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Das Geistliche Jahr

Annette von Droste-Hülshoff: Das Geistliche Jahr - Kapitel 53
Quellenangabe
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleDas Geistliche Jahr
booktitleGesammelte Werke
isbn3-87876-308-5
publisherEmil Vollmer Verlag, München
editorReinhold Schneider
pages5-189
senderbelmekhira@hotmail.com
firstpub1851
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Am siebzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Von der Witwe Sohn zu Naim

Wenn deine Hand den Sarg berührt,
Dann muß der Tote sich beleben:
Dein Hauch die Wetterwolke führt,
Dann muß sie milden Manna geben;
Du, der getürmt der Meere Damm,
Dem aus des Niles wüstem Schlamm
Ägyptens Ähren sich erheben.

Der Mächtige bist du, um auch
Der Seele dumpfen Schlaf zu enden;
Zu dir darf seinen Sterbehauch
Der todeswunde Schächer senden;
Du nimmst den letzten Atemzug,
Ein Reuelaut ist dir genug,
Den Blitz in seinem Flug zu wenden.

Du hast dich an das Tor gestellt,
Den Sohn der Witwe zu erwarten,
Und hast, ein Herr der ganzen Welt,
Beachtet ihren kleinen Garten;
Du, der gekommen ganz allein,
Zu waschen unsre Flecken rein,
Und auszugleichen unsre Scharten.

Berühre mich; denn ich bin tot,
Und meine Werke sind nur Leichen!
Hauch über mich; denn blutig rot
Die Sünde ließ mir ihre Zeichen!
O wende du den Donnerschlag,
Der über meinem Haupte brach,
Und laß die dumpfen Nebel weichen!

Dann will ich dir aus freier Brust
Ein überselig Loblied singen,
Und wieder soll in Gotteslust
Wie einstens meine Stimme klingen.
Ist sie gebrochen jetzt und matt,
Du bist es, der die Mittel hat,
So in die kränksten Adern dringen.

Fühl' ich doch heut' in mir erweckt
Ein lang entschwundenes Vertrauen,
Daß mich nicht Tod noch Sünde schreckt:
Wie sollt' ich denn auf dich nicht bauen!
Ja, wenn du willst, so kann ich doch
Mit diesen meinen Augen noch
In diesem meinem Leib dich schauen.

Ich fühl es, daß von mir nicht stammt,
Was mich so freudig muß durchzittern;
Ein Strahl ist es, den du entflammt,
Ein Traum, den Starren zu erschüttern.
O fahre fort, o rühr' mich an,
O brich den Todesschlaf, und dann,
Dann werd' ich Morgenlüfte wittern!

Hast du gesprochen: "Weine nicht",
Du weißt, daß nicht die Toten weinen,
Ob schier im Traum das Herze bricht,
Und wohl Gebet die Seufzer scheinen,
Die flüstern möchten schwach und lind:
Du hast geweckt der Witwe Kind,
Ich liege noch in Totenleinen!



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