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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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26. Kapitel.
Worin J. Rufus dem Mr. Nickel neue Wege weist und mit ihm einen kleinen Vertrag macht.

Wallingford hatte allen Anlaß, sich seinen Freund belustigt und erstaunt näher zu betrachten.

»Wie alt du geworden bist, Blackie«, lachte er »Wieso bist du denn in einem Monat so grau geworden?«

»Das will ich dir gleich verraten«, antwortete Blackie heiser. »Hast du diesen Menschen gesehen, der sich soeben nach mir umgedreht und mich mit X-Strahlen-Augen angestiert hat?«

»Er hat nur deine schöne Maske bewundert«, entgegnete J. Rufus. »Was hat dich denn plötzlich so nervös gemacht?«

»Nervös!« rief der andere erregt aus. »Mein lieber J. Rufus, der bloße Anblick eines Messingknopfes, wenn er auch nicht auf einer Polizeiuniform sitzt, macht mich scheu. Die Schergen sind mir auf den Fersen, teurer Freund meiner Kindheit, weil ich Petroleumgeschäfte gemacht habe, ohne Petroleum zu besitzen, und du bist das erste menschliche Wesen, das ich seit drei Wochen gesehen habe, welches nicht so aussieht, als ob er Handschellen in der Tasche hätte. Aber es scheint mir, daß auch du mir nicht die ersehnte Hilfe bringen wirst. Als ich dich im Zigarrenladen traf, freute ich mich mächtig, als du aber sagtest, ich solle zur Bank kommen und dort würdest du mir tausend Dollars geben, da wußte ich schon, daß das Mumpitz war. Denn wenn du das Geld wirklich hättest, so würde nur ein Schlaganfall dich daran verhindert haben, deine Hand in die Tasche zu stecken und schleunigst die zweihundert, die ich brauchte, herauszufischen. Ich muß übrigens schauen, daß ich aus dieser Stadt fortkomme, sonst kann es mir glücken, daß ich in ein nettes Schlafzimmer aus Stahl komme, und daß die Türe von außen zugesperrt wird.«

Bereitwillig zog Wallingford sein ganzes Barvermögen aus seiner Tasche: eine Zehn-Dollar-Note und das Kleingeld, das er im Zigarrenladen erhalten hatte.

»Ich will dir diese zehn Dollars geben,« sagte er, »obgleich ich selbst vollständig auf dem Hund bin.«

»Das habe ich mir schon gedacht,« antwortete Mr. Daw, »denn der Schmiß in deinem Äußern ist dahin.« Er betrachtete seinen Freund düster von Kopf zu Fuß und steckte die Banknote ein. »Wie ist denn das nur gekommen? Wer hat die Milch verschüttet? Ich dachte, dir könnte es an täglichen frischen Milchkühen nie fehlen.«

»Ich glaube, ich bin in der Kunst zu virtuos gewesen«, entgegnete J. Rufus, halb resigniert, halb heiter. »Früher war es mir gar nichts, als Fremdling in eine Stadt zu kommen, mit zehn Dollars in meiner Tasche, und dann so rasend schnell ›Milchkühe‹ zu finden, daß ich mich in ein Zimmer einschließen mußte, um den Andrang abzuwehren. Jetzt habe ich aber meine ›gewinnende‹ Art verloren. Ich glaube, lieber Blackie, ich muß zu einem Augenarzt gehen. Seitdem ich die großen Geschäfte gemacht habe und von der großen Höhe herabgestürzt bin, erscheint mir alles zu klein. Ich kann dir sagen, Blackie, als ich da von der steilen Höhe herabstürzte, habe ich Sterne flimmern gesehen. Ein Dollar kommt mir jetzt so klein vor wie früher ein halber Pfennig, und er gibt gar keinen Ton mehr von sich. Ich glaube, ich müßte mindestens tausend auf einmal hören, um metallisches Geräusch zu vernehmen. Ich kann mich in kleine Verhältnisse nicht mehr hineinfinden.«

»Jeder hat seine Sorgen«, bemerkte Mr. Daw. »Siehst du den Burschen da drüben in der Ecke, den, der uns jetzt den Rücken zukehrt? Das ist ein Geheimpolizist. Ich kenne ihn genau, und er kennt mich. Es ist Jimmy Rogers, und ich habe kein Geld, um es ihm in die Hand zu drücken. Du weißt ja, welchen Einfluß ein solcher Händedruck auf das Gedächtnis eines Polizisten hat.«

Blackie war sichtlich sehr unruhig; er schlich sich scheu um die Ecke.

»Hör' mal, Blackie«, bemerkte J. Rufus in etwas verächtlichem Tone, »ich glaube gar, du hast die Courage verloren. Habe keine Bange, er erkennt dich nicht. Selbst ich hätte dich nicht erkannt, ehe du den Mund auftatst. Komm nur ruhig mit mir, wir gehen stramm an Jimmy Rogers vorbei.«

Er hängte sich in Blackies Arm, um ihn mit sich fortzuziehen, aber zu seinem Erstaunen weigerte Blackie sich, mit ihm zu kommen.

»Nein, ich gehe nicht«, erklärte er. »Ich weiß, daß ich jetzt an die Reihe komme, aber ich will ihnen nicht geradewegs in die Arme laufen.«

»Wie meinst du das, daß du jetzt an die Reihe kommst?« fragte Wallingford.

»Weißt du denn nicht, J. Rufus,« antwortete Daw, »daß wir zwei die einzigen sind, die noch von der alten Clique zurückgeblieben sind? Billy Spruce, Tommy Rance, Dick Logan, Pit Hardesty – alle sind sie in dem bewußten stählernen Schlafzimmer, wo sie laut obrigkeitlicher Entschließung fünf bis zwanzig Jahre zu verbleiben haben. Und, Jim, höre, was ich dir jetzt sage: der nächste, der daran kommt, bist du! Da, jetzt dreht sich der Kerl uns zu! Ich mache, daß ich davonkomme! Mit dem nächsten Zug fahre ich davon. Adieu, alter Knabe.«

Er drückte dem Freunde hastig die Hand und tauchte mit angehaltenem Atem eiligen Schrittes in eine Seitenstraße. Wallingford blickte ihm nach und streckte unwillkürlich seine breite Brust vor, als er sich auf den Weg nach seinem Hotel machte. Er blickte einen Augenblick später nach Ed Nickels Zigarrenladen zurück und zögerte, als ob er am liebsten dahin zurückgekehrt wäre; er unterließ es aber. Auf dem Heimwege zählte er fünf solche kleine Zigarrengeschäfte, und er blickte scharf in einen jeden dieser Läden. Sie waren alle etwas besser ausgestattet als der, in dem er eben gewesen war, aber in keinem konnte er größere Warenmengen sehen. Keiner dieser Zigarrenhändler machte augenscheinlich Engros-Käufe mit Kassa-Skonto.

Plötzlich blieb er stehen und schmunzelte. Er war auf den materiellen Punkt gekommen, der seinem bisher ganz unbestimmten Plane gefehlt hatte. Er atmete tief auf. Endlich! Er sah sich wieder auf dem Wege zu einer »großen Sache«, und dieses Bewußtsein flößte ihm neues Selbstvertrauen ein. Er schritt in das Hotel erhobenen Hauptes, zuversichtlich, in einer Stimmung, die so ganz und gar nicht zu den zwei Dollars paßte, die er in seiner Tasche als letzten Rest seines Vermögens trug. Der Buchhalter hatte vom Hoteldirektor die Weisung erhalten, auf Wallingford zu achten; denn, obgleich dieser nahezu zwei Wochen hindurch im Hotel auf großem Fuße gelebt hatte, so hatte doch außer den Boys kein Mensch die Farbe seines Geldes gesehen, und seine Rechnung war jetzt auf fast zweihundert Dollars aufgelaufen. Der Buchhalter hatte sich schon zwei- oder dreimal vorgenommen, Wallingford anzurufen, wenn er das nächste Mal das Vestibül durchschreiten würde, und er machte jetzt Miene, diesen Vorsatz auszuführen. Er wurde aber dieser Mühe enthoben, denn Wallingford trat unaufgefordert an das Pult heran. Sein Antlitz war streng.

»Der Wein, den man mir gestern abend in meinem Zimmer serviert hat, war ein elendes Gesöff«, erklärte er scharf. »Wenn ich die Champagnermarke, die ich haben will, nicht bekommen kann, und wenn der Champagner nicht frappiert ist, und wenn überhaupt die Bedienung nicht besser wird, so zahle ich meine Rechnung und gehe.«

Der Buchhalter drückte schleunigst auf einen Knopf.

»Bedaure außerordentlich, Mr. Wallingford«, sagte er. »Ich werde sofort mit dem Ober darüber sprechen.«

Wallingford gab als Antwort auf diese Entschuldigung nur einen unverständlichen Ton von sich, und der Buchhalter stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als der unzufriedene Gast ihm seinen breiten Rücken zuwandte und mit unnachahmlicher Würde davonschritt. Bei einem Manne, so sagte er sich, der so auftritt, braucht man um die Rechnung nicht besorgt zu sein. Im Lift gab Wallingford dem Boy einen Vierteldollar Trinkgeld. Im nächsten Augenblick hatte er wieder mal eine Idee. Er zog verstohlen seine Manschetten aus den Ärmeln hervor und betrachtete sie mit zufriedenem Blick. Die Manschettenknöpfe waren mit kleinen Diamanten besetzt, und Wallingford schätzte, daß er auf jeden 25 Dollars geliehen bekommen würde.

Frau Wallingford nähte gerade, als ihr tüchtiger Gatte eintrat. Schon an der Art, wie er die Tür öffnete, erkannte sie, daß er gute Nachricht bringen würde. Sie sah auf, und ein Blick in sein Gesicht bestätigte ihren Eindruck. Sie lächelte ihn froh an, und doch lag in diesem Lächeln auch eine Spur von Angst. Eine eigentümliche Wandlung war in letzter Zeit über sie gekommen. Ihre Gesichtsfarbe war so klar wie je, vielleicht noch klarer, denn sie erschien jetzt beinahe durchsichtig; aber dennoch glaubte man, eine leichte Blässe darunter zu erkennen, und in ihren Augen lag ein sonderbarer Glanz.

»Endlich ist der Nebel in meinem beduselten Kopf verraucht, Fanny«, sagte er jubelnd. »Ich dachte schon, es würde mir nie mehr gelingen, auf eine brauchbare Geschäftsidee zu verfallen, aber endlich ist sie mir doch gekommen. Wie gefällt dir diese Stadt?«

»Das kann ich noch nicht sagen«, antwortete sie langsam. »Du weißt, daß ich hier noch nicht viel gesehen habe.«

»Du wirst bald soviel sehen, wie du willst«, sagte er lachend. »Schau dir die Stadt nur gründlich an und suche dir die Straße aus, die dir am besten gefällt, denn ich glaube, daß wir uns hier niederlassen werden.«

Sie stieß einen leichten Ruf des Erstaunens aus.

»Du willst also wieder ein Geschäft – ein wirkliches Geschäft machen?« stammelte sie.

» Ein Geschäft? Hunderte!« prahlte er. »Ich habe soeben beschlossen, die Profite aller Zigarrenläden in dieser Stadt einzuheimsen, vielleicht mit Ausnahme einiger der besten. Ich bleibe hier, bis ich sie eingeheimst haben werde. Es sind etwas über hundert Zigarrenläden in dieser Stadt, und jeder wird mir nach meiner Berechnung einen oder zwei Dollars täglich abwerfen. Wie gefällt dir das?«

»Du kannst dir denken, wie mich das freut«, sagte sie einfach. Es fiel keinem der beiden ein, auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er das, was er sich vorgenommen hatte, auch wirklich durchführen könne; und gerade jetzt war sie weniger geneigt als je zuvor, sich um die Einzelheiten seiner Unternehmung zu kümmern. Eine helle Röte stieg in ihr Gesicht; ihre Hände ließ sie neben dem weichen, weißen Stoff, an dem sie nähte, in den Schoß sinken.

»Ich will dir auch sagen, Jim, warum ich froh bin, daß wir endlich ein wirkliches Heim haben«, sagte sie schnell, wie von einem Impuls getrieben. Sie stand auf, ging auf ihn zu und zeigte ihm den feinen, zarten Stoff, an dem sie eben arbeitete. Sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm vor seinen Augen, so daß er deutlich erkennen konnte, um was es sich handelte.

»Was?!« rief er mit einem unterdrückten Schrei aus.

Sie nickte, halb weinend, halb lachend, mit ihrem Kopf und lehnte plötzlich ihr Haupt schluchzend an seine Schulter. Er nahm sie in seine Arme, die Frau und das zarte Kleidchen in ihrer Hand, und blickte über ihren Kopf hinweg zum Fenster hinaus in die Dämmerung, die sich auf die Straße und über die Häuser legte. Eine flüchtige Sekunde lang schien das große, ewige Geheimnis ihm ans Herz zu greifen, dann war aber diese Regung vorüber, und er lachte wie zuvor.

»Ich hatte mir auf dem Wege nach Hause schon den Plan für ein neues Heim ausgedacht,« sagte er, »aber jetzt glaube ich, daß ich den Plan wieder ändern muß.«

Er führte sie auf einen Stuhl und ging ans Fenster zurück, an dem er sinnend stehenblieb, bis die einbrechende Dunkelheit ihm ankündigte, daß es Zeit sei, sich zum Diner fertigzumachen. Nach beendeter Mahlzeit setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb bis spät in die Nacht. Er zerriß einen Briefbogen nach dem anderen und warf sie zerknüllt in den Papierkorb. Später ließ er sich ein Adreßbuch holen und stellte eine Liste der in der Stadt befindlichen Zigarrenhändler zusammen. Hie und da blickte er auf und warf einen kurzen Blick auf das duftige weiße Kleidchen auf dem Tisch.

Am nächsten Vormittag ging er in eine bekannte Akzidenzdruckerei und von dort in Ed Nickels Zigarrenladen. Dieses Mal betrat er den Laden jedoch nicht als simpler Fußgänger, sondern fuhr in einem eleganten, von zwei kräftigen Pferden gezogenen Mietwagen vor. Wieder saß der schlaffe Mann in der Ecke und spielte Patience, als ob er seit gestern nicht aufgehört hätte. Und wieder saß neben ihm der apathische junge Mensch mit der Beule in seinem Hute und sah ihm zu. Die auseinandergefallene Schneidemaschine war noch immer nicht zusammengewachsen, obgleich Ed Nickel die beiden Teile immer noch fest gegeneinander preßte. Als aber Wallingford eintrat, Wallingford, der prächtige, Wallingford mit den tausend Dollars auf der Bank, die er ohne weiteres verleihen oder gar verschenken wollte, Wallingford mit der eleganten Kutsche, da blickten die drei unbeweglichen Gestalten scheu zu ihm auf und zogen einen langen, langen Atem ein. Der Patiencespieler schob seine Karten mit einem Ruck zusammen und begann sie immer und immer wieder zu mischen, trotzdem er eine Menge von Kombinationen noch nicht ausprobiert hatte. Der stumpfe junge Mann, der eben aufstehen und gähnen wollte, änderte plötzlich seinen Entschluß und ließ den Mund halb offen. Ed Nickel verbeugte sich lächelnd und eilte hinter den Ladentisch.

»Was verlangen Sie für Ihren Zigarrenladen, Mr. Nickel?« fragte Wallingford, warf ein Geldstück auf den Schaukasten und zeigte mit dem Finger auf die Kiste, aus der er gestern gekauft hatte. Er war frisch rasiert, trug einen blütenweißen Kragen und ein ebensolches Hemd, eine neue lawendelfarbige Krawatte; an den Manschetten neue, ziemlich einfache Knöpfe.

Ed Nickels Ohren hörten die überraschende Frage, aber Ed Nickels Gehirn begriff sie nicht, und Ed Nickels Hand schob sich mechanisch in den Kasten, um die gewünschte Kiste hervorzuholen. Die Hand ergriff die Kiste, zog sie eine Strecke weit hervor und ließ dann die Kiste mit einem Male fallen. Die Hand kam ohne Kiste heraus, und ihre Finger verflochten sich in die der anderen Hand.

»Was haben Sie gesagt?« fragte Ed Nickels Mund.

»Wieviel verlangen Sie für Ihren Zigarrenladen?« wiederholte J. Rufus.

Ed Nickels Augen wanderten langsam, wie geistesabwesend, um seinen Laden, an den staubigen Vorhängen vorbei in das unreinliche Hinterzimmer, über den Ladentisch, in den Schaukasten, über die schwach besetzten Regale.

»Ich weiß nicht«, sagte er, als seine Augen wieder bei Wallingford angelangt waren. »Da sind die Waren, die Gestelle, die Kundschaft, die rege Nachfrage nach meiner Nickelfein-Zigarre und der noch besseren ›Doppel-Nickel‹, die zehn Cents das Stück kostet. Ich müßte erst Inventur machen, um den Preis für mein Geschäft festsetzen zu können.«

»Ich weiß, ich weiß«, winkte ihm Wallingford lachend zu. »Aber Sie können die Inventur mit geschlossenen Augen machen, und wir können die Summe dann ein wenig abrunden. Sagen wir einmal fünfhundert für die Ware und Gestelle und dreihundert für die Kundschaft, was ein reichlich hoher Preis ist.«

Ed Nickels Habgier regte sich mächtig. Achthundert Dollars war tatsächlich ein guter Preis für sein Geschäft, namentlich wenn man die schlechte Lage in Betracht zog. Er hatte schon oft daran gedacht, aus dieser Gegend wegzuziehen. In einer besseren Gegend würde er gewiß auch ein besseres Geschäft machen. Daran glaubte er fest, wie jeder andere Kaufmann, dem es schlecht geht. Er hielt es aber natürlich für klüger, zu feilschen.

»Sagen wir tausend, dann können wir darüber sprechen«, schlug er vor.

Wallingford blickte sich kühl im Raume um.

»Nein«, sagte er bestimmt. »Wenn ich Ihnen tausend gäbe, so würde ich den Verband betrügen.«

Mr. Nickel wachte immer mehr auf.

»Was für einen Verband?« wollte er wissen.

»Der Verband, von dem ich gestern gesprochen habe«, sagte der andere, und als Nickel wieder geistesabwesend vor sich hinstierte, nahm er das Geldstück, das er auf den Kasten geworfen hatte, und klopfte damit auf das Glas.

Der geistesabwesende Zigarrenhändler zog jetzt die Kiste hervor, die er im Kasten hatte stecken lassen, und Wallingford zündete sich eine Zigarre an.

»Ich bin im Begriffe, alle kleineren Zigarrenläden in dieser Stadt zu einem Verbande zu vereinigen und ihn zu finanzieren«, erklärte Wallingford. »Ich beabsichtige, mehrere dieser Läden gegen bar zu kaufen und ihren Betrieb Männern zu übergeben, die ihr Geschäft kennen. Den übrigen Händlern werde ich anheimstellen, Aktien des Verbandes zu kaufen, und zwar in dem Betrage, der dem Wert ihres Warenvorrats und ihrer Kundschaft entspricht. Zusammen wird der Verband ein Kapital von einer Viertelmillion Dollars haben. Mit dieser enormen Kaufmöglichkeit beabsichtige ich, mir alle erforderlichen Requisiten zu den billigsten Barpreisen zu verschaffen, einige gute Marken zu fabrizieren, die Preise herabzusetzen und das Zigarrengeschäft dieser Stadt zu kontrollieren. Ich will aber gegen jedermann gerecht und billig vorgehen. Ich gebe Ihnen achthundert Dollars für Ihr Geschäft, und zwar bar.«

Noch einen Tag früher hätte Ed Nickel, wenn die Vorsehung ihm einen Fremden zugeschickt hätte, der ihm achthundert Dollars bares Geld für seinen Laden angeboten haben würde, mit beiden Händen zugegriffen. Mit diesen achthundert Dollars würde er einen besseren Laden in einer besseren Gegend eröffnet haben. Jetzt aber glaubte er, Zaudern markieren zu müssen.

»Und wenn ich nun nicht verkaufe oder mich dem Verband anschließe, dann wird man mich vermutlich ausräuchern«, meinte er unmutig. »So geht es ja gewöhnlich dem armen Manne. Wie wollen Sie aber diesen Verband ins Leben rufen? Wie soll er aussehen?«

»Ich will ihn ganz genau so ins Leben rufen, wie man alle erfolgreichen Verbände bilden muß«, antwortete geduldig der hervorragende Finanzmann, dessen elegante Kutsche draußen wartete. »Sagen wir mal, fünf von uns bilden eine Betriebsgesellschaft und wir lassen uns mit 250 000 Dollars eintragen; ich kaufe Ihr Geschäft für 800 Dollars in Aktien der neuen Gesellschaft, lasse ihn aufputzen, daß er nur so glänzt, und mache Sie zum Betriebsleiter. Genau dasselbe geschieht mit hundert anderen Läden; der Kaufpreis gestaltet sich je nach der Lage, dem Warenvorrat und dem Umsatz, den ihre Bücher aufweisen. Sie beziehen ein Gehalt in der Höhe Ihres nachweisbaren jetzigen Einkommens, und alle drei Monate wird Bilanz gemacht und eine Dividende ausbezahlt. Der Unterschied gegen jetzt liegt darin: Sie werden die Zigarren, für die Sie jetzt fünfunddreißig Dollar das Tausend bezahlen, dann für achtundzwanzig oder noch weniger erhalten, und auch alle Ihre übrigen Sorten werden entsprechend billiger sein. Ihr Profit wird sich um nahezu hundert Prozent steigern, und Sie werden keine Geschäftssorgen mehr haben.«

Ed Nickel bemerkte mit einem Male, daß der schlaffe Patiencespieler dicht neben dem großen Finanzier stand, während der apathische junge Mann sich ebenso dicht an dessen anderer Seite hielt, und daß beide, vor Erregung zitternd, jedes seiner Worte einsogen.

»Kommen Sie mit mir in das Hinterzimmer«, forderte Mr. Nickel Wallingford auf. Auf zwei klapprigen Stühlen, mitten in dem überall umhergestreuten Tabak setzten sich die beiden Männer und besprachen das Projekt des näheren. Der reiche Kapitalist setzte dem anderen seinen Vorschlag noch einmal in allen Einzelheiten auseinander, und der Zigarrenhändler zählte diese Einzelheiten an seinen Fingern auf, bis es ihm endlich klar wurde, daß er sich ein solches Geschäft nicht entgehen lassen dürfe. Wenn sein Laden mit achthundert Dollars bewertet würde, so würde er, Nickel, ein Gehalt beziehen, das seiner jetzigen Einnahme entspräche, und zwar bloß für die Leitung des Geschäfts; und dazu noch den Nettogewinn von achthundert Dollars Aktien! Es war wirklich eine große Sache! Er würde soviel Ware, wie er nur wollte, auf seine Regale bekommen. Sein Laden würde schöner und heller werden, und er würde nicht länger zusehen müssen, wie die reichen Händler, nur weil sie reich waren, Zigarren um ein Prozent billiger kaufen können als er. Als er endlich die Tragweite des Projektes voll erfaßt hatte, war er begeistert.

»Natürlich mache ich mit!« sagte er. »Ganz gewiß!«

»Wie's beliebt«, sagte J. Rufus gleichgültig. »Ich werde einen kleinen Vertrag aufsetzen, den ich Ihnen in einigen Tagen bringen werde, und dann können Sie Ihre Entscheidung treffen. Beiläufig bemerkt, Mr. Nickel, ich werde Sie vielleicht als einen der fünf Gründer des Verbandes in Aussicht nehmen und als Mitglied der Verwaltung für das erste Jahr.«

Mr. Nickel zauderte.

»Wird mich das etwas kosten?« verlangte er zu wissen.

Wallingford lachte.

»Ein ganz klein wenig«, gab er zu. »Es gibt aber verschiedene Wege, um es wieder zurückzubekommen. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß Ihnen etwas im Wege stehen wird, wenn Sie als einer der Direktoren Ihr Geschäft dem Verbande für tausend Dollars statt achthundert verkaufen wollen.«

Ed Nickel verstand die Sache immer klarer, und er wurde so heiter wie der geniale Urheber des Projekts.

»Es hört sich gut an«, erklärte er und drückte dem anderen die Hand.

Wallingford erhob sich, um zu gehen, kehrte aber nochmal um.

»Was ich noch sagen wollte: ich kenne die Zigarrenhändler in dieser Stadt nicht, und wenn Sie ein paar Geschäftsfreunde haben, die vielleicht geneigt wären, an der Gründung unter denselben Bedingungen wie Sie teilzunehmen, so wollen wir uns sofort zu ihnen begeben.«

Schon hatte Mr. Nickel seine Schürze und seinen Augenschirm abgenommen; jetzt holte er seinen Rock und seinen Hut vom Kleiderhaken.

»Ich habe zwei Freunde,« sagte er, »und sie sind nicht die klügsten.« Seine letzte Bemerkung bewies, daß er in den Plan und seine Hintergründe vollständig eingedrungen war. Dann bat er den Schlaffen, das Geschäft zu versehen, ging mit Wallingford hinaus und fuhr – er wußte nicht, wie ihm wurde – in der eleganten Kutsche fort.

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