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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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27. Kapitel.
Worin Wallingford Würfel spielt und, ohne es zu wollen, einen Kompagnon findet.

In der feinen Kutsche brachte Wallingford Mr. Nickel und seine beiden Freunde in sein Hotel, wo sie mit ihm speisten und die letzten Maßnahmen zur Gründung des großen Verbandes besprachen. Die Hauptsache, an die sich die Drei erinnerten, als sie das Hotel verließen, war, daß sie außerordentlich freigebig mit Speise und Trank bewirtet worden waren, und daß der Lunch über zwanzig Dollars gekostet hatte. Sie erinnerten sich auch noch, daß der vornehm aussehende Oberkellner über ein halbes Dutzend Mal an ihren Tisch gekommen war, um nachzusehen, daß auch alles auf die Minute und in bester Form serviert wurde. Nur einem reichen Mann kam man so flink und diensteifrig entgegen, und die drei hatten die Tafel verlassen mit dem festen Vorsatz, den Anregungen ihres reichen Wirtes unbesehen Folge zu leisten. Als sie an dem Pult des Buchhalters vorbeigingen, bat der Hoteldirektor Wallingford zu sich, und der große Unternehmer schüttelte seinen Freunden die Hand und versprach ihnen, sie morgen aufzusuchen. Dann ging er zu dem Direktor zurück.

»Guten Morgen, Herr Senator«, sagte der Hotelleiter und schüttelte ihm die Hand. »Sind Sie jetzt mit unserer Bedienung zufrieden?«

»Ich bin mit allem zufrieden,« entgegnete Wallingford, »nur möchte ich gern Eckzimmer haben, wenn ich sie bekommen kann.«

»Ich weiß, Sie haben dies schon letzte Woche erwähnt. Ich habe auch wirklich mein Bestes getan, um diese Zimmer für Sie frei zu bekommen, aber gerade diese werden immer auf lange Zeit vorausbestellt. Ich glaube aber, daß die Eckgemächer im zweiten Stock in ein oder zwei Tagen frei werden, und ich werde es Ihnen dann mitteilen. Nur noch eins, Mr. Wallingford« – er sagte dies in vertraulichem, sehr freundlichem Tone – »ich werde Sie um Kassa bitten müssen. Die Gesellschaft, der das Hotel gehört, ist im Verrechnen sehr genau, und heute sind es gerade zwei Wochen, daß Sie hier sind.«

»Wahrhaftig?« rief Wallingford höchst erstaunt aus. »Geben Sie nur die Rechnung her, ich werde die Sache ehestens regeln.« Damit streckte er die Hand nach der Rechnung aus, die der Direktor ihm einhändigte. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, ging er jeden Posten durch und steckte dann die Rechnung in die Tasche. »Es ist mir sehr angenehm, daß Sie mich daran erinnert haben, denn ich bin in diesen Dingen ein bißchen nachlässig.« Damit ging er leichten Herzens seines Weges.

Sollte er tun, als ob er an seine Bank um Geld telegraphierte? Nein. Das wäre unklug; denn wenn er telegraphierte, so müßte er bald das Geld zur Hand haben. Er beging also diesen Fehler nicht, sondern schritt eilig auf die Straße. Sollte er zu Ed Nickel gehen und dort sein Glück versuchen? Nein. Nickel war noch nicht reif, und es wäre töricht, seine Chancen voreilig zu verderben. In tiefe Gedanken versunken, betrat er schließlich einen elegant aussehenden Zigarrenladen. Das Lokal war sehr fein ausgestattet. Die Spiegelscheiben und die geschliffenen Fenster glitzerten in der Sonne; die Gestelle waren aus bestem Holz; in den Regalen standen dicht gedrängt die Zigarrenkisten in langen Reihen; und vor einem prunkvollen Glaskasten standen drei etwas allzu farbig gekleidete Männer und spielten Ping-Pong, das beliebte Würfelspiel, auf einem Mahagonibrett, das mit grünem Tuch überzogen war. Er hatte diese Ping-Pong-Bretter schon früher gesehen, sie waren aber stets hinter den Ladentischen versteckt gewesen, denn dieses Spiel war in dem Staate, in dem er sich jetzt aufhielt, streng verboten. Eine »sittliche Welle« war kurz zuvor über den Staat hinweggefegt, so daß die Behörden das Würfeln um Zigarren, wie auch jedes andere Hasardspiel mit den schwersten Strafen belegt hatten. Ein untersetzter junger Mensch mit roter Krawatte und rotkarierten Streifen im Anzug saß, den Hut auf dem Kopf, an einem Ende des Ladentisches und markierte das Spiel; es war augenscheinlich der Besitzer des Ladens. Er fragte Wallingford nach seinen Wünschen.

»Ich weiß nicht, welche Sorten Sie führen, ich überlasse es daher Ihnen«, sagte Wallingford mit freundlichem Lächeln. »Ich möchte eine gute Zigarre, zwei für einen halben Dollar, ziemlich schwer, aber nicht zu eng gewickelt.«

Der Besitzer blickte sich seinen Kunden eine Sekunde lang an und brachte dann drei Kisten verschiedener Sorten zum Vorschein. Die kurze Beaugenscheinigung des Kunden hatte dem Ladeninhaber offenbar eine gute Meinung von dem Käufer beigebracht; dies äußerte sich darin, daß er mit dem Kunden einige freundliche Worte wechselte, ehe er zu dem Ping-Pong-Brett zurückkehrte. Da Wallingford augenblicklich nichts zu tun hatte, stellte er sich daneben und sah zu.

Ein Polizist betrat den Laden, doch schenkte ihm (trotz des strengen Verbots!) kein Mensch die geringste Aufmerksamkeit.

»Hallo, Joe!« sagte der Mann des Gesetzes leutselig und schritt ins Hinterzimmer. Als er die Tür öffnete, war das Klappern elfenbeinener Pokerchips hörbar, und eine scharfe Stimme rief: »Ich passe.« Gleich darauf trat ein schieläugiger junger Mann lebhaften Schrittes aus dem Hinterzimmer in den Laden und wechselte beim Eigentümer eine Fünfzig-Dollar-Note.

»Na, wie steht das Spiel, Tommy?« fragte er einen der Spieler, der eben einen Wurf aus dem Würfelbecher getan hatte.

»Saumäßig«, antwortete dieser. »Jetzt habe ich endlich zwei Zigarren für einen Vierteldollar gewonnen, die mich vier Dollars gekostet haben.«

»So spielen doch keine vernünftigen Leute«, meinte der junge Mann lachend. »Du wirst doch nicht vier Dollars für zwei billige Zigarren ausgeben wollen. Mach' doch quitt oder double.«

»Ich denke, das tue ich«, sagte Tommy. »Ist's dir recht, Joe?«

»Ganz nach Belieben, alter Knabe«, sagte der Besitzer des Ladens gleichmütig, entnahm der Registrierkasse vier Dollars und ließ die Schublade offen. »Kann's losgehen, Tommy?«

»Jawohl«, entgegnete der. Er nahm den ledernen Becher an sich und schüttelte die darin befindlichen fünf Würfel. Joe folgte und warf höher. Tommy legte stumm eine Fünf-Dollar-Note auf das Brett und blickte die anderen an.

»Will einer von euch mitmachen?« fragte er.

Wallingford fühlte in diesem Augenblick das bewußte Prickeln in allen Gliedern. »Darf ein Outsider vielleicht mitspielen?« fragte er die Gesellschaft.

Die drei anderen nickten zustimmend, und Tommy sagte mit halbem Lächeln:

»Ich gönne mein Geld jedem anderen, als dem Joe. Joe ist ein Dieb und ein Räuber, und keiner kann ihn leiden.«

»Ich glaube, ich kann ihn auch nicht leiden«, sagte Wallingford lachend und warf seinen Einsatz auf das Spielbrett. Die anderen betrachteten ihn nochmal, und zwar jetzt unter einem neuen Gesichtswinkel: dem des Mitspielers und Hasardbruders. (Es darf nicht vergessen werden, daß Ping-Pong ein verbotenes Spiel, und daß Wallingford ihnen unbekannt war.) Er machte einen durchaus vertrauenerweckenden Eindruck auf sie, sah sehr liebenswürdig und wie ein richtiger »Sport« aus, der gewiß kein Spiel verderben würde. Auch war er sicherlich keiner von denen, die ein Geschrei erheben, wenn sie ihr Geld verlieren. Dem da war es gewiß gleichgültig; er wollte lediglich zum Zeitvertreib mitspielen und war augenscheinlich so reich wie die Erste Nationalbank.

In Wirklichkeit hatte J. Rufus nur drei Fünf-Dollar-Noten in seiner Tasche, aber abnormale Verhältnisse heiligen abnormale Mittel. Was verschlug es schließlich in seiner verzweifelten Lage, wenn er auch diese letzten fünfzehn Dollars verlor? Zweimal setzte er je fünf Dollars, und erst war das Glück abwechselnd ihm und dem Ladenbesitzer günstig. Dann wandte sich das Spielerglück eine ganze Weile lang ausschließlich ihm zu. Wallingford sah das Häufchen Banknoten, das jetzt vor ihm lag, mit jedem Wurf anschwellen. Als nach Joes Schätzung dieses Häufchen auf etwa zweihundert Dollars angewachsen war, schlug Joe quitt oder double vor. Das Spiel gestaltete sich jetzt ungemein aufregend. Die übrigen Mitspieler zogen sich zurück und blickten den beiden zu; bald scharte sich eine Gruppe anderer Zuschauer um Wallingford und den Ladenbesitzer.

Das Spiel nahm seinen Lauf. Joe, der wenigstens äußerlich denselben Gleichmut bewahrte, wie der fast stets gewinnende Wallingford, regte noch mehrere Male an, den ganzen Einsatz zu riskieren, und Wallingford sah sich anstandshalber genötigt, diesem Wunsche nachzukommen. Er verlor auch einige Male, aber doch ganz erheblich weniger, als er einstrich.

»Jetzt aber will ich mein Geld endlich zurück haben«, sagte Joe lachend. »Ich habe schon lange kein solches Pech gehabt. Warten Sie nur, Fremdling, jetzt soll es Ihnen schlecht gehen. Ruft doch einer den Portier, daß er diesen Herrn hinauswirft, nachdem ich ihm das Geld abgenommen habe.« Er lachte vergnügt über seine eigene Zuversicht. »Sie haben den ersten Wurf, Herr.«

Wallingford schüttelte den Becher. Joe und die Zuschauer hielten den Atem an.

»Neun Punkte!« rief Joe triumphierend, Wallingford enttäuscht aus. Es war kein Zweifel: Wallingford mußte diesen Wurf mit dem hohen Einsatz verlieren. Neun Punkt mit fünf Würfeln – das war ganz sicherer Verlust, und alle betrachteten jetzt Joes Wurf lediglich als Formsache. Der Ladenbesitzer griff schmunzelnd zum ledernen Becher und warf die Würfel auf den Tisch.

»Acht!«

Die Zuschauer brachen förmlich in ein Geschrei aus. Hatte man je etwas Derartiges erlebt! Bei einem Wurf mit fünf Würfeln zu verlieren, wenn der Gegenspieler nur neun geworfen hat!

Wallingford strich die 240 Dollars, die er eben gewonnen hatte, seelenruhig ein. »Wollen Sie nochmals das ganze riskieren, oder nur einen Teil?« fragte er Joe. »Mir soll es gleich sein.«

»Ich muß erst mal einen Blick in die Safe tun«, antwortete der Eigentümer. Als er aber dem Geldschrank zuschritt, ertönte die Telephonglocke, und er beeilte sich, den Anruf zu beantworten. Gleich nach den ersten Worten, die er vernahm, zog er seine Uhr hervor und stieß einen Fluch aus. Nach beendetem Gespräch drehte er sich zu Wallingford herum und sagte lebhaft: »Bedaure, kann jetzt nicht weiterspielen, Sie müssen Ihren Raub für heute schon nach Hause schleppen. Ich muß raschestens auf das Gericht. Wenn ich nicht bald dort bin, verliere ich mehr, als ich Ihnen jetzt abnehmen kann. Aber hören Sie, Mensch, vergessen Sie meine Hausnummer nicht und bringen Sie mir den Raub ehestens zurück.«

»Danke«, sagte J. Rufus. »Wenn mir etwas übrigbleibt, nachdem ich es ausgegeben habe, so sollen Sie es gerne haben.« Die anderen lachten, und Wallingford verließ das Lokal.

Er begab sich geraden Weges zu einer Bank, wo er sein zerknittertes Papiergeld in neue, blanke Banknoten umwechselte; dann schritt er, äußerst zufrieden, in sein Hotel zurück und legte dem Direktor 200 Dollars hin. Der glückliche Zwischenfall bedeutete für ihn aber weit mehr als einen Geldgewinn: er bedeutete einen erheblichen Gewinn an Selbstvertrauen. Wieder einmal war »die Welt seine Auster«, wie Pistol so drastisch sagt.

Am selben Abend, bald nach dem Diner, brachte ihm ein Boy eine fein lithographierte Visitenkarte ins Speisezimmer. »Mr. Joseph O. Meers«, lautete die Karte.

»Meers!« sagte Wallingford zu seiner Frau. »Das ist bestimmt keiner von denen, die mit Nickel zusammen mit mir ins Geschäft gehen wollen. Auch glaube ich kaum, daß einer von ihnen eine so feine Visitenkarte hätte. Wo ist der Herr?« fragte er den Boy.

»Draußen im Vestibül.«

Wallingford erhob sich und folgte dem Boy. In einem der großen Klubsessel saß der Besucher. Es war »Joe«, der nämliche, dem er einige Stunden zuvor das Geld abgewonnen hatte! Joe lachte laut, als er Wallingfords ansichtig wurde.

» Sie sind also Mr. Wallingford!« rief er aus und streckte ihm die Hand entgegen. »Das hätte ich mir nicht gedacht, als wir heute nachmittag dem Laster des Spieles fröhnten.«

»So?« entgegnete Wallingford, denselben heiteren Ton anschlagend. »Auch ich ahnte nicht, daß ›Mr. Joseph O. Meers‹ derselbe sei, den ich heute ausgeräubert habe.«

»Na, was das Ausräubern anbetrifft, so können Sie das ja wieder quitt machen, indem Sie eine Flasche Wein spendieren«, lachte der andere.

Die beiden gingen in die Bar und setzten sich in eine gemütliche Ecke. »Die Sache, die mich zu Ihnen führt,« begann Mr. Meers, »betrifft den Zigarrenhändlerverband, der, wie man mir erzählt hat, auf Ihre Anregung und unter Ihrer Leitung ins Leben gerufen werden soll.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?« fragte Wallingford.

»Das ist ja ganz gleichgültig«, winkte Meers ab. »Ich erfahre solche Dinge, noch ehe sie in die Zeitung kommen. Wenn es eine gute Sache ist, so möchte ich auch ganz gern mitmachen.«

Wallingford dachte eine Weile nach. Er hatte schon am Nachmittag, bevor und nachdem er mit Joe gespielt hatte, an eine etwaige Beteiligung dieses Mannes gedacht, war aber zu dem Entschlusse gekommen, davon lieber abzusehen, da Joe ihm nicht für seinen Plan geeignet schien.

»Wenn ich Ihnen einen kleinen Tip geben darf,« fuhr Meers, der Wallingfords Zögern bemerkte, fort, »so ist es der: was immer Sie mit Ihrer Spekulation vorhaben, Sie werden mich nötig brauchen. Ich habe ein klein wenig Einfluß hier in dieser Stadt. Sehe ich meinen Vorteil bei der Sache, so kann ich Ihnen erheblich nützen – und umgekehrt.«

»Es handelt sich hier durchaus nicht um eine Spekulation«, antwortete Wallingford trocken. »Es handelt sich vielmehr um die Erfüllung eines in diesem Berufe längst gefühlten Bedürfnisses, um die Herbeiführung eines Zustandes, der aus dem Zigarrenladen ein wirkliches Geschäftsunternehmen macht, während er jetzt ein elender Kramladen ist.« Wallingford hatte seine eindringliche Redensweise wiedergefunden; ob sie jedoch Eindruck auf den anderen machte, konnte er nicht beobachten. »Mein Plan besteht darin, eine Vereinigung der kleinen Zigarrenläden dieser Stadt ins Leben zu rufen, damit sie zu Engros-Preisen einkaufen und den bei solchen Käufen üblichen Kassendiskont erhalten können.«

»Auch das läßt sich hören«, meinte Meers. »Wie haben Sie sich aber die Einzelheiten, die Organisation Ihres Verbandes vorgestellt?«

»Ich will eine Aktiengesellschaft gründen,« erklärte Wallingford, »und sie als ›Vereinigung der Detail-Zigarrenhändler‹ eintragen lassen. Jedes Mitglied des Verbandes soll Aktien im Werte seines jetzigen Geschäftes erhalten; jeder Ladeninhaber soll seinen Laden auch weiterhin leiten und dafür ein Gehalt in der Höhe seiner nachweisbaren jetzigen Einnahme erhalten; der Gewinnüberschuß soll alle drei Monate festgestellt und eine entsprechende Dividende verteilt werden.«

»So werden sich die Dinge vermutlich nach außenhin präsentieren«, bemerkte dazu, seinen Kopf weise schüttelnd, Joe Meers. »Wie wird die Sache aber in Wirklichkeit ausschauen? Das möchte ich gar zu gern wissen. Vielleicht darf ich Ihnen bemerken, daß ich außer dem kleinen Spielchen, wie wir beide eines heute nachmittag gemacht haben, gelegentlich auch noch ein wesentlich größeres Spiel hinter den Kulissen meines Ladentisches zu arrangieren pflege.« Er sprach den letzten Satz mit großem Nachdruck.

»Ich möchte wiederholt bemerken,« bemerkte Wallingford festen Tones, »daß hier von einem ›Spiel‹ ganz und gar nicht die Rede ist. Das Unternehmen, das ich ins Leben rufen will, ist eine ernste, legitime Geschäftssache.«

»Weiß schon, weiß schon«, stimmte der andere beschwichtigend zu. »Wo kommen Sie aber bei diesem Geschäft herein? Wie wollen Sie dabei profitieren?«

»Ich werde die ganze Sache finanzieren«, antwortete Wallingford. »Ich werde einen Teil der Aktien selbst übernehmen und meine vierteljährliche Dividende beziehen. Auch werde ich wahrscheinlich persönlich einige Läden ankaufen und sie dem Verbande einverleiben; ferner hoffe ich Betriebsleiter des Verbandes mit hohem Gehalt zu werden.«

»Ich verstehe und ich verstehe nicht«, sagte der andere, der in diesen Dingen offenbar genau Bescheid wußte. »Das klingt alles recht schön und gut, ist aber doch ein bißchen zu pover für einen Mann, der in diesem Hotel die Suite Nummer D bewohnt. Wenn Sie die Absicht haben sollten, meinen Laden in Ihren Konsolidierungsplan einzubeziehen – –«

»Was noch durchaus nicht feststeht«, unterbrach ihn Wallingford.

»Ruhig abwarten«, entgegnete Meers. »Ich sage also: wenn Sie mich auffordern sollten, mich dem Verbande anzuschließen, wie stellen Sie sich den Handel vor? Dann muß ich doch wohl irgendeinen Vertrag unterzeichnen, wie?«

»Ganz natürlich müßte irgendeine feste Vereinbarung getroffen werden«, sagte der Unternehmer.

»Lassen Sie mich den Vertragsentwurf sehen.«

J. Rufus holte tief Atem und schmunzelte.

»Sie können sehr beharrlich sein, wie ich sehe«, sagte er und zog eine Abschrift der Vereinbarung aus seiner Tasche.

Mr. Meers las das Schriftstück zweimal durch. Der Wein war inzwischen serviert worden, Meers beachtete jedoch die gefüllten Gläser nicht. Er las einen bestimmten Absatz der Vereinbarung zum dritten und zum vierten Male; schließlich legte er das Papier auf einen Stuhl neben sich und lüftete mit komischer Feierlichkeit den Hut.

»Sie sind ein Edelreis auf Ihrem Stamme«, sagte er im gewohnten Tone komischen Ernstes, aus dem jedoch für ein geübtes Ohr eine leise Ironie herauszuhören war. »Ich hätte nicht gedacht, daß es noch Varianten, noch Spielarten« – er unterstrich das Wort »Spielarten« – »bei solchen Dingen gibt; Sie haben aber dennoch eine solche entdeckt, und sie ist einfach großartig!«

Wallingford bemühte sich, gewichtig und tiefernst dreinzublicken, als ob er den anderen nicht verstünde; es gelang ihm aber nicht.

»Der Plan ist so glatt, so geschmeidig,« fuhr Mr. Meers im Tone aufrichtiger Bewunderung fort, »daß ich meine Augen anstrengen mußte, um das kleine Häkchen zu entdecken. Ich habe es aber schließlich doch entdeckt. Das Häkchen ist in dem Absatz über die Überschreibung der Aktien zu finden, und zwar ist es folgendes: Der Verband kauft mein Lokal, sagen wir mal, für 5000 Dollars, und gibt mir Aktien in diesem Betrage. So besagt dieser Vertrag – augenscheinlich, aber eben nur augenscheinlich und nicht wirklich. Nicht der Verband, sondern Sie kaufen meinen Laden für 5000 Dollars und geben mir 5000 Dollars in Aktien der Gesellschaft dafür; und Sie, als der zeitweilige Eigentümer, als sogenannter ›Treuhänder‹, im Sinne des Gesetzes, können dann meinen Laden dem Verbande verkaufen, dessen Verwaltung Sie sehr leicht bestimmend beeinflussen können, indem Sie einen Haufen Strohmänner zu Direktoren machen; und zwar werden Sie meinen Laden dem Verbande nicht für 5000, sondern für 10 000 Dollars weiterverkaufen. Es steht nichts in dem Vertrage, was Sie daran hindern könnte. Wenn Sie mit allen übrigen Zigarrenhändlern dieser Stadt ebenso verfahren sind, dann haben Sie Zigarrenläden im Werte von 125 000 Dollars zu einer Aktiengesellschaft mit 250 000 Dollars Kapital vereinigt, und Sie selbst besitzen dann Aktien im Werte von 125 000 Dollars, die Sie nicht einen Pfennig kosten. Hören Sie mal, diesen Wein traktiere ich. Ich muß Ihnen etwas zum Zeichen meiner Hochschätzung darbieten!«

Wallingfords Schultern begannen sich langsam zu heben und sein Gesicht färbte sich allmählich rot. Er schmunzelte erst, dann brach er in ein schallendes Gelächter aus.

»Jetzt kann ich wirklich nicht begreifen,« sagte er, noch immer lachend, »wie ich Ihnen heute nachmittag 500 Dollars abgewinnen konnte.«

»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite«, sagte Joe höflich. »Jetzt tut es mir leid, daß es nicht tausend waren. Sie sind so viel und noch mehr wert. Ich bin froh, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Sie können auf meinen Beitritt zu Ihrem Verbande der Detailhändler zählen.«

»Schön, gut, dann unterzeichnen Sie diesen Vertrag«, sagte Wallingford.

»Sehen Sie mir scharf zu, wie ich ihn nicht unterzeichnen werde«, antwortete Meers. »Ich bin zu patriotisch. Ich bin so patriotisch, daß ich nicht zugeben kann, daß so viel gutes Geld in die Taschen eines Fremden fließt. Ich werde daher Aktien für 62 500 Dollars selbst übernehmen. Sie verstehen mich doch?«

Wallingford verstand selbstverständlich, und äußerlich schien er mit der Absicht Mr. Meers' auch ganz einverstanden zu sein. In Wirklichkeit rechnete er im stillen sehr scharf.

»Ich glaube beinahe selbst,« sagte er, »daß Ihre Idee wirklich für uns beide von Vorteil ist. Nur eines: Sie können doch unmöglich annehmen, daß ich Ihnen die Hälfte eines so glänzenden Geschäftes ganz unentgeltlich überlasse. Was bekomme ich dafür, daß ich Sie an meinem Unternehmen teilnehmen lasse?«

»Die Frage ist nur gerecht und Ihre Forderung billig. Sie werden wohl schon bemerkt haben, daß ich kein Mensch bin, der lange Umstände macht. Ich pflege direkt auf mein Ziel loszugehen.«

»Das ist sehr schön von Ihnen«, sagte Wallingford.

»Gut. Dann hören Sie: Ich bin seit Jahren Gemeinderat für den fünften Bezirk; mich wählen sie immer wieder; wenn die Amtszeit abgelaufen ist, so kommen sie zu mir und fragen mich, ob ich den Posten mit oder ohne Suppengrün wieder haben möchte. Das Amt habe ich, seitdem ich alt genug war, die Leute anzuschmieren und ihnen weiszumachen, daß ich für ein öffentliches Amt schon alt genug bin. Was ich im Gemeinderate vorbringe, ist so gut wie angenommen; wie ich das mache, ist meine Sache, außerdem wissen Sie wahrscheinlich selbst genügend Bescheid. Ein kleines Kind kann sich schon ausrechnen, was meine Fürsprache für Ihr Unternehmen bedeuten würde: Sie würden die behördliche Erlaubnis zur Gründung des Zigarrenhändler-Verbandes, zum Würfelspiel, zum Hinterzimmer und zu dem dazu gehörigen Pokerspiel erhalten, das dort vierundzwanzig Stunden am Tage gedroschen wird. Auch Faro können Sie haben, wenn Sie wollen. Außerdem möchte ich in das Unternehmen hineingehen, weil – – nun, weil ich eben möchte. Sie müssen wissen, daß ich der Mann bin, der das Verbot des Hasardspiels durchgesetzt hat, weil ich das Monopol für mich allein haben wollte!«

Wallingford gab sich nach außen hin noch immer befriedigt. Er hielt es für nützlich, diesen Anschein zu erwecken, denn dieser Mann da war augenscheinlich sehr einflußreich und konnte ihm ganz erheblich schaden. »Wann wollen wir an die Gründung gehen?« fragte er. »Morgen?«

»Noch heute abend, wenn Sie es wünschen.«

Wallingford lachte. »Es wird uns über Nacht nicht fortlaufen«, sagte er. »Ich möchte nur eines wissen: soll noch einer an der Sache beteiligt sein?«

Statt jeder Antwort kniff Mr. Meers das linke Auge zu. –

Die beiden verabschiedeten sich bald darauf, augenscheinlich in bester Stimmung und sehr freundschaftlich. In seinem Zimmer verbrachte aber Wallingford noch lange Stunden in tiefem Nachdenken.

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