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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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21. Kapitel.
Worin die Schafe geschoren und gehäutet und ihre Felle gegerbt werden.

Ein Ingenieur erschien auf der Szene und trassierte eine Linie durch die Mitte der Hauptstraße. Die Bevölkerung sah in höchster Erregung zu. Dann bog er aufs freie Feld um, und die Farmer, die in die Stadt fuhren, berichteten, daß sie ihn den ganzen Tag über an der Trasse arbeiten gesehen hätten. Es war erstaunlich, wieviel und wie oft die Farmer seit einiger Zeit in der Stadt zu tun hatten. Nie zuvor hatte man in dieser Jahreszeit einen so lebhaften Handelsverkehr zwischen Stadt und Land erlebt, und die Ergebnisse dieses regen Verkehrs erwiesen sich als sehr beträchtlich.

Der Ehrenwerte G. W. Battles bat eines Tages den Colonel Wallingford, als dieser wieder einmal in der Bank erschien, mit ihm in sein Privatbureau zu treten.

»Denken Sie wirklich daran, ein neues Hotel zu bauen, Colonel?« fragte er, nachdem sie Platz genommen hatten.

»Ich glaube kaum«, antwortete Wallingford im Tone des Bedauerns. »Die elektrische Bahn nimmt meine ganze Zeit in Anspruch, und ich weiß wirklich nicht, wie ich es anfangen soll, mich einem anderen Unternehmen von dieser Größe zu widmen.«

»Ja, dann möchte ich doch auf das Grundstück zu sprechen kommen«, sagte Mr. Battles zögernd. »Es gehört, wie Sie wissen, mir. Richter Lampton kam an dem Tage, an dem Sie zum ersten Male in Battlesburg waren, zu mir und erbat sich die Vollmacht, es zu verkaufen. Ihr Vorkaufsrecht ist natürlich noch nicht erloschen; wenn Sie aber nicht die Absicht haben, das Grundstück für Ihre Zwecke zu verwenden, so werde ich vielleicht selbst daran gehen, ein Hotel auf eigene Rechnung zu bauen.«

»Gute Anlage«, erklärte Wallingford. »Zahlen Sie mir die Differenz zwischen dem früheren und dem jetzigen, erhöhten Wert, dann können Sie das Grundstück wieder haben.«

»Die Wertdifferenz?« fragte Battles nachdenklich. »Ja ... allerdings ... ich verschließe mich nicht Ihrem Anspruche auf einen Teil des Vermögenszuwachses, der durch Sie in unsere Stadt hereinkommt. Um wieviel glauben Sie, daß das Eigentum sich vermehrt hat?«

»O, ungefähr viermal«, schätzte Wallingford. »Die Baustelle ist jetzt vermutlich 2000 Dollars wert.«

Wallingford hatte eine entschiedene Widerrede erwartet; als aber der andere einen Bleistift nahm, und auf einem Papierblock zu rechnen anfing, tat es ihm leid, daß er nicht mehr verlangt hatte. Mr. Battles wandte sich wieder zu ihm und sagte:

»In Anbetracht der Steigerung der Grundstückspreise vermute ich, daß Sie recht haben, und daß die Baustelle tatsächlich ungefähr 2000 Dollars wert ist. Sie haben 25 Dollars für eine neunzigtägige Option gezahlt, und diese verlieren Sie natürlich. Sie schulden mir 500 Dollars für das Grundstück, und ich schulde Ihnen 2000.«

Ohne ein weiteres Wort zog Mr. Battles aus dem Schreibtisch sein privates Scheckbuch hervor, stellte einen Scheck auf 1500 Dollars aus und überreichte ihn seinem Besucher. Dann gingen beide, der nämlichen Eingebung folgend, zum Redaktionsbureau des »Richtschwertes«. Die Abendausgabe dieses Blattes ließ erkennen, was die beiden Herren dort gewollt hatten. Die Zeitung kam wieder in »großer Aufmachung« heraus. Das neue Hotel war zur Gewißheit geworden. Es wird »Das Battles-Haus« heißen, wird vier oder fünf Stockwerke hoch sein, und die Baupläne werden demnächst umrissen werden. Gleich an diese große Neuigkeit anschließend, war noch eine andere interessante Nachricht zu lesen: Mr. Battles hatte sein eigenes Grundstück, das er vor weniger als zwei Monaten um 500 Dollars hatte verkaufen wollen, um 2000 Dollars zurückgekauft! Battlesburg wachte endlich auf ...

Einige Tage darauf sprachen die Herren Goldenstein und Quig bei Mr. Wallingford vor, um ihm einen anderen Vorschlag zu machen: Ob er das neue Opernhaus zu bauen beabsichtige, oder ob er lieber die Baustelle, die er sich zu diesem Zwecke gesichert hatte, wieder abgeben wolle? Wallingford war, um ihnen gefällig zu sein, geneigt, sie wieder abzugeben. Mit dem Gelde, das er von Mr. Battles erhalten, hatte er die Option auf dieses und andere Grundstücke realisiert, und er ließ dem Opernhaus-Syndikat den in Rede stehenden Bauplatz um 3000 Dollars ab – das vierfache dessen, was er ihn gekostet hatte. In den Zeitungen von Paris, London, Dublin, Berlin und Rom wurden diese Transaktionen veröffentlicht, und die Temperatur in diesen Orten stieg abermals um ein bis zwei Grade. Wallingford, der seine Finger ständig auf dem Puls der Volksstimmung hielt, begann, von seinem Kapital Geld abzuheben und von seinen Vorkäufen Gebrauch zu machen. Leute, deren Grundeigentum er durch diese Optionen festgebunden hatte, nahmen dieses Geld jammernd und zähneknirschend entgegen; aber nach einer Woche war jede Spur dieses egoistischen Ärgers in dem allgemeinen Spekulationstaumel untergegangen. Denn nach acht Tagen erschien auf dem Hügel östlich der Stadt eine Rotte Arbeiter mit Pferden und Kratzeisen und begannen die Spitze des Hügels abzutragen. Wallingford war jeden Morgen dort in seinem Bauernwagen, mit den gelben Schaftstiefeln und der gelben Lederkappe angetan. Das Battlesburger »Richtschwert« und alle die anderen Zeitungen von Lewisville bis Elliston meldeten in fettestem Fettdruck, daß der Bau der L. B. & E. tatsächlich begonnen habe, und die Zeit, wo die ersten Trolleys durch die Hauptstraßen eines Dutzends Dörfer sausen würden, wurde auf die Stunde berechnet. Lieferanten, Reisende in Straßenbahnwagen-Material, in elektrischen Apparaten, in Maschinen, Vertreter von Eisenwerken und ähnlichen Firmen begannen nach Battlesburg zu strömen, bis sogar Peter Parons aufwachte und seine Hotelpreise erhöhte; und die Ankunft eines jeden dieser Lieferanten, Geschäftsreisenden und Agenten wurde in Wallingfords Leiborgan, dem unbezahlbaren (nicht wörtlich nehmen!) »Richtschwert«, laut verkündet. Der Großunternehmer verschaffte sich von diesen Leuten Klischees mit den Abbildungen ihrer Fabrikate und Artikel und verteilte sie unentgeltlich; Bilder der palastartigen L. B. & E.-Wagen erschienen in allen Zeitungen längs der Bahnstrecke, ebenso Reproduktionen der Getreidewagen, der Fracht- und Expreßwagen, sogar der durchgehenden Schlafwagen, die im Anschluß an die L. B. & E. Passagiere von dem westlichen Endpunkt des Midland-Valley-Eisenbahnsystems bis zum östlichen Punkt des Golden-West-Eisenbahnsystems befördern würden.

Die Erdarbeiten für den Bau des Hotels und des Opernhauses wurden nach einem Monat in Angriff genommen, und gleich darauf fingen kleine Rotten Arbeiter in einem Dutzend verschiedener Ortschaften an, die ersten Messungen an dem geplanten Bahnkörper vorzunehmen. Der große Augenblick, auf den Wallingford hingearbeitet hatte, war da; denn jetzt lohte das Feuer, das er entzündet hatte, zur verzehrenden Flamme auf. Was ursprünglich eine geschäftliche Belebung gewesen war, wurde jetzt geschäftliches Draufgängertum, Manie, Fieber. Das Grundeigentum begann zu sprungartig in die Höhe schnellenden Preisen die Besitzer zu wechseln; und jeder Wechsel führte einen neuen Ruck nach oben herbei. Die Leute dachten bei Tage und träumten nachts von nichts anderem als von Grundstücksspekulationen. Ein glücklicher Handel konnte einem Grundeigentümer 100 Prozent Gewinn an einem Tage einbringen. Eine Vorstadtbaustelle, die vormittags um 250 Dollars gekauft worden war, konnte am Abend um 500 Dollars losgeschlagen werden. Jeder neue Kauf und Verkauf goß Öl in die Flammen. Die Zeitungen verzeichneten diese Geschäfte als Belege für den wunderbaren Reichtum, der plötzlich auf ihre Städte niedergegangen sei. Lange aufgespartes und aufgehäuftes Geld sprang mit einem Male aus seinem Versteck ans Licht. Jeder hatte Geld, jeder verdiente Geld. Selbst die Farmer kauften Grundeigentum in den Städten, nicht um es zu behalten, sondern um es weiter zu verkaufen. Die Spekulationswut hatte alle gepackt. Jetzt begann Wallingford seine Ernte einzuheimsen. Er verkaufte eine Baustelle, ein Stück Land hier, eines dort; hie und da kaufte er auch ein Grundstück, um die vielen Verkäufe nicht allzu auffällig zu machen. So begann er allmählich »abzuladen«, wobei er es sich zur Regel machte, niemals einen Handel abzuschließen, der ihm nicht das Zehnfache seines Kaufpreises einbrachte. Er war jetzt immer unterwegs, fuhr von einem Dorf zum anderen, scheinbar um den Bahnbau zu überwachen, in Wirklichkeit, um das Geld einzustecken, das ihm für dieses oder jenes seiner Grundstücke angeboten wurde.

Und dabei phantasierten die Leute, denen er das Geld abnahm, von dem Reichtum, den sie ihm zu verdanken, den er ihnen beschert habe! Weder in Battlesburg, noch in einer anderen Ortschaft fand sich jemand, der weit genug dachte, um zu erkennen, daß er ihnen auch nicht einen Pfennig neuen Reichtums zugeführt hatte; daß das Geld, das sie so fieberhaft von einer Hand in die andere gleiten ließen, ihr eigenes Geld war; daß die Werte, die Wallingford ihnen geschaffen hatte, ganz und gar künstliche waren! Sie gelangten zu dieser Erkenntnis erst, nachdem er längst fort war; dann erst kamen sie allmählich zu der Einsicht, daß er, anstatt neue Reichtümer zu schaffen, ihnen Geldverluste zugefügt hatte, und zwar hatten sie genau den Betrag eingebüßt, den er bei seiner Abreise mit sich forttrug. Ihm war es selbstverständlich nie auch nur entfernt eingefallen, wirklich eine Bahn zu bauen. Auf einem hundert Meilen langen Gebiet war es ihm gelungen, eine unvernünftige, wahnsinnige Balgerei um Grundbesitz anzustiften; aus dieser Unvernunft zog er, der zuerst gekauft und zuletzt verkauft hatte, den größten Gewinn. Er lud jetzt in flutartig anschwellenden Mengen seinen Grundbesitz von einem Ende der Bahnlinie zum anderen an die gierig kaufenden Spekulanten ab. Und wenn die Flut sich verlaufen, wartete dieser vielen Hunderte von Menschen eine schlimme Ebbe; betäubt und stieren Blickes werden sie an dem kahlen Strande ihrer Hoffnungen, dastehen. Einige wenige schlaue Leute werden ebenfalls ihren Schnitt gemacht haben; aber weitaus die meisten dieser »Anlage-Kapitalisten« werden mit Grundeigentum belastet sein, das sie auf Grund eines lächerlichen Schätzungspreises gekauft hatten, einer Schätzung, die nie verwirklicht werden konnte. –

Zu seiner Frau hatte Wallingford nie über seine Absichten und Pläne gesprochen. Sie, wie alle übrigen, glaubte die Vorarbeiten rüstig vorwärts schreiten zu sehen, und erfreute sich der gesellschaftlichen Triumphe, die sie endlich erntete und die sie überaus glücklich machten. Ihr Empfang im Garten war, um mit dem »Richtschwert« zu reden, »das exklusivste, distinguierteste al-fresco-Fest seit einem Jahrzehnt«. Wallingford, der spät am Abend vom Bahnbau zurückkam, erkannte seine Frau kaum, als sie sich in einer schimmernden weißen Toilette unter ihren Gästen bewegte, auf ihren Wangen die Röte der Erregung, die den Glanz ihrer Augen noch erhöhte. Elektrische Lichter glühten in mannigfachen Farben in den Ästen der Bäume. In der Vorhalle spielte ein Orchester, das aus Mitgliedern der Militärkapelle zusammengesetzt war, ehrgeizige Musik. Wallingford lächelte grimmig bei dem Gedanken an das Erwachen, das in etwa einer Woche den guten Leuten beschieden sein würde. Er hatte das Haus unbemerkt erreicht und blieb einen Augenblick vor dem Zaun stehen, um sich das Schauspiel gleichsam wie ein Fremder zu betrachten.

»Das alles habe ich gemacht«, dachte er in einer Anwandlung perversen Stolzes. »Ich bin der Obergott, das ist schon richtig; aber wie bald werden die Stützbalken dieses ganzen herrlichen Gebäudes zusammenstürzen! Es ist beinahe eine Schande!«

Seine Frau erblickte ihn jetzt und kam lächelnd auf ihn zu; und auf dem Wege in das Haus, wo er seinen Anzug wechseln wollte, traf er den Bürgermeister Tim Battles auf der Treppe zur Vorhalle, der ihm herzlich die Hand drückte.

»Nun, wie geht es, Colonel?« fragte er. »Wir lauschen jetzt jeden Tag auf das Geräusch der ersten Trolleys.«

»Ihr seid vielleicht taub«, war die rätselhafte Antwort, die Wallingford ihm lachend gab. »Was würden Sie tun, wenn die goldene Ernte ausbleiben sollte?«

»Tot umsinken«, antwortete der andere, halb Scherz, halb Ernst. »Ich habe jeden Pfennig, den ich mir beschaffen konnte, in Grundbesitz angelegt, für den man mir wahre Phantasiepreise angeboten hat. Ich werde aber nichts verkaufen, nicht einen Quadratzoll, ehe nicht Ihr erster elektrischer Wagen durch die Stadt fährt. Sie haben übrigens Glück, daß Sie heute abend zurückgekehrt sind. Es würde Ihnen leid getan haben, wenn Sie nicht morgen meine Rede bei der Brunnenweihe gehört hätten.«

»So, findet die morgen statt?« fragte Wallingford uninteressiert.

»Morgen wird der Brunnen sprudeln – und mein Vater auch.«

Diese scherzhafte Anspielung auf die unvermeidliche Rede des alten Battles wurde höflich belächelt, auch von Battles senior selbst, der eben hinzutrat. Als Wallingford Toilette gemacht hatte und wieder den Garten betrat, war er munterer und liebenswürdiger als je und rief, wie immer, bei seinen Gästen die Empfindung hervor, daß der Abend ohne ihn unvollkommen wäre. Als sich alle Gäste verabschiedet hatten, begab er sich in sein Studierzimmer, wohin seine Frau ihm bald nachkam. Er hatte eine Flasche Wein mitgenommen, aber sie stand ungeöffnet auf dem Tisch, vor dem er saß; eine unangezündete Zigarre in der Hand, blickte er gedankenvoll aus dem Fenster. Sie blieb zögernd an der Tür stehen, und er blickte langsam auf.

»Tritt ein, Fanny«, sagte er ernst. »Nimm Platz.« Er öffnete die Flasche und goß ihr ein Glas voll.

Sie nippte daran und stellte das Glas auf den Tisch zurück.

»Was hast du, Jim?« fragte sie besorgt. »Fühlst du dich nicht wohl? Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Habe mich in meinem Leben nie so wohl gefühlt, und die Geschäfte haben sich noch nie so glatt abgewickelt wie jetzt«, antwortete er. »Ich glaube, ich bin müde. Ich habe noch nie eine annähernd so große Sache gedreht; jetzt ist sie glücklich erledigt. Ich habe die Sahne von der Milch abgeschöpft, und das gründlich. Ich habe heute das letzte Grundstück, das ich besaß, verkauft, mit Ausnahme unseres Wohnhauses. Ich bin natürlich nicht so dumm gewesen, einen von den Bauplätzen zu verkaufen, die man mir für die Werkstätten, Bahnhöfe und Endstationen gegeben hat, denn sonst wäre ich mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Aber ich und das Gesetz sind dicke Freunde. Das Gesetz liegt mir stets am Herzen. Sonst aber bin ich alles los geworden, und so habe ich in den fünf Monaten, seit wir hier sind, über 200 000 Dollars eingeheimst.«

»Das ist ja mehr Geld, als wir je besessen haben!« rief sie aus. »Und dazu haben wir wohl noch die 100 000, mit denen wir hier ankamen?«

»Jawohl. Wir haben jetzt zusammen erheblich über 300 000 Dollars, eine volle Drittelmillion.«

»Ich habe es ja immer gesagt, du kannst reich werden, wenn du dich nur daran machst«, sagte die Frau. »Und das ganze Vermögen – denn es ist ein Vermögen, Jim – ist doch auf saubere, anständige Art erworben.«

Er sah sie groß an. War es denn möglich, daß sie ihn nicht verstanden hatte?

» Gibt es denn einen ehrlichen Dollar?« antwortete er trocken. An diesem Abend sprachen sie nicht mehr von Geschäften. –

Mit dem nächsten Morgen brach ein großer Tag für Battlesburg an. Noch vor Tagesanbruch erschienen zwei Zimmerleute auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude und begannen eine Plattform zu bauen; so früh sie aber gekommen waren, mehrere kleine Jungen waren schon da und versuchten, trotz der geheimnisvollen Hüllen einen Blick auf den verschleierten Brunnen zu erhaschen. Dan Hopkins baute seine Fruchteis- und Bonbonbude auf, und der heisere Jim Moller erschien mit seinen roten, blauen und grünen Luftballons. Gegen neun Uhr kamen die plumpen Farmwagen mit den alten Leuten in die Stadt gepoltert. Gegen zehn Uhr fuhren forsche Gefährte, von flinken Trabern gezogen, Staubwolken aufwirbelnd, auf der Landstraße in die Stadt, und darin saßen die jungen Leute. Um Mittag wurden an jeden verfügbaren Pfosten Pferde angebunden, und gewaltige Menschenmengen schoben sich ziellos die eine Seite der Hauptstraße hinauf, und die andere herunter. Man vernahm die Greueltöne schriller Pfeifen und heiserer Fischhörner, und von Bradleys Schmiede gab es die übliche Keilerei. Um ein Uhr drangen merkwürdige Töne aus dem Odd-Fellows-Gebäude auf die Straße: die Battlesburger Blechkapelle übte. Um 1.30 war der Platz vor dem Gerichtsgebäude bis zur äußersten Fassungsmöglichkeit gefüllt; die Straße war schwarz von Menschen, und das Spalier wurde andauernd von schwitzenden Müttern durchbrochen, die aufgeregt auf ihre Willis und Susis oder ein Baby Johnnie Jagd machten.

Bum, bum! Endlich kam die Kapelle, zwei und zwei, die Straße hinab unter den begeisternden Klängen des alten Rebellenliedes »Marching through Georgia«; an ihrer Spitze Will Decks mit einem zwei Fuß hohen Tschako auf dem Kopf. Er führte mit seinem messingenen Taktstock die schwierigsten Kunststücke aus; warf ihn beispielsweise über einen Telephondraht und fing ihn jedesmal mit unfehlbarer Sicherheit auf. Hinter der Musik die Festwagen, als letzter der buntgeschmückte Gemüsewagen Ben Kirbys. Im allerersten Wagen saßen der Ehrenwerte G. W. Battles, der Ehrenwerte Timotheus Battles, Richter Lampton und – last not least – der Träger des Füllhorns, er, Colonel J. Rufus Wallingford. Ja, hier fuhren Fortschritt und Wohlfahrt, Größe und Macht, blühendes Gedeihen nicht nur der Stadt Battlesburg, sondern auch eines Dutzends ehemals armer, jetzt reicher Dörfer zwischen Lewisville und Elliston! Unter den Klängen der Musik, die sich mit dem Hurrageschrei der Menge vermischte, nahm die Festversammlung auf der Plattform Platz, die Herren in der vorderen, die Damen in der hinteren Reihe; und abseits stand ein besonderer Tisch mit Stuhl für den rührigen Vertreter der Presse, Clint Richards.

Die Musik hörte mitten im Spiel auf. Der Ehrenwerte G. W. Battles hatte durch Erheben seiner Hand Ruhe geboten. Er habe den Vorzug, sagte er, den Anwesenden den Festredner, den Bürgermeister Timotheus Battles, vorzustellen; zuvor aber möchte er um Gehör bitten für einige ganz kurze Bemerkungen; er wolle die Geduld der Zuhörer nur für wenige Minuten in Anspruch nehmen. Er wolle nur seine geliebten Mitbürger beglückwünschen zu dem tapferen, patriotischen Kampfe, den sie gekämpft hätten, um Battlesburg zu einem so wohlhabenden, blühenden Gemeinwesen zu machen, daß es sogar Kapital aus dem Osten an sich zog. Und in lebhaften, glühenden Worten schilderte er die glorreiche Zukunft, die vor Battlesburg lag, prophezeite er, daß die Stadt Battlesburg bald die neue Königin der Prärien, die neue Metropole des mittleren Westens, ein neues Zentrum des Handels und des Reichtums sein werde. Niemand entging dem unstillbaren Redebedürfnisse des Ehrenwerten G. W. Battles. Von dem Farmknecht, der den Boden pflügt, aufwärts bis zum Millionär, dessen Unternehmungsgeist die Stadt so viel zu verdanken habe, erhielt jeder sein vollgerüttelt Maß an Lob und Preis, und in der ganzen Menge gab es nicht einen, der nicht förmlich darauf gebrannt hätte, für G. W. Battles zu stimmen, für jedes Amt zu summen, das er begehrte! Volle fünfundvierzig Minuten lang »stellte er den Anwesenden den Festredner vor«. Und als er sich – endlich! – setzte, ertönten betäubende Hurras, die in der Abendausgabe des »Richtschwertes« so treffend als »Beifallssalven« bezeichnet wurden.

Der Ehrenwerte Timotheus Battles, Bürgermeister von Battlesburg, hatte ebenfalls nur sehr wenig zu sagen. Auch er wollte die Geduld der Hörer (weiteres siehe oben). Es oblag ihm die Ehrenpflicht, den Anwesenden einen Herren vorzustellen, den alle gut kannten, einen Mann, der bescheiden und unaufdringlich zu ihnen gekommen sei, der nichts für sich verlangt, sondern im Gegenteil ihnen kostbare Möglichkeiten geboten habe, von deren goldenen Früchten sie bereits mehr als einen Vorgeschmack gehabt hätten; einen Gentleman von meisterhaftem Geschick, unerschöpflichen Mitteln, weit ausgreifenden Plänen und großen Talenten; kurz, einen Mann, der seinen Namen in fünf Grafschaften und bei tausenden dankbarer Menschen berühmt gemacht habe, einen Namen, der gleichbedeutend sei mit allem, was Fortschritt, mit allem, was Kraft, mit allem, was Seelenadel bedeute – den Namen des Colonel J. Rufus Wallingford.

Wallingford! Das war das Zauberwort, auf das alle gewartet hatten. Im ganzen Verlauf der Einführungsrede des Ehrenwerten G. W. Battles war der Name des Gefeierten (wie dies in der amerikanischen Oratorik üblich ist) nicht ein einziges Mal genannt worden, trotzdem die Rede mit Anspielungen auf den Träger dieses Namens förmlich gespickt war. Ebenso hatte der in derselben Rednerschule herangebildete Ehrenwerte Timotheus Battles den Namen bis zu dem dramatischen Augenblick zurückgehalten, als er ihn mit erhobener Hand in die Versammlung hineinschrie und dann lächelnd auf die Ausbrüche lärmender Begeisterung wartete, die, wie er genau wußte, unvermeidlich waren.

Wallingford! Silbenweise wurde der Namen von dem Bürgermeister hinausgeschrien, silbenweise schrie ihn die begeisterte Menge zurück, bis der ganze Platz von dem Lärm erfüllt wurde. Geduldig wartete Timotheus Battles, bis der Sturm, den er so mühselig und ausdauernd hervorgerufen, sich gelegt hatte, und er lächelte inzwischen mit unsagbarer Leutseligkeit auf sein Volk. Er war aber noch keineswegs zu Ende. Er hatte noch immer »einige Worte zu sagen«. Dieses Mal über die politische Partei, die er zu vertreten die Ehre habe, und darüber, wie diese Partei das Fundament zu der Wohlhabenheit gebaut habe, auf welchem ihr Freund und Wohltäter, Mr. J. Rufus Wallingford, einen solch herrlichen Überbau errichtet habe. Und grabesstill hörten die Anwesenden (was blieb ihnen anderes übrig?) einen halbstündigen, politischen Vortrag, eine Parteirede, und dann erst stellte er der Versammlung den herrlichen Wohltäter, den Colonel J. Rufus Wallingford, wirklich und wahrhaftig vor.

Der Colonel, auch äußerlich jeder Zoll ein distinguierter Kapitalist, erhob sich, ein wahrer Enakssohn, von seinem Sitz und blickte auf seine Uhr. Er sei kein Redner, sagte er; er sei ein einfacher Geschäftsmann, und als er den Äußerungen seiner beiden Freunde, des Ehrenwerten G. W. Battles und des Ehrenwerten Timotheus Battles, lauschte, habe er sich sehr klein gefühlt. Er habe nur wenig getan, er habe all das glühende Lob, das ihm eben gespendet wurde, nicht verdient. Die tatkräftigen Bürger, die vor ihm ständen, hätten die neue Ära der Wohlfahrt selbst herbeigeführt, und das sehr Geringe, das er habe hinzufügen können, habe er mit Vergnügen beigesteuert. Er könne nur wünschen, daß es mehr und wertvoller gewesen wäre. Er werde stets an sie denken, werde dessen eingedenk sein, wie sie alle Hand in Hand gearbeitet hätten, er werde sein Leblang daran denken. Und inzwischen danke er ihnen immer wieder für die Herzlichkeit, mit der sie ihn seit jenem glücklichen Augenblick behandelt hatten, an dem er zuerst in ihre Mitte getreten sei. Und nochmals dankte er ihnen, dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich.

Abermals erhob sich der Ehrenwerte G. W. Battles: Er müsse jetzt die Aufmerksamkeit seiner geliebten Mitbürger auf das schöne und großartige Geschenk richten, welches ihr geehrter Mitbürger Colonel J. Rufus Wallingford (lebhafter Applaus) der Stadt gemacht habe; ferner falle ihm die willkommene Aufgabe zu, die liebenswürdige Frau jenes geschätzten Mitbürgers der Versammlung vorzustellen; dieser Dame werde der Strick überreicht werden, der die Leinwand von der Fontäne fortziehen und so den Bürgern von Battlesburg den ersten offiziellen Anblick des prächtigen Geschenkes ermöglichen solle. Gleich nach dieser kurzen Rede wurde der Strick der Frau Wallingford überreicht; auf ein Zeichen des Ehrenwerten G. W. Battles spielte die Musikkapelle das »Star-Spangled Banner«, die amerikanische Nationalhymne; die Gattin des geehrten Mitbürgers, verwirrt, aber doch innerlich gehoben, zog an dem seidenen Strick; die grauleinene Wolke, die die neue Bronze-Fontäne einhüllte, ging auseinander; Jim Higgins, der an einem Fenster des ersten Stockes des Gerichtsgebäudes auf diesen Augenblick wartete; drehte den Wasserhahn auf, und das Wasser sprudelte hoch in die Luft wie eine Silbersäule im glorreichen Sonnenlicht des Mittags, und fiel dann in hunderttausend glitzernden Diamantentropfen in das Becken zurück. In diesem Augenblick griff Clint Richards nach seinen Notizen, die auf dem Tische lagen, sprang über das Gelände der Plattform und brach sich den Weg durch die hurraschreiende Menge, um auf dem kürzesten Wege in sein Redaktionsbureau zu gelangen; unterwegs suchte er, nicht immer erfolgreich, nach den passendsten, gewähltesten Ausdrücken für seinen beschreibenden Artikel.

Es war also vorüber. – – Die Brunnenweihe sowohl wie alles übrige. Er hatte seine Milch gemolken, er hatte seine Schafe geschoren und gehäutet und ihre Häute zum Trocknen aufgehängt. Morgen oder spätestens in zwei oder drei Tagen würde er in aller Stille verschwinden und all diese Landonkel ihren trüben Betrachtungen überlassen. Aber immerhin war es ein glänzender Abgang, und das machte ihm merkwürdigerweise anscheinend Freude; denn er lächelte immerzu, als er sich langsam die Straße hinabwand, wobei er auf Schritt und Tritt mit Landonkels, die ihm eifrigst und herzlichst begrüßten, Hände zu schütteln hatte. Ihnen war er noch immer der Träger des unversieglichen Füllhorns ...

Endlich erreichte er, erleichtert aufseufzend, sein Haus, wo er sich allen diesen Huldigungen entziehen konnte.

»Wenn ich die Wahrheit sagen soll, Fanny,« gestand er mit unbehaglichem Lachen, »die Sache wird mir zuviel. Ich möchte schauen, daß ich fortkomme.«

»Fortkomme!« wiederholte sie. »Ich dachte, daß dir das alles Spaß macht. Mir gefällt es außerordentlich. Ich mag die Stadt und die Leute – und hier stellen wir doch etwas vor.«

»So ist's recht, blähe dich nur auf«, antwortete er scherzend. Dann wieder ernster: »Es geht aber so nicht weiter, unbedingt nicht. Was wollen wir auch hier noch? Das Fett ist abgeschöpft. Ich glaube, wir tun am besten, wenn wir nach Europa reisen. Nächstes Frühjahr werde ich mich noch einmal an einem solchen Geschäft versuchen. Noch einige solche rentable Unternehmungen, dann gehe ich nach Wall Street und sprenge alle Banken. Ich glaube mich darauf zu verstehen; auch habe ich ein oder zwei Ideen, die ich auszuführen versuchen will, und dann – –«

Er hielt mitten im Satze inne, erschreckt durch den entsetzten Ausdruck im Gesicht seiner Frau, dann lachte er ein wenig nervös.

»Du willst von hier fortgehen, von dem einzigen Ort, wo wir endlich einmal von den Leuten geachtet werden und uns selbst achten dürfen?« stammelte sie. »Du willst die elektrische Linie nicht bauen? Du willst, daß all das Glück, das ich hier genieße, ein Diebstahl sei, ein Diebstahl an der Gutgläubigkeit der Menschen, ein Diebstahl, schlimmer, als wenn man Geld stiehlt? Das kann nicht dein Ernst sein, Jim!«

»Du kennst dich in geschäftlichen Dingen nicht aus«, warf er ein. »Alles, was ich hier getan habe, ist durchaus gesetzlich, und an der Eisenbahn würde ich in zehn Jahren nicht soviel verdienen, wie ich jetzt in den letzten Monaten profitiert habe. – Hallo, wer ist das?«

Sie standen vor dem Fenster des Studierzimmers, und in diesem Augenblick stoppte ein mit Straßenschmutz bedecktes Automobil, das auf den ersten Blick als ein Dienstkraftwagen erkennbar war, vor der Haupttür. Ihm entstieg ein Mann von kaum Mittelgröße mit stahlgrauem Bart und sehr scharfen, grauen Augen, dessen Persönlichkeit aber im übrigen keinen besonderen Eindruck machte. Sein Anzug war sehr staubig, aber ohne sich erst mit dem Abschütteln des Staubes aufzuhalten, trat er in die Vorhalle und läutete. Da zufällig niemand vom Hauspersonal anwesend war, öffnete Wallingford selbst die Tür.

»Ist dies das Wohnhaus des Colonel Wallingford?« fragte der Mann.

»Ich bin Mr. Wallingford.«

»Mein Name ist E. B. Lott, Vertreter des Midland-Valley-Eisenbahnsystems, welches gestern mit der Golden-West-Gruppe konsolidiert wurde. Ich bin gekommen, um mit Ihnen über Ihre Lewisville-EIliston-Linie zu sprechen.«

Frau Wallingford blieb nur noch einen Augenblick im Zimmer, um womöglich die Bedeutung dieses Besuches zu erfassen, dann eilte sie in ihre Zimmer. Sie fürchtete sich, unten zu bleiben, um nicht ihre Neugierde, vielleicht auch ein Angstgefühl, zu verraten.

»Treten Sie ein«, sagte Wallingford ruhig und führte den Gast in das Studierzimmer.

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