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Das Geld

Emile Zola: Das Geld - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Zola
titleDas Geld
publisherGustav Grimm's Verlag.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand XVIII
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid91af0931
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I.

Auf der Börse hatte es eben elf Uhr geschlagen, als Saccard bei Champeaux eintrat, in den in Weiß und Gold gezierten Saal, dessen zwei hohe Fenster auf den Börsenplatz gingen. Mit einem Blick überschaute er die Reihen kleiner Tische, wo die geschäftigen Gäste eng beisammen saßen; und er schien überrascht, das Gesicht nicht zu sehen, welches er suchte.

Als in dem Gedränge der Bedienung ein mit Schüsseln beladener Kellner vorüberkam, fragte er diesen:

– Ist Herr Huret noch nicht gekommen?

– Nein, mein Herr, noch nicht.

Saccard entschloß sich nun, an einem Tische sich niederzulassen, welcher in einer der Fensternischen stand und welchen ein Gast eben verlassen hatte. Er glaubte sich verspätet zu haben und während man das Tafeltuch wechselte, schaute er hinaus und spähte nach den Vorübergehenden. Als das Gedeck erneuert worden, bestellte er nicht sogleich; seine Blicke hafteten noch eine Weile an dem Börsenplatz, welchen das heitere Sonnenlicht dieses schönen Maitages überfluthete. Zu dieser Stunde, da alle Welt frühstückte, war der Platz fast leer; die Bänke standen unbesetzt unter den Kastanienbäumen, die sich mit frischem, zartem Grün geschmückt hatten. Längs des Gitterthores war ein Miethwagen-Standplatz und da reihte sich Fiaker an Fiaker, von einem Ende bis zum andern. Der nach dem Bastillenplatz verkehrende Omnibus hielt vor dem Kartenbureau an der Ecke des Gartens, ohne einen Fahrgast aufzunehmen oder abzusetzen. Die Sonne sandte senkrecht ihre Strahlen hernieder; der Monumentalbau war völlig in Licht gebadet mit seiner Säulenreihe, seinen zwei Statuen, seinem breiten Perron, auf dessen Höhe ein Heer von Sesseln in genauer Ordnung, aber noch leer, aufgestellt war.

Doch als Saccard sich umwandte, erkannte er an einem nachbarlichen Tische den Wechsel-Agenten Mazaud. Er reichte ihm die Hand.

– Schau, Sie sind's? sagte er. Guten Tag!

– Guten Tag! erwiderte Mazaud, indem er ihm zerstreut die Hand drückte.

Es war ein kleiner, brauner, sehr lebhafter und hübscher Mann, der mit 32 Jahren das Geschäft seines Oheims geerbt hatte. Seine Aufmerksamkeit schien völlig dem ihm gegenüber sitzenden Gaste zu gehören, einem dicken Herrn mit rothem, rasirtem Gesichte, dem berühmten Amadieu, dem die Börse seit seinem berühmten Streich mit den Aktien der Bergwerke von Selsis hohe Achtung zollte. Als das Papier auf fünfzehn Francs gesunken war und jeder Käufer desselben für verrückt angesehen wurde, hatte er sein ganzes Vermögen, zweimalhunderttausend Francs, an dieses Geschäft gewagt, auf gut Glück, ohne Berechnung und ohne Witterung, in dem tollen Einfall eines dummen Glückspilzes. Und heute, da die Entdeckung ergiebiger Erzgänge den Kurs dieses Papiers über tausend Francs hinauf getrieben, gewann er fünfzehn Millionen. Seine blöde Operation, die ihn ehemals ins Irrenhaus hätte führen müssen, erhob ihn jetzt zum Rang einer großen Finanz-Kapazität. Man grüßte ihn, man suchte vornehmlich seine Rathschläge. Er gab übrigens keine Aufträge mehr; er war befriedigt und thronte fortan auf den Erfolgen seines einzigen, legendären Geniestreiches. Mazaud träumte wohl davon, seine Kundschaft zu erlangen.

Da Saccard von Amadieu nicht einmal ein Lächeln erlangen konnte, grüßte er die ihm gegenüber sitzende Tischgesellschaft, drei ihm bekannte Spekulanten Namens Pillerault, Moser und Salmon.

– Guten Tag! Geht's gut?

– Ja, erträglich ... Guten Tag!

Auch bei diesen fühlte er die Kälte, fast die Feindseligkeit heraus. Pillerault, ein sehr großer, sehr magerer Mensch mit ruckweisen, hastigen Geberden und einer dünnen Nase in dem knochigen Gesichte eines fahrenden Ritters, zeigte sonst die Zutraulichkeit eines Spielers, dessen Prinzip es war, blind zuzugreifen, weil er – wie er sagte – jedesmal in eine Katastrophe verfiel, wenn er über ein Geschäft erst nachdachte. Er war eine überströmende Haussier-Natur, stets auf den Sieg hoffend, während im Gegensatze zu ihm Moser, ein kleiner Mann mit gelbem Gesichte, von einer Leberkrankheit gefoltert, in ewiger Furcht vor einem Zusammenbruch unaufhörlich lamentirte. Salmon war ein schöner Mann, im Kampfe gegen die Fünfzig, mit einem prächtigen, rabenschwarzen Barte. Er galt für einen außerordentlich feinen Kopf. Niemals sprach er; er antwortete nur mit Lächeln. Man wußte nicht, in welcher Richtung er spielte und ob er überhaupt spielte; seine Art zuzuhören machte auf Moser einen solchen Eindruck, daß er oft, nachdem er dem Andern ein Geheimniß anvertraut, durch das Stillschweigen Salmons aus der Fassung gebracht, seine Verfügungen änderte.

Angesichts der Gleichgiltigkeit, die man ihm zeigte, sandte Saccard die fieberhaften und herausfordernden Blicke durch den Saal. Und er tauschte ein Kopfnicken nur mehr mit einem großen jungen Manne, der drei Tische weiter saß, mit dem schönen Sabatani, einem Levantiner mit langem, braunem Gesichte, welches herrliche schwarze Augen erhellten, aber ein boshafter beunruhigender Mund verdarb. Die Freundlichkeit dieses jungen Mannes vollendete seine Gereiztheit; es war irgend ein »Ausgeläuteter« von einer fremden Börse, einer jener geheimnißvollen Jungen, die bei den Frauen Glück haben; er war seit dem letzten Herbst auf dem Markte erschienen und Saccard hatte ihn schon bei der Arbeit gesehen, als Strohmann in einer Bank-Katastrophe. Durch sein korrektes Betragen und durch eine unermüdliche Freundlichkeit, die er selbst dem letzten armen Teufel gegenüber bekundete, hatte Sabatani sich allmälig das Vertrauen des »Korbes« Platz der Makler an der Börse. und der Coulisse erworben.

Jetzt blieb ein Kellner vor Saccard stehen.

– Was werden Sie nehmen, mein Herr?

– Ach ja ... Was Sie wollen; eine Côtelette und Spargel.

Dann rief er den Kellner zurück.

– Sind Sie sicher, daß Herr Huret nicht vor mir da gewesen und wieder fortgegangen ist?

– Oh, ganz sicher!

So weit war es also mit ihm gekommen nach dem Zusammenbruch im Oktober, welcher ihn genöthigt hatte wieder einmal zu liquidiren, sein Hôtel im Park Monceau zu verkaufen und eine Mietwohnung zu nehmen; so weit war es mit ihm gekommen, daß nur Leute wie Sabatani ihn grüßten. Dieses Restaurant, wo er einst geherrscht hatte, konnte er jetzt betreten, ohne daß sich alle Köpfe zu ihm wandten, alle Hände sich ihm entgegenstreckten. Er war ein kühler Spieler; kein Groll war in ihm zurückgeblieben nach der letzten Spekulation in Baugründen, die für ihn so skandalös und unglücklich geendet, daß er knapp die nackte Haut gerettet hatte. Aber ein Fieber der Vergeltung hatte sein ganzes Wesen erfaßt und die Abwesenheit Hurets, der ihm in aller Form versprochen hatte um elf Uhr da zu sein, um ihm über einen Vermittlungsschritt zu berichten, welchen er bei dem Bruder Saccard's, dem damals auf der Höhe seiner Triumphe stehenden Minister Rougon zu thun versprochen hatte, erbitterte den ruinirten Spekulanten besonders gegen diesen Bruder. Huret, ein fügsamer Deputirter, ein Geschöpf des großen Mannes, war nur ein Bote. Aber war es möglich, daß Rougon, der Allvermögende, ihn so verließ? Niemals hatte er sich als guter Bruder gezeigt. Daß er nach der Katastrophe grollte, daß er offen brach, um nicht selbst kompromittirt zu sein: dies war erklärlich; aber hätte er nicht seit sechs Monaten ihm schon im Geheimen zu Hilfe kommen müssen? Und wird er jetzt so herzlos sein, ihm den letzten Beistand zu verweigern, welchen er durch einen Dritten sich von ihm erbat, weil er nicht in Person zu erscheinen wagte, aus Furcht, daß er von einem Wuthanfall sich fortreißen lassen könnte? Der Minister brauchte nur ein Wort zu sagen und er konnte den Bruder wieder auf die Beine stellen, zum Herrn dieses feigen, großen Paris machen.

– Was für einen Wein wünschen Sie, mein Herr? fragte der Kellner wieder.

– Ihren gewöhnlichen Bordeaux.

Saccard, der keinen Hunger hatte und in Gedanken versunken seine Côtelette kalt werden ließ, blickte auf, als er einen Schatten über sein Tischtuch huschen sah. Es war Massias, ein dicker, rothbackiger Junge, ein Remisier, den er einst als Hungerleider gekannt hatte und der mit seinem Kurszettel in der Hand zwischen den Tischen dahinschlich. Zu seinem Schmerze mußte er sehen, daß Jener an ihm vorbeihuschte, ohne stehen zu bleiben und sich zu den Herren Pillerault und Moser wandte, welchen er seinen Kurszettel reichte. Diese waren in einem Gespräch begriffen und warfen kaum einen zerstreuten Blick auf den Zettel. Nein, sie hatten keinen Auftrag; ein anderes Mal. Massias wagte es nicht, sich an den berühmten Amadieu zu wenden, der über einen Hummersalat gebeugt mit Mazaud leise flüsterte, und kehrte zu Salmon zurück, der den Kurszettel nahm, lange prüfte und dann wortlos zurückgab. Im Saale ward es allmälig lebendiger; es kamen andere Remisiers, einer gab den andern die Thürklinke in die Hand. Laute Bemerkungen wurden aus der Ferne ausgetauscht, die Geschäftslust stieg immer höher, in dem Maße als die Börsestunde nahte. Und Saccard, dessen Blicke sich immer wieder nach außen wandten, sah auch den Börsenplatz sich allmälig füllen, immer mehr Wagen und Fußgänger herbeiströmen, während auf den im Sonnenlichte hell schimmernden Stufen schwarze Flecke, einzelne Männer auftauchten.

– Ich wiederhole Ihnen, sagte Moser mit seiner trostlosen Stimme, diese Ergänzungswahlen vom 20. März sind ein sehr beunruhigendes Symptom ... Ganz Paris ist für die Opposition gewonnen.

Pillerault zuckte mit den Achseln. Wenn Carnot und Garnier-Pagès zur Linken übergehen, was hat das weiter zu bedeuten?

– Und die schleswig-holsteinische Frage, fuhr Moser fort, droht ebenfalls mit den gefährlichsten Komplikationen ... Ja, ja, Sie mögen lachen, so viel Sie wollen. Ich sage nicht, daß wir Preußen bekriegen sollen, um es zu hindern, sich auf Kosten Dänemarks zu mästen. Aber, man hätte andere Wege finden müssen ... Ja, ja, wenn einmal die Großen anfangen die Kleinen aufzufressen, weiß man nicht, wo das aufhört ... Und was Mexiko anbelangt ...

Pillerault, der heute wieder in überfroher Laune war, unterbrach ihn mit einem hellen Gelächter:

– Nein, lieber Freund, langweilen Sie uns nicht mit Ihrem Schrecken wegen Mexiko's ... Mexiko wird das Ruhmesblatt unserer Regierung werden. Woher nehmen Sie die Meinung, daß das Kaiserreich krank sei? Ist die im Jänner aufgelegte Anleihe von 300 Millionen nicht fünfzehnfach überzeichnet worden? Es war ein überwältigender Erfolg! ... Hören Sie: ich gebe Ihnen Rendezvous im Jahre 67, ja in drei Jahren von heute, wenn die vom Kaiser soeben beschlossene Weltausstellung eröffnet werden wird.

– Ich sage Ihnen, Alles geht schief, wiederholte Moser verzweifelt.

– Ei, lassen Sie uns zufrieden, Alles geht gut!

Salmon schaute sie an, Einen nach dem Andern und lächelte mit tiefsinniger Miene. Saccard aber, der ihnen zugehört hatte, brachte diese Krise, in welche das Kaiserreich zu gerathen schien, mit den Schwierigkeiten seiner eigenen Lage in Zusammenhang. Er lag wieder einmal am Boden; sollte dieses Kaiserreich, dessen Geschöpf er war, stürzen wie er selbst, mit einem Schlage von der glänzendsten Stellung zur erbärmlichsten herabsinken? Ha, wie sehr hatte er seit zwölf Jahren dieses Regime geliebt und vertheidigt! dieses Regime, in welchem er sich leben und gedeihen fühlte, mit Saft vollsaugen, wie ein Baum, der seine Wurzeln in das ihm passende Erdreich versenkt. Doch, wenn sein Bruder ihn herausreißen wollte, wenn man ihn abschnitt von Jenen, die den fetten Boden der Genüsse erschöpften: dann mochte seinethalber Alles hinweggefegt werden in dem großen Zusammenbruch am Ende der schwelgerischen Nächte!

Er erwartete jetzt seine Spargelstangen, in Gedanken abwesend von diesem Saale, wo es immer lebendiger ward, und übermannt von seinen Erinnerungen. In einem breiten Spiegel ihm gegenüber hatte er soeben sein Gesicht bemerkt und er war überrascht davon. Das Alter hatte seine kleine Gestalt fast unberührt gelassen, seine fünfzig Jahre schienen kaum achtunddreißig; er hatte die Magerkeit und Lebhaftigkeit eines jungen Mannes behalten. Sein schwarzes, hohles Puppengesicht mit der spitzigen Nase und den funkelnden Aeuglein hatte mit den Jahren sich regelmäßiger geformt, den beharrlichen, so geschmeidigen, so lebhaften Reiz der Jugend angenommen; die Haare waren noch dicht, zeigten keinen einzigen weißen Faden. Die Erinnerungen stürmten auf ihn ein; er gedachte seiner Ankunft in Paris, am Tage nach dem Staatsstreiche; er gedachte jenes Winterabends, als er auf dem Pflaster der Hauptstadt landete, mit leeren Taschen und einem ungeheuren Appetit nach Besitz und Genüssen. Er erinnerte sich seines ersten Ganges durch die Straßen, als er, noch ehe sein Koffer ausgepackt war, das Bedürfnis empfand, mit seinen schief getretenen Stiefeln, seinem fettglänzenden Rock sich in die Stadt zu stürzen und sie zu erobern. Seit jenem Abend war er oft sehr hoch gestiegen; ein Millionenstrom war durch seine Hände geflossen, ohne daß er jemals das Vermögen sich unterworfen, es als eine Sache besessen hätte, über die man verfügt, die man lebendig und materiell unter Schloß und Riegel hält. Stets hatten Lüge und Täuschung in seinen Kassen gewohnt, aus welchen das Gold durch unsichtbare Löcher wieder abzufließen schien. Und nun lag er wieder einmal auf der Straße, wie in der fernen Zeit seines Aufbruches aus der Heimat, ebenso jung, ebenso hungrig, noch immer ungesättigt, von dem nämlichen Bedürfnisse nach Genüssen und Eroberungen gepeinigt. Er hatte von Allem gekostet und hatte sich nicht gesättigt, weil er, wie er glaubte, nicht die Gelegenheit und nicht die Zeit gehabt, tief genug in die Personen und in die Sachen zu beißen. Heute hatte er das Jammergefühl, auf dem Straßenpflaster weniger als ein Anfänger zu sein, den wenigstens die Illusion und die Hoffnung aufrecht halten. Und er ward von einem Fieber ergriffen Alles neu zu beginnen, um Alles neu zu erobern, höher zu steigen, als er jemals gestiegen war, endlich der eroberten Stadt den Fuß auf den Nacken zu setzen. Es sollte nicht mehr der trügerische Reichthum der Stirnwand sein, sondern der feste Bau des Vermögens, das wahre Königreich des Goldes, das auf vollen Säcken thront.

Die Stimme Mosers, die schrill und scharf ertönte, riß Saccard einen Augenblick aus seiner Träumerei.

– Die Expedition nach Mexiko kostet monatlich 14 Millionen; Thiers hat es nachgewiesen ... Man muß blind sein, um nicht einzusehen, daß die Mehrheit in der Kammer erschüttert ist. Die Linke zählt jetzt schon dreißig und einige Deputirte. Der Kaiser selbst fühlt sehr wohl, daß die absolute Macht zur Unmöglichkeit wird, da er selbst sich zum Förderer der Freiheit macht.

Pillerault antwortete nicht und begnügte sich verächtlich zu lächeln.

– Ja, ich weiß, fuhr Moser fort, der Markt scheint Euch fest und die Geschäfte gehen. Aber wartet nur das Ende ab ... Man hat in Paris zu viel niedergerissen und zu viel gebaut. Die großen Arbeiten haben die Ersparnisse erschöpft. Was die großen Kredithäuser betrifft, die Euch so sehr zu blühen scheinen, so wartet nur, bis eines derselben fällt und ihr sollt sie alle nach der Reihe hinstürzen sehen ... Dazu kommt noch, daß das Volk sich rührt. Die internationale Arbeiter-Verbindung, die man gegründet hat, um die Lage der Arbeiter zu verbessern, erschreckt mich sehr. Es gibt in Frankreich eine Protestation, eine revolutionäre Bewegung, die immer deutlicher zutage tritt ... Ich sage Euch: die Frucht ist wurmstichig. Alles wird aus den Fugen gehen.

Da ertönte heller Widerspruch. Dieser verwünschte Moser habe entschieden wieder einen Anfall seines Leberleidens. Moser selbst ließ kein Auge von dem Nachbartische, wo Mazaud und Amadieu sich noch immer im Flüstertone unterhielten. Nach und nach ward der ganze Saal durch diesen langen Austausch von Vertraulichkeiten unruhig. Was hatten sie sich zu sagen, daß sie so leise zischelten? Amadieu gab ohne Zweifel Aufträge, bereitete einen neuen Streich vor. Seit drei Tagen waren schlimme Gerüchte über die Arbeiten am Suezkanal in Umlauf. Moser zwinkerte mit den Augen und dämpfte auch seinerseits die Stimme

– Die Engländer wollen die Arbeiten verhindern, sagte er. Es kann zu einem Kriege kommen.

Diesesmal ward Pillerault von der Ungeheuerlichkeit der Nachricht erschüttert. Es war unglaublich! Und sogleich flog das Wort von Tisch zu Tisch und wuchs so zur Kraft, einer Gewißheit an: England habe ein Ultimatum gesendet, in welchem die unverzügliche Einstellung der Arbeiten gefordert wurde. Amadieu sprach augenscheinlich nur davon mit Mazaud, dem er den Auftrag gab, alle seine Suez-Aktien zu verkaufen. Ein Gesumme panischen Schreckens stieg empor in dieser von Speisengerüchen gesättigten Luft, inmitten des wachsenden Geräusches der Teller und Schüsseln. Die Aufregung erreichte den Gipfelpunkt, als plötzlich der Commis des Wechselagenten erschien, der kleine Flory, ein Junge mit zartem Gesichte und einem dichten, braunen Vollbarte. Mit einem Bündel Schlußzettel in der Hand eilte er zu seinem Patron, dem er sie überreichte, wobei er ihm ins Ohr sprach. – Gut, sagte Mazaud, und legte die Schlußzettel in sein Notizheft.

Dann zog er die Uhr und sagte:

– Es ist bald Mittag! Sagen Sie Berthier, daß er mich erwarte. Und seien Sie selbst auch da; holen Sie die Depeschen.

Als Flory fort war, nahm er seine Unterhaltung mit Amadieu wieder auf, zog noch andere Schlußzettel aus der Tasche, die er auf das Tafeltuch, neben seinen Teller hinlegte; und jeden Augenblick neigte sich ein Klient, der den Saal verließ, im Vorübergehen zu ihm und sagte ihm ein Wort ins Ohr, welches Mazaud rasch, zwischen einem Bissen und dem andern, auf einen dieser Papierstreifen schrieb. Die falsche Nachricht, die aus nichts entstanden und von der man nicht wußte, woher sie kam, schwoll immer mehr an, wie eine Regenwolke.

– Sie verkaufen, nicht wahr? fragte Moser Salmon.

Doch das stumme Lächeln des Letzteren war dermaßen schlau, daß Moser davon in Angst versetzt ward und nunmehr selbst nicht wußte, was er von dem Ultimatum Englands, das doch seine eigene Erfindung war, halten solle.

– Ich kaufe so viel man will, schloß Pillerault mit seiner eitlen Dreistigkeit eines unmethodischen Spielers.

Die Schläfen erhitzt vom Rausche des Spiels, welchen dieser geräuschvolle Schluß des Frühmahls in diesem engen Saale noch steigerte, hatte Saccard sich entschlossen, seine Spargel zu essen, von Neuem erzürnt gegen Huret, auf den er nicht mehr rechnete. Er, sonst so rasch in seinen Entschlüssen, schwankte nunmehr seit Wochen, von Ungewißheiten geplagt. Er fühlte wohl die gebieterische Notwendigkeit, ein neuer Mensch zu werden und er hatte zuerst an ein ganz neues Leben gedacht, an eine Laufbahn in der hohen Verwaltung oder in der Politik. Warum sollte er auf dem Wege durch den Saal des gesetzgebenden Körpers nicht in den Ministerrath gelangen wie sein Bruder? Was er der Spekulation vorwarf, war die ewige Unbeständigkeit, bei welcher man große Summen ebenso schnell verlor wie gewann; niemals hatte er auf einer wirklichen Million, als völlig schuldenfreier Mann geschlafen. Und jetzt, da er sein Gewissen prüfte, sagte er sich, daß er vielleicht allzu leidenschaftlich sei für diesen Kampf um das Geld, welcher Kaltblütigkeit erforderte. Nur so war es zu erklären, daß er nach einem ganz außerordentlichen Leben voll Luxus und voll Noth, völlig geleert und vernichtet aus seinen zehn Jahre lang betriebenen ungeheuerlichen Spekulationen mit Baugründen hervorging, aus Spekulationen in dem neuen Paris, in welchen Andere, und viel Schwerfälligere, große Reichthümer gesammelt hatten. Ja, er hatte sich vielleicht getäuscht über seine wirklichen Fähigkeiten; vielleicht würde er mit seiner Thätigkeit, mit seinem glühenden Eifer, in dem politischen Gewühl mit einem Satze zum höchsten Erfolge gelangen. Alles hing von der Antwort seines Bruders ab. Wenn dieser ihn abwies, wieder in den Abgrund des Agio stieß: dann umso schlimmer für ihn und die Anderen; er wird den großen Streich wagen, von dem er noch mit Niemandem gesprochen; das Riesengeschäft, von welchem er seit Wochen träumte und welches ihn selbst erschreckte, so groß war es und so sehr geeignet, die Welt zu bewegen, wenn es gelang und auch wenn es mißlang.

Jetzt ließ Pillerault sich wieder vernehmen.

– Mazaud, ist die Exekution Schlossers beendigt? fragte er.

– Ja, sagte der Wechselagent; die Ankündigung wird heute ausgehängt werden ... Mein Gott, es ist ja eine verdrießliche Sache, aber ich hatte sehr beunruhigende Auskünfte über ihn erhalten und ich machte den Anfang. Man muß von Zeit zu Zeit mit dem Kehrbesen dreinfahren.

– Man hat mir versichert, bemerkte Moser, daß Ihre Kollegen Jacoby und Delarocque ein hübsches Stück Geld bei ihm verloren haben.

Der Wechselagent machte eine gleichgiltige Geberde.

– Bah, das gehört mit zum Geschäft! Dieser Schlosser muß zu einer Gaunerbande gehört haben; er mag jetzt die Börsen in Wien und Berlin unsicher machen.

Saccard hatte seine Blicke zu Sabatani gewendet, dessen geheime Theilhaberschaft mit Schlosser ein Zufall ihm enthüllt hatte. Die Beiden spielten das bekannte Spiel: der Eine à la hausse, der Andere à la baisse, in dem nämlichen Papier; der Verlierende theilte den Gewinn des Andern und verduftete. Allein, Sabatani zahlte in großer Gemüthsruhe die Rechnung für das feine Frühstück, das er eingenommen. Mit der einschmeichelnden Liebenswürdigkeit des auf einen Orientalen gepfropften Italieners trat er dann zu Mazaud, dessen Klient er war, und drückte ihm die Hand. Er neigte sich herab, um ihm einen Auftrag zu geben, welche der Wechselagent auf einen Zettel schrieb.

– Er verkauft seine Suez-Aktien, murmelte Moser.

Und in seinem krankhaften Zweifel einem unwiderstehlichen Bedürfnisse nachgehend, fragte er laut:

– Wie denken Sie über Suez?

Das Durcheinander der Stimmen machte plötzlich tiefem Schweigen Platz; an den benachbarten Tischen wandten Alle die Köpfe um. Diese Frage gab der wachsenden Beklemmung Ausdruck. Allein, der Rücken Amadieu's, der den Mazaud einfach zum Frühstück eingeladen hatte, um ihm einen seiner Neffen zu empfehlen, blieb stumm und undurchdringlich, hatte nichts zu sagen; während der Agent, allmälig erstaunt über die erhaltenen Aufträge, in der gewohnten Verschwiegenheit seines Metiers sich begnügte mit dem Kopfe zu nicken.

– Suez ist sehr gut, erklärte mit seiner singenden Stimme Sabatani, der, bevor er den Saal verließ, einen Augenblick zu Saccard trat, um diesem die Hand zu drücken.

Saccard bewahrte einen Augenblick das Gefühl dieses geschmeidigen, zerfließenden, fast weibischen Händedrucks. In seiner Ungewißheit, welchen Weg er einschlagen sollte, um ein neues Leben zu beginnen, behandelte er alle diese Leute als Gauner. Ha, wenn man ihn dazu zwang, wie wird er sie hetzen, wie wird er sie rupfen, diese zitternden Moser, diese prahlerischen Pillerault, diese Salmon, die hohler sind als Kürbisse, und diesen Amadieu, den sein Erfolg zu einem Genie gemacht hat! Das Geräusch der Teller und Gläser hatte von Neuem angefangen, die Stimmen wurden rauher, die Thüren gingen heftiger auf und zu in der Hast, welche alle diese Leute verzehrte, beim Spiele mit dabei zu sein, wenn in der That ein Krach in Suez-Aktien eintreten sollte. Und durch das Fenster, in der Mitte des von Fiakern durchfurchten, von Fußgängern überfüllten Platzes, sah er die in Sonnenlicht gebadeten Stufen der Börse von einem unaufhörlichen Aufstieg von Menschen-Insekten übersäet, von Menschen in korrekter schwarzer Kleidung, welche allmälig die Säulenhalle besetzten, während hinter den Gittern undeutlich die Gestalten einiger Frauen auftauchten, welche unter den Kastanienbäumen umherwandelten.

Plötzlich, in dem Augenblicke, da Saccard sich an den eben bestellten Käse machte, bewirkte eine laute Stimme, daß er aufblickte.

– Verzeihen Sie, mein Lieber, es war mir unmöglich früher zu kommen.

Es war endlich Huret, ein Normandier aus dem Calvados, ein breites, schwerfälliges Gesicht, das Gesicht eines verschlagenen Bauern, der den Einfältigen spielt. Er bestellte sogleich etwas zu essen; es sei ihm gleichviel was; das Gericht vom Tage, mit einem Gemüse dazu.

– Nun? fragte Saccard trocken und seine Geduld meisternd.

Doch der Andere beeilte sich nicht, sondern betrachtete ihn eine Weile als schlauer, vorsichtiger Mensch. Dann begann er zu essen, streckte das Gesicht vor und sagte mit gedämpfter Stimme:

– Nun, ich habe den großen Mann gesprochen. Ja, bei ihm, heute Morgens ... Er war sehr gütig für Sie.

Er hielt einen Augenblick inne, trank ein großes Glas Wein und schob sich eine Kartoffel in den Mund.

– Und weiter?

– Hören Sie ... Er will Alles für Sie thun, was er kann; er will eine sehr schöne Stellung für Sie suchen, aber nicht in Frankreich ... Beispielsweise die Stelle eines Gouverneurs in einer unserer Kolonieen, in einer guten Kolonie. Sie wären dort der Herr, ein wahrer kleiner Fürst.

Saccard war bleich geworden.

– Das ist doch wohl nur Spaß! rief er. Ihr macht Euch lustig über die Leute ... Warum nicht gleich die Deportation? ... Ah, er will sich meiner entledigen? Er soll sich in Acht nehmen, daß ich ihm nicht ernstlich unangenehm werde!

Huret aß ruhig weiter und bewahrte seine versöhnliche Stimmung.

– Ruhig, sagte er; man will nur Ihr Wohl. Lassen Sie uns machen.

– Ich soll mich unterdrücken lassen, wie? Hören Sie: soeben ist hier gesagt worden, daß das Kaiserreich bald keine Fehler mehr zu begehen haben wird. Jawohl, man meint den italienischen Feldzug, die Expedition nach Mexiko, das Verhalten gegen Preußen. Meiner Treu, es ist die Wahrheit! Ihr werdet so viele Fehler und Thorheiten begehen, daß ganz Frankreich sich erheben wird, um Euch hinauszuwerfen.

Der Deputirte, eine getreue Kreatur des Ministers, erbleichte und blickte unruhig um sich.

– Oh verzeihen Sie, auf dieses Gebiet kann ich Ihnen nicht folgen ... Rougon ist ein rechtschaffener Mann; so lange er da ist, ist keine Gefahr zu befürchten. Nein, sagen Sie nichts; Sie verkennen ihn.

Seine Stimme zwischen den Zähnen erstickend, unterbrach ihn Saccard heftig.

– Gut, lieben Sie ihn, spielet zusammen unter einer Decke ... Will er mir in Paris Beistand leisten, ja oder nein?

– In Paris, niemals!

Ohne ein Wort hinzuzufügen erhob sich Saccard und rief den Kellner, um zu zahlen, während Huret, der diese Zornesausbrüche sehr wohl kannte, ruhig fortfuhr große Bissen Brod zu verschlingen und den Andern wüthen ließ, ohne ihn weiter zu reizen, aus Furcht, daß es eine Skandalscene geben könnte. Doch in diesem Augenblicke entstand eine lebhafte Bewegung im Saale.

Gundermann war eingetreten, der König der Bankiers, der Herr der Börse und der Welt, ein Mann von sechszig Jahren, dessen ungewöhnlich großer, kahler Kopf mit der dicken Nase und den runden, hervortretenden Augen ein riesiges Maß von Willenskraft und von Müdigkeit verrieth. Er ging niemals zur Börse und sandte auch keinen offiziellen Vertreter dahin. Niemals frühstückte er an einem öffentlichen Orte; aber er erschien von Zeit zu Zeit – so wie auch heute wieder – im Restaurant Champeaux, wo er sich an einen der Tische setzte und sich ein Glas Vichy-Wasser auf einem Teller reichen ließ. Er litt seit zwanzig Jahren an einem Magenübel und nährte sich nur von Milch.

Das ganze Personal war sogleich ans den Beinen, um das Glas Wasser zu bringen und alle anwesenden Gäste duckten sich. Moser betrachtete mit demüthiger Miene diesen Mann, welcher die Geheimnisse kannte, nach seinem Belieben die Hausse und die Baisse machte, wie Gott den Donner macht. Pillerault selbst grüßte ihn, denn er glaubte nur an die unwiderstehliche Macht der Milliarde. Es war halb ein Uhr und Mazaud, der Amadieu plötzlich verlassen hatte, um zur Börse zu gehen, kam zurück, verneigte sich vor dem Bankier, der ihn manchmal mit einem Auftrag beehrte. Viele andere Börseaner, die schon fortgehen hatten wollen, blieben jetzt vor dem Gott der Finanzwelt stehen, umgaben ihn, umschmeichelten ihn mit gebeugtem Rücken, inmitten der beschmutzten und in Unordnung gerathenen Frühstückstische. Und sie betrachteten ihn ehrfürchtig, wie er mit zitternder Hand das Glas Wasser ergriff und es an die farblosen Lippen führte.

Ehemals, in den Spekulationen mit den Grundstücken der Monceau-Ebene, hatte Saccard mit Gundermann Auseinandersetzungen, ja sogar einen Zwist gehabt. Sie konnten sich nicht verständigen; der Eine war leidenschaftlich und ein Genußmensch, der Andere nüchtern und von kühler Logik, Saccard, in seinem Zorne und noch mehr erbittert durch diesen triumphirenden Eintritt Gundermanns, wollte sich entfernen, als der Andere ihn anrief.

– Ist's wahr, mein Freund, daß Sie sich von den Geschäften zurückziehen? ... Meiner Treu, Sie haben Recht, es ist besser so.

Das war für Saccard ein Peitschenhieb mitten ins Gesicht. Er richtete seine kleine Gestalt auf und antwortete mit einer hellen, schneidigen Stimme, so scharf wie ein Schwert:

– Ich gründe ein Bankhaus mit einem Kapital von fünfundzwanzig Millionen und habe die Absicht, Sie demnächst zu besuchen.

Damit verließ er den Saal mit seinem Geräusch und Gedränge, um die Eröffnung der Börse nicht zu versäumen. Ha! endlich einen Erfolg haben, von Neuem diesen Leuten, die ihm den Rücken kehrten, den Fuß auf den Nacken setzen und mit diesem König des Goldes ringen und ihn eines Tages vielleicht niederwerfen! Er war noch nicht entschlossen, sein großes Unternehmen in die Oeffentlichkeit zu bringen und war selbst überrascht von dem Satze, welchen die Notwendigkeit zu antworten ihm entrissen hatte. Aber konnte er das Glück auf einem anderen Gebiete versuchen, nunmehr, da sein Bruder ihn verließ und die Menschen und die Dinge ihn verletzten, um ihn in den Kampf zurückzuschleudern, wie der blutende Stier wieder in die Arena zurückgeführt wird?

Er blieb einen Augenblick zitternd am Rande des Fußsteiges stehen. Es war die Stunde voll reger Thätigkeit, in welcher das Leben von Paris auf diesem Platze zusammenzuströmen schien, welcher im Mittelpunkte zwischen der Rue Montmartre und der Rue Richelieu liegt, zwischen diesen beiden übervollen Verkehrsadern, welche die Menge durchbrechen. Von den vier Straßenkreuzungen an den vier Ecken des Platzes strömte unaufhörlich der Zuzug von Wagen, inmitten des Gewühls der Fußgänger das Pflaster furchend. Die beiden langen Reihen von Miethwagen längs der Eisengitter öffneten und schlossen sich unaufhörlich, während in der Rue Vivienne die Victorias der Remisiers in gedrängter Reihe standen, auf deren Böcken die Kutscher, die Zügel in der Hand, bereit waren, auf den ersten Wink abzufahren. Auf den Stufen und im Peristyl gab es ein Ameisengewühl von schwarzen Röcken; von der Coulisse, die unterhalb der Uhr Aufstellung genommen hatte und schon in voller Thätigkeit war, stieg der Lärm des Angebots und der Nachfrage empor, jenes Meeresbrausen des Agio, welches selbst den Lärm der Weltstadt übertönte. Viele der Vorübergehenden wandten den Kopf, aus Neugierde und aus Furcht vor dem, was hier geschah, aus Furcht vor dem Mysterium dieser finanziellen Operationen, in welches nur wenige Köpfe in Frankreich einzudringen vermögen, wo unter wilden Geberden und Geschrei Reichthümer plötzlich erworben und plötzlich verloren wurden. Und Saccard, am Rande des Trottoirs stehend, betäubt von den fernen Stimmen, hin und her gestoßen von dem Gewühl dieser hastigen Menschen, träumte wieder einmal von dem Königreiche des Goldes in diesem Stadtviertel aller fieberhaften Aufregungen, in dessen Mitte von ein bis drei Uhr die Börse pulsirt wie ein mächtiges Herz.

Doch er hatte seit seinem Ruin nicht mehr gewagt, die Börse zu betreten und auch heute war es ein Gefühl verletzter Eitelkeit, die Gewißheit als Sieger dort empfangen zu werden, die ihn hinderte, die Stufen emporzusteigen. Wie die Liebhaber, welche aus dem Alkov einer Geliebten verjagt worden, welche sie nur noch mehr begehren, während sie sie zu verabscheuen glauben, kam er verhängnißvoller Weise immer wieder Hieher zurück und machte die Runde um die Kolonnade unter allerlei Vorwänden, durchschritt den Garten wie ein Spaziergänger unter den Kastanienbäumen. In diesem staubigen Square ohne Rasen und Bäume, wo es auf den zwischen Anstandsorten und Zeitungs-Kiosken aufgestellten Bänken ein Gewimmel von fragwürdigen Spekulanten und Weibern aus dem Stadtviertel gab, welche ohne Haube sich hier einfanden und ihre Säuglinge stillten, trieb er sich als uninteressirter Spaziergänger herum, erhob spähend die Blicke, mit dem wüthenden Gedanken, daß er die Börse belagerte, daß er einen engen Kreis um sie zog, um eines Tages als Sieger daselbst wieder einzuziehen.

Bei der rechten Ecke trat er ein, unter den Bäumen, welche der Rue de la Banque gegenüber stehen. Hier stieß er sogleich auf die Winkelbörse der deklassirten Werthe, auf die »feuchten Füße«, wie man mit ironischer Verachtung diese Spieler des Trödelmarktes nennt, die unter freiem Himmel, im Straßenkothe der regnerischen Tage mit den Papieren der »verkrachten« Unternehmungen handeln. Es stand da in einer geräuschvollen Gruppe ein Rudel unsauberer Juden beisammen, fettschimmernde Gesichter, dann ausgedörrte Profile, denjenigen von Raubvögeln gleichend, eine ganz außerordentliche Versammlung von typischen Nasen, die sich zusammenstreckten wie über eine Beute, unter wildem, rauhem Geschrei, als wollten sie einander verschlingen. Als Saccard bei dieser Gruppe vorüberkam, bemerkte er einen etwas abseits stehenden dicken Mann, welcher mit seinen plumpen, schmutzigen Fingern einen Rubin gegen die Sonne hielt und betrachtete.

– Schau, Busch! rief Saccard. Da fällt mir ein, daß ich zu Ihnen hinaufgehen wollte.

Busch, der in der Rue Vivienne ein Geschäfts-Kabinet hielt, hatte Saccard schon wiederholt, unter schwierigen Umständen, nützliche Dienste geleistet. Entzückt prüfte er das Wasser des kostbaren Steines, das breite, platte Gesicht zurückgebeugt, die großen, grauen Augen wie erloschen unter dem grellen Sonnenlichte. Die weiße Halsbinde, die er stets trug, war wie ein Strick zusammengerollt, während sein in abgetragenem Zustande gekaufter Leibrock, ehemals sehr schön, jetzt unglaublich schäbig und schmierig, bis zu seinen farblosen Haaren hinaufreichte, die in wirren, dünnen Strähnen von seinem kahlen Schädel herabfielen. Sein von der Sonne gerötheter und vom Regen verwaschener Hut war von einem Alter, das man nicht mehr bestimmen konnte.

Endlich entschloß sich Busch aus dem Himmel seines Entzückens wieder zur Erde herniederzusteigen.

– Ah, Herr Saccard! Sie schauen auch zu uns her?

– Ja. Ich habe einen in russischer Sprache geschriebenen Brief von einem in Konstantinopel etablirten russischen Bankier erhalten. Diesen Brief möchte ich mir von Ihrem Bruder übersetzen lassen.

Busch, der noch immer den Rubin zärtlich in seiner rechten Hand rollte, streckte die Linke hin, um den Brief in Empfang zu nehmen, und versprach die Übersetzung noch am Abend desselben Tages liefern zu wollen. Allein, Saccard erklärte, es seien nicht mehr als zehn Zeilen.

– Ich will selbst hinauf gehen; Ihr Bruder wird mir Das sogleich lesen.

Hier wurde er durch die Ankunft eines ungeheuer dicken Weibes unterbrochen, der Madame Méchain, welche den Börsebesuchern wohlbekannt war. Es war eine jener wüthenden und erbärmlichen Spielerinnen, deren fette Hände in allerlei verdächtigen Geschäften zu finden sind. Ihr rothes, aufgedunsenes Mondscheingesicht mit den kleinen, blauen Aeuglein, mit der kleinen, platten Nase, mit dem kleinen Munde, aus welchem eine dünne Kinderstimme zum Vorschein kam, schien ans dem alten, malvenfarbenen Hute hervorzuquellen, welchen granatrothe Bänder in der Quere festhielten; und die Riesenbrust und der ungeheure Wasserbauch drohten das Kleid von grüner Popeline zu sprengen, welches allmälig ins Gelbe spielte und stets einen breiten Saum von Straßenkoth hatte. Sie trug einen riesigen Sack von schwarzem Leder am Arme, einen alten Sack so tief wie ein Felleisen, den sie nie aus der Hand gab. Heute war der Sack dermaßen vollgestopft, daß er sie nach rechts zog und sie beugte, wie ein Baum vom Winde gebeugt wird.

– Da sind Sie endlich, sagte Busch, der sie erwartet zu haben schien.

– Ja, und ich habe die Papiere von Vendome, ich bringe sie mit.

– Gut, gehen wir zu mir, heute ist hier nichts zu machen. Saccard hatte einen flüchtigen Blick auf die große Ledertasche geworfen. Er wußte, daß die deklassirten Papiere, die Aktien der falliten Gesellschaften, mit welchen noch die »feuchten Füße« handelten, verhängnißvoller Weise in diesen Sack fielen; Aktien zu fünfhundert Francs, welche sie um zwanzig Sous, um zehn Sous handeln, in der unbestimmten Hoffnung auf eine unwahrscheinliche Wiederaufrichtung des betreffenden Unternehmens, oder noch praktischer als »faule« Waare, welche sie mit Nutzen den Bankerottirern überlassen, die ihr Passivum vergrößern wollen. In den mörderischen Schlachten der Finanzwelt war die Méchain jener Rabe, welcher den Armeen auf dem Marsche folgt; keine Gesellschaft, kein Bankhaus wurde gegründet, ohne daß sie mit ihrem großen Sack erschien, schnüffelnd, der Leichen harrend, selbst in den glücklichen Stunden der erfolgreichen Emissionen; denn sie wußte sehr wohl, daß der Krach unausweichlich war, daß der Tag des Zusammenbruches kommen mußte, an welchem es Todte zu verzehren, Papiere um einen Pappenstiel aus dem Kothe und aus dem Blute aufzulesen geben würde. Und Saccard, der an seinem großen Projekt einer Bankgründung arbeitete, schauerte zusammen, ward von einer bösen Ahnung ergriffen, als er diese Tasche sah, dieses Beinhaus der entwertheten Papiere, in welches der Kehricht der Börse wanderte.

Als Busch sich anschickte, die dicke Alte hinwegzuführen, hielt ihn Saccard einen Augenblick zurück.

– Also, ich kann hinaufgehen, ich bin sicher, Ihren Bruder oben zu treffen?

Die Augen des Juden nahmen einen milden Ausdruck an.

– Meinen Bruder? fragte er mit einer Miene der Ueberraschung. Aber gewiß! Wo soll er denn sein?

– Sehr wohl, ich komme sogleich.

Und während die Anderen sich entfernten, setzte Saccard mit langsamen Schritten seinen Spaziergang unter den Bäumen fort, in der Richtung der Rue Notre-Dame-des-Victoires. Diese Seite des Platzes ist eine der meistbevölkerten, mit den Läden von Kaufleuten und Gewerbetreibenden besetzt, deren goldene Schilder im Sonnenlichte glänzten. Auf den Balkons wurden die Zeltdächer herabgelassen; am Fenster eines möblirten Hotels stand eine ganze Familie aus der Provinz und sah mit erstaunten Mienen diesem Treiben zu. Mechanisch hatte Saccard den Kopf erhoben und diese Leute angeblickt, deren Verblüffung ihm ein Lächeln entlockte, wobei ihn der Gedanke stärkte, daß es in den Departements stets Aktionäre geben werde. Hinter ihm dauerte das Geräusch der Börse fort wie das Tosen der fernen Fluth; und er stand unter dem Banne dieses Lärms, als drohte eine Gefahr ihn zu erreichen und zu verschlingen.

Doch eine neue Begegnung hielt ihn wieder fest.

– Wie, Jordan, Sie auf der Börse? rief er einem hochgewachsenen brünetten jungen Manne mit kleinem Schnurrbarte und entschlossenem, eigensinnigem Gesichte zu.

Jordan, dessen Vater, ein Marseiller Bankier, nach unglücklichen Spekulationen durch Selbstmord geendet hatte, trieb sich seit zehn Jahren auf dem Pariser Pflaster herum und suchte sich, mit bitterer Noth kämpfend, in der Litteratur eine Stellung zu erringen. Einer seiner Vettern, der in Plassans wohnte, wo er die Familie Saccards kannte, hatte ihn diesem empfohlen, als der Spekulant noch ganz Paris in seinem Hotel am Park Monceau empfing.

– Oh, zur Börse, niemals! erwiderte der junge Mann mit einer heftigen Geberde, als wollte er die traurige Erinnerung an seinen Vater verscheuchen.

Dann fuhr er lächelnd fort:

– Sie wissen doch, daß ich geheirathet habe? Jawohl, eine kleine Jugendfreundin. Man hatte uns noch in jenen Tagen verlobt, als ich reich war, und sie blieb dabei, meine Frau werden zu wollen, obgleich ich ein armer Teufel geworden.

– Richtig, die Familien-Anzeige ist mir ja zugekommen, sagte Saccard. Und denken Sie sich, daß ich ehemals mit Ihrem Schwiegervater, Herrn Maugendre, in Verbindung stand, als er noch in La Billette seine Theerplachen-Fabrik hatte. Er muß dabei ein schönes Vermögen erworben haben.

Diese Unterredung fand in der Nähe einer Bank statt und Jordan unterbrach ihn, um ihm einen kleinen, dicken Herrn von militärischem Aussehen vorzustellen, welcher auf der Bank saß und mit welchem er bei der Anrede Saccards gesprochen hatte.

– Herr Kapitän Chave, ein Oheim meiner Frau ... Meine Schwiegermutter, Frau Mougendre, ist eine geborene Chave aus Marseille.

Der Kapitän hatte sich erhoben und Saccard grüßte. Dieser kannte vom Sehen die schlagflüssige Figur mit dem durch den langen Gebrauch der härenen Halsbinde steifgewordenen Hals. Es war einer der Typen von kleinen Spielern gegen Barzahlung und man konnte ihn täglich von 1–3 Uhr sicher hier treffen. Es ist ein Spiel auf einen kleinen, sicheren Nutzen, bei welchem 15–20 Francs zu holen waren, die noch an demselben Börsentage liquidirt wurden.

Jordan hatte – gleichsam um seine Anwesenheit zu erklären – mit einem gemüthlichen Lachen hinzugefügt:

– Ein wüthender Börsebesucher, mein Onkel, dem ich manchmal im Vorübergehen guten Tag sage.

– Ich muß spielen, sagte der Kapitän, da die Regierung mit meiner kärglichen Pension mich hungern läßt. Saccard, den der junge Mann wegen seines Muthes im Kampfe um das Dasein interessirte, fragte ihn, ob es mit der Litteratur endlich ginge? Und Jordan schilderte ihm – noch immer wohlgelaunt – seinen ärmlichen Haushalt im fünften Stockwerk eines Hauses der Avenue de Clichy. Die Maugendre hatten kein Vertrauen zu diesem Poeten und glaubten genug gethan zu haben, wenn sie in die Heirath ihrer Tochter einwilligten. Sie hatten denn auch nichts hergegeben, unter dem Vorwande, daß ja ihre Tochter einst ihr ganzes, durch Ersparnisse noch vergrößertes Vermögen erben werde. Nein, die Litteratur nährte ihren Mann nicht; er hatte den Entwurf eines Romans fertig, aber er fand nicht Zeit ihn zu schreiben und er war nothgedrungen in die Journalistik eingetreten, wo er Alles schrieb, was zu seinem Stande gehörte, von der Chronik angefangen bis zu den Berichten aus dem Gerichtssaale und selbst Sachen für die Rubrik »Allerlei«.

– Nun, wenn ich meine große Unternehmung durchführe, sagte Saccard, werde ich vielleicht Ihrer bedürfen. Besuchen Sie mich einmal.

Er grüßte und bog hinter der Börse ein. Hier hörte endlich der ferne Lärm, das Geheul des Spieles auf und wurde zu einem verschwommenen, in dem Getümmel des Platzes aufgehenden Geräusch. Auch auf dieser Seite waren die Treppenstufen mit Leuten besetzt; allein das Kabinet der Wechsel-Agenten, dessen rothe Vorhänge man durch die hohen Fenster sah, isolirte von dem Getöse des großen Saales die Kolonnade, wo zahlreiche Spekulanten, die bequemeren, die reichen, im Schatten sich niedergelassen hatten, Einige allein, Andere in kleinen Gruppen, das geräumige, offene Peristyl in solcher Weise gleichsam zu einem Klub machend. Diese Hinterfront des monumentalen Baues glich einigermaßen der Rückseite eines Theaters, wo die Schauspieler ihren Eingang haben, mit der verdächtig aussehenden, verhältnißmäßig ruhigen Rue Notre-Dame-des-Victoires, die völlig mit Trinkstuben, Kaffee- und Speisehäusern besetzt war und von einem eigenthümlichen, seltsam gemischten Publikum wimmelte. Auch die Firmatafeln verriethen das ungesunde Wachsthum, das hier, am Rande der benachbarten großen Kloake gedieh: übel beleumundete Versicherungs-Gesellschaften, erpresserische Finanzblätter, Unternehmungen, Banken, Agentieen, Kontors, eine ganze Reihe bescheidener Gurgelabschneidereien in Straßenläden oder Halbstockzimmern untergebracht, wo nicht drei Menschen Platz fanden. Auf den Trottoirs und mitten in der Straße, überall schlichen Leute herum, der Beute harrend, wie am Rande eines Waldes.

Saccard war innerhalb der Gitter stehen geblieben und blickte zu der nach dem Kabinet der Wechsel-Agenten führenden Thür empor, mit dem Scharfblick eines Feldherrn, welcher von allen Seiten den Platz mustert, den er anzugreifen beabsichtigt, als ein großer Bursche, der aus einer Trinkstube kam, quer über die Straße schritt und sich sehr tief vor ihm verneigte.

– Ach, Herr Saccard, haben Sie nichts für mich? Ich habe den Crédit mobilier endgiltig verlassen und suche eine Stellung.

Jantrou war ein ehemaliger Professor, der in Folge einer nicht völlig aufgeklärten Geschichte von Bordeaux nach Paris gekommen war. Von der Universität verjagt, deklassirt, aber ein hübscher Bursche mit seinem schwarzen Fächerbart und seiner vorzeitigen Glatze, überdies gebildet, klug und liebenswürdig, war er mit achtundzwanzig Jahren an der Börse gelandet, hatte sich daselbst zehn Jahre lang als Remisier herumgetrieben und beschmutzt und nicht mehr erworben, als das für seine Laster nothwendige Geld. Und heute, völlig kahl, verzweifelt wie eine Dirne, bei welcher die Runzeln kommen und den Erwerb bedrohen, harrte er noch immer der Gelegenheit, die ihm den Erfolg, den Reichthum bringen sollte.

Als Saccard ihn so unterthänig sah, erinnerte er sich mit Bitterkeit des Grußes Sabatani's bei Champeaux: entschieden, nur die Ruinirten und Schiffbrüchigen waren ihm geblieben. Aber er bewahrte eine gewisse Wertschätzung für die Intelligenz dieses Jantrou und er wußte wohl, daß man die tapfersten Truppen aus den Verzweifelten wirbt, aus Jenen, die Alles wagen, weil sie Alles zu gewinnen haben. Er zeigte sich gutmüthig.

– Eine Stellung? wiederholte er. Nun, Das kann sich finden. Besuchen Sie mich einmal.

– Sie wohnen jetzt Rue Saint-Lazare, nicht wahr?

– Ja, Rue Saint-Lazare. Am besten in den Morgenstunden.

Sie plauderten eine Weile. Jantrou war gegen die Börse sehr aufgebracht und wiederholte ein um das andere Mal, man müsse ein Schurke sein, um dort Erfolg zu haben. Und er sagte dies mit dem Groll eines Menschen, welcher nicht diese glückliche Schurkerei besessen hatte. Es war aus; er wollte Anderes versuchen; es schien ihm, daß er mit seiner Universitätsbildung, mit seiner Menschenkenntnis eine schöne Stelle in der Verwaltung erreichen mußte. Saccard nickte zustimmend mit dem Kopfe. Und als sie das Gitter verlassen hatten und auf dem Trottoir dahin schreitend die Rue Brongniart erreichten, fesselte ihre Aufmerksamkeit ein dunkel lackirtes Coupé mit sehr seiner Bespannung, welches in dieser Gasse hielt, das Pferd nach der Rue Montmartre gekehrt. Während der Kutscher, der ihnen den Rücken zuwandte, unbeweglich auf dem Bocke saß, sahen sie einen Frauenkopf zweimal am Wagenfenster erscheinen und rasch wieder im Innern des Wagens verschwinden. Plötzlich neigte der Kopf sich heraus und verblieb da mit einem ungeduldigen Blicke nach rückwärts, in der Richtung der Börse.

– Die Baronin Sandorff! murmelte Saccard.

Es war ein sehr brauner, seltsamer Kopf, glühende, schwarze Augen unter müden Augenlidern, ein leidenschaftliches Gesicht mit blutrothen Lippen, dessen Schönheit nur durch eine allzu lange Nase beeinträchtigt wurde. Sie schien sehr hübsch zu sein, vorzeitig reif für ihre fünfundzwanzig Jahre, das Aussehen einer Bacchantin, bekleidet von den ersten Schneidern der Weltstadt.

– Ja, die Baronin, wiederholte Jantrou. Ich kannte sie, als sie noch ein junges Mädchen war, bei ihrem Vater dem Grafen Ladricourt. Er war ein wüthender Spieler von empörender Brutalität. Ich holte mir jeden Morgen seine Befehle und eines Tages hat er mich fast geprügelt. Um den Mann habe ich nicht gejammert, als er an einem Schlagflusse starb, ruinirt in Folge einiger kläglichen Liquidationen. Die Kleine mußte sich dann entschließen, den österreichischen Botschaftsrath Baron Sandorff zu heirathen, der um fünfunddreißig Jahre älter war als sie, und den sie mit ihren Feuerblicken verrückt gemacht haben mußte.

– Ich weiß, sagte Saccard einfach.

Der Kopf der Baronin war wieder in dem Coupé verschwunden, erschien aber sogleich wieder, noch ungeduldiger als früher, den Hals umbiegend, um den Platz übersehen zu können.

– Sie spielt, nicht wahr?

– Oh, wie toll! An Krisentagen kann man sie da in ihrem Wagen sehen, der Kurse harrend, mit fieberhafter Hast Notizen in ihrem Hefte machend, Aufträge ertheilend. Und schauen Sie: Massias hat sie erwartet, da ist er schon bei ihr.

In der Tat eilte Massias mit der vollen Schnelligkeit seiner kurzen Beine herbei, den Kurszettel in der Hand; und sie sahen, wie er sich an die Thür des Coupé's lehnte, den Kopf hinein steckte und sich angelegentlich mit der Baronin besprach. Sie traten ein wenig beiseite, um bei ihrer Spionage nicht gesehen zu werden und als der Remisier zurückkam, riefen sie ihn herbei. Er versicherte sich zunächst durch einen Seitenblick, daß die Straßenecke ihn verbarg, dann blieb er stehen, athemlos, mit geröthetem, aber heiterem Antlitze, in welchem große, blaue, kindlich treuherzige Augen saßen.

– Was haben sie nur heut auf der Börse? schrie er. Ein wahrer Sturz in Suez-Aktien! Man spricht von einem Kriege mit England. Irgend eine Nachricht, von der man nicht weiß, woher sie kommt, versetzt sie in Aufruhr... Ein Krieg! Wer kann nur dergleichen erfunden haben? frage ich ... Das kommt von selber ... Eine rechte Tollheit!

Jantrou zwinkerte mit den Augen.

– Die Dame spielt noch immer?

– Oh, wie wahnsinnig! Ich bringe Nathansohn ihre Aufträge.

Saccard, der zugehört hatte, machte eine laute Bemerkung.

– Richtig, man sagte mir, Nathansohn sei in die Coulisse eingetreten.

– Nathansohn ist ein ganz netter Junge, erklärte Jantrou. Er verdient es, Erfolg zu haben. Wir waren zusammen beim Crédit mobilier... Aber er wird seinen Weg machen, denn er ist Jude... Sein Vater, ein Österreicher, ist in Besançon etablirt, als Uhrmacher, wenn ich nicht irre. Bei dem Crédit mobilier sah er, wie das Spiel getrieben wird und eines Tages ergriff es ihn selbst. Er sagte sich, die Sache sei nicht so schwer; man bedürfe nur eines Kontors, wo man einen Schalter öffnet. Und er hat einen Schalter geöffnet... Sind Sie zufrieden, Massias?

– Ach, zufrieden! Sie waren ja auch bei dem Metier und Sie haben wahrhaftig Recht, wenn Sie sagen, man müsse Jude sein; sonst trachtet man vergebens, dieses Geschäft zu verstehen, man hat nicht die richtige Hand dazu, es ist das schwarze Pech... Welch' ein schmutziges Handwerk! Aber wenn man einmal dabei ist, bleibt man kleben. Ich habe übrigens noch gute Beine und gebe die Hoffnung nicht auf.

Und er lief lachend davon. Man sagte, er sei der Sohn eines Beamten aus Lyon, den das Börsenspiel zugrunde gerichtet hatte. Nach dem Verschwinden seines Vaters habe er sein Rechts-Studium aufgegeben und sei ebenfalls zur Börse gegangen.

Saccard und Jantrou kehrten mit langsamen Schritten nach der Rue Brongniart zurück; sie fanden daselbst noch das Coupé der Baronin, aber die Fenster waren empor gezogen und der Wagen schien leer, während der Kutscher noch immer unbeweglich auf dem Bocke saß und wartete. Dieses Warten dauerte oft bis zum letzten Kurse.

– Sie ist ein teuflisch reizendes Weib, sagte Saccard brutal. Ich begreife den alten Baron.

Jantrou lächelte eigenthümlich.

– Ach, der Baron hat von ihr längst genug, wie ich glaube. Auch ist er sehr filzig, wie man von ihm behauptet... Und wissen Sie, wen sie zum Liebhaber genommen hat, um ihre Schneiderrechnungen zu bezahlen, da das Spiel nicht genügt?

– Nein.

– Delcambre.

– Den General-Prokurator Delcambre! Diesen langen, dürren, gelben, steifen Menschen! Ach, ich möchte die Beiden beisammen sehen!

Sehr erheitert trennten sie sich mit einem kräftigen Händedruck. Jantrou wiederholte, daß er Saccard demnächst besuchen werde.

Allein geblieben ward Saccard wieder von dem Tosen der Börse gepackt, welches mit der Ausdauer der zurückkehrenden Fluth immer höher stieg. Er war um die Ecke gebogen, ging die Rue Vivienne hinab, auf jener Seite des Platzes, welcher das Fehlen von Kaffeehäusern ein strenges Aussehen gibt. Er schritt bei der Handelskammer, bei dem Postamte, bei den großen Ankündigungs-Agentieen vorüber, immer mehr betäubt und fieberhaft erregt in dem Maße, als er zur Hauptfaçade zurückkehrte; und als er mit einem Seitenblick das Peristyl überschauen konnte, machte er von Neuem Halt, als wollte er noch nicht den Rundgang um die Kolonnade beendigen, die leidenschaftliche Belagerung des Platzes aufgeben. Hier, wo das Pflaster breit vorsprang, gab es ein reges Leben; eine Fluth von Gästen füllte die Kaffeehäuser, der Laden des Pastetenbäckers war voll, vor den Schaufenstern der Kaufläden staute sich die Menge, besonders vor demjenigen eines Goldschmiedes, wo große silberne Gegenstände im hellen Lichte schimmerten. Und es schien, als würde der Zuzug von Fiakern und Fußgängern durch die vier Eingänge des Platzes immer größer und als verwirrte er sich immer mehr zu einem unlösbaren Knäuel; das Kartenausgabe-Bureau der Omnibus war mit ein Hinderniß des Verkehrs und die in langer Reihe aufgestellten Wagen der Remisiers versperrten das Trottoir von einem Ende des Gitters bis zum andern. Seine Augen hafteten an den Treppenstufen, wo einzelne schwarze Röcke sich im vollen Sonnenlichte abhoben. Dann stiegen seine Blicke zu der Säulenhalle empor, wo eine dichte, schwarze Masse wimmelte, von welcher sich nur hie und da die blassen Flecke der Gesichter abhoben. Alle standen aufrecht, man sah keine Stühle; der Kreis, welchen die unter der Uhr sitzende Coulisse bildete, war nur an einer Art Gährung, an wüthenden Reden und Geberden zu erkennen, welche die Luft erzittern machten. Links stand die Gruppe der Bankiers und Wechsler: diese Gruppe war ruhiger, fortwährend durchbrochen von dem Zug der Leute, die zum Telegraphen-Bureau gingen. Bis in die Seitengallerieen drängte sich die Masse der Spekulanten; auch zwischen den Säulen standen einige mit dem Bauch oder mit dem Rücken an die Eisenbarre gelehnt, als wären sie zuhause oder in einer Theaterloge. Das Getöse und die Bewegung der geheizten Maschine stieg immer höher und machte die ganze Börse in dem flimmernden Sonnenlichte erzittern. Plötzlich erkannte er den Remisier Massias, der in größter Hast die Treppe herabstieg, dann in seinen Wagen sprang, dessen Kutscher das Pferd in Galopp setzte.

Saccard fühlte, wie seine Fäuste sich ballten. Plötzlich riß er sich los, bog in die Rue Vivienne ein, schritt quer über den Fahrdamm, um die Ecke der Rue Feydeau zu erreichen, wo das Haus des Geschäfts-Agenten Busch stand. Er erinnerte sich des zu übersetzenden russischen Briefes. Doch als er in das Haus treten wollte, grüßte ihn ein junger Mann, welcher vor dem im Erbgeschoß befindlichen Papierladen stand; und er erkannte Gustav Sédille, den Sohn eines Seidenfabrikanten aus der Rue des Jeuneurs, den sein Vater bei Mazand untergebracht hatte, damit er da die Finanzgeschäfte erlerne. Er lächelte väterlich dem großen, eleganten Jungen zu und er vermuthete, warum Jener hier Schildwache stand. Der Papierhändler Conin versorgte die ganze Börse mit Notizbüchern, seitdem die kleine Madame Conin ihrem Gatten im Laden behilflich war, dem dicken Conin, der nur selten den Hinterladen verließ und sich mehr um die Fabrikation kümmerte, während sie im Laden bediente, die Geschäftsgänge besorgte. Sie war dick, blond, rosig, ein kraushaariger Hammel, mit einem mattblonden Seidenhaar, sehr graziös, sehr einschmeichelnd, von einer unverwüstlichen Heiterkeit. Sie liebte ihren Gatten sehr, wie man sagte; aber dies hinderte sie nicht, wenn ein zu ihrer Kundschaft gehörender Börsemann ihr gefiel, sich ihm zärtlich zu erweisen, aber nicht für Geld, nur um des Vergnügens willen und nur ein einziges Mal, in einem befreundeten Hause der Nachbarschaft. So ging das Gerücht. Die Herren, die sie beglückte, erwiesen sich jedenfalls als verschwiegen und dankbar, denn sie blieb angebetet und gefeiert, unnahbar für jede üble Nachrede. Die Papierhandlung aber gedieh und blühte; es war ein wahrer Glückswinkel. Im Vorübergehen bemerkte Saccard, wie Madame Conin dem jungen Gustav durch die Scheiben des Schaufensters ein Lächeln zusandte. Welch' ein lieblicher Hammel! Es schauerte ihn davon ganz wonniglich. Endlich stieg er die Treppe hinauf.

Busch hatte seit zwanzig Jahren im fünften Stockwerke dieses Hauses eine kleine Wohnung inne, die aus zwei Zimmern und einer Küche bestand. In Nancy von deutschen Eltern geboren, war er aus seiner Heimathsstadt hieher gezogen, hatte nach und nach den Kreis seiner höchst verwickelten Geschäfte ausgedehnt, ohne das Bedürfniß nach einem größeren Kontor zu empfinden. Er überließ seinem Bruder Siegmund das nach der Straße gelegene Zimmer und begnügte sich mit dem kleinen Hofstübchen, wo die Papiere, Schriftenbündel und Pakete jeder Art sich dermaßen angehäuft hatten, daß für einen einzigen Stuhl vor dem Schreibpulte Raum übrig blieb. Eines seiner Hauptgeschäfte war der Handel mit entwertheten Papieren; er sammelte sie, diente als Vermittler zwischen der kleinen Börse der »feuchten Füße« und den Bankrottirern, die in ihrer Bilanz ein Loch zu füllen hatten; er verfolgte denn auch genau die Kurse, kaufte zuweilen direkt, zumeist aber ganze Stocks, die man ihm brachte. Aber nebst dem Wucher und einem geheimen Juwelenhandel befaßte er sich hauptsächlich mit dem Kaufe von Schuldforderungen. Dieser Handelszweig füllte sein Kontor dermaßen, daß schier die Wände barsten, jagte ihn in ganz Paris herum, wo er in allen Gesellschaftsklassen herumschnüffelte. Sobald er von einem Fallissement Kenntniß erhielt, eilte er herbei, umschlich den Syndicus und kaufte schließlich Alldas, was man nicht sogleich verwerthen konnte. Er überwachte die Notariats-Kanzleien, wartete auf schwierige Verlassenschafts-Verhandlungen, betheiligte sich an der Versteigerung schlechter Schuldforderungen. Er selbst ließ Ankündigungen in den Zeitungen einschalten, lockte die ungeduldigen Gläubiger an, die lieber einige Sous sogleich haben wollten, als sich auf das Risiko der Verfolgung ihrer Schuldner einzulassen. Und aus diesen vielfachen Quellen floß das Papier in ganzen Stößen herbei; es war der immerfort wachsende Haufe eines Schuldfetzenhändlers: unbezahlte Wechsel, unerfüllte Verträge, uneingelöste Verpflichtungen. Dann begann die Sichtung dieses Wustes, wozu eine ganz eigene, sehr feine Witterung nothwendig war. Aus dieser Fluth von verschwundenen oder zahlungsunfähigen Schuldnern mußte eine Auswahl getroffen werden, damit er seine Bemühungen nicht nutzlos zersplittere. Im Prinzipe behauptete er, daß jede Schuld, selbst die schlechteste, wieder gut werden kann und er besaß eine Reihe von wunderbar klassirten Schriftenbündeln, welchen ein Repertoir von Namen entsprach, die er von Zeit zu Zeit überlas, um sich das Gedächtniß frisch zu erhalten. Unter den Zahlungsunfähigen behielt er natürlich vor Allem diejenigen im Auge, bei welchen er vermuthete, daß sie bald wieder auf die Beine kommen würden; seine Untersuchungen entkleideten die Leute geradezu, drangen in die Familien-Geheimnisse ein, verzeichneten reiche Anverwandte, Existenzmittel, besonders neue Aemter, welche eine gerichtliche Verfolgung gestatteten. So ließ er manchmal einen Mann Jahre lang reifen, um ihn im gegebenen Augenblick zu erdrosseln. Noch leidenschaftlicher betrieb er die Verfolgung verschwundener Schuldner; mit fieberhaftem Eifer stellte er unablässige Nachforschungen an; seine Augen suchten die Firmentafeln und die in den Zeitungen angekündigten Namen; er schnüffelte nach Adressen wie ein Hund nach dem Wilde. Und sobald er sie hatte, die Verschwundenen und die Zahlungsunfähigen, ward er grausam, verzehrte er sie bei lebendigem Leibe, sog er sie aus bis zum letzten Tropfen Blute, schlug hundert Francs aus einem Gegenstande heraus, den er mit zehn Sous bezahlt hatte, indem er ganz brutal erklärte, daß er die Risken eines Spielers habe und sich an Jenen, die er packen konnte, schadlos halten müsse für Jene, die ihm entschlüpften.

Bei dieser Jagd nach den Schuldnern bediente er sich am liebsten der Mithilfe der Méchain; er war genöthigt eine kleine Rotte von Spürhunden in seinen Diensten zu halten, lebte aber in ewigem Mißtrauen gegen dieses verhungerte und schlecht beleumundete Personal. Die Méchain hingegen war Hausbesitzerin, besaß hinter der Höhe von Montmartre ein ganzes neapolitanisches Stadtviertel, ein weitgestrecktes Terrain mit wackeligen Hütten, die sie auf den Monat vermiethete. Es war ein Ort schauerlichen Elends, Hungerleider, die im Unflath hausten, Schweineställe, um die man sich stritt und deren Miether sie sammt ihrem Mist unbarmherzig hinausfegte, wenn sie nicht mehr zahlten. Was sie auszehrte, was ihre Einkünfte aus ihrer Stadt wieder hinwegschwemmte, war ihre unglückliche Spielleidenschaft. Und auch sie hatte eine Vorliebe für die Geldwunden, für die Zusammenbrüche, für die Feuersbrünste, aus welchen man geschmolzene Juwelen auflesen kann. Wenn Busch ihr manchmal den Auftrag gab eine Erkundigung einzuholen, einen Schuldner aufzustöbern, setzte sie oft von ihrem Eigenen ein Stück Geld daran, bloß zum Vergnügen. Sie gab vor Wittwe zu sein, aber Niemand hatte ihren Gatten gekannt. Man wußte nicht woher sie kam und sie schien immer fünfzig Jahre alt gewesen zu sein, mit einer überquellenden Körperfülle und einem dünnen Kinderstimmchen.

Als die Méchain sich auf dem einzigen Sessel des Kabinets niederließ, war dieses voll, gleichsam verstopft durch dieses letzte Stück Fleisch, das hier niedergefallen. Busch war an seinem Schreibpulte gleichsam gefangen, schien versunken, ließ aus der Fluth von Bündeln nichts als seinen viereckigen Kopf hervortauchen.

– Da haben Sie, was Fayeux aus Vendôme Ihnen schickt, sagte sie, indem sie einen ungeheuren Pack Papier aus ihrer ledernen Handtasche hervorholte. Er hat Alldas für Sie aus dem Bankrott Charpier erstanden, welchen Sie ihm durch mich ankündigen ließen ... Das Ganze kostet hundertzehn Francs.

Fayeux, den sie ihren Vetter nannte, hatte in Vendôme ein Couponeinlösungs-Bureau errichtet, wo er die Rentencoupons der kleinen Leute der Umgebung einlöste. Dies war sein eingestandenes Geschäft. In Wirklichkeit trieb er ein wahnsinniges Börsenspiel mit Hilfe der bei ihm deponirten Coupons und Gelder.

– Die Provinz taugt nicht viel, brummte Busch, aber man macht dort zuweilen einen guten Fund.

Er beschnüffelte die Papiere, sichtete sie mit kundiger Hand, klassirte sie im Großen, nach einer ersten Schätzung, gleichsam nach dem Geruch.

– Hm, es ist kein fetter Bissen darunter. Glücklicherweise kostete es nicht viel ... Da sind Wechsel und noch Wechsel. Wenn es junge Leute sind und wenn sie nach Paris gekommen sind, werden wir sie vielleicht packen ...

Doch plötzlich stieß er einen Schrei der Überraschung aus.

– Schau, was ist denn das?

Er hatte am Saume eines gestempelten Papiers die Unterschrift des Grafen von Beauvilliers gelesen. Das Blatt enthielt nur drei Zeilen, in plumper, greisenhafter Schrift: »Ich verpflichte mich dem Fräulein Léonie Cron am Tage ihrer Mündigkeit die Summe von zehntausend Francs zu bezahlen.«

– Der Graf von Beauvilliers, hub Busch wieder an, indem er laut nachsann. Ja, richtig; er hatte Wirthschaftshöfe, eine ganze Domäne in der Umgebung von Vendôme. ... Er ist auf der Jagd verunglückt und hat eine Frau und zwei Kinder in ungeregelten Vermögensverhältnissen zurückgelassen. Ich hatte ehemals Wechsel von ihm, die nur schwer bezahlt wurden ... Er war ein flotter Mensch, ein Nichtsnutz ...

Plötzlich brach er in ein plumpes Gelächter aus und er begann die Geschichte des Grafen zu erzählen, so wie sie ihm allmälig einfiel.

– Der alte Schelm hat die Kleine ins Unglück gebracht ... Sie wollte nicht, aber er wird sie durch diesen Papierfetzen, welcher gesetzlich werthlos ist, gewonnen haben. Dann ist er gestorben ... Das Papier ist datirt vom Jahre 1854, vor zehn Jahren also. Das Mädchen muß jetzt mündig sein. Wie ist diese Schuldverschreibung in die Hände Charpier's gerathen? Dieser Charpier war ein Getreidehändler, der auf Wochenzinsen Gelder verlieh. Ohne Zweifel hat ihm die Kleine das Papier als Pfand für einige Thaler zurückgelassen; oder übernahm er die Eintreibung der Schuld ...

– Aber, das ist ja sehr gut, unterbrach ihn die Méchain, ein wahrer Glücksfall!

Busch zuckte verächtlich mit den Achseln.

– Aber nein, ich wiederhole Ihnen, daß das Papier vor Gericht nichts taugt ... Wenn ich Das den Erben vorzeige, können sie mich spazieren schicken, denn ich müßte den Beweis erbringen, daß es eine wirkliche Geldschuld sei. ... Aber, wenn wir das Mädchen auffinden, hoffe ich die Familie so weit kirre zu machen, daß sie sich mit uns verständigen wird, um einen ärgerlichen Skandal zu vermeiden. Begreifen Sie? Suchen Sie diese Léonie Cron; schreiben Sie Fayeux, daß er sie uns dort entdecke. Dann wollen wir einen Spaß sehen.

Er hatte aus den Papieren zwei Haufen gemacht, welche er gründlich prüfen wollte, wenn er erst allein sein würde; und er saß unbeweglich, eine Hand auf jedem Haufen.

Nach kurzem Stillschweigen fuhr die Méchain fort:

– Ich habe mich auch mit den Wechseln Jordan's befaßt ... Ich habe richtig unsern Mann aufgefunden. Er war irgendwo Beamter und schreibt jetzt in die Zeitungen. Allein, Sie sind bei den Zeitungen schlecht angeschrieben und man will Ihnen keine Adressen geben. Uebrigens glaube ich, daß er seine Artikel nicht mit seinem wahren Namen zeichnet.

Ohne ein Wort zu reden hatte Busch die Hand ausgestreckt, um das Bündel Jordan herunterzulangen. Es waren sechs Wechsel zu fünfzig Francs, vor fünf Jahren datirt, von Monat zu Monat fällig, eine Totalsumme von dreihundert Francs, welche der junge Mann in den Tagen der Noth einem Schneider unterschrieben hatte. Zur Verfallszeit nicht eingelöst waren nach diesen Wechseln große Kosten aufgelaufen, das Bündel war in Folge der Gerichtsakten riesig angewachsen. Die Schuld machte jetzt siebenhundertdreißig Francs und fünfzehn Centimes aus.

– Wenn der junge Mann eine Zukunft hat, werden wir ihn immer noch erwischen, brummte Busch.

Seine Gedanken fortspinnend fragte er dann:

– Und was ist's mit der Angelegenheit Sicardot? sollen wir sie aufgeben?

Die Méchain streckte trostlos die Arme gen Himmel; ihre ganze ungeheuerliche Gestalt wurde von Verzweiflung erschüttert.

– Ach, Du gütiger Gott! seufzte sie mit ihrer Flötenstimme, ich werde noch die Haut dabei lassen!

Die Affaire Sicardot war eine romantische Geschichte, die sie gern erzählte. Ihre Base Rosalie Chavaille, die spät geborene Tochter einer Schwester ihres Vaters, war eines Abends, kaum 16 Jahre alt, auf den Treppenstufen eines Hauses der Rue de la Harpe, wo sie mit ihrer Mutter eine kleine Wohnung im sechsten Stock inne hatte, entehrt worden. Das Schlimmste war, daß der betreffende Herr, ein verheiratheter Mann, der mit seiner Frau erst seit acht Tagen ein Zimmer im zweiten Stock als Submiether bei einer Dame bezogen, sich so ungestüm gezeigt hatte, daß die arme Rosalie, urplötzlich umgeworfen, sich bei dem Abenteuer die Schulter verrenkt hatte. Die Mutter war darob in großen Zorn gerathen und würde einen heillosen Lärm geschlagen haben, wenn die Kleine nicht unter Thränen gestanden hätte, daß sie eingewilligt habe, daß die Verrenkung ein unglücklicher Zufall sei und daß es sie zu sehr kränken würde, wenn der Herr ins Gefängniß wandern müßte. Da schwieg denn die Mutter und begnügte sich mit einer Abfertigung von sechshundert Francs, aufgetheilt in zwölf Wechsel zu fünfzig Francs, monatlich zu zahlen. Und dies war keineswegs ein schmählicher Handel, vielmehr eine mäßige Forderung; denn ihre Tochter, die eben ihre Lehrzeit als Nähterin beendigt hatte, erwarb nichts mehr, lag krank zu Bette, kostete ein schweres Stück Geld und war übrigens so schlecht gepflegt, daß die Muskel ihres Armes sich zusammenzogen und sie ein Krüppel blieb. Ehe der erste Monat vorüber, war der Herr verschwunden, ohne seine Adresse zurückzulassen. Und das Unglück dauerte fort, drang immer härter auf die Unglücklichen ein: Rosalie brachte einen Sohn zur Welt, verlor ihre Mutter, versank in ein schmutziges Leben, in das schwarze Elend. Zu ihrer Base in das »neapolitanische Stadtviertel« verschlagen, hatte sie sich bis zu ihrem sechsundzwanzigsten Lebensjahr in den Straßen herumgetrieben; sie konnte sich ihres Armes nicht bedienen, verkaufte zuweilen Zitronen in den Hallen, verschwand Wochen lang mit Männern, die sie dann betrunken und blau geprügelt davon jagten. Endlich, im vergangenen Jahre, nach einer Irrfahrt, die noch abenteuerlicher war als alle früheren, war sie glücklicherweise hingeworden. Und die Méchain hatte ihr Kind, Victor mit Namen, bei sich behalten müssen. Und von der ganzen Geschichte war nichts übrig geblieben, als die zwölf unbezahlten Wechsel des Sicardot. So hieß der Herr und mehr hatte man nie über ihn erfahren können.

Busch griff nach dem mit »Sicardot« überschriebenen Schriftenbündel, das ziemlich dünn war und einen Umschlag von grauem Papier hatte. Es lagen nur die zwölf Wechsel darin; man hatte sich die Gerichtskosten erspart.

– Wenn Victor doch wenigstens ein artiges Kind wäre! jammerte die Alte weiter. Aber denken Sie sich, ein fürchterlicher Range! ... Ach, es ist traurig, solche Erbschaften zu machen. Der Kerl wird auf dem Schaffot endigen! ... Und diese Papierfetzen sind ganz und gar werthlos!

Busch heftete seine großen, grauen Augen unverwandt auf die Wechsel. Unzählige Male hatte er sie in solcher Weise geprüft, in der Hoffnung, daß er in einem unbemerkten Detail, in der Form der Buchstaben, in dem Korn des gestempelten Papiers irgend ein Anzeichen entdecken werde. Er behauptete, daß diese spitze, feine Schrift ihm nicht unbekannt sei.

– Seltsam, wiederholte er noch einmal, ich habe sicherlich diese a und diese o schon gesehen, die so lang gestreckt sind wie die i.

In diesem Augenblicke ward an die Thür geklopft. Er bat die Méchain, die Hand auszustrecken, um zu öffnen, denn das Kabinet ging unmittelbar auf die Treppe. Man mußte durch dieses Zimmer gehen, um in das andere zu gelangen, welches nach der Straßenseite lag. Die Küche, ein luftloses Loch, lag auf der anderen Seite des Flurs.

– Treten Sie ein, mein Herr.

Saccard trat ein. Er lächelte, innerlich erheitert durch die an der Thür befestigte Messingplatte, welche in großen, schwarzen Lettern die Worte »Prozeß-Angelegenheiten« trug.

– Ach ja, Herr Saccard! Sie kommen wegen der Uebersetzung ... Mein Bruder ist drin, im andern Zimmer ... Treten Sie nur ein.

Allein, die Méchain versperrte völlig den Weg und war jetzt im Zuge, den Ankömmling zu mustern, wobei ihre Miene immer mehr Ueberraschung ausdrückte. Ein ganzes Manöver war nothwendig, um ihm den Weg freizumachen. Er mußte auf den Flur zurücktreten, sie folgte ihm dahin und trat beiseite, so daß er endlich eintreten und in das Nachbarzimmer gelangen konnte, wo er verschwand. Während dieser verwickelten Bewegungen hatte sie kein Auge von ihm gewendet.

– Ach, dieser Herr Saccard! ... keuchte sie beklommen. Ich habe ihn noch nie so genau gesehen ... Victor ist ganz und gar sein Ebenbild.

Busch sah sie an; er verstand sie nicht sogleich. Dann ging ihm plötzlich ein Licht auf und er stieß halblaut einen Fluch aus.

– Donnergottes, so ist es! ich wußte wohl, daß ich Das schon irgendwo gesehen habe!

Er erhob sich, durchstöberte die Schriftenbündel, fand schließlich einen Brief, welchen Saccard ihm im vergangenen Jahre geschrieben, um zu Gunsten einer zahlungsunfähigen Dame Zufristung zu verlangen. Rasch verglich er die Schrift der Wechsel mit jener des Briefes: es waren dieselben a und dieselben o, nur mit der Zeit noch spitziger geworden; und es war auch eine augenscheinliche Identität der Majuskeln vorhanden.

– Er ist's, er ist's, wiederholte Busch. Aber warum Sicardot, warum nicht Saccard?

Doch in seinem Gedächtnisse erstand eine undeutliche Geschichte, die Vergangenheit Saccard's, die ein Geschäftsagent Namens Larsonneau, heute ein Millionär, ihm ehemals erzählt hatte. Saccard war nach dem Staatsstreich nach Paris gekommen, um daselbst die beginnende Macht seines Bruders Rougon auszunützen. Anfänglich schleppte er sich im Elend durch die dunklen Gassen des ehemaligen Studenten-Viertels; dann ward er mit einem Schlage reich durch eine verdächtige Heirath, nachdem die Gunst des Schicksals ihm die Frau hatte sterben lassen. Zur Zeit seiner schwierigen Anfänge hatte er seinen Namen Rougon in Saccard umgewandelt, den er ganz einfach aus Sicardot, dem Namen seiner ersten Frau, umgeformt hatte.

– Ja, ja, Sicardot, ich erinnere mich genau, murmelte Busch. Er hat die Frechheit gehabt, die Wechsel mit dem Namen seiner Frau zu unterzeichnen. Ohne Zweifel hatte das Ehepaar diesen Namen angegeben, als es die Wohnung in der Rue de la Harpe bezog. Und dann war der Kerl vorsichtig und zog bei dem mindesten Ungemach wieder aus. Ei, er jagte also nicht bloß nach Thalern, sondern schmiß auch halbwüchsige Mädchen auf den Treppen um! Das war eine dumme Geschichte, die übel für ihn endigen konnte.

– Still, still! sagte die Méchain. Wir haben ihn und können sagen, daß es denn doch einen gerechten Gott gibt. Ich werde endlich belohnt werden für Alles, was ich für diesen armen kleinen Victor gethan habe, den ich liebe, trotzdem er von dem Schmutz nicht zu reinigen ist.

Sie strahlte, ihre kleinen Aeuglein funkelten in dem schmelzenden Fett ihres Gesichtes.

Doch Busch, den diese so lang gesuchte und durch den Zufall herbeigeführte Lösung in ein wahres Fieber versetzt hatte, wurde nach einigem Nachdenken wieder kühler und schüttelte den Kopf. Saccard, obgleich im Augenblick ein ruinirter Mann, war ohne Zweifel noch gut genug, um ausgiebig geschoren zu werden. Man hätte auch einen weniger vortheilhaften Vater finden können. Allein, Saccard wird sich wehren und er hatte ein starkes Gebiß. Ueberdies wußte er sicherlich selbst nicht, daß er einen Sohn habe; er konnte leugnen, trotz der außerordentlichen Aehnlichkeit, welche die Méchain so sehr in Verwunderung versetzte. Und schließlich war er zum zweiten Male Wittwer, frei; er war über seine Vergangenheit Niemandem Rechenschaft schuldig; so daß selbst in dem Falle, wenn er den Kleinen zugab, keinerlei Furcht oder Drohung gegen ihn ausgebeutet werden konnte. Und wenn man aus dieser Vaterschaft nicht mehr Nutzen ziehen sollte, als diese sechshundert Francs, auf welche die Wechsel lauteten, so wäre dies wahrhaftig sehr wenig und kaum werth, daß der Zufall ihnen so wunderbar zu Hilfe gekommen war. Nein, nein, die Sache mußte reiflich erwogen werden; man mußte ein Mittel finden, um die Ernte in ihrer vollen Reife einzuheimsen.

– Beeilen wir uns nicht, schloß Busch. Ueberdies liegt er jetzt am Boden; lassen wir ihm Zeit sich wieder aufzurichten.

Bevor er die Méchain entließ, sah er mit ihr noch einmal die kleinen Geschäfte durch, mit welchen sie betraut war: eine junge Frau, die mit ihrem Liebhaber ihre Juwelen verpfändet hatte; ein Schwiegersohn, dessen Schulden von der Schwiegermutter, die seine Geliebte war, bezahlt wurden, wenn man die Sache gut anzufassen wußte; endlich die heikelsten und schwierigsten Mittel und Wege, für die Schuldforderungen Deckung zu finden.

In das Nachbarzimmer eintretend war Saccard einige Sekunden geblendet von der weißen Helle des Fensters, durch dessen Scheiben, die kein Vorhang verhüllte, die Sonne ihr volles Licht hereinsandte. Dieses, mit einer grauen, blau geblümten Tapete verkleidete Zimmer war völlig kahl; ein kleines, eisernes Bett in einem Winkel, ein Tisch von weichem Holz in der Mitte des Raumes, und zwei Strohsessel bildeten die ganze Einrichtung. An der linksseitigen Wand waren ungehobelte Bretter befestigt, welche als Bibliothek dienten, mit Büchern, Heften, Zeitungen, Papieren aller Art bedeckt waren. Aber das große Licht am Himmel brachte in die Kahlheit dieses hoch gelegenen Raumes gleichsam eine jugendliche Heiterkeit, das helle, frische Lachen der Unschuld. Und der Bruder Busch's, Siegmund, ein unverheiratheter Mann von 35 Jahren, bartlos, mit langem, schütterem, kastanienbraunem Haar, saß da am Tische, die breite, gewölbte Stirn auf die magere Hand gestützt, dermaßen versunken in die Lesung eines Manuskripts, daß er die Thür nicht aufgehen hörte.

Dieser Siegmund war eine an den deutschen Universitäten erzogene Intelligenz; nebst seiner Muttersprache, der französischen, war er der deutschen, englischen und russischen Sprache mächtig. Im Jahre 1849 hatte er in Köln Karl Marx kennen gelernt, war der geschätzteste Redakteur bei dessen »Neuer Rheinischen Zeitung« geworden; und seit jenem Augenblick stand seine Religion fest, er bekannte sich mit flammendem Eifer zum Sozialismus, weihte sich völlig der Idee von einer nahen gesellschaftlichen Wiedergeburt, welche die Wohlfahrt der Armen und Unterthänigen sichern sollte. Seitdem sein Meister aus Deutschland verbannt war und in Folge der Juni-Ereignisse aus Paris hatte flüchten müssen und in London lebte, wo er seine schriftstellerische Thätigkeit und die Organisation der Partei fortsetzte, vegetirte Siegmund Busch in seinen Träumen, dermaßen unbekümmert um sein materielles Leben, daß er sicher verhungert wäre, hätte ihn nicht eines Tages sein Bruder in der Rue Feydeau, nahe zur Börse, aufgelesen und ihm die Idee eingegeben, seine Sprachkenntnisse auszunützen und als Uebersetzer zu arbeiten. Der ältere Bruder liebte diesen Siegmund mit einer fast mütterlichen Zärtlichkeit. Dieser Mensch, der seine Schuldner wie ein hungriger Währwolf verfolgte und sehr wohl fähig war, aus dem Blute eines Menschen zehn Sous zu stehlen, konnte in einer wahrhaft weiblichen Leidenschaft zu Thränen bewegt werden, wenn es sich um diesen großen, kindisch gebliebenen Jungen handelte. Er hatte ihm die schöne Vorderstube überlassen, bediente ihn wie eine Magd, führte ihr seltsames Hauswesen, kehrte aus, machte die Betten zurecht und kümmerte sich um das Essen, welches ihnen zweimal des Tages aus einem nahe gelegenen Speisehause gebracht wurde. Er, der so thätig war und in dessen Kopfe sich tausend Geschäfte jagten, duldete den Müßiggang des Bruders; denn die Uebersetzungen, durch persönliche Arbeiten behindert, kamen nicht recht vorwärts. Ja, er verbot ihm sogar zu arbeiten, beunruhigt durch ein bösartiges Hüsteln. Und trotz seiner rohen Geldgier, trotz einer mörderischen Habsucht, die ihn in der Jagd nach dem Gelde das einzige Lebensziel sehen ließ, hatte er ein nachsichtiges Lächeln für die revolutionären Theorien und überließ ihm das Kapital, wie man einem kleinen Jungen ein Spielzeug überläßt, auf die Gefahr hin, daß er es zerbricht.

Was Siegmund betrifft, so wußte er nicht einmal, was sein Bruder im Nachbarzimmer machte. Dieser abscheuliche Handel mit deklassirten Werthen und zweifelhaften Forderungen war ihm völlig unbekannt; er lebte in viel höheren Regionen, in einem erhabenen Traum von Gerechtigkeit. Der Gedanke an Mildthätigkeit verletzte ihn, brachte ihn außer sich; die Mildthätigkeit war das Almosen, die durch die Güte geheiligte Ungleichheit. Er aber ließ nichts gelten, als die Gerechtigkeit, die wiedereroberte Rechte Jedermann's, in unwandelbaren Grundsätzen der neuen gesellschaftlichen Ordnung festgelegt. Gleich Karl Marx, mit welchem er in fortwährendem Briefwechsel stand, erschöpfte er sich in dem Studium dieser neuen Ordnung, auf dem Papier unablässig die kommende Gesellschaft verbessernd, eine Unzahl von Blättern mit Ziffern bedeckend, das komplizirte Gerüst der allgemeinen Wohlfahrt auf der Wissenschaft aufbauend. Er entzog dem Einen das Kapital, um es unter die Anderen zu vertheilen; er brachte Milliarden in Bewegung, versetzte mit einem Federstrich das Vermögen der Welt von einem Ort nach einem andern Ort; Alldas in diesem kahlen Zimmer, ohne eine andere Leidenschaft als seinen Traum, ohne ein Bedürfniß nach Vergnügungen, mit einer solchen Mäßigkeit der Lebensweise, daß sein Bruder sich erzürnen mußte, damit Jener sich entschließe Fleisch zu essen und Wein zu trinken. Er wollte, daß die Arbeit jedem Menschen nach seinen Kräften zugemessen werde und ihm die Befriedigung seiner Gelüste sichere; er tödtete sich mit der Arbeit und lebte von nichts. Ein wahrer Heiliger, begeistert von seinem Studium, frei vom materiellen Leben, sehr sanft und sehr rein. Seit dem letzten Herbst hustete er immer mehr; die Lungenkrankheit bemächtigte sich seiner, ohne daß er sie einer Beachtung würdigte und ohne daß er sich pflegte.

Als Saccard eine Bewegung machte, schaute Siegmund endlich auf; seine großen, zerstreuten Augen drückten eine Ueberraschung aus, obgleich er den Besucher kannte.

– Ich habe einen Brief übersetzen zu lassen, sagte Saccard.

Die Ueberraschung des jungen Mannes stieg noch höher, denn er hatte seine Klienten entmuthigt, alle diese Bankiers, Spekulanten, Wechselagenten von der Börse, welche besonders aus England und Deutschland zahlreiche Briefe, Zirkulare, gesellschaftliche Statute erhalten.

– Ja, einen Brief in russischer Sprache. Er ist ganz kurz, kaum zehn Zeilen.

Siegmund streckte die Hand nach dem Briefe aus. Russisch war seine Spezialität; er allein übersetzte es fließend, während die anderen Uebersetzer des Stadtviertels vom Deutschen und Englischen lebten. Die Seltenheit russischer Schriftstücke auf dem Pariser Markte erklärte es, daß er nur wenig zu thun hatte.

Er las den Brief laut in französischer Sprache vor. Es war in drei Sätzen eine günstige Antwort eines Constantinopler Bankiers; ein einfaches Ja in einer geschäftlichen Angelegenheit.

– Ah, ich danke! rief Saccard, welcher entzückt schien.

Und er bat Siegmund, die wenigen Zeilen der Übersetzung auf die Rückseite des Briefes zu schreiben. Allein, Siegmund ward von einem fürchterlichen Hustenanfall ergriffen, den er in seinem Taschentuche erstickte, um seinen Bruder nicht zu erschrecken, der sogleich herbeilief, wenn er seinen Bruder so husten hörte. Dann, als der Anfall vorüber war, erhob er sich und öffnete das Fenster weit, um frische Luft einzulassen. Saccard, der ihm zum Fenster gefolgt war, warf einen Blick nach außen und rief überrascht aus:

– Wie? Sie sehen die Börse? Sie sieht drollig aus von hier, nicht wahr?

In der That hatte er sie noch niemals aus einem so seltsamen Gesichtswinkel gesehen, in der Vogel-Perspektive, mit den vier mächtigen, geneigten Zinkdächern, außerordentlich entwickelt, starrend von einem Schornsteinwalde. Die Spitzen der Blitzableiter waren gleich Riesenlanzen drohend gen Himmel gerichtet. Und das Gebäude selbst schien von hier nur ein steinerner Würfel, an welchem die Säulen regelmäßig gezogene Striche bildeten, ein schmutzig-grauer Würfel, kahl und häßlich, auf welchem eine zerfetzte Fahne aufgepflanzt war. Aber was ihn besonders in Erstaunen versetzte, waren die Treppe und das Peristyl, wie bestreut mit schwarzen Ameisen, ein in Aufruhr gerathener Ameisenhaufe, in einer enormen Bewegung, die man sich von dieser Höhe nicht erklären konnte und die man nur bedauerte.

– Wie klein das scheint! fuhr er fort. Es ist, als könnte man sie alle mit einem Griff in die Hand nehmen.

Dann fügte er in Kenntniß der Ideen des Andern hinzu:

– Wann werden Sie Alldas mit einem Fußstoß hinwegfegen?

Siegmund zuckte mit den Achseln.

– Wozu? sagte er. Ihr richtet Euch schon selber zugrunde.

Er ward allmälig lebhafter und überströmte von dem Gegenstande, der ihn erfüllte. Ein Bedürfniß Proselyten zu machen trieb ihn bei der geringsten Anregung, sein System auseinanderzusetzen.

– Ja, ja, Ihr arbeitet unbewußt für uns. Ihr wenigen Usurpatoren bringet die Masse des Volkes um ihr Vermögen und wenn Ihr Euch vollgestopft haben werdet, dann werden wir Euch expropriiren. Alles Zusammenscharren, alle Zentralisation führt zum Kollektivismus. Ihr gebt uns eine praktische Lektion, gleichwie die großen Grundbesitze, welche die kleinen Güter aufzehren, die Großfabrikanten, welche die Kleingewerbetreibenden verschlingen, die großen Banken und Waarenhäuser, welche jede Konkurrenz tödten, sich mit dem Ruin der kleinen Banken und der kleinen Läden mästen, ein langsames, aber sicheres Fortschreiten zur neuen Gesellschafts-Ordnung sind. ... Wir warten, bis Alles zusammenbricht, bis die heutige Produktions-Methode zu dem unerträglichen Unbehagen ihrer letzten Konsequenzen führt. Dann werden die Bürger und die Bauern selbst uns Beistand leisten.

Saccard, obwohl er ihn für einen Narren hielt, betrachtete ihn mit Interesse und mit einer unbestimmten Unruhe.

– Aber erklären Sie mir endlich, was ist denn eigentlich Euer Kollektivismus?

– Der Kollektivismus ist die Umgestaltung der privaten Kapitalien, welche von den Kämpfen der Konkurrenz leben, in ein einheitliches, gesellschaftliches Kapital, welches von der Arbeit Aller ausgebeutet wird. ... Denken Sie sich eine Gesellschaft, in welcher die Produktions-Werkzeuge das Eigenthum Aller sind, wo Jeder nach seiner Fähigkeit und nach seiner Kraft arbeitet und wo die Früchte dieses gesellschaftlichen Zusammenwirkens unter Alle vertheilt werden, nach Maßgabe ihrer Leistungen. Höchst einfach, nicht wahr? Eine gemeinsame Produktion in den Fabriken, auf den Werkplätzen, in den Werkstätten der Nation; dann ein Austausch, eine Bezahlung in natura. Ist ein Ueberschuß an Produktion vorhanden, so wird er in den öffentlichen Speichern eingelagert, von wo er wieder hervorgeholt wird, um etwaige Ausfälle wettzumachen. Es gilt nur, das Gleichgewicht herzustellen. Und dies wird, wie ein Axthieb, den morschen Baum fällen. Keine Konkurrenz mehr, kein privates Kapital, folglich keinerlei Geschäfte, kein Handel, keine Märkte, keine Börsen. Die Idee des Gewinns hat keinen Sinn mehr. Die Quellen der Spekulation, Renten ohne Arbeit gewonnen, sind versiegt.

– Oh, oh! unterbrach Saccard, dies würde gar viele Leute zwingen, ihre Gewohnheiten zu ändern! Was fangen Sie aber mit Jenen an, die heute Renten besitzen? Zum Beispiel Gundermann: nehmen Sie ihm seine Milliarde weg?

– Keineswegs; wir sind keine Diebe. Seine Milliarde, seine Werthe, seine Rententitel würden wir ihm für Genußscheine – in Annuitäten aufgetheilt – abkaufen. Und denken Sie sich dieses unermeßliche Kapital durch einen erdrückenden Reichthum von Genußmitteln ersetzt: in weniger denn hundert Jahren wären die Nachkommen Gundermanns zur persönlichen Arbeit genöthigt wie die anderen Bürger; denn die Annuitäten würden sich schließlich erschöpfen und sie würden ihre nothgedrungenen Ersparnisse, den Ueberfluß an Vorräthen nicht kapitalisiren können, selbst wenn wir das Erbrecht unverkürzt aufrecht erhalten. ... Ich sage Ihnen: dies fegt mit einem Schlage hinweg nicht bloß die individuellen Geschäfte, die Aktien-Gesellschaften, die Assoziation privater Kapitalien, sondern auch alle indirekten Quellen von Renten, alle Kreditsysteme, Anlehen, Vermiethungen, Verpachtungen ... Als Werthmesser ist nur mehr die Arbeit da. Der Arbeitslohn wird natürlich abgeschafft, da er in dem gegenwärtigen kapitalistischen Staat kein Aequivalent für das genaue Erträgniß der Arbeit ist, indem er niemals das repräsentirt, was der Arbeiter für seinen täglichen Unterhalt genau benöthigt. Und man muß anerkennen, daß der gegenwärtige Staat allein der Schuldige ist, daß der rechtschaffenste Arbeitgeber genöthigt ist, dem harten Gesetz der Konkurrenz zu folgen, seine Arbeiter auszubeuten, wenn er leben will. Unser ganzes soziale System muß niedergerissen werden. ... Ha! Gundermann wird unter der Last seiner Genußscheine schier ersticken! seine Erben werden nicht im Stande sein Alles aufzuessen und werden genöthigt sein Anderen zu geben und wieder zur Spitzhacke oder zum Handwerkszeug zu greifen, wie die anderen Genossen!

Und er brach in ein gutmüthiges, kindliches Gelächter aus, noch immer am Fenster stehend, die Blicke auf die Börse gerichtet, wo der schwarze Ameisenhaufe des Spiels wimmelte. Flammende Röthen stiegen in seine Wangen empor; er kannte kein anderes Vergnügen, als sich in dieser Weise die spaßige Ironie der künftigen Gerechtigkeit vorzustellen.

Saccard fühlte sein Unbehagen zunehmen. Wie, wenn dieser wachende Träumer die Wahrheit spräche? wenn er die Zukunft errathen hätte? Er erklärte Dinge, welche sehr deutlich und sehr vernünftig schienen.

– Bah! murmelte er, um sich selbst zu beruhigen, das wird noch nicht im nächsten Jahre kommen.

– Gewiß nicht! fuhr der junge Mann in ernstem, müdem Tone fort. Wir befinden uns in der Uebergangszeit, in der Agitations-Periode. Es wird vielleicht revolutionäre Stürme geben; diese sind oft unvermeidlich. Allein die Übertreibungen, die Heftigkeiten gehen vorüber. ... Oh, ich mache kein Hehl daraus, daß es vorerst große Schwierigkeiten zu überwinden geben werde. Diese ganze erträumte Zukunft scheint unmöglich; es gelingt nur schwer, den Leuten eine vernünftige Vorstellung zu geben von dieser künftigen Gesellschaft, von dieser Gesellschaft gerechter Arbeit, deren Sitten so verschieden sein werden von den unserigen. Das ist wie eine andere Welt in einem andern Planeten. Und dann, man muß es ja gestehen: die Reorganisation ist noch keineswegs fertig; wir suchen sie noch. Ich, der ich wenig schlafe, verbringe meine Nächte damit. So könnte man uns beispielsweise vorhalten: »Wenn die Dinge sind, wie sie sind, so hat eben die Logik der menschlichen Thaten sie so gestaltet.« Welche ungeheure Arbeit harrt unser, wenn wir den Strom zu seiner Quelle zurückleiten und in ein neues Bett lenken sollen! Gewiß, die heutige Gesellschafts-Ordnung verdankt ihr vielhundertjähriges Gedeihen dem individualistischen Prinzip, welches der Wetteifer, das persönliche Interesse immer wieder von Neuem befruchtet. Wird der Kollektivismus jemals diese Fruchtbarkeit erreichen und durch welches Mittel muß die Produktiv-Thätigkeit des Arbeiters angespornt werden, wenn der Begriff des Gewinns abgeschafft sein wird? Da liegt für mich der Zweifel, die Angst, der schwache Punkt, wo es zu kämpfen gelten wird, wenn wir wollen, daß der Sieg des Sozialismus sich eines Tages entscheide. ... Aber wir werden siegen, denn wir sind die Gerechtigkeit. Sehen Sie jenen Monumentalbau?

– Die Börse? Gewiß sehe ich sie.

– Nun denn, es wird eine Dummheit sein, sie in die Luft zu sprengen, denn man wird sie anderswo wieder aufbauen müssen. ... Allein, ich profezeie Ihnen, daß sie von selbst in die Luft fliegen wird, wenn der Staat, logischerweise die einzige und universelle Bank der Nation geworden, sie expropriirt haben wird. Und wer weiß? Sie wird dann vielleicht als öffentliches Lagerhaus für unsere übergroßen Reichthümer dienen, als einer der Ueberfluß-Speicher, wo unsere Enkel an ihren Festtagen den Luxus finden werden!

Mit einer weit ausholenden Geberde eröffnete Siegmund diese Zukunft voll allgemeinen und durchschnittlichen Glückes. Er hatte sich dermaßen begeistert, daß ein neuerlicher Hustenanfall ihn schüttelte; er war zu seinem Tische zurückgekehrt, stemmte da die Ellbogen zwischen den Papieren auf und vergrub seinen Kopf zwischen den Händen, um das Röcheln seiner Kehle zu unterdrücken. Allein, diesesmal wollte der Anfall nicht vorübergehen. Plötzlich ging die Thür auf und Busch eilte herein, nachdem er die Méchain verabschiedet hatte; er war verstört, als litte er selbst durch diesen fürchterlichen Husten. Sogleich hatte er sich über den Bruder geneigt und ihn in seine großen Arme genommen, wie ein Kind, dessen Schmerz man einzuwiegen sucht.

– Laß hören, Kleiner, was hast Du wieder, daß es Dich schier erstickt? Du mußt einen Arzt kommen lassen. Das ist unvernünftig. Du wirst zu viel geredet haben. ...

Und er warf einen Seitenblick auf Saccard, der in der Mitte des Zimmers stehen geblieben war, entschieden aufgeregt durch Dasjenige, was er aus dem Munde dieses so leidenschaftlichen und so kranken Jungen gehört hatte, der mit seinen Geschichten, Alles hinwegfegen und Alles neu aufbauen zu wollen, sicherlich die Börse von da oben verhext hatte.

– Ich danke Ihnen und verlasse Sie jetzt, sagte der Besucher, den es drängte hinauszukommen. Schicken Sie mir meinen Brief mit den zehn Zeilen der Uebersetzung. Ich erwarte deren noch mehr und wir werden Alles zusammen regeln.

Doch der Anfall war jetzt vorüber und Busch hielt ihn noch einen Augenblick zurück.

A propos! die Frau, die soeben hier war, hat Sie ehemals gekannt; oh, das ist schon lange her! ...

– Ah! wo denn?

– In der Rue de la Harpe, im Jahre 1852.

So sehr er sonst sich zu beherrschen wußte, erbleichte Saccard dennoch. Ein nervöses Zucken verzog seinen Mund. Nicht als ob er sich in diesem Augenblicke des jungen Mädchens erinnerte, welches er im Treppenhause umgeworfen hatte; er wußte gar nicht, daß sie schwanger geworden und hatte keine Kenntniß von dem Vorhandensein eines Kindes. Aber die Erinnerung an die Jahre des Elends war ihm stets unangenehm gewesen.

– In der Rue de la Harpe? Oh, ich habe dort nur acht Tage gewohnt, gleich bei meiner Ankunft in Paris; nur so lange, bis ich eine Wohnung fand. ... Guten Tag!

– Auf Wiedersehen! sagte Busch mit Nachdruck, der sich übrigens täuschte, als er in der Verlegenheit Saccards schon ein Geständniß sah und demzufolge über die Mittel nachsann, wie er das Abenteuer ausbeuten würde.

Wieder auf der Straße angekommen kehrte Saccard mechanisch nach dem Börsenplatze zurück. Er war in großer Aufregung und hatte keinen Blick für die kleine Frau Conin, deren hübsches, blondes Gesicht in der Thür der Papierhandlung lächelte. Die Bewegung auf dem Platze hatte zugenommen; der Lärm des Spiels peitschte die Trottoirs mit ihrem Menschengewühl, wie eine wüthende See. Es war das Geheul nach drei Uhr, die Schlacht der Schlußkurse, die heiße Gier zu erfahren, wer mit vollen Händen von dannen ziehen würde. An der Ecke der Rue de la Bourse, dem Peristyl gegenüber stehen bleibend glaubte er in dem wirren Gedränge den Baissier Moser und den Haussier Pillerault zu erkennen, beide im vollen Kampfgewühl, während er sich einbildete, die schrille Stimme des Wechselagenten Mazaud aus dem großen Saale hervordringen zu hören, von Zeit zu Zeit gedeckt von dem Geschrei Nathansohns, der in der Coulisse, unter der großen Uhr saß. Doch jetzt rasselte ein Gefährt heran und bespritzte ihn mit Koth. Noch ehe der Wagen hielt, sprang Massias aus demselben, eilte mit einem Satze die Treppe hinan und überbrachte keuchend noch den letzten Auftrag eines Klienten.

Und er, noch immer unbeweglich da stehend, die Augen auf das Gewühl dort oben geheftet, dachte an seine Vergangenheit, gepackt durch die Erinnerung an seine Anfänge, welche Erinnerung die Frage Busch's wiedererweckt hatte. Er erinnerte sich der Rue de la Harpe, dann der Rue Saint Jacques, wo er seine schief getretenen Schuhe eines auf Eroberungen ausziehenden Abenteurers geschleppt hatte, eben erst in Paris angekommen, welches er sich unterwerfen wollte. Und eine Wuth erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er es sich noch nicht unterworfen hatte, daß er abermals auf dem Pflaster lag, nach dem Reichthum spähend, ungesättigt, von einem solchen Genußhunger gepeinigt, daß er nie so sehr darunter gelitten hatte. Der Narr Siegmund hatte es mit Recht gesagt: von der Arbeit kann man nicht leben; nur die Elenden und die Schwachköpfe arbeiten, um die Anderen zu mästen. Es gab nur das Spiel, welches vom Abend bis zum Morgen den Reichthum, das Wohlergehen, das feine Leben bringen kann. Wenn die alte Gesellschaft wirklich eines Tages in Trümmer gehen mußte, sollte ein Mann wie er nicht noch die Zeit und den Ort finden, vor dem Zusammenbruch seine Begierden zu befriedigen?

Doch jetzt stieß ein Vorübergehender ihn an, der sich nicht einmal umwandte, um sich zu entschuldigen. Er erkannte Gundermann, der seinen kleinen Gesundheits-Spaziergang machte; er sah ihn bei einem Zuckerbäcker eintreten, wo der Goldkönig zuweilen eine Schachtel Bonbons um einen Franc für seine Enkelkinder kaufte. Und dieser Stoß mit dem Ellbogen in dieser Minute, in dem Fieber, das ihn immer stärker packte, seitdem er so die Börse umkreiste, war gleichsam der Peitschenhieb, der letzte Anstoß, der ihn entschied. Er hatte den Platz genug belagert; nun galt es ihn zu stürmen. Er schwor sich, einen erbarmungslosen Kampf zu führen; er wird Frankreich nicht verlassen, er wird seinem Bruder Trotz bieten, er wird das äußerste Spiel wagen, einen Kampf von furchtbarer Tollkühnheit, der ihm Paris vor die Füße legen, oder ihn selbst mit zerschlagenen Lenden in die Gosse schleudern sollte.

Bis zum Schluß der Börse harrte Saccard auf seinem Beobachtungs- und Drohungs-Posten aus. Er sah das Peristyl sich leeren und die Treppenstufen sich mit dem langsamen, regellosen Abstieg dieser erhitzten und müden Leute bedecken. Rings um ihn her dauerte das Gedränge auf dem Pflaster und auf dem Fahrdamm fort; es war eine ununterbrochene Fluth von Leuten, die ewig auszubeutende Menge, die Aktionäre von morgen, die vor dieser großen Spekulations-Lotterie nicht vorübergehen konnten, ohne den Kopf zu wenden, in dem Verlangen nach dem, und in der Furcht vor dem, was hier geschah, vor diesem Mysterium der Finanz-Operationen, die für die französischen Köpfe umso anziehender sind, als nur wenige in dieselben einzudringen vermögen.

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