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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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17. Kapitel.
Worin gezeigt wird, daß ein guter Magen, der starke Getränke vertragen kann, Tausende wert ist.

Wein, und zwar Champagnerwein, war die pièce de résistance dieses Diners. Es gab natürlich auch noch andere gute Dinge, ein Gang nach dem anderen; es war eines jener gemütlichen, behaglichen, sorgfältig zusammengestellten Gastmähler, um derentwegen Wallingford unter seinen Freunden Berühmtheit genoß, ein Diner, das sich fast über drei Stunden ausdehnte, perfekt in Auswahl und Anordnung; aber den Hauptbestandteil bildete doch, wie schon gesagt, der Champagner. Er war auf dem Tisch, ehe noch der erste Gang serviert wurde; und halbleere Flaschen und Gläser standen auf ihm herum, als es an den Kaffee, die Liköre und die dicken, schwarzen Zigarren ging. Die beiden hatten ungeheure Quantitäten zu sich genommen; aber Wallingford war so sattelfest, wie in dem Augenblick, als er begonnen hatte, während Maylie, stark erhitzt und so ausgelassen war, als wäre die Welt ein Riesenscherz. Wallingford hatte diese Schwäche an dem jungen Mann gleich beim ersten Zusammentreffen beobachtet und sich sofort vorgenommen, sie bei einer günstigen Gelegenheit, wie eben dieser, auszunützen. Es war halb zehn Uhr, als sie sich von der Tafel erhoben, und Maylie war in einem Zustande, der ihn für jede Anregung empfänglich machte. So stimmte er denn auch dem Vorschlage Wallingfords, noch eine Spazierfahrt zu machen, sofort begeistert zu. Danach besuchten sie noch einige Klubs, in welche Wallingford sich durch seine Persönlichkeit und Freigebigkeit Zutritt verschafft hatte, und deren gastliche Stätten er jetzt ausgiebig in Anspruch nahm.

Die Morgendämmerung war schon hereingebrochen, als die beiden Bummler in Wallingfords Hotel zurückfuhren und sich in seine Gemächer begaben. Wallingford hielt sich mit grimmiger Anstrengung aufrecht, Maylie aber war in einen jämmerlich vertrottelten Zustand verfallen. Seine Haare fielen vornüber, sein Gesicht war gespenstig bleich. Im Salon raffte er sich jedoch nochmals einen Augenblick lang zusammen. Der Gedanke beherrschte ihn, daß er sich auf der Höhe seines Denkens und seiner Klugheit zeigen müsse.

»Sie, Oller, hören Sie mal,« stotterte er und versuchte, den Blick fest auf seine Uhr zu richten, »jetz isch scho früh morgen, un jetz hört der Sp... Sp... Spaß auf. Um zehn Uhr isch der Verk... Verkauf und wir müsche dabei sein. Dabei sein«, wiederholte er schluckend.

»Wir kommen noch rechtzeitig hin«, vertröstete ihn Wallingford. »Wir müssen aber unbedingt erst ein bißchen schlafen. Ich habe zwei Schlafzimmer in meiner Wohnung hier. Wir lassen uns um neun Uhr wecken. Drei Stunden Schlaf werden uns wieder ganz munter machen.«

»Isch recht«, schluckte Maylie heraus und winkte sich selbst eifrig zu, als ihm der törichte Einfall kam, Wallingford zuerst zu Bett gehen zu lassen und dann den Wecker zu sich ins Zimmer zu nehmen. Dann wollte er sofort aufstehen, ein kaltes Bad nehmen, sich ankleiden und Wallingford noch weiter schlafen lassen, seinetwegen eine Woche lang.

Wallingford, aber ging in das Speisezimmer zurück und holte die Flasche Champagner, die er noch nachbestellt hatte, aus dem Eiskübel heraus. Diese Flasche öffnete er jetzt, goß aus einem kleinen Fläschchen einige Tropfen einer farblosen Flüssigkeit in Maylies Glas, füllte es mit Wein und setzte es dem jungen Mann vor. Maylie schob das Glas fort.

»Will kei Wei mehr«, brachte er mühsam hervor.

»Aber natürlich wollen Sie. Noch einen Schluck vor'm Einschlafen«, ermunterte ihn Wallingford. »Trinken Sie Ihrem alten Zechgenossen zu.« Damit stieß er mit seinem Glase an das Maylies an.

Dem Zureden konnte Maylie widerstehen, dem Zutrinken nicht mehr. Er langte nach dem Champagnerglase und leerte es halb, dann brach er auf einem Stuhl zusammen. Wallingford saß ihm gegenüber und beobachtete ihn so scharf wie eine Katze ein Mauseloch. Zwischendurch nippte er von Zeit zu Zeit ruhig an seinem Glase. Seine Trinkfestigkeit war unter seinen Freunden sprichwörtlich. Maylies Hand hing lose vom Stuhl herab, die andere lag plump auf seinem Schoß. Sein Kopf senkte sich; Maylie begann zu schnarchen. Er war fest eingeschlafen, er sah aus, als ob er den ganzen Tag über schlafen würde. Nur ein Arzt hätte ihn aufwecken können.

Wallingford wartete noch eine Zeit lang. Dann hob er die herabhängende Hand in die Höhe und ließ sie schwer fallen. Maylie rührte sich nicht. Wallingford stand über ihm und blickte ihn verächtlich lächelnd an; und das gespenstige Ineinanderfließen des künstlichen Lichts mit dem anbrechenden Morgen, dessen Strahlen bläulich durch die Spalten der Jalousien ins Zimmer drangen, verzerrte sein Lächeln in Hohn. Mit einem Male beugte er sich zu der hilflosen Gestalt in dem Stuhl herab, nahm sie in seine Arme, trug, unter der schweren Last ein wenig schwankend, den besinnungslosen Klumpen in das entfernter gelegene Schlafzimmer und legte ihn auf das Bett; dann lockerte er dem Schlafenden den Hemdkragen und zog ihm die Schuhe aus. Mit einer Seelenruhe, als läse er die Zeitung zum Frühstück, durchsuchte er jetzt Maylies Taschen.

In den äußeren Rocktaschen nichts Wichtiges; auch nicht in den inneren Rocktaschen; aber in der inneren Westentasche einige bekannt aussehende Formulare. Diese waren es, die Wallingford gesucht hatte. Er machte sich nicht einmal die Mühe, an das Fenster des im Dämmer liegenden Zimmers zu treten und sich zu vergewissern, was er in der Hand hielt. Er war auch ohne das seiner Sache sicher. Er nahm die Papiere mit sich in den Salon, setzte sich in einen Lehnstuhl und entfaltete sie mit grimmiger Genugtuung. Es waren sämtlich Telegramme der »Amerikanischen Registrierkassen-Gesellschaft von Neujersey«, und sie erzählten, zusammengefaßt, eine für Wallingford überaus fesselnde Geschichte. Sie lauteten in der Reihenfolge ihrer Absendung:

sind schon unterrichtet unser mr bowman wird rechtzeitig vor verkauf bei euch vorsprechen

da sie glauben daß bowmans anwesenheit Verhandlungen schädigen könnte wird er nicht kommen wir erwarten daß ihr niedrigstes angebot für uns erzielet

bis zu 150 000 wenn angebote höher gehen drahtet um neue Instruktionen

jawohl könnt alles unter 50 000 als gebühr für euch behalten

Geschäft! Klares, richtiggehendes Geschäft! Die »Amerikanische Registrierkassen-Gesellschaft von Neujersey« war durch ihn in eine Zwangslage gebracht worden, und es war geschäftsklug von ihr, danach zu trachten, daß sie so wenig wie möglich geschröpft würde. Wallingford hatte dafür fast ein Gefühl der Bewunderung. Da es sich um einen offenen Verkauf an die Meistbietenden handelte, hatte die »Amerikanische« dasselbe Recht, die Klug-Gesellschaft anzukaufen, wie er selbst. Er las die Telegramme immer wieder, und er war sehr zufrieden. Er hatte vorhergesehen, daß die Gesellschaft so vorgehen, daß die Telegramme so lauten würden. Er hatte außerdem nicht nur Einblick in die Absichten Maylies genommen, sondern auch dessen Kriegsplan in allen Einzelheiten durchschaut. Für Maylie empfand er keine Bewunderung. Maylie war zu plump.

Im Speisezimmer war ein kleiner Serviertisch. Wallingford trug ihn in das Schlafzimmer neben das Bett des Schläfers. Auf dem Tisch breitete er die vier Telegramme sauber und ordentlich aus und legte als Beschwerer leere Champagnergläser auf sie. Maylie mochte sie, wenn er erwachte, in aller Muße angelegentlich betrachten. Dann zog er seinen Lieblingsstuhl in das Schlafzimmer bis an die entgegengesetzte Seite der Anrichte, auf die er eine neue Champagnerflasche und sein eigenes Glas stellte. Er zündete eine große, ganz besonders schwarze Zigarre an und setzte sich, um seinen früheren Zechgenossen scharf zu bewachen. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. So oft er fühlte, daß er einnickte oder daß die Zigarre in seiner Hand lose hing, nippte er ein ganz klein wenig am Champagnerkelch. Einige Male ging er ins Badezimmer und hielt seinen Kopf unter den Kaltwasserhahn.

Am Ende der ersten Stunde drohte der Schlaf trotz alledem ihn zu überwältigen. Er ging nochmals ins Badezimmer, entkleidete sich und nahm eine kalte Dusche. Das erfrischte ihn ganz außerordentlich, und als er frische, kühle Leinwand auf seinem Körper fühlte, war ihm noch wohler zumute. In seinen körperlichen Gewohnheiten war Wallingford so reinlich wie eine Katze. Ein- oder zweimal kam es ihm in den Sinn, Zeitungen zu lesen, um die Zeit zu kürzen; er unterließ es aber, denn er wußte, daß er sofort einschlafen würde, sowie er seine Augen anstrengte. Die zweite Stunde ging vorbei; die dritte, die vierte schleppten sich bleischwer vorüber. Als die fünfte Stunde anhub, begann er, als er von einem Zimmer ins andere ging, um sich wachzuhalten, zu schwanken. Er ließ aber den Schläfer nie mehr als fünf Minuten aus den Augen.

Es schien ihm eine Ewigkeit, bis die Telephonglocke im Salon ertönte und schier unaufhörlich läutete. Er schoß einen triumphierenden Blick auf den schlafenden Maylie und beeilte sich, so gut er konnte, den willkommenen Anruf zu beantworten.

»Jawohl, hier Wallingford«, rief er heiser in den Apparat hinein. »Wie steht es? ... Gut. Wieviel? ... Was? Schön, schön, komm sofort hierher.«

Dann stand er vor dem Telephon, kratzte sich am Kopf und versuchte einige Minuten lang nachzudenken, und sich an eine bestimmte Nummer zu erinnern, die er anrufen wollte. Als es ihm nicht gelang, nahm er das Telephonbuch zur Hand und blätterte unbehilflich darin herum, rückwärts und vorwärts. Seine Finger waren steif, ohne Gefühl, wie Hölzer. Es dauerte lange Minuten, ehe es ihm gelang, zwei Blätter voneinander zu trennen. Er schwankte dabei hin und her und murmelte laut vor sich hin. Endlich fand er den Namen, den er suchte, und rief das Amt an. Nur langsam und mit furchtbarer Anstrengung sprach er in den Apparat hinein, was er zu sagen hatte, dann warf er den Hörer auf den Haken und stolperte in seinen Lehnstuhl zurück. In den nächsten unbeschäftigten zehn Minuten kämpfte er mit dem Schlaf wie ein Ertrinkender um sein Leben. Aber er siegte. Als es einige Minuten später an die Tür klopfte, war er imstande, sie rasch zu öffnen.

»Gütiger Himmel!« rief Blackie Daw aus, als er eintrat. »Du mußt schön gebummelt haben! Blick' doch einmal in den Spiegel, J. Rufus!« Er stieß die Tür mit dem Fuße ins Schloß und schleppte seinen Freund vor den Spiegel.

Wallingford blickte stier auf sein eigenes aufgedunsenes Gesicht, die geschwollenen und geröteten Augenlider, die blutunterlaufenen Augen, und lachte heiser.

»Es war schon der Mühe wert«, erklärte er. »Ich mache dabei hundertundfünfzigtausend runde, kalte Schekel. Wie kommt es aber, daß du 8000 Dollars für die Patente zahlen mußtest?«

»Klug«, antwortete Blackie. »Ich dachte schon eine Zeitlang, daß er mich überbieten würde. Er hatte sich irgendwoher etwas Geld aufgetrieben, gab aber 400 Dollars davon für einige Maschinen aus, auf die er andauernd bot. Es fiel ihm nie ein, daß auch die Patente verkauft werden müssen, und er fiel beinahe in Krämpfe, als er darauf aufmerksam wurde. Er ließ nicht locker; bot bis zu seinem letzten Pfennig auf die Patente. Wir von der Gegenpartei boten immer 500 Dollars mehr, bis das Angebot 6000 Dollars erreichte. Das war Mr. Klugs letztes Angebot; weiter konnte er nicht. Ich legte noch 2000 darauf und machte dabei eine Miene, als ob es mir ein leichtes wäre, noch 2000 darüber zu bieten; dann erst ließ Klug nach.«

»Achttausend und viertausend macht zwölftausend, und das Akzept macht zehn«, rechnete Wallingford mühselig zusammen. »Die Kosten werden sich auf etwa 200 belaufen, so daß der Gesellschaft 1800 Dollars verbleiben, die sie unter ihre Mitglieder verteilen kann. Und davon bekomme ich den zwölften Teil.« Er lachte vor sich hin. »Du, Blackie, da kommen für mich noch 150 Dollars heraus. Wollen wir nicht hinübergehen und uns das Geld holen?«

Er lachte noch immer, aber er schwankte jetzt stärker als früher, und seine Augenlider fielen ihm zu. Er faßte nach einem Stuhl.

»Ich muß mich mit aller Gewalt aufrechterhalten, bis wir in einen Pullmanwagen kommen«, murmelte er. »Schlafen? Ich werde den ganzen Weg bis Neujersey schlafen können. Hast du die Zahlung für die Patente angewiesen?«

»Und ob!« rief Mr. Daw triumphierend aus. »Darauf kannst du dich verlassen. Die Patente sind, wie du weißt, auf meinen Namen gekauft. Sag' mal, J. Rufus, was gibst du mir dafür, daß ich sie auf dich überschreibe?«

Wallingford wandte seinem Freunde ein Gesicht zu, das höchst grimmig anzusehen war.

»Ich gebe dir zwanzig Minuten Zeit, die Patente auf meinen Namen zu überschreiben«, sagte er heftig. »Ein Rechtsanwalt ist unterwegs zu mir, und einen Polizisten kann ich in zwei Minuten hier haben. Du weißt doch, daß du hier in dieser Stadt ein Flüchtling vor dem Gesetz bist?«

Mr. Daw war sichtlich erschrocken.

»,Du brauchst doch nicht gleich so häßlich zu mir zu werden, J. Rufus«, protestierte er. »Ich habe nicht die Absicht, einen Pfennig von dir zu nehmen; nie gehabt.«

»Wirklich nicht?« sagte J. Rufus spöttisch. »Weißt du auch, warum? Weil ich dir nie eine Gelegenheit dazu gebe. Ich will dir den Mann zeigen, der zuletzt versucht hat, mich zu hintergehen.« Damit führte er Daw in das Zimmer, in dem Mr. Maylie noch immer fest schlief.

Mr. Daw grinste.

»Gegen den da gehalten, siehst du noch nüchtern aus«, sagte er. »Was bedeuten aber diese Papiere auf dem Tisch?«

Wallingford lachte laut heraus.

»Er kann einem leid tun«, rief er aus. »Er hat soeben 40 000 Dollars verloren, und diese Telegramme sind seine Gebühr.«

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