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Das Geistliche Jahr

Annette von Droste-Hülshoff: Das Geistliche Jahr - Kapitel 59
Quellenangabe
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleDas Geistliche Jahr
booktitleGesammelte Werke
isbn3-87876-308-5
publisherEmil Vollmer Verlag, München
editorReinhold Schneider
pages5-189
senderbelmekhira@hotmail.com
firstpub1851
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Am dreiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Könige, der rechnen wollte

Wenn oft in kranken Stunden
Sich auf mein Schuldbuch schlägt,
Der Skorpion die Wunden
Hat nagend aufgeregt:
Weiß ich darin noch,
Was zu beginnen?
Der Leib ein modernd Joch,
Und ein Gespenst, was drinnen.

In solchen Augenblicken
Steht meine Seele still,
Darf nicht Gedanke rücken,
Gefesselt liegt der Will',
Und Schlafes Macht
Muß ich beschwören,
Die angsterfüllte Nacht
In Träume zu verkehren.

Doch jetzt, wo klar die Sinnen,
Wo meine Seele frei,
Jetzt darf mein Flehn beginnen:
Allgnäd'ger, steh' mir bei!
Zu solcher Zeit
Ohn' Trost und Beten,
O dann an meine Seit'
Laß deinen Engel treten,

Daß ich im Kampf bestehen
Die dunkle Stunde kann
Und nicht verloren gehen
In meiner Ängsten Bann.
Herr, nicht wirst du
Umsonst mich quälen,
Hast wohl ein Ziel der Ruh'
Für mattgehetzte Seelen.

Wüßt' ich es zu tragen
Den Balsam gen den Gift.
Wohl konnt' ich schon gewahren
Aus deiner heil'gen Schrift:
Barmherzigkeit
Gibt Heil und Leben;
Doch bin ich auch bereit,
Was soll ich denn vergeben?

Vielleicht ein Mißbehagen,
Ein armes Fünkchen Neid, –
Es tat ja meinen Tagen
Noch Keiner rechtes Leid,
Und unverdient
War mir das Lieben;
So ist, was ach! dich sühnt,
Kein Opfer mir geblieben.

Doch weil du so geboten,
Spricht aus des Herzens Grund
So Lebenden als Toten
Vergebung aus mein Mund.
Und was auch mag
Mir sein beschieden
An Kränkung oder Schmach,
Was noch vielleicht hienieden

In meiner Zukunft Buch
Ist gnädig angeschrieben,
Ich kann es nicht genug
Ersehnen, schätzen, lieben,
Den Hoffnungsstern
In meinen Qualen.
Herr, hab' Geduld, denn gern
Will Alles ich bezahlen!



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