Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Randolph Chester >

Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
Schließen

Navigation:

7. Kapitel.
Worin der geniale Erfinder der verbesserten Stifte sich plötzlich zu einer Luftveränderung entschließt.

»In zwei Wochen werden wir so weit sein«, erklärte Wallingford alle zwei Wochen den Aktionären, wenn sie ihn fragten, wann man endlich mit dem Verkauf der Nägel werde beginnen können. Inzwischen gingen aber die Arbeiten an dem Modell der Belagmaschine sehr langsam vor sich, während die Zeit schnell dahin flog. Ein halbes Dutzend teuere Stanzmaschinen waren bereits eingestellt worden, und die Kasse war leer. Die Direktoren begannen sehr besorgt auszusehen.

Eines Vormittags, als Ella Jasper eben das Vorderzimmer fegte, fuhr das große, rote Automobil vor, und J. Rufus Wallingford stieg aus. Er sah vor der niederen Eingangstür wie ein Riese aus; seine massige Gestalt füllte den ganzen Eingang aus.

»Wo ist Ihr Vater?« fragte er.

»Drüben in der Krieglerschen Wirtschaft«, sagte sie und zeigte ihm den Weg zu dem kleinen deutschen Restaurant, wo sich der uns bereits bekannte Frühstücksklub versammelte.

Wallingford ging aber noch nicht. Er blieb vor ihr stehen und betrachtete sie langsam von Kopf zu Fuß. Es war etwas in seinem Blick, was sie zittern machte, was ihr die Schamröte ins Gesicht trieb; und als er endlich gegangen war, setzte sie sich hin und weinte.

Bei Kriegler fand Wallingford Jasper und zwei andere Aktionäre, und er setzte sich mit ihnen beiseite an einen Ecktisch. Eine Viertelstunde lang war sein Ton wieder jovial, und wieder einmal empfanden die anderen den magnetischen Reiz seiner Persönlichkeit, obschon jeder im Innern fürchtete, daß er nur gekommen sei, um wieder Geld zu verlangen. Das war auch tatsächlich der Fall, aber er verlangte es dieses Mal nicht für sich.

»Wir sind mit unseren Barfonds fertig,« teilte er ihnen schließlich in aller Ruhe mit, und die ›Corley Machine Company‹ verlangt Begleichung ihrer Rechnung. Wir sind ihr 2000 Dollars schuldig, und wir werden noch weitere 5000 bis zur Fertigstellung der Belagmaschine brauchen.«

»Sie gehen mit dem Gelde der Gesellschaft ebenso verschwenderisch um wie mit Ihrem gepumpten Gelde bei sich zu Hause«, brauste David, der seinen Grimm nicht länger unterdrücken konnte, auf. »Sie haben 30 000 Dollars bares Geld zur Verfügung gehabt. Ich bin vorgestern selbst bei der ›Corley Machine Company‹ gewesen und habe dort einen ganzen Haufen teuere Dinge gesehen, die Sie haben anfertigen lassen und die Sie dann weggeworfen haben. Die Dinge kosten, wie die Corleys mir sagten, nahezu 5000 Dollars.«

»Die Corleys haben Ihnen noch lange nicht alles gezeigt«, entgegnete Wallingford kalt. »Es sind noch mehr solche ›Dinger‹ angefertigt worden. Glauben Sie vielleicht, eine so komplizierte Maschine ohne Versuche vervollkommnen zu können, wie? Bitte, überlassen Sie diese Sache mir ganz allein. Ich weiß, was ich zu tun habe, und verstehe mich auf mein Geschäft. Ihr Leute glaubt wohl, wenn ihr an die Ausgaben denkt, daß unsere Gesellschaft eine Sattlerei oder ein Grünkramladen ist.« Jasper und Lewis fühlten die heiße Zornesröte aufsteigen, doch ließ Wallingford ihnen keine Zeit zur Erwiderung. »Miete, Licht, elektrische Kraft und Arbeitslöhne verzehren jeden Tag Geld,« fuhr er fort, »und jeder Tag bis zur Fertigstellung der Belagmaschine verursacht neue Ausgaben. Wir müssen Geld haben, um die Maschine so schnell wie möglich herauszubringen, und wir müssen es sofort haben. Wir haben in unserem Tresor noch Aktien für 20 000 Dollars, die verkauft werden können, abgesehen von den 100 000, die wir in Reserve halten, bis wir mit der Fabrikation beginnen können. Diese 20 000 müssen verkauft werden, und zwar müssen Sie das besorgen. Ich handele nicht mit Aktien.« Mit dieser dreisten Erklärung ging er fort.

Um so dreister war diese letzte Äußerung Wallingfords, als er noch an demselben Vormittag, gleich nach der eben geschilderten Szene, für weitere 5000 Dollars Aktien verkaufte und das Geld seiner Frau übergab. Als er nachmittags im Bureau erschien, empfing Laemmle ihn mit allen Anzeichen hellster Empörung.

»Ich komme mir wie ein Betrüger vor«, rief er aus. »Die Corleys sind wieder hier gewesen. Sie sagten, sie kennten uns nicht und verlangten ihr Geld oder doch eine Teilzahlung, sonst würden sie die Arbeiten an unseren Maschinen einstellen.«

»Ich habe getan, was ich konnte«, entgegnete Wallingford. »Ich habe die Sache heute vormittag Jasper, Lewis und Nolting auseinandergesetzt und ihnen gesagt, daß sie den außerordentlichen Aktienbestand verkaufen müssen.«

»So!« rief Laemmle erbittert aus. »Zu Jasper und Lewis und Nolting sind Sie gegangen! Warum gehen Sie nicht selbst und verkaufen diese Aktien?«

»Ich handle nicht mit Aktien, lieber Junge.«

»Sie haben sich auf den Handel mit Aktien ganz ausgezeichnet verstanden, als Sie Ihre eigenen verkauften.«

»Das geht wiederum nur mich allein an«, antwortete Wallingford. »Wenn ich meine eigenen Aktien verkaufe, so gehe ich damit strikt innerhalb der Grenzen des Gesetzes vor. Diese Aktien sind mein Privateigentum, mit dem ich tun kann, was mir beliebt.«

»Das ist nicht wahr!« sagte Laemmle. »Wenn Sie Ihre Aktien verkaufen, so machen Sie sich der Erlangung von Vermögensvorteilen unter falschen Vorspiegelungen schuldig. Sie wissen so gut wie ich, daß die Aktien, die Sie verkauft haben, nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind, ehe Sie nicht die Stoffbelag-Maschine fertiggestellt und ehe Sie unsere Ware nicht marktfähig gemacht haben. Bis dahin sind die Aktien gänzlich wertlos.«

»Wer hat mir vor einigen Wochen den Rat gegeben, Aktien aus meinem Eigentum zu verkaufen?« fragte Wallingford trocken.

Laemmle biß sich auf die Lippen.

»Überschreiben Sie übrigens diesen Schein auf Thomas D. Caldwell«, fuhr Wallingford fort.

»Caldwell!« rief Laemmle aus. »Das ist ja einer von denen, die wir veranlassen wollten, einen Teil der Aktien aus unseren Beständen zu kaufen. Er gehört unserer Loge an. Wir waren schon dicht daran, aber schließlich hat er abgelehnt.«

»Na, sehen Sie,« lachte Wallingford, »sowie der richtige Mann zu ihm kam, hat er gekauft.«

»Dieses Geld gehört in unseren Tresor«, erklärte Laemmle zornig. »Ich weigere mich, die Überschreibung zu machen.«

»Von mir aus«, entgegnete Wallingford gleichmütig. »Mir kann es gleich sein. Ich habe mein Geld und werde den Schein Caldwell übergeben. Wenn er die Überschreibung fordert, werden Sie wohl die Güte haben müssen.«

»Es muß doch ein Gesetz geben, durch das Ihr Verkauf ungültig und das Geld unserer Gesellschaftskasse überwiesen wird«, meinte Laemmle.

»Es gibt eben keines«, stellte Wallingford fest. »Sie werden schon noch darauf kommen, lieber Junge, daß alles, was ich tue, sich streng im Rahmen des Gesetzes hält. Ich kann vor jedem Gerichtshof beweisen, daß ich ein ehrlicher Mensch bin.«

Wütend sprang Laemmle vom Stuhl auf.

»Ein Gauner sind Sie«, schrie er ihm ins Gesicht. »Sie bestehlen die Gesellschaft.«

» Ich beziehe kein Gehalt von der Gesellschaft«, entgegnete Wallingford sehr ruhig, und Laemmle hielt in seinem Zornesausbruch inne. Das höchst unbehagliche Gefühl, das ihm der Gedanke an seine 200 Dollars monatlich schon seit einiger Zeit einflößte, überkam ihn wieder.

»Ich werde in der nächsten Versammlung eine Herabsetzung meines Gehalts beantragen«, sagte er. »Ich kann es nicht mit klarem Gewissen weiter beziehen.«

»Das ist wieder Ihre Sache«, meinte Wallingford. »Ich möchte Sie nur noch einmal daran erinnern, daß in einem oder zwei Tagen Geld beschafft werden muß, anderenfalls hören die Arbeiten auf.«

Damit ging er fort, bestieg sein Auto und überließ Laemmle seinen sehr nüchternen Betrachtungen.

Was ist jetzt zu tun? überlegte dieser. Es bleibt nur eins übrig. Das Geld muß eben beschafft, der verfügbare Aktienbestand verkauft und die Arbeiten an der Maschine müssen fortgesetzt werden. Wenn nur Freund Jasper da wäre!

Er hatte den Gedanken kaum ausgedacht, als David ins Bureau trat, und Mr. Lewis mit ihm. Beide waren sehr beunruhigt über den Lauf, den die Dinge genommen hatten; aber Laemmle war inzwischen ruhiger geworden. Er hörte eine Weile zu, wie die beiden anderen ihrem Unmut freien Lauf ließen; schließlich stellte er ihnen aber vor, daß es unerläßlich sei, trotz alledem und alledem das Geld aufzutreiben und die Maschine fertigzustellen. Die drei Männer gingen in die Werkstatt, um die Maschine zu besichtigen. Die Arbeiter machten mit der Hand Versuche mit ihr, und anscheinend funktionierte sie wenigstens halbwegs genau. Die drei wußten freilich nicht, daß der Apparat für die Engrosfabrikation ganz unbrauchbar war. Sie sahen nur, daß sie einen fertigen Nagel mit fest aufgeklebtem Stoffüberzug hervorbrachte. Aber selbst dieses Ergebnis beruhigte sie wieder und rief abermals ihre Bewunderung vor dem Genie des Mannes wach, dem sie eben geflucht hatten. Mr. Lewis war es, der zuerst dieser Empfindung, die auch von den anderen geteilt wurde, Ausdruck gab.

»Ob so oder so,« meinte er, »wir müssen zugeben, daß er ein großer Mann ist.«

Das Ergebnis dieser Besprechungen war genau so, wie Wallingford es vorausgesehen hatte. Um die Gesellschaft zu retten, um das Geld zu retten, das sie schon hineingesteckt hatten, brachten die Männer unter sich 10 000 Dollars in bar auf. David Jasper nahm eine weitere Hypothek auf seine Häuser auf. Lewis gab 2000, Laemmle 3000 Dollars her, und für dieses Bargeld entnahmen sie dem Kassenbestand Aktien in gleichem Betrage. Als Wallingford am nächsten Vormittage das Bureau betrat, lagen 10 000 Dollars Bargeld in der Kasse, und Laemmle legte ihm einen Scheck auf 2000 Dollars für die Corley-Gesellschaft zur Unterschrift vor.

Die verbleibenden 8000 Dollars waren mit überraschender Schnelligkeit wieder verausgabt. Bei seiner Vorsorge für jedes geschäftliche Detail, auch des zukünftigen Bedarfs, bestellte er in großen Mengen Packkisten für die zukünftigen Versendungen, Stempel, um den Namen der Gesellschaft auf die Kisten einzubrennen, emaillierte Stahlschilder in einem halben Dutzend verschiedenen Farben, die jeder zukünftigen Sendung beigelegt werden sollten, und zahlreiche andere kostspielige Nebendinge; und dazu kamen die fortlaufenden Ausgaben für die Versuche an der Maschine, neue Patentanmeldungen und eine stetig zunehmende Menge anderer Rechnungen, die dem Sekretär mehr Sorge und Aufregung verursachten, als er in allen fünfzehn Jahren seiner Tätigkeit bei der Dorman-Gesellschaft durchgemacht hatte. Als auch diese 10 000 Dollars aufgebraucht waren und frisches Geld beschafft werden sollte, ging die Sache noch bedeutend schwieriger. Um die restlichen Aktien im nämlichen Betrage aufkaufen zu können, mußten die Aktionäre, die keinen Pfennig Bargeld mehr besaßen, zu ihren Freunden und entferntesten Bekannten gehen und sich das Geld in kleinen und kleinsten Beträgen zusammenkratzen; sie boten die Aktien nicht mehr in Posten zu 5000 Dollars, sondern in kleinen Mengen zu 10 und 5 Aktien, ja sogar tropfenweise für 200 und 100 Dollars – also 2 und 1 Aktie – aus.

Wallingford war inzwischen in St. Louis gewesen, hatte auch dort einen Verkäufer eingesetzt und mit dessen Hilfe weitere Aktien aus seinem Besitz für 20 000 Dollars verkauft. Er setzte seine Vorbereitungen zum Ausrücken fort. So schnell er aber auch dabei zu Werke ging, es war nicht schnell genug.

Er besaß noch etwa 15 000 Dollars in eigenen Aktien, als eines Vormittags ein sehr korrekt aussehender Herr das Bureau betrat, in dem Eduard Laemmle allein saß, und ihm seine Visitenkarte überreichte, der lediglich sein Name und sein Beruf – er war Rechtsanwalt – zu entnehmen war.

»Womit kann ich dienen, Mr. Rook?« fragte Laemmle freundlich. Innerlich war ihm nicht ganz wohl zumute. Hatte Wallingford Dummheiten gemacht?

»Sind Sie ein Beamter der ›Universal-Stoffbelag-Nägel-Gesellschaft‹?« fragte der Anwalt.

»Ich bin der Sekretär, mein Name ist Eduard Laemmle.«

»Danke. Ich habe Ihnen also mitzuteilen, Herr Laemmle, daß ich die Interessen der ›Invisible Tack Company‹ vertrete, einer Gesellschaft, die, wie schon ihr Name besagt, ›unsichtbare‹ Teppichstifte herstellt, d. h. solche mit Stoffüberzug, so daß man sie auf dem Teppich nicht sieht. Ich bin mit dem Auftrage zu Ihnen gekommen, Ihre Gesellschaft in aller Form aufzufordern, sich nicht länger des geistigen Eigentums der ›Invisible Tack Co.‹ zu bedienen.«

Damit überreichte er Laemmle ein Schriftstück.

»Meine Gesellschaft vermutet,« fuhr er fort, »daß Ihre Gesellschaft über den Fabriksartikel der ›Invisible‹ und über ihre Patentrechte nicht genau unterrichtet ist. Meine Gesellschaft fabriziert und verkauft seit drei Jahren diesen Teppichstift hier.«

Damit zog er aus seiner Tasche einen hübsch verzierten Karton und leerte daraus einige Nägel in Laemmles Hand. Aufs höchste erschrocken, betrachtete Laemmle einen derselben; es war tatsächlich ein Stift, dessen Kopf mit rotem Stoff überzogen war, genau so, wie die ›Universal‹ ihn zu fabrizieren beabsichtigte. Wie gelähmt, halb unbewußt, zog er mechanisch sein Taschenmesser hervor und schälte den Stoffbelag weg: der Kopf war ganz genau wie bei den »Universal«-Stiften, rauh gemacht, damit der Stoff fest darauf kleben könne.

»Da, wie schon gesagt, die ›Invisible‹ von der Vermutung ausging, daß Sie nur unbewußt ihre Patentrechte übertreten haben,« fuhr der Anwalt fort, »so will die Gesellschaft zunächst nicht gegen Sie prozessieren, sondern beschränkt sich vorerst darauf, Sie vor jeder Beeinträchtigung ihrer Rechte und vor jeder Benachteiligung zu warnen. Die ›Invisible‹ verfügt über einen beträchtlichen Kapitalüberschuß und ist entschlossen, ihre Rechte erforderlichenfalls mit allen Mitteln zu verteidigen. Sollten Sie oder Ihr Rechtsanwalt mit mir in Verbindung treten wollen – hier auf der Karte ist meine Adresse.«

Damit verabschiedete sich Mr. Rook. Die Nägel ließ er zurück.

Laemmle nahm sich nicht die Mühe, nachzuforschen, ob der Anwalt die Wahrheit gesprochen hatte. Er wußte es instinktiv, und diese Ahnung täuschte ihn nicht, wie spätere Anfragen vollauf bewiesen. Die »Invisible Tack Co.« fabrizierte und verkaufte tatsächlich seit drei Jahren genau denselben Artikel, an dessen Vervollkommnung und Fertigstellung die »Universal« eben arbeitete, und der Artikel war durch Patente gegen jede Konkurrenz in vollem Umfange geschützt. Mit unbeschreiblichem Entsetzen begriff Laemmle, daß sowohl er wie seine Freunde vollständig ruiniert waren. Die Maschinen, in denen sie ihr Geld angelegt hatten, waren für die speziellen Zwecke der Gesellschaft hergestellt worden, waren somit für andere Zwecke unbrauchbar und daher wenig mehr wert als Brucheisen. Jeder Pfennig, den Laemmle und die anderen in dem Unternehmen angelegt hatten, war verloren! Verloren! –

Sein erster Gedanke war David Jasper. Er selbst war ja noch jung; er konnte den Verlust von 5000 Dollars schließlich noch verwinden. Er konnte seinen alten Posten bei der Dorman-Gesellschaft wieder antreten, er würde mit seiner jetzt gereiften Erfahrung seinem Chef noch wertvollere Dienste leisten als früher, und nach einigen Jahren winkte ihm vielleicht sogar eine leitende Stellung bei Dorman. Aber Jasper! Dessen Tage waren abgelaufen, seine Sonne hatte sich geneigt. Eine schwere, schwere Aufgabe harrte Laemmles, aber er konnte sich ihr nicht entziehen.

Er läutete die Krieglersche Wirtschaft an und rief David Jasper ans Telephon; dann teilte er diesem mit, was sich zugetragen hatte. Immer und immer wieder mußte er den Bericht wiederholen, Punkt für Punkt, Satz um Satz mußte er ihm erklären; denn Jasper konnte lange nicht glauben, ja, er konnte kaum verstehen, welcher Schlag auf ihn gefallen war. Plötzlich bemerkte Laemmle, daß eine Frage, die er durchs Telephon an Dave richtete, unbeantwortet blieb. Er fragte ängstlich nochmals und nochmals, konnte aber nur ein verworrenes Geräusch im Apparat vernehmen, Fußgetrappel und erregte Stimmen, und er entnahm daraus, daß man den Hörer hatte vom Apparat herunterhängen lassen, und daß niemand hörte, was Laemmle sagte. Eiligst nahm er Hut und Rock und eilte in den Norden der Stadt zur Krieglerschen Wirtschaft.

Auch J. Rufus Wallingford hielt sich an diesem Vormittag in jenem Stadtteil auf. Sein großes Auto fuhr an den kleinen Häusern aus Fachwerk vorbei, die Jasper mit Hypotheken hatte belasten müssen (die ewig auf ihnen lasten werden), und hielt vor Davids Wohnhause. Sein Kiefer hing schlaff herab, sein breites, rotes Gesicht war aufgedunsen und mit Flecken besät, seine kleinen Augen waren blutunterlaufen, aber ein düsteres Feuer brannte in ihnen. Er war die ganze Nacht außer Hause gewesen, und dieses Mal war er, was selten vorkam, unklug genug gewesen, bis in den Tag hinein zu trinken; für gewöhnlich war er alkoholfest. Erst war er, als er blöde ins Sonnenlicht blinzelte, wie stumpfsinnig; eine einstündige Fahrt in frischer Landluft hatte ihn neu belebt, aber die aufsteigende Sonne hatte auch den Weindünsten in seinem Kopf neue Spannkraft verliehen, so daß alles Schlechte in seinem Wesen wieder die Oberhand gewann ohne die Hemmungen seiner nüchternen Stunden. In diesem für ihn unnormalen Zustande kam ihm der Gedanke, daß jetzt die Zeit für den letzten Schlag gekommen sei, daß er jetzt den letzten Teil seines Aktienbesitzes veräußern müsse, wenn nötig, auch unter dem Nominalwert, und daß er dann möglichst schnell von hier fort müsse, um den furchtbaren Nöten, die sich drohend rings um ihn türmten, zu entfliehen. Und indem er diesen Plan weiter ausspann, fiel ihm ein (was ihm, wäre er nüchtern gewesen, nie eingefallen wäre), daß David Jasper in der Lage wäre, noch mehr Geld zu beschaffen, und daß er, Wallingford, ihn dazu veranlassen könne. Er wankte zu dem rückwärtigen Eingang des Jasperschen Hauses, der zur Küche führte, und klopfte. Ella öffnete die Türe. Sie hatte ihre Hausarbeit eiligst beendet, denn sie wollte in die Stadt fahren, um Einkäufe zu machen. Ihre weißen, rundlichen Arme waren bis zum Ellbogen entblößt, und die Bluse war herzförmig ausgeschnitten.

Das düstere Feuer in den Augen Wallingfords loderte wild auf, als er Ellas ansichtig wurde, und ohne ein Wort an sie zu richten, schob er sich in die Küche und schloß die Tür hinter sich. Plötzlich taumelte er auf sie zu, und sie floh laut schreiend durch die Wohnung zur vorderen Haustür. Sie war eben dort angelangt, als die Tür sich von außen öffnete und ihr Vater in Begleitung seines Freundes Lewis eintrat. Eine halbe Stunde hatte es bei Kriegler gedauert, ehe Jasper, der am Telephon wie bewußtlos zusammengebrochen war, wieder zu sich gekommen war; noch jetzt schwankte er im Gehen, so daß sein Zustand sich wenig von dem Wallingfords unterschied, als dieser vom Gitter auf den rückwärtigen Hauseingang zugeschritten war. Nur mit dem Unterschiede, daß Wallingfords Kräfte durch die nächtlichen Ausschreitungen erschlafft, die Manneskraft Jaspers aber nur zeitweilig durch seine Bewußtlosigkeit gebunden war. Ein seelischer Krampf hatte ihn für kurze Zeit körperlich geschwächt. Jetzt aber, da er den Urheber des Elends, das über ihn hereingebrochen war, vor sich sah, entrang sich ein heiserer Wutschrei seiner Brust, und vor seinen Augen flimmerte es rot wie Blut. Trotz seiner sechzig Jahre noch kräftig und rüstig wie ein junger Mann, sprang er wie ein Tiger auf den Hochstapler los, der seine Wohlhabenheit zerstört hatte und der sich jetzt anschickte, auch noch sein Haus zu schänden.

Das, was jetzt kam, war nicht das Ringen zweier gestraffter Körper, war nicht, wie wenn zwei Krieger zum Endkampf sich auf Leben und Tod stellen, wenn Angreifer und Verteidiger ihre Kräfte und ihre Tapferkeit messen. Nein, sondern der stark gebaute Mann, der zweimal so groß war wie Jasper und sehr wahrscheinlich zweimal so stark im Heben und Schlagen, und der noch dazu Jasper gegenüber den Vorteil hatte, auf dem Gipfel seines Lebens zu stehen, wich, bleich bis in die Lippen, zurück, fing zu weinen an und schrie um Gnade. Unter der Faust Jaspers war er ein wehrloses, vom Entsetzen geschütteltes, winselndes Spottgebilde von einem Mann; aber Jaspers sehnige, mageren Finger krallten sich mitleidslos um seinen Hals, aus dem der Schrei nach Gnade nur noch röchelnd und gurgelnd hervordrang. In jedem anderen Falle würde der Anblick des um Gnade bettelnden, wie ein Kind heulenden Mannes David entwaffnet, würde seinen Zorn in Abscheu, seinen gerechten Rachedurst in Ekel verwandelt haben; aber jetzt war er blind vor Wut, jetzt lechzte er nach dem Blut seines Verderbers, den, eine riesige, marklose Masse, er durch die furchtbare Gewalt seines Anlaufs zu Boden warf, als wäre es eine Gummipuppe.

»Mensch!« schrie Lewis ihm ins Ohr. »Mensch, sieh dich vor! Was du da tust, ist gesetzwidrig!«

»Laß mich in Ruhe!« schrie Jasper zurück. »Gesetz hin, Gesetz her! Wird das Gesetz mir vielleicht meine Ersparnisse wiedergeben?«

Lewis' Dazwischenkunft hatte nur die Wirkung, der wütenden Attacke Jaspers eine andere Richtung zu geben. Seine linke Hand hielt Wallingfords Gurgel noch immer umklammert, aber mit seiner kräftigen Rechten ließ er einen Hagel von Schlägen auf das verhaßte, speckige Gesicht, das unter ihm lag, herabsausen. Es sah abstoßend brutal aus, und Ella mußte, als sie ihrem Vater zuredete, aufzuhören, und versuchte, ihn fortzuzerren, ihr Gesicht von dem häßlichen Schauspiel abwenden. Das Aufklatschen der geballten Faust auf dem Gesicht Wallingfords verursachte ihr ein Gefühl wie Ohnmacht. Trotzdem besaß sie Geistesgegenwart genug, die vordere Haustür zu schließen, so daß die Vorgänge im Hause keinen neugierigen Gaffer anlocken konnten. Als sie sich aber dem Vater wieder zuwandte, und als dieser eben wieder zu einem neuen Faustschlage ins Gesicht des wimmernden Feiglings ausholte, flog ein krampfhaftes Zucken über sein Gesicht, und er rang schwer nach Luft; dann sank er wie leblos neben seinem Feinde zu Boden. Das Alter hatte sich schließlich doch geltend gemacht. Trotz seines mäßigen Lebens rächte sich die ungewohnte Anstrengung und der ungewohnte rasende Zornausbruch jetzt an ihm.

Es war Davids Freund Lewis, der bleichen, finsteren Gesichts Wallingford in die Höhe half, ihn mit wortloser Verachtung zur Tür hinausschob und ihm seinen zerknitterten Hut nachwarf. Das Gesicht mit Blut bedeckt, durch welches die Tränen wie zwei Bächlein rannen, lief J. Rufus Wallingford, der große Mann, für den alle die guten Gaben dieser Welt eigens geschaffen wurden, schluchzend mit hängenden, zitternden Lippen zu seinem Automobil. Der Chauffeur sprang von seinem Sitz herab, drehte den Wasserhahn im Garten an, tauchte sein Taschentuch ins Wasser und reichte es seinem Herrn; dann lenkte er, ohne Weisungen abzuwarten, das Auto nach Wallingfords Hause. Als er dem Insassen den Rücken zugedreht hatte, verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln der Befriedigung. Jawohl, Frank lächelte – derselbe Frank, der von Wallingford so gute Löhnung, so verschwenderisch reichliche Trinkgelder erhalten hatte, lächelte und lächelte und mußte sich alle Mühe geben, nicht laut herauszulachen. Frank empfand lebhafte Genugtuung; sein Sinn für Gerechtigkeit und Humor war befriedigt. –

Als das Automobil um die Ecke gebogen war, kam Eduard Laemmle die Straße hinabgelaufen. Er war in der Krieglerschen Wirtschaft gewesen, um zu erfahren, was mit Jasper vorgegangen war; auf dem Wege zu dessen Hause traf er Lewis, der eben einen Arzt holte und der, ohne sich mit einer Erklärung aufzuhalten, mit dem Finger auf das Haus Davids deutete. Eduard lief, ohne anzuklopfen, eilends hinein. Jasper war in sein Bett im Vorderzimmer gelegt worden, und seine Tochter beugte sich gerade über ihn, um seine Stirne mit Kampfer einzureiben. Er konnte nicht sprechen, aber seine Augen waren offen, und ihr Ausdruck zeigte, daß er verstand, was um ihn vorging. Als Eduard, der Freund des Hauses, ans Bett trat, blickte Ella auf. Sie versuchte, ihm unbefangen ins Gesicht zu sehen, wie er so jung, so stark, so zuverlässig hilfsbereit dastand; sie versuchte, ihm tapfer und frei in die Augen zu blicken. Sie hatte aber furchtbare Aufregungen mitgemacht und lebte sie noch durch, seelische Erschütterungen, die ihre Stärke auf eine harte Probe gestellt hatten; und als sie auf ihn zuschreiten wollte, schwankte der Boden unter ihren Füßen. Eduard Laemmle fing Ella, seine Schwester, wie er sie nannte, in seinen Armen auf; und als ihr Kopf einen Augenblick lang auf seiner Schulter ruhte, und als sie, an ihn geschmiegt, in Tränen ausbrach, siehe! da vollzog sich das Wunder. Die törichten Schuppen fielen ihm von den Augen, so daß er in sein eigenes Herz blicken konnte und entdeckte, was lange, ihm unbewußt, dort geschlummert hatte. Und Ella Jasper war nicht mehr seine Schwester.

»Nun, nun, Liebste!« redete er ihr zu und fuhr mit seiner breiten weichen Hand schmeichelnd über ihre Flechten.

Bei der Berührung und dem zärtlichen Ton seiner Worte ging ein Zucken durch ihren Körper. Sie lächelte in ihren Tränen und blickte scheu zu ihm auf; und er beugte sich zu ihr und küßte feierlich, zart, ihre Lippen. Und David Jasper, der dort in seinem Bett lag, David Jasper, dessen kleines Vermögen und dessen rüstige Kraft dahingeschwunden waren, sah es; und über seine eingefallenen Lippen flackerte die leise Spur eines Lächelns der Freude. –

An jenem Abend eilten J. Rufus Wallingford und seine Frau in einem Schnellzuge dem Osten zu, nach Neuyork. Ihr Gepäck, ihr ganzes Besitztum, bestand aus zwei Handkoffern und einem großen Koffer.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.