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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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25. Kapitel.
Worin Mr. Fox endlich sein Problem löst und Wallingford jäh herabstürzt.

Die Gesellschaft kam spät in Chicago an und stand spät auf. Beim Frühstück griff Wallingford ohne sonderliches Interesse nach der Zeitung. Gleich auf der ersten Spalte war ein sensationell aufgemachter Bericht mit der Überschrift »Selbstmord dreier Börsenmakler«. Aber auch das interessierte ihn wenig, bis sein Auge auf den Namen Edwin H. Fox fiel.

»Was hast du nur, Jim?« fragte seine Frau ängstlich, als er mit einem Ausruf des Schreckens seinen Stuhl zurückschob und aufstand. Es war das erstemal, daß sie ihn so erschrecken sah; nie, auch nicht bei der schlimmsten Wendung der Geschäfte, hatte je eine solche geisterhafte Blässe sein blühend rotes Gesicht überzogen. Jede Enttäuschung, jeden Mißerfolg hatte er mit der Ruhe des berufsmäßigen Spielers hingenommen. Jetzt sah er aber seinen Millionentraum unter den Fingern zerrinnen, jetzt hatte Napoleon sein St. Helena gefunden, noch ehe er Marengo und Austerlitz gewonnen hatte. Mit dem Finanzmagnaten, mit dem Überwinder Morgans und Rockefellers war es nichts. Er war nicht nur ruiniert, sondern auch sein Ehrgeiz war auf das empfindlichste getroffen.

»Was ich habe?« brachte er mit halb erstickter Stimme hervor. »Wir sind wieder bettelarm!« Er ließ sein Frühstück unberührt, bestellte einen Wagen und fuhr nach dem Bureau der Firma Fox & Fleecer. Unterwegs las er hastig, gierig den Bericht über den Selbstmord seines Maklers. Der ruhige, gesetzte Mr. Fox, der Mann mit dem blanken Schädel und der rechtlichen Miene, der Mann, der seit dreißig Jahren im selben Bureau tätig war, der Mann, der wie die verkörperte Solidität und Zuverlässigkeit aussah, hatte nicht nur ein doppeltes, sondern ein sechsfaches Leben geführt; denn sechs Witwen beklagten sein vorzeitiges Ableben. Um für diese sechs kostspieligen Haushalte die Kosten aufzubringen, hatte Fox mit dem Geld seiner Klienten jongliert, hatte »Peter bestohlen, um Paul zu bezahlen«, bis er so viele Peter bestohlen und so viele Schulden hatte, daß ihm nichts übrig blieb, als seine letzte, seine einzige Schuld abzutragen, welche er noch tilgen konnte: die Schuld an die Natur. Durch einen Schuß in die Schläfe hatte er endlich das schwere Problem gelöst, das ihn alle diese Jahre über gequält hatte.

Wallingford hatte erwartet, das Bureau der Maklerfirma geschlossen zu finden; aber die Tür stand weit offen, und das unsaubere Zimmer war mit einer erregten Menschenmenge gefüllt. Mr. Fleecer, ein ganz abnormal beschaffener Mann – er war dick und dabei sehr nervös – stand an dem Schreibtisch. Sein Hemdkragen war triefend naß vor Schweiß, und die schlaffen Tränensäcke schwarz von der durchwachten Nacht. Er war fast so groß wie Wallingford, aber nachlässig gekleidet. Es war ein fast mitleiderregender Anblick, als dieser starke Mann entsetzt zurückfuhr, als er Wallingfords Namen hörte, und unwillkürlich eine eigenartige Bewegung mit der rechten Hand machte, als wollte er einen Schlag abwehren. Seine klare und schnelle Sprache stand jedoch in vollem Gegensatz zu seiner Haltung, der eines von schwerem Unglück getroffenen, unschlüssigen Menschen.

»Es ist wohl das beste, Mr. Wallingford, wenn ich Ihnen gleich vorneweg die ungeschminkte Wahrheit sage«, begann Fleecer. »Sie sind um Ihr ganzes Geld gekommen, das Sie der Firma Fox & Fleecer anvertraut haben. Allen unseren Klienten ist es ebenso ergangen. Auch mir. Ich habe keinen Dollar im Vermögen; denn Fox hat nichts hinterlassen als Schulden, in denen er bis an den Hals stak. Was dieser scheinheilige alte Heuchler mit all dem Gelde all diese Jahre hindurch getan hat, ist mir ein Rätsel, ebenso, wie er es angestellt hat, mich und unsere Kunden so lange zu hintergehen. Ich persönlich habe mich nur um die Kauf- und Verkaufsorders gekümmert, die er mir zur Effektuierung übergab; mit den Büchern habe ich nie etwas zu tun gehabt, ich habe nie gewußt, wann ein neues Geschäft unserer Firma übergeben wurde, ehe ich eine Order in der Hand hatte. Ich habe die ganze Nacht über den privaten Verrechnungsbüchern des Fox gesessen, und da Ihr Konto das größte war, so habe ich mich selbstverständlich am eingehendsten damit beschäftigt. Wenn es in der Hölle Telephone gäbe, so könnte ich Ihnen vielleicht genauere Auskunft geben, als die, die ich aus seinen Büchern gewonnen habe. Was ich den Büchern entnommen und mir dazu kombiniert habe, ist folgendes: Als Fox Ihre 425 000 Dollars entgegennahm mit der Instruktion, Weizen zu kaufen und ihn nicht loszuschlagen, ehe er einen Preis von eins fünfundzwanzig erreicht hatte, hat er Ihren Auftrag und Ihre ganze Idee augenscheinlich als etwas Absurdes betrachtet. Es war seiner Ansicht nach gar kein Faktor ersichtlich, der eine solche starke Aufwärtsbewegung je bewirken könnte; und angesichts der großen Preisgrenze, die Sie festgesetzt hatten, glaubte er, das Konto mindestens bis in den September hinein halten zu können, ohne daß er irgendwie kontrolliert würde; und so benützte er das Geld zunächst, um seine anderen Betrügereien zu verdecken. Er erwartete wohl, mit dem Rest des Geldes auf dem Markte so manipulieren zu können, daß er die entnommenen Beträge rechtzeitig wieder hereinholen könnte. Als er aber sah, daß die von Ihnen erhoffte Hausse tatsächlich eintrat, und als er endlich die Größe Ihrer Idee begriff, stürzte er sich mit dem, was von Ihrem Gelde noch übrig war, nicht ganz 300 000 Dollars, auf den Markt. Er kaufte mit geringer Deckungsprämie, verkaufte, wenn der Preis ihm Nutzen brachte, und deckte mit dem vermehrten Gelde andere Käufe mit kurzer Prämie. Dies hat er dreimal getan. Beim dritten Male hatte er über fünf Millionen Bushels auf Ihre Rechnung gekauft, und gerade dieser riesige Kauf, zusammen mit den vielen anderen Kauforders, die bei eins fünfundzwanzig hereinkamen, hat den Preis auf eins vierunddreißig hinaufgeschnellt. Hätte dieser Preis sich nur eine halbe Stunde länger aufrechterhalten lassen, so würde er fein herausgekommen sein und hätte Ihnen eine Million Dollars überweisen können, über die 250 000 Dollars hinaus, die er für sich selbst verbraucht hatte. Aber im Augenblick, wo er abzuladen versuchte, trat der große Preissturz ein. Er hat ihn ruiniert – und uns mit ihm!«

Wallingford lachte wie geistesabwesend und zog aus seiner Tasche zwei große schwarze Zigarren mit goldenen Leibbinden heraus.

»Darf ich Ihnen eine anbieten, Mr. Fleecer?«

Er zündete sich seine eigene Zigarre an und drängte sich dann durch die Menge aus dem Zimmer. Einer der Anwesenden, der neben ihm stand und wahrscheinlich den Bericht Mr. Fleecers angehört hatte, wechselte einen Blick des Erstaunens mit seinem Nachbarn.

»So was ist mir doch noch nicht vorgekommen«, bemerkte er. »Das habe ich noch nie gesehen, daß ein Mensch 450 000 Dollars verliert und dabei keine Miene verzieht.«

Es war ein Irrtum. Es war keineswegs Gleichgültigkeit, die aus Wallingfords äußerer Ruhe sprach. Er war vielmehr so betäubt, daß er keine Worte finden konnte, um die Bitternis auszudrücken, die sein Herz erfüllte. Solch ein jäher Sturz aus allen Hoffnungshimmeln! Bevor er das Bureau verließ, warf er noch einen Blick auf die schwarze Tafel, auf der der Junge eben mit Kreide den letzten Frühkurs für September-Weizen notierte: eins zwölf.

Während der Rückfahrt ins Hotel öffnete Wallingford im Wagen seine Brieftasche und zählte das Geld, das sie enthielt. Bevor er die Reise nach Chicago angetreten, hatte er an Geld nur in dem Zusammenhang gedacht, daß eine Million Dollars seiner bei Fox & Fleecer wartete. Statt der Million fand er, daß sein ganzes Bargeld sich auf vierundfünfzig Dollars belief.

Frau Wallingford war in ihrem Zimmer. Sie war bleich bis an die Lippen.

»Wieviel Geld hast du?« fragte er sie.

Sie reichte ihm wortlos ihre Börse. Es waren nur wenige kleine Noten darin. Dann reichte sie ihm ein kleines ledernes Etui, das er langsam an sich nahm. Er öffnete es, und aus seinen samtenen Tiefen blitzten ihm die bekannten Diamanten entgegen – der letzte Rettungsanker. Er konnte die Edelsteine jederzeit mit einigen tausend Dollars beleihen. Er steckte das Etui in seine Tasche, aber nicht, wie sonst, mit einem Blick der Befriedigung; dann ließ er sich schwer in einen der großen, ledergepolsterten Stühle fallen.

»Fanny!« rief er wild aus. »Halte mir gefälligst keine Predigten mehr! Nun habe ich ein ehrbares, gerades Geschäft versucht, und es hat mich zum Bettler gemacht. In Zukunft sei damit zufrieden, daß ich Geld verdiene, und frage nicht lange, wie ich es verdiene, solange ich nur das Gesetz auf meiner Seite habe. Stelle dir nur vor,« – die Empörung schnürte ihm beinahe den Hals zu, – »ich habe eine Wagenladung voll Geld aus den Farmern herausbekommen, und nicht ein Pfennig, nicht ein einziger roter Pfennig ist mir von diesem Gelde geblieben. Ein Dieb hat es bekommen! Ein Dieb und ein Betrüger!«

Frau Wallingford antwortete nicht. Sie weinte. Nicht so sehr, daß sie all ihr Geld verloren hatte, nicht so sehr, daß er, vielleicht zum ersten Male in ihrer Ehe, rauh zu ihr gesprochen hatte, schmerzte sie, sondern daß wieder einmal die seligen Träume, denen sie sich seit ihrer Abreise aus Battlesburg so gern hingegeben hatte, zerronnen waren. Ihr Mann bedauerte freilich sofort seine Schroffheit und tat in seiner plumpen Art alles, was er konnte, um sie zu beruhigen; er konnte aber mit all seinen Bemühungen nicht den Stachel aus ihrer Seele entfernen. Es dauerte geraume Zeit, ehe sie ganz ermessen konnte, wie sehr ihr Mann sich seine einzige wirkliche Niederlage zu Herzen nahm. Zum erstenmal in seinem Leben war er verzagt, tief verzagt. Die Höhe, die er erstrebt und beinahe erreicht hatte, kam ihm jetzt gänzlich unerreichbar vor, und dieser Gedanke benahm ihm allen Ehrgeiz, alle Initiative, alles Leben. Er schien seine schöpferische Begabung eingebüßt zu haben. Hatte früher sein fruchtbares Gehirn von Plänen und Ideen förmlich gestrotzt, von Projekten, die einander dicht auf den Fersen folgten, so schien er jetzt keines Gedankens fähig zu sein. Er verfiel in eine Apathie, aus der er sich mit bestem Willen nicht herausreißen konnte.

Das Paar trennte sich von Blackie Daw, der wieder steuerlos durch die Welt fuhr, und reiste ziellos von Stadt zu Stadt. Wallingford versetzte, wenn er wieder Geld brauchte, die Diamanten seiner Frau. So oft er aber auch seine Umgebung wechselte, so oft er auch neue Städte besuchte, und dadurch mit neuen Möglichkeiten in Fühlung kam – Wallingfords Lebensmut schien dahin zu sein, kein Mittel, wie er wieder auf die Beine kommen könnte, bot sich seinem Geiste dar. Er war so entmutigt, daß er es nicht einmal ernstlich versuchte. Um mit ihren letzten, rasch schwindenden Geldmitteln möglichst hauszuhalten, mußten sie sich bequemen, in billigen Pensionen Wohnung zu nehmen, wo die kurze Genugtuung, unter den anderen Pensionsbewohnern eine Weile Aufsehen zu erregen, nur eine kleine Entschädigung für das luxuriöse Leben war, das sie zu führen gewohnt waren.

Der Anblick einer dürftigen Mahlzeit in einer jener Pensionen führte eine plötzliche Wandlung in ihm herbei. Er stand mit einer ungestümen Bewegung von seinem Platze auf und eilte, Zorn im Gesicht, aus dem Speisesaal. Seine Frau folgte ihm bestürzt.

»Ich halte dieses Leben einfach nicht länger aus, Fanny«, erklärte er. »Ich habe meinen Magen mit dem Fraß, den man hier vorgesetzt bekommt, so schwer beleidigt, daß es keine Entschuldigung mehr dafür gibt.«

»Was willst du tun?« fragte sie ihn unruhig.

»Von der Pension mit ihrem schlechten Gemüse fortlaufen, dahin, wo die Rumsteaks wachsen«, antwortete er mit Nachdruck. »Wir packen sofort unsere Koffer, ziehen in das beste Hotel der Stadt und essen dort, bis wir blau im Gesicht sind, und morgen vormittag setzt sich J. Rufus wieder in Trab. Ich habe zwar kein Geld, um die Hotelrechnung zu bezahlen, und wir haben beide nichts mehr zu versetzen; wenn ich aber eine große Hotelrechnung zusammenkommen lasse, so bin ich eben gezwungen, etwas zu tun, um mir Geld zu verschaffen, und wenn ich's aus dem Boden schaufeln müßte. Ich bin faul geworden, das ist alles.« Er fühlte sich erst wieder in gehobener Stimmung, als er in einem feinen Mietwagen vor einem Hotelpalast vorfuhr, durch das vergoldete marmorne Vestibül schritt, als ein diensteifriger Träger sein Gepäck hineinbrachte, als er wieder vor einem geschmeidigen Buchhalter in seiner ganzen imposanten Größe stand, seinen Namen mit einem großen Schnörkel ins Fremdenbuch eintrug, als er wieder befehlenden Tones die besten Zimmer im Hause verlangte, und in luxuriös ausgestattete Gemächer geführt wurde, in denen er wieder einmal die Atmosphäre atmete, die ihm so wohlbekannt war; wo er wieder die Luft einsog, die nach Geld roch und schmeckte. Ihm war zumute, wie dem verlorenen Sohn, der, nach Hause zurückgekehrt, sich wie neu geboren fühlte. Seine Unternehmungslust sprang mit einem Satz wieder ins Dasein. Er begann wieder, wie früher, wie ein Lord zu leben; und wenngleich die langgesuchte Idee sich fast zwei Wochen hindurch nicht einstellen wollte, so lebte er doch auf diesem Fuße weiter mit all seinem früheren starken Selbstvertrauen und der festen Überzeugung, daß irgendeine glückliche Lösung seiner Schwierigkeiten sich schon finden werde.

Nur ein Umstand beunruhigte ihn schließlich – das rasche Dahinschwinden selbst der kleinen Beträge, die er unumgänglich brauchte, um im Hotel Trinkgelder zu geben und um sich Getränke und Zigarren zu verschaffen, wenn er nicht im Hotel war. In einem guten Lokal wollte er sich keine minderwertigen Sachen bestellen; darauf hielt er auch jetzt noch; er kaufte lieber in kleinen Zigarrenläden die besten Zigarren, die dort zu finden waren, als eine schlechtere in einem feinen Laden.

In einem dieser obskuren, kleinen Zigarrenläden kam ihm endlich die große Inspiration, die so lange auf sich hatte warten lassen. – –

»Die Regierung taugt nicht einen Pfifferling!« hatte eben der verwachsene Zigarrenhändler, der seine Ware selbst fabrizierte, ausgerufen. »Sie leistet den großen Leuten, die sich zusammentun, um uns kleine Zigarrenmacher zu erdrücken, Vorschub. Große Profite für die Reichen und Bankrott der Armen – dahin sind wir jetzt allmählich gelangt!«

Der Zigarrenmacher, der mit seiner Fistelstimme den kleinen, unsauberen Laden erfüllte, hatte schiefe Schultern und einen dünnen Schnurrbart, dessen Spitzen schlaff herabhingen und ein kümmerliches Kinn freiließen. Er trug einen grünen Augenschirm und eine Flanellschürze; in seiner Hand hielt er eine Schneidemaschine, die auseinandergefallen war, und deren Teile er vergeblich zusammenzusetzen suchte. Der Mann mit dem schlaffen Gesicht und der schmierigen Weste, der außer ihm im Laden saß und Patience mit einem Spiel Karten legte, die so schmutzig waren, daß nur ein geübtes Auge unterscheiden konnte, was die Rück- und was die Vorderseite war, hob seinen Kopf nicht von den Karten weg, ebensowenig ein dritter Anwesender, ein phlegmatischer junger Mann mit einer chronischen Beule in seiner verschossenen Kopfbedeckung, der mit gekreuzten Armen dasaß und den anderen bei der Patience beobachtete.

»Das stimmt«, erklärte der Schlaffe, der sich bei seinem Spiel nicht im geringsten stören ließ. »Alle Gesetze sind zum Schaden des armen Mannes gemacht. Wir liegen am Boden und können uns nicht rühren.«

Ein junger Bursche mit pickelbesätem Gesicht, der die gesetzliche Altersgrenze für das Rauchen augenscheinlich noch nicht erreicht hatte, kam in den Laden und kaufte zwei Zigaretten für einen Cent, und der Zigarrenhändler bediente ihn mit sauertöpfischer Lässigkeit. Weder der Patiencekünstler, noch sein interessierter Zuschauer erhoben ihre Augen. Ein junger Mann mit schreiender Krawatte und schmutzigem Kragen kaufte drei »Fehlfarben« für fünf Cents, und noch immer lagerte dieselbe Gleichgültigkeit über dem Laden. Dann aber erschien Wallingfords massige Gestalt, die die offene Eingangstüre verdunkelte, und jeder im Laden wachte auf.

Wallingford war so groß, daß er den ganzen Laden auszufüllen und das ganze Licht einzusaugen schien. Er trat an den Glaskasten heran, in dem die Zigarren lagen, und betrachtete diese kritisch mit Kenneraugen. Er wählte sorgfältig, ließ Kisten, die beinahe leer waren, beiseite, denn er wußte, daß die darin befindlichen wenigen Zigarren hier in dieser Luft der feuchten Schwämme schon lange lagerten, suchte sich schließlich eine eben erst geöffnete Kiste aus, aus der erst zwei Zigarren verkauft worden waren, und tippte mit dem Finger auf das Glas. Der Zigarrenhändler holte eilfertig diese Kiste heraus, denn sie kostete, wie das Schild besagte, »zwei für einen Vierteldollar«; und als er die Zigarren herausnahm, betrachtete er den Käufer mit einer Aufmerksamkeit, wie sie einer so eindrucksvollen Persönlichkeit zukam. Er wußte nicht, daß dem stattlichen Mann bei dieser scharfen Betrachtung unbehaglich zumute wurde. In der feinen Krawatte fehlte der große Diamant; die Krawatte selbst wies zwei oder drei schäbige Stellen auf; das Hutband war schon ein wenig abgetragen, und die Manschetten waren an einigen Stellen faserig. Wallingford glaubte das Gefühl zu haben, daß alle Welt diesen seinen heruntergekommenen Zustand auf den ersten Blick erkenne; aber er lächelte trotzdem, als ob er noch der reiche Mann von früher wäre, und der Zigarrenhändler sah nur dieses Lächeln und nicht den abgetragenen Hut und den fehlenden Diamanten. Der stattliche Kunde würde wahrscheinlich den Laden ebenso stillschweigend verlassen haben, wie er ihn betreten hatte, wenn nicht in dem Augenblick, als er das Ende einer Zigarre sorgfältig abschnitt, ein klein gewachsener, aber wichtig tuender Kassenbote geräuschvoll eingetreten und eine Rechnung auf den Glaskasten geworfen hätte.

»Hundert Blauringe«, sagte er kurz.

Wallingford, der nichts Besseres zu tun hatte, warf halb unbewußt einen Blick in den Kasten, wo eine offene Kiste mit billigen, blaubebänderten Zigarren stand. Der Zigarrenhändler zog die Schublade hervor und zählte langsam einen kleinen Betrag in Silbermünzen auf.

»Drei fünfzig«, brachte er in kläglichem Tone hervor und schob das Geld dem Kassenboten zu. Dieser quittierte die Rechnung und stürmte mit derselben lächerlichen Wichtigkeit hinaus, mit der er den Laden betreten hatte.

»Fünfunddreißig Dollars für das Tausend«, bemerkte Wallingford mit einer Miene, als könnte er nicht glauben, daß diese Zigarre so teuer sei. »Sie verkaufen diese Zigarre für fünf Cents das Stück, verdienen also nur anderthalb Cents, und selbst um diesen kleinen Verdienst zu erzielen, müssen Sie tausend Stück verkauft haben. Maßlos teuer, nicht wahr?«

»Die reinste Räuberei«, sagte der Verkäufer grimmig. »Diese Sorte mache ich nicht selbst, sondern kaufe sie von dem Großfabrikanten. Ich muß sie aber doch halten, trotzdem ich selbst eine bessere Zigarre fabriziere, denn die Leute verstehen nichts vom Tabak. Sie rauchen nur die Zigarren, für die teure Reklame gemacht wird. Das hier ist meine eigene Zigarre.« Damit stellte er eine Kiste auf den Glaskasten. »Sie heißt ›Ed Nickels Nickelfein-Zigarre‹. Eine ganz andere Sorte als die Blauringe! Eine wirklich gute, feine Zigarre und kostet auch nur einen Nickel Ein Nickel = fünf Cents. das Stück.«

Wallingford nahm eine aus der Kiste und prüfte sie mit einer Genauigkeit, die verriet, daß er sich auf die Qualität und die Fabrikation der Zigarren in allen Einzelheiten verstand.

»Gutes Fabrikat«, gab er zu. »Was hilft es Ihnen aber? Sie verkaufen wahrscheinlich blutwenig davon. Ich glaube, ich könnte Ihren ganzen Wochenverdienst daran in meine Tasche stecken und auf dem Rückwege den ganzen Betrag fürs Schuhputzen ausgeben. Und wissen Sie, warum? Weil Sie nicht die nötigen Mittel haben, um Reklame zu machen.«

»Ich habe etwas Geld«, erklärte der andere mit scharfer Betonung, denn er fühlte sich offenbar an einer wunden Stelle angefaßt. »Ein kleines Kapital, das ich mir vom Munde abgedarbt und pfennigweise zusammengescharrt habe. Es ist aber nicht genug, um eine Zigarre bei der großen Kundschaft einzuführen. Manche von diesen großen Fabrikanten wenden bei einer neuen Sorte reichlich ein Vermögen auf, bevor sie noch eine einzige Kiste verkaufen. Da ist zum Beispiel die Fabrik John Crewly & Co. Sie geben 100 000 Dollars für Reklame aus, um diese Blauringe dem Publikum zu empfehlen.«

»Und ihr kleinen Händler habt es der Fabrik zurückgegeben«, sagte Wallingford lachend. »Ihr bezahlt den Überschuß über den wirklichen Wert der Zigarre, und die Fabrik bestreitet damit ihre Reklamekosten.«

»Zehnmal mehr!« explodierte Mr. Nickel. »Die Firmen, die in großen Quantitäten einkaufen, bekommen sie unter achtundzwanzig, während ich und die anderen kleinen Händler fünfunddreißig zahlen müssen. Ich habe aber eben gesagt: die Regierung ist keinen Pfifferling wert, und das wiederhole ich. Sie richtet es so ein, daß der kleine Mann immer geschädigt ist. Die Trusts und Ringe fressen uns auf. Jeder Mensch, der an einer solchen Trustvereinigung teilnimmt, sollte zehn Jahre Zuchthaus bekommen.«

»Nicht schimpfen«, riet Wallingford ironisch. »Nicht schimpfen,« wiederholte er, »sondern es so machen wie die Großen: schließt euch zu Verbänden zusammen. Wenn alle kleinen Händler in dieser Stadt einen solchen Verband bilden würden, so könnten sie ihre Ware, soviel sie wollen, gegen bar zu den niedrigen Preisen bekommen.«

Ed Nickel blickte aus dem Fenster auf die Straße hinaus und ließ sich diese neue Idee sehr durch den Kopf gehen.

»Ich glaube selbst, daß sie das könnten«, sagte er nachdenklich. »Wenn man nur wüßte, wie es anfangen, so daß die einzelnen Händler sich nicht gegenseitig die Gedärme aus dem Leib reißen und einander zu übervorteilen versuchen.«

J. Rufus schmunzelte, als er sah, wie schnell dieser Geschäftsanarchist bereit war, seine Meinung über Trusts, Ringe und sonstige Vereinigungen gründlich zu ändern.

Die Tür öffnete sich. Ein schlanker, hagerer Mann mit gelocktem grauen Haar und dünnem grauen Ziegenbart trat sichtlich erregt ein und warf einen halben Dollar auf den Glaskasten.

»Zwei Pakete Kiosk-Zigaretten«, verlangte er.

In diesem Augenblick fiel sein Blick auf Wallingford, dessen Gesicht eben durch das Gaslicht, an dem er seine Zigarre anzündete, erhellt war.

»J. Rufus, beim Zeus«, rief der Fremde aus.

Bevor noch Wallingford seinem Erstaunen Ausdruck verliehen hatte, schüttelte ihm der merkwürdig veränderte Blackie Daw herzlich die Hand.

»Sie erinnern sich offenbar meiner nicht mehr«, fuhr Blackie mit verständnisvollem Blinzeln fort. »Mein Name ist Rush, I. B. Rush, und ich muß sagen, ich habe mich schon lange nicht so gefreut wie jetzt.«

Wallingford zwinkerte mit den Augen.

»Da schau mal einer an! Mr. Rush! Ja wirklich, Sie sind es! Wie Sie sich verändert haben!« rief er aus.

Blackie schüttelte warnend den Kopf.

»Vorsicht!« mahnte er leise. »Wallingford, du bist die lang erwartete Freudenbotschaft von zu Hause! Fühl' doch mal in deiner Westentasche, ob sich dort nicht eine zufällig liegengelassene Hundert-Dollar-Note oder auch zwei verkrümelt haben.«

J. Rufus war die Zuvorkommenheit selbst.

»Aber gewiß doch, Mr. Rush«, sagte er herzlich. »Tausend Dollars, wenn Sie sie brauchen.« Er sprach absichtlich laut. »Kommen Sie mal gleich mit mir zur Bank hinüber, ich will mir dort Geld holen.« Damit schritten die beiden aus dem Laden.

Seufzend legte der schlaffe Mann den Herzbuben, der so lange nicht kommen wollte, auf den Pique-König.

»Habt ihr gehört, wie der Dicke tausend Dollars verleiht, als ob es ein Nickel wäre?«

»Wo er wohl das Geld herhaben mag?« fragte der dritte.

»Wo er es her hat? Natürlich hat er es armen Leuten abgenommen«, meinte Ed Nickel. »Denn wie wird ein Mensch sonst reich?«

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