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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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11. Kapitel.
Worin Mr. Neil plötzlich ein lebhaftes Interesse an dem Unternehmen nimmt und Mr. Wallingford ausgeschaltet wird.

Am darauffolgenden Tage hatte Neil eine großartige Idee: es sollte ein »Allerhöchstes Ordenskonklave« mit großem Pomp abgehalten werden, das von allen Logen des Ordens beschickt werden und in dem eine auserlesene Schar von Großmeistern das feierliche Rituale zelebrieren sollte. Ein Allerhöchstes Konklave war bisher noch nie abgehalten worden, und Neil meinte, der Orden habe ein solches nötig, um neue Begeisterung unter den Mitgliedern zu entfachen. Clover ging auf die Idee sehr gern ein; würde sie ihm doch Gelegenheit bieten, eine seiner bombastischen Reden zu halten, die er so gern vom Stapel ließ. Da dieser Zweig des Unternehmens – das Versicherungs- und das Logenwesen – ganz ihm und Neil überlassen worden war, so erhob Wallingford keinen Einwand, und der Plan wurde zur Ausführung gebracht. Neil begab sich sofort auf die Tour. Er und Minnie wechselten täglich Briefe. Mit dem Mädchen war eine große Veränderung vorgegangen; sie war viel ernster geworden, wenngleich sie nach außen hin den munteren, leichten Ton im Verkehr mit Wallingford absichtlich beibehielt; sie fühlte, daß dies der beste Schutz gegen ihn war. Sie wehrte seine Avancen scherzend ab, verstand es aber dabei, diesen sonst so erfahrenen Weltmann fernzuhalten und ihn manchmal sogar in Verlegenheit zu setzen. Eines Tages, als sie eben wieder seine Hand von ihrem Kinn fortgestoßen hatte, sah sie ihn nicht strafend, wie er erwartete, sondern mit bezauberndem Lächeln an und sagte:

»Da fällt mir ein, Mr. Wallingford, daß wir beide etwas vergessen haben. Die erste Vierteljahreszahlung für die Familie Bishop ist längst fällig.«

»Was ist längst fällig?« fragte er erstaunt.

»Als meine Mutter auf Ihr Zureden die Aktien kaufte, da versprachen Sie und Mr. Clover ihr – Sie erinnern sich doch? – daß ihr dies 12 % bringen würde, alle drei Monate zahlbar.«

»Ach ja«, sagte er mit einem fragenden Blick auf sie. Bevor sie nach Hause ging, überreichte er ihr ein Kuvert mit 30 Dollars.

Sie notierte den Betrag auf einem Zettel, wie um sich am nächsten Tage daran zu erinnern, daß die Zahlung in das Kassabuch eingetragen werden müsse, und legte den Zettel in ihre Schublade.

Wallingford, der dies bemerkte, rief ihr hastig zu: »Sie brauchen das Geld nicht gleich zu buchen. Heben Sie den Zettel auf, bis wir unsere Dividende erklärt haben, dann können alle solchen Zahlungen gleichzeitig gebucht werden.«

Sie dankte ihm für die 30 Dollars und ging mit dem Geld nach Hause.

Am nächsten Vormittag trat sie auf Wallingford zu, der eben mit gefurchter Stirn über einem Notizbuch brütete, das er sorgfältig in der Schublade verschlossen zu halten pflegte.

»Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen,« sagte sie, »daß meine Mutter ihre Einlage zurückzuziehen beabsichtigt. Wir benötigen die 1000 Dollars dringend und müssen sie sofort haben.«

Wallingfords erste Regung war, ihr davon abzuraten; als er aber nachdenklich auf seinen Rolladen-Schreibtisch blickte, besann er sich eines andern. Das Mädchen stand neben ihm und blickte auf ihn herunter. Mit seinem dicken Hals und aufgedunsenen Wangen kam er ihr wie eine riesige Kröte vor.

»Haben Sie den Anteilschein bei sich?« fragte er nach einer kleinen Weile.

Sie hatte ihn nicht bei sich.

»Dann bringen Sie ihn Nachmittag mit,« sagte er, »und Ich werde Ihnen einen Scheck auf 1000 Dollars geben.«

Minnie zögerte einen Augenblick und zog den Atem scharf ein. Dann sagte sie »Gut« und ging nach Hause.

Als sie am Nachmittag zurückkam, blieb sie im Vorzimmer einen Augenblick lang stehen, um ihrer Erregung Herr zu werden. Dann trat sie mutig in Wallingfords Bureau. Er saß an seinem Schreibtisch und wandte ihr, als sie ihm den Anteilschein hinlegte, das mehr als sonst gerötete Gesicht zu. Seine roten Augen verrieten, daß er dem Wein wieder einmal mehr, als ihm zuträglich war, zugesprochen hatte. Festen Tones fragte sie ihn:

»Haben Sie den Scheck ausgeschrieben, Mr. Wallingford?«

»Das hat ja keine Eile«, antwortete er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich habe hier Arbeit für Sie, die zuerst erledigt werden soll.«

»Es wäre mir aber lieber, wenn Sie den Scheck jetzt gleich ausstellten,« drängte sie, »damit die Sache nicht vergessen wird.«

Nicht ohne Anstrengung füllte er das Formular aus und unterzeichnete es. Dann sah er blinzelnd zu, wie ihre schlanken, weißen Finger das Papier zusammenfalteten und es in ihre Handtasche steckten. Mit einem Male schlang er seinen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Was sich jetzt ereignete, war die größte Überraschung seines Lebens. Keuchend vor Wut, stach Minnie mit ihrer scharfen Hutnadel nach ihm, hierhin, dorthin, wo sie gerade hintraf.

»Ich habe es hier monatelang ausgehalten,« schrie sie ihn, hysterisch schluchzend, an, »länger, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich wollte aber erst die 1000 Dollars sicher haben, die unser ganzes Vermögen sind. Ich habe es hier ausgehalten, trotzdem Ihr bloßer Anblick mich anekelte. Ich weiß längst, daß Sie ein Gauner sind, Sie widerwärtige Kreatur, und deswegen bin ich geblieben, bis Sie mit dem Scheck herausgerückt sind!«

Wie betäubt stand er da und befühlte seine Wunden. Die Hutnadel war auch in seine Wange gedrungen, aus der das Blut floß. Als er sein blutiges Taschentuch von der Wange wegnahm, überfiel ihn die Wut. Er schritt drohend auf sie zu.

»Unterstehen Sie sich nur!« schrie sie und stürzte hinaus. –

Drei Tage lang mußte Wallingford zu Hause bleiben und sich von seiner Frau pflegen lassen, der er erzählte, er sei von einem Strolch, »einem halbverrückten Ausländer«, mit einem Stilett überfallen worden. Dann begab er sich wieder auf Reisen, um Aktien zu verkaufen. Eine Woche war er unterwegs, als ein dringendes Telegramm ihn zurückberief. Er war zwar auf alles gefaßt, glaubte aber dieses Mal, er solle nach Chicago zurückkehren, weil morgen der erste Tag des auf drei Tage berechneten Allerhöchsten Konklaves des »Hohen Ordens der Freundeshand« war.

Er kehrte um 8 Uhr abends nach Chicago zurück, und als sein Automobil vor dem großen Gebäude, in dem sich die Geschäftsräume der Gesellschaft befanden, stoppte, sah er, daß die Fenster der Bureauräumlichkeiten hell erleuchtet waren. Was mochte da nur los sein? Er eilte hinauf und war überrascht, als er das große Sprechzimmer voll von Menschen mit harten Gesichtszügen fand, die in ihren Sonntagsanzügen steif dasaßen. Darunter waren einige Männer aus der Umgebung der Stadt, denen er Aktien verkauft hatte. Als er die Tür öffnete, trafen ihn finstere Blicke, und einige Männer machten Miene, sich von ihren Sitzen zu erheben. Sie setzten sich aber wieder, als Mr. J. Rufus Wallingford ihnen mit herzlichem Gruß zulächelte und die ihm bekannten Herren durch ein freundliches Kopfnicken besonders auszeichnete.

Die Nächte fingen schon an, kalt zu werden, und Wallingford trug einen mit kostbarem Pelz ausgeschlagenen Ulster von tadellosem Schnitt, so daß der stattliche Mann wie die verkörperte Eleganz aussah. Er trug die feinsten Lackschuhe und einen in sieben Reflexen strahlenden Zylinder. An der unbehandschuhten rechten Hand war ein großer Diamant zu sehen. Sein vorn offener Ulster ließ eine funkelnde Krawattennadel, eine seidene Krawatte vom letzten Muster und eine gestickte Weste sehen. Er trug den Kopf hoch, als wollte er sagen: ich möchte den sehen, der an mich herankommen will!

In den inneren Bureauräumlichkeiten saß zu Wallingfords großem Erstaunen Minnie Bishop und arbeitete emsig über den Geschäftsbüchern. Als sie seine zornig gerunzelte Stirn sah, blickte sie ihn trotzig an. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür eines Nebenzimmers. Clover trat ein und begrüßte Wallingford mit kurzem Kopfnicken.

»Kommen Sie hier herein«, sagte er rauh. »Ich habe mit Ihnen zu reden.«

Einer der vielen »unausbleiblichen Augenblicke« im Leben Wallingfords war wieder einmal gekommen. J. Rufus war auf ihn vorbereitet.

»Aber gern«, sagte er mit aufreizender Freundlichkeit. Er trat ein und ließ Clover die Tür zumachen; setzte sich dann behaglich in einen bequemen Klubsessel neben dem Schreibtisch und zündete eine Zigarre an; Clover nahm auf dem Drehstuhl Platz.

»Wer sind die Spießer da draußen?« fragte Wallingford nebenher und zog kritisch den Rauch seiner ½-Dollar-Perfecto ein.

»Neils auserlesene Großmeister für das Konklave«, antwortete Clover kurz. »Er hat sie für heute abend hierher berufen, um ihnen, glaub' ich, einige Instruktionen zu erteilen, ist aber selbst noch nicht da. Aber das ist seine Sache. Ich muß Sie in einer ganz anderen Angelegenheit sprechen.«

»Heraus damit«, sagte Wallingford, munter einladend, und stellte seinen Zylinder sorgfältig auf einen reinen Bogen Papier. Er lächelte noch immer, aber in seinen Augen zeigte sich bereits ein verräterischer Glanz.

»Jawohl, ich werde schon ›heraus damit‹ kommen, ob Sie mich dazu auffordern oder nicht!« rief Clover ihm zornig zu. »Sie haben ja ein schönes Spiel mit uns getrieben! Für jede Aktie, die Sie für die Gesellschaft verkauften, haben Sie fünf von Ihren eigenen verkauft und das Geld eingesteckt.«

»Ja, warum denn nicht?« gab Wallingford mit unverschämter Ruhe zu. »Warum sollt' ich nicht? Das Geld, das ich eingesteckt habe, war der Erlös meiner Aktien, also mein Geld.«

»Ich weiß genau, wieviel Sie für die Gesellschaft und wieviel Sie von Ihren eigenen Aktien verkauft haben. Sie haben etwas über 20 000 für die Gesellschaft placiert und – – –«

»Und 5000 für Sie«, erinnerte ihn Wallingford.

Clover wurde rot. »Von Ihren eigenen Aktien haben Sie für nahezu 60 000 Dollars verkauft«, sagte er bitter. Wie konnte ein Mensch so unehrlich sein! Wie konnte man ihn, den durchtriebenen Clover, so übervorteilen! Ihn mit lumpigen 5000 abspeisen und selbst 60 000 Dollars einstecken! Wie ist doch die Welt so schlecht! »Sie haben mich übertölpelt«, fuhr er fort. »Als Sie meine Aktien verkauften, haben Sie jeden Käufer nachdrücklich instruiert, die Anteilscheine an unser Bureau zu schicken und sie auf seinen Namen umschreiben zu lassen. Als Sie aber Ihre Aktien verhökerten, haben Sie den Leuten nichts vom Umschreiben gesagt, so daß nur die ganz Wenigen, die hierin Bescheid wußten, uns die Anteilscheine schickten. Auf diese Weise habe ich natürlich nicht gleich bemerken können, daß Ihre eigenen Verkäufe ins Große gingen. Sie haben fast ganz ausverkauft, und mir haben Sie den leeren Beutel hinterlassen.«

»Das stimmt«, gab Wallingford zu. Er nahm sich gar keine Mühe, zu verhehlen, daß Clovers zornige Klage ihn belustigte. »Ich habe noch einige Aktien in meinem Schreibtisch, die ich Ihnen gern schenke. Ich trete aus der Gesellschaft aus, mein Bester.«

»Das werden Sie nicht tun!« schrie Clover und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wir haben die Sache gemeinschaftlich unternommen, jeder die Hälfte, und ich verlange meinen Anteil!«

Wallingford lachte. »Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich niemals Geld herausgebe. Mein Vorgehen ist streng gesetzlich. Nehmen Sie sich in acht, Sie werden gleich ersticken!« setzte er hinzu, als Clovers Gesicht sich dunkelrot färbte. »Gleich kommt ein Anfall! Aber Scherz beiseite: als ich die Gesellschaft in meine Hand nahm, haben Sie auf dem letzten Loch geblasen. Seither haben Sie ein Gehalt von 100 Dollars wöchentlich bezogen, ich habe Aktien für 5000 Dollars für Sie verkauft, und Sie haben jetzt noch Aktien im Wert von nahezu 60 000 Dollars übrig. Es steht Ihnen frei, dasselbe zu tun, was ich getan habe: Ihre Aktien verkaufen und austreten. Ich bin schon ausgetreten. Ich habe, was ich brauche, und jetzt gehe ich!«

Die Tür hatte sich geöffnet und Neil stand an der Schwelle.

»Jawohl, Sie werden gehen!« rief er aus. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen funkelten, und seine Fäuste waren geballt. »Ihr werdet beide gehen, aber ganz anders, wie ihr es euch vorgestellt habt! Kommt nur einmal hierher! Einige meiner Freunde sind im Sprechzimmer und wollen mal mit euch sprechen!«

Clover wurde aschfahl, aber Wallingford sprang vom Stuhl auf. »Sagen Sie den Leuten, sie sollen sich zum Teufel scheren!« rief er Neil höhnisch zu. Seine Augen waren weit aufgerissen, so daß das Weiße sichtbar wurde. Er war nicht weniger erschrocken als Clover, aber er wollte versuchen, sich bis zum letzten Augenblick mutig zu zeigen.

»Treten Sie hier ein, meine Herren!« rief Neil jetzt den im Sprechzimmer Versammelten zu.

Sie kamen eilig herbei und drängten sich in den kleinen Raum, der bald so voll gepackt war, daß Neil, Wallingford und Clover Schulter an Schulter, eng nebeneinander, vor Clovers Schreibtisch standen.

»Was soll das bedeuten?« wollte Wallingford wissen. Er schoß zornige Blitze auf die Eindringlinge, die er um mehr als Kopfeslänge überragte. Wen sein zorniges Auge traf, der mußte die seinen senken. Einige Männer, die ihre Hüte nicht abgenommen hatten, taten es jetzt schleunigst. Noch wußte er wie ein Lord aufzutreten, und noch tat es seine Wirkung.

»Sie können uns nicht bluffen!« schrie Neil, der neben ihm stand, und hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht. In fast komisch wirkendem Gegensatz stand die riesige Körpergestalt Wallingfords zu dem schmächtigen Neil, aber dessen Zorneseifer ließ ihn größer erscheinen, hob ihn über sich selbst hinaus. »Stellen Sie sich vor, meine Herren!« fuhr er fort, und der Grimm schwellte seine Halsadern, »in den vier Monaten, seit dieser Mann hier ist, hat er 60 000 Dollars den schwer arbeitenden Mitgliedern unseres Ordens geraubt, hat sie in die eigene Tasche gesteckt und will jetzt damit ausrücken! Während ich mich noch bemühte, diesen Sachverhalt festzustellen, hat das junge Mädchen da drin ihn als den Schuft entlarvt, der er ist. Er hatte unsaubere Absichten mit ihr, sie aber – sie ...« Die Erregung schien ihn zu übermannen, denn statt den Satz zu vollenden, schlug er mit der Faust auf die flache Hand. »Sie sind ein schlauer Mensch, Mr. Wallingford,« fuhr er fort, »aber trotzdem haben Sie einige Fehler gemacht. Darunter den, daß Sie mich auswärts schickten, damit Sie ungestört ...« Wieder versagte seine Stimme, und er grub, um nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren, seine Fingernägel in die andere Hand. »Sie dachten wohl, Mr. Wallingford, daß diese Versammlung hier eine Volksbelustigung für unsere Mitglieder sei? Ganz und gar nicht. Diese Herren sind als Vertreter der geschäftlichen Interessen ihrer Freunde und Ordensbrüder hier versammelt. Wir werden den Orden wieder auf ein gesundes Fundament stellen, und wir werden zunächst die Schädlinge ausrotten. Sie unsauberes Subjekt haben in den vier Monaten, seit Sie hier ankamen, über 14 000 Dollars ausgegeben. Sie haben ferner 45 000 Dollars in der ›Second National Bank‹. Alles dieses Geld haben Sie armen Leuten geraubt! Woher ich weiß, daß Sie 45 000 Dollars auf der Bank haben? Sie haben vor drei Tagen Ihr Bankbuch verloren, und ich habe es gefunden! Und auch Sie, James Clover, sind ein Dorn im Körper des Ordens. Sie haben ihn ins Leben gerufen, und dafür wird man Ihnen erlauben, die 5000 Dollars zu behalten, die Wallingford Ihnen für Ihre Aktien abgeliefert hat. Die noch in Ihrem Besitz befindlichen Aktien werden Sie der Gesellschaft überschreiben. Dann nehmen Sie für immer Abschied von dem Orden. Sie aber, Mr. J. Rufus Wallingford, Sie werden sofort einen auf die Order der Gesellschaft lautenden Scheck in Höhe von 45 000 Dollars ausschreiben!«

»Was Sie von mir verlangen, ist ungerecht, ist absurd«, winselte Wallingford.

»Schreiben Sie sofort den Scheck aus!« schrie Neil mit einem bezeichnenden Blick auf die anwesenden Männer.

Noch einmal gab Wallingford sich Mühe, Eindruck zu machen, er zog die Brauen finster zusammen und versuchte, zornig dreinzublicken. Es gelang ihm aber nicht mehr. Er atmete schwer, auf seinem Gesicht lag tiefe Blässe, sein Mund war trocken.

»Das ist Zwang«, rief er aus.

»Nennen Sie es, wie Sie wollen«, meinte Neil.

»Wir werden Ihnen das Genick umdrehen, jawohl, ja«, erklärte der Wortführer der Anwesenden, und alle drängten sich dem Schreibtisch zu, vor dem Wallingford stand. Neil hatte ihren Groll zur hellsten Wut entflammt. Ein anderer, ein grobknochiger Schmied, schob sich mit flammendem Gesicht und erhobener Faust so ungestüm heran, daß der Stuhl, auf dem Clover saß, dicht an den Tisch gepreßt wurde. Wallingford ließ sich schwer vor dem Schreibtisch auf einen Stuhl fallen und zog sein Scheckbuch hervor.

»Ich habe nur eine Bitte an Sie«, sagte er, als er zur Feder griff. Sein Gesicht war merkwürdig verzerrt, so daß es beinahe aussah, als lächelte er. »Sie müssen mir mindestens 1000 Dollars belassen, damit ich von hier fort kann.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann sagte Neil: »Darüber läßt sich sprechen. Geben Sie uns einen Scheck auf 44 000 Dollars.«

Wallingford stellte den Scheck aus, steckte ihn aber in die Brusttasche.

»Hier ist der Scheck,« sagte er, »aber ich möchte ihn erst an der Tür meines Hauses aus meinen Händen geben. Neil und zwei andere Herren können mich begleiten. Wenn ich Ihnen den Scheck gebe; bevor ich dieses Zimmer verlassen habe, so könnten einige von Ihnen ... sich vergessen.«

Er sah vor Angst beinahe geistesgestört aus, als er dies sagte, und Neil ging, Verachtung in allen Zügen, auf seinen Wunsch ein. Wallingfords Auto wartete noch auf der Straße. Die vier Männer stiegen ein. An der Tür des vornehmen Gebäudes, in dem Wallingford gemietet hatte, stiegen Neil und einer der Männer zuerst aus, um Wallingford an einem etwaigen Fluchtversuch zu verhindern. Ihre Vorsicht erwies sich als überflüssig. Er behändigte ihnen stumm den Scheck und wartete, bis sie sich überzeugt hatten, daß das Papier ordnungsgemäß ausgestellt und unterzeichnet war.

»So«, rief Neil jubelnd aus, als er den Scheck in seine Brieftasche steckte. »Nur noch eines. Geben Sie sich keine Mühe, den Scheck zu sperren, denn wenn ich ihn nicht abheben kann, so können Sie's auch nicht. Ich werde morgen in aller Frühe, noch bevor die Bank geöffnet wird, dort sein. Ich habe heute nachmittag auf Ihr Konto Beschlag legen lassen.«

Wallingford lachte. Die Hand auf der Klinke, hielt er die Eingangstüre offen und fühlte sich so vor Handgreiflichkeiten, dem einzigen, wovor er sich fürchtete, geborgen.

»Je nun,« sagte er resigniert, »ich habe das Spiel verloren. Da nützt kein Weinen.« Damit ging er ins Haus. Neil sah ihm unsicheren Blickes nach.

»Ich hätte nicht gedacht, daß die Sache so glatt ablaufen würde«, sagte er. »Ich wußte, daß der Mensch keinen physischen Mut hat, aber für einen so großen Feigling hätte ich ihn nicht gehalten. Mein Anwalt sagte mir, daß Wallingford uns trotz Scheck und Beschlagnahme doch noch hintergehen könne. Er ist ein gefährlicher Bursche.«

Wallingford begab sich nicht direkt in seine Wohnung. Er ging zuerst in die Telephonzelle im Erdgeschoß und sprach mit seiner Frau. Dann ging er aus und kehrte erst nach einer halben Stunde zurück. Als er seine Wohnung betrat, war seine Frau damit beschäftigt, vier Handkoffer zu packen. Eine große Menge kostbarer Gegenstände, die zu schwer waren, um als Handgepäck verstaut zu werden, ließen sie zurück, ebenso natürlich die prunkvollen Möbel. Die hintergangenen Lieferanten konnten froh sein, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein.

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