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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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16. Kapitel.
Worin der Financier in einer Herzensangelegenheit einen Ausflug nach Europa macht.

Ein Sturm, auf den er nicht gefaßt war, brach über Wallingford bei seiner Rückkehr herein. Seine Frau wartete auf ihn in unbeschreiblicher Wut. Sie hatte alle ihr selbst gehörigen Effekten gepackt und wäre schon vor seiner Ankunft abgereist, wenn sie imstande gewesen wäre, ihrem Grimm schriftlich genügend kräftigen Ausdruck zu verleihen.

»Das ist denn doch die Höhe!« rief sie ihm in höchster Erbitterung zu. »Du treibst es zu bunt! Ich habe wohl bemerkt, daß du mir diesen Gecken von Feldmeyer absichtlich zugeführt hast, ich war aber töricht genug, zu glauben, du tätest das, damit ich mich nicht langweile, während du deinen Geschäften nachgehst. Ich hätte dich eigentlich besser kennen sollen. Aber das hätte ich doch nicht ahnen können, daß du dich und mich soweit erniedrigst, mich als Werkzeug zu mißbrauchen, um von diesem Dr. Feldmeyer Geld herauszupumpen!«

Um Wallingfords Augen spielte, gegen seinen Willen, ein leises Zucken, als er daran dachte, wie leicht er den Doktor herumgekriegt hatte. Seine Frau bemerkte unglücklicherweise dieses Zucken und legte es sofort richtig aus.

»Mir scheint gar, du bist noch stolz darauf!« schrie sie. »Dir ist doch gar nichts auf dieser Welt heilig! Weißt du, was der Mann getan hat? Er hat mir gestern abend seine Liebe gestanden und mir zugemutet, mit ihm zu ›verschwinden‹. Als ich ihm darauf sagte, daß ich ihn haßte, lachte er nur. Er war mit Maylie zusammen, und beide hatten getrunken. Sie sind jetzt beide scharf auf dich geladen. Maylie hat irgend etwas über dich in Erfahrung gebracht und es dem Dr. Feldmeyer erzählt, und jetzt glaubt der Mann alles, was je gegen dich vorgebracht wird. Er hat mir deine Akzepte gezeigt, und mir beinahe zu verstehen gegeben, daß ich mit dir im Einverständnis war und dir geholfen habe, ihm Geld abzunehmen. Und diese Schmach hast du über mich gebracht!«

»Wo ist er?« fragte Wallingford mit unsicherer Stimme.

»Das sage ich dir nicht«, antwortete die Frau. »Er ist heute früh abgereist. Ich habe mir schon gedacht, da du mich doch an ihn verkauft hast, ob ich nicht am Ende ...«

Sie waren im Empfangssaal in ihrer Hotelwohnung. Jetzt öffnete Fanny die Tür zu einem anstoßenden Zimmer.

»Wohin gehst du?« fragte er, ihr auf dem Fuß folgend.

Ein Lachen, das unangenehmste Lachen, das er je von ihr gehört hatte, war ihre einzige Antwort. Sie schritt rasch ins nächste Zimmer und schloß die Tür, und bevor er diese erreichen konnte, hatte sie sie verriegelt. Auch den anderen Eingang in das Zimmer, den vom Vestibül aus, fand Wallingford verschlossen.

Als er noch überlegte, wie er sich in dieser sehr fatalen Lage verhalten sollte, trat Maylie aus dem Lift und schritt auf Wallingford zu.

»Habe schon gehört, daß Sie zurückgekommen sind«, sagte der Rechtsanwalt im lässigen Tone alter Vertraulichkeit. »Was machen die ›kleinen Geschäftchen‹?«

Der junge Mensch stand vor der offenen Salontür, so daß das Licht voll auf sein Gesicht fiel. Wallingford, der mehr im Schatten stand, konnte so seine Züge genau studieren, ohne sich selbst allzu genau betrachten lassen zu müssen. Auf Maylies Antlitz lag ein ganz neuer Zug, ein Selbstbewußtsein, das hart an Unverschämtheit grenzte. Fanny hatte augenscheinlich recht: Maylie hatte sich Berichte über Wallingford verschafft.

»Treten Sie näher«, lud dieser den Anwalt herzlich ein, und Maylie trat in den Salon. Es war bezeichnend, daß er seinen Hut auf dem Kopf behielt, bis er sich gesetzt hatte.

»Die ›kleinen Geschäftchen‹ gehen ganz gut«, fuhr Wallingford fort. »Wir werden die Sache schon richtig fingern.«

Maylie lachte.

»Sie sind doch ein ganzer Kerl«, sagte er; »nach allem, was man von Ihnen hört, müssen Sie ein ganz großartiger Kopf sein. Was Sie auch anfassen, Milchpfropfen, Teppichnägel, Lebensversicherung, Registrierkassen – Sie gewinnen bei jedem Geschäft.« Nach diesem deutlichen Wink, daß er die Vergangenheit Wallingfords kenne, zündete er mit arroganter Lässigkeit eine Zigarette an und stand dann auf, um die Tür zum Vestibül, die ein wenig offen gelassen worden war, zu schließen.

Die halb geschlossenen Augen Wallingfords folgten ihm über das Zimmer mit einem Ausdruck, der für Mr. Maylie nichts Gutes bedeutete. Als dieser sich aber umwendete, sah er, daß Wallingford herzlich lachte.

»Das kommt davon, daß ich selten das heiße Ende des Eisens anfasse«, sagte er. »Haben Sie die Bank benachrichtigt?«

»Die Bank will das Akzept sofort einklagen, da die ›Pneumatische‹ nicht in der Lage ist, es einzulösen. Die Gesellschaft hat keine Mittel, und der Geldmarkt ist hier in dieser Stadt seit einem Monat so steif, daß es den Mitgliedern so gut wie unmöglich sein wird, auf ihre kleinen Sicherheiten Geld aufzunehmen. Aber selbst wie sie dies tun könnten, sind sie so verschüchtert und erschreckt, daß nicht einer von ihnen, außer Klug, auch nur mit einem Dollar mehr herausrücken würde. Sie wollen es auf den Zwangsverkauf der Gesellschaft ankommen lassen. Das ist doch gerade, was Sie haben wollen, he?«

»Darüber möchte ich mich nicht auslassen«, entgegnete Wallingford. »Je weniger wir selbst bei geschlossenen Türen sprechen, desto besser.«

»Das stimmt schon«, pflichtete Maylie bei. »Trotzdem müssen wir über einen gewissen Punkt unbedingt sprechen. Was haben Sie im Osten fertig gebracht?«

»Ich habe Ihnen doch soeben gesagt, Sie sollen nicht allzu neugierig sein.«

»Ich will auch gar nicht mehr wissen, als mich persönlich interessiert«, erklärte Maylie. »Ich will und muß aber wissen, was dabei für mich herausschaut.«

»Die Erfahrungen, die Sie mit mir gemacht haben, müßten Sie belehrt haben, daß ich kein Knauser bin und daß wir über die Höhe Ihres Honorars nicht in Streit geraten werden.«

»Das weiß ich schon«, antwortete Maylie. Er lehnte sich mit einem Lachen, das schon mehr eine Hohnlache war, vorneüber. »Ich verlange aber mehr als meine Gebühren, und ich werde auch mehr zu bekommen wissen!«

Einen Augenblick lang hätte Wallingford beinahe seine geschmeidige Ruhe vergessen; was er aber auch im Sinne haben mochte, er hielt die verworrenen Enden seiner Pläne fest und sicher im Auge.

»Dann sind wir wohl alle beide Gauner, he?« sagte er lächelnd, und der zustimmende Ausdruck in Maylies Gesicht zeigte ihm, daß er auf der richtigen Spur war. »Ich kann mir natürlich denken, daß Sie mich irgendwie in der Hand haben und daher einen Druck auf mich ausüben können«, fügte er, wie zögernd, hinzu. »Sagen wir also 10 000 Dollars für Sie, wenn das Geschäft glatt durchgeht.«

»Das läßt sich hören«, rief Maylie erfreut aus. Er erhob sich lebhaft von seinem Sitz und schüttelte dem anderen begeistert die Hand. »Sie können auf mich zählen.«

»Das tue ich auch«, sagte Wallingford, der ebenfalls aufstand. Er hielt die Hand des Rechtsanwalts noch immer in der seinen und wandte seinen Rücken dicht dem Fenster zu, so daß Maylie gezwungen war, ins Licht zu sehen. »Ich betrachte Sie von diesem Augenblick an als Freund und Genossen.«

Als er diese Worte aussprach, kam in die kleinen, dicht nebeneinander liegenden Augen Maylies jenes leise Zucken, auf welches Wallingford gewartet hatte. Dieses Zucken bedeutete eine Ablehnung; bedeutete, daß Maylie seine eigenen Pläne für sich behielt. Der im Spiel der Intrige und Gegenintrige so bewanderte Wallingford hatte es leicht, diesen Dilettanten zu durchschauen. Er entließ den Rechtsanwalt in dem Glauben, daß er, der geschickte Ränkeschmied, sich in die Gewalt des anderen begeben habe.

Als Maylie das Zimmer verlassen hatte, wandte Wallingford seine Aufmerksamkeit wieder den verschlossenen Zimmern zu.

Das Stillschweigen, das in diesen Zimmern herrschte, war drückend geworden, und blasse Furcht begann sich Wallingfords zu bemächtigen. Er klopfte an die dem Salon zunächst liegende Tür, erhielt aber keine Antwort. Dann ging er nochmals ins Vestibül und versuchte, jede der Türklinken zu öffnen, doch vergeblich. Zu seiner Überraschung öffnete sich jedoch die Tür zu dem kleinen Gepäckraum. Nichts von dem, was seiner Frau gehörte, war mehr sichtbar. Leere Schubfächer standen offen, und die zwei größten Handkoffer waren fort. In der Ecke stand ein Koffer weit offen, und er sah, daß seine Frau die schwereren Gegenstände von geringerem Wert darin teils zurückgelassen, teils auf dem Boden verstreut hatte. Er telephonierte sofort von seiner Wohnung aus an das Hotelpersonal und empfing die Antwort, daß seine Frau das Hotel tatsächlich verlassen hatte. Zu welchem Bahnhof sie gefahren sei, wußte niemand anzugeben; er erfuhr nur, daß sie einen Wagen hatte kommen lassen und in großer Eile davongefahren war. Er ließ sich schnell ein Kursbuch bringen und studierte es in fieberhafter Hast. Fast genau in diesem Augenblick gingen Züge von zwei verschiedenen Bahnhöfen, die mehr als drei Meilen voneinander entfernt lagen, ab. Es war ganz unmöglich, schnell genug zu ermitteln, nach welchem Bahnhof sie gefahren war. Eine furchtbare Angst befiel ihn. Er verfiel auf den Gedanken, daß sie mit dem Dr. Feldmeyer durchgegangen sei, ein Gedanke, der ihm zuerst beinahe unfaßbar erschien. Daß sie eine solche Rache für den Schimpf nehmen würde, den er ihr angetan, war ein Gedanke, auf den eben nur ein Mann von seiner Veranlagung und seinen sittlichen Grundsätzen überhaupt verfallen konnte. Denn so beurteilte Wallingford sich selbst, so die ganze Menschheit. Er war rasend. Im Bureau des Dr. Feldmeyer war die Tür ebenfalls versperrt, und vor der Wohnung hing ein Zettel: Zu vermieten!

Der nächste Zug entführte Wallingford nach dem Osten. Mehrere Tage lang versuchte er, die Spuren der beiden zu verfolgen; schließlich gelang es ihm, in Erfahrung zu bringen, daß der Doktor nach Europa gereist war. Sein Name stand auf der Passagierliste eines kürzlich abgegangenen Ozeandampfers. Seine Frau mochte auf derselben Liste unter irgendeinem angenommenen Namen versteckt sein.

Wallingford, der noch immer an dem Glauben festhielt, daß seine Frau sich in der Gesellschaft Feldmeyers befinde, reiste gleichfalls nach Europa. In Deutschland fand er den Doktor und überzeugte sich, daß dieser allein gereist war. In all seiner Freude darüber konnte Wallingford – und das war für ihn bezeichnend – sich nicht enthalten, den Doktor mit großem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß er, Wallingford, ihn mit seinem eigenen Geld verfolgt und aufgespürt hatte – mit dem nämlichen Geld, das der nämliche Doktor ihm geliehen hatte.

Die Gewißheit, daß seine Frau ihm nicht untreu geworden war, beruhigte ihn indessen nur halb, solange er ihren jetzigen Aufenthaltsort nicht kannte. Er reiste, so schnell es ging, nach Amerika zurück, und beschloß, »Blackie« Daw mit der Suche nach Fanny zu beauftragen. Blackie aber lachte nur, als Wallingford ihm diesem Wunsch aussprach, und überreichte ihm einen Brief. Einerseits um ihren Mann zu bestrafen, und andererseits, um ihr längst still gehegtes, unbestimmtes Bedürfnis nach einem ruhigen Leben zu befriedigen, hatte Fanny sich in ein kleines Dorf zurückgezogen, wo sie von dem Erlös eines Teiles ihrer Juwelen eine Zeitlang behaglich lebte. Das stille Bedürfnis erwies sich aber bald als trügerisch. Sie war der ungewohnten Einsamkeit schon müde geworden und sehnte sich nach ihrem »Jim«, der schleunigst zu ihr reiste.

»Ich kann mir nicht helfen«, gestand sie ihm. »Du wandelst auf krummen Pfaden, aber du hast mich durch Luxus verwöhnt.«

»Ich werde dich doch weit mehr verwöhnen«, rief er in seiner Herzensfreude aus und liebkoste sie mit einer überschwenglichen Zärtlichkeit, die bei seinen riesigen Körperausmaßen sich fast komisch ausnahm. »Ich muß mich jetzt aber schnellstens nach meinem neuen Geschäft umsehen, sonst geht die Sache schief.«

Es war tatsächlich die höchste Zeit für ihn, sich wieder um seine Geschäfte zu kümmern. Er konnte von Maylie keine Nachricht über den Zwangsverkauf erhalten, über dieses strategische Manöver, das er geplant hatte von dem Tage an, an dem er mit Karl Klug in Verbindung getreten war. Auf drei Telegramme hatte er keine Antwort von Maylie erhalten, und an einen anderen mochte er sich bei dem jetzigen Stand der Dinge nicht wenden. Er ließ seine Frau zunächst in dem kleinen Dorf zurück und reiste mit dem nächsten Zug zu Karl Klug. In dessen Wohnung traf er die Mitglieder der Gesellschaft in sehr trauriger Gemütsverfassung vor.

»Da ist er!« rief Jens Jensen aus, als Wallingford die Werkstatt betrat. »Ich habe immer gesagt, er ist ein Betrüger.«

Klug blickte Wallingford mit trüben Augen an. Otto Schmitt erhob sich in seiner ganzen, starkknochigen, drohenden Höhe. Henry Vogel legte seine Hand auf Ottos Arm.

»Warte erst einen Augenblick«, mahnte er. »Du weißt ja noch nicht sicher, wie die Dinge sich verhalten.«

»Ja, was ist denn eigentlich los?« fragte Wallingford, der beim Anblick der feindlichen Mienen der Männer die beabsichtigte herzliche Begrüßung unterließ.

»Sie haben das absichtlich getan«, beschuldigte ihn Jensen und schüttelte seine hagere Faust. »Sie haben sich das Akzept von uns geben lassen, und darum müssen wir jetzt unser Geschäft zusperren. Sie haben gesagt, Sie wollen uns mit Ihrem ganzen Vermögen beispringen. Aber entweder haben Sie gar kein Vermögen, dann sind Sie ein Lügner, oder Sie haben Vermögen und helfen uns doch nicht, und dann sind Sie auch ein Lügner, auf jeden Fall sind Sie also ein Betrüger.«

»Meine Herren,« sagte Wallingford mit strenger Miene, »die Frage, ob ich Geld habe oder nicht, wollen wir hier nicht erörtern. Die Hauptsache, auf die es allein ankommt, ist die: wenn einer von Ihnen Geld hätte, würde er willens sein, es zum Kampf gegen die Millionen der ›Amerikanischen Registrierkassen-Gesellschaft von Neujersey‹ zu verwenden? Würden Sie das tun, Mr. Jensen?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Jens mürrisch. »Ich halte Sie für einen Betrüger.«

Wallingford zuckte die Achseln.

»Und Sie, Mr. Schmitt?« fragte er.

»Nein«, erklärte Otto und seine geballte riesige Faust löste sich.

»Und Sie, Mr. Vogel?«

Der lehnte ebenso bestimmt ab wie Schmitt. Das hieße doch nur, schlechtem Gelde gutes nachwerfen.

»Ich frage jetzt Sie, Mr. Klug. Würden Sie es tun, Karl?«

»Jawohl«, erklärte er mit größter Bestimmtheit. Sein Schnurrbart sträubte sich, in seinem Gesicht stiegen rote Flecken auf, wie immer, wenn er erregt war. »Jawohl, jeden Pfennig, den ich besitze, würde ich anlegen. Es ist ein gutes Patent. Es ist eine gute Maschine. Es steckt Geld darin.«

»Vielleicht«, sagte Wallingford. »Lassen Sie sich aber erzählen, was ich auf meiner Reise nach dem Osten erfahren habe. Fünf Jahre lang hat die ›Hammond-Gesellschaft für Automatische Kassen‹ mit Zähnen und Klauen gegen die ›Amerikanische‹ gekämpft und schließlich ihr Geschäft an diese für 200 000 Dollars verkauft, was für die Hammond-Leute einen Verlust von netto einer Viertelmillion bedeutete, ganz abgesehen von dem Zeitverlust. Gleichzeitig ist die ›Kleyes-Gesellschaft für Rechenmaschinen‹, die über 300 000 Dollars Kapital verfügte, von der ›Amerikanischen‹ zu Tode prozessiert worden und hat nicht einen Pfennig übrig behalten. Ganz ebenso erging es der ›Burch-Gesellschaft‹, der ›Gesellschaft für elektrische Verkaufskontrolle-Apparate‹ und der ›Wakeford & Littleman-Gesellschaft für Kontor- und Ladenbedarf‹ – alles reiche, erfahrene Geschäftsleute. Das Akzept, das Sie mir gegeben haben, ist ein unwesentliches Detail. Sie haben die 10 000 Dollars erhalten, haben sie im Geschäft verbraucht, und sie sind eben nicht mehr da. Selbst wenn Sie nicht 10-, sondern 100 000 Dollars hätten, so würde auch dieses Geld in dem nämlichen Loch verschwinden; denn wie ich erfahren habe, legt die ›Amerikanische‹ von jeder Maschine, die sie verkauft, 25 Dollars für Patentprozesse beiseite. Da aber Jensen anscheinend der Meinung ist, daß ich ein Mensch bin, der sein Wort nicht hält, so erkläre ich Ihnen folgendes: Wir sind unserer sieben in der Gesellschaft; ich lege sofort 10 000 Dollars ein, wenn die übrigen 30 000 Dollars aufbringen. Wir lösen das Akzept ein und engagieren Rechtsanwälte, um gegen die ›Amerikanische‹ für uns zu prozessieren, solange das Geld reicht. Damit Sie auch sehen, daß mein Vorschlag ernst gemeint ist – hier sind die 10 000 Dollars, und ich lege sie zu Händen unseres Schatzmeisters in dem Augenblick, in dem Sie sich bereit erklären, die 30 000 Dollars zu beschaffen.«

Er holte aus seiner Brieftasche zehn Banknoten zu 1000 Dollars hervor. Es war das erstemal, daß die Männer so großes Geld sahen, und der Anblick machte auf sie ersichtlich Eindruck.

»Ich kann 5000 Dollars auf mein Haus und die Werkstatt aufnehmen«, sagte Klug hoffnungsvoll, aber ein Blick auf die abweisenden Gesichter seiner Freunde genügte, um seine Hoffnungen wieder zu zerstören. Wallingford war in ihren Augen gerechtfertigt, aber der Glaube an Karl Klugs Erfindung war geschwunden. Der Verkauf der Gesellschaft mußte doch immerhin etwas bringen, vielleicht sogar genug, um das Akzept einlösen zu können. Wenn sie ohne weitere Verluste davonkämen, so würden sie sich glücklich schätzen.

»Wann findet der Zwangsverkauf statt?« fragte Wallingford.

»Morgen um zehn Uhr vormittags. Hier.«

»Gut«, sagte er. »Wenn Sie, meine Herren, vor dieser Zeit von meinem Anerbieten Gebrauch machen wollen, so soll es mir recht sein.« Damit legte er das Geld in seine Brieftasche zurück.

Er hatte erfahren, was er wissen wollte, und war mit dem Ergebnis seines Besuches sehr zufrieden. Sein Anerbieten, der Gesellschaft einen weiteren Geldbetrag zur Verfügung zu stellen, »falls die anderen 30 000 Dollars aufbringen wollten«, hatte die gewünschte Wirkung hervorgerufen: es hatte sie nunmehr gänzlich abgeschreckt.

In sein Hotel zurückgekehrt, wurde ihm gemeldet, daß dreimal telephonisch nach ihm gefragt worden sei, alle drei Male vom selben Teilnehmer aus, der seine Adresse als Zimmer 425 eines gewissen anderen Hotels angegeben hatte. Wallingford beantwortete den Anruf erst von seinem Zimmer aus. Er sprach sehr kurz.

»Nein, kommen Sie nicht zu mir«, sagte er befehlenden Tones. »Ich habe heute den ganzen Tag über keine Zeit, und morgen erst nach dem Verkauf. Er findet um zehn Uhr in Nummer 2245 Poplar Street statt. Bleiben Sie, wo Sie jetzt sind. Ich schicke Ihnen das Bewußte in einer Stunde.« Damit hängte er den Hörer auf.

Eine Minute später läutete er den Anwalt Maylie an. Wenn dieser irgend etwas gegen Wallingford im Schilde führte, so ließ er es, als er Wallingfords Stimme vernahm, jetzt nicht merken. Daß Wallingford zurückgekehrt war, wußte er bereits. Seine Antwort am Telephon auf dessen Anruf war die Herzlichkeit selbst: aber selbstverständlich, sofort würde er zu Wallingford kommen. Aber noch herzlicher empfing ihn Wallingford in seinem Zimmer.

»Sie müssen einfach mit mir dinieren, alter Knabe«, sagte dieser. »Ich habe eine Menge Dinge mit Ihnen zu besprechen.«

»Ich habe eine Vereinbarung«, war Maylies zögernde Antwort. Er hatte in Wirklichkeit keine, er wäre aber am liebsten gerade an diesem Abend allein gewesen.

»Unsinn«, widersprach Wallingford. »Das da ist wichtiger. Es bedeutet Geld für uns beide. Wir lassen uns das Diner hierher auf mein Zimmer bringen. Wir müssen heute abend allein sein. Es könnte irgendeiner, der uns nicht paßt, am nächsten Tisch sitzen. Sie verstehen.«

Zehn Minuten später, als Maylie hörte, was Wallingford bestellte, war er froh, daß er die Einladung angenommen hatte. Er hatte schwere Fronarbeit (allerdings für sich selbst) geleistet und fühlte sich nun berechtigt, sich ein wenig gütlich zu tun. In weiteren zehn Minuten wurde eine Flasche Champagner geöffnet, und Wallingford entfernte sich, nachdem er ein Glas getrunken, um sich vom Reiseschmutz zu säubern. Als er, rein und erfrischt, zurückkam, war die Flasche beinahe leer, und Maylie, in einen großen Klubsessel zurückgelehnt, blies in ungemein zufriedener Seelenverfassung Rauchringe zur Decke empor.

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