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Das Geld auf der Straße

George Randolph Chester: Das Geld auf der Straße - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorG. R. Chester
titleDas Geld auf der Straße
publisherErich Reiß Verlag
yearo.J.
translatorC. A. Bratter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140828
projectida5102f67
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10. Kapitel.
Worin von einer ganz merkwürdigen Kombination von Menschenfreundlichkeit und Profiten erzählt wird.

Minnie Bishop begann ihre Tätigkeit beim »Hohen Orden der Freundeshand« an dem Tage, an dem dieser elegantere Räume bezog. Die neuen Bureaus waren mit Mahagonimöbeln, feinen Teppichen und großen Klubsesseln, dem Geschmack Wallingfords entsprechend, prächtig ausgestattet. Minnie paßte ganz in diese Umgebung.

»Miß Bishops Lächeln allein ist dem Geschäft 50 Dollars wöchentlich wert«, sagte Clover, aber er gab ihr nur zehn.

Sie hatte aber bessere Empfehlungen für sich als weiße Zähne und rote Lippen. Wallingford bemerkte zu seiner Überraschung, daß sie trotz ihrer anscheinenden Neigung zur Leichtfertigkeit erhebliche Fähigkeiten besaß und rasch auffaßte. Er spielte sich von Anfang an als ihr väterlicher Beschützer auf, und wenn er hier und da diese Grenze um ein geringeres überschritt, so nahm sie das ersichtlich nur von der humoristischen Seite. Zu Hause ahmte sie seinen Ton und seine Art nach, und wenn ihre Schwester ernst mit ihr darüber zu reden versuchte, lachte sie nur um so mehr. Neil verliebte sich vom ersten Augenblick an sterblich in sie, aber sie ließ ihn unbarmherzig abfallen. In Wirklichkeit gefiel er ihr, aber sie wollte es sich nicht vor sich selbst eingestehen. Sie meinte, er sei »zu ernst«.

Inzwischen nahmen die Angelegenheiten des Konzerns einen befriedigenden Fortgang. Die zuständige staatliche Behörde erteilte, gegen die übliche Gebühr und nach einigen nominellen Erkundigungen, der »Treuhand-Gesellschaft« die Erlaubnis, ihr Kapital auf 250 000 Dollars zu erhöhen. Aber ehe noch die neuen Aktien gedruckt waren, kündigte das Organ der Gesellschaft, die Monatsschrift »Die Freundeshand«, den 500 jetzigen und 4500 neu anzuwerbenden Mitgliedern an, welch beispiellose, noch nie dagewesene Kombination von Menschenfreundlichkeit und Profitmöglichkeit sich soeben innerhalb des Ordens vollziehe. Der unermüdliche Wallingford hatte sich irgendwie ein Exemplar des Jahresabschlusses einer großen, höchst erfolgreichen Versicherungsgesellschaft, deren Titel ähnlich lautete, verschafft. Diesen ließ er in dem Organ »Die Freundeshand« abdrucken und darüber folgende Zeilen in den kleinsten Lettern, die aufzutreiben waren, setzen:

Lesen Sie diesen Bericht der »Vorsorglichen Freunde« an ihre Aktionäre.

Unter diesem Titel erschienen Auszüge aus dem erwähnten Jahresbericht, aus denen hervorging, daß die Gesellschaft (natürlich die »Vorsorglichen Freunde«) eine Mitgliederzahl von einer Viertelmillion aufzuweisen, daß sie Tausende und Zehntausende an Sterbegeldern ausbezahlt und daß sie einen Betriebsüberschuß von schwindelnder Höhe hatte, sowie daß die Mitgliederliste im letzten Jahre allein um 50 000 angewachsen sei. Besonders auf Effekt berechnete Mitteilungen wie:

»Wir haben soeben eine 30prozentige Dividende erklärt«

waren in fetter Korpusschrift gedruckt. Das ganze war in solcher Form aufgemacht, daß die Leser, die sich auf diese Dinge nicht verstanden, glauben mußten, sie hätten einen eidesstattlich beschworenen Bericht über die gegenwärtige Lage des »Ordens der Freundeshand« vor sich. Sie wurden (auf Grund dieser Angaben!) aufgefordert, auf diese unschätzbaren Aktien zu zeichnen, die Aktie zu 25 Dollars. Bisher hätten, so hieß es weiter, die fürsorglichen Mitglieder des Ordens nur im Ablebensfalle ihre Familien versorgt gewußt; jetzt böte sich ihnen die Gelegenheit, schon zu Lebzeiten an den Gewinnen dieser lobenswürdigen Institution teilzunehmen. Und zwar würden ihre Gewinnanteile so groß sein, daß – ohne Garantie, aber im Hinblick auf die Ergebnisse der letzten Jahre als sicher anzunehmen – in etwas über drei Jahren das Kapital zurückgezahlt sein, während die Zinsen weiterlaufen würden. Es handelt sich hier – so las man etwa weiter – keineswegs um ein kaltes, rein rechnerisches Geldunternehmen. Nein, liebe Freunde; sondern der aus dem Verkauf der Aktien erzielte Erlös soll zur Verbreiterung, zur Ausdehnung des Ordens verwendet werden, bis sein Tätigkeitsgebiet sich auf die ganze Welt, bis der segensreiche Schutz, den der Orden darbietet, sich auf alle Witwen und Waisen der Erde erstreckt. Nie zuvor in der Geschichte des Finanzwesens ist es Männern mit bescheidenen Mitteln ermöglicht worden, ein solch wohltätiges Werk zu fördern, ein solch edles Werk, ein Werk, das an die höchsten Ziele der Menschheit hinanreicht, das von den feinsten Instinkten des menschlichen Herzens ehrendes Zeugnis ablegt, – ein Werk, das zugleich enormen Profit abwirft! Und der Preis der Aktie beläuft sich nur auf 25 Dollars das Stück! Bestellt rasch, ehe sie vergriffen sind!

Zu diesem flammenden Aufruf hatte Wallingford die Daten und die schönen Schlagworte vom »segensreichen Schutz« und vom »menschlichen Herzen« (den »hochtrabenden Mist«) geliefert, und Clover hatte danach das Konzept zusammengestellt. Als dieser die Bürstenabzüge durchlas, lehnte er sich voll tiefen Selbstgefühls in den Stuhl zurück.

»Darauf werden sie hereinfliegen!« jubelte er.

»Sie haben zu dick aufgetragen«, meinte dagegen Mr. Neil. »Können wir den Leuten unseren Vorschlag nicht ebensogut oder noch besser in ruhiger, nüchterner Sprache vortragen? Mir will es scheinen, daß nur Menschen, die selbst nichts haben, sich durch solche offenkundig hohle Phrasen einfangen lassen.«

Wallingford blickte ihn nachdenklich an.

»Sie mögen in gewissem Sinne recht haben«, gab er zu. »Leute, die viel Geld haben, werden darauf nicht eingehen. Aber die Leute, an die wir uns wenden, haben ihr Geld pfennigweise zusammengescharrt und haben Angst, ihr kleines Kapital in ein unbekanntes Unternehmen zu stecken. Wenn man ihnen aber 30 % Dividende anbietet, so werden sie es immerhin riskieren. Im übrigen«, fuhr er mit gehobener Stimme fort, »sehe ich gar nicht ein, warum wir mit dem Erlös der Aktienverkäufe nicht wirklich unseren Betrieb noch über den der »Vorsorgenden Freunde« hinaus ausdehnen können. Und wenn wir das tun, was hindert uns dann, unseren Aktionären wirklich eine gute Dividende auszuzahlen?«

Clover blickte seinen Kompagnon erstaunt an. Aus diesem gewaltigen Körper strahlte mit einem Male eine hochsittliche Seele, vor der Neil in Ehrfurcht erschauerte. Als sie allein waren, blickte Clover, der mit seinem Bleistift auf dem Papier herumkritzelte, von Zeit zu Zeit unter seinen buschigen Augenbrauen Wallingford an. Schließlich lachte er laut auf.

»Sie sind doch nicht zu überbieten. Sie haben da dem Neil eine schöne Predigt gehalten.«

»Können wir den Menschen nicht hinauskaufen?« fragte Wallingford ganz unvermittelt.

»Womit? Mit einem Akzept?« war die ironische Gegenfrage. »Schwerlich.«

»Dann mit Bargeld.«

»Wollen Sie es beschaffen?«

»Ich werde mich danach umsehen. Wir müssen ihn loswerden, denn wenn ich ihn richtig einschätze, so wird er uns auf Schritt und Tritt Schwierigkeiten machen.«

Kurz nachdem Wallingford das Zimmer verlassen hatte, trat Neil ein. »Wollen Sie Ihre Aktien verkaufen?« fragte ihn Clover. Wallingfords Mahnung hatte ihn nachdenklich gemacht.

»An wen?« fragte Neil.

»An Wallingford.«

»Sagen Sie, Clover, hat der Mann tatsächlich Geld?«

»Wenn er keins hat, so kann er sich welches verschaffen. Kommen Sie mal hierher.«

Er zog Neil ans Fenster, und sie blickten beide hinab auf die Straße. Vor dem Gebäude stand ein großes Automobil und vor ihm ein Chauffeur mit einer Lederkappe. Eben trat Wallingford an den Straßenrand. Er nahm vom Rücksitz des Wagens einen großkarierten Ulster, zog ihn an und vertauschte seinen Filzhut mit einer Automobilkappe. Dann kletterte er in das Auto, das rasselnd davoneilte.

»Das riecht doch nach Geld«, meinte Clover.

»Scheint mir auch so«, bekräftigte Neil.

»Wieviel wollen Sie für Ihre Aktien?« fragte Clover.

»Ich verkaufe sie nur zu pari«, entgegnete Neil. »Ich nehme keinen Pfennig weniger.«

»Recht haben Sie!« rief Clover aus. »Wenn Wallingfords Plan durchgeführt wird, so werden Sie es nicht nötig haben, Ihre Aktien auch nur um einen Pfennig unter pari loszuschlagen. Sie nicht und ich nicht. Er ist wirklich ein Genie! Eins der größten! Ein Glückstag war es, an dem ich mit ihm bekannt wurde. Er wird uns alle reich machen.«

An demselben Abend speisten Clover und Neil als Gäste Wallingfords in dessen Hotel. Wenn Neil noch Zweifel an der Wohlhabenheit seines Wirtes gehegt haben sollte, so wurden sie bald zerstreut, als er sah, mit welcher Dienstbeflissenheit ihm jedermann begegnete, wie kostbar Frau Wallingfords Kostüm war, mit welcher weltmännischen Ungezwungenheit sie sich bewegte, und wie groß der Scheck war, mit dem Wallingford die Rechnung bezahlte. Nach dem Diner fuhr die Gesellschaft in seinem Automobil in ein etwa zehn Meilen entferntes, ruhiges Vorstadtrestaurant, und bei schäumendem Wein und schweren Zigarren wurde, wie nebenher, eine kleine geschäftliche Angelegenheit besprochen.

»Ihr zwei«, sagte Wallingford, »übernehmt das Versicherungsgeschäft, von dem ich gar nichts verstehe. Ich nehme die Aktienverkäufe auf mich. Darin kann ich Ersprießliches leisten.«

Die beiden anderen stimmten dem Vorschlage begeistert zu, und damit war die Abmachung perfekt. Wallingford brachte seine Gäste in dem Automobil, auf das er nach bewährtem Rezepte keinen Heller angezahlt hatte, in die Stadt zurück. Clover und Neil waren, als das Auto sie vor ihren Wohnungen absetzte, in überaus froher und zufriedener Stimmung.

Die Abmachung wurde sofort zur Ausführung gebracht, und einige Tage später begann Bargeld in den Kassenschrank des Ordens zu fließen. Das Verfahren, das Wallingford bei seinen Verkäufen verfolgte, war sehr einfach – allerdings nur für einen Mann von seiner Geschicklichkeit und Zungengeläufigkeit und von seinem sicheren Auftreten. Wenn ein Mitglied einer Ordensloge, die ihren Sitz außerhalb von Chicago hatte, einen Versuch mit der neuen »Treuhand-Gesellschaft« machen wollte und seine 25 Dollars für eine Aktie einschickte oder sich auch nur nach dem neuen Unternehmen erkundigte, so bestieg Wallingford einen Zug und fuhr zu dem Manne. Ehe er ihn aufsuchte, erkundigte er sich nach der Höhe seines Vermögens und drehte dem Mann einen entsprechenden Posten an; fast immer wußte er den Mann zu überreden, auf diese Aktien tatsächlich zu zeichnen. Es war sehr schwierig, ihm zu widerstehen; er war nicht nur geschickt, sondern auch ausdauernd und ein Meister der Überredungskunst. Hatte er den Mann so weit gebracht, so ließ er sich Empfehlungen an andere Logenbrüder, an Berufsfreunde oder gesellschaftliche Bekannte geben, mit denen er ebenso verfuhr. Der Erfolg war, daß Wallingford jedesmal von seinen Werbereisen Zeichnungen ungefähr in der Höhe mitbrachte, die dem gesamten verfügbaren Barvermögen der von ihm Besuchten entsprach. Auf diese Art wurden reichliche Mittel zur Anwerbung immer neuer Ordensmitglieder beschaffen, so daß die Mitgliederzahl außerordentlich schnell anwuchs, und jedes neue Mitglied bot natürlich eine Möglichkeit, ihm Aktien zu verkaufen.

Eines Tages kam Clover, der ewig Geldbedürftige, zu Wallingford und bat um ein Darlehen.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Clover: ich werde etwas von Ihrem Aktienbesitz verkaufen«, erbot sich Wallingford. »Bei dieser Gelegenheit werde ich auch einige von meinen eigenen Aktien losschlagen.«

Tatsächlich verkaufte er für Clover Aktien im Betrage von etwa 5000 Dollars, und die Käufer ließen, wie gebräuchlich, die erworbenen Aktien auf ihren Namen umschreiben. Erheblich weniger verkaufte er anscheinend – nach der Zahl der Umschreibungen zu urteilen – von seinen eigenen Aktien; doch schien es ihm zu genügen, denn er begann wieder wie ein Fürst zu leben. Er mietete eine Wohnung im teuersten Stadtteil und ließ sie prächtig einrichten; seine Frau zeigte sich abermals im Schmuck ihrer kostbaren Diamanten, die eingelöst worden waren, und Wallingford kaufte ihr noch andere dazu. Clover begann, sich zu fühlen, und nahm großspurige Allüren an. Nur Neil war unzufrieden und sorgenvoll. Er hatte wieder seine statistischen Berechnungen aufgestellt und erkannte klarer als je, daß die Kosten und Ausgaben des Versicherungsgeschäftes bei der herabgesetzten Prämienrate unmöglich gedeckt werden konnten.

»Wir treiben so schnell wie nur irgend möglich den Klippen zu«, erklärte er dem »Hohen Ober-Großmeister«. »Den statistischen Erfahrungen zufolge werden wir sehr bald ein paar Todesfälle haben; je länger es damit dauert, desto dichter werden sie auf einmal über uns kommen. Merken Sie sich, was ich Ihnen sage: die Lawine wird auf euch herabsausen, noch ehe ihr Zeit habt, dem Geschäft Adieu zu sagen. Denn euer Plan besteht doch sicher darin, aus dem Geschäft herauszuziehen, was nur herauszuziehen ist, und dann euch loszueisen. Ich wollte, es gäbe gesetzliche Bestimmungen über die Höhe der Prämienrate, wie dies in einigen anderen Staaten der Fall ist.«

»Was gefällt Ihnen an unserer Rate nicht?« wollte Clover wissen. »Wenn es sich herausstellt, daß sie zu niedrig ist, so werden wir sie eben wieder erhöhen.«

»Das haben wir in unseren Prospekten und Aufrufen nicht gesagt«, sagte Neil. »Wir haben eine dauernd niedrige Rate versprochen.«

»Zeigen Sie mir doch, wo das steht«, verlangte Clover.

Neil versuchte es, aber vergeblich. Überall, in den Policen, in den Zirkularen, in den Prospekten, ja selbst in der Korrespondenz fand Clover, so oft Neil eine Ankündigung der von ihm behaupteten Art gefunden zu haben glaubte, irgendeinen Neben- oder Zwischensatz, der die Ankündigung wieder aufhob.

»Sie sehen selbst, Neil, daß Sie sich Ihre Ansichten zu voreilig bilden«, sagte Clover tadelnd. »Sie wissen, daß das Gesetz uns nicht erlaubt, eine niedrige Prämie festzusetzen ohne den Nachweis eines ausreichenden Kassenvorrats. Jede Versicherungsgesellschaft erhöht ihre Prämienrate, wenn sie mit der bestehenden Rate Verluste erleidet. Genau dasselbe werden auch wir tun. Muß die Rate so erhöht werden, daß sich die Versicherung nicht mehr lohnt, so geben die betreffenden Gesellschaften eben das Geschäft auf; auch unsere wird dies in einem solchen Falle tun. Wir persönlich werden aber ganz bestimmt heraus sein, ehe es so weit kommt.«

»Jawohl«, entgegnete Neil bitter. »Und dann werden Tausende von unbemittelten Leuten, die zu alt sind, um eine neue Versicherung aufzunehmen, und die bei uns jahrelang eingezahlt haben, sowohl ihr Geld wie ihre Versicherung los sein.«

»Mit Ihnen ist schwer auszukommen, Neil«, rief Clover ungeduldig aus. »Sie haben den moralischen Tick. Sagen Sie mal, haben Sie etwas gegen Ihre 50 Dollars wöchentlich einzuwenden?«

»Nein.«

»Oder gegen Ihre 15 000 Dollars in Aktien?«

»Noch weniger.«

»Dann seien Sie doch ruhig, oder, wenn Ihr zartes Gewissen Sie peinigt, so verkaufen Sie Ihren Anteil und treten Sie aus.«

»Ich denke nicht daran.« Neil hatte sich in seiner schwerfälligen Art endlich zu einem Entschluß durchgerungen. »Ich bleibe auf meinem Posten. Ich werde die Gesellschaft umorganisieren, wenn sie zusammenbricht.«

Als Clover diese Unterredung seinem Kompagnon mitteilte, lachte Wallingford.

»Eignet Neil sich für das Ordensritual?« fragte er.

»Glänzend!« meinte Clover. »Er hat etwas Närrisch-Feierliches an sich, das ganz zu diesem Mumpitz paßt.«

»Dann ernennen Sie ihn in Ihrer Eigenschaft als ›Hoher Ober-Großmeister‹ doch zu einem ›Spezial-Großmeister vom zweiten Grade‹, oder so etwas, und schicken Sie ihn aus und lassen Sie ihn bei den neugegründeten Logen das Einweihungsrituale vornehmen. Hier im Bureau ist er ein Schädling.«

Wallingford wollte Neil aus zwei Gründen los werden. Er fürchtete seine Gewissenhaftigkeit und ärgerte sich über die Aufmerksamkeit, die Neil immer deutlicher der kleinen Minnie Bishop erwies. Wallingford ging auch bei seinen Absichten auf das Mädchen in der für ihn charakteristischen Art vor. Er gab ihr ganz ungezwungen Blumen und Konfekt, nicht als Geschenke, sondern als Zeichen der Anerkennung, als Belohnung. Als die Geschäfte der Gesellschaft sich häuften und die Arbeiten schärfere Einteilung erforderten, zog er Minnie mehr und mehr für seine persönliche Tätigkeit heran und räumte ihr ein Pult in seinem Privatbureau ein. Ein hübsch ausgeschriebenes Kontokorrent oder eine ähnliche zufriedenstellende Leistung brachte ihr ein Lobeswort ein, manchmal auch eine Bemerkung wie die:

»Gut gemacht. Dafür sollen Sie Theaterbilletts bekommen.«

Ein andermal kam er mit den Theaterkarten auf sie zu, warf sie mit einer Art rauher Herzlichkeit, die jeden Verdacht entkräften sollte, auf ihr Pult und regte an, daß sie auch ihre Mutter und Schwester mitnehme. Überdies erhöhte er von Zeit zu Zeit ihr Gehalt. Die Aufmerksamkeit, die er ihr zeigte, würde bei jedem unerfahrenen Mädchen, das die Welt und die Menschen nicht kennt, ein Gefühl der Dankbarkeit hervorgerufen haben; sie aber wurde unruhig und nachdenklich. Wallingford, dem dies nicht entging, glaubte Eindruck auf Minnie gemacht zu haben, und beschloß, ein klein wenig deutlicher zu werden.

Minnies Unbehagen wurde bald darauf durch einen Zwischenfall, der sie zudem bestürzt und ratlos machte, noch erhöht. Clover trat eines Tages in das Bureau Wallingfords, gerade als dieser sich anschickte, auszugehen.

»Tag, da sind Sie ja, Wallingford«, rief er munter aus und reichte ihm ein längliches Papier hin. »Habe soeben die Entdeckung gemacht, daß Ihr Akzept gestern fällig war.«

»Machen Sie keine Scherze«, entgegnete Wallingford. Worauf er ihm das Akzept aus der Hand nahm, es in kleine Stücke zerriß und sie in den Papierkorb warf.

»Halt! was machen Sie da?« protestierte Clover. »Das ist mein Geld – zweitausend Dollars!«

Wallingford lachte. »Haben Sie wirklich je geglaubt, daß ich das da einlösen würde? Dann sind Sie wirklich sehr naiv. Ich habe Ihnen doch seinerzeit gesagt, daß das Akzept nur Formsache ist. Außerdem wissen Sie ja, mein Motto ist: ich gebe niemals Geld heraus.« Und lachend ging er fort.

»Ist das nicht ein großartiger Mensch?« sagte Clover bewundernd zu Minnie.

Diese war durchaus nicht derselben Meinung. Wenn Wallingford tatsächlich »niemals Geld herausgab« und Clover diesem Grundsatz so begeistert zustimmte, daß er sich unbekümmert 2000 Dollars abknöpfen ließ – was mochte dann aus den vom Vater sauer ersparten 1000 Dollars werden, dem einzigen Rückhalt der Familie? Diese 1000 Dollars haben oder nicht haben, war für die Bishops eine Frage von Leben und Tod.

An demselben Abend nahm Wallingford, als er das Bureau verließ, sich heraus, Minnie in die Wange zu kneifen und zu streicheln. Ihr Gesicht überzog sich mit Schamröte. Sie schämte sich vor sich selbst, denn sie sagte sich, daß sie diese rohe Vertraulichkeit selbst verschuldet habe. Neil, der an diesem Nachmittag auswärts gewesen war, kam einige Minuten, nachdem Wallingford fortgegangen war, ins Bureau und fand dort Minnie in Tränen. Dieser Anblick fegte die Zurückhaltung, die sie ihm auferlegt hatte, mit starkem Stoß weg. Er sagte ihr so manches, was er bisher nicht zu sagen gewagt hatte, und er sagte es mit beredter Zunge; und sie – sie entdeckte mit einem Male, daß sie sehr froh war, daß er gekommen; sie wußte, daß er ihr eine Stütze sein werde, daß sie sich auf ihn verlassen könne. Als er nach vielem Fragen die Ursache ihres Kummers erfuhr, war er wütend. Er wollte sofort Wallingford aufsuchen und ihn züchtigen, sie aber verbot es ihm entschieden, ja heftig.

»Nein!« rief sie aus. »Ich will es nicht haben! Ich habe meine Gründe. Wenn Mr. Wallingford morgen herkommt, so soll er mich in meinem Wesen ganz unverändert finden. Kein Wort über die Sache! Er soll meine ... meine Meinung über ihn nicht ahnen. Aber Sie, Mr. Neil, sollen mich jetzt nach Hause begleiten, wenn Sie Zeit haben. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

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