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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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24. Kapitel.
Worin die »Handels-Genossenschaft der Farmer« der Börsenkammer schlimme Dinge antut.

Die Weihnachtszeit war kaum vorüber, als Wallingford sich schon wieder auf die Reise begab. Bis zum 1. Mai verwandte er seine Zeit darauf, neue Zweigverbände zu gründen, die Kettenbriefe ins Unendliche fortzusetzen und Abonnements auf seine neue Zeitschrift »Farmer und Kaufmann« entgegenzunehmen. Mit dieser Zeitschrift hatte er das nicht ganz nebensächliche Problem gelöst, die ins Riesige angewachsenen Portoausgaben ganz erheblich zu verringern. Der »Farmer und Kaufmann« erschien alle zwei Wochen. Er war auf vier kleinen Seiten dünnen Papiers gedruckt, und der Abonnementspreis war rein nominell: nur fünf Cents per Jahr. Daß für das Blatt überhaupt ein Abonnementspreis erhoben wurde, lag daran, daß der Herausgeber auf diese Weise die Vergünstigung des billigen Pfundportos erhielt; reguläre Zeitungen, die tatsächlich abonniert sind, brauchen in Amerika nur einen Cent per Pfund zu bezahlen; und von dem »Farmer und Kaufmann« gingen 80 Exemplare auf das Pfund. So konnte Wallingford seine halbmonatlichen Botschaften an eine Million Menschen verschicken, so daß es ihm nicht mehr als 125 Dollars kostete, während es ihn 10 000 Dollars gekostet hätte, wenn er eine Million Briefe mit je einer Centmarke verschickt hätte. Mit den fünf Cents Abonnementspreis wurden die hauptsächlichen Kosten gedeckt.

Am 1. Mai reiste der rührige Unternehmer, dessen Ehrgeiz jetzt tatsächlich dahin ging, ein Stern erster Größe auf dem amerikanischen Finanzhimmel zu werden, tausend Meilen weit in das Bureau der Maklerfirma Fox & Fleecer, wo Mr. Fox noch immer seinen blanken Skalp rieb und noch immer über das interessante geheime Problem nachdachte. Wallingford setzte sich dem Makler gegenüber an dessen Schreibtisch und legte auf diesen ein Scheckbuch und ein Bündel Papiere, um die ein Gummiband gespannt war. »Vierhundertfünfundzwanzigtausend Dollars in bar und in marktgängigen Wertpapieren«, sagte er. »Mit diesem ganzen Gelde sollen Sie September-Weizen kaufen.«

Mr. Fox sagte nichts, aber seine Hand fuhr unbewußt wieder an seine Schädeldecke.

»Die September-Option notiert gegenwärtig siebenundachtzig und ein achtel Cents«, fuhr Wallingford fort. »Kann der Kurs unter zweiundsechzig sinken?«

»Die Firma Fox & Fleecer machte es sich zur unverrückbaren Regel,« sagte Mr. Fox langsam, »niemals einem Klienten Ratschläge zu erteilen oder zu prophezeien, was mit dem Weizenkurs alles geschehen kann. Der Weizen kann ganz unberechenbar hoch steigen und tief fallen. Ich möchte nur bemerken, daß die September-Option schon seit mehreren Jahren nicht das tiefe Niveau erreicht hat, von dem Sie sprechen.«

»Schön. Ich wette um diese 425 000 Dollars, daß der Kurs nicht bis auf 62 heruntergehen wird«, entgegnete Wallingford trocken. »Nehmen Sie dieses Bündel und legen Sie das Geld sofort in September-Weizen an, und zwar mit einer Preisgrenze von 25 Cents, die zur Deckung für 1 700 000 Bushel ausreicht.«

Die kleinen Augen des Mr. Fox waren hypnotisch auf den Stoß Banknoten und Wertpapiere gerichtet, die zusammen den riesigen Betrag von 425 000 Dollars repräsentierten, und berechnete schnell die Höhe der Kommission, die auf die Maklerfirma entfallen und die größer sein würde, als die Firma je zuvor für ein einzelnes Geschäft erhalten hatte. Er holte tief Atem und sagte nach einigen Augenblicken Nachdenkens:

»Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu bemerken, Mr. Wallingford, daß es unmöglich sein wird, nahezu zwei Millionen Bushels September-Optionen um diese Zeit zu kaufen, ohne Störungen auf dem Markt hervorzurufen und den Kurs zu Ihrem eigenen Nachteil in die Höhe zu treiben. Es wird möglicherweise einige Zeit dauern, ehe dieser Auftrag ausgeführt werden kann. Wahrscheinlich können 500 000 Bushels bald placiert werden, dann aber werden wir einen günstigen Augenblick abwarten müssen, um einen anderen Teil Ihrer Order ausführen zu können. Unser Mr. Fleecer ist jedoch in solchen Dingen sehr geschickt, und er wird zu einem für Sie günstigen Kurse kaufen.«

»Das verstehe ich vollkommen,« sagte Wallingford, »und ich wünsche, daß auch Sie mich genau verstehen: mit diesen 425 000 Dollars will ich entweder eine Million verdienen, oder nicht einen Cent. Der September-Weizen wird auf fünfviertel Dollar steigen.«

Mr. Fox hatte große Lust, breit zu lächeln, er hob es sich aber auf, bis sein Klient weggegangen sein würde. Im Augenblick rieb er nur seinen Schädel.

»Nun zu einer anderen Sache«, fuhr Wallingford fort. Er zog aus seiner Tasche eine Nummer des »Farmer und Kaufmann«. »Es wäre mir lieb, wenn Sie für meine Zeitung ein Inserat, ganze vierte Seite, aufgeben würden. Sie brauchen in der Annonce nur den Namen und die Adresse Ihrer Firma anzugeben und zu erwähnen, daß Sie seit dreißig Jahren ununterbrochen Ihr Bureau im selben Hause haben; und darunter lassen Sie vielleicht die Worte setzen: ›Alle Weizengeschäfte des Herrn J. Rufus Wallingford gehen durch unsere Hände.‹«

Einen so geringfügigen. Dienst konnte Mr. Fox einem so guten Kunden nicht abschlagen, und Wallingford verließ das Bureau sehr befriedigt und entschlossen, ruhig abzuwarten, bis die Natur seinen Plänen Vorschub leisten würde. Die Frühjahrsregen gingen auf tausend Meilen fruchtbaren Landes hernieder, und die lebenspendende Sonne schien hell; aus der warmen Erde sproßten grüne Halme und lange Schößlinge, die durch ihre hohlen Stengel Leben aus dem Boden saugten; und durch einen Werdegang, wie ihn zauberhafter kein noch so hoher Gedankenflug des Menschen ersinnen kann, schwollen die Köpfe der Halme zu Ähren, die im Winde nickten, sich gelb färbten und mit dem fortschreitenden Sommer heranreiften. Von den Fenstern der Pullman-Wagen aus, in denen er, von größtem Luxus umgeben, durch dieses reiche, fruchtbare Gebiet fuhr, beobachtete J. Rufus Wallingford, der große Befreier der Farmer, dieses ganze Zauberwerk des Allmächtigen, und es beherrschte ihn dabei nur der eine Gedanke: welchen Nutzen dieser überreiche Segen ihm bringen würde.

Auf seine Farm zurückgekehrt, sah er, daß Blackie Daw und dessen sechs Gehilfinnen eine mit jedem Tage anwachsende Korrespondenz zu erledigen hatten. Ham Tinkle gönnte sich nur eine ganz kurze Nachtruhe; er brachte jeden Augenblick, den er nicht schlief, auf den Feldern zu und zeigte den Nachbarn triumphierend die Erfolge, die er mit seiner Methode zu erzielen verstanden hatte. Denn nie hatte die alte Spicersche Farm ein so reiches Ergebnis aufzuweisen, nirgends in den ganzen Grafschaften Truscot und Mapes waren solche Felder zu sehen. Auf diesen breiten Äckern wuchs der Weizen dichter und kräftiger, waren die Ähren länger und schwerer, die Körner dicker und saftiger als auf allen anderen Feldern weit in der Runde.

Die »Handels-Genossenschaft der Farmer«, die sich eine »Vereinigung zur Einschränkung des wilden Handels« nannte und die in ihrer Vereinigung auch politisch als riesige, kompakte Wählermasse eine gewichtige Rolle spielte, hielt jeden Monat Versammlungen ab, und Wallingford begab sich zu diesen Meetings so oft er konnte, trotzdem er es nicht nötig gehabt hätte, sich besonders anzustrengen, um den Enthusiasmus der Farmer wach zu halten; denn der ganze Plan war nicht nur von solch außerordentlich weittragender Bedeutung, daß er Bewunderung erzwang, sondern die Natur und andere wichtige Faktoren waren der großen Sache günstig. Wie gewöhnlich zu Beginn des Jahres, liefen Gerüchte um von einer Dürre in Kansas, von allzu starken Niederschlägen in den beiden Dakotas, vom Rüsselkäfer in Oklahoma, von kriegerischen Wirren im Ausland und politischen Wirren im Inland; alle diese Gerüchte, die auf den Börsen von Chicago und Neuyork, wie üblich, vergrößert wurden, wirkten auf den Weizenpreis günstig ein. Diese Umstände allein trieben den September-Weizen von 87 auf 90, auf 95, auf einen Dollar, auf einen Dollar fünf. »Weizen zu einem Dollar 50«: immer wieder ertönte dieser Kriegsruf der »Handels-Genossenschaft der Farmer«, und jede Ausgabe des »Farmer und Kaufmann« verbreitete sich über diesen Gegenstand und prophezeite, daß der Tag der Erfüllung nicht mehr weit sei. Die zweite Juliausgabe der Zeitschrift wies auf der ersten Seite in größtem Druck folgende Aufforderung auf:

»Haltet euern Weizen zurück!

Der September-Weizen wird auf eins fünfzig steigen! Verkauft nicht einen Bushel zu geringerem Preise!«

Die Wirkung dieses Aufrufs trat sofort ein und erwies sich als sehr weitreichend. Da fuhr zum Beispiel in Oklahoma ein kleiner Farmer bei einem Silo vor und fragte: »Was bringt der Weizen heute?«

»Einen Dollar glatt«, war die Antwort.

»Für diesen Preis können Sie nur das wenige haben, was ich mit mir führe,« sagte der Farmer, »und ich würde Ihnen auch dieses wenige nicht geben, wenn ich nicht gerade fünfzig Dollars dringend brauchte.«

»Glauben Sie vielleicht, daß der Weizen noch höher steigen wird?« fragte der Käufer.

»Ob er noch höher steigen wird?« wiederholte der Farmer und warf sich in die Brust. »Das will ich meinen! Ich habe 1200 Bushels zu Hause, und niemand bekommt den Weizen für einen Pfennig weniger als 1800 Dollars.«

»Wissen Sie, was Sie tun sollten, lieber Mann?« meinte der andere lachend. »Zu einem Doktor gehen, ehe es schlimmer wird.«

In Kansas klingelte ein Farmer eine große Getreideagentur an:

»Wie steht Weizen heute?«

»Ein Dollar eins.«

»Ein Dollar eins! Dann halte ich noch zurück.«

»Verkaufen Sie es lieber, solange Sie so viel bekommen«, riet der Agent. »Wir bekommen eine große Ernte dieses Jahr.«

»Anderthalb Dollars verlange ich«, antwortete der Farmer auf der anderen Seite des Drahtes.

»Mit wem spreche ich eigentlich?« fragte der Agent.

»Mit J. W. Harkneß.«

Der Agent rieb sich das Kinn. Harkneß besaß 500 Acker des besten Weizenlandes in Kansas.

In Süd-Dakota führen an demselben Tage zwei Farmer, die ihren Weizen zu Markt gebracht hatten, mit ihrer Ladung wieder zurück; den ihnen angebotenen Preis hatten sie geringschätzig zurückgewiesen. In Pennsylvania wurde an einem Tage nicht einmal der zehnte Teil des Getreides geliefert, wie an dem nämlichen Tage des vorangegangenen Jahres, trotzdem die Ernte viel reicher war. In Ohio, in Indiana, in Illinois, in Iowa, in Nebraska – überall im ganzen Weizengürtel waren solche höchst bezeichnende Vorgänge zu verzeichnen, und in Chicago und Neuyork erhielten die Makler von hundert Getreidemärkten die nämlichen beunruhigenden Berichte: die Farmer halten ihren Weizen zurück und verlangen einhellig anderthalb Dollars!

Wallingford frohlockte. Seine Prophezeiung, daß die Börsenkammer bald »schwarz im Gesicht« sein würde, schien sich rasch erfüllen zu sollen. Eines Tages sprang der Kurs in der letzten Stunde vor Schluß um volle zehn Cents in die Höhe, und zehntausend kleine Spekulanten, die à la baisse engagiert waren, da sie keinen triftigen Grund für die abnormale Höhe des Weizenpreises erblicken konnten, verloren ihr ganzes Geld, ehe sie noch Gelegenheit hatten, sich rechtzeitig zu decken. Am darauffolgenden Tage erschien eine Sonderausgabe des »Farmer und Kaufmann«. Das Blatt triumphierte in den schrillsten Tönen über den Riesenerfolg, den die »Handels-Genossenschaft der Farmer« schon jetzt erzielt hatte. In der ersten Minute, nachdem die Genossenschaft den Spekulanten die Zähne gezeigt hatte, hatten die Farmer der Vereinigten Staaten zehn Cents vom Bushel bei einem Verkauf von 400 Millionen Bushels Weizen verdient! Die Genossenschaft hatte den Farmern in einer Stunde 40 Millionen Dollars Netto-Profit eingebracht; und das war erst der Anfang! Die Farmer selbst hatten dadurch, daß sie fest zusammenhielten, den Weizenpreis bereits auf einen Dollar fünfzehn in die Höhe getrieben, und der Anderthalb-Dollar-Weizen war nur noch eine Sache weniger Tage. Die Notierungen der Börsenkammer würden bald noch höher sein. Die Aufwärtsbewegung werde sobald nicht zum Stillstand kommen. Der Preis würde von anderthalb Dollars auf einen Dollar fünfundsiebzig, ja auf zwei Dollars steigen! Die Getreidespekulation als solche sollte man ja nicht unterstützen; aber unter den gegebenen Verhältnissen dürften und müßten die Farmer selbst den Reichtum ernten, der jetzt auf den Feldern heranreifte. Sie sollten aus Wall-Street in Neuyork und aus La Salle-Street in Chicago ihren Anteil an dem Gelde holen, welches diese ruchlose Herde wilder Spekulanten viele Jahre lang den Landwirten Amerikas entwunden hatten. Die Farmer wüßten jetzt, durch die Ereignisse eines einzigen Tages belehrt, daß ihre Handels-Genossenschaft stark genug sei, um die Ziele, welche sie sich gesteckt hatte, auch zu verwirklichen. Jetzt sei die Zeit gekommen, sich auf den Markt zu begeben und nach dem Rechten zu sehen. Es sollte für jeden Farmer nicht nur ein Gegenstand des Vergnügens und des Nutzens, sondern es sollte auch seine Pflicht sein, den Spekulanten einen tödlichen Streich zu versetzen, indem die Farmer jeden Dollar, den sie aufbringen können – natürlich mit der gebotenen Umsicht – verwenden, um aus der unausbleiblichen, noch höheren Aufwärtsbewegung möglichst hohe Profite einzuheimsen. Auf der letzten Seite dieser Ausgabe des »Farmer und Kaufmann« erschien zum ersten Male das Inserat der Maklerfirma Fox & Fleecer, und das Blatt wurde an eine Million Landwirte verschickt. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Diejenigen Farmer, die von diesen Argumenten überzeugt waren – aber auch diejenigen, die es nicht waren – warfen ihren Weizen so schnell wie möglich zu dem augenblicklich geltenden Preise auf den Markt, ohne den Anderthalb-Dollar-Preis abzuwarten, um Bargeld für ihre Ware sofort zu erhalten. Gegenüber dieser plötzlichen riesigen Abgabe von Weizen ergossen sich Kauforders auf die Märkte, und Bargeld im selben Betrage wie der, welchen der Verkauf wirklichen Weizens eingebracht hatte, wurde jetzt auf Deckungsprämien für fiktiven Weizen verwendet. Die Preise waren jetzt großen Schwankungen unterworfen, sie gingen um fünf und zehn Cents auf einmal hinauf oder herab, und auf der Börse ging es wie in einem Tollhause zu. Käufer, Verkäufer, Makler, Spekulanten schlossen Käufe und Verkäufe in fliegender Hast ab, Orders wurden gegeben, geändert, zurückgezogen, erneuert, alles schrie durcheinander, bis die Menschen rote Gesichter und heisere Stimmen hatten, und die Firma Fox & Fleecer, die seit vielen Jahren durch ihre ruhige, solide Art, Geschäfte zu machen, bekannt und von moderneren Firmen überholt war, wurde plötzlich der wichtigste Faktor auf der Börse.

Auf dem Ticker, den Wallingford am 1. Mai in seinem Hause aufgestellt hatte – auf dem Hause und der Farm ruhte jetzt eine Hypothek – sah er den Preis auf fünfviertel Dollar steigen, auf einen Dollar achtzehn fallen, auf einen Dollar zweiundzwanzig in die Höhe gehen, auf zwanzig zurück, auf fünfundzwanzig hinauf, auf zweiundzwanzig zurück, auf achtundzwanzig hinauf. Als er von dieser letzten Notierung Kenntnis nahm, war er gerade im Begriff, nach Chicago abzureisen.

Hiram Hines traf Len Miller auf der Landstraße. Beide strahlten vor Freude.

»Ein Dollar achtundzwanzig sieben Achtel«, antwortete Hiram auf die Frage des anderen nach der Höhe des Weizenpreises. »Das habe ich wenigstens erfahren, als ich vor einer Stunde im Hause des Richters Wallingford anklingelte. Jetzt kann er schon auf einen Dollar dreißig gestiegen sein. Wieviel hast du abzugeben?«

»20 000 Bushels«, antwortete Len triumphierend. »Habe ihn zu einem Dollar vierundzwanzig mit fünf Cents Preisgrenze gekauft und habe bis jetzt schon so viel profiziert. Habe meine sechzig Acker mit tausend Dollars beliehen und habe in zwei Wochen beinahe eintausend damit verdient, und zwar durch die Makler des Richters Wallingford.«

»So ähnlich ist es mir ergangen«, sagte Hiram nicht weniger erfreut. »Habe zwar einen Dollar sechsundzwanzig bezahlt, bin aber ganz zufrieden. Wenn er auf einen Dollar vierzig gestiegen ist, schlage ich los.«

Ezekiel Tinkle marschierte sechs Meilen weit von seiner Farm zu der Wallingfords, um dort seinen Sohn Ham zu besuchen.

»Jonas Whetmore prahlt, daß er in wenigen Tagen 2000 Dollars am Getreide verdient habe«, teilte er dem jungen Manne mit. »Ich kann das nicht begreifen, Hamlet. Wie geht das nur zu? Ich mag vom Spekulieren nichts wissen, aber Jonas sagt, das ist gar keine Spekulation, und wenn man so viel Geld damit verdienen kann, so möchte ich auch etwas davon abhaben.«

»Das tun wir alle«, sagte Ham Tinkle lachend. Seitdem er mit seinen neumodischen landwirtschaftlichen Methoden Erfolg gehabt hatte, galt er bei seinem Vater für voll. »Ich hatte zweihundert Dollars, als ich anfing; jetzt sind es tausend, und ehe ich fertig bin, werden es fünftausend sein. Bringe mir dein Geld, Vater, und ich werde dir zeigen, wie schön du daran verdienen wirst. Aber mach' schnell. Wieviel kannst du entbehren?«

»Laß mal sehen,« rechnete Ezekiel, »da sind mal die fünfzehnhundert, die ich für Bobbies Schulgeld aufgehoben habe, und wenn ich dann meinen Weizen verkaufe – –«

»Tu das nicht!« unterbrach ihn sein Sohn hastig. »Der Weizen geht eben deshalb so schnell in die Höhe, weil die Farmer ihn zurückhalten, bis er anderthalb Dollars bringt. Jeder Farmer, der seinen Weizen jetzt verkauft, drückte auf den Preis.«

»So wird es also gemacht!« rief der alte Mann, der endlich begriffen hatte, aus und stieß nachdenklich mit seinem Stock auf ein Stück Torf. »Wenn man also recht viel Geld verdienen will, so muß man den Weizen zurückhalten und warten, bis er anderthalb Dollars bringt. Hör' mal, Hamlet: Charlie Granice hat seinen Weizen um einen Dollar sechs verkauft, Adam Spooner und Burt Powers und Charlie Dorsett haben ebenfalls ihren ganzen Weizen losgeschlagen, und sie sind doch Mitglieder eurer Genossenschaft. Ich geh' gleich nach Hause, Ham, und verkaufe meinen Weizen.«

»Sie sind Verräter!« rief Hamlet empört aus. »Du brauchst mir das Geld nicht zu bringen, Vater, lasse es, wo es ist.«

»Ich werde meinen Weizen verkaufen, und zwar sofort, solange er hoch im Preise ist,« entgegnete der Alte, »und werde mein Geld in die Bank bringen neben die fünfzehnhundert, die ich dort schon habe. Du, Ham, tue nur, was dir beliebt. Mach' deine Dummheiten auf eigene Rechnung. Ich weiß schon, daß es von deinem alten Vater ganz nutzlos wäre, dir raten zu wollen.«

Nicht viele Farmer dachten und handelten jedoch wie der alte Tinkle, und J. Rufus Wallingford war, als er mit seiner Frau und Blackie im Pullman nach Chicago reiste, mit sich zufriedener als je zuvor. Eine Million Dollars! Eine wirkliche runde Million! Zu diesem Bewußtsein großen, unausbleiblichen Reichtums gesellte sich eine Art moralischer Gehobenheit, die einem Manne seiner Veranlagung freilich merkwürdig zu Gesicht stand. Seine früheren Geschäfte waren verhältnismäßig von so geringfügigem Umfange gewesen, daß man sie, wenn man wollte, »Schiebungen« oder selbst »wüste Schiebungen« nennen mochte; jetzt aber würde man sie, da ihr Umfang sich so außerordentlich erweitert hatte, »geschicktes Finanzieren« heißen. Diese moralischen Begriffe sind ja lediglich Auffassungssache: der ganze Unterschied besteht in der Höhe des Geldes, das bei den Geschäften in Frage kommt. Eine Million! Er sagte sich, daß er es verdiene, reich zu werden, noch reicher. Warum sollte er bei seinem Geschick (auf das es ja allein ankam), nicht so reich werden wie die großen Geldfürsten, zu denen man mit dem höchsten Respekt aufblickt? »Wer ist der wirkliche Napoleon der Finanzen? Ich – ich, J. Rufus Wallingford Esquire!«

Blackie Daw, der diese Betrachtungen anhörte, riet ihm sarkastisch:

»Zieh' die Notbremse und bring' den Expreßzug deiner Gedanken zum Stehen, J. Rufus! Dein Ballon wird bald einen Riß bekommen. Die Jungens in Wall Street sind alle mit dem Weisheitszahn geboren und fressen solches Kleinzeug wie dich vor dem Lunch als Morgenimbiß.«

J. Rufus lachte nur. »Der Finanzmensch, der mich verschluckt, wird furchtbare Magenschmerzen kriegen«, antwortete er.

Seine Frau blickte ihn verständnislos an.

»Ich begreife das Ganze nicht, Jim«, sagte sie. »Ich kann mir vorstellen, weshalb du die Farmer zu einem Verbände vereinigt hast: sie sollen den Weizenpreis in die Höhe bringen. Es nützt ihnen und es nützt dir. Warum hast du dir aber solche Mühe gegeben, sie zum Spekulieren zu veranlassen?«

»Mein liebes Kindchen,« erklärte er ihr, »als für Fox & Fleecer heute vormittag die Zeit gekommen war, meinen Weizen – beinahe zwei Millionen Bushels – zu verkaufen, mußte doch jemand da sein, der den Weizen kaufte. Und dafür, daß Käufer da waren, habe ich eben gesorgt. Das ist das ganze Geheimnis.«

»Aha! Ich fange an, zu verstehen«, rief seine Frau aus, nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte. »Aber hör' mal, Jim! Nehmen wir an, unsere Nachbarn, die Hines, Evans, Whetmore, Granice und wie sie alle heißen, kaufen deinen Weizen. An wen verkaufen sie ihn dann aber?«

»An den Gerichtsvollzieher«, warf Blackie grinsend ein.

»Das braucht keineswegs der Fall zu sein«, beeilte sich Wallingford, der die Wolke auf der Stirn seiner Frau bemerkte, zu widersprechen. »Ich verkaufe heute zu erheblich höherem Kurse, als ich eingekauft habe, aber immerhin für bedeutend weniger als anderthalb Dollars. Der Kurs wird aber ganz bestimmt auf anderthalb Dollars und darüber hinaus steigen. Wenn die Farmer, die heute von mir kaufen, während dieser Aufwärtsbewegung verkaufen, werden sie eine Menge Geld verdienen.«

»Aber die, welche den Farmern dann den Weizen zu diesem hohen Preis abkaufen?« fragte Frau Wallingford sehr logisch weiter. »Diese müssen doch ...«

»Ist es nicht bejammernswert,« unterbrach sie Blackie im grotesk-melancholischen Tone, »daß sich immer wieder ganze Herden finden, die sich ans heiße Ende der Stange drängen?«

Ein Zeitungsjunge kam mit den eben erschienenen Nachmittagsblättern in den Waggon. Wallingford warf einen Blick auf die letzten Kurse. Weizen war bis vierunddreißig gestiegen, aber gegen Schluß mit einem Male auf zweiundzwanzig gefallen. Die Ursache dieses großen Preissturzes war an einer anderen Stelle des Blattes zu lesen. Mit jedem Cent, um den der effektive Weizen in die Höhe ging, war Kassaweizen flutartig auf den Markt geworfen worden. Viele Mitglieder der »Handels-Genossenschaft der Farmer« hatten es vorgezogen, nicht auf die verheißenen anderthalb Dollar zu warten (»Verräter« nannte Tinkle sie), sondern sicher zu gehen und eiligst zu verkaufen, ehe ein großer Sturz eintreten mochte. Andere verkauften, weil sie trotz aller Propaganda, trotz Jubelgeschrei, trotz Wallingford und Genossenschaft, der ganzen Sache im innersten Herzen nicht recht trauten. Die Börsenkammer, die sich in alle solche psychologischen Schwankungen schnell und sicher einfühlte, hatte rasch auf die in den Abendblättern mitgeteilte Marktbewegung reagiert. Wallingford sagte seiner Frau nichts davon. Er fing an, sie zu fürchten. Sie hatte sich immer gegen unehrliche Geschäfte aufgelehnt, ganz besonders aber in letzter Zeit, seitdem er darauf ausgegangen war, ein »Napoleon der Finanzen« zu werden.

Im Rauchwagen reichte Wallingford dem Freunde, mit dem er offener sprechen konnte, die Zeitung und wies mit dem Finger auf die Kurse.

»Das mußte kommen«, sagte er zu Blackie. »Die Landonkels haben sich selbst ins Gesicht geschnitten, ganz wie ich es mir ausgedacht habe. Du wirst sehen, daß der Weizenpreis jetzt so tief sinkt wie nie zuvor. Hines und Evans und Granice werden ihrem Gelde nachweinen – aber wer kann dafür? Ich doch gewiß nicht. Die Schuld wird einzig an den Farmern selbst liegen, weil sie nicht fest zusammengehalten haben. Für mich war es ein Glück, daß sie so lange bei der Stange blieben, bis der Preis erreicht war, zu dem ich jetzt verkauft habe: ein Dollar fünfundzwanzig.«

»Woher weißt du, daß du schon über'm Berg bist?« fragte Blackie. Daß alle Nachbarn Wallingfords, alle Farmer in den Grafschaften Truscot und Mapes, die sich auf dessen Rat, auf dessen dringliche, unausgesetzte Aufforderungen und Werbungen hin in Spekulationen eingelassen hatten, ruiniert sein werden, und ebenso hunderte, ja tausende anderer Mitglieder der Genossenschaft – dieser geringfügige Umstand interessierte Herrn Daw augenscheinlich nicht im geringsten, denn er ging mit keinem Wort darauf ein.

»Woher ich das weiß?« antwortete Rufus. »Sehr einfach. Es geht aus den Kursen selbst hervor. Fox & Fleecer waren instruiert, bei eins fünfundzwanzig abzuladen, und sie befolgen solche Instruktionen aufs Haar. Sie haben dann auch tatsächlich zu diesem Preise abzuladen begonnen, haben aber gleichzeitig, um einen Preisrückgang zu vermeiden, für meine Farmer eingekauft. So konnte der Preis auf fünfundzwanzig steigen, auf das Limit, das ich mir gesetzt hatte; ja, er ist – wie du aus dem Abendblatt ersiehst – sogar auf vierunddreißig gestiegen, woraus hervorgeht, daß die Kauforders bis gestern größer waren, als die Verkaufsorders. Die Farmer haben ganz einfach meine zwei Millionen Bushels aufgegessen.«

»Es ist also im Grunde ihr Geld, das bei dem Geschäft für dich herauskommt«, bemerkte Blackie.

»Es ist jetzt mein Geld«, antwortete Wallingford schmunzelnd.

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