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Das Geistliche Jahr

Annette von Droste-Hülshoff: Das Geistliche Jahr - Kapitel 43
Quellenangabe
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleDas Geistliche Jahr
booktitleGesammelte Werke
isbn3-87876-308-5
publisherEmil Vollmer Verlag, München
editorReinhold Schneider
pages5-189
senderbelmekhira@hotmail.com
firstpub1851
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Am siebenten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Von der Gerechtigkeit der Pharisäer

Wo bist du, der noch unversöhnt mit mir?
Gern will ich freudig meine Hand dir reichen.
Nicht weiß ich es, was ich verbrach an dir;
Verschwunden alte Zeiten, alte Zeichen.
Zerronnen sind mir Jahre wie ein Traum,
Und rückwärts wend' ich die Gedanken kaum
Zu Bildern, die wie Wolkenschatten bleichen.

Aus harter Not und manchem bittern Kampf
Ist mir ein neues Leben aufgegangen.
Kein freudiges: den heißen innern Krampf
Fühl' ich, von außen minder nun befangen;
Der Blick, nach innen bohrend mit Gewalt,
Kann tiefer, tiefer in den dunkeln Spalt
Der lang verharschten Wunde nun gelangen.

Was mich bewegt, es ist dahin, verweht,
Geschieden längst, die einst zusammen trafen,
Und wie ein Schiff, das überm Meere steht,
Vergessend ganz den einst verlaßnen Hafen,
Laß ich das Senkblei zitternd auf den Grund,
Zu forschen, wo die Seele krank und wund,
Wo wehe! die verborgnen Klippen schlafen.

Ach, kann ich denn vollbrachte Dinge so
Gleich dem verbrauchten Mantel von mir streifen?
Wird einer selbst nur seiner Trauer froh,
Wo tausend kleine Fasern nach ihm greifen
Der Wucherpflanzen, so er ausgesät,
Wenn überall des Fluches Ernte steht,
All überall die irren Seufzer schweifen?

O rüttle dich, schlag deine Augen auf!
Noch einmal mußt du sie nach außen wenden,
Mußt sehn den Quell als wilden Stromes Lauf,
Den aufgegraben du mit deinen Händen.
Und wo er ward gedämmt durch Gottes Huld,
Da schlag an deine Brust in deiner Schuld
Und wähne nicht, du könntest was vollenden.

Ja, wend' ich meine Blicke nur zurück,
Dann weiß ich, wo ich muß um Gnade flehen,
Wo schuldig ich, das eigne Lebensglück
Zu tauschen gegen fremder Seele Wehen;
Dann weiß ich wohl, wer mir noch unversöhnt
Vielleicht die dargebotne Rechte höhnt,
Mich nach Verdienst läßt ungetröstet gehen.

Wo ich getäuscht in Leichtsinn, Übermut,
Dort mag man mir vielleicht zuerst vergeben,
Doch wo vergiftet ward ein reines Blut,
Ein fremdem Beispiel hingegebnes Leben:
Da liegt der Stein, den meine sünd'ge Hand
In Schwung zu setzen, ach, nur zu gewandt,
Doch viel zu schwach vom Grunde jetzt zu heben.

Barmherziger, o laß der Sünde Lauf
Nicht so gewaltig mehr zum Strudel treiben!
Sieh, meine Hände heb' ich angstvoll auf:
Nicht ein so schrecklich Denkmal laß mir bleiben!
Nicht später Reue schäm' ich mich fürwahr:
So send' auch diesen deine Leuchte klar,
Daß schaudernd gen den Abgrund sie sich sträuben!

Mein Gott, nicht um Verzeihung fleh' ich ja,
Daß unverdiente Liebe ich mir stehle:
Zu ihnen tritt, nur ihnen, Herr, sei nah!
Welch andre Pein auch hier und dort mich quäle,
Du Gnädiger, nur dieses Eine nicht,
Daß ich vor deinem ewigen Gericht
Durch mich verloren sehn muß eine Seele!



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