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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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28. Kapitel.
Worin Wallingford dem größten Verbande der Welt beitritt.

Der Name »Meers« wirkte wie Zauber. Wallingford würde vermöge seiner vielfachen, reichen Gaben sein Verbandsunternehmen wahrscheinlich auch allein ins Leben gerufen haben; mit der Hilfe des einflußreichen Stadtrates vom fünften Bezirk ging die Sache aber doch viel leichter, glatt wie Öl. Einige der kleinen Zigarrenhändler fürchteten Meers, sie fürchteten aber auch, aus dem Verbande fortzubleiben. Die meisten waren aber froh, mit ihm zusammen in einen Verband einzutreten, ganz besonders, weil unter allen Beteiligten das stillschweigende Übereinkommen herrschte, daß Meers ihnen die Erlaubnis zum Ping-Pong-Spiel verschaffen würde; und dies war ein sehr wertvolles Privileg, da es nicht nur den Verkauf der Zigarren steigerte, sondern an sich schon hundert Prozent abwarf.

Die ersten Schritte zur Gründung des Verbandes wurden schon am Morgen nach der Unterredung Wallingfords mit Meers eingeleitet, und einige Tage später trat der Verband tatsächlich ins Leben. Über die vom Staat geforderte »teilweise Einzahlung des Aktienkapitals in Voll« wurde, wie üblich, ein (behördlich stillschweigend geduldeter) Schleier gebreitet. Wallingfords Anteil an den Gründungskosten belief sich auf 100 Dollars; er hatte aber gar keine Lust, sich sein kostbares Taschengeld, das er so nötig brauchte, verkürzen zu lassen.

»Es sieht doch besser aus, wenn einer die ganzen Kosten ausbezahlt«, sagte er zu Meers leichthin. »Wie wär's, wenn Sie die Kosten übernähmen? Wir können Ihnen ja unseren Teil später zurückgeben.«

Gegen diesen einwandfreien Vorschlag mochte Meers keine Bedenken erheben, und er legte den gesamten Betrag gern aus. Als aber Wallingford ihm seinen Scheck auf 100 Dollars überreichte, sah Meers, daß der Scheck um eine Woche vordatiert war.

»Wenn Sie den Scheck nicht wollen,« bemerkte Wallingford wie nebenher, »so werde ich Ihnen das Geld doch bar geben müssen. Meine Wertpapiere liegen augenblicklich in Neuyork, wo ich mir eben ein neues Bankkonto eröffnen lasse, und können vor frühestens drei oder vier Tagen nicht zurück sein.«

Meers lächelte nur. Aber es war ein eigentümliches Lächeln.

»Ich habe einmal einem Fremden, der mir so eine Geschichte erzählte, den Kopf abgeschlagen«, sagte er. »Bei Ihnen ist es aber natürlich etwas anderes.« Er nahm den Scheck an sich.

Meers wuchs sich allmählich zu einem begeisterten Bewunderer Wallingfords und seines unbestreitbaren Genies heraus, und nichts amüsierte ihn mehr, als der Anblick der drei anderen Herren, die Wallingford sich als »Mitbegründer« ausgesucht hatte. Die Läden dieser drei wurden sofort abgeschätzt, und die Ladenbesitzer konnten sehr damit zufrieden sein, denn der Wert ihrer Lokale für die neue Gesellschaft wurde sehr reichlich bemessen. Als Wallingford und die drei Mitglieder der Verwaltung dann zu Mr. Meers kamen, um auch dort die Abschätzung für die Gesellschaft vorzunehmen, schien Meers nicht gleich darauf eingehen zu wollen. Wallingford setzte ihm die Notwendigkeit, gleich den übrigen sein Lokal jetzt gleich zu verkaufen und in die Gesellschaft einzutreten, eingehend auseinander; auch wies er auf das Statut hin, demzufolge er, Wallingford, den Rest des Aktienbestandes sofort als Treuhänder zu übernehmen habe.

Meers zauderte jedoch. »Mir ist nur wohl,« erklärte er, »wenn ich in diesen Dingen sicher gehen und über mein Eigentum selbst verfügen kann. Wenn ich mein Geld in meiner Faust spüre, so ist das für mich das behaglichste Gefühl; wenn ein anderer es in seiner Hand hat, so habe ich immer Bange, daß ich ihm eines Tages nachlaufen muß.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen«, entgegnete Wallingford mit einer Sorglosigkeit im Tone, die er keineswegs empfand. »Wenn Sie ein anderes Verfahren vorzuschlagen haben, so tun Sie es doch, bitte.«

Mr. Meers dachte lange über ein anderes Verfahren nach, mußte aber schließlich zugeben, daß er keines kenne, und daß man daher statutengemäß vorgehen müsse.

»Schließlich liegt ja nicht so sehr viel dran«, meinte er. »Es handelt sich ja doch nur um längstens eine Woche, und für die paar Tage werde ich meine Bedenken eben zu beschwichtigen haben.«

»Gewiß«, versicherte ihm Wallingford. »Es wird höchstens eine Woche, nachdem wir die Aktienformulare vom Drucker bekommen, dauern, bis alle Überschreibungen erledigt sind. Dann werden wir 120- bis 140 000 Dollars Kapital besitzen. Wenn wir aus diesem vielen Gelde nicht 5000 bis 6000 Dollars pro Mann jährlich herausschlagen können, dazu noch die Profite beim Einkauf und bei der Fabrikation und auch noch andere Nebenverdienste, so müßten wir eigentlich unter Kuratel gestellt werden.«

»Ganz schönes Geschäft«, meinte Meers zustimmend.

Diese Zustimmung bedeutete in Wallingfords Augen, daß Meers geneigt sei, über die Tatsache hinwegzusehen, daß der gesamte Aktienbesitz sich zeitweilig in den Händen Wallingfords befinden werde, und daß dieser gesetzlich berechtigt sein werde, während dieser Zwischenzeit darüber nach Gutdünken zu verfügen. Das war es aber gerade, was Wallingford haben wollte: daß Meers sich bei dem Gedanken beruhigte und ihm keine Schwierigkeiten machte. Zu diesem Ende berief J. Rufus mehrere »geheime« Versammlungen des Zigarrenhändler-Verbandes ein, ehe die kurze Periode seines zeitweiligen Verfügungsrechtes abgelaufen war. In diesen Versammlungen zeigte sich Wallingford wieder auf seiner Höhe. Der Zauber, den seine Persönlichkeit auf den einzelnen wie auf die Massen übte, war noch ungeschwächt. Er wußte auch dieses Mal die Zuhörer mit sich fortzureißen. Er wußte ihnen das Gefühl beizubringen, daß der Kleinste unter ihnen groß werden könne. Er machte ihnen klar, daß sie einzeln arm, zu einer Einheit gesammelt aber reich seien. Außerhalb des Verbandes seien sie unbedeutende Kleinhändler; als Mitglieder des Verbandes aber hätten sie Anwartschaft auf die Million. Eine neue Ära war im Zigarrengeschäft hereingebrochen, und ihr Künder hieß Wallingford! Nach der zweiten Versammlung gab es kaum einen Kleinhändler in der Stadt, der nicht das sorgfältig und geschickt abgefaßte Abkommen unterzeichnet hätte.

Während noch die Aktienformulare gedruckt wurden und Wallingford auf seinen Propagandafahrten den größten Teil des Tages in der Kutsche zubrachte, fuhr er eines Tages vor dem Zigarrenladen Ed Nickels vor. Sowohl der schlaffe Patiencespieler, wie der stumpfsinnige junge Mensch waren gerade abwesend.

»Hören Sie mal, Herr Vizepräsident,« redete Wallingford den erstaunlich herausgeputzten Mr. Nickel familiär, wie gleich zu gleich, an, »können Sie mir vielleicht sagen, wo ich ein hübsches Haus für ungefähr 15 000 Dollars kaufen könnte?«

»Tut mir wirklich leid, ich kann aber nicht dienen«, sagte Nickel bedauernd; im Innern tat es ihm wohl, daß er von dem großen Wallingford mit einer solchen beinahe intimen Frage beehrt wurde. »Es gibt aber doch sicherlich eine ganze Menge solcher Häuser. Ich wünschte, ich stände auch vor einer solchen Frage.«

»Halten Sie nur zu mir, und Sie werden sehen, wozu Sie es noch bringen«, riet ihm Wallingford, ohne zu ahnen, welch einen grausamen Scherz er damit aussprach. »Ich sehe nicht ein, warum auch Sie nicht alles haben sollen, was Sie sich wünschen, wenn Sie es nur richtig anfassen. Sehen Sie mich doch an.«

»Aber Sie haben doch Geld«, bemerkte der Vizepräsident.

»Habe ich immer Geld gehabt?« fragte der eminente Finanzmann. »Jeden Pfennig, den ich besitze, habe ich mir selbst erworben. Und das, was ich kann, können Sie auch. Die Schwierigkeit liegt für Sie nur darin, daß Sie nicht groß genug auftreten können. Sie haben zum Beispiel nur 1000 Dollars Aktien in unserem Verbande. Sie müßten wenigstens 10 000 haben.«

»Ich habe nicht soviel Geld«, sagte Nickel.

»Wieviel haben Sie?«

»Ein klein wenig über 5000«, antwortete Nickel. »Mein lieber Mann, ich bin sechsundvierzig Jahre alt und habe seit meinem sechzehnten Lebensjahre wie ein Hund geschuftet. Dreißig Jahre lang hat es gedauert, bis ich diese 5000 Dollars zusammengekratzt habe.«

»Zusammengespart!« rief Wallingford mit leichtem Spott aus. »Kein Wunder, daß Sie es nur bis zu 5000 Dollars gebracht haben. So erwirbt man keine Reichtümer. Sie müssen versuchen, Ihr Geld nutzbringend anzulegen. Glauben Sie vielleicht, daß Rockefeller seine erste Million ›zusammengekratzt‹ hat? Ich will Ihnen mal sagen, Mr. Nickel, was ich tun werde. Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?«

»Gewiß«, beteuerte Nickel mit dem Eifer eines Mannes, dem nie im Leben ein wichtiges Geheimnis anvertraut worden ist.

»Dann hören Sie zu, aber geben Sie genau acht, und sagen Sie mir dann, ob Sie einverstanden sind. Ich kann es so einrichten, daß Sie außer Ihren 5000 noch weitere 5000 Aktien des Verbandes übernehmen können. Sie dürfen aber ja nicht ein Sterbenswörtchen darüber sprechen, bis alles erledigt ist, sonst werden die anderen neidisch. Da ist zum Beispiel Mr. Meers. Er bietet alles auf, um so viele Aktien, als er nur ergattern kann, in seinen Besitz zu bekommen. Er möchte offenbar die Gesellschaft kontrollieren können. Aber im Vertrauen gesagt, ist es für uns gar nicht gut, wenn er zu großen Einfluß in der Gesellschaft gewinnt.«

»Das ist auch ganz und gar meine Meinung«, stimmte Nickel mit großem Nachdruck zu. »Er ist schon jetzt ein zu großer Herr. Er tut ja jetzt schon, als gehörte ihm die ganze Stadt. Vielleicht gehört sie ihm auch.«

»Er kann vielleicht mit der Stadt tun, was er will, aber nicht mit der Gesellschaft«, erklärte Wallingford scheinbar sehr erregt. »Es ist mein Projekt, und ich suche mir meine Leute selber aus. Jetzt aber zurück zu den Aktien. Überlegen Sie sich's mal, und, wenn Sie einverstanden sind, so verständigen Sie mich spätestens heute mittag. Aber nochmals: kein Wort darüber verlauten lassen!«

Mr. Nickel versprach, auf sein Wort als Mann und im eigenen Interesse als bevorzugter Aktionär, nicht darüber zu sprechen, und Wallingford wendete sich zum Gehen. An der Tür drehte er sich jedoch nochmals herum.

»Noch eins«, sagte er. »Wenn wir so weit sind, bin ich entschlossen, die ›Nickelfein‹ und die ›Doppel-Nickel‹ zu lancieren. Ich habe beide Sorten versucht; sie sind wirklich ausgezeichnet. Aber – nichts sagen! Die Welt ist zu neidisch!«

Mr. Nickel legte den Finger an seine Lippe, lächelte und verbeugte sich verständnisvoll. Ein ganz bedeutender Mann, dieser Wallingford! Versteht sich auf eine Menge Dinge, ist schwer reich und dabei doch zugänglich wie ein alter Duzbruder. Dabei ein eleganter Kerl.

Der elegante Kerl war, als Nickel diesen Monolog hielt, in seiner Gummiräderkutsche auf dem Wege zu dem Zigarrenladen Alfred Nortons, dem er einen ganz ähnlichen Vorschlag unterbreitete. Er hatte bei seinen Vorarbeiten sorgfältige Erkundigungen über das Vermögen eines jeden Zigarrenhändlers eingezogen, mit dem er in Berührung zu treten gedachte; und jetzt war er dabei, jeden einzelnen zu besuchen, jedem einen größeren Aktienbesitz in Aussicht zu stellen und jedem strengste Geheimhaltung aufzuerlegen. Drei Tage lang war er damit beschäftigt. Am Freitag abend wischte er sich zufrieden den Schweiß von der Stirn.

»Fanny,« meinte er, »du hast einen smarten Gatten.«

»Das ist das einzige, was ich an ihm auszusetzen habe«, entgegnete sie lachend. »Was hast du dieses Mal gemacht?«

»Ich habe soeben dem Herrn Joseph O. Meers eins in die Bauchgegend versetzt«, frohlockte Wallingford. »Ich werde diesen Herrn schon lehren, sich in meine Geschäfte einzudrängen und die Profitchen einzustecken, die mir, dem Künstler, zukommen! Er schwelgt jetzt in glückseligen Träumen, wenn ich aber mit den Mesummen von hier abreise, wird er aufwachen.«

»Ich dachte, wir wollen hierbleiben?« sagte sie. Ihre Unruhe war wieder wach geworden.

Er verstand sie sofort und beugte sich zu ihr herab, um ihr Haar zu streicheln.

»Laß es gut sein, kleine Frau«, sagte er. »Mir ist ebenso viel daran gelegen, wie dir, eine feste Häuslichkeit zu begründen.« Er blickte auf die duftige, weiße Näharbeit in ihrem Schoß. »Aber nicht hier. Das ist keine Stadt für dich. Ich hatte mir ein nettes, kleines geschäftliches Unternehmen ausgedacht, aber der Oberbonze der Stadt wollte mir eins auf den Kopf geben, und da mußte ich natürlich zurückhauen. Morgen werde ich ungefähr 100 000 Dollars einkassieren, und mit diesem Gelde gehen wir, wohin du willst, und ich suche mir irgendein neues Geschäft nach deinem Geschmack. Wie wär's, wenn wir nach Battlesburg zurückkehrten, die Hypothek auf dein Haus abtrügen und uns dort niederließen?«

»Ist das dein Ernst?« fragte sie lebhaft. »Das wäre zu schön! Aber sag' einmal, Jim, wer verliert diese 100 000 Dollars?« Sie war wieder erregt geworden. »Gerade jetzt liegt mir mehr daran, als je, daß wir keinen Dollar mitnehmen, der nicht ehrlich erworben ist.«

Er verstand sie auch jetzt.

»Mach' dir keine Gedanken«, antwortete er ernst. »Dieses Geld habe ich mir auf ganz honorige Weise aus einer Organisation herausgeholt, ganz wie Harriman oder Morgan es tun. Ich habe mir ganz einfach meine Gebühr als Unternehmer und Organisator geholt, und sie ist nicht größer als die, die alle anderen Unternehmer sich bei ähnlichen Gelegenheiten geben lassen.«

Er hatte sich noch nie so viel Mühe gegeben, sich in ihren Augen zu rechtfertigen, und sie hatte die Empfindung, daß eine ganz neue, eine zärtliche Regung ihn dazu veranlaßte. Sollte am Ende dieses Wunderbare, das sich anschickte, ihr Leben zu verklären, einen dauernden Wandel in ihm hervorrufen?

Es klopfte an der Tür. Wallingford öffnete sie. Vor ihm stand ein hochgewachsener, starker Mann, der einen Helm und einen blauen Rock mit vielen Messingknöpfen trug.

»Mr. Wallingford,« sagte dieser und winkte ihm eifrig zu, »möchten Sie nicht so gut sein, mit mir in das Gerichtsgebäude zu kommen und dort diese Papiere zu unterzeichnen?« Und als Wallingford mit ihm vor die Tür trat, fügte er hinzu: »Das habe ich Ihnen nur wegen der Dame da drinnen gesagt. In Wirklichkeit bin ich gekommen, um Sie zu verhaften.«

»Was soll ich ausgefressen haben?« fragte Wallingford mit nachsichtigem Lächeln, denn er war sich bewußt, das Gesetz nicht überschritten zu haben.

»Der Strafantrag besagt, daß Sie sich Geld unter falschen Vorspiegelungen verschafft haben.«

Wallingford pfiff leise, aber er war noch keineswegs beunruhigt. Seiner Frau sagte er:

»Ich werde spätestens in einer Stunde zurück sein. Aber in der Gesellschaft eines Polizisten möchte ich lieber nicht so viel Geld mit mir herumtragen. Hier, nimm.« Und lachend ließ er sein ganzes Barvermögen, etwa 50 Dollars, in ihren Schoß fallen.

Im Gerichtsgebäude angelangt, ließ Wallingford natürlich sofort Mr. Meers kommen, und dieser Herr erschien unverzüglich.

»Nettes Lokal, in dem Sie Ihren alten Schulfreund wiederfinden«, sagte der Gefangene scherzend. »Seien Sie doch so gut und erkundigen Sie sich, was dieser Strafantrag zu bedeuten hat, und sehen Sie zu, daß ich von hier fortkomme. Es könnte unserem Verbande schaden, wenn es sich herumspräche. Hier liegt irgendwo ein Mißverständnis vor.«

»So, meinen Sie wirklich?« entgegnete Mr. Meers. »Sie irren sich. Von einem Mißverständnis ist gar keine Rede. Denn ich bin derjenige, der den Strafantrag gestellt und den Haftbefehl erwirkt hat. Ein sauberes Doppelspiel, das Sie da mit mir treiben wollten! Es ist aber ganz anders gekommen, mein Liebster! Der Mann, der mich, Joseph O. Meers, hinters Licht führen will, muß viel früher aufstehen – und auch dann kommt er noch zu spät. So war es also gemeint?! Weil zwischen uns beiden keine schriftliche Vereinbarung bestand, daß ich zur Hälfte des verbleibenden Aktienbestandes berechtigt bin, wollten Sie so viele wie möglich verkaufen – wenn möglich alles – und sich dann davonmachen! Und dann der vorausdatierte Scheck! Sie wissen doch – der Scheck auf 100 Dollars, den Sie mir gaben, weil ›Ihre Wertpapiere in Neuyork sind‹ – und so weiter. Das war ganz und gar nicht schlau von Ihnen, Verehrtester. Sie haben weder Wertpapiere in Neuyork, noch ein Konto auf der ›Lincoln-Bank‹, auf die Sie den wertlosen Scheck ausgestellt haben. Ich weiß es schon seit einigen Tagen, da aber der Scheck erst heute fällig war, habe ich, als ich keine Zahlung erhielt, den Strafantrag gestellt. Diese lumpigen 100 Dollars sind es, die Ihnen den Hals gebrochen haben. Wünsche Ihnen viel Vergnügen in diesem Luxushotel! Mein Anwalt wird schon dafür sorgen, daß Sie möglichst lange hier verweilen – so lange, bis Sie schwarz werden!«

Damit ging Joseph O. Meers, mit sich sehr zufrieden, hinaus.

Im Gefängnis! J. Rufus Wallingford, für den echte Perser und weiche Lederstühle nicht Luxus, sondern Lebensnotwendigkeiten waren, machte einen schwachen, aber gänzlich erfolglosen Versuch, dem grimmen Joseph ein leichtherziges Lächeln nachzuschicken. Dann fielen ihm Blackie Daws prophetische Worte ein:

»Der nächste, der darankommt, bist du!«

»Ein netter Streich, den ich da mir selbst gespielt habe«, grübelte er. »Ich, dem noch vor wenigen Wochen eine Million winkte, der noch vor wenigen Stunden die Hände nach 100 000 Dollars ausstreckte – ich sitze jetzt hier – hier! Und wegen lumpiger 100 Dollars

Das war es, was ihn ganz besonders schwer bedrückte. Er hatte viele Jahre lang Geschäfte und Unternehmungen mit dem Gelde anderer, und doch formell innerhalb der Gesetze gemacht, und dabei fast immer so viel verdient, daß er wie ein Gentleman auf größtem Fuße leben konnte; er hatte allerdings einige Male das Gefängnis gestreift, aber da hatte es sich doch um Zehntausende, ja Hunderttausende gehandelt. Und jetzt, da er sich, um abermals mit Blackie Daw zu reden, zu weit über das Geländer hinausgelehnt hatte, jetzt, da die Schutzbalken wirklich eingestürzt waren, jetzt, da die Häscher ihn wirklich gepackt hatten, jetzt saß er im Gefängnis – wegen elender, armseliger 100 Dollars! Warum hatte er diesen Scheck ganz vergessen? Warum war er so töricht gewesen, mit einem Haufen rückgratloser, kümmerlicher Existenzen wie Nickel und die anderen kleinen Zigarrenhändler Komplotte zu schmieden? Er sagte sich selbst, daß ihm ganz recht geschehe, und daß, wenn Meers sich nicht erweichen lasse, das Gefängnis seinen greulichen Rachen aufsperren werde, um ihn zu verschlingen. Aber ob so oder so – augenblicklich war er ein vollgültiges Mitglied der größten Vereinigung der Welt – des »Klubs der Seßhaften«. Es war für seine Veranlagung und Auffassung bezeichnend, daß er gar keine Reue empfand, daß er nicht seine Handlungen, sondern nur ihre Folgen verfluchte, daß er seiner selbst fluchte, weil er eine solche Lappalie hatte übersehen können. Sein »Gewissen« warf ihm keine strafbare Handlung, sondern nur sträfliche Nachlässigkeit und fehlgeschlagene Manöver vor; denn so ungeheuerlich es klingt – nach seiner Rechtsauffassung hatte er kein Unrecht begangen, das Gesetz nicht gekränkt! Er hatte nicht den geringsten Sinn für sittliche Verpflichtungen. Es war eben ein organischer Fehler, für den er vielleicht ebensowenig zu tadeln war, wie ein Buckliger für seinen Höcker; er betrachtete sich lediglich als einen klügeren und geschickteren Menschen als andere es sind, und sagte sich, daß die anderen sicherlich ebenso handeln würden wie er, wenn sie seine Fähigkeiten besäßen. Nur, daß er schließlich Malheur gehabt hatte. Nun, er hatte die letzte Runde verloren, und ein Gentleman greint nicht, wenn er einmal Pech hat, sondern setzt eine heitere Miene auf.

Jede Anwandlung von Heiterkeit verging ihm aber, als er nach einer schlaflosen Nacht, die er auf einer Pritsche zugebracht hatte, aufwachte und trockenes Brot und schwachen Kaffee zum Frühstück bekam. Er schickte einige Zeilen an Ed Nickel, dieser aber antwortete ihm in gerechter bürgerlicher Empörung, daß er »mit Schwindlern nichts zu tun haben wolle«. Dann sandte er auch seiner Frau ein Schreiben, und die Antwort, die er erhielt, entmutigte ihn vollends. Das Schreiben hatte nicht abgeliefert werden können, weil seine Frau am frühen Morgen dieses Tages das Hotel verlassen hatte.

Wallingford beruhigte sich indessen bald wieder. Er war ihrer sicher; er wußte, daß sie zur rechten Zeit zu ihm kommen würde. Aber was konnte sie für ihn tun? Nichts! Der Mann, der sich bisher nie um wahre Freundschaften gekümmert hatte, der nur einige Männer seines eigenen zweifelhaften Kalibers zu Freunden hatte, empfand jetzt zum ersten Male, was es heißt, in der Welt gänzlich allein dazustehen. Es gab nicht einen Menschen auf dem ganzen Erdenrund, auf dessen Treue und Ergebenheit er hätte Anspruch machen können. Blackie Daw war ein Justizflüchtling, Billy Spruce saß im Zuchthaus, alle übrigen früheren Genossen über alle Welt zerstreut: entweder im Gefängnis oder, um ihm zu entgehen, in der Welt herumirrend.

Viele Stunden lang dachte er nach, ob sich nicht doch einer fände, an den er sich in seiner Not wenden könnte; aber allmählich dämmerte ihm die Erkenntnis auf, daß da nichts zu hoffen sei. Er war in einer üblen Lage. Dieses Mal hatte sich das Gesetz doch von ihm abgewendet. Er hatte tatsächlich ganz daran vergessen, bei der »Lincoln-Bank« ein Konto zu eröffnen, wie er es sich vorgenommen hatte, und außerdem war es dem Meers ein leichtes, vor Gericht die betrügerischen Absichten Wallingfords nachzuweisen, indem er auf dessen Verhalten bei der Gründung des Zigarrenhändler-Verbandes hinwies. Dazu kam, daß Meers, der Gemeinderat, über einen ganz gewaltigen Einfluß bei den Behörden verfügte. Noch immer konnte Wallingford den Gedanken nicht fassen, daß er, der noch vor kurzem in Riesengeschäften engagiert gewesen war, jetzt wegen erbärmlicher 100 Dollars ins Gefängnis wandern solle. Noch jetzt erschien ihm dieser Gedanke so lächerlich, so kindisch, daß er immer noch glaubte, die Sache sei vielleicht doch nur ein übler Scherz von Meers, der ihm wegen seines hinterhältigen Benehmens eine kleine Lektion erteilen wolle, über die er später würde lachen können. Dieser Gedanke setzte sich bei ihm so fest, daß er mit dem eben eintretenden Gefängniswärter Scherzreden wechselte, so daß dieser Mann, den die Feinde der Gesellschaft fürchteten, der festen Überzeugung Ausdruck gab, J. Rufus Wallingford sei nicht nur der eleganteste, sondern auch der umgänglichste Gefangene, hinter dem er je eine Türe verschlossen und einen Riegel vorgeschoben habe. Derselben Meinung waren auch der Polizist, der ihn verhaftet, und der Richter, der ihn einem Vorverhör unterzogen hatte; was aber freilich eine recht trübe Genugtuung für Wallingford war. Nach dem Vorverhör wurde er in ein anderes Gefängnis außerhalb der Stadt geschickt. Ehe er das Stadtgefängnis verließ, empfing er nochmals den Besuch Joseph O. Meers', der es sich nicht hatte versagen können, den Mann, dem er so böse mitspielte, »zum Abschied die Hand zu drücken« und ihn »aufzumuntern«. Meers scherzte mit ihm, gab ihm eine gute Zigarre und erzählte ihm, von innerer Genugtuung gesättigt, von den Fortschritten, die der Zigarrenhändler-Verband seit gestern gemacht hatte. Meers hatte jetzt die Reorganisierung des Verbandes selbst in die Hände genommen. Es war, wie er dem Gefangenen voller Freude mitteilte, wirklich ein »fetter Bissen«, und er dankte Wallingford mit überströmender Herzlichkeit für die großartige Idee. Und so verulkte Meers ihn eine Stunde lang ganz unbarmherzig, und Wallingford konnte nichts dagegen tun. Heftig zu werden, wäre bare Torheit gewesen; so tat er das einzige Kluge, was er unter den Umständen tun konnte: er bemühte sich, Meers' Spaße spaßhaft zu finden und ihm mit gleich scherzhafter Münze heimzuzahlen; er war aber bei diesem Austausch munterer Reden sehr im Nachteil, da der Spaß ganz auf seiten des anderen war.

Noch eine ruhelose Nacht, noch ein trostloser Tag. Er begann schon, ganz gegen seine Gewohnheit, sich selbst zu bemitleiden, sich als einen auf öder Wüste Verschlagenen zu bedauern, als der Gefängniswärter wieder die Türe öffnete und unter etlichen Verbeugungen ihn in die Besucherzelle führte.

Seine Frau!

Wallingford hatte sie erwartet, er hatte ganz bestimmt auf ihr Kommen gerechnet, schon wegen des frohen Ereignisses, das ihnen bevorstand; hatte erwartet, Tränenspuren in ihren verweinten Augen zu finden. Was er aber nicht erwartet hatte, das war der Mann, in dessen Begleitung sie zu ihm ins Gefängnis gekommen war.

E. B. Lott! Der nämliche, dem er vor gar nicht langer Zeit die Eigentums- und Wegerechte für eine elektrische Bahn verkauft hatte, eine Bahn, die Wallingford nie im Ernst zu bauen beabsichtigt hatte! Eines seiner ergiebigsten Opfer!

»Haben sie Sie also doch endlich erwischt, Wallingford?« sagte Lott in seiner frischen, forschen Art. Er schüttelte dem Gefangenen herzlich die Hand, und aufrichtige Wiedersehensfreude spiegelte sich in seinen verwitterten Zügen. »Das habe ich mir schon lange gedacht. Das mußte kommen. Einen netten, kleinen Streich haben Sie mir da in Battlesburg gespielt! Na, er war schon das Geld wert, das er Ihnen gebracht hat. Sie haben tatsächlich ganz wertvolle Wegerechte und Bauerlaubnisse besessen, die elektrische Lewisville-, Battlesburg- und Elliston-Bahn ist tatsächlich gebaut worden und macht glänzende Geschäfte. Ich habe Ihnen daher verziehen. Ich habe dies um so lieber getan, als Sie im Grunde genommen nicht ein persönlicher Verbrecher sind, wenn man so sagen darf, sondern der amerikanische Verbrecher an sich. Sie sind nur die logische Entwicklung des national-amerikanischen Strebens, um jeden Preis und auf jede Weise reich zu werden. Es ist dies die nationale Schwäche, die nationale Drohung, die nationale Gefahr. Sie stellen nur ein einzelnes, allerdings sehr stark entwickeltes Molekül dieses Zustandes dar. Sie glauben, so lang Sie sich innerhalb der gesetzlichen Bestimmungen halten, sind Sie völlig gedeckt, auch moralisch; aber ein Mensch, der gewohnheitsmäßig so dicht an der scharfen Kante vorbeigeht, läuft jedesmal Gefahr, abzurutschen. Jetzt haben Sie Ihr Teil, und ich wünsche und hoffe, daß Sie daraus eine heilsame Lehre ziehen und in sich gehen werden. Ihre liebe, gute Frau hier, die sofort, nachdem sie von Ihrer Verhaftung gehört hatte, zu mir geeilt war, schwört allerdings, daß dies sicher der Fall sein werde. Ich bin dessen freilich nicht ganz so sicher. Aber gleichviel, Sie sind zu begabt, um Ihre Tage hinter den vier Wänden eines Gefängnisses zu verbringen, und ich habe daher beschlossen, Sie loszukaufen. Ich habe Verwendung für Sie. Ich bin von dem ersten Tage an, seitdem je eine Trolley-Stange den elektrischen Draht berührt hat, im Bahngeschäft gewesen und bin noch nie einem Manne begegnet, dem es, wie Ihnen, gelungen ist, Wegerechte unentgeltlich, und noch dazu in so kurzer Zeit, zu bekommen. Sie haben Talente, mein Lieber, die sich in meinem Geschäft glänzend verwerten lassen. Meine Bahn beabsichtigt, im nächsten Jahre zweitausend Meilen neue Strecken zu eröffnen, und ich will Sie dabei beschäftigen. So viel, daß Sie schnell daran reich werden können, wird freilich dabei nicht herausschauen; es wird sich aber für Sie per Saldo doch besser lohnen, als Ihre alten zweifelhaften Geschäfte. Es eröffnet sich Ihnen damit eine glänzende Aussicht, und um Sie vor sich selbst zu beschützen, gedenke ich einen zuverlässigen Mann zu engagieren, der Sie überwachen soll!«

Wallingford hatte seine alte Frohlaune, seine alte Brustweite wiedergefunden, und er lachte jetzt wieder. Seine Schultern hoben und senkten sich, und die hundert munteren Falten um seine Augen zuckten wieder, als er dem Mr. Lott entgegnete:

»Engagieren Sie lieber drei Männer und lassen Sie sie in Acht-Stunden-Schichten arbeiten!«

Trotzdem schimmerte ein verräterisch feuchter Glanz in seinen Augen, und seine Hand suchte die seiner Frau. In diesem Augenblick gab er vielleicht sich selbst, unbestimmt und unbewußt, das Versprechen, in Zukunft höheren Zielen nachzustreben. Aber die Frau an seiner Seite durchschaute diese Regung, sie wußte, daß es eben nur eine flüchtige Regung war. Sie selbst fühlte sich sittlich geläutert, und sie kannte den süßen Grund dieser Läuterung. Aber trotzdem sie an eine dauernde Besserung ihres Gatten nicht glaubte, trotzdem sie sah, wie dieses verkrüppelte sittliche Gefühl Wallingfords nach einem kurzen, vergeblichen Anlauf wieder in sich zusammensank – – drückte sie seine Hand innig; dabei schüttelte sie den Kopf.

Auf Disteln wachsen keine Rosen ...

 

Ende.

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