Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Randolph Chester >

Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
Schließen

Navigation:

22. Kapitel.
Worin J. Rufus es schließlich doch vorzieht, Farmer in Amerika, als Unternehmer in Europa zu werden.

Das Battlesburger »Richtschwert« war eine volle Woche nach dem denkwürdigen Besuche des Mr. Lott voll von Artikeln und Schilderungen der großen Eisenbahnkonsolidierung. Die elektrische Lewisville-, Battlesburg- und Elliston-Bahn war nicht nur eine vollständig sichere Tatsache – das war sie ja immer gewesen, seitdem Colonel Wallingford nach Battlesburg gekommen war –, jetzt aber war es ein größeres, verbessertes Unternehmen, größer und besser, als man es sich je hatte träumen lassen, der Schlüssel zu einem großen Netzwerk von Trolleys, welches zusammen mit diesem neuen Bindeglied ihre Zweige über mehr als den vierten Teil des nordamerikanischen Kontinents erstrecken würde. Das einzige Bedauerliche bei all diesem Erfreulichen sei, daß die Stadt ihren geschätzten Mitbürger, den Colonel J. Rufus Wallingford, als ständigen Bewohner verlieren werde, da der Colonel alle seine Bauerlaubnisse, Wegerechte, Konzessionen und sonstigen Rechtsvorteile verkauft habe. Jede Ausgabe des »Richtschwertes«, von den Nachrichtenspalten bis zu den Leitartikeln, war ein Tribut für das, was dieser edle, hochsinnige Mann für Battlesburg getan hatte.

Eine Schar intimer Freundinnen küßte Frau Wallingford vor dem Eisenbahnzuge beim Abschied, während der Ehrenwerte G. W. Battles sich mit Billy Ricks, dem Richter Lampton und Clint Richards um die Ehre stritt, ihrem Gatten zum letzten Male die Hand zu drücken; und nachdem Frau Wallingford das wehende Taschentuch endlich aus dem Fenster ihres Abteils zurückgezogen hatte, preßte sie es an ihre Augen.

»Ich werde meinen Hausstand in Battlesburg immer behalten,« sagte sie, nachdem sie ruhiger geworden war, »und wenn wir es müde sind, in anderen Städten zu leben, so will ich hierher zurückkehren, wo ich mein Heim habe. Bedenke doch, Jim, es ist die einzige Stadt, in der du Geschäfte gemacht hast, in welche du zurückkommen darfst!«

Er pflichtete ihr darin bei, aber nach und nach bemerkte sie, wie seine Schultern sich in seiner elefantenmäßigen Art vor innerem Lachen hoben und senkten.

»Was hast du?« fragte sie ihn.

»Ich habe mich da schön geirrt«, lachte er. »Aber nicht zu meinem Nachteil! Der größte Fang, den ich jemals gemacht habe, und doch ist sogar Beelzebub zufrieden.« Der Ausdruck des Staunens, in seinem Gesicht war jetzt geradezu grotesk. »Es hat sich herausgestellt, daß meine ›Elektrische Eisenbahn‹ schließlich doch ein ganz legitimes Geschäft ist!«

Das war der ganz neue Gedanke, der überraschende, der fast unfaßbare Gedanke, der ihm jetzt durch den Kopf zog: daß es möglich sei, durch rechtmäßige Geschäfte mehr Geld zu verdienen, als durch die zweifelhaften, die er bisher immer gemacht hatte. Und diesen neuen Gedanken, den er lange nicht verdauen konnte, nahm er mit sich nach Europa. Er beschäftigte ihn in den Nebeln von London, im Sonnenschein von Paris, an den Roulettetischen von Monte Carlo und auf den Kanälen von Venedig. Es war eine Idee, so groß, so eigenartig, daß sie es vermochte, seinen Ehrgeiz zu wecken; und bei dem unermeßlichen Vertrauen, das er in seine eigenen Fähigkeiten setzte, sah er sich schon zu einer führenden Stellung im Finanzleben Amerikas emporgehoben. Er dachte daran, daß er schon eine runde halbe Million Dollars Vermögen habe, und das große Bewußtsein dieses riesigen Besitzes rief eine Änderung nicht nur in seinem Gedankenleben, sondern auch in seinem Leben überhaupt hervor. Bisher hatte er die Profite, die er aus seinen verdächtigen Geschäften zog, lediglich als ein willkommenes Mittel betrachtet, sie möglichst schnell in Vergnügungen, in Luxus, in Aufwand umzusetzen. So oft er sich Geld verschafft hatte, war sein einziger Wunsch, es auf die vergnüglichste Art durchzubringen und sich dann von irgendwo mehr Geld zu holen. Aber eine halbe Million! Mit einer solchen Summe konnte man sehr viel dazuverdienen; und sein immer schöpferischer Geist beschäftigte sich eindringlich mit Plänen, wie er seine Geldmacht am vorteilhaftesten ausnützen könne. In Wirklichkeit war es nur ein neues, kostspieliges Vergnügen, das er sich wünschte: das Vergnügen, ganz große Unternehmungen in der Hand zu haben, in die Liste der wirklichen oder auch nur der Pseudogrößen eingeschrieben zu werden. Zu diesem Zwecke verschlang er während seiner ganzen europäischen Reise amerikanische Zeitungen, soviel er deren habhaft werden konnte, und suchte darin nach Möglichkeiten, um sein Vermögen zu wirklich gebietendem Umfange anwachsen zu lassen. Inzwischen war er verschwenderisch wie immer, streute wie immer sein Geld mit freigebiger Hand aus, jetzt aber zu einem anderen Zweck. Er verwendete es jetzt, um sich das beste zu verschaffen, was raffinierter Luxus bieten kann, gab es aber nicht mehr, wie früher, aus, bloß um es loszuwerden.

Frau Wallingford besichtigte Europa in zufriedener Stimmung und freute sich dessen, was sie sah. Keine Kaiserin, in Seide gehüllt und diademgekrönt, ließ sich mit mehr Huld und Würde den Pomp gefallen, mit dem das Paar überall empfangen wurde. Das Interesse Wallingfords an fremden Ländern hatte jetzt plötzlich einen rein geschäftlichen Charakter angenommen. Ruhelos, wie immer, bewegte er sich von Ort zu Ort, von Land zu Land in größter Eile, und er legte so in zwei Monaten Strecken zurück, die gewöhnliche Touristen sonst nicht in sechs bewältigen. Im Grunde genommen gefiel ihm Europa ganz und gar nicht. Die europäischen Gesetze waren zu streng, und er fand nahezu in jedem Lande, das er besuchte, daß ein Mann (wenn er nicht zufällig ein Schankwirt ist) tatsächlich gezwungen ist, den Gegenwert für jeden Schilling, Franken oder Gulden zu liefern, den man ihm gibt. Dies war von den finanziellen und kommerziellen Gewohnheiten und Methoden, die er bisher kennengelernt und geübt hatte, so verschieden, daß es ihm verlangte, nach Amerika zurückzukehren. Und als ihm eines Nachts eine brillante Idee zu einem neuen Unternehmen einfiel, gab er seinen Bankiers in Amerika Anweisung, einen Teil seines Kontos dem Mr. Blackie Daw zu überweisen. Diesem letztgenannten Gentleman gab er telegraphisch die Weisung, ihm eine gute Farm in der Mitte des Weizengürtels zu kaufen und sie als dauernden Wohnsitz für ihn einzurichten; das Geld spiele keine Rolle. Dann trat er die Rückreise in das Land an, wo das Geld wächst.

Die Aufgabe, die er seinem Freunde Blackie gesetzt hatte, war sehr nach dem Geschmack dieses Herrn. Am Morgen des nämlichen Tages, an dem er die Kabeldepesche Wallingfords erhalten hatte, war nämlich eine Krise über seine »geschäftlichen Angelegenheiten« hereingebrochen, eine Krise, welche eine sofortige Entfernung nicht nur aus seinem Bureau erforderte, sondern auch von jedem anderen Ort, wo die Behörden ihn würden auffinden können. Aus diesem Dilemma noch gerade im letzten Augenblick durch das Geld Wallingfords befreit, zauderte er nicht, zwischen sich und Neuyork eine beträchtliche Anzahl von Meilen zu legen. Eine Woche lang suchte er nach dem, was Wallingford verlangte, und als er das Passende gefunden hatte, machte er sich ans Werk, den ihm gewordenen Auftrag zu erfüllen. Er baute eine große neue Scheune, die schönste in der ganzen Grafschaft, er ließ das alte Gebäude niederreißen und ein neues, weit größeres an dessen Stelle bauen, er kaufte Wagenladungen bester Möbel, er stattete den großen Keller mit Bier, Weinen und Likören aller Arten aus, er ließ Erdgas aus einer Entfernung von zwölf Meilen in das Haus leiten, einen Gasofen im Keller und einen Gaserzeuger in einer Werkstätte nahe der Scheune aufstellen, er versah das Gebäude, die Scheune, die Vorhalle und alle sonstigen Räumlichkeiten mit elektrischem Licht, sogar an den Bäumen im Vorgarten ließ er Drahtleitungen anbringen; er schaffte eine elektrische Krafterzeugungsmaschine an, die von dem Gaserzeuger gespeist wurde und die das Licht für die ganze Besitzung liefern sollte, er ließ Telephone mit angeschlossenen Hausleitungen überall anbringen. Und als er sein Werk beendet hatte, betrachtete er es mit Wohlgefallen. Der Briefträger kam jeden Tag, die Elektrische ging an der Tür vorbei, und Geld war auch in Fülle da; so würde J. Rufus (kalkulierte Blackie Daw) sehr gut den Winter durchhalten können.

In der ersten Hälfte des September traf Wallingford in einer eleganten, von einem Paar schlanken Braunen gezogenen Kutsche auf seinem Gut ein. Er trug ein Kostüm, wie es seiner Ansicht nach für einen Gentlemanfarmer paßt: einen Anzug aus Manchestersamt, die Hosen in ein Paar Schaftstiefel aus Seehundsfell gesteckt, die 18 Dollars kosteten; einen breitrandigen Filzhut (Kaufpreis 20 Dollars); ein braunseidenes Negligéhemd und eine Krawatte von einer etwas tieferen Farbennuance im Westenausschnitt; und einen riesigen Diamanten in dieser Krawatte. So stellte sich nämlich Mr. Wallingford den begüterten Farmer vor.

Nach dem Rhythmus des »Soldatenchors« aus »Faust« marschierte Blackie Daw von der geräumigen Vorhalle auf den Weg, auf welchem Wallingford eben dem Hause zuschritt. In seinen Armen trug Blackie den riesigen Phonographen, welchem diese Töne entströmten, und begrüßte den neuen Herrn und die neue Herrin des Hauses mit übertriebenem Zeremoniell, während drei Mädchen vom Lande, eine mit roten Backen, eine ganz magere und eine abschreckend häßliche, kichernd in der Vorhalle standen.

»Willkommen in der Villa Wallingford!« rief Blackie aus, setzte den kreischenden Phonographen auf den Boden, steckte die linke Hand festlich in den Busen seines Rockes und streckte die Rechte den Ankömmlingen entgegen. »Willkommen auf dem Gute Ihrer Vorfahren, willkommen auch im Namen Ihrer treu ergebenen Lehensleute!«

»Das hast du gut gemacht«, sagte J. Rufus billigend und schüttelte seinem Freunde die Hand. »Fordere die Kapelle auf, eins auf meine Gesundheit zu trinken, Blackie.«

»Pst«, mahnte Mr. Daw heiser flüsternd. » Nicht ›Blackie‹! Hier, in sicherem Versteck vor den Schergen Bruder Jonathans, bin ich Horatio Raven. Präge dir den Namen ein.«

»Was ist wieder einmal los?« fragte Wallingford, der etwas Ernstes unter all diesem grotesken Zeug herausspürte. »Ich habe in deiner Bostoner Wohnung vorgesprochen und dort das Schild eines Hühneraugen-Doktors vor der Tür gefunden. Ich hatte nicht die Absicht, dich dauernd hierher zu verpflanzen.«

»Verpflanzen ist das richtige Wort,« antwortete Mr. Daw, »und ich wurzele schon fest im Erdreich. Ich werde mich hier naturalisieren und mir einen Ziegenbart wachsen lassen. Du beherbergst einen Flüchtling, Jim. An demselben Tag, an dem ich deine Depesche aus London empfing, in der du mir einen Teil deines Bankkontos überwiesest und mir den Auftrag gabst, eine Farm zu kaufen, setzten es die Behörden sich in den Kopf, meinen Goldminengeschäften ein jähes Ende zu bereiten. Auch zeigten sie große Neigung, mich, Horaz G. Daw, in ein häßliches graues Gebäude zu führen und in einen goldenen Käfig zu sperren. So habe ich mir denn einen Vollbart aus Roßhaar ins Gesicht gesteckt und mich hierher in die weiten, weiten Prärien geschlängelt.«

Frau Wallingford hatte sich etwas reserviert gehalten, und eine gewisse Zurückhaltung lag noch jetzt in ihrem Tone, als sie mit kühler Höflichkeit fragte:

»Wo ist Frau Daw?«

»Raven, wenn ich bitten darf«, verbesserte er sie, und sein Gesicht wurde trotz des leichtfertigen Tones, den er immer noch anschlug, etwas länger. »Frau Violet Bonnie D.«, fuhr er fort, »hat sich in die Original-Zitronenkiste zurückgezogen, aus der sie kam, und entzückt jetzt ein wonnetrunkenes Publikum in dem Zug- und Kassenstück ›Die schöne Geschiedene‹. So groß ist die Begeisterung, die sie in den Herzen des Volkes entzündet, daß eine ganze Kette junger und alter Lebemänner jeden Abend nach Schluß der Vorstellung auf sie wartet. Zwei Querstraßen voll, vom Bühneneingang aus gerechnet, drängt sich die edle Sippe. Wir wollen von der Dame lieber nicht reden, sonst gebrauche ich meine deutlichste Sprache.«

Frau Wallingford taute plötzlich auf und wurde sehr liebenswürdig. »Wie hübsch Sie das alles hier angeordnet haben!« rief sie aus. Sie hatte wohl ihre besonderen Gründe, um über die Abwesenheit der Frau Violet Bonnie Daw zufrieden zu sein.

»Ja, ganz nett«, stimmte der Pseudo-Raven zu. »Treten Sie, bitte, ein und stellen Sie sich vor, Sie waren in der Pfauenallee des Waldorf-Hotels Das prächtige Neuyorker Hotel.

Er führte sie mit beträchtlichem Stolz in das Gebäude. Da er seinen Wallingford kannte, hatte er keine Ausgabe gescheut, um dieses Haus so luxuriös wie nur irgend möglich einzurichten, und da Wallingfords etwas bizarrer Geschmack auch ihm nicht fremd war, so war das Gesamtergebnis etwas schreiend.

»Und dies hier«, sagte er, als er im oberen Stockwerk eine Tür öffnete, »ist mein eigenes Zimmer Nummer 23. An den Wänden wirst du die trüben Überreste einer glorreichen Vergangenheit erblicken.«

Die Decke war mit den blaßblauen Aktien der verflossenen »Los-Pocos-Blei-Gewinnungs-Gesellschaft«, die Mauern mit den dunkelgrünen Aktien der ebenso entschlafenen »Mexican- und Rio-Grande-Gummi-Gesellschaft«, sowie der dunkelroten Aktien der gleichfalls in die Ewigkeit hinübergeschlummerten »St. Johns Blutorangen-Anpflanzungsgesellschaft« tapeziert, während die Mauern und die Decke durch einen Fries aus den schönen orangenfarbigen Aktien der verblichenen »Yellow Streak-Goldminen-Gesellschaft« geteilt waren.

»Meine ureigenste Idee«, erklärte er. Frau Wallingford lächelte über den grimmigen Humor, der aus dieser »Idee« sprach, und ging dann in ihr eigenes Zimmer, um sich vom Reisestaub zu reinigen. »Eine Erinnerung an die glücklichen Zeiten,« fuhr Daw, zu Wallingford gewendet, fort, »die einst waren und die nicht mehr zurückkehren werden. Ich muß auf etwas Neues verfallen, um das geliebte Publikum hereinzulegen, und das ist nicht leicht. Ich wünschte, ich hätte deine Geschicklichkeit im Aufspüren lockerer Geldbeutel. Was willst du übrigens mit dieser Farm anfangen?«

»Ich will den Farmern ein Retter sein«, antwortete Wallingford fast feierlich. »Die Farmer der Vereinigten Staaten sind das bedrückteste, geknechtetste Volk der Welt. Sie, die wirklichen Erzeuger des Reichtums unserer Nation, halten den leeren Sack, und die Nichtproduzenten ernten die goldenen Reichtümer des Bodens. Ist keiner da, der machtvoll sich erhebt und zu ihrer Rettung eilt? Ist keiner da, der die alte Ordnung der Dinge über den Haufen wirft, der die Farmer auf die Zinnen des Wohlstandes hebt, der ihr redlich verdientes Einkommen aus dem Bereich der Habsucht und Geldgier hinausträgt? Ist keiner da? Doch, es ist einer da: J. Rufus Wallingford, der Freund der Bedrückten und der Beschützer der Armen!«

»Gut gebrüllt!« antwortete Mr. Daw. »Mit so einer Rede ist schon so mancher Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Denk' nur an Bryan. Na, ich will meinetwegen von der Partie sein, aber bitte, gib mir einen Tip, bevor der Krach kommt, so daß ich mich rechtzeitig drücken kann.«

»Das wirst du nicht nötig haben«, entgegnete Wallingford. »Du kennst mich doch, Blackie. Ich und das Gesetz sind alte Schulkameraden, und wir tun uns gegenseitig nichts an. Ich werde mir viel Geld aus der Chicagoer Weizenbörse holen, soviel, daß im ganzen Gebäude kein Pfennig übrigbleiben wird. Ums Jahr gedenke ich eine runde Million beisammen zu haben, und dann kann ich mir einen hohen Stapel blauer Chips kaufen und mich am großen Pokertisch niederlassen. Ich werde nicht rasten, bis ich einen ›Royal Flush‹ gegen Morgan und Rockefeller halten kann; und erst, wenn ich ihnen die Haut abgezogen habe, werde ich ruhig sein.«

In diesem Augenblick ertönte die Telephonglocke, und Blackie beantwortete den Anruf.

»Kommen Sie gleich her«, sagte er dem Mann am anderen Ende des Drahtes. »Mr. Wallingford ist angekommen.«

Er hängte den Hörer auf und führte Wallingford die Treppe hinab in einen hellen Raum, der in Form eines »L« aus dem Hause hinausragte und rückwärts einen besonderen Eingang hatte.

»Betrachte dir das Zentrum eines modernen landwirtschaftlichen Gewebes«, deklamierte er. »Setz' dich an deinen Schreibtisch, Farmer Wallingford, denn dein Betriebsleiter wird gleich hier sein.«

J. Rufus blickte befriedigt um sich. Im Mittelpunkt des Raumes war ein großer Schreibtisch mit flachem Aufbau, auf dem ein Telephon mit Hauptanschluß stand. Auf der anderen Seite stand der Tischapparat und ein Schaltbrett mit Verbindungen zu dem Hause, der Scheune, dem Speicher und einem Dutzend Felder. In einer anderen Ecke des Raumes stand ein Rolladenpult, das für Mr. Daw bestimmt war, und ein anderes gegenüber für den Betriebsleiter.

»Wir müssen doch wenigstens einen wirklichen Farmer hier haben,« erklärte Blackie, »und ich habe mein Auge auf Hamlet Tinkle, ein Edelreis dieses Bezirkes, geworfen. Er hat auf einer landwirtschaftlichen Hochschule promoviert, und alle Farmer machen sich über ihn lustig; ich habe mir ihn aber trotzdem herausgesucht, weil ich glaube, daß er mehr Futter aus widerspenstigem Lehmboden herausschmeicheln kann, als irgendein anderer Bodenkitzler in dieser Gegend. Er hat mir bei der Zusammenstellung der Farmbibliothek geholfen.«

Mit selbstgefälligem Schmunzeln über die Lückenlosigkeit seiner Anordnungen deutete Mr. Daw auf die Bücherschränke hin, in denen, hübsch ausgerichtet, die Regierungsberichte über alle landwirtschaftlichen Materien standen, sowie Abhandlungen über jeden landwirtschaftlichen Gegenstand, vom Pips der Vögel bis zum Rüsselkäfer. Da gab es Kartotheken, Register und alles sonstige Zubehör eines ganz modern ausgestatteten Bureaus.

Der neugebackene Farmer blätterte belustigt in diesen ihm ganz fremden Büchern, als Hamlet Tinkle von der stets grinsenden Nellie ins Zimmer geführt wurde. Er war ein großer, grobknochiger Bursche, der seine Zeit auf der landwirtschaftlichen Hochschule zwischen Fußball und dem Studium der chemischen Zusammensetzung verschiedener Erdarten geteilt hatte. Er trug trotz des kühlen Wetters einen breitrandigen Strohhut mit aufgekremptem Vorderrand und ein Flanellhemd ohne Rock oder Weste; er war von dem Platze aus, an welchem er telephoniert hatte, bis zur Farm, einen Weg von zwei Meilen, in zweiundzwanzig Minuten gegangen.

»Mr. Tinkle – Mr. Wallingford«, stellte Mr. Daw vor. »Mr. Wallingford, das ist der Herr, den ich Ihnen als Ihren obersten Betriebsleiter empfehle.«

Sowohl Wallingford wie Tinkle hörten diesen hochtönenden Titel vollkommen ernst an.

»Nehmen Sie Platz«, sagte Wallingford herzlich und setzte sich selbst vor seinen Schreibtisch inmitten all der Telephone und Klingelknöpfe. »Mr. Raven sagt mir,« fuhr er fort, »daß Sie gewillt sind, diese Farm nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu leiten.«

»Jawohl«, erklärte Tinkle. »Es wird mich sehr freuen, der Grafschaft Truscot zeigen zu können, was sich mit vorgeschrittenen Methoden erzielen läßt. Mein Vater scheint keine Lust zu haben, mich den Versuch auf seiner eigenen Farm machen zu lassen. Er sagte, er habe mit seinen eigenen Methoden genug Geld gemacht, um mich auf die Hochschule schicken zu können, und damit solle ich mich zufrieden geben.«

»Ihr Vater mag in seiner Art recht haben,« sagte Wallingford, »aber vielleicht können wir ihm doch noch zeigen, was eine gute Sache ist. Zunächst möchte ich Sie fragen, Mr. Tinkle, welches Honorar Sie verlangen.«

»Fünfzehn Dollars die Woche und volle Verpflegung«, antwortete Mr. Tinkle prompt. »Das ganze Jahr hindurch.«

»Gut«, antwortete Wallingford mit einer Handbewegung, die andeuten sollte, daß auch fünfzig Dollars und volle Verpflegung kein Hindernis gewesen wären, was ja auch tatsächlich der Fall war. »Betrachten Sie sich als von diesem Augenblick an in meinen Diensten stehend. Nun wollen wir aber gleich zu den Geschäften übergehen. Ich verstehe von der Landwirtschaft ganz und gar nichts. Ich weiß nicht, ob der Weizen nach unten oder nach oben wächst. Aber Weizen brauche ich, Weizen, soviel wie möglich, immerfort Weizen!«

Mr. Tinkle schüttelte seinen Kopf.

»Mit Mr. Ravens Erlaubnis habe ich Proben von Ihrem Erdboden untersucht«, bemerkte er. »Ihr ›Nordost 40‹ eignet sich noch für Weizenbau und wird eine gute Ernte geben, möglicherweise bis zu dreißig Bushels; aber der ›Südwest 40‹ wird ohne gründliche Fertilisierung allerhöchstens acht bis zehn Bushels einbringen; und die Fertilisierung wird sich viel teurer stellen, als wenn man diesen Weizen ganz neu anbaut und einige Jahre hindurch kultiviert.«

»Machen Sie mit ihm, was Sie wollen, wenn nur Weizen herauskommt«, verlangte Wallingford. »Ich sage Ihnen noch einmal: Ich brauche Weizen, soviel Sie herausholen können.«

Mr. Tinkle zauderte. Er fand nicht gleich die richtige Sprache, und nahm zwei oder drei falsche Anläufe, während deren die beiden anderen Herren mit der Geduld von Menschen warteten, welches gewohnheitsmäßig auf der Lauer nach unvorsichtig hingeworfenen Worten oder – unvorsichtig umherliegendem Gelde zu liegen pflegen. Als der junge Mann die richtigen Worte gefunden hatte, zeigte sich, daß er eine rührend selbstlose Natur war.

»Ich möchte Ihnen folgendes sagen«, sprudelte er heraus. »Sie haben hier hundertundsechzig Acker Land. Nehmen wir an, daß Sie den hohen Durchschnitt von dreißig Bushels per Acker herausschlagen. Nehmen wir ferner an, Sie erzielen einen Dollar für den Bushel Weizen. Dann würde Ihre Gesamteinnahme sich auf nicht einmal 5000 Dollars belaufen. Sie haben mich als Betriebsleiter angestellt, und Sie werden andere Arbeitskräfte gebrauchen; Sie haben einen Maschinisten, der vermutlich gleichzeitig Ihr Chauffeur sein wird; Sie haben ferner drei Dienstboten im Hause. Nach dem Maßstabe zu urteilen, in dem Sie augenscheinlich diese Farm zu betreiben gedenken, schätze ich, daß Sie unter einer Nettoeinnahme von 8000-10 000 Dollars nicht bestehen können. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu eröffnen, daß ich bei den jetzigen Verhältnissen keinen Profit für Sie in Aussicht stellen kann.«

»Welchen dieser Knöpfe muß man drücken, um eines der Dienstmädchen herbeizurufen?« fragte Wallingford.

»Der dritte Knopf ist Nellie«, entgegnete Mr. Daw und drückte ihn.

Das rotwangige Mädchen erschien sofort. Sie wollte augenscheinlich wieder kichern, wie sie es unausgesetzt tat, seitdem Mr. Daw sie in Dienst gestellt hatte.

»Bringen Sie meine Handtasche aus dem Korridor,« befahl Wallingford, »die mit den Etiketten daran.«

Der Tasche entnahm Wallingford ein großes Bündel Papiere, die mit Gummibändern zusammengehalten waren. Er faltete sie auseinander; es waren Regierungs-Obligationen, Eisenbahnaktien und hochwertige Industrieaktien im Werte von vielen tausend Dollars. Er zeigte diese Wertpapiere und sein Bankbuch, welches eine Bilanz von 150 000 Dollars aufwies, seinem neuen Betriebsleiter.

»Weizen«, log Wallingford mit einer großen Handbewegung. »Alles Weizen! Eine halbe Million Dollars!«

»Spekulation?« fragte Mr. Tinkle mit einer Stimme, aus der eine gewisse Strenge herausklang.

»Kapitalsanlage«, protestierte Wallingford. »Ich habe nie verkauft; ich habe nur gekauft und mich immer gegen Kursschwankungen vorsichtig gedeckt, habe auch immer nur auf Grund absolut zuverlässiger Informationen gekauft, die ich direkt aus den Produktionszentren erhielt. Ich habe diese Farm gekauft zu dem Zwecke, mich enger mit den tatsächlichen Verhältnissen und Bedingungen in Fühlung zu bringen, die auf die Preisbildung entscheidend einwirken. Sie werden daraus ersehen, Mr. Tinkle, daß der geringfügige geschäftliche Gewinn oder Verlust bei diesem Unternehmen gar keine Rolle spielt.«

Sowohl Mr. Daw wie Mr. Tinkle betrachteten Wallingford mit Respekt und Bewunderung, aber aus verschiedenen Gründen. Mr. Tinkle ging hochgemut nach Hause, um seine Kleider und Bücher zu holen; und auf dem Wege dahin verbreitete er nach rechts und links die Kunde von dem neuen Eigentümer der alten Spicerschen Farm. Der größte Mann auf der Erde, meinte er, vielleicht mit Ausnahme Theodor Roosevelts; und eine halbe Million Dollars hat er mit Weizen verdient! »Ich habe das Geld selbst gesehen«, beteuerte er jedesmal.

»Ich passe«, bemerkte Mr. Daw zu seinem Freund. »Ich bin noch in Höschen, im Kindergarten, und ich nehme meinen Deckel vor dir ab als vor der vollkommensten Kombination gewöhnlicher und artistischer Räuberei, die die Geschichte je gekannt hat. Du machst aus Ananias einen Dilettanten und aus Judas Ischariot einen Stümper.«

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.