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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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19. Kapitel.
Worin Wallingford die Stadt Battlesburg durch »Kopf oder Wappen« gewinnt.

»Colonel« Wallingford blickte auf seine Uhr.

»Noch zwei Stunden!« rief er gähnend aus. »Zwei volle Stunden in einem Kaffernnest, das man auf keiner Landkarte findet. Was sollen wir mit unserer Zeit anfangen? Karten spielen?«

»Welchen Zweck hätte das?« sagte Blackie Daw. »Gewinne ich dir das Geld ab, so würgst du mich, bis ich es dir wieder zurückgebe, und wenn du mein Geld gewinnst, so gebe ich dir keine Ruhe.«

»Dann wollen wir doch absteigen und uns den Marktflecken anschauen«, regte J. Rufus an. Dieses Mal gähnte Mr. Daw. Er blickte zum Fenster hinaus auf das Fabrikviertel von Battlesburg, dann auf die andere Seite, wo die Geschäfte und die Wohnhäuser des Städtchens lagen.

»Ich kann alles, was mich an der Stadt interessieren könnte, hier vom Fenster aus sehen«, warf er ein; »aber etwas ist immer besser als nichts. Sollen wir gehen, Vi?«

»Allemal«, erwiderte die lebhafte, junge Frau, die bereits anfing, allen Anregungen Mr. Wallingfords mit größerem Eifer zuzustimmen, als sowohl der Frau Wallingford als auch dem Herrn Daw angenehm war. »Wir wollen gehen und die Stadt aufwecken, Jimmy. Lassen Sie einen Wagen kommen.«

Der unschätzbare farbige Wagenwärter hatte bereits angefangen, seine weiße Jacke und Schürze abzulegen, um seinen dunkelblauen Rock und steifen Filzhut dafür einzutauschen; einige Minuten später hatte dieser schwärzliche Autokrat mit der Unbeweglichkeit des Gesichtes, wie sie denjenigen eigen ist, die sich stets in großer Nähe schwer reicher Leute aufhalten, die draußen stehende Menge nach dem Wege zu einem Wagenvermieter gefragt.

Billy Ricks drängte sich sofort dienstfertig durch die Menge. »Ich zeige Ihnen den Weg«, rief er eifrig aus.

Der Autokrat maß Billy Ricks kurz mit Kenneraugen und schätzte ihn richtig ein.

»Besorgen Sie mir den besten Zweispänner und Viersitzer, der in der Stadt aufzutreiben ist.« Damit drückte er einen halben Dollar in Billys Handfläche.

Die Aufregung wuchs mit jeder Minute. Die Millionäre würden also tatsächlich, leibhaftig in der Stadt erscheinen! »Doktor« Gunthers bester Wagen, der mit den Gummirädern, kam bald die Hauptstraße herabgerollt und machte in der Nähe des Salonwagens halt. Der farbige Wagenwärter, der jetzt seine Dienstmütze trug, öffnete den Herrschaften die Türe und war ihnen beim Absteigen behilflich. Ahhh! Da waren sie! Erst entstieg Mr. Wallingford, der stattliche, dem Wagen; er sah aus, wie die verkörperte Milliarde; dann Mr. Daw, groß und schlank, in einen eng anliegenden, schwarzen Überrock gekleidet, sein schwarzer Schnurrbart hoch gekräuselt, seine schwarzen Augen hell strahlend. Dann die schöne, brünette Frau Wallingford in dunkelgrünem Tuchkleid. Dann die goldenhaarige Frau Daw, in Violett vom Hut bis zu den seidenen Strümpfen. Alle mit tadelloser Eleganz gekleidet, alle dem Ideal gleichkommend, das man sich gemeinhin von echten Nabobs entwirft. Unter der geschickten Leitung Wallingfords, der die Zügel des Wagens lenkte, paradierten sie die Hauptstraße hinauf, wo sie mindestens soviel Interesse und gespannte Erwartung wachriefen, wie nur je eine Zirkusparade, die ihren Weg durch diese Verkehrsader genommen hatte.

Die Stadt Battlesburg, die eine ebene Strecke der staubigen Landstraße in die »Hauptstraße« verwandelt hatte, lag quer über dem Eisenbahnkörper wie ein riesiger Tennisschläger. Den Handgriff stellte das Fabrikenviertel dar, das Heft das Geschäftsviertel, das Netz das Wohnviertel. Darüber hinaus begannen die ersten Querstraßen: kleine, kurze Wege, deren längster sich höchstens auf zehn oder zwölf Häusergevierte erstreckte; und trotzdem empfing Wallingford, als sie durch das Städtchen führen, welches jetzt infolge des großen Ereignisses von regstem Leben erfüllt war, den Eindruck, daß Battlesburg eine Menge »schlafenden Geldes«, wie er sich ausdrückte, in sich barg. Dieser Eindruck verstärkte sich zunehmend und rief seine geschäftlichen Instinkte wach.

»Nicht ganz so übel, diese Stadt«, bemerkte er und drehte sich zu Mr. Daw um. »Hier liegt eingerosteter Reichtum, und wenn sich nur jemand findet, der ihn herausholt, so wird er in Umlauf kommen, bis er wieder hell glänzt. Und dann kann man im Lichte dieses Glanzes sehen, wo noch mehr liegt, und es sich holen.«

»Kopf oder Wappen, wer den Ort bekommt«, regte Mr. Daw an und zog einen Dollar aus seiner Tasche.

»Kopf!« rief Wallingford aus und zog die Zügel an. Gerade vor der Baptistenkirche wurde über das Los Battlesburg gewürfelt!

Daw warf die Münze über Frau Wallingfords Schoß in die Luft. Die glänzende Silbermünze fiel auf dem grünen Tuchkleid der Frau nieder: die Freiheitsgöttin auf der Münze blickte himmelwärts.

»Ich habe die Stadt gewonnen!« rief J. Rufus aus. Der Wagen fuhr jetzt den Friedhof entlang. »Ich weiß augenblicklich noch nicht, wie ich die Kuh melken werde, aber die Milch ist da.«

»Sie wollen doch nicht im Ernst in diese Kirchhofsstadt zurückkehren?« fragte Frau Daw. »Sie würden vor Langeweile sterben.«

»Wenn ich sterbe, so sterbe ich mit Geld in beiden Händen«, entgegnete Wallingford. »Ich habe die Gabe, Geld zu riechen, und ich glaube nicht, daß es hier im ganzen Städtchen eine Speisekammer gibt, in der nicht erspartes Geld in einem kleinen, alten, rissigen Teetopf aufbewahrt liegt. Man braucht nur die richtige Musik aufzuspielen, und das Geld wird ganz von selbst heraustanzen. Es sollte mich nicht wundern, wenn ich mich doch noch entschließen würde, hierher zu kommen und ein bißchen Musik zu machen.«

»Vorläufig liegt die Gefahr noch in weiter Ferne«, lachte Frau Wallingford. »Du hast noch zuviel Geld. Ich habe dich trotz dieses luxuriösen Ausfluges noch nie dein Geld so langsam ausgeben gesehen.«

»Für mich gibt er es rasch genug aus«, erklärte Frau Daw, mit einem Seitenblick auf ihn aus ihren runden, blauen Augen. »Er ist ein forscher Kerl«, fügte sie hinzu.

»Mir gefällt diese Stadt«, warf hier Frau Wallingford, die diesen Blick aufgefangen hatte, schnell ein. »Wir wollen doch hierher zurückkommen und irgend etwas Geschäftliches unternehmen.«

»Ich bin froh, daß ich verloren habe«, erklärte Mr. Daw heftig. »Der Ort ist zu weit von einer elektrischen Klingel entfernt.«

Auch er hatte jenen Blick bemerkt. Er konnte nicht gut eine Bemerkung darüber machen, aber der Blick gefiel ihm nicht. Irgendwie war die Stimmung der kleinen Gesellschaft etwas gedämpft, und als sie noch ein Stück über die Stadtgrenze hinausgefahren waren, regte Frau Wallingford an, daß man zum Bahnhof zurückkehre.

»Warum denn?« fragte ihr Mann und blickte auf seine Uhr. »Wir haben noch beinahe anderthalb Stunden vor uns, und wir können den Weg mit Leichtigkeit in einer halben Stunde zurücklegen.«

»Was für ein langer, langer Weg uns aber von einem guten Getränk trennt, wenn wir eins haben wollen«, klagte Frau Daw. »Denkt doch nur einmal an den herrlichen, moussierenden Wein im Eisschrank.«

»Sie sind eine gescheite Frau,« erklärte J. Rufus lachend, »und es soll geschehen, wie Sie wünschen. Zurück also!«

Sie waren auf ihrem Rückwege aber kaum eine halbe Meile weit gefahren, als sie eine schrille Dampfpfeife ertönen hörten. Sie blickten hin und sahen, wie ein Personenzug mit riesiger Eile über das Feld flog. Sie dachten natürlich unwillkürlich an den Zug 3 Uhr 45.

»Ich dachte, daß in dieser Richtung kein Zug vor 3 Uhr 45 geht,« rief Mr. Daw aus, »und jetzt ist es erst 2 Uhr 40!«

Das Gefährt wurde sofort zum Stehen gebracht, und beide Herren blickten auf ihre Uhren. Mit einem Male stieß Wallingford einen Fluch aus und peitschte auf die Pferde ein.

»Hier haben wir ja westliche Zeit!« rief er den anderen über seine Schultern hinweg zu.

Das stimmte auch: der Zeitunterschied zwischen der östlichen und der westlichen Zeit betrug genau eine Stunde. Keiner von den vieren hatte daran gedacht.

Der Weg nach dem Bahnhof wurde in fliegender Hast zurückgelegt. Gerade als sie den Friedhof passierten, trafen sie Billy Ricks, der in der Mitte der Straße stand und ihnen zuwinkte. Man sah ihm an, daß er sehr schnell gelaufen war.

»Der Zug Nummer 2 ist soeben hier durchgefahren und hat Ihren Salonwagen mitgenommen!« keuchte Billy.

Wallingford, der geradeaus vor sich blickte, gab keine verständliche Antwort; er brummte etwas in seinen Bart, was gewiß keine reine Freude ausdrückte.

»Ihr farbiger Gentleman versuchte, den Zugführer zum Warten zu veranlassen«, fuhr Billy mit großer Wichtigkeit fort. Er war glücklich darüber, eine bedeutsame Nachricht, sei sie gut oder schlecht, übermitteln zu können, solange sie nur Eindruck machte. »Der Zugführer fluchte jedoch und sagte, er hätte Auftrag, hier anzuhalten und den Salonwagen ›Theodor‹ anzukoppeln, und diesen Auftrag werde er ausführen. Nicht einmal vor dem Bahnhof hielt der Zug Nummer 2 an, sondern er fuhr nur zum Nebengleis und hängte dort den Salonwagen an. Dann heidi, fort! Der Zugführer stand auf der rückwärtigen Plattform, und schimpfte auf Dave Walker, bis er außer Sicht war.«

Frau Wallingford lächelte. Mr. Daw schmunzelte. Frau Daw lachte munter. »Ist das nicht einzig?« fragte sie.

»Ich sagte mir, es ist schon das beste, ich komme hierher und teile es Ihnen mit, damit Sie es wissen«, fuhr Billy mit erwartungsvoller Miene fort.

Zum ersten Male blickte Wallingford den Mann an, und gleich darauf fuhr seine Hand in die Westentasche. Billy Ricks holte tief Atem. Zwei halbe Dollars an einem Tage für Botengänge, das war der Rekord seines Lebens. Er trottete hinter dem Wagen einher bis zum Bahnhof, wo Wallingford mit Hilfe des Stationschefs sofort begann, »die Telegraphendrähte in Brand zu setzen«. Aus dem Depeschenwechsel ergab sich, daß die Betriebsleitung der O.-F.-K.-Bahn sich entschieden weigerte, den Zug Nummer 2 halten und den Salonwagen »Theodor« nach Battlesburg zurückbringen zu lassen. Es war nicht ihre Schuld, daß die Passagiere sich nicht auf dem Zuge befanden, als sie, wie sie wissen mußten, auf den Zug Nummer 2 zu warten hatten. Die Betriebsleitung wollte lediglich den Salonwagen am Ende dieser Strecke bereitstellen und den Stationschef in Battlesburg anweisen, den vier Passagieren für den nächsten nach dem Westen gehenden Zug Fahrscheine zu behändigen. Darüber hinaus war die Direktion zu keinem Zugeständnis bereit.

Der einzige westwärts gehende Zug war an diesem Abend ein lokaler Frachtzug; am Vormittag fuhr nur derselbe langsame Zug nach Westen, der die Reisenden nach Battlesburg gebracht hatte; dann kam Nummer 2 um 3 Uhr 45 Minuten nachmittag. Die Gesellschaft beschloß nach einigem Verhandeln, in die Stadt zu fahren, im Palast-Hotel abzusteigen, dort zu übernachten und mit dem Zug 3 Uhr 45 Minuten weiterzufahren.

Im Palast-Hotel fanden sie den einzigen Mann in Battlesburg, dem die hohe Ehre dieses Besuches, der doch die ganze Stadt in Aufregung versetzt hatte, ganz und gar nicht imponierte. Die seelische Veranlagung des Hotelbesitzers war durch einen stets regen Verdacht angesäuert worden – einen Verdacht, den dreißig Jahre fortwährender Berührung mit einem Reisepublikum erzeugt hatten, welches entweder sein Hotel verlästert oder ihn betrogen hatte – manchmal beides. Der Verdacht war aus seinen Augen zu lesen, war in die Falten um seine Nase gemeißelt, kratzte rauh in seiner Stimme; und das erste und einzige, was er bei der Ankunft J. Rufus Wallingfords und seiner eleganten Gesellschaft bemerkte, war, daß sie kein Gepäck mit sich brachten. Daraufhin verlangte er, noch ehe der Multimillionär die Namen der Ankömmlinge in das Fremdenbuch eingetragen hatte, Bezahlung im voraus.

Den Richter Lampton, der nahe an das Schreibpult herangerückt war, beschlich geradezu Entsetzen über diese ungebührliche Forderung; er erwartete, daß der Kapitalist a. D. dem Herrn Peter Parsons die Leviten las, wie es ihm gebührte. Statt dessen zog aber Mr. Wallingford aus einer Brieftasche, aus der ein dickes Bündel 100-Dollar-Noten hervorsah, eine solche Banknote, warf sie auf das Pult und fuhr fort zu schreiben. Mit steinerner Ruhe wandte sich Peter Parsons seinem Safe zu, ließ die Kombination spielen und begann, noch langsamer, das Wechselgeld aufzuzählen. Plötzlich hielt er damit inne.

»Billy,« sagte er zu dem allgegenwärtigen Ricks, »laufen Sie mit dieser 100-Dollar-Note hinüber zur Bank und sehen Sie, ob Battles sie wechselt.«

Einen kurzen Augenblick schlossen sich die kleinen Augen Wallingfords drohend, dann aber lächelte er wieder.

»Weisen Sie uns unser Zimmer an«, befahl er. »Wenn das Wechselgeld kommt, schicken Sie es hinauf.«

Er hatte die Feder kaum niedergelegt, als Richter Lampton seinen Arm ergriff.

»Im Namen des Richterstandes und der unternehmenden Bürger dieser Stadt heiße ich Sie in Battlesburg willkommen«, sagte er mit einer gewissen Feierlichkeit.

Wallingford, der, wie sein Freund Mr. Daw sich gern ausdrückte, jeder Lage gewachsen war, richtete sich auf und gab ein strahlendes Lächeln von sich.

»Ich danke Ihnen«, antwortete er. »Ich habe Ihre kleine Stadt bereits mit großem Vergnügen besichtigt. Alles, was sie nötig hat, um Leben in sie zu bringen, ist ein gutes Hotel.«

Der Richter schoß einen triumphierenden, grinsenden Blick auf Peter Parsons. Seit dem Tage, an welchem der Richter jeder über zwei Dollars hinausreichende Kredit von Parsons verweigert worden war, herrschte zwischen den beiden eine deutlich fühlbare Kälte.

»Darf ich Ihnen ein Grundstück zeigen, das sich für ein solches Hotel ganz vorzüglich eignet?« fragte er eifrig.

Wallingford dachte einen Augenblick nach.

»Ich werde es mir morgen ansehen«, sagte er.

»Ich werde alle nötigen Daten für Sie bereitstellen«, erklärte der Richter und begab sich vom Palast-Hotel geradeswegs zu Mr. Clint Richards, um diesen von den neuen Möglichkeiten der Stadt Battlesburg in Kenntnis zu setzen.

Kaum eine halbe Stunde später sprach Richards bei Wallingford vor. Er hatte vier Exemplare des »Richtschwertes« in seiner Hand.

»Ich bringe Ihnen diese Nummern persönlich, Mr. Wallingford,« erklärte er, »um Ihnen zu zeigen, daß Battlesburg nicht ohne Unternehmungsgeist ist. Zweimal ist das ›Richtschwert‹ heute nachmittag geändert worden, als es schon zur Presse gegangen war: einmal, als die O. F. K. Ihren Salonwagen gestohlen hatte (gestohlen, Herr, ist das einzig richtige Wort!), und das zweitemal, als Richter Lampton mir von seiner wichtigen Unterredung mit Ihnen Mitteilung machte. Sollten Sie sich tatsächlich entschließen, etwas von Ihrem überschüssigen Gelde in Battlesburg anzulegen, so bin ich sicher, daß unsere fortschrittlichen Bürger Hand in Hand mit Ihnen arbeiten werden, um diese Anlage nutzbringend zu gestalten.«

Das »Richtschwert« bestand aus vier Seiten, und die erste war ausschließlich dem hochangesehenen Financier Mr. J. Rufus Wallingford gewidmet.

Millionen aus dem Osten!

lautete die über die ganze Breite des Blattes in Riesenlettern gedruckte Überschrift. Darunter ein über zwei Spalten laufender »Kasten«, in dem das Publikum benachrichtigt wurde, daß diese Millionen in der Person der eminenten Industriekapitäne Mr. J. Rufus Wallingford und Mr. Horaz O. Daw verkörpert seien. Darunter tief über vier Spalten der sechsspaltigen Seite eine weitere große Überschrift in fetten Buchstaben:

Ein schwerer Mißgriff der O. F. K.
Einer Reisegesellschaft wird ihr Salonwagen gestohlen!

Auf der Mitte der Seite wieder ein »Kasten« mit folgender Mitteilung:

Später!

Wir erfahren aus sonst zuverlässiger Quelle, daß die oben genannten unternehmenden Millionäre möglicherweise einen Teil ihres überschüssigen Kapitals in der unternehmenden Stadt Battlesburg anbringen werden.

Riesiges Hotelprojekt!

Der Artikel, der den übrigen Raum der ersten Seite ausfüllte, war ein beredtes Zeugnis des Zeitungsgenies Mr. Richards. In flammenden Attributen und mit reichlichem Gebrauch von Ausrufungszeichen erzählte er darin von der märchenhaft reichen Ausstattung des Salonwagens »Theodor«, der (natürlich) Eigentum der beiden Herren war; von dem wirklich beispiellosen Luxus des Mahles, das diese entzückend demokratischen Herren dem Vertreter des »Richtschwertes« bereitet hatten; von der unwiderstehlichen Schönheit und Eleganz ihrer Damen; von den großen Erfolgen des Mr. J. Rufus Wallingford in seinen Unternehmungen: den Milchpfropfen, der Teppichnägel-Industrie, der Lebensversicherung, dem Registrierkassenhandel – ebenso viele aufeinanderfolgende Stationen, auf welchen er zu seiner jetzigen stolzen Höhe als einer der Mächtigsten von Wall Street emporgestiegen war. Von Mr. Daws überraschend erfolgreicher Tätigkeit auf dem Gebiete der Goldminen, der Gummikultur, der Orangenanpflanzung und ähnlicher Unternehmungen; und schließlich von der plumpen, anmaßenden Betriebsleitung der O.-F.-K.-Bahn, die, bevor dieser glückliche Zwischenfall eintrat, sich immer nur als Schädling für die energische Bewohnerschaft der Stadt Battlesburg erwiesen hatte.

Aus diesem Artikel ging mit größter Deutlichkeit hervor, daß die O.-F.-K.-Bahn weder in dem »Richtschwert« inserierte, noch daß sie dem Herrn Richards als Mitglied der Presse freie Fahrt bewilligte. Clint Richards nahm gleichzeitig Veranlassung, darauf hinzuweisen (wie er es schon so oft getan hatte), welche Wohltat es für Battlesburg wäre, wenn eine Parallellinie zur O. F. K. gebaut werden würde. Dann würde diese kindisch geleitete Bahn endlich aus ihrem starren Halbschlummer erwachen, dann würde dem Leben und der Tätigkeit des ganzen Bezirks neues Blut zugeführt werden; nicht zu vergessen die ganz erheblichen Einnahmen, die eine solche Konkurrenzbahn sicher zu verzeichnen haben würde.

Dieser letzte Satz war es, über den Wallingford lange nachdachte.

»Eine Konkurrenzlinie«, sagte er sinnend vor sich. Dann lauter: »Wenn wir erst einmal mit dieser Lustreise zu Ende sind, dann werdet ihr meine Räder wieder surren hören. Dumm von mir, daß mir das nicht gleich eingefallen ist. Ich werde hierher zurückkommen und alles Geld loskratzen, das noch nicht zu stark verrostet ist.«

»Aber, Jim,« warf Frau Wallingford hier ein, »du kannst doch nicht eine Eisenbahn mit 100 000 Dollars bauen!«

»Das verstehst du nicht, Fanny«, entgegnete er und winkte seinem Freunde Daw zu. »Ich bin froh, Blackie, daß ich dir diese Stadt abgewonnen habe. Es wäre mir zu schmerzlich gewesen, wenn du deine Hand nach dieser Stadt ausgestreckt hättest; dann wären alle die blinkenden Münzen, die hier unter den Kellertreppen verborgen liegen, für deine vierfarbigen Goldminen-Aktien draufgegangen. Hier in dieser Stadt braucht man keine Goldminen, die nicht existieren, sondern etwas Fortschrittliches, etwas Neues, etwas Belebendes, wie etwa eine zweite Eisenbahn.«

»Weiß schon«, pflichtete Mr. Daw grinsend bei. »Du wirst eine Luftlinie ins Leben rufen und den Leuten hier die Luft verkaufen.«

»Tu's nicht, Jim«, bat Frau Wallingford ihren Mann. »Du bist geschickt genug, um Geld auf ehrliche Art zu verdienen, wie es andere Leute tun. Mit 100 000 Dollars kann man sich ein hübsches Nestchen bauen.«

»Gewiß kann man das«, sagte Mr. Daw zustimmend. »Paßt nur mal auf, wie Jim sich auf dieses Nest und seine Eierchen legen wird. Wenn er nicht eine ganze Menge gesunder, kleiner Dollars ausbrütet, so will ich mich auf dem Broadway auf den Kopf stellen und so spazieren gehen.«

Abermals klopfte es an der Tür. Dieses Mal war es der Richter Lampton, der in Begleitung eines nervösen, sehnigen, in einen schwarzen Tuchanzug gekleideten Mannes eintrat. Der zweite war ein älterer Herr mit weißer Weste und ebenso weißem Schnurrbart.

»Mr. Wallingford,« sagte Richter Lampton, dem der Stolz aus allen Poren schwitzte, »gestatten Sie mir, Ihnen den Ehrenwerten G. W. Battles vorzustellen, dem Präsidenten der Battles County-Bank, der Waggonfabrik Battlesburg, der Pflugscharfabrik von G. W. Battles, der Türen-, Türrahmen- und Jalousiefabrik Battles & Handy, der Konserven-Gesellschaft Battles & Son, des Nährmittel- und Käse-Erzeugungs-Konzerns von Battles & Battles und der Battlesburger Handelskammer.«

Wie es zwei solch gewiegten Financiers zukommt, besprachen die beiden Herren ernst und angelegentlich verschiedene Fragen der Kapitalsanlage und der Rentabilität. Der Ehrenwerte G. W. Battles war ein Mann, der an seinen eigenen Enthusiasmus glaubte und dem das Wort willig zur Verfügung stand; und er beherrschte gar viele Worte, eine Naturgabe, die durch sehr häufige öffentliche Reden noch erhöht worden war. Jetzt schilderte er in einem Monolog, der von schönen Worten geradezu funkelte und glitzerte, die mannigfachen Vorteile einer Kapitalsanlage in dieser historischen Stadt, die von seinem historischen Großvater gegründet worden war. Bevor er aber mit allem, was er sagen konnte oder wollte, zu Ende war, klopfte wieder jemand an der Tür. Der Richter Lampton, der sofort, nachdem er den Ehrenwerten G. W. Battles vorgestellt hatte, fortgegangen war, kam zurück und mit ihm Mr. Max Goldenstein, der Besitzer einer ganzen Reihe von Kleiderläden nicht nur in Battlesburg, sondern auch in Paris, London, Dublin, Berlin und Rom, alles Orte, die in oder unweit der Grafschaft Battles lagen In den Vereinigten Staaten gibt es bekanntlich eine ganze Anzahl von Städten, deren Namen europäischen Hauptstädten entlehnt sind.. Er war auch einer der Direktoren der Battles County-Bank und der Konserven-Gesellschaft Battles & Son, ferner Stadtrat und Mitglied der Handelskammer. Auch er streckte dem durch Zufall hereingeschneiten Millionär die Hand zum Willkomm entgegen und lud ihn herzlichst ein, einer der ihrigen zu werden. Kurz darauf erschien, gleichfalls von dem unermüdlichen Richter Lampton eingeführt, der Ehrenwerte Timotheus Battles, der Bürgermeister von Battlesburg und illustre Sohn des Ehrenwerten G. W. Battles; dann, von Lampton herbeigeschleppt, Mr. Henry Quig, der Kohlen- und Eismagnat und (nächst dem Ehrenwerten G. W. Battles) der größte Aktionär in der Gas- und Elektrizitätsgesellschaft von Battlesburg, gleichfalls Stadtrat und Mitglied der Handelskammer.

Nach acht Uhr vertagte man sich in den geräumigen Speisesaal, und bis spät in die Nacht hinein bewirteten Wallingford und Daw die führenden Herren der Stadt, welche nach einem vom Richter Lampton geschickt entworfenen strategischen Plan aufmarschiert waren, um dem Richter beim Verkauf eines Baugrundstücks behilflich zu sein und gleichzeitig den beiden Herren mit dem unbegrenzten Kapital ihre Aufwartung zu machen. Braucht erst gesagt zu werden, daß J. Rufus Wallingford – er mit der breiten Brust und der massigen Würde – auch bei diesem Symposium sich ganz auf der Höhe zeigte? Daß unter seiner bewährten Leitung der ganze Champagnervorrat von Battlesburg, einundzwanzig Flaschen, die zweckdienlichste Verwendung fand?

Als die letzten Gäste sich verabschiedet hatten, wischte sich Wallingford den Schweiß von der Stirn und lachte, daß sein ganzer Körper in Bewegung geriet.

»Es wird sich machen, was, Blackie?« sagte er. »Hast du gesehen, wie sie kommen und bitten, daß ich ihnen das Fell über die Ohren ziehe? Was gibst du mir für die eine Seite der Hauptstraße?«

»Behalte sie ganz für dich, die Hauptstraße«, wehrte Mr. Daw ironisch ab. »Es wäre geradezu ein Verbrechen, sie in zwei Teile zu spalten. Außerdem bin ich gegen dich doch nur ein Stümper. Wenn ich einmal bei einem großen Beutezug 10 000 Dollars ›mache‹, so meine ich schon, ich bin Vanderbilt und Morgan in einer Person. Und wenn ich noch mehr machen sollte, so würde ich wahrscheinlich anfangen, irre zu reden und Grimassen zu schneiden. Ich kann deine schwindligen Pfade nicht schreiten. Sie gehört schon dir, die Hauptstraße von Battlesburg.«

J. Rufus war aber für solch leichten Scherz nicht in Stimmung. Er blickte auf die Batterie leerer Flaschen und Gläser, die auf dem langen Speisetisch standen, und nickte ernst mit dem Kopf.

»Wir haben gute Arbeit getan, Blackie«, sagte er. »Ich bin mit mir zufrieden. Die Sache wird gehen. Wenn ich hierher zurückkomme, werde ich diesem rückständigen Battlesburg, dieser Einspännerstadt, einen Haufen stachlicher Kastanien unter den Schwanz stecken. Morgen vormittag werde ich Geld in Battlesburger Grundbesitz anlegen. Über das Konkurrenzbahn-Projekt muß vorläufig noch geschwiegen werden. Sprich also noch nicht darüber.«

Im Verfolg dieses Planes zog Wallingford am Vormittag des nächsten Tages mit Richter Lampton aus, um sich Grundstücke anzusehen. Zwischen dem Palast-Hotel und dem Bahnhof lag ein geräumiger, leerer Platz, auf dem gegenwärtig die Leihpferde des »Doktor« Gunther grasten, und Wallingford stimmte der Ansicht Lamptons zu, daß dies eine ausgezeichnete Lage für ein modernes, aus Ziegeln gebautes, sechs Stock hohes Hotel sein würde. Er entwarf im Geist sogar bereits Einzelheiten des Baues, wie er ihn im Sinne hatte: einen zwei Stock hohen Vorbau aus Marmor, in der Mitte eine Fontäne, einen Balkon auf gleicher Höhe wie der Plafond des ersten Stockwerks, eine gewölbte Estrade für das Orchester. Auf der anderen Seite der Straße, etwas über die Bank und den urvorweltlichen Kehrichthaufen hinaus, müßte ein Opernhaus In den Vereinigten Staaten haben auch fast alle Kleinstädte ein »Grand Opera House«, das aber mit der »großen Oper« nichts zu tun hat, desto mehr mit der Posse, Burleske, dem Variété und Kino, gelegentlich wohl auch mit dem besseren Lustspiel. gebaut werden, und Wallingford schilderte in lebhaften Farben die Veränderung des Stadtbildes, die sich aus diesen Neubauten ergeben würde. Weiter oben lag an der Hauptstraße wieder eine Kuhweide, über die Wallingford in tiefes Sinnen verfiel; er behielt aber seine Gedanken für sich, und gerade diesem Schweigen entsproßten herrliche, berückende Träume, die Richter Lampton (und in der Folge auch Clint Richards) träumten. Im Wohnviertel wählte Wallingford drei ausgesuchte Bauplätze, von denen einer, wie er auf den ersten Blick sagte, für ein Zinshaus wie geschaffen sei, während einer der beiden anderen – die endgültige Entscheidung behielt sich Wallingford noch vor – sich ausgezeichnet für ein Privathaus eignen würde.

Er kaufte zunächst noch keines dieser sieben Grundstücke fest, sondern sicherte sich lediglich ein Vorkaufsrecht auf 90 Tage für sie und hinterlegte 10 bis 50 Dollars auf jede Baustelle. Als er von Battlesburg abreiste, hatte er, abgesehen von seiner Hotel- und Leihstallrechnung und anderen Ausgaben, nicht weniger als 250 Dollars echtes, wirkliches Geld in der Stadt hinterlassen; und jeder Dollar blinkte, und sein Blinken schien eine große Gefolgschaft anderer Dollars zu verheißen. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß das Battlesburger »Richtschwert« an diesem Tage in seiner Abendausgabe jenen umfassenden Grundstückstransaktionen durchaus gerecht wurde. Dem großen Ereignisse wurde die ganze erste und ein Teil der letzten Seite gewidmet; sogar der sensationelle Bericht über die Ermordung der Variétékünstlerin Estelle Lightfoot (ein aufsehenerregender Kriminalroman aus dem Leben), den Richards aus den Chicagoer Morgenblättern ausgeschnitten hatte, mußte an diesem Tage zu einem halben Dutzend Zeilen verdichtet werden.

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