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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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20. Kapitel.
Worin Battlesburg Geld riecht und sich in eine wilde Orgie der Grundstück-Spekulation stürzt.

Billy Ricks, der unweit des Bahnhofs auf der Chaussee stand, trat an den Straßenrand, um ein großes, olivengrünes Tourenautomobil, das eben das Bahngleis kreuzte, vorbeisausen zu lassen. Gleich darauf stürzte er atemlos in das nahegelegene Bureau der Waggonwerkstätte, griff nach dem Telephon und rief Clint Richards an.

»Der Millionär, der vor ein paar Wochen mit seinem Salonwagen hier war, ist mit seinem Auto zurückgekommen«, schrie er in den Apparat hinein.

»Weiß schon«, war die Antwort. »Eben ist er vor dem Palast-Hotel abgestiegen.« Seufzend hängte Ricks den Hörer wieder auf den Haken und warf verdrießliche Blicke auf den Apparat.

Inzwischen war die Hauptstraße aus dem Schlummer, in den sie seit der Abreise Wallingfords wieder verfallen war, zu neuem Leben erwacht. Mit J. Rufus Wallingford war die Hoffnung in die Stadt zurückgekehrt. Es gab keinen Erwerbs-, keinen Berufszweig, der nicht innerhalb einer Stunde den erfrischenden Einfluß der Wiederkehr des Magnaten aus dem Osten gefühlt hätte. Selbst der gemessene G. W. Battles vergaß über dem frohen Ereignis seine würdevolle Zurückhaltung so weit, daß er barhäuptig von der Bank über die Straße schritt und dem Ankömmling die Hand schüttelte. So schnell er aber auch vor dem Palast-Hotel erschien, Richter Lampton war schon vor ihm da. Seine Hälfte der Optionssumme, die Wallingford hinterlassen, hatte eine mächtige Veränderung bei ihm hervorgerufen. Sein Bart, bis dahin struppig und wild wachsend, war jetzt à la van Dyke spitz zugestutzt, und er rauchte keine »Fehlfarben«, sondern richtiggehende Zigarren.

Unter dem erwärmenden Eindruck dieses begeisternden Empfanges vergaß das Ehepaar Wallingford (er hatte seine Frau mitgebracht) die persönlichen, ganz privaten Differenzen zwischen Frau Wallingford und Frau Daw, durch die das heitere Quartett aus dem Leim gegangen und der geplante Ausflug nach San Franzisco im Keime zerstört worden war. Für die beiden begann jetzt ein neues Leben. Jahrelang hatte sich J. Rufus beschieden, ein paar tausend Dollars zu »verdienen« und sie wieder auszugeben; aber sein letzter Fischzug, die 150 000 Dollars, die er für den (vollkommen rechtmäßigen) Verkauf eines Patents (das einem anderen gehörte) erhalten hatte (wobei der Erfinder leer ausging), hatte in ihm den Wunsch rege gemacht, nicht nur wie ein Millionär zu leben, sondern auch wirklich einer zu sein. Er unternahm den ersten Schritt auf dieser aufsteigenden Bahn dadurch, daß er sein Depot von über 100 000 Dollars aus seiner Bank im Osten zurückzog und auf die Battles County-Bank übertrug. Danach optierte er neunzigtägig auf alle leeren Grundstücke in Battlesburg, darunter mehrere Hektar Boden auf der anderen Seite des »Nährmittel- und Käse-Erzeugungs-Konzerns« der Firma Battles & Battles. Er war aber nicht so unvorsichtig, bar dafür zu bezahlen; er zahlte in Drei-Monats-Akzepten, über deren Vorderseite er quer schrieb: »Darf vor der Fälligkeit nicht in Umlauf gebracht werden.« Das erste dieser Akzepte zeigte Richter Lampton dem Ehrenwerten G. W. Battles. Der Autokrat der Grafschaft Battles hatte für den fragenden Blick des Richters nur ein mitleidiges Lächeln.

»Ich leihe dir jederzeit den vollen Betrag darauf, Tommy«, erklärte er bestimmt. Und das war der letzte Nagel in den Unterbau, auf dem von jetzt an der Kredit Wallingfords in der Grafschaft Battles sicher ruhte. Denn Richter Lampton war auf seine Art ebenso beharrlich im Verbreiten persönlicher Nachrichten, im Aufbau und im Zerstören von Reputationen, wie Billy Ricks selbst.

Die Stadt Battlesburg war aber kein hinreichend großes Betätigungsfeld für Wallingford. Nachdem er durch seine Grundstücksankäufe die halbe Stadt seinen Geschäften dienstbar gemacht hätte, trat er einen »kleinen Vergnügungsausflug« an. Zuvor hatte er die einzige Pension der Stadt, das »Star Boarding House«, angekauft und dem Richter Lampton Vollmacht gegeben, dieses (für Battlesburger Begriffe) herrliche Zehn-Zimmer-Gebäude als ein Privathaus für Wallingford nach dessen Bedürfnissen, Ansprüchen und Plänen herrichten zu lassen. Als Herr und Frau Wallingford nach zwei Wochen zurückkehrten, fanden sie diesen Prachtbau in allen Einzelheiten und Anordnungen perfekt vor. Sogar der Keller war mit den besten Weinen versehen und das Dienstpersonal gemietet: Letty Kirby als Köchin, Bessie Waker als Zofe und Billy Ricks als Gärtner und »Mädchen für alles«.

Das große Aufsehen, das durch das gleichzeitige Engagement dreier Dienstboten, die luxuriöse Ausstattung des neuen Wohnhauses und beträchtlichen anderen Aufwand (im »Richtschwert« jeden Tag getreulich berichtet) hervorgerufen wurde, tauchte aber bald in einer anderen, noch weit größeren Sensation vollständig unter. Wallingford war erst seit zwei Tagen verreist gewesen, als im »Richtschwert« ein Artikel mit folgender Überschrift erschien:

Unser Millionär
läßt in unserer Nachbarstadt Paris einige Brocken von der reich besetzten Glückstafel von Battlesburg fallen.

»Unser Millionär!« Wallingford war unter diesem Namen jedem Battlesburger Kind bekannt; den Großen war er vielfach ein in Schicksalsschleier gehülltes, aufregendes Geheimnis.

Der Artikel, der dieser Überschrift folgte, war dem Pariser »Beobachter« entnommen. Es ging aus ihm hervor, daß Colonel J. Rufus Wallingford, der berühmte Multimillionär, früher in Neuyork und Boston ansässig gewesen, jetzt Einwohner der Nachbarstadt Battlesburg, der Hauptstadt der Grafschaft Battles, Grundbesitz in erheblichem Umfange in der Hauptstraße von Paris angekauft und mit Drei-Monats-Akzepten bezahlt hatte, die, wie sich auf telephonische Anfrage bei dem Ehrenwerten G. W. Battles ergab, so gut waren wie Gold. Ähnlich lautende Berichte wurden später aus den Londoner »Tagesnachrichten«, dem Dubliner »Banner«, der Berliner »Trompete«, dem römischen »Herold«, und aus Zeitungen einiger weiter entfernt liegenden Ortschaften abgedruckt. Clint Richards, der sich zum Sherlock Holmes von Battlesburg herausgebildet hatte, war es, der den Schlüssel zu dem Geheimnis dieser Grundstücksankäufe fand. Er entdeckte nämlich, daß Wallingford Grund und Boden nur in solchen Städten kaufte, die längs der direkten Straße lagen, welche rechts und links parallel mit der O.-F.-K.-Bahn verlief und von Lewisville über Battlesburg nach Elliston führte. Lewisville und Elliston waren aber nicht nur Ausgangs- und Endpunkt der O.-F.-K.-Bahn, sondern auch ein wichtiger Außenposten des großen Midland-Valley- und des nicht minder bedeutenden Golden-West-Eisenbahnsystems. Der Schluß lag also nahe, daß Colonel Wallingford entweder eine Konkurrenzbahn zu bauen gedachte, die Lewisville mit Elliston (über Battlesburg) verbinden sollte, oder daß er zuverlässig wußte, daß eine solche Linie geplant war. Und das große, das entscheidende Moment war: Colonel Wallingford hatte Battlesburg als Sitz seiner Unternehmung gewählt!

Es war wirklich erfrischend, zu sehen, wie schnell Battlesburg auch äußerlich den großen Plänen und Möglichkeiten Rechnung trug. Leute, die nur zwei kurze Wochen zuvor langsam und verdrießlich an ihre Arbeit gegangen waren, wie man eben täglich zu seiner Tretmühle geht, schritten jetzt flink und frisch einher, lächelnden Gesichtes und Mut im Herzen. Jedermann, der einen Dollar müßig herumliegen hatte, betrachtete jetzt diesen Dollar nicht länger als rostendes Metall, sondern als ein Floß, das ihn an das Ufer goldenen Wohlstandes tragen würde. Nur Peter Parsons machte diesen seelischen Aufschwung der Stadt nicht mit; er brachte im Gegenteil einen Mißton in die allgemeine Hoffnungsfreude. Er konnte es nicht einen Augenblick vergessen, daß J. Rufus Wallingford an dem Tage, an dem er seinen Namen in das Fremdenbuch des Hotels eintrug, kein Gepäck mit sich geführt hatte.

Die Rückkehr Wallingfords nach den Enthüllungen des »Richtschwerts« gab zu einer riesigen Ovation Anlaß. Clint Richards mußte sich seinen Weg durch die Menge, die den »Colonel« auf den Stufen der Bank umgab, förmlich zollweise erkämpfen. Wallingford war eben im Begriff, sich von der Bank einen kleinen Betrag, etwa 500 Dollars, als Taschengeld zu holen. Als Clint den Magnaten mitten in der dicht gedrängten Menge endlich gefaßt hatte, ließ er nicht locker, ehe Wallingford ihm ausführliche Mitteilungen über seine Pläne gemacht hatte. Jawohl, die elektrische Lewisville-Battlesburg- und Elliston-Linie war ein in nächster Zukunft zu verwirklichendes Projekt. Es blieb nur noch übrig, die Wege und Wegerechte für diese Linie zu erwerben. Battlesburg werde aller Wahrscheinlichkeit nach der Sitz des Bauunternehmens werden, und es sei sogar möglich, daß die L., B. & E. ihre Wagenschuppen und Werkstätten in Battlesburg errichten werde, falls die Bürger dieser Stadt bereit seien, ihren Anteil an den Kosten zu tragen. Clint Richards streckte ihm lebhaft die Hand entgegen, um die des Großunternehmers zu schütteln; diese war aber schon im Besitz des Richters Lampton, der, zitternd vor Erregung, sich gegenüber dem »Colonel« Wallingford verbürgte, daß die Stadt Battlesburg nicht nur froh, sondern auch stolz sein werde, ihren Anteil an diesem großen Werke zu leisten. Er wäre vermutlich mit seinen Beteuerungen noch weiter fortgefahren, wenn nicht der Ehrenwerte G. W. Battles, der soeben auf der Treppe dicht vor dem »Colonel« Wallingford auftauchte, die Gelegenheit ergriffen hätte, im Namen seiner Mitbürger dem großen Wohltäter den Dank auszusprechen. Daß der Ehrenwerte G. W. sich diese Gelegenheit, die sich ihm ganz unerwartet von selbst darbot, eine seiner großen Reden zu halten, nicht entgehen lassen würde, war klar. Sein Ruhm als Redner hatte bewirkt, daß schon nach seinen ersten Worten sich eine Menschenmenge um die Banktreppe sammelte, die bis an den entgegengesetzten Bürgersteig sich drängte; und vor dieser erwartungsvollen Menge hielt der Ehrenwerte G. W. eine halbe Stunde lang seine Rede, wie sie nur ein Battles improvisieren konnte; und Wallingford, der groß, massig und imposant neben ihm stand, nahm die Ovationen mit königlichem Anstand entgegen. Er sah beinahe so eindrucksvoll aus wie seinerzeit eine Aktie des Panamakanals. – –

Keine politische Versammlung unter freiem Himmel, keine Festrede am 4. Juli, keine Einweihungsfeier, kein Eröffnungsfest hat in Battlesburg je einen solch tumultuarischen Erfolg gehabt, wie diese Rede. Die Menge brach immer und immer wieder in Hoch- und Vivatrufe aus: auf Wallingford, auf G. W. Battles, auf den Richter Lampton, auf das »Richtschwert«, auf die elektrische L.-, B.- & E.-Linie, auf die Stadt Battlesburg, kurz auf alles und jedes, bis die begeisterte Menge so heiser war, daß sie nicht mehr schreien konnte. Dann aber bewegte sich die Menge, einer gewinnenden Einladung Wallingfords Folge leistend, seinem Hause zu, jenem kleinen Palast, welchen dieser große Wohltäter wie mit einem Zauberstab aus der früheren Pension geschaffen hatte. Fast die ganze Stadt zog in Prozession dahin. Die Menge füllte seinen Hof, zertrat das Gras in seinem Vorgarten, drang in das mit neuen Teppichen belegte Haus, und der männliche Teil der Anwesenden besah sich das Büfett recht ernst und eindringlich. Und nicht ohne Erfolg. Kuchen und belegte Brote wurden eiligst aus der nächsten Bäckerei herbeigeschafft, Zigarrenkisten standen im Vorraum offen, Fruchteis wurde den Damen gereicht. Mit einem Male ertönten liebliche Weisen: im Eilmarsch kam die »Militärkapelle« von Battlesburg die Straße hinauf, und hinter ihr her schritt der glückliche Billy Ricks. Und inmitten dieser freudig erregten Menge bewegte sich Wallingford (dem es sichtlich Freude machte, sich die Bürger der Stadt zu gehorsamen Untertanen aufzufüttern), wie ein Fürst unter seinem Volk. Während er noch ihre Huldigungen entgegennahm, wurden Exemplare des »Richtschwertes«, das in einer »Extra-Spezial-Ausgabe« erschienen war, herumgereicht, und große Stöße des Blattes wurden in der Vorhalle aufgestapelt und den ganzen Abend über nachgefüllt, damit jeder Einwohner dieser zukunftsreichen Stadt erfahre, welche goldenen Zeiten vor ihm lagen, und damit jeder Mitbürger gleichzeitig die Gelegenheit ergreife, auf das Blatt zu abonnieren. Battlesburg, so behauptete das »Richtschwert«, werde bestimmt die neue Metropole des Westens werden; seine Einwohner würden bald mitten in einem riesigen Wirbel von Geld kreisen; jedem einzelnen blühe die Gewißheit, ein reicher Mann zu werden. In endlosem Strome, von Ost und von West, von Dörfern und Farmen würde blühendes Geschäft auf den elektrischen Wagen der L. B. & E. heranrollen; die Hauptstraße von Battlesburg würde ein Mekka des Westens werden, wo endlose Züge von Wallfahrern ihre hellen, glänzenden Dollars zurücklassen würden; in dem Maße, in dem die Geschäfte zunehmen würden, würde auch der Wert allen Grundbesitzes steigen; mit dem ersten elektrischen Trolley-Wagen würde ein Grundstück, das jetzt hundert Dollars wert sei, auf tausend Dollars steigen. Und alles dieses werde das Werk jenes großen Zauberers der Jetztzeit, des Colonel J. Rufus Wallingford sein!

Blau angestrichene Exemplare dieser Ausgabe des »Richtschwertes« wurden nach Paris, London, Dublin, Berlin und Rom und in alle anderen Orte zwischen Lewisville und Elliston geschickt. In drei Tagen erlebte diese Wegstrecke, die früher nur eine staubige, träge, hundert Meilen lange Landstraße gewesen war, eine beispiellose Hausse. Es war einfach überwältigend. Sogar Wallingfords Gattin las die Berichte über diese erstaunliche Aufwärts- und Vorwärtsbewegung, die ihr Mann in Fluß gebracht hatte, mit hellem Erstaunen. Sie legte die erste achtseitige (!) Ausgabe des »Richtschwertes« leuchtenden Auges auf den Tisch und sagte:

»Ich bin stolz auf dich, Jim! Es ist doch eine große Sache, Tausenden von Menschen neue Impulse, neuen Tätigkeitsdrang, neue Hoffnungen, neues Leben einzuflößen. Es ist großartig von dir, daß du ganz ohne Hilfe in wenigen Tagen den Wert des Grundbesitzes in einem ganzen Landesteile um das Drei- und Vierfache erhöht hast.«

Wallingford, der sich eben ein Glas Champagner einschenkte, lachte bei diesen Worten.

»Ja, es ist schon eine große Leistung, Fanny,« sagte er, »namentlich, wenn man bedenkt, daß ich alles das – abgesehen von unseren Reiseauslagen – mit lumpigen 250 Dollars bar gemacht habe. Das ist nämlich der Betrag, den ich dem Lampton bezahlt habe, als ich die ersten Optionen kaufte.«

Es war fast unglaublich, und dennoch wahr: alle diese mächtigen Impulse, dieser riesige Aufschwung waren lediglich auf – hypnotischem Wege ins Leben gerufen worden. Das Publikum erblickte in diesem Aufschwunge allerdings nur die Macht unbegrenzter Geldmittel. Geld! Endlich schwebte es magisch über der Stadt Battlesburg, ein wohltätiges Fluidum, das in jedem Luftstäubchen zitterte und das durch bloßes Einatmen berauschende Wirkung ausübte. Sein Flimmern erhöhte den Glanz des Sonnenlichtes, und bei der betörenden Zukunftsmusik, die ihr Ohr vernahm, beschleunigten die gesetzten Einwohnender Stadt, die ein halbes Jahrhundert geschlafen hatte, ihre Schritte, als ob sie durch die Töne eines Militärmarsches angefeuert würden. Dieselbe belebende Treibkraft, die auf die einzelnen wirkte, hatte die nämliche Wirkung auf die Stadt als Ganzes: Bürgerstolz und Bürgerehrgeiz waren aufgestachelt. Am Tage nach der Rückkehr Wallingfords trat die Handelskammer zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, und ein Komitee, bestehend aus den Herren Henry Quig und Max Goldenstein, führte den Colonel Wallingford dieser erhabenen Körperschaft zu. Der Ehrenwerte G. W. Battles, der Präsident der Handelskammer, richtete nach der Begrüßung eine eindringliche Frage an den hervorragenden Kapitalisten: Battlesburg wollte die Werkstätten und Schuppen der L. B. & E.-Linie zugewiesen bekommen; was verlangte die L. B. & E. dafür?

Seine Ansprüche seien sehr bescheiden, versicherte Wallingford. Er verlange keinerlei Entschädigung in bar. Er würde sich damit zufrieden geben, wenn die Stadtbehörde von Battlesburg ihm den Grund und Boden abtreten würde, auf dem die Werkstätten zu errichten wären, und ein Grundstück in der Mitte der Stadt, auf welchem ein Fracht-, Gepäck- und Passagierbahnhof gebaut werden könnte, ferner wenn die Handelskammer ihren Einfluß auf den Stadtrat dahin geltend machen wollte, daß er die Genehmigung zum Bau der Bahn erhielte. Er, Wallingford, habe sich bereits das Vorkaufsrecht auf die Grundstücke verschafft, die für die Zwecke der L. B. & E. geradezu ideal wären, aber er wolle aus der Hergabe dieser Grundstücke keinen Profit ziehen, trotzdem ihr Wert sich in den letzten Tagen erheblich vermehrt habe, und trotzdem er einen Anspruch auf einen Anteil des Reichtums erheben könnte, den er persönlich geschaffen habe. Die Handelskammer brauche ihm nur diese Optionen zum Selbstkostenpreise abzunehmen; mehr verlange er nicht. Er wolle aber auch ein übriges tun: er wolle zu dem Betrage der Optionen eine kleine – vielleicht aber auch größere – Summe drauflegen, und von dem Gesamtbetrage wolle er eine Fontäne für den freien Platz vor dem Gerichtsgebäude kaufen als einen Beweis seiner aufrichtigen Hochachtung für Battlesburg und dessen unternehmende Bürger, deren jeder ein Gentleman sei.

Die Begeisterung, mit der diese Ankündigung entgegengenommen wurde, war zwei Querstraßen rechts und links der Hauptstraße, weit deutlich hörbar; und als der Enthusiasmus seinen Höhepunkt erreicht hatte, erhob sich der Ehrenwerte G. W. Battles noch einmal, um den Speech seines Lebens zu halten. Er könne dem Colonel Wallingford versichern, sagte er ungefähr, daß es nicht schwierig sein werde, den Stadtrat dahin zu beeinflussen, daß er die Bauerlaubnis erteile, denn die Handelskammer besitze die Mittel, um auf den Stadtrat einen Zwang auszuüben. (Ein glänzender Witz, denn jedes Mitglied des Stadtrates war gleichzeitig Mitglied der Handelskammer, und sie waren alle anwesend.)

Clint Richards war an diesem Tage, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, in Verlegenheit, woher er neue Adjektive für die erste Seite der nächsten Ausgabe des »Richtschwertes« nehmen sollte. Die glorreiche Nachricht von der neuen Ära, an deren Schwelle Battlesburg, und hauptsächlich sein Grundbesitz, standen, wurde in den Zeitungen von Paris, London, Dublin, Berlin und Rom in großer Ausführlichkeit und mit etlichen Ausschmückungen abgedruckt. Auch in diesen Städten zeigte sich jetzt derselbe tatenfrohe Drang, wurden dieselben goldenen Hoffnungen erweckt, setzte dieselbe neue Zeit des Aufschwunges und des Wohlstandes ein, und die Zeitungen dieser Dörfer wetteiferten in der Schnelligkeit und Ausführlichkeit ihrer Berichte über die Vermögenszunahme, die diesen Ortschaften beschieden war. Der freigebige Colonel Wallingford erhielt somit Bauerlaubnisse, soviel er haben wollte, ohne daß er sie erst zu verlangen brauchte. Noch ehe er an diese Ortsbehörden herantrat, hatten diese ihm das ausschließliche Gebrauchsrecht für ihre besten Straßen und Plätze für die Dauer von fünfzig Jahren ohne Geld- oder sonstige Entschädigung zugebilligt, ebenso Bauplätze für die Bahnhöfe. Die Erfolge, die Wallingford blitzartig auf diesem Gebiete erzielte, hätten jeden reellen Eisenbahnbauunternehmer vor Neid erblassen lassen.

Wallingford schickte sein großes Tourenautomobil zurück und kaufte dafür einen einfachen Landwagen und ein Pferd, zog gelbe Lederstiefel mit hohen Schäften an und zeigte sich so auf der Chaussee wie ein echter, wirklicher Bauingenieur. Wenn er von seinem Wagen abstieg, groß und markig, seine Umgebung um Kopfeslänge überragend, wenn er den Leuten, mit denen er zu tun hatte, herzlich die Hand schüttelte, und mit ihnen in seiner unnachahmlich jovialen Art scherzte, dann war jede Schlacht schon halb gewonnen. Das durch und durch demokratische Gehaben dieses Mannes, das war es, womit er die Leute für sich gewann. Außerdem stand eine beträchtliche Erhöhung eines jeden Meters Grundbesitz längs der Bahnlinie unmittelbar bevor; vor jedem Farmhaus sollte eine Haltestelle mit einer Plattform vorne erbaut werden; die Trolley-Wagen sollten mindestens einmal jede Stunde verkehren, so daß man nach jeder Richtung in die benachbarten Städte fahren, dort seine Geschäfte abwickeln und schnell wieder zurück sein konnte, und das mit ganz geringen Kosten, und ohne daß man ein Pferd vom Feld wegzunehmen brauchte. Seitengleise sollten überall angebracht werden; die Getreidewagen sollten direkt von den Feldern aus verladen werden, wobei die Frachtkosten sich um mehr als die Hälfte geringer stellen sollten, als die Eisenbahnfracht; Expreßwagen sollten bereitgestellt werden, und auf diesen würde man Milch, Butter, Eier und sonstige Produkte mit ganz unerheblichen Kesten verfrachten können.

Während Wallingford an der neuen Rolle, die er für sich kreiert hatte, seine große Freude empfand, brach auch für seine Frau eine neue Zeit herein von der Art, wie sie es sich stets gewünscht hatte. Sie hatte sich kaum in ihrem neuen Hause eingerichtet, als sie den Besuch der Frau G. W. Battles empfing. Dieser ersten Dame des Ortes folgten Frau Goldenstein, Frau Quig, Frau Dorsett und die anderen anerkannten führenden Damen der Gesellschaft von Battlesburg. Diese machten allerdings ihre kritischen Bemerkungen über das Haus, ihre Toiletten, ihre Ausdrucksweise, ihre Frisur und verschiedenes andere; nachdem sie aber dieser unumgänglichen Pflicht Genüge geleistet hatten, waren sie einhellig der Meinung, daß Frau Wallingford eine ausgesprochene Akquisition für das Kulturleben der Stadt bedeute. Niemals, seitdem sie verheiratet war, fand diese an ihrer Lebensführung und Lebensstellung soviel Gefallen wie jetzt. Sie und ihr Mann waren bisher immer Zigeuner gewesen, jetzt aber hatte sie Besuche zu machen, mehr oder minder formelle Freundschaften zu schließen und auch sonst vielen Verpflichtungen nachzukommen, die die überragende Stellung ihres Mannes ihr auferlegte. Als Wallingford triumphierend von seiner Reise zurückgekehrt war, alle Taschen voll mit Baugenehmigungen und Wegerechten, war er überrascht, seine Frau so jung und so sorgenfrei vorzufinden.

»Mir gefällt dieser Ort, Jim«, sagte sie ihm. »Wir wollen uns hier dauernd niederlassen.«

Er blickte auf sie herunter und lachte.

»Was hast du in meiner Abwesenheit getan?« fragte er. »Teegesellschaften gegeben? Hat man deine Diamanten, deine Pariser Kleider und Hüte gebührend bewundert?«

Sie lachte mit ihm, ein fröhliches, leichtherziges Lachen.

»Mehr als das«, sagte sie. »Der Ort gefällt mir, weil ich hier endlich ein menschliches Wesen bin. Hier kann ich eine wirkliche Frau sein wie andere Frauen, und es ist ein so schönes Gefühl, wenn jeder auf dich als den bedeutendsten Mann der Stadt blickt, selbst den Ehrenwerten Mr. Battles nicht ausgenommen. Du kannst dich ja, wenn du nur willst, ins Staatsparlament wählen lassen! Du kannst jedes Amt haben, das du willst, kannst vielleicht sogar Gouverneur des Staates werden!«

Er lachte abermals und schüttelte den Kopf.

»Das ist mir nicht genug«, erklärte er. »Ich baue lieber eine elektrische Bahn. Mein jetziges Unternehmen ist das beste meines Lebens. Meine liebe Fanny, die ganze Bevölkerung hundert Meilen beiderseits der Chaussee denkt Tag und Nacht an nichts anderes, als für deinen ergebenen Diener Geld herbeizuschaffen.«

»Man ist es dir schuldig«, behauptete sie. »Sieh nur einmal, wieviel Geld du für sie herbeischaffst. Das einzige, was mir an der Sache nicht gefällt, ist, daß du so lange weg bist. Du mußt es aber so einrichten, daß du am 21. zu Hause bist, denn da gebe ich einen Empfang im Garten.«

»Fein!« rief er aus. »Jedes bißchen hilft zum Ganzen. Es wird mir geschäftlich nützen.« Damit ging er lachend fort.

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