtbaren vollkommenen Schönheiten tief ins Gedächtnis. Ich könnte die Fasern, die Schatten, die Formen Ihrer nur flüchtig erblickten Reize nachzeichnen, so sehr hat mein glühender Gedanke den von ihm empfangenen Eindruck festgehalten.«

Frau von Ellissen verbarg in einem spöttischen Achselzucken den Schauer, der sie überlief und versuchte zu lachen, indem sie verwirrt die Augen abwandte.

»Das sind Kindereien, Dummheiten, die einer alten Frau gegenüber schlecht angebracht sind.«

In der vollen Bewunderung ihrer Schönheit rief der junge Mann:

»Mira, sprechen Sie nicht so, Sie kennen Ihre Schönheit nicht; Sie wissen nicht, daß Sie erst jetzt im vollen Glanze des Weibes stehen, daß ich Sie so liebe, wie ich Sie jetzt vor mir sehe – ja, so – und so bleiben Sie für mich!«

»Und – weiter – – –« fügte sie nervös hinzu.

»Weiter?« – Er schwieg einige Minuten, dann schmiegte er sich mit kindlich-innigem Blick an sie und sagte:

»Ich werde Ihnen meine Bitte wiederholen, Mira, Sie werden auf den Ball gehen, nicht wahr? Sie werden mir vergönnen, Sie zu sehen. Sagen Sie ja, geliebte Freundin, und schenken Sie Ihrem Fred, der Sie so innig liebt, ein holdes Lächeln. Sagen Sie ja!«

Sie lächelte, aber so schwermütig, und schüttelte verneinend das Haupt:

»Nein, mein Liebling, ich werde nicht gehen, und wenn ich einmal gezwungen sein werde, Stella zu begleiten, werde ich bis zu den Ohren zugeknöpft sein. Voilà!«

»Grausame, Grausame,« rief Fred und drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf ihren Arm, ehe sie ihm denselben entziehen konnte.

»Fred! Bitte, lassen Sie mich in Ruhe! Fred, ich werde noch böse werden, Sie sind gewissenlos – – sehen Sie, da kommt jemand.«

»Es ist die Miß,« sagte er, »ich gehe.«

»Bleiben Sie nicht zum Diner bei uns?«

»Wer sind die ›uns‹?«

»Die Deaken's kommen.«

»Der Bruder auch? – Ah! – dann danke ich. Ich habe Franz ganz gerne, aber nicht wenn er bei Ihnen ist. Die Liebenswürdigkeiten und Galanterien dieses alten Hagestolzen enervieren mich. Und dann diese Provinzlermanie, jedem eine Etikette auf den Rücken zu heften. Und Ihnen macht es Spaß, daß Herr Deaken der Liebhaber der Frau von Ellissen genannt wird.«

»Ach, was soll das jetzt noch für Konsequenzen haben!«

»Möglich. Es ist ganz unschuldig. Sogar sehr lächerlich für ihn, daß Sie ihn für so ungefährlich halten und sich sein platonisches Hofmachen so ruhig gefallen lassen. Aber es ärgert mich, daß Sie es sich gefallen lassen und es erfaßt mich eine unbezähmbare Lust, ihn zu ohrfeigen, wenn er so frech ist, sich mit seinem kahlen Schädel bis zu Ihren Knieen zu verneigen.«

»Unartiger Knabe! Wie jung Sie noch sind! Also gut, trollen Sie sich, baby!«

»Und wenn ich bleiben wollte?«

»Dann bleiben Sie.«

»Nein, ich gehe, denn ich könnte eine Dummheit machen.«

Sie blickte ihm lächelnd nach, während er rücklings gehend einen Seitenpfad im dichtesten Tannendickicht einschlug, ihr dabei einen Schwarm von Kußhänden zuwerfend. Sobald er ihren Blicken entschwunden war, eilte sie Miß entgegen, die mit kleinen kurzen Schritten, auf ihren Schirm, wie auf einen Stock gestützt, näherkam.

Frau von Ellissen rief ihr von weitem zu:

»Was haben Sie mit Stella gemacht?«

»Das fragen Sie mich?« antwortete die Miß. »Kaum hier angelangt, lief sie davon, um ihr Dreirad zu holen. Eine tolle Idee von Ihnen, ihr diese Laune zu gestatten.«

Frau von Ellissen lächelte:

»Was hätte ich tun sollen?«

«Ah, erlauben Sie, daß ich mich setze, meine alten Beine wollen nicht mehr!«

Frau von Ellissen schob ihr eine Bank zurecht und fuhr fort:

»Das möchte ich sehen: Stella etwas verweigern, was sie sich in den Kopf gesetzt! Sie ist ganz ihr Vater.«

»Aber ... ich weiß, ich weiß,« entgegnete die Miß. »Uebrigens tut es ihr gut, nicht wahr? Sie hat so viel überschüssige Kräfte, diese nervöse Kleine.«

»Ja, der Arzt riet zu dieser Leibesübung, die mich entsetzt.«

«Nun es ist ja keine Gefahr dabei!«

»Weiß man es? Es ist eben Mode. Alles will mit dem Rade herumfliegen. Welche Zeiten, welche Sitten!«

»Wem sagen Sie das? Ich, die sie den ganzen Tag während des Unterrichtes plappern höre, muß mich taub stellen, um nicht die Lektionen in Vorträge über Moral zu verwandeln. Würden Sie glauben, daß Fräulein Alice Henneberg ihr neulich vorschlug, ein Wettrennen über dem Ringe zu veranstalten?«

»Entsetzlich,« rief Frau von Ellissen. »Dafür stehe ich gut: Stella's Dreirad wird nicht über die Grenzen des Parks hinauskommen. Ich habe ihr sogar ausdrücklich ein eigenes Kostüm verweigert, damit es ihr nicht eines schönen Morgens einfällt, mir durchzugehen. Und da sie hier niemand sehen kann, schaue ich geduldig zu. . . . Sehen Sie, da kommt sie eben. Sie sieht doch wie eine Närrin aus – ihre Haare im Nacken zerzaust, ihre Füße ganz frei – ja, ihre Füße!«

Vorgebeugt wie ein Professionswettfahrer, mit geröteten Wangen, kam Stella die Allee herab geradelt, ohne sich um ihr vom Winde bis über die Knie zurückgeschlagenes Kleid zu kümmern. Sie blieb vor einer Bank stehen und sah sich nach allen Seiten um.

»Ihr seid allein?«

»Zum Glück,« erwiderte Frau von Ellissen. »Sieh doch deine Strümpfe an; schämst du dich nicht?«

Stella richtete sich auf:

»Na, das ist doch nicht so arg. Siehst du, wenn ich eine Hose hätte, würde das nicht geschehen. Aber du bist ja anderer Meinung! Mir ist's ganz gleichgültig. Ich lach' darüber!«

»Stella! Stella!«

»Na, was denn? Mein Strumpfband hat sich ausgedehnt. Kann ich etwas dafür? Aber Mama, wenn wir in Houlgate Krebse und Krevetten fangen gehen, habe ich da ein langes Kleid an? Ich glaube kaum. Ich wate mit meinen beiden Beinen, die überdies noch nackt sind und die Augen der Zuschauer auf sich lenken, im Wasser herum. Und was ist weiter dabei? Du, Mama, hast komische Ansichten über das, was sich schickt. Was hier unanständig ist, scheint, euerer Ansicht nach, einige Kilometer weiter ganz passend zu sein. Spitzfindigkeiten. Mir unverständlich. – Alles ein Guß.«

»Aber ein schlechter Guß,« versuchte Miß zu tadeln.

»Ah bah! er wird schon durchkommen,« gab Stella mit stolzem Lächeln zurück und schüttelte die offenen Haare, die ihr wie ein rotblonder Schleier über den Rücken fielen. Dann fuhr sie fort: »Marie hat mir gesagt, daß Fred hier sei. Er ist euch also ausgekniffen?«

»Wie Ihre Freundin Alice sich so elegant ausdrückt,« fügte Miß hinzu.

»Die kennt sich aus, die,« brummte Stella. »Die ist nicht in einem solchen Provinznest erzogen worden.«

»Aber auch nicht im Sacré-Coeur,« entgegnete Miß.

»Weil ihr Vater, der Präfekt, ein freidenkender Mann, deswegen. Das hindert sie nicht, viel gelehrter zu sein, als alle hiesigen Gänse und gar nicht zimperlich.«

»O nein!« warf Miß mit Schärfe dazwischen.

»Und nicht affig. Sie ist aufrichtig, sie paßt mir sehr gut.«

»Man kann aufrichtig sein, ohne frech zu werden,« betonte Mira.

»Mein Gott! Du armes, liebes Stiefmütterchen, du sprichst von diesen Dingen, wie der Blinde von der Farbe. Alice ist nicht frech, es ist ihr nur die Heuchelei der Provinz-Erziehung fremd. Man hat sie ihrer Zeit gemäß erzogen, modern, wie Ihr hier sagt, wir sagen ohne Ziererei, noch Prüderie, noch Versteckenspiel. Sie wird weder eine lebendige Puppe, noch ein verschrecktes Gänschen werden. Sie wird ein echtes Weib sein, ihres Wertes und ihrer Rechte bewußt. Ihr aber, Ihr versteht ja diese Erziehung nicht. Ihr könnt ja schließlich nichts dafür, man hat euch so gedrechselt!«

»Hören Sie nur diese kleine Impertinente!« sagte die Miß, indem sie mit dem Schirme drohte.

»O, Sie, Miß, Sie sind noch eine von den Besseren, Sie haben Ihre Jugend im freien Amerika verlebt, Sie wissen schon, wie man dort die jungen Mädchen erzieht.«

»Aber diese jungen Mädchen sind auch aus ganz anderem Stoff, als die hiesigen Fräulein Zierpuppen, ohne Ihnen nahezutreten. Durch ihr tüchtiges Hirn rinnt eine Ader, die in den eurigen noch keinen Platz gefunden hat. Und Ihr Schicksal bestimmt sie zu anderer sozialer Tätigkeit, als euch. Jedes Land hat seine Sitten, seine Kräfte, seine Bedürfnisse, und es ist ein schlechtes und übereiltes Bemühen, eine Kultur, die sich nur unter einem besondern Himmelsstrich entwickeln könnte, in einen fremden Boden zu verpflanzen.«

Verstimmt erwiderte Stella:

»Gedanken sind klimatischen Einflüssen nicht unterworfen; und die Ideen sind es, welche die Sitten bilden.«

»Und sie auch verderben,« murmelte Frau von Ellissen.

Die Miß schwieg, kniff ihre klugen Augen zusammen und schien jetzt ausschließlich den sprossenden Blättern ihre Aufmerksamkeit zu widmen.

Stella aber, die etwas verächtlich mit den Achseln gezuckt, fuhr nun mit ihrem Rad langsam auf und ab, wobei sie unauffällig alle Seitenwege streifte und sie mit raschem Blick untersuchte. Als sie wieder bei ihrer Mutter vorüber kam, hielt sie an, wie um sich zurechtzusetzen, ihren Rock in Ordnung zu bringen, das Gouvernal gerade zu richten, und während dieser Hantierungen, die sie absichtlich verzögerte, sagte sie:

»Uebrigens, Mama, wirst du gut tun, Marie ordentlich auszuzanken, sie ist eine Lügnerin. Wozu hat sie mir mit ihrer gelassenen Miene einer alten Marquise gesagt: ›Der Herr Baron Seuriet ist im Park mit der gnädigen Frau‹?«

»So ist es auch, er war da, aber er ist fortgegangen.«

»Ah! ich bin ihm nicht begegnet.«

»Er ist gewiß aus der rückwärtigen Parktüre hinausgegangen.«

»Da schau – was für ein Einfall!«

Frau von Ellissen knöpfte aufmerksam ihren Handschuh zu.

Stella fuhr fort: »Flöße ich ihm dem Angst ein?«

»Ganz gewiß, wahrscheinlich,« antwortete die Miß lächelnd.

Stella aber beugte sich über ihre Maschine, faßte die Lenkstange fest, stemmte die Füße an und zum Abfahren bereit, rief sie:

»Auf Wiedersehen! Ich will meine zehn Kilometer machen, indem ich rund um den Park fahre, wie ein Eichhörnchen in seinem Käfig, da es mir nicht erlaubt ist, ihn zu verlassen.«

Sie fuhr ab, den Kopf gesenkt und in so schnellem Tempo, daß sie mit ihren auffliegenden weiten Aermeln aussah wie ein Riesenvogel, der einen Bogen über die Erde zieht. Bei der ersten Wendung warf sie einen schnellen Blick zurück, und als sie sicher war, daß sie nicht mehr gesehen werden konnte, bog sie in einen Seitenpfad ein. Dieser war so schmal, daß die beiden Räder des Tricycles in die moosige Böschung einschnitten, über Wurzeln stolperten, Zweiglein abrissen, die unteren Blätter abschnitten, während Stella sich die Ellbogen zerkratzte und sich an den hängenden Aesten die Haare ausriß. Aber sie radelte mit der Wut eines Rennfahrers weiter. Dieser Pfad mündete in einen breiten, der Allee parallel laufenden Weg. Stella folgte ihm einige Augenblicke, durcheilte noch einen rasenbewachsenen umbuschten Pfad und kaum zwei Minuten nach ihrer Abfahrt landete sie im Eichenrondell, im selben Augenblick, da der Baron Seuriet das massive eiserne Tor öffnen wollte. Stella, wie ein Pfeil daherfliegend, rief: »Achtung!«

Fred hatte kaum Zeit, den Riegel vorzuschieben, um nicht das Rad auf die Füße zu bekommen. Aber die gewandte Sportslady lenkte mit einer so verteufelten Geschicklichkeit, war so nahe an ihn herangekommen, daß sie in einem plötzlichen Ruck abbiegen mußte. Und sie wäre gefallen, wenn der junge Mann sie nicht um die Taille gefaßt und mit einer leichten Anstrengung seines geschmeidigen Körpers aufrecht erhalten hätte.

»Danke,« sagte sie.

Die Röcke herunterschlagend, die sich um sie gewunden hatten, befreite sie schnell ihre schlanken zarten Füße und lehnte sich an die Lenkstange, die sie mit zurückgebogenen Armen festhielt, die Gestalt vorgestreckt, herausfordernd. Dann sagte sie: »Guten Tag! Wie geht's? Wohin des Wegs?«

»Nach Hause.«

»Durch die Hintertür? Ein Gebieter!«

»Noch nicht.«

»Es wird kommen, es kommt.«

»Glauben Sie?« entgegnete er lächelnd.

»Wenn Sie wollten, so käme es leicht.« Stella sprach mit ernster Miene und er antwortete ihr rasch:

»Aber ich verlange es ja gar nicht.«

»Man muß nicht verlangen, man muß nehmen!« meinte sie spöttisch lächelnd.

»Teufel, wie Sie drauf losgehen!«

»So, wie ich auf jedes Ziel losgehe, das ich mir steckte, alle Hindernisse überwindend. Ah! wenn ich Sie wäre!«

»Was würden Sie tun?«

»Primo: ich würde die Provinz verlassen. Sagen Sie, was hält Sie hier zurück? Was fesselt Sie an dieses elende Nest?«

Fred zögerte, dann sprach er abgerissen:

»Vieles... die Gewohnheit... der Hang zur Einsamkeit, und endlich die materielle Sorge um mein Wohlergehen: ich bin nicht reich.«

»Schöner Grund! Man wird einfach reich.«

»Wenn man kein Brot hat, ißt man Kuchen, nicht wahr?«

»Ich bin kein Schwachkopf. Aber wenn man Talent hat, wie Sie, lebt man vom Ruhm!«

»Ruhm nährt nicht.«

»Ruhm ist eine Mitgift,« sagte sie, das letzte Wort betonend.

Er gab zurück:

»Eine Mitgift, die die Notare nicht in die Kontrakte aufnehmen wollen.«

»Die Notare, ja; Ihre Klienten aber begnügen sich manchmal damit. Kurz, Sie wollen nicht fortkommen, in keinem Sinne des Worts.«

Er blickte voll Interesse auf sie; dann erheitert:

»Verzeihen Sie, ich wollte gerade fort, als Sie mir in den Rücken fielen.«

»Seien Sie artig und sagen Sie, »in die Arme«.«

»O!« stieß er hervor.

»Sie protestieren?«

»Nein, kleine Unschuld.«

»Ich kenne die Synonyma, aber der dümmere von uns beiden bin doch vielleicht nicht ich, lieber Meister.«

»Wie denn auch!« sagte er ironisch und machte eine tiefe Verbeugung.

Stella stieß ihr Dreirad an einen Baum und setzte sich auf den Boden:

»Kleiner Fred, seien Sie lieb und schenken Sie mir eine Zigarette.«

»Fräulein Stella, wo denken Sie hin. – Was würden Frau von Ellissen und die Miß dazu sagen, wenn man Sie sähe?«

»Mama? ist sie denn hier?«

»Nein, aber – –«

»Wie, Sie wollten also geradewegs zu ihr, mich wegen dieser strafbaren Handlung anzuzeigen? Sie sind mir ein ganz scharmanter Jüngling! Danke! Von dieser Seite kannte ich Sie noch nicht. Aber ich glaube es gar nicht. Schnell – eine Zigarette – ich vergehe vor Lust!«

»Es wird Ihnen schlecht bekommen, Fräulein Stella!«

»Brr, – das ist einfach. Ich sage, ich habe Migräne und das erspart mir ein Diner mit Francois Deaken.«

»Ärgert er Sie?«

»Ich kann sagen, daß er mich rasend macht.«

Fred machte ihr für dieses Bekenntnis eine Verbeugung; – er zog seine Zigarettentasche hervor und reichte sie Stella. Sie aber blickte in die Luft und sagte:

»Sie werden mir's nicht glauben, aber was mich an diesem galanten Kahlkopf am meisten reizt, sind nicht seine Musikstückchen, sondern seine Manie, als Anbeter meiner Mama zu gelten.«

»O, das!« brummte Fred, nach seinen Streichhölzern langend, »das macht ihn geradezu grotesk.«

»Nicht wahr? Geben Sie schnell!«

Er willfahrte. Stella streckte ihren Hals, um die Zigarette am Wachskerzchen anzuzünden, daß ihr Fred kniend hinhielt. Während er Sorge trug, ihre blonden, gekrausten Haare nicht anzubrennen, spitzte sie mit ungeschickter komisch saugender Bewegung das rosige Mündchen, um die Zigarette der schon nahe an Freds Fingern flackernden Flamme zu nähern.

»Ich brenne!« rief er plötzlich.

Sie senkte listig die Lider, rückte von ihm fort und erwiderte:

»Es ist ja nur Feuer.«

Sprachlos blickte er sie an, fast beunruhigt und voller Neugier über den Sinn ihrer Worte. Aber sein Blick umfaßte bald ihre ganze Gestalt voll Erstaunen, da ihm zum ersten Male die vollendete Verwandlung des Backfischleins zum Bewußtsein kam. Er hatte sie als kleines Kind gekannt, achtlos hatte er sie heranwachsen sehen und nun stand sie plötzlich in der anmutigen Schlankheit und doch Fülle ihrer Formen, deren ehemals milchiges Weiß den warmen sammetartigen Ton erhalten hatte, der duftiges Erblühen in der Leidenschaft versprach.

»Bin ich ungeschickt,« rief sie, ihn durch ein plötzliches Aufblitzen ihrer schelmischen Augen überrumpelnd und dem jungen Mann geradeaus ins Gesicht blickend.

Er erhob sich lebhaft und schaute um sich, als ob er eine Überraschung fürchtete.

»Gleichviel,« murmelte er, »wenn jemand Sie bemerkte.«

»Da säßen Sie in der Klemme, was?«

»Das macht Sie lachen – Sie böse Grausame.«

»Ja, jetzt, wo ich habe, was ich will. Aber seien Sie ruhig, niemand wird davon erfahren. Ich bitte Sie sogar, Mama nicht zu sagen, daß ich Sie an dieser Tür getroffen habe. Sie hat mir verboten, mich hier herumzutreiben. Denken Sie nur, wenn man mich sähe! Denn es scheint, daß ich auf dem Dreirad unanständig ausschaue. Finden Sie auch?«

Er stotterte:

»Nein, nein, – ich glaube nicht.«

»Aber sicher sind Sie nicht? Warten Sie.« Sie sprang auf, eilte auf ihre Maschine zu und bestieg sie, ohne Bedenken ihren Rock zwischen die Beine klemmend. Mit einem Ruck des Kopfes warf sie ihre Haare zurück, stellte sich seitlich von ihm auf, vorgebeugt, die Arme gestreckt:

»Es spießt sich nichts? Was? Also, guten Abend! Ich fahre. Nichts der Mama sagen? Abgemacht?«

Er bejahte mit einem Kopfnicken.

Sie fuhr dahin, anfangs langsam, dann, als sie sich in einiger Entfernung befand, wandte sie sich um, legte, um ihn an sein Versprechen zu erinnern flüchtig die Finger auf die schelmischen Lippen, sodaß es weniger der Bitte um Verschwiegenheit, als einem durch die Luft gesandten Kusse glich. Dann nahm sie einen Anlauf und verschwand wie getragen von ihren weiten Ärmeln: zwei schwarze Flügel, die die blonde Mähne einer durch das Gehölz fliehenden Dämonin umrahmten.

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