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Gutenberg > Annette von Droste-Hülshoff >

Das Geistliche Jahr

Annette von Droste-Hülshoff: Das Geistliche Jahr - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleDas Geistliche Jahr
booktitleGesammelte Werke
isbn3-87876-308-5
publisherEmil Vollmer Verlag, München
editorReinhold Schneider
pages5-189
senderbelmekhira@hotmail.com
firstpub1851
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Annette von Droste-Hülshoff

Das Geistliche Jahr

1818-1820 / 1839-1840


Am Neujahrstage
Am Fest der Heiligen Drei Könige
Am ersten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am Feste vom süßen Namen Jesus
Am dritten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am vierten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am Feste Mariä Lichtmeß
Am fünften Sonntage nach Heilige Drei Könige
Fastnacht
Am Aschermittwochen
Am ersten Sonntag in der Fasten
Am zweiten Sonntag in der Fasten
Am dritten Sonntag in der Fasten
Am vierten Sonntag in der Fasten
Am fünften Sonntag in der Fasten
Am Feste Mariä Verkündigung
Am Palmsonntage
Am Montag in der Charwoche
Am Dienstag in der Charwoche
Am Mittwochen in der Charwoche
Am Gründonnerstage
Am Charfreitage
Am Charsamstage
Am Ostersonntage
Am Ostermontage
Am ersten Sonntage nach Ostern
Am zweiten Sonntage nach Ostern
Am dritten Sonntage nach Ostern
Am vierten Sonntage nach Ostern
Am fünften Sonntage nach Ostern
Christi Himmelfahrt
Am sechsten Sonntage nach Ostern
Pfingstsonntag
Pfingstmontag
Am ersten Sonntage nach Pfingsten [Dreifaltigkeit]
Am Fronleichnamstage
Am zweiten Sonntage nach Pfingsten
Am dritten Sonntage nach Pfingsten
Am vierten Sonntage nach Pfingsten
Am fünften Sonntage nach Pfingsten
Am sechsten Sonntage nach Pfingsten
Am siebten Sonntage nach Pfingsten
Am achten Sonntage nach Pfingsten
Am neunten Sonntage nach Pfingsten
Am zehnten Sonntage nach Pfingsten
Am elften Sonntage nach Pfingsten
Am zwölften Sonntage nach Pfingsten
Am dreizehnten Sonntage nach Pfingsten
Am vierzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am sechzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am siebzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am neunzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am einundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am zweiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am dreiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am Allerheiligentage
Am Allerseelentage
Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am ersten Sonntage im Advent
Am zweiten Sonntage im Advent
Am dritten Sonntage im Advent
Am vierten Sonntage im Advent
Am Weihnachtstage
Am zweiten Weihnachtstage [Stephanus]
Am Sonntage nach Weihnachten
Am letzten Tage des Jahres

Am Neujahrstage

Das Auge sinkt, die Sinne wollen scheiden:
»Fahr wohl, du altes Jahr, mit Freud und Leiden!
Der Himmel schenkt ein neues, wenn er will.«
So neigt der Mensch sein Haupt an Gottes Güte,
Die alte fällt, es keimt die neue Blüte
Aus Eis und Schnee, die Pflanze Gottes, still. –

Die Nacht entflieht, der Schlaf den Augenlidern:
»Willkommen junger Tag mit deinen Brüdern!
Wo bist du denn, du liebes neues Jahr?« –
Da steht es in des Morgenlichtes Prangen,
Es hat die ganze Erde rings umfangen
Und schaut ihm in die Augen ernst und klar.

»Gegrüßt du Menschenherz mit deinen Schwächen,
Du Herz voll Kraft und Reue und Gebrechen,
Ich bringe neue Prüfungszeit vom Herrn!« –
"Gegrüßt du neues Jahr mit deinen Freuden,
Das Leben ist so süß, und wären's Leiden,
Ach, alles nimmt man mit dem Leben gern."

»O Menschenherz, wie ist dein Haus zerfallen!
Wie magst du doch, du Erbe jener Hallen,
Wie magst du wohnen in so wüstem Graus?«
"O neues Jahr, ich bin ja nie daheime,
Ein Wandersmann durchzieh' ich ferne Räume,
Es heißt wohl so, es ist doch nicht mein Haus."

»O Menschenherz, was hast du denn zu treiben,
Daß du nicht kannst in deiner Heimat bleiben
Und halten sie bereit für deinen Herrn?«
"O neues Jahr, du mußt noch viel erfahren;
Kennst du nicht Krieg und Seuchen und Gefahren?
Und meine liebsten Sorgen wohnen fern."

»O Menschenherz, kannst du denn Alles zwingen?
Muß dir der Himmel Tau und Regen bringen?
Und öffnet sich die Erde deinem Wort?«
"Ach nein, ich kann nur seh'n und mich betrüben,
Es ist noch leider nach wie vor geblieben,
Und geht die angewies'nen Wege fort."

»O tückisch Herz, du willst es nur nicht sagen,
Die Welt hat ihre Zelte aufgeschlagen,
Drin labt sie dich mit ihrem Taumelwein.«
" Der bittre Becher mag mich nicht erfreuen,
Sein Schaum heißt Sünde, und sein Trank Gereuen,
Zudem läßt mich die Sorge nie allein."

»Hör' an, o Herz, ich will es dir verkünden,
Willst du den Pfeil in seinem Fluge binden?
Du siehst sein Ziel nicht, hat er darum keins?«
"Ich weiß es wohl, uns ist ein Tag bereitet,
Da wird es klar, wie Alles wohl geleitet
Und all' die tausend Ziele dennoch Eins."

»O Herz, du bist von Torheit ganz befangen!
Dies Alles weißt du, und dir kann noch bangen!
O böser Diener, treulos aller Pflicht!
Ein jeglich Ding füllt seinen Platz mit Ehren,
Geht seinen Weg und läßt sich nimmer stören,
Dein Gleichnis gibt es auf der Erde nicht.«

»Du hast den Frieden freventlich vertrieben!
Doch Gottes Gnad' ist grundlos wie sein Lieben:
O kehre heim in dein verödet Haus!
Kehr' heim in deine dunkle wüste Zelle,
Und wasche sie mit deinen Tränen helle,
Und lüfte sie mit deinen Seufzern aus!«

»Und willst du treu die Blicke aufwärts wenden,
So wird der Herr sein heilig Bild dir senden,
Daß du es hegst in Glauben und Vertraun.
Dann darf ich einst an deinem Kranze winden,
Und sollte dich das neue Jahr noch finden,
So mög' es in ein Gotteshäuslein schaun!«



Am Feste der heiligen drei Könige

Durch die Nacht drei Wandrer ziehn,
Um die Stirnen Purpurbinden,
Tiefgebräunt von heißen Winden
Und der langen Reise Mühn.
Durch der Palmen säuselnd Grün
Folgt der Diener Schar von weiten;
Von der Dromedare Seiten
Goldene Kleinode glühn,
Wie sie klirrend vorwärts schreiten,
Süße Wohlgerüche fliehn.

Finsternis hüllt schwarz und dicht
Was die Gegend mag enthalten;
Riesig drohen die Gestalten:
Wandrer, fürchtet ihr euch nicht?
Doch ob tausend Schleier flicht
Los' und leicht die Wolkenaue:
Siegreich durch das zarte Graue
Sich ein funkelnd Sternlein bricht.
Langsam wallt es durch das Blaue,
Und der Zug folgt seinem Licht.

Horch, die Diener flüstern leis:
»Will noch nicht die Stadt erscheinen
Mit den Tempeln und den Hainen,
Sie, der schweren Mühe Preis?
Ob die Wüste brannte heiß,
Ob die Nattern uns umschlangen,
Uns die Tiger nachgegangen,
Ob der Glutwind dörrt' den Schweiß:
Augen an den Gaben hangen
Für den König stark und weiß.«

Sonder Sorge, sonder Acht,
Wie drei stille Monde ziehen
Um des Sonnensternes Glühen,
Ziehn die Dreie durch die Nacht.
Wenn die Staublawine kracht,
Wenn mit grausig schönen Flecken
Sich der Wüste Blumen strecken,
Schaun sie still auf jene Macht,
Die sie sicher wird bedecken,
Die den Stern hat angefacht.

O ihr hohen heil'gen Drei!
In der Finsternis geboren
Hat euch kaum ein Strahl erkoren,
Und ihr folgt so fromm und treu!
Und du meine Seele, frei
Schwelgend in der Gnade Wogen,
Mit Gewalt ans Licht gezogen,
Suchst die Finsternis aufs Neu!
O wie hast du dich betrogen;
Tränen blieben dir und Reu!

Dennoch, Seele, fasse Mut!
Magst du nimmer gleich ergründen,
Wie du kannst Vergebung finden:
Gott ist über Alles gut!
Hast du in der Reue Flut
Dich gerettet aus der Menge,
Ob sie dir das Mark versenge
Siedend in geheimer Glut,
Läßt dich nimmer dem Gedränge,
Der dich warb mit seinem Blut.

Einen Strahl bin ich nicht werth,
Nicht den kleinsten Schein von oben.
Herr, ich will dich freudig loben,
Was dein Wille mir beschert!
Sei es Gram, der mich verzehrt,
Soll mein Liebstes ich verlieren,
Soll ich keine Tröstung spüren,
Sei mir kein Gebet erhört:
Kann es nur zu dir mich führen,
Dann willkommen Flamm' und Schwert!



Am ersten Sonntage nach Heilige Drei Könige

Evang.: Jesus lehrt im Tempel

Und sieh, ich habe dich gesucht mit Schmerzen,
Mein Herr und Gott, wo werde ich dich finden?
Ach, nicht im eignen ausgestorbnen Herzen,
Wo längst dein Ebenbild erlosch in Sünden:
Da tönt aus allen Winkeln, ruf' ich dich,
Mein eignes Echo wie ein Spott um mich.

Wer einmal hat dein göttlich Bild verloren,
Was ihm doch eigen war, wie seine Seele,
Mit dem hat sich die ganze Welt verschworen,
Daß sie dein heilig Antlitz ihm verhehle;
Und wo der Fromme dich auf Tabor schaut,
Da hat er sich im Tal sein Haus gebaut.

So muß ich denn zu meinem Graun erfahren
Das Rätsel, das ich nimmer konnte lösen,
Als mir in meinen hellen Unschuldsjahren
Ganz unbegreiflich schien, was da vom Bösen,
Daß eine Seele, wo dein Bild geglüht,
Dich gar nicht mehr erkennt, wenn sie dich sieht.

Rings um mich tönt der klare Vogelreigen:
»Horch auf, die Vöglein singen seinem Ruhme!«
Und will ich mich zu einer Blume neigen:
»Sein mildes Auge schaut aus jeder Blume.«
Ich habe dich in der Natur gesucht,
Und weltlich Wissen war die eitle Frucht.

Und muß ich schauen in des Schicksals Gange,
Wie oft ein gutes Herz in diesem Leben
Vergebens zu dir schreit aus seinem Drange,
Bis es verzweifelnd sich der Sünd' ergeben:
Dann scheint mir alle Liebe wie ein Spott,
Und keine Gnade fühl' ich, keinen Gott.

Und schlingen sich so wunderbar die Knoten,
Daß du in Licht erscheinst dem treuen Blicke:
Da hat der Böse seine Hand geboten
Und baut dem Zweifel eine Nebelbrücke,
Und mein Verstand, der nur sich selber traut,
Der meint gewiß, sie sei von Gold gebaut.

Ich weiß es, daß du bist, ich muß es fühlen,
Wie eine schwere kalte Hand mich drücken,
Daß einst ein dunkles Ende diesen Spielen,
Daß jede Tat sich ihre Frucht muß pflücken;
Ich fühle der Vergeltung mich geweiht,
Ich fühle dich, doch nicht mit Freudigkeit.

Wo find ich dich in Hoffnung und in Lieben!
Denn jene ernste Macht, die ich erkoren,
Das ist der Schatten nur, der mir geblieben
Von deinem Bilde, da ich es verloren.
O Gott, du bist so mild und bist so licht!
Ich suche dich in Schmerzen, birg dich nicht!



Am Feste vom süßen Namen Jesus

Was ist süß wie Honigseim,
Wenn er sich der Wab' entgießt?
Süßer ist des Lebens Keim,
Der durch unsre Adern fließt.
Doch dein Name, lieber Jesu mein,
Der ist über Alles mild und süß!
Daß der Tod vergißt die herbe Pein,
Wo ein frommer Mund ihn tönen ließ.

Was ist gleich des Löwen Kraft
Wenn er durch die Wälder kreis't?
Stärker ist die Leidenschaft,
Ist der widerspenst'ge Geist.
Doch dein Name, lieber Jesu mein,
Der ist über Alles voll der Macht!
Daß er zwängt zu milden Lichtes Schein,
Was die Welt bedräut in Flammenpracht.

Was ist reich wie Meeresfahrt,
Gleich des Schachtes goldner Hut?
Reicher ist, wer sich bewahrt
Seiner Ehre köstlich Gut.
Doch dein Name, lieber Jesu mein,
Der ist mehr und reicher als das all'!
Ach um ihn erträgt man ganz allein
Schmach, Verkennung, aller Ehre Fall.

Was ist schön wie Morgenlicht,
Gleich dem Sternendom der Nacht?
Ach, ein lieblich Angesicht,
Und im Aug' des Geistes Pracht!
Doch dein Name, lieber Jesu mein,
Der ist über Alles mild und schön!
Wer ihn trägt im stillen Antlitz sein,
Der ist hold, was auch Natur versehn.

Was ist freudig wie zu ziehn
In die reiche Welt hinaus?
Ach, viel freud'ger, was wir fliehn,
Das verkannte Elternhaus!
Doch dein Name, lieber Jesu mein,
Der ist über alles voll der Lust!
O, wer gäb' nicht um die Freuden sein
Heimat, Freiheit, was ihm nur bewußt!

Ja, dein Name, Jesus Christ,
Der ist stark und reich und mild!
Wer den Namen nie vergißt,
Der kennt aller Leiden Schild.
Und ich soll, o liebster Jesu mein,
Ich, die Arme, treulos aller Pflicht,
Dennoch deines Namens Erbin sein:
Gott, du willst den Tod des Sünders nicht!



Am dritten Sonntage nach Heilige Drei Könige

Evang.: Vom Aussätzigen und Hauptmann

»Geh hin, und dir gescheh, wie du geglaubt!«
Ja, wer da glaubt, dem wird sein Heil geschehen;
Was aber ihm, dem in verborgnen Wehen
Das Leben hat sein Heiliges geraubt?

Herr, sprich ein Wort, so wird dein Knecht gesund!
Herr, sprich das Wort, ich kann ja nichts als wollen;
Die Liebe kann das Herz dir freudig zollen,
Der Glaube wird ja nur als Gnade kund!

Wie kömmt es, da ich dich am Abend rief,
Da ich am Morgen ausging dich zu finden,
Daß du in Lauheit und des Zweifels Sünden
Mich sinken ließest, tiefer stets und tief?

Ist nicht mein Ruf in meiner höchsten Not
Zu dir empor geschollen aus der Tiefe?
Und war es nicht, als ob ich Felsen riefe?
Indes mein Auge stets von Tränen rot.

Verzeih, o Herr, was die Bedrängnis spricht!
Ich habe dich doch oft und süß empfunden,
Ich war ja Eins mit dir zu ganzen Stunden,
Und in der Not gedacht' ich dessen nicht!

Und ist mir nun, als sei ich ganz allein
Von deinem weiten Gnadenmahl verloren,
Der ausgesperrte Bettler vor den Toren:
O Gott, die Schuld ist doch gewißlich mein!

Fühlt' ich in Demut, wie ich nimmer wert,
Daß ich dein Wort in meinem Geist empfangen,
Daß meine Seufzer an dein Ohr gelangen,
Daß meine Seele dich erkennt und ehrt?

Mein Herr, gedenke meiner Sünden nicht!
Wie oft hab' ich auf selbstgewähltem Pfade
Geschrien im Dunkel, Gott, um deine Gnade
Wie um ein Recht und wie um eine Pflicht!

O hätt' ich ihre Gaben nicht versäumt,
Hätt' ich sie nicht zertreten und verachtet!
Ich stände nicht so grauenvoll umnachtet,
Daß das entfloh'ne Licht mir wie geträumt.

Wie oft ist nicht, noch eh' die Tat geschah,
Die als Gedanke lüstern mich umflogen,
In milder Warnung still vorbeigezogen
Dein Name mir, dein Bild auf Golgatha!

Und wenn ich nun mich frevelnd abgewandt,
Die Sünde, die ich klar erkannt begangen,
Wie hast du dann in reuigem Verlangen
Nicht oft in meiner Seele nachgebrannt!

Ach, viel und schwere Sünden übt' ich schon,
Noch mehr der Fehle, klein in ihren Namen,
Doch groß in der Verderbnis tiefstem Samen,
Taub für des jammernden Gewissens Ton!

Nun ist mir endlich alles Licht dahin
Und öfters deine Stimme ganz verschollen;
Doch wirf mich, o du siehst, ich kann noch wollen,
Nicht zu den Toten, weil ich lebend bin!

Mein Jesu, sieh, ich bin zu Tode wund
Und kann in der Zerrüttung nicht gesunden!
Mein Jesu, denk' an deine bittern Wunden
Und sprich ein Wort, so wird dein Knecht gesund!



Am vierten Sonntage nach Heilige Drei Könige

Evang.: Von den Arbeitern im Weinberge

      Ich kann nicht sagen:
      »Keiner hat mich gedingt.«
      Wem soll ich klagen,
      Wenn es mich niederzwingt
In meine schmählich selbstgeflochtnen Bande!
Vor Millionen hast du mich erwählt,
Mir unermeßnes Handgeld zugezählt
In deiner Taufe heil'gem Unterpfande.

      Ich kann nicht sagen:
      »Siehe, des Tages Last
      Hab' ich getragen!«
      Wenn nun, zu Duft erblaßt,
Mich meine matte Sonne will verlassen;
Mein Garten liegt ein übergrüntes Moor,
Und blendend steigt das Irrlicht draus empor,
Den Wandrer leitend in den Tod, den nassen.

      Ich kann nicht sagen:
      »Siehe, wer stand mir bei?
      Ich mußte zagen;
      Um mich die Wüstenei
Und das Getier, so nimmer dich erkennet.«
O Gott, du hast zur Arbeit mir gesellt
Viel liebe Seelen, rings um mich gestellt,
Worin dein Name unauslöschlich brennet!

      Ich kann nicht sagen:
      »Sieh' deine Stimme sprach,
      Ich mußte wagen,
      Und meine Kraft zerbrach;
Was hast du meine Nahrung mir entzogen?«
Mein Gott, und liegt wohl tief es in der Brust,
Doch bin ich großer Kräfte mir bewußt,
Und in der Angst hab' ich mir selbst gelogen!

      Ich muß verschwinden
      Bis in die tiefste Kluft,
      Zergehn in Winden
      Wie einer Wolke Duft,
Wenn dein Gericht vor meinem Geist wird stehen;
Du hast mich über Vieles eingesetzt,
Und ganz verarmt erschein ich und zerfetzt,
Die Güter dein ließ ich zu Kot vergehen.

      Nichts kann ich sagen,
      Denn meine Hand ist leer.
      Soll ich es wagen,
      Gegen die Waagschal' schwer
Zu legen meiner Reue späte Triebe?
Und ist es nur wie des Ersatzes Spott,
Nichts hab' ich sonst, doch du, o milder Gott,
Du hast ein großes, großes Wort der Liebe!



Am Feste Mariä Lichtmeß

Durch die Gassen geht Maria,
In dem Arm den Sohn, den lieben,
Hält ihn fest und hält ihn linde,
Und ihr Auge schaut auf ihn.
Wie die Englein ihn gesungen,
Ihn die Hirten angebetet,
Huldigten die grauen Weisen,
Läßt sie still vorüber ziehn.

Aber Joseph ihr zur Seiten
Ist in Sorgfalt ganz befangen;
Prüfend frägt er alle Steine,
Ob ihr Fuß zu kühn sich wagt;
Weiß nicht, was er wird erleben,
Aber wunderbare Dinge
Haben aus des Kindleins Augen
Sich ihm heimlich angesagt.

O Maria, Mutter Christi!
Soll ich denn zu dir mich wagen
Mit dem schuldgepreßten Herzen,
Mit dem trüben Sünderblick! –
Die du hast gleich mir gewandelt,
Hast gesiegt, wo ich gesunken,
Weh, vor deiner lichten Krone
Bebt mein scheues Fleh'n zurück.

Doch du neigst dein liebes Kindlein
Und es reicht die linden Hände.
O mein lieber Herr und Richter
Bist du mein Erlöser nur?
Ach, wie hab' ich mich gefürchtet,
Und nun bist du lauter Liebe!
Alle harten Worte schweigen
Und dahin ist ihre Spur.

Liebster Herr, du hast geschaffen
Meine arme kranke Seele,
Wie den Reiz, den vielgestalten,
Der auf breite Straßen führt;
Und du weißt, daß wie vor Andern
Frischer Hauch in meiner Seele,
So mich auch vor Andern glühend
Jede Erdenlust berührt.

Hast du mir in Macht und Güte
Meine Seele rein gegeben,
Herrlich, groß und wohlgerüstet
Wie ein königliches Schloß:
Und nun liegt es in Zerstörung,
Graunvoll in der öden Größe,
Wie ein knöchern Ungeheuer,
Wie ein todter Meerkoloß.

Und da ich nach vielen Tagen,
Sonder Glauben, voll der Liebe,
Angstvoll prüfte seine Mauern,
Siehe da! sie standen fest.
O mein Herr, willst du mich hören,
Auftun deine Gnadenschätze:
Sieh', ich will getreulich bauen
Meines Lebens trüben Rest!

Muß mein Haus gleich stehen eine
Öde warnende Ruine:
Ach, nur dort kann sich gestalten,
Was so rettungslos zerstört.
Kann ich nur ein Stüblein bauen,
Ausgeschmückt mit stillen Werken,
Wo ich, Herr, dich kann bewirten,
Wenn ich bei dir eingekehrt!

Aus den Hallen tritt Maria,
In dem Arm den Sohn, den lieben,
Hält ihn fest und hält ihn linde,
Und auf dem ihr Auge ruht.
O, sie hat das Glück getragen
Durch neun wonnevolle Monde;
Was verkündet jene Frommen,
Trug sie längst im glühnden Mut.

Aber Joseph stillen Schrittes
Tritt nicht mehr an ihre Seite,
Da das liebe, liebe Kindlein
Nun der Herr der ganzen Welt.
Doch wie höher steigt die Sonne,
Schleicht er leis' an ihre Schulter,
Und er zupft an ihrem Mantel,
Daß der Schleier niederfällt.



Am fünften Sonntage nach Heilige Drei Könige

Evang.: Vom Samen, so unter die Dornen fiel

In die Dornen ist dein Wort gefallen,
In die Dornen, die mein Herz zerrissen;
Du, mein Gott, nur du allein kannst wissen,
Wie sie schmerzlich sind vor andern allen;
In die Dornen meiner bittern Reue,
Die noch keine Tröstung will empfangen;
So verbarg ich es in finstrer Scheue,
Und so ist es trübe aufgegangen.

Und so wächst es auf in bittrer Wonne,
Und die Dornen lassen es gedeihen;
Ach! mein Boden ist zu hart, im Freien
Leckt den Tau vom Felsen ihm die Sonne.
Kann es gleich nur langsam sich entfalten,
Schirmen sie es treulich doch vor Stürmen
Und dem Hauch der Luft, dem todeskalten,
Und wenn sich des Zweifels Wolken türmen.

In die Dornen ist dein Wort gefallen,
Und sie werden blut'ge Rosen tragen;
Soll ich einst dir zu vertrauen wagen,
Darf ich nur in ihrem Kranze wallen.
Wenn er recht erstrahlt im Feuerglanze
Und das Haupt mir sengt mit tiefen Wunden,
Dann gedeiht die zarte Gottespflanze,
Muß an seinem Schmerzenstrahl gesunden.

In Entsagung schwinden muß mein Leben,
In Betrachtung meine Zeit ersterben,
So nur kann ich um das Höchste werben;
Meine Augen darf ich nicht erheben.
Ach! ich habe sie mißbraucht zu Sünden
Und verscherzt des Aufblicks reine Freude;
Dann nur kann ich noch den Himmel finden,
So ich ihn in Scham zu schauen meide.

Wenn ich blicke in die milden Mienen
O, wie schmerzlich muß es mich betrüben,
Denen noch das teure Recht geblieben
Ihrem Gott in Freudigkeit zu dienen!
Muß an seinem Schmerzenstrahl gesunden.
Muß erglühend sie zur Erde schlagen;
In ein reines Auge sie zu senken,
Kann ich nimmer sonder Frevel wagen.

Und wie tief neig' ich die Stirn, die trübe,
Wenn die Sünde rauscht an mir vorüber,
Meinen Manche, daß mich Abscheu triebe,
Und gewinnen lieber mich und lieber,
Ist es oft nur mein vergangnes Leben,
Grauenhaft zum zweitenmal geboren;
Ach! und oft empfind' ich gar mit Beben,
Wie der Finstre noch kein Spiel verloren!

Aber, was er auch für Tücke hege,
Kämpfen will ich um des Himmels Grenzen;
Meine Augen sollen freudig glänzen,
Wenn ich mich in meine Dornen lege,
Daß die Welt nicht meinen Kampf darf rügen,
Oder gar mit eitelm Lob geleiten:
Wohl, ich kann durch Gottes Wunder siegen,
Aber nimmer mit zwei Feinden streiten.

Ob ein Tag mir steigen wird auf Erden,
Wo ich frei mich zu den Deinen zähle?
Wo kein Schwert mehr fährt durch meine Seele,
Wenn mir deine Hände sichtbar werden?
Herr, und soll der Tag mir nimmer scheinen,
Dürft' ich ihn in Ewigkeit nicht hoffen,
Dennoch muß ich meine Schulden weinen,
O, der Sünder hat sich selbst getroffen!



Fastnacht

Evang.: Vom Blinden am Wege

Herr, gib mir, daß ich sehe!
Ich weiß es, daß der Tag ist aufgegangen,
Im klaren Osten stehn fünf blut'ge Sonnen,
Und daß das Morgenrot mit stillem Prangen
Sich spiegelt in der Herzen hellen Bronnen.
Ich sehe nicht, ich fühle seine Nähe,
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Und wie ich einsam stehe,
Sich um mich regt ein mannigfaches Klingen;
Ein Jeder will ein lichtes Plätzchen finden,
Und Alle von der Lust der Sonnen singen.
Ich nimmer kann die Herrlichkeit ergründen,
Und wird mir nur ein unergründlich Wehe.
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Wie ich die Augen drehe
Verlangend durch die Lüfte weite Reiche,
Und meine doch, ein Schimmer müsse fallen
In ihrer armen Kreise öde Bleiche,
Weil deine Strahlen mächtig doch vor allen;
Doch fester schließt die Rinde sich, die zähe:
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Gleich dem getroffnen Rehe
Möcht' ich um Hilfe rennen durch die Erde;
Doch kann ich nimmer deine Wege finden.
Ich weiß, daß ich im Moor versinken werde,
Wenn nicht der Wolf zuvor verschlang den Blinden;
Auch droht des Stolzes Klippe mir, die jähe.
Herr, gib mir, daß ich sehe!

So bleib' ich auf der Höhe,
Wo du zum Schutz gezogen um die Deinen
Des frommen Glaubens zarte Ätherhalle,
Worin so klar die roten Sonnen scheinen,
Und harre, daß dein Tau vom Himmel falle,
Worin ich meine kranken Augen bähe.
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Wie sich die Nacht auch blähe,
Als sei ich ihrer schwarzen Macht verbündet,
Weil mir verschlossen deine Strahlenfluten:
Hat sich doch ihre Nähe mir verkündet,
Empfind' ich doch, wie lieblich ihre Gluten.
So weiß ich, daß ich nicht vergeblich flehe:
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Und wie mich Mancher schmähe,
Als soll' ich nie zu deinem Strahl gelangen,
Dieweil ich meine Blindheit selbst verschuldet,
Da ich in meiner Kräfte üpp'gem Prangen
Ein furchtbar blendend Feuerlicht geduldet,
Mir sei schon recht, und wer gesä't der mähe:
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Herr, wie du willst, geschehe!
Doch nicht von deinem Antlitz will ich gehen;
In diesen Tagen, wo die Nacht regieret,
Will ich allein in deinem Tempel stehen,
Von ihrem kalten Zepter unberühret,
Ob ich den Funken deiner Huld erspähe.
Herr, gib mir, daß ich sehe!

Daß mich dein Glanz umwehe,
Das fühl' ich wohl durch alle meine Glieder,
Die sich in schauerndem Verlangen regen.
O milder Herr, sieh mit Erbarmen nieder!
Kann ein unendlich Flehn dich nicht bewegen?
Ob auch der Hahn zum dritten Male krähe,
Herr, gib mir, daß ich sehe!



Am Aschermittwoch

Auf meiner Stirn dies Kreuz
Von Asche grau:
O schnöder Lebensreiz,
Wie bist du schlau
Uns zu betrügen!
Mit Farben hell und bunt,
Mit Weiß und Rot
Deckst du des Moders Grund;
Dann kömmt der Tod
Und straft dich Lügen.

Und wer es nicht bedacht
Und wohl gewußt,
Sein Leben hingelacht
In eitler Lust,
Der muß dann weinen;
Er achtet nicht was lieb;
Und was ihm wert,
Das flieht ihn wie ein Dieb,
Fällt ab zu Erd'
Und zu Gebeinen.

Was schmückt sich denn so hold
In bunter Seid'?
Was tritt einher in Gold
Und Perlgeschmeid'?
O Herr! ich hasche
Nach Allem, was nicht gut,
Nach Wahn und Traum,
Und hänge Erd' und Blut
Und Meeresschaum
Um bunte Asche.

Was wird so heiß geliebt?
Was legt in Band,
Ob's gleich nur Schmerzen gibt,
Sinn und Verstand?
O Herr, verzeihe!
Die Seele minnt man nicht,
Die edle Braut,
Und wagt um ein Gesicht,
Aus Staub gebaut,
Die ew'ge Reue!

Stellt ein Geripp' sich dar
Vor meinem Blick,
So sträubt sich mir das Haar;
Ich fahr' zurück
Vor dem, was ich einst bleibe,
Und werd' es selber noch,
Und weiß es schon,
Und trag' es selber doch
Zu bitterm Hohn
Im eignen Leibe!

Fühl' ich des Pulses Schlag
In meiner Hand,
Worüber sinn ich nach?
O leerer Tand:
Ob ich gesunde!
Und denke nicht betört,
Daß für und für
Ein jeder Pulsschlag zehrt
Am Leben mir,
Schlägt Todeswunde!

Du schnöder Körper, der
Mich oft verführt,
Mit Welt und Sünde schwer
Mein Herz gerührt,
Noch hast du Leben!
Bald liegst du starr wie Eis,
Der Würmer Spott,
Den Elementen preis;
O möge Gott
Die Seele heben!



Am ersten Sonntag in der Fasten

Evang.: Von der Versuchung Christi

»Sprich, daß diese Steine Brode werden!
Laß dich deine Engel niedertragen!
Sieh die Reiche dieser ganzen Erden!
Willst du deinem Schöpfer nicht entsagen?«
Dunkler Geist, und warst du gleich befangen,
Da du deinen Gott und Herrn versucht:
Ach, in deinen Netzen zahllos hangen
Sie, verloren an die tück'sche Frucht.

Ehrgeiz, Hoffahrt, dieser Erde Freuden,
Götzen, denen teure Seelen sterben.
O mein Gott, laß mich nicht ewig scheiden!
Laß mich selber nicht den Tod erwerben!
Ganz verwirrt weiß ich mich nicht zu fassen,
Drohend schwankt um mich der falsche Grund;
Ach, der eignen schwachen Kraft gelassen,
Tret' ich sinnlos in den losen Schlund.

Jesu mein, zu dir steigt auf mein Flehen,
Auf der Kreuzesleiter meine Stimme!
Du berührst die Meere, sie vergehen,
Und die Berge rauchen deinem Grimme;
Doch mit tausend Himmelszweigen blühet
Dein unendlich Gnadenwort empor;
Du verlöschest nicht den Docht, der glühet,
Und zerbrichst nicht das geknickte Rohr.

Herr, ich bin ein arm und kaum noch glühend
Döchtlein am Altare deiner Gnade;
Sieh, mich löscht ein mattes Lüftchen fliehend,
Mich ein Tropfen von der Welt Gestade!
Ach, wenn nicht in meinem Herzen bliebe
Nur ein einzig leuchtend Pünktlein noch,
Jener heiße Funken deiner Liebe,
Wie so ganz erstorben wär' ich doch!

Herr, du hast vielleicht noch viel beschlossen
Für dies kurze ruhelose Leben,
Ob ich soll in Qualen hingegossen,
Ob ich soll in allen Freuden weben;
Darf ich wählen, und will Lust mich trennen,
Brenne mich in Leidensflammen rein!
O, die Not lehrt deinen Namen nennen!
Doch die Ehre steht so gern allein.

Lauscht vielleicht verborgen eine Spitze
In dem Lob, das mir die Menschen bringen,
Daß ich noch die letzte Kraft besitze
Dich zu rühmen, deinen Preis zu singen?
Sind auch hier die Netze aufgeschlagen,
Wo der Mund zu deiner Ehre schafft,
Und ich wär' zu schwach das Lob zu tragen,
Und es bräche meine letzte Kraft?

Herr! Du weißt, wie trüb in meiner Seele,
Wie verloren die Gebete stehen,
Daß ich möchte wie um große Fehle
Büßen, daß ich es gewagt zu flehen.
Mein Gebet ist wie von einem Toten,
Ist ein kalter Dunst vor deinem Thron;
Herr, du hast es selber mir geboten,
Und du hörtest den verlornen Sohn!

Laß mich, Herr, es immerdar empfinden,
Wie ich tief gesunken unter Allen,
Laß mich nicht zu allen meinen Sünden
Noch in frevelhafte Torheit fallen!
Meine Pflichten stehen über Vielen,
Unter Allen meiner Tugend Kraft.
Ach, ich mußte wohl die Kraft verspielen
In dem Spiel mit Sünd' und Leidenschaft!

Willst du mehr der Erdengüter schenken,
Soll ich die besessenen verlieren –
Laß in Lust und Jammer mich bedenken,
Was der fremden Armut mag gebühren!
Trag ich alles Erdenglück zu Grabe,
Es ersteht vielleicht unsterblich mir,
Wenn ich treulich meine arme Habe
In Entbehrung teile für und für.

Selber kann ich diesen Kampf nicht wagen.
Deine Gnaden hab' ich all verloren;
Wenn du mich verläßt, ich darf nicht klagen,
Hab' ich doch die Finsternis erkoren,
Hoffart, Ehrgeiz, dieser Erde Freuden.
O mein Jesu, ziehe mich zurück!
Ach, was hab' ich denn, um sie zu meiden,
Als zu dir den angsterfüllten Blick?



Am zweiten Sonntag in der Fasten

Evang.: Vom Cananäischen Weibe

Liebster Jesu, nur Geduld!
Wie ein Hündlein will ich spüren
Nach den Brocken deiner Huld,
Will mich lagern an die Türen,
Ob von deinen Kindern keines
Mir ein Krüstlein reichen will,
Hungerglühend, doch in meines
Tiefen Jammers Kunde still.

Um Geduld fleh ich zu dir:
Denn ich muß in großen Peinen
Einsam liegen vor der Tür,
Wenn von deinen klaren Weinen,
Deinen lebensfrischen Gaben
Mir der Duft herüberzieht.
Ach, ein Tropfen kann mich laben,
Meine Zunge ist verglüht!

Weil ich fast in meiner Pein
Schaue wie aus Kindesaugen,
Meinen oft die Diener dein,
Daß ich mag zum Gaste taugen.
In Erbarmen ganz vermessen
Reichen sie die Schüsseln hin;
Doch ich will es nicht vergessen,
Daß ich wie ein Hündlein bin.

O, zum allergrößten Heil
Muß es mir bei dir gereichen,
Daß dir, o mein einzig Teil,
Nichts an Langmut zu vergleichen!
Denn es will mir öfters fahren
Durch die Glieder wie ein Blitz,
Deinen Kindern mich zu paaren,
Rasch erringend einen Sitz.

Kann ich dir, du Rächer groß,
Doch in Ewigkeit nicht lügen!
Und mir würd', ein schmählich Los,
So die Diener dein zu trügen:
Weil mir weich die Augen brennen
In der ungestillten Lust,
Ich mich will ein Kindlein nennen
Mit der schuldgebrochnen Brust.

Wie ein Hündlein bin ich nur,
Und so will ich nimmer weichen,
Fest auf deiner Kinder Spur,
Ob sie mir den Bissen reichen,
Wenn die Sonne aufgegangen,
Wenn sie blutet in den Tod,
Will an ihrem Munde hangen,
So du reichst das Abendbrot.

Ist es deinen Kindern recht,
Nur ein Krüstlein mir zu spenden:
Wohl! es ist mir nichts zu schlecht,
Kömmt von übermilden Händen,
Birgt sich reiche Nahrung drinnen,
Nur in ernster Glut erstarrt.
Ach, und meinen stumpfen Sinnen
Wär' ein Kiesel nicht zu hart!

O, es ist ein bittres Los,
Wer ein lieber Gast gewesen,
Um die eignen Sünden groß
Nun die Brocken aufzulesen!
Nicht um des Gerichtes Strenge,
Das mir noch dereinstens dräut,
Nein, im eigenen Gedränge
Innige Versunkenheit.

Daß um meiner Sehnsucht Brand
Neu die Sinne mir gegeben,
Aber nicht, so lang ein Band
Leib und Seele hält umgeben,
Darauf ruht mein einzig Hoffen.
Und so leb' ich langsam hin;
Meine Sinne stehen offen,
Aber ihnen fehlt der Sinn.

Muß in Qual das Morgenrot,
Muß das Abendlicht mich sehen,
O, wie lieblich ist der Tod,
Und um seinen Trost zu flehen!
Darf mich dennoch nicht erkühnen,
Wie er winkt, so lockend mild;
Denn ich muß unendlich sühnen,
Und das Leben ist mein Schild.



Am dritten Sonntag in der Fasten

Evang. : Jesus treibt den Teufel aus

»Mein Nam' ist Legion, denn unserer sind Viele!«
So spricht der finstre Geist.
Sein Nam' ist Legion, weh mir, daß ich es fühle!
Daß es mich zittern heißt!

Wo kindlich dem Gemüt in Einfalt und Vertrauen
Nichts als sein Jesu kund,
Da kann der Finstre nicht die wirren Höhlen bauen
Im einfach lichten Grund.

Doch du, mein schuldvoll Herz, in deinem eitlen Wissen,
In deinem irren Tun:
Wie sind dir tausend brand'ge Stellen aufgerissen,
Worin die Nacht kann ruhn!

Und raff' ich mich empor, und will ich mich erkühnen
Zu heil'gen Namens Schall,
O, könnte nicht vielleicht mein guter Wille dienen
Zu neuem schwerem Fall!

Denn daß die Welt mich nicht, die Menschen mich nicht kennen,
Die gleißend wie das Meer,
Daß sie mich oft sogar noch hell und freudig nennen,
Das senkt unendlich schwer!

Mich kennen muß die Welt, ich muß Verachtung tragen,
Wie ich sie stets verdient;
Ich Wurm, der den, den Engel kaum zu nennen wagen
Zu preisen mich erkühnt!

Laß in Zerknirschung mich, laß mich in Furcht dich singen,
Mein Heiland und mein Gott!
Daß nicht mein Lied entrauscht, ein kunstvoll sündlich Klingen,
Ein Frevel und ein Spott.

Ach, wer so leer wie ich in Worten und in Werken,
An Sinnen so verwirrt,
Dess Lied kann nur des Herrn barmherzig Wunder stärken,
Daß es zum Segen wird.

Ist nicht mein ganzer Tag nur eine Reihe Sünden?
Muß oft in Traumeswahn,
Oft wachend die Begier nicht zahllos Wege finden,
Nur nie die Himmelsbahn?

Tönt nicht der Kampfgesang der Lust von allen Seiten?
Und bringt er nicht den Sieg?
Ist nicht mein Leben nur ein flüchtig kraftlos Streiten,
Ein schmachbedeckter Krieg?

Und mein' ich eine Zeit, daß ich den Sieg errungen,
Weil die Begierde schwand:
Da bin ich ausgeschlürft wie von Empusenzungen,
Wie eine tote Hand!

Und ist mir's eine Zeit, als will das Leben ziehen
Ins Herze gar erstarrt:
Da muß mit ihm zugleich der Übermut entglühen,
Der eines Hauchs geharrt.

Und wird mir's endlich klar, umsprüht von Leidensfunken,
Wie klein, wie Nichts ich bin;
Da bin ich ausgebrannt, zu Asche eingesunken,
Verglüht an Geist und Sinn.

Das hast du selber dir, du schuldvoll Herz, zu danken;
Mein Jesu lieb und traut,
Wärst du nur irgend treu, er würde nimmer wanken
Von der geliebten Braut.

Doch daß du schlummernd läßt durch alle Tore ziehen
Den grausen Höllenbund,
Daß überall für ihn die Siegeskränze blühen
Aus deinem eignen Grund;

Daß du dich töricht wähnst in vollem hellem Laube,
Du armer dürrer Zweig!
Daß du, indes der Feind frohlockt in deinem Raube.
Dich herrlich wähnst und reich:

Das ist warum du stirbst, daß du in Wahnes Gluten
Nicht kennst den eignen Schmerz,
O, fühltest du dich selbst aus allen Adern bluten,
Du töricht frevelnd Herz!

So schaue deine Not! Noch fielen nicht die Schranken
Der dunklen Ewigkeit.
»Sein Nam' ist Legion«, o fasse den Gedanken!
Es ist die letzte Zeit!



Am vierten Sonntag in der Fasten

Josephsfest

Gegrüßt in deinem Scheine,
Du Abendsonne reine,
Du alter Lilienzweig,
Der du noch hast getragen
In deinen grauen Tagen
So mildes Blütenreich!

Je mehr es sich entfaltet,
Zum Ehrenkranz gestaltet,
Der deine Stirn umlaubt:
Je mehr hast du geneiget,
In Ehrfurcht ganz gebeuget
Dein gnadenschweres Haupt.

Wie ist zu meinem Frommen
Dein freundlich Fest gekommen
In diese ernste Zeit!
Ich war fast wie begraben;
Da kömmst du mich zu laben
Mit seltner Freudigkeit.

Zu dir will ich mich flüchten,
Mein scheues Leben richten,
O Joseph, milder Hauch!
Du hast gekannt die Fehle
In deiner starken Seele,
Und die Vergebung auch!

Was hast du nicht geduldet,
Da im Geheim verschuldet
Maria dir erschien?
Und konntest ihr nicht trauen,
Worauf die Himmel bauen,
Und hast ihr doch verziehn!

Und da du mußtest scheiden
Mit deinen lieben Beiden,
Wie groß war deine Not!
Die Wüste schien dir lange;
Doch war vom Untergange
Dein liebes Kind bedroht.

Und da Er glanzumkrönet,
Wie bist du nicht gehöhnet
Um seine Gotteskraft!
Wie mag, den Groll zu laben,
Dich nicht gelästert haben
Die arge Priesterschaft!

Und gar, wenn gottdurchdrungen
Dich grüßten fromme Zungen
Und priesen laut und weit:
Wie hast du nicht in Zagen
An deine Brust geschlagen
In deiner Sündlichkeit!

So hast du viel getragen,
Unendlich viele Plagen,
Mit freundlicher Geduld,
Und ist in all den Jahren
Manch Seufzer dir entfahren
Und manche kleine Schuld.

Du frommer Held im Glauben,
Den schrecklich dir zu rauben
Sich alle Welt verband,
Hast können nicht erhalten
Ein unbeflecktes Walten
An deines Jesu Hand.

Was soll ich denn nicht hoffen,
Da noch der Himmel offen,
Und meine Seele still?
Will sich die Gnade nahen:
Ich kann sie wohl empfahen,
So Gott mir helfen will.

Zerrissen in den Gründen
Bin ich um meine Sünden,
Und meine Reu' ist groß!
O hätt' ich nur Vertrauen,
Die Hütte mein zu bauen
In meines Jesu Schoß!



Am fünften Sonntag in der Fasten

Evang.: Die Juden wollen Jesum steinigen

Die Propheten sind begraben,
Abraham ist tot!
Millionen Greis' und Knaben
Und der Mägdlein rot,
Viele, die mir Liebe gaben,
Denen ich sie bot:
Alle, alle sind begraben,
Alle sind sie tot!

Herr, du hast es mir verkündet,
Und dein Wort steht fest,
Daß nur der das Leben findet,
Der das Leben läßt.
Ach, in meiner Seele windet
Es sich dumpf gepreßt;
Doch du hast es mir verkündet,
Und dein Wort steht fest.

Aber von mir selbst bereitet
Leb' ich oft der Pein;
Alles scheint mir wohl geleitet,
Und der Mensch allein,
Der dein Ebenbild bedeutet,
Jammervoll zu sein;
Sieh, so hab' ich mir bereitet
Namenlose Pein.

Hab' ich grausend es empfunden,
Wie in der Natur
An ein Fäserchen gebunden,
Eine Nerve nur,
Oft dein Ebenbild verschwunden
Auf die letzte Spur:
Hab' ich keinen Geist gefunden,
Einen Körper nur!

Seh' ich dann zu Staub zerfallen,
Was so warm gelebt,
Ohne daß die Muskeln wallen,
Eine Nerve bebt,
Da die Seele doch an allen
Innig fest geklebt:
Möcht' ich selbst zu Staub zerfallen,
Daß ich nie gelebt!

Schrecklich über alles Denken
Ist die dumpfe Nacht,
Drin sich kann ein Geist versenken,
Der allein gedacht,
Der sich nicht von dir ließ lenken,
Helle Glaubensmacht!
Ach, was mag der Finstre denken,
Als die finstre Nacht?

Meine Lieder werden leben,
Wenn ich längst entschwand:
Mancher wird vor ihnen beben,
Der gleich mir empfand.
Ob ein Andrer sie gegeben,
Oder meine Hand:
Sieh, die Lieder durften leben,
Aber ich entschwand!

Bruder mein, so laß uns sehen
Fest auf Gottes Wort!
Die Verwirrung wird vergehen,
Dies lebt ewig fort.
Weißt du, wie sie mag entstehen
Im Gehirne dort?
Ob wir einst nicht lächelnd sehen
Der Verstörung Wort?

Wie es hing an einem Faden,
Der zu hart gespannt,
Mit entflammtem Blut beladen,
Sich der Stirn entwand?
Flehen wir zu Gottes Gnaden,
Flehen zu seiner Hand,
Die die Fädchen und die Faden
Liebreich ausgespannt!



Am Feste Mariä Verkündigung

Ja, seine Macht hat keine Grenzen,
Bei Gott unmöglich ist kein Ding!
Das soll mir wie mein Nordlicht glänzen,
Da meine Sonne unterging.
Und wie auf blauen Eisesküsten
Steh' ich zu starrer Winterzeit:
Wie soll ich noch das Leben fristen!
Ach, keine Flamme weit und breit!
Und sieh, er winkt' dem milden Lenzen,
Daß er die tote Erd' umfing?
Ja, seine Macht ist ohne Grenzen,
Bei Gott unmöglich ist kein Ding!

O sehet, wie von warmen Zähren
Der Erde hartes Herz zerquillt,
Wie sie, die Blumen sein zu nähren,
Mit Tau die grauen Wimpern füllt!
Auch in die längst erstorbnen Äste
Gießt sich ein Leben wunderbar,
Und alle harren seiner Gäste,
Der Blätter lebensfroher Schar.
Was soll ich denn der Hoffnung wehren,
Daß meiner Zähren Flehn gestillt,
Da ja sogar von warmen Zähren
Der Erde hartes Herz zerquillt?

Kannst du die Millionen Blätter
Aus diesen todten Ästen ziehn
Und aus dem ausgebrannten Wetter
Der Lavafelsen frisches Grün:
Was soll mein Herz zu hart dir scheinen,
Wo doch der gute Wille brennt,
Das sich dir glühend möchte einen,
Wenn es sich starrend von dir trennt?
Und soll nicht, mein allmächt'ger Retter,
Auch mir ein farblos Kraut entblühn,
Da du die Millionen Blätter
Kannst aus den toten Ästen ziehn!

O, möchte nur die Demut keimen!
Vertrocknet ist die Herrlichkeit.
Wohl durft' ich sonst mir Andres träumen;
Doch wie ein Blitz ist jene Zeit.
Zwar kann ich mich in Reue sehnen,
ich kann verwerfen meine Tat,
Doch nicht erfrischen meine Tränen,
Sie fallen sengend auf die Saat;
Und Frost und Hitze muß sich reimen,
Daß keine Blume mir gedeiht.
O, möchte nur die Demut keimen!
Vertrocknet ist die Herrlichkeit.

So ist doch von den Blumen allen
Marienblümlein milder Art;
Die Blätter erst, die Flocken fallen,
Doch freudig blüht es fort und zart.
Wenn sich des Winters Stürme brechen,
Gleich blickt es freundlich durch den Schnee,
Und naht der Lenz in Regenbächen,
Da steht es in dem kalten See.
O könnt' ich gläubig niederfallen,
Bis mir das Blümlein offenbart!
Es ist ja von den Blumen allen
Marienblümlein milder Art.

Doch wie das Volk einst vor den Schranken
Um Horebs gottgeweihte Höhn,
So fliehen bebend die Gedanken,
Da sie dies reine Bild erspähn.
Was seh' ich nur die Feuersäule,
Und nicht die Gnade Gottes drin,
Daß unermeßlich scheint die Steile
Und wie ein Abgrund, wo ich bin?
O Jesus, laß aus diesem Schwanken
Nur nicht das goldne Kalb entstehn,
Wie jenem Volke vor den Schranken
Um Horebs gottgeweihte Höhn!

Und kann ich denn kein Leben bluten,
So blut' ich Funken wie ein Stein!
Ich weiß es, wo sie stille ruhten,
Ich scheuchte sie in Schlummer ein,
Da ich gesucht, was Leben kündet.
Doch hast du, Herr, mich ausersehn,
Daß ich soll starr, doch festgegründet
Wie deine Felsenmauern stehn:
So brenne mich in Tatengluten
Wie den Asbest des Felsen rein!
Und kann ich dann kein Leben bluten,
So blut' ich Funken wie ein Stein.



Am Palmsonntage

Der Morgentau will steigen;
Sind denn die Palmen grün?
Auf, laßt mit hellen Zweigen
Uns ihm entgegen ziehn!
Er will in unser Haus,
In unsre Kammern kommen;
Schon ziehen rings die Frommen
Mit Lobgesang heraus.

Ich kann nicht mit euch gehen,
Mir ist der Odem schwer;
Die Kreuzesfahnen wehen,
Ich folge nimmermehr.
Wie wird so klar die Luft?
O Jesu, süße Helle,
Du kömmst in meine Zelle,
In meine Modergruft!

Was soll ich dir bereiten,
Du wunderlieber Gast?
Ich möchte dich verleiten
Zu langer Liebesrast.
Wohlan, ich schmücke dich,
Will dich mit Blumen binden;
Du sollst dich nicht entwinden,
Das weiß ich sicherlich.

Aus deiner Mutter Rechten
Will ich um deinen Fuß
Die reine Lilie flechten
Mit demutsvollem Gruß.
Daß ich dich feßle ganz
Mit Liebesblumenringen,
Will um dein Haupt ich schlingen
Den heil'gen Rosenkranz.

Den Boden will ich streuen
Mit Palmen ganz und gar,
Mein Leiden dir zu weihen,
Was ich in diesem Jahr
Oft still, oft schwerer trug.
Es liegt zu deinen Füßen,
Es soll mich nicht verdrießen,
Dein Will' ist mir genug!

Wie soll ich mich doch finden
In deine Liebesmacht,
Daß du an meine Sünden
So gar nicht hast gedacht!
Ich lasse nicht von dir,
Mußt du gleich wieder scheiden.
Ich fühl' es wohl in Freuden,
Du kömmst noch oft zu mir.



Am Montag in der Charwoche

Evang.: Vom verdorrten Feigenbaume

»Wie stehst du doch so dürr und kahl,
Die trocknen Adern leer,
O Feigenbaum!
Ein Totenkranz von Blättern fahl
Hängt rasselnd um dich her
Wie Wellenschaum.« –
"O Mensch, ich muß hier stehn, ich muß
Dich grüßen mit dem Todesgruß,
Daß du das Leben fassest,
Es nicht entlassest!"

»Wie halt ich denn das Leben fest,
Daß es mir nicht entrinnt,
O Feigenbaum?« –
"O Mensch, der Wille ist das Best',
Die wahre Treu gewinnt!
Hältst du im Zaum
Die Hoffahrt und die Zweifelsucht,
Die Lauheit auch in guter Zucht:
Muß dir in diesem Treiben
Das Leben bleiben."

»Wie bist du denn so völlig tot,
So ganz und gar dahin,
O Feigenbaum?« –
"O Mensch, wie üpp'ges Morgenrot
Ließ ich mein Leben ziehn
Am Erdensaum,
Und weh, und dachte nicht der Frucht!
Da hat mich Gott der Herr verflucht,
Daß ich muß allem Leben
Ein Zeugnis geben."

»Wer hat dir Solches zubereit'
Durch heimlichen Verrat,
O Feigenbaum?« –
"O Mensch, des Herren Aug' sieht weit.
Es sieht des Würmleins Pfad
In Blattes Flaum!
Ihm kannst du nicht entdecken, noch
Entziehn, er sieht und weiß es doch;
Es lag schon auf der Waage
Am ersten Tage."

»Du starbest wohl vor langer Zeit,
Weil du so dürr und leer,
O Feigenbaum?« –
"O Mensch, des Herren Hand reicht weit,
Und ist so schnell und schwer,
Du siehst es kaum!
Er nimmt dir seines Lebens Hauch,
Du mußt vergehn wie Dunst und Rauch,
Er braucht nicht Wort noch Stunden,
Du bist verschwunden."

»Wo bleibt denn seine große Huld,
Was fruchtet denn die Reu',
O Feigenbaum?« –
"O Mensch, gedenk an deine Schuld,
Gedenk an seine Treu!
Schau, in den Raum
Hat er mich gnadenvoll gestellt,
Daß ich durch seine weite Welt
Aus meines Elends Tiefe
Dir warnend riefe."

»Steht denn kein Hoffen mehr bei dir,
Kein Hoffen in der Not,
O Feigenbaum?« –
"O Mensch, kein Hoffen steht bei mir;
Denn ich bin tot, bin tot!

O Lebenstraum,
Hätt' ich dein schweres Sein gefühlt,
Hätt' ich nicht frech mit dir gespielt:
Ich stände nicht gerichtet,
Weh' mir, vernichtet!"



Am Dienstag in der Charwoche

Evang.: Von der Nächstenliebe

»Gleich deiner eignen Seelen
Sollst du den Nächsten lieben!«
O Herr, was wird noch fehlen,
Bevor dein Wort erfüllt!
So muß denn all mein Denken
Mich rettungslos betrüben;
Wie sich die Augen lenken,
Steht nur der Torheit Bild.

Mein Herr, ich muß bekennen,
Daß, wenn in tiefsten Gründen
Oft meine Sünden brennen,
Mich diese nie gequält;
So ist denn all den Flecken,
Die meine Brust entzünden,
Des Übermutes Schrecken
Noch tötend beigezählt!

Und hast du mich verlassen,
Mein rügendes Gewissen,
Weil ich dich wie zu hassen
In meinen Ängsten schien?
O schärfe deine Qualen,
Und laß mich ganz zerrissen,
Bedeckt mit blut'gen Malen,
Vor Gottes Augen glühn!

Sprich! wolltest du mich trügen?
Und kann der Heller Klingen
Dein feiles Wort besiegen,
Die ich der Armut bot?
O Gold, o schnöde Gabe,
Die Alles soll erringen,
So trägst du mir zu Grabe
Mein Letztes in der Not!

Wie oft drang die Versteckte,
Die Sinnlichkeit, zu spenden,
Wenn mich ein Antlitz schreckte,
Vom Elend ganz verzerrt;
Und mußt es bald entrinnen
Den arbeitlosen Händen,
Den ratlos irren Sinnen,
In Jammer ausgedörrt.

O Gold, o schnöde Gabe,
Wie wenig magst du frommen!
Magst läuten nur zu Grabe
Das letzte Gnadenwehn.
So hast du sonder Gleichen
Die Liebe mir genommen,
Daß ich kann lächelnd reichen,
Wo Gottes Kinder sehn.

Ihr Sinne sprecht, ihr scheuen,
Was habt ihr euch entzogen?
Muß euch nicht Alles freuen,
Was euch nur freuen mag?
In flatterndem Verlangen
Habt ihr die Lust gesogen,
Indes die Not vergangen
An eurem Jubeltag!

So hab' ich deine Pfunde
In Frevelmut vergeudet,
Und für der Armut Wunde
War mir ein Heller gut!
Das wird an mir noch zehren,
Wenn Leib und Seele scheidet,
Wird kämpfen mir zu wehren
Den letzten Todesmut.

Ich müßte wohl verzagen,
Ich habe viel verbrochen.
Doch da du mich getragen,
Mein Gott, bis diesen Tag,
Wo meiner Seele Grauen
in fremder Kraft gebrochen:
Wie soll sie dem nicht trauen,
Der ihre Bande brach!



Am Mittwochen in der Charwoche

Evang.: Von der Auferstehung der Toten

Wohl, so will ich vorwärts gehen
Mit der schwergepreßten Brust;
Wird doch alles mir bewußt,
Wenn die Toten auferstehen.
Und so lange muß ich tragen,
Dies ist meine größte Not,
All die übermüt'gen Fragen,
Die mich drücken in den Tod.

Wie ein Leib, der längst entfaltet
Durch der Pflanze milden Saft
In erneuter Lebenskraft
In den zweiten Leib gestaltet,
Wie er wieder mag erscheinen,
Von dem Andern unverwehrt,
Der ihn trug in den Gebeinen,
Und vom Dritten längst verzehrt;

Was vom Guten, was vom Bösen
In der Seele mannigfalt;
Wie die heiligste Gewalt
Sich in Erdenlust will lösen,
Daß in jenen zarten Stunden,
Wo wir wie mit Gott vereint,
Uns am schwächsten oft gefunden
Jener ewig rege Feind;

Und noch viele andre Dinge,
Die mir nicht zu wissen Not
Und mich drücken in den Tod,
Ach, dem Frommen gar geringe!
Doch in meinem leeren Herzen,
Sonder Wahrheit, sonder Rast,
Lagern sie zu dumpfen Schmerzen,
Eine spitze Felsenlast.

Herr, ich kann sie nicht verbannen,
Nur verschließen fest und treu;
Und das Leben rauscht vorbei,
Und dein Tag treibt sie von dannen!
Sieh, so kann ich gläubig sagen;
Aber meine Seele steht,
Wenn der Tag von allen Tagen
Furchtbar mir vorüber geht.

Wie wenn in beklemmter Schwüle
Eine schwarze Wolkenmacht
Schwärzer dunkelt durch die Nacht,
Daß wir um des Wetters Kühle
Flehn mit allen seinen Schrecken:
Liegt in deiner Ewigkeit,
Wie ein heißer dunkler Flecken,
Jene namenlose Zeit.

Aber wie mit Eisenketten
Schließ ich meine Augen fest,
An die Felsenwand gepreßt,
Vor dem Schwindel mich zu retten.
Und so will ich vorwärts gehen
Mit der schwerbeladnen Brust;
Wenn die Toten auferstehen,
Wird doch Alles mir bewußt.



Am Gründonnerstage

Evang.: Von der Fußwaschung

O Wundernacht, ich grüße!
Herr Jesus wäscht die Füße.
Die Luft ganz stille stand;
Man hört den Atem hallen
Und wie die Tropfen fallen
Von seiner heil'gen Hand.

Da Jesus sich tut beugen,
Ins tiefe Meer sich neigen
Wohl Inseln diesem Gruß.
Ist er so tief gestiegen,
So muß ich ewig liegen
Vor meines Nächsten Fuß.

Herr, ob sich gleich betöret
Die Seele mein empöret
Vor aller Niedrigkeit,
Daß ich vielmehr mein Leben
In Qualen aufzugeben
Für deinen Ruhm bereit:

So gib, daß ich nicht klage,
Wenn du in meine Tage
Hast alle Schmach gebannt;
Laß brennen meine Wunden,
So du mich stark befunden
Zu solchem harten Stand!

O Gott, ich kann nicht bergen,
Wie angst mir von den Schergen,
Die du vielleicht gesandt
In Krankheit oder Grämen
Die Sinne mir zu nehmen,
Zu töten den Verstand!

Es ist mir oft zu Sinnen,
Als wolle schon beginnen
Dein schweres Strafgericht;
Als dämmre eine Wolke,
Doch unbewußt dem Volke,
Um meines Geistes Licht.

Doch wie die Schmerzen schwinden,
Die mein Gehirn entzünden,
So flieht der Nebelduft,
Und mit geheimem Glühen
Fühl' ich mich neu umziehen
Die frische starke Luft.

Mein Jesu, darf ich wählen,
Ich will mich lieber quälen
In aller Schmach und Leid,
Als daß mir so benommen,
Ob auch zu meinem Frommen,
Die Menschenherrlichkeit.

Doch ist er so vergiftet,
Daß es Vernichtung stiftet,
Wenn er mein Herz umfleußt:
So laß mich ihn verlieren,
Die Seele heimzuführen,
Den reichbegabten Geist.

Hast du es denn beschlossen,
Daß ich soll ausgegossen
Ein tot Gewässer stehn
Für dieses ganze Leben:
So will ich denn mit Beben
An deine Prüfung gehn.



Am Charfreitage

Weinet, weinet, meine Augen,
Rinnt nur lieber gar zu Tränen;
Ach, der Tag will euch nicht taugen,
Und die Sonne will euch höhnen!
Seine Augen sind geschlossen,
Seiner Augen süßes Scheinen;
Weinet, weinet unverdrossen,
Könnt doch nie genugsam weinen!

Als die Sonne das vernommen,
Hat sie eine Trauerhülle
Um ihr klares Aug' genommen,
Ihre Thränen fallen stille.
Und ich will noch Freude saugen
Aus der Welt, der hellen, schönen?
Weinet, weinet, meine Augen,
Rinnt nur lieber gar zu Tränen!

Still, Gesang und alle Klänge,
Die das Herze fröhlich machen!
Kreuz'ge, kreuz'ge, brüllt die Menge,
Und die Pharisäer lachen.
Jesu mein, in deinen Schmerzen
Kränkt dich ihre Schuld vor Allen;
Ach, wie ging es dir zu Herzen,
Daß so Viele mußten fallen!

Und die Vöglein arm, die kleinen,
Sind so ganz und gar erschrocken,
Daß sie lieber möchten weinen,
Wären nicht die Äuglein trocken,
Sitzen traurig in den Zweigen,
Und kein Laut will rings erklingen.
Herz, die armen Vöglein schweigen,
Und du mußt den Schmerz erzwingen!

Weg mit goldenen Pokalen,
Süßem Wein vom edlen Stamme!
Ach, Ihn sengt in seinen Qualen
Noch des Durstes heiße Flamme,
Daß er laut vor Schmerz muß klagen,
Erd' und Himmel muß erbleichen,
Da die Henkersknecht' es wagen
Gall' und Essig ihm zu reichen.

Weiche Polster, seidne Kissen,
Kann mir noch nach euch verlangen,
Da mein Herr so gar zerrissen
Muß am harten Kreuze hangen?
O wie habt ihr ihn getroffen,
Dorn und Nagel, Rut' und Spieße!
Doch das Schuldbuch liegt ja offen,
Daß sein heilig Blut es schließe.

In der Erde alle Toten
Fahren auf wie mit Entsetzen,
Da sie mit dem heil'gen roten
Blute sich beginnt zu netzen;
Können nicht mehr ruhn, die Toten,
Wo sein köstlich Blut geflossen;
Viel zu heilig ist der Boden,
Der so teuren Trank genossen.

Er, der Herr in allen Dingen,
Muß die eigne Macht besiegen,
Daß er mit dem Tod kann ringen
Und dem Tode unterliegen.
Gänzlich muß den Kelch er trinken;
Menschenkind, kannst du's ertragen?
Seine süßen Augen sinken,
Und sein Herz hört auf zu schlagen.

Als nun Jesu Herz tut brechen,
Bricht die Erd' in ihren Gründen,
Bricht das Meer in seinen Flächen,
Bricht die Höll' in ihren Schlünden;
Und der Felsen harte Herzen
Brechen all' mit lautem Knalle;
Ob in Wonne, ob in Schmerzen?
Bricht's der Rettung, bricht's dem Falle?

Und für wen ist denn gerungen
In den qualenvollen Stunden,
Und der heil'ge Leib durchdrungen
Mit den gnadenvollen Wunden?
Herz, mein Herz, kannst du nicht springen
Mit den Felsen und der Erde?
Nur, daß ich mit blut'gen Ringen
Neu an ihn gefesselt werde!

Hast du denn so viel gegeben,
Herr, für meine arme Seele,
Ist ihr ewig, ewig Leben
Dir so wert trotz Schuld und Fehle:
Ach, so laß sie nicht gefunden
Sein, um tiefer zu vergehen!
Laß sie deine heil'gen Wunden
Nicht dereinst mit Schrecken sehen!



Am Charsamstag

Tiefes, ödes Schweigen,
Die ganze Erd' wie tot!
Die Lerchen ohne Lieder steigen,
Die Sonne ohne Morgenrot:
Auf die Welt sich legt
Der Himmel matt und schwer,
Starr und unbewegt
Wie ein gefrornes Meer.
O Herr, erhalt' uns!

Meereswogen brechen,
Sie toben sonder Schall;
Nur die Menschenkinder sprechen,
Doch schaurig schweigt der Widerhall.
Wie versteinet steht
Der Äther um uns her,
Dringt wohl kein Gebet
Durch ihn zum Himmel mehr?
O Herr, erhalt' uns!

Sünden sind geschehen
Für jedes Wort zu groß,
Daß die Erde müßt' vergehen,
Trüg' sie nicht Jesu Leib im Schoß.
Noch im Tod voll Huld
Erhält sein Leib die Welt,
Daß in ihrer Schuld
Sie nicht zu Staub zerfällt.
O Herr, verschon' uns!

Jesus liegt im Grabe,
Im Grabe liegt mein Gott!
Was ich von Gedanken habe,
Ist doch dagegen nur ein Spott.
Kennt in Ewigkeit
Kein Jesus mehr die Welt?
Keiner der verzeiht,
Und keiner der erhält?
O Herr, errett' uns!

Ach, auf jene Frommen,
Die seines Heils geharrt,
Ist die Glorie gekommen
Mit seiner süßen Gegenwart.
Harrten seiner Huld:
Vergangenheit die Zeit,
Gegenwart Geduld,
Zukunft die Ewigkeit.
O Herr, erlös' uns!

Lange, lange Zeiten
In Glauben und Vertraun
Durch die unbekannten Weiten
Nach unbekanntem Heil sie schaun;
Dachten sich so viel,
Viel Seligkeit und Pracht;
Ach, es war wie Spiel,
Von Kindern ausgedacht.
O Herr, befrei' uns!

Herr, ich kann nicht sprechen
Vor deinem Angesicht!
Laß die ganze Schöpfung brechen,
Diesen Tag erträgt sie nicht!
Ach, was naht so schwer?
Ist es die ew'ge Nacht?
Ist's ein Sonnenmeer
In tausend Strahlenpracht?
O Herr, erhalt' uns!



Am Ostersonntag

O jauchze, Welt, du hast ihn wieder,
Sein Himmel hielt ihn nicht zurück!
O jauchzet, jauchzet, singet Lieder!
Was dunkelst du, mein sel'ger Blick?

Es ist zu viel, man kann nur weinen,
Die Freude steht wie Kummer da;
Wer kann so großer Lust sich einen,
Der all so große Trauer sah?

Unendlich Heil hab' ich erfahren
Durch ein Geheimnis voller Schmerz,
Wie es kein Menschensinn bewahren,
Empfinden kann kein Menschenherz.

Vom Grabe ist mein Herr erstanden
Und grüßet Alle, die da sein;
Und wir sind frei von Tod und Banden
Und von der Sünde Moder rein.

Den eignen Leib hat er zerrissen,
Zu waschen uns mit seinem Blut;
Wer kann um dies Geheimnis wissen
Und schmelzen nicht in Liebesglut?

Ich soll mich freun an diesem Tage
Mit deiner ganzen Christenheit,
Und ist mir doch, als ob ich wage,
Da Unnennbares mich erfreut.

Mit Todesqualen hat gerungen
Die Seligkeit von Ewigkeit;
Gleich Sündern hat das Graun bezwungen
Die ewige Vollkommenheit.

Mein Gott, was konnte dich bewegen
Zu dieser grenzenlosen Huld!
Ich darf nicht die Gedanken regen
Auf unsre unermeßne Schuld.

Ach, sind denn aller Menschen Seelen,
Wohl sonst ein überköstlich Gut,
Sind sie es wert, daß Gott sich quälen,
Ersterben muß in Angst und Glut?

Und sind nicht aller Menschen Seelen
Vor ihm nur eines Mundes Hauch?
Und ganz befleckt von Schmach und Fehlen,
Wie ein getrübter dunkler Rauch?

Mein Geist, o wolle nicht ergründen,
Was einmal unergründlich ist;
Der Stein des Falles harrt des Blinden,
Wenn er die Wege Gottes mißt.

Mein Jesus hat sie wert befunden
In Liebe und Gerechtigkeit;
Was will ich ferner noch erkunden?
Sein Wille bleibt in Ewigkeit!

So darf ich glauben und vertrauen
Auf meiner Seele Herrlichkeit!
So darf ich auf zum Himmel schauen
In meines Gottes Ähnlichkeit!

Ich soll mich freun an diesem Tage:
ich freue mich, mein Jesu Christ!
Und wenn im Aug' ich Tränen trage,
Du weißt doch, daß es Freude ist.



Am Ostermontage

Evang.: Von den Jüngern, die nach Emmaus gingen

Herr, eröffne mir die Schrift,
Deiner Worte Liebesmorgen,
Daß er leis' im Herzen trifft,
Was gewißlich drin verborgen.
Weiß es selber nicht zu finden,
Bin doch aller Hoffnung voll:
O, die Wolken werden schwinden,
Wenn die Sonne scheinen soll!

Soll der Glaube ferne sein,
Da die Liebe nicht verloren,
Da in Nächten stiller Pein
Mir die Hoffnung neu geboren?
Du mein Gott der Huld und Treue,
Den des Würmleins Krümmen rührt,
Hättest du umsonst die Reue
In dies starre Herz geführt?

Nein, mein Herr, das hast du nicht,
Deine Seelen sind dir teuer;
Wo nur noch ein Fünklein spricht,
Nahst du gern mit deinem Feuer.
O, ich fühl' es wohl, wie leise
Sich das neue Leben regt,
An der Gnade zarte Speise
Seine schwachen Lippen legt.

Manches ist mir wunderbar,
Manches muß mir dunkel scheinen;
Doch in deiner Liebe klar
Wird sich Alles freudig einen.
War der Nebel nur des Bösen,
Was als Nacht mich zagen ließ:
Wie sich meine Sünden lösen,
Tret' ich aus der Finsternis.

Herr, mit Tränen dank ich dir
Für dein übergnädig Walten,
Daß du deinen Glauben mir
In der Sünde vorenthalten:
Ach, ich hätte wie im Grimme
Neue Frevel nur erspäht,
Bis mir des Gewissens Stimme
Von dem Sturme überweht.

Deine Gnad' ist weich und warm,
Mag der Sorgfalt nicht entbehren,
Und mein Herz war kalt und arm
Solchen zarten Gast zu nähren.
Aber wie die Quellen springen,
Losgerissen von dem Weh,
Taucht sie sich mit milden Schwingen
In den heißen roten See.

Herr, ich habe viel geweint,
Daß ich oft wie zu zergehen
In der Seelennot gemeint,
Und wie ist mir heut' geschehen!
Daß ich gar so voll der Freuden
Und mich keine Angst bezwingt,
Ob mir gleich das alte Leiden
Riesig an die Seele dringt.

Und bei deinem heil'gen Buch,
Was mir heute fast wie offen,
Denk ich keinen einz'gen Fluch,
Kann nur lieben, kann nur hoffen,
Seh dich nur als Kindlein neigen,
Alles lieblich, alles lind;
Deine harten Worte schweigen,
Und ich weiß nicht, wo sie sind.

Das ist nur für diesen Tag,
O, viel anders wird es kommen;
Denn zu groß ist meine Schmach,
Solche Lust kann ihr nicht frommen;
Hast nur deinen Blitz gesendet,
Daß nicht irr' in meiner Pein
Ich mich wieder zugewendet
Dem verlaßnen Götzenhain.

Du unendlich süßes Glück,
Muß ich wieder dich verlieren,
Laß mir nur dein Bild zurück,
In dem Grolle mich zu rühren!
Oder, Herr, soll dieser Stunde
Überschwenglich Heil erstehn,
O, so laß des Grolles Wunde
Mir als Trauer offen gehn!



Am ersten Sonntage nach Ostern

Evang.: Jesus geht durch verschlossene Türen
und spricht: »Der Friede sei mit Euch!«

Und hast du deinen Frieden denn gegeben
An Alle, die dich sehnen um dein Heil,
So will ich meine Stimme auch erheben:
Hier bin ich, Vater, gib mir auch mein Teil!
Warum sollt' ich, ein ausgeschloßnes Kind,
Allein verschmachtend um mein Erbe weinen?
Warum nicht sollte deine Sonne scheinen,
Wo doch im Boden gute Keime sind?

Oft mein' ich zwar, zum Beten sei genommen
Mir alles Recht, da es so trüb und lau;
Mir könne nur geduldig Harren frommen
Und starrer Aufblick zu des Himmels Blau:
Doch Herr, der du dem Zöllner dich gesellt,
O laß nicht zu, daß ich in Nacht verschwimme;
Dem irren Lamme ruft ja deine Stimme,
Und um den Sünder kamst du in die Welt.

Wohl weiß ich, wie es steht in meiner Seelen,
Wie glaubensarm, wie trotzig und verwirrt,
Wohl weiß ich, daß sich manches mochte hehlen;
Ich fühle, wie es durch die Nerven schwirrt,
Und kraftlos folg' ich seiner trüben Spur.
Mein Helfer, was ich nimmer mag ergründen,
Du kennst es wohl, du weißt es wohl zu finden,
Du bist der Arzt, ich bin der Kranke nur.

Und hast du tief geschaut in meine Sünden,
Wie nicht ein Menschenauge schauen kann;
Hast du gesehn, wie in den tiefsten Gründen
Noch schlummert mancher wüste, dunkle Wahn:
Doch weiß ich auch, daß keine Trän' entschleicht,
Die Deine treue Hand nicht hat gewogen,
Und daß kein Seufzer dieser Brust entflogen,
Der dein barmherzig Ohr nicht hat erreicht.

Du, der verschloßne Türen kann durchdringen,
Sieh, meine Brust ist ein verschloßnes Tor.
Zu matt bin ich, die Riegel zu bezwingen;
Doch siehst du, wie ich angstvoll steh' davor.
Brich ein, brich ein! O komm mit deiner Macht,
Laß Liebe gelten, da gering der Glaube,
O laß mich schauen deine Friedenstaube,
Laß fallen deinen Strahl in meine Nacht!

Nicht weich' ich, eh' ich einen Schein gesehen,
Und wär' er schwach wie Wurmes Flimmer auch;
Und nicht von dieser Schwelle will ich gehen,
Bis ich vernommen deiner Stimme Hauch.
So sprich, mein Vater, sprich denn auch zu mir
Mit jener Stimme, die Maria nannte,
Als sie verkennend, weinend ab sich wandte,
O sprich: »Mein Kind, der Friede sei mit dir!«



Am zweiten Sonntage nach Ostern

Evang.: Vom guten Hirten

Ein guter Hirt läßt seine Schafe nimmer!
O wehe, Hirt! den ein verkümmert Lamm
Einst klagend nennen wird mit Angstgewimmer,
Ein blutend wundes, eins voll Wust und Schlamm.
Was willst du sagen? Schweig!
Dein Wort ist tot, der Stirne Zeichen Kains gleich.

Weh' Fürsten euch! die ihr des Volkes Seelen
Gen Vorteil wägt und irdisches Gedeihn.
Weh', Eltern! denen Kindes glänzend Fehlen
Weit lieber ist, als Einfalt sonder Schein.
Ihr warbt euch das Gericht;
Sprecht nicht von Ehre! Eure kennt man drüben nicht.

Hausväter, wehe! die ein dienend Wesen
Nur an sich nahmen wie gedingten Leib;
Unwürdig seid zu Hirten ihr erlesen
Freundlosem Manne, unberatnem Weib.
Habt ihr gewußt und schwiegt?
Seht, jeder Flecken brandig an der Hand euch liegt!

Und wehe, wehe Allen! deren Händen
Ward anvertraut ein überschwenglich Gut.
Weh' Lehrer euch! die Herzen, leicht zu wenden,
Vergiftet habt mit Hohn und Übermut.
Die Pfund', euch vorgestreckt,
Nicht wohl vergrubt ihr sie, habt sie mit Rost befleckt.

Doch bist du frei? darfst du so kühn denn sprechen
Das Bannwort über tausend Menschen aus?
Wem Kron' und Macht, wem Haus und Hof gebrechen,
Schließt ihn die Pflicht von ihren Schranken aus?
Denk' nach, schwer ist die Frag';
Um dein und fremde Seele gilt's: denk nach!

Wenn Kinderohr an deinen Lippen hänget,
Wenn Kinderblick in deinen Augen liest,
Wenn jedes kecke Wort, das vor sich dränget,
Wie glühend Blei in zarte Ohren fließt:
Bist du dann nicht der Hirt?
Ist dein die Schuld nicht, wenn das arme Lamm verirrt?

Und wenn ein schwach Gemüt, ein stumpfes Sinnen
Neugierig horcht auf jedes Wort von dir,
Um alles möchte Gleichheit sich gewinnen,
Aufzeichnet jede Miene mit Begier:
O, spricht nicht dies Gesicht:
»Ich acht' auf dich, bei Gott! verdirb mich nicht?«

Hast du mir, Herr, an diesem Tag erschlossen,
Wem nie so ernst zuvor ich nachgedacht,
So ruf' ich denn, in Flehen hingegossen:
Hier ist der Wille, gib mir nun die Macht;
Der Sinn so rasch und leicht –
Leg' deine schwere Hand auf ihn, bis er entweicht!

Gewitter kannst mit deinem Hauch du hemmen,
Aus dürrem Sande Palmeninseln ziehn;
O hilf auch mir den wilden Strom zu dämmen,
Laß nicht an meiner Stirn das Kainszeichen glühn!
Und steht vielleicht es dort,
Nimm meine Tränen, Herr, und lösch es fort!



Am dritten Sonntage nach Ostern

»Über ein Kleines werdet ihr mich sehn.«

Ich seh' dich nicht!
Wo bist du denn, o Hort, o Lebenshauch?
Kannst du nicht wehen, daß mein Ohr es hört?
Was nebelst, was verflatterst du wie Rauch,
Wenn sich das Aug' nach deinen Zeichen kehrt?
Mein Wüstenlicht,
Mein Aronsstab, der lieblich könnte grünen,
Du tust es nicht;
So muß ich eigne Schuld und Torheit sühnen.

Heiß ist der Tag;
Die Sonne prallt von meiner Zelle Wand.
Ein traulich Vöglein flattert ein und aus,
Sein glänzend Auge fragt mich unverwandt:
Schaut nicht der Herr zu diesen Fenstern aus?
Was fragst du nach?
Die Stirne muß ich senken und erröten.
O bittre Schmach!
Mein Wissen mußte meinen Glauben töten.

Die Wolke steigt,
Und langsam über den azurnen Bau
Hat eine Schwefelhülle sich gelegt.
Die Lüfte wehn so seufzervoll und lau,
Und Angstgestöhn sich in den Zweigen regt;
Die Herde keucht.
Was fühlt das stumpfe Tier? Ist's deine Schwüle?
Ich steh' gebeugt;
Mein Herr, berühre mich, daß ich dich fühle!

Ein Donnerschlag!
Entsetzen hat den kranken Wald gepackt.
Ich sehe, wie im Nest mein Vogel duckt,
Wie Ast an Ast sich ächzend reibt und knackt,
Wie Blitz an Blitz durch Schwefelgassen zuckt.
Ich schau' ihm nach;
Ist's deine Leuchte nicht, gewaltig Wesen?
Warum denn, ach,
Warum nur fällt mir ein, was ich gelesen?

Das Dunkel weicht,
Und wie ein leises Weinen fällt herab
Der Wolkentau; Geflüster fern und nah,
Die Sonne senkt den goldnen Gnadenstab,
Und plötzlich steht der Friedensbogen da.
Wie? Wird denn feucht
Mein Auge? Ist nicht Dunstgebild der Regen?
Mir wird so leicht!
Wie? Kann denn Halmes Reibung mich bewegen?

Auf Bergeshöhn
Stand ein Prophet und suchte dich wie ich:
Da brach ein Sturm der Riesenfichte Ast,
Da fraß ein Feuer durch die Wipfel sich;
Doch unerschüttert stand der Wüste Gast.
Da kam ein Wehn
Wie Gnadenhauch, und zitternd überwunden
Sank der Prophet
Und weinte laut und hatte dich gefunden.

Hat denn dein Hauch
Verkündet mir, was sich im Sturme barg,
Was nicht im Blitze sich enträtselt hat:
So will ich harren auch. Schon wächst mein Sarg,
Der Regen fällt auf meine Schlummerstatt!
Dann wird wie Rauch
Entschwinden eitler Weisheit Nebelschemen,
Dann schau ich auch,
Und meine Freude wird mir niemand nehmen.



Am vierten Sonntage nach Ostern

»Ich gehe zu Dem, der mich gesandt hat.«

Nicht eine Gnadenflamme hehr
Vor deinem Volke soll ich gehn;
Nein, ein versteinert Leben schwer
Wie Sodoms Säule muß ich stehn
Und um mich her
Die Irren träumend schwanken sehn.

Und ob auch Öde mich umgibt,
Ob mich erstickt der Nebel fast,
Mir Wirbelsand die Augen trübt,
Doch weiß ich, daß mein Sinn dich faßt,
Daß er dich liebt,
Und daß du mich gesendet hast.

Den Lebenshauch halt ich von dir,
Unsterblich hast du mich gemacht;
Nicht Glut, nicht Dürre schadet mir.
Ich weiß, ich bin in deiner Wacht,
Und muß ich hier
Auch stehn wie ein Prophet der Nacht.

Ich hebe meine Stimme laut
Ein Wüstenherold für die Not:
»Wacht auf, ihr Träumer, aufgeschaut!
Am Himmel steigt das Morgenrot.
Nur aufgeschaut!
Nur nicht zurück, dort steht der Tod!

Nur aufgeschaut, nur nicht zurück!
Laßt Menschenweisheit hinter euch!
Sie ist der Tod; ihr schnödes Glück
Ist übertünchtem Grabe gleich.
O hebt den Blick!
Der Himmel ist so mild und reich.«

Könnt ich mein Auge heben nur,
Mein steinern Auge zu dem Blau:
Wie sög' ich aus der Himmelsflur
So liebekrank den milden Tau!
Doch hat Natur
Und Schuld verschlossen mir die Brau.

Ob nimmer sich die Rinde hebt?
Ach einmal, einmal muß es sein!
Wenn Sodoms Säule sich belebt,
Dann bricht auch meine Stunde ein,
Wenn es durchbebt
Den armen blutberaubten Stein.

Dann soll ich wissen, was ich bin,
Warum so todesstarr und matt;
Dann weiß ich, was den klaren Sinn
Getrieben zu der öden Statt;
Dann knie ich hin
Vor dem, der mich gesendet hat.



Am fünften Sonntage nach Ostern

»Aber Solches habe ich zu Euch geredet,
damit, wenn die Stunde kömmt, Ihr daran
gedenket, daß ich es Euch gesagt habe.«

Erwacht! der Zeitenzeiger hat
Auf die Minute sich gestellt;
Dem rostigen Getriebe matt
Ein neues Rad ist zugesellt;
Die Glocke bebt, der Hammer fällt.

Wie den Soldaten auf der Wacht
Die Ronde schreckt aus dumpfer Ruh',
So durch gewitterschwüle Nacht
Ruft uns die Glockenstimme zu:
Wie nennst du dich? Wer bist denn du?

Und Mancher, der im langen Traum
Den eignen Namen fast verschlief,
Stieß nun von sich den schnöden Flaum
Und hastig die Parole rief,
So ernst die Glocke sprach und tief.

Wer möchte sich in solcher Zeit
Von deinem Heere schließen aus?
Was Lenz und Sonne hat zerstreut,
Das sucht im Sturme wohl sein Haus,
Nur Vagabunden bleiben draus.

Dem Kleinsten ward sein richtig Teil,
Umsonst hält Keiner seinen Stand.
Mag, was da hoch, zu Kraft und Heil
Uns leuchten von der Zinne Rand,
Doch nur die Masse schützt das Land.

Ist es ein schwacher Posten auch,
Auf den mich deine Hand gestellt:
So ward mir doch des Wortes Hauch,
Das furchtlos wandelt durch die Welt,
Ob draus es dunkelt oder hellt.

Tu' nur ein Jeder, was er kann,
Daß hülfreich stehe Schaft an Schaft;
Der Niedre schließe treulich an,
Der Hohe zeige seine Kraft:
Dann weiß ich wohl, wer Rettung schafft!



Christi Himmelfahrt

Er war ihr eigen drei und dreißig Jahr.
Die Zeit ist hin, ist hin!
Wie ist sie doch nun alles Glanzes bar,
Die öde Erd', auf der ich atm' und bin!
Warum durft' ich nicht leben, als sein Hauch
Die Luft versüßte, als sein reines Aug'
Gesegnet jedes Kraut und jeden Stein?
Warum nicht mich? Warum nicht mich allein
O Herr, du hättest mich gesegnet auch!

Dir nachgeschlichen wär' ich überall
Und hätte ganz von fern,
Verborgen von gebüschesgrünem Wall,
Geheim betrachtet meinen liebsten Herrn.
Zu Martha hätt' ich bittend mich gewandt
Um einen kleinen Dienst für meine Hand:
Vielleicht den Herd zu schüren dir zum Mahl,
Zum Quell zu gehn, zu lüften dir den Saal –
Du hättest meine Liebe wohl erkannt.

Und draußen in des Volkes dichtem Schwarm
Hätt' ich versteckt gelauscht,
Und deine Worte, lebensreich und warm,
So gern um jede andre Lust getauscht;
Mit Magdalena hätt' ich wollen knien,
Auch meine Träne hätte sollen glühn
Auf deinem Fuß; vielleicht dann, ach, vielleicht
Wohl hätte mich dein selig Wort erreicht:
Geh hin, auch deine Sünden sind verziehn!

Umsonst! Und zwei Jahrtausende nun fast
Sind ihrem Schlusse nah',
Seitdem die Erde ihren süßen Gast
Zuletzt getragen in Bethania.
Schon längst sind deine Märtyrer erhöht,
Und lange Unkraut hat der Feind gesät;
Gespalten längst ist deiner Kirche Reich,
Und trauernd hängt der mühbeladne Zweig
An deinem Baume; doch die Wurzel steht.

Geboren bin ich in bedrängter Zeit;
Nach langer Glaubensrast
Hat nun verschollner Frevel sich erneut;
Wir tragen wieder fast vergeßne Last,
Und wieder deine Opfer stehn geweiht.
Ach, ist nicht Lieben seliger im Leid?
Bist du nicht näher, wenn die Trauer weint.
Wo Drei in deinem Namen sind vereint,
Als Tausenden in Schmuck und Feierkleid?

'S ist sichtbar, wie die Glaubensflamme reich
Empor im Sturme schlägt,
Wie Mancher, der zuvor Nachtwandlern gleich,
Jetzt frisch und kräftig seine Glieder regt.
Gesundet sind die Kranken; wer da lag
Und träumte, ward vom Stundenschlage wach;
Was sonst zerstreut, verflattert in der Welt,
Das hat um deine Fahne sich gestellt,
Und jeder alte, zähe Firnis brach.

Was will ich mehr? Ist es vergönnt dem Knecht,
Die Gabe seines Herrn
Zu meistern? Was du tust, das sei ihm recht!
Und ist dein Lieben auch ein Flammenstern,
Willst läutern du durch Glut, wie den Asbest,
Dein Eigentum von fauler Flecken Pest:
Wir sehen deine Hand und sind getrost,
Ob über uns die Wetterwolke tost,
Wir sehen deine Hand und stehen fest.



Am sechsten Sonntage nach Ostern

»Ihr sollt in meinem Namen bitten –
Jetzt wissen wir, daß du Alles weißt.«

In seinem Namen darf ich beten,
Er hat es selber mir gesagt;
Mit seinem Gnadenstempel treten
Vor ihren Schöpfer darf die Magd.
O süßes Anrecht mir gegeben!
O Zuversicht, die ihm entsprießt!
Wie weiß ich heut' von keinem Beben,
Wo mich sein Sonnenschein umfließt!

So tret' ich denn in Jesu Namen,
Mein Schöpfer, vor dein Angesicht;
Wo stehn die Blinden und die Lahmen,
Dort ist mein Platz und mein Gericht.
Und bin ich der Geringsten Eine,
Die knieen unter seinem Schild:
Für Alle, Alle ist ja deine
So überreiche Hand gefüllt.

Vertrauend will ich zu dir nahen,
Und spräch' auch Törichtes mein Mund,
Nur Gnädiges werd' ich empfahen,
Du wirst mir geben was gesund.
Ob schwach und irrend die Gedanken,
Vertrauend bring' ich sie dir dar,
Und ziehen wirst du selbst die Schranken
Und treu mein Bestes nehmen wahr.

Ich bitte nicht um Glück der Erden,
Nur um ein Leuchten nun und dann,
Daß sichtbar deine Hände werden,
Ich deine Liebe ahnen kann;
Nur in des Lebens Kümmernissen
Um der Ergebung Gnadengruß:
Dann wirst du schon am besten wissen,
Wie viel ich tragen kann und muß.

Auch nicht um Ruhm will ich dich bitten,
Dem meine Schultern viel zu schwach;
Nur in der Menschenstimmen Mitten
Mir bleibe das Bewußtsein wach,
Daß, wie die Meinung kreist und rennet,
Doch Einer ist, der nimmer irrt,
Und jedes Wort, das ihn nicht kennet,
Mich tausendfach gereuen wird.

Gesundheit, teures Erdenlehen,
Ach, schmerzlich hab' ich dich entbehrt!
Doch nur um dieses mag ich flehen:
Die Seele bleibe ungestört,
Daß nicht die wirbelnden Gedanken
Der kranke Dunst bezwingen mag,
Daß durch der bängsten Nebel Schranken
Ich immer ahne deinen Tag.

Nicht arm bin ich an Freundesliebe;
Denn Leidenden ist Jeder gut.
Ob stärken, mindern sich die Triebe,
Das stell' ich all' in deine Hut.
Nur schütze mich vor jener Milde,
Die meinen Mängeln viel zu still;
Halt du den Spiegel mir zum Bilde,
Wenn Freundes Rechte zögern will!

Ich möchte noch um Vieles bitten,
Doch besser schweigend knie ich hier;
Er, der für mich am Kreuz gelitten,
Mein milder Anwalt steht bei mir.
Ich wandle stets in Finsternissen,
Er war es stets, der Strahlen warf:
Der Alles weiß, sollt' er nicht wissen,
Was seine arme Magd bedarf?



Pfingstsonntag

Still war der Tag, die Sonne stand
So klar an unbefleckten Domeshallen;
Die Luft, von Orientes Brand
Wie ausgedörrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen knieend; keine Worte hallen,
Sie beten leis!

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit uns scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er nur, wo? Stund' an Stund',
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? Und schweigt der Mund,
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sand'gen Fluten,
Die Schlange lechzt.

Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schar,
Was läßt sie bang' und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! Nehmt wahr!

Er ist's, er ist's; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht, o Tröster, bist du, ach,
Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und Trostes bar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh' das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.



Pfingstmontag

»Also hat Gott die Welt geliebt, daß er ihr seinen
eingeborenen Sohn gesandt hat, damit Keiner,
der an ihn glaubt, verloren gehe. – Wer aber
nicht glaubt, der ist schon gerichtet«

Ist es der Glaube nur, dem du verheißen,
Dann bin ich tot.
O, Glaube, wie lebend'gen Blutes Kreisen,
Er tut mir not;
Ich hab' ihn nicht.
Ach, nimmst du statt des Glaubens nicht die Liebe
Und des Verlangens tränenschweren Zoll,
So weiß ich nicht, wie mir noch Hoffnung bliebe.
Gebrochen ist der Stab, das Maß ist voll
Mir zum Gericht.

Mein Heiland, der du liebst, wie Niemand liebt;
Fühlst du denn kein
Erbarmen, wenn so krank und tiefbetrübt
Auf hartem Stein
Dein Ebenbild
In seiner Angst vergehend kniet und flehet?
Ist denn der Glaube nur dein Gotteshauch?
Hast du nicht tief in unsre Brust gesäet
Mit deinem eignen Blut die Liebe auch?
O sei doch mild!

Ein hartes, schweres Wort hast du gesagt:
Daß, wer nicht glaubt,
Gerichtet ist. Ich seh' nicht, wo es tagt;
Doch so beraubt
Läßt er mich nicht,
Der hingab seinen Sohn, den eingebornen,
Für Sünder wie für Fromme allzugleich.
Zu ihm ich schau, die Ärmste der Verlornen,
Nur um ein Hoffnungswort; er ist so reich,
Mein Gnadenlicht.

Du Milder, der die Taufe der Begierde
So gnädiglich
Besiegelt selbst Sakramentes Würde:
Nicht zweifle ich,
Du hast gewiß
Den Glauben des Verlangens, Sehnens Weihe
Gesegnet auch, sonst wärst du wahrlich nicht
So groß an Milde und so stark an Treue,
Brächst du ein Zweiglein, draus die Knospe bricht
Und Frucht verhieß.

Was durch Verstandes Irren ich verbrochen,
Ich hab' es ja
Gebüßt so manchen Tag und manche Wochen;
So sei mir nah
Nach meiner Kraft,
Die freilich ich geknickt durch eigne Schulden,
Doch einmal aufzurichten nicht vermag,
Will hoffen ich, will sehnen ich, will dulden;
Dann gibst du Treuer wohl den Glauben nach,
Der Hilfe schafft.



Am ersten Sonntage nach Pfingsten

[Dreifaltigkeit]

»Darum gehet hin und lehret alle Völker und
taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes; und lehret sie Alles
halten, was ich Euch gesagt habe; und sehet,
ich bin bei Euch bis ans Ende der Welt.«
Bin ich getauft in deinem Zeichen,
Du heilige Dreifaltigkeit,
Nun bleibt es mir und kann nicht weichen,
In dieser nicht und jener Zeit.
Ich fühle durch Verstandes Frost,
Durch Menschenwortes Nebelrennen
Es wie ein klares Funkeln brennen
Und zehren an dem alten Rost.

In deinem Tempel will sich's regen,
Wo ich als deine Magd erschien,
Und unter deines Priesters Segen
Fühl' ich es leise Nahrung ziehn.
Wenn eine teure Mutterhand
Das Kreuz mir zeichnet auf die Stirne,
Dann zuckt's lebendig im Gehirne,
Und meine Sinne stehn in Brand.

Ja selbst zu Nacht, wenn Alle schlafen
Und über mich die Angst sich legt,
In der Gedanken öden Hafen
Der Zweifel seine Flagge trägt:
Wie eine Phosphorpflanze noch
Fühl' ich es warm und leuchtend schwellen,
Und über die verstörten Wellen
Legt sich ein leiser Schimmer doch.

Und muß mir zum Gericht gereichen
Die Lebenspflanze mir gesellt,
Die ich versäumte sonder Gleichen
Und dürrem Holze gleichgestellt:
So ist sie in der Sünden Bann,
Des Geistes schwindelnden Getrieben
Mein heimlich Kleinod doch geblieben,
Und angstvoll hängt mein Herz daran.

Ob ich vor deiner Geißel zage:
Nichts kömmt doch dem Bewußtsein gleich,
Daß dennoch ich dein Zeichen trage
Und blute unter deinem Streich.
Fluch Allem, was von dir mich stößt!
Dein will ich sein, von dir nur stammen:
Viel lieber sollst du mich verdammen,
Als daß ein Andrer mich erlöst.



Am Fronleichnamstage

»Mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise,
und mein Blut ist wahrhaftig ein Trank«

O fasse Mut; er ist dir nah!
Du hast sein Fleisch, sein heilig Blut
Genossen ja.
O meine arme Seele, fasse Mut;
Er ist ja dein, er ward dein Fleisch und Blut.

Nicht, wie ich sollte, reich und warm
Kam freilich ich zu deinem Mahl:
Ich war ein arm
Zerlumpter Gast; doch zitterte die Qual
In mir des Sehnens; Tränen sonder Zahl

Hab' ich vergossen in der Angst,
Die dennoch Freudeschauer war.
Sprich, warum bangst
Du vor der Arzenei so süß und klar,
Die Leben dir und Frieden bietet dar?

Wohl ist es furchtbar, seinen Gott
Zu einen mit dem sünd'gen Leib;
Es klingt wie Spott.
O Herr, ich bin ein schwach und wirres Weib,
Und stärker als die Seele ist der Leib!

So hab' ich schuldbeladen dir
In meiner Sünde mich vereint;
Doch riefst du mir
So laut wie Einem, der um Leben weint:
So ist es Gnade, was von oben scheint.

Und hast du des Verstandes Fluch
Zu meiner Prüfung mir gestellt:
Er ist ein Trug.
Doch hast du selber ja, du Herr der Welt,
Hast selber den Verführer mir gesellt.

Drum trau ich, daß du dessen nicht
Vergessen wirst an jenem Tag,
Daß dein Gericht
Mir sprechen wird: Den Irren seh' ich nach;
Dein Herz war willig, nur dein Kopf war schwach.



Am zweiten Sonntage nach Pfingsten

»Der Eine sprach: ich habe ein Landhaus gekauft;
der Andere sprach: ich habe ein Weib genommen,
deshalb kann ich nicht kommen«

Ein Haus hab' ich gekauft, ein Weib hab' ich genommen,
Drum, Herr, kann ich nicht kommen.
Das Haus: mein Erdenleib,
Dess ich in Ruh' muß pflegen,
Die Poesie: das Weib,
Dem ich zu Füßen legen
Will meiner Liebe Frommen
Zu süßem Zeitvertreib.

Gebrechlich ist mein Haus, bedarf gar sehr der Stützen,
Soll es mir ferner nützen.
So lieblich ist die Frau,
Sie zieht mich ohne Maßen
Zu ihrer Schönheit Schau.
Ach, ihr mag ich wohl lassen
Der lichten Stunden Blitzen,
Der Träume Dämmertau.

Was fühl' ich denn so heiß in meinem Busen quellen,
Als wollt' es ihn zerschellen?
Was flüstert an mein Ohr?
Mich dünkt es, eine Stimme
Dring' aus dem Bau hervor
Wie in verhaltnem Grimme,
Wie fernen Meeres Wellen,
Und spricht: O Tor, du Tor!

Kein Haus hast du gekauft, es ward dir nur verpfändet,
Bis jener Faden endet,
Dess Dauer Keiner kennt
Und Keiner mag verlängen;
Die Spindel rollt und rennt.
Ach, jener Stunde Drängen
Hat Keiner noch gewendet,
So tief die Angst ihn brennt!

Nicht lieblich ist die Frau, 's ist eine strenge Norne;
Erzittre ihrem Zorne,
Sie schlürft dein Leben auf.
Und muß es dann entrinnen,
So tu' den besten Kauf:
Wohl magst du dir gewinnen,
Was aller Freuden Borne
Wiegt überschwenglich auf.

Drum sorge ferner nicht um deines Hauses Wände:
Des Eigentümers Hände
Sind schützend drauf gelegt;
Und wie ein Wuchrer handle,
Um was dein Herz bewegt;
Mit jener Frau verwandle
In Himmelshauch die Spende,
Der über'n Abgrund trägt!



Am dritten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom reichen Manne

Doch zu dem Reichen
Sprach Abraham: "Und hörten nie
Sie Mosen noch Prophetenschar,
Dann wahrlich nimmer glauben sie,
Stellt sich ein Toter ihnen dar."
So ward die Scheidewand gelegt,
Und auf den Grabstein hat geprägt
Die Ewigkeit ihr stummes Zeichen.

Wie brünstig flehend
Hab' ich so oft in mancher Nacht
An meine Toten mich gewandt,
Wie manchen Stundenschlag bewacht,
Wenn grau und wirbelnd lag das Land!
Und nicht ein Zeichen ward mir je,
Kein Knistern in des Lagers Näh',
Kein Schimmer längst den Wänden gehend.

Hab' ich's gefunden
Doch hart und lieblos manchesmal,
Daß das, dem ich so heiß geneigt,
Nicht einen Laut für meine Qual,
Kein Zeichen hatte los und leicht.
An ihrer Statt, so dünkte mich,
Würd' Alles, Alles wagen ich,
Zu lindern des Geliebten Wunden.

Ihr konntet's nimmer!
Ausfechten sollen wir den Kampf
Und bleiben dem Geschick die Macht.
Ich fühl' es wohl, der Seele Krampf
Zerrinnen müßte mit der Nacht,
Ja mit dem letzten Nebeltraum
Zerfließen muß des Bösen Schaum:
Drum bleibt die Wahrheit nur ein Schimmer.

O mög' uns bleiben
In diesem grau und trüben Stand,
Wo Schatten lagern überm Licht,
Nur reiner Liebesfackel Brand;
Dann sind wir auch verlassen nicht!
Und wie das Schiff in wüster See
Vertrauend auf des Pharus Näh'
Mag unser Kahn zum Hafen treiben.

Dem reichen Manne
Sprach nicht ein Wort von Zweifels Not
Die schreckliche Verdammnis aus,
Nein, nur das ungebrochne Brot,
Als ächzend lag vor seinem Haus
Der Arm' und Sieche. Dies allein
Hat lastend wie ein Mühlenstein
Ihn fortgewälzt zu Pein und Banne.

Hier steht die Stelle:
»Und als er in die Qualen kam,
Da hob die Augen er empor,
Sah in der Ferne Abraham,
Umgeben von der Heiligen Chor,
Und Lazarum in seinem Schoß,
Der Schwären frei, der Plagen los;
Er aber – er war in der Hölle.«



Am vierten Sonntage nach Pfingsten

»Wahrlich, sage ich Euch, im Himmel wird
mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut,
als über neunundneunzig Gerechte«

So ist aus deines heil'gen Buches Schein
Gefallen denn ein Strahl in meine Nacht,
In meines Herzens modergrauen Schacht.
Du gabst ihn, Herr, du hast mir selbst gebracht,
Was ewig meiner Hoffnung Edelstein.

Es ist zu viel, zu viel, ich faß es kaum:
Um meine ganz versunkne Seele, weh',
So öd' und aschig wie Gomorrhas See,
Um sie soll Freude sein in deiner Höh'!
Es ist zu viel, weh' mir, es ist ein Traum!

Kann wachsen denn wie des Polypen Arm
Aus Tränen die verlorne Eigenschaft?
Zieht mit der Reue wieder ein die Kraft?
Ist es genug, wenn tot die Leidenschaft
Zerfressen liegt wie von Insektenschwarm?

Ist es genug von deiner Gnad' und Lieb',
Wenn über das Gebäude ausgebrannt
Sich sehnsuchtsvoll und betend streckt die Hand,
Die Hand, so alle Übel ausgesandt,
Die Hand, der, ach, das brand'ge Zeichen blieb?

Und doch hast du ein heilig Wort gesandt,
Uns bindend mit gewalt'ger Gnadenpflicht,
Zu glauben gegen eigenes Gericht,
Was stöhnend aus des Herzens Kammer bricht
Und selber die Verwesung sich erkannt.

Zu glauben, ach, wie süß und ach wie schwer!
Weh', nicht auf meine Sünden darf ich schaun,
Soll nicht in ihrem Schlamme das Vertraun
Ersticken wie ein Wild in Sumpfesgraun,
Wie ein Gevögel ob dem toten Meer.

Was du gesprochen, Herr, wer meistert's kühn?
Bist gnäd'ger du, als Menschensinn ermißt,
So bist du, Herr, der Heiland und der Christ;
Und ich, die nur ein düstrer Schatten ist,
Was darf ich anders tun als glaubend knien?



Am fünften Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Splitter und Balken

Ein Abgrund hat sich aufgetan
Dem Auge meiner Seele;
Verdorrt steht meines Lebens Bahn,
Wie ich es mir verhehle;
Die Wahrheit alle Schleier bricht:
Weh' mir, die Liebe hab ich nicht!

Hat sich mein Herz so manchesmal
Verzweifelnd dran gehangen,
Wenn meine Sünden ohne Zahl
Gespenstig auf mich drangen:
Es ist doch wahr und ist kein Traum,
Mein Lieben war nur Dunst und Schaum.

Wem bist du reich? Ist es nicht nur
Der Arme, so sich beuget?
Hast jemals freudiger Natur
Du milde dich geneiget?
Demütig nur und kummervoll
Erpreßt man dir den schnöden Zoll.

Kalt wie der Tod kannst, wehe dir,
Die Hülfe du versagen,
Wo nur ein üppig Zweiglein dir
Scheint freudig aufzuragen;
Du, den des Nächsten Splitter sticht,
Und siehst den eignen Balken nicht!

Freiwillig hast du nicht gefühlt,
Wie dich die Fibern zwangen,
Wenn, wie elektrisch Feuer spielt,
Die fremden Schauer drangen
In deines Körpers schwachen Bau
Zu schnöder ird'scher Tränen Tau.

Freiwillig kam es dir nicht ein,
Daß, ob die Lippe schweiget,
Ob unter zarter Demut Schein
Sich mild die Rechte zeiget,
Es gibt kein süßer Nervenspiel
Als eigner Güte Selbstgefühl.

Ja soll noch Rettung dir geschehn,
Du mein unsterblich Wesen,
Mußt fest du in den Spiegel sehn,
Mußt ohne Zucken lesen
In deiner Brust die dunkle Schrift;
Viel besser Dolch als schleichend' Gift!

Greif an, es ist die höchste Zeit,
Greif an mit mut'gen Händen;
Des Richters Waage liegt bereit,
Dein Lauf wird schleunig enden!
Zeigt jeder Atemzug nicht an,
Wie kurz gemessen deine Bahn?

Wie elend ich nur bin und schwach?
Nie hab' ich es empfunden,
Als da die letzte Stütze brach
In düstern, schweren Stunden.
Doch Einen gibt es, Einen doch,
Der Eine kann mich retten noch.

So laß, du aller Sünden Damm,
Du treuster Freund von Allen,
Mich nicht als modermorschen Stamm
So unversehens fallen!
O flöße einen Tropfen Saft
In meine Adern, höchste Kraft!

Daß nur zu den Lebend'gen ich
Darf ganz zuletzt mich stellen,
Nur eben zu den Toten mich
Verzweifelnd nicht gesellen,
Ein Tropfen für die Adern leer,
Du bist ja aller Gnaden Meer!



Am sechsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Fischfang Petri

Die ganze Nacht hab' ich gefischt
Nach einer Perl' in meines Herzens Grund
Und nichts gefangen.
Wer hat mein Wesen so gemischt,
Daß Will'gen Wille steht zu aller Stund'
In meiner Brust wie Tauben gegen Schlangen?

Daß ich dir folgen möchte, ach,
Es ist doch wahr, ich darf es sonder Trug
Mir selber sagen.
Was schleicht mir denn gespenstig nach
Und hält wie an den Fittigen den Flug,
Der, ach, zu dir, zu dir mich sollte tragen?

Herr, geh' von mir, ich bin ein arm
Und gar zu sündig Wesen; laß mich los,
Ach laß mich liegen!
Weiß ich, wovon mein Busen warm?
Ob Sehnens Glut, ob nicht die Drangsal bloß
So heiß und zitternd läßt die Pulse fliegen?

Wenn sich die Sünde selber schlägt,
Wenn aus der Not nach Rettung Sehnen keimt,
Ist das die Reue?
Hast du den Richter doch gelegt
In unser Blut, das gen die Sünde schäumt,
Daß es vom wüsten Schlamme sich befreie.

Dies Winden, Jedem zuerkannt,
Wo irgend noch ein Lebensodem steigt,
Wird es mir frommen?
Ja als verlöscht der Sonne Brand,
Da hat Ägypten sich vor dir gebeugt,
Und seine Sünde ward ihm nicht genommen.

Und hast Gewissens Stachel du
Mir auch vielleicht geschärft als Andern mehr:
Ich werd' es büßen,
Dringt nicht der rechte Stich hinzu,
Der Freiheit gibt dem warmen, reinen Meer,
Daraus die echten Reuetränen fließen.

O eine echte Perle nur
Aus meiner Augen übersteintem Quell,
Sie wär' ein Segen!
Du Meister jeglicher Natur,
Brich ein; du Retter lös die Ströme hell!
Ach, kann ja ohne dich mich nimmer regen.

Du, der gesprochen: "Fürcht' dich nicht!"
So laß mich denn vertraun auf deine Hand
Und nicht ermüden.
Ja, auf dein Wort, mein Hoffnungslicht,
Will werfen ich das Netz; ach, steigt ans Land
Die Perle endlich dann und bringt mir Frieden?



Am siebenten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Von der Gerechtigkeit der Pharisäer

Wo bist du, der noch unversöhnt mit mir?
Gern will ich freudig meine Hand dir reichen.
Nicht weiß ich es, was ich verbrach an dir;
Verschwunden alte Zeiten, alte Zeichen.
Zerronnen sind mir Jahre wie ein Traum,
Und rückwärts wend' ich die Gedanken kaum
Zu Bildern, die wie Wolkenschatten bleichen.

Aus harter Not und manchem bittern Kampf
Ist mir ein neues Leben aufgegangen.
Kein freudiges: den heißen innern Krampf
Fühl' ich, von außen minder nun befangen;
Der Blick, nach innen bohrend mit Gewalt,
Kann tiefer, tiefer in den dunkeln Spalt
Der lang verharschten Wunde nun gelangen.

Was mich bewegt, es ist dahin, verweht,
Geschieden längst, die einst zusammen trafen,
Und wie ein Schiff, das überm Meere steht,
Vergessend ganz den einst verlaßnen Hafen,
Laß ich das Senkblei zitternd auf den Grund,
Zu forschen, wo die Seele krank und wund,
Wo wehe! die verborgnen Klippen schlafen.

Ach, kann ich denn vollbrachte Dinge so
Gleich dem verbrauchten Mantel von mir streifen?
Wird einer selbst nur seiner Trauer froh,
Wo tausend kleine Fasern nach ihm greifen
Der Wucherpflanzen, so er ausgesät,
Wenn überall des Fluches Ernte steht,
All überall die irren Seufzer schweifen?

O rüttle dich, schlag deine Augen auf!
Noch einmal mußt du sie nach außen wenden,
Mußt sehn den Quell als wilden Stromes Lauf,
Den aufgegraben du mit deinen Händen.
Und wo er ward gedämmt durch Gottes Huld,
Da schlag an deine Brust in deiner Schuld
Und wähne nicht, du könntest was vollenden.

Ja, wend' ich meine Blicke nur zurück,
Dann weiß ich, wo ich muß um Gnade flehen,
Wo schuldig ich, das eigne Lebensglück
Zu tauschen gegen fremder Seele Wehen;
Dann weiß ich wohl, wer mir noch unversöhnt
Vielleicht die dargebotne Rechte höhnt,
Mich nach Verdienst läßt ungetröstet gehen.

Wo ich getäuscht in Leichtsinn, Übermut,
Dort mag man mir vielleicht zuerst vergeben,
Doch wo vergiftet ward ein reines Blut,
Ein fremdem Beispiel hingegebnes Leben:
Da liegt der Stein, den meine sünd'ge Hand
In Schwung zu setzen, ach, nur zu gewandt,
Doch viel zu schwach vom Grunde jetzt zu heben.

Barmherziger, o laß der Sünde Lauf
Nicht so gewaltig mehr zum Strudel treiben!
Sieh, meine Hände heb' ich angstvoll auf:
Nicht ein so schrecklich Denkmal laß mir bleiben!
Nicht später Reue schäm' ich mich fürwahr:
So send' auch diesen deine Leuchte klar,
Daß schaudernd gen den Abgrund sie sich sträuben!

Mein Gott, nicht um Verzeihung fleh' ich ja,
Daß unverdiente Liebe ich mir stehle:
Zu ihnen tritt, nur ihnen, Herr, sei nah!
Welch andre Pein auch hier und dort mich quäle,
Du Gnädiger, nur dieses Eine nicht,
Daß ich vor deinem ewigen Gericht
Durch mich verloren sehn muß eine Seele!



Am achten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Jesus speist viertausend Menschen

Wohl sehr erschöpft die Menge war,
Und wohl der Hunger nagte sehr,
Da nahmst du treulich ihrer wahr.
Ach, für die Seele matt und leer,
Nach jahrelanger Dürr' und Schwüle,

Hast du nicht einen Bissen auch,
Nicht einen Labetrunk für sie,
Nicht einen frischen Gnadenhauch,
Der in der Wüste Brand und Müh'
Das siedende Gehirne kühle?

Denn sieh, von ferne kam ich ja;
Und ob ich selber mich verbannt,
Du stehst mir drum nicht minder nah'.
Wer einmal sich zu dir gewandt
Mit neu erwachendem Gefühle,

Wer einmal aus des Treibers Joch
Sich flüchtete zu deinem Dach,
Und sei er so verkümmert noch,
Du bist so mild, trägst ihm nicht nach
Der Sklavenpeitsche harte Schwiele.

O rette mich, daß nicht der Trug
Des Hungers mich bezwingen kann,
Daß ich nicht unter Wahnsinns Fluch
Die Hände strecke, greife an
Die gift'ge Frucht am welken Stiele,

So aus dem Paradiese trieb
Und die Erkenntnis ward genannt!
Stiehlt sie das Leben wie ein Dieb,
So lockt sie doch des Gaumens Brand
Mit scheinbar frischen Saftes Spiele.

Ach, nicht die Wüste neben mir,
Die Wüste mir im Busen liegt!
Wo find' ich denn, wo find' ich hier,
Was meinen Hunger nicht betrügt,
Was meine dürre Kehle spüle?

So sprachen deine Jünger auch;
Du Gnäd'ger fandest doch ein Brod,
Wo sengenden Samumes Hauch
Dir keine fromme Ähre bot,
Nur Sand und stäubendes Gewühle.

Da aßen sie und wurden satt
Und sammelten, was übrig blieb;
War Keiner krank mehr, Keiner matt,
Und der Genesne ward dir lieb,
So lieb als der Gesunden Viele.



Am neunten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom falschen Propheten

O hütet, hütet euch!
Die Luft hat sich umzogen,
Und in den Wolken grell und reich
Hebt sich ein falscher Friedensbogen,
Von dem ein Dämon niederstieg,
Der mit dem Ölzweig bringt den Krieg.

Und allerorten stehn
Posaunende Propheten,
So aus dem Staube Stricke drehn,
So flach die Berge wollen treten.
O hüte dich, ehrwürd'ger Art
Ist ihr Gesicht und grau ihr Bart!

Der Eine zeigt den Riß,
Wo soll auf nackten Höhen
Die göttliche Akropolis
Der christlichen Minerva stehen;
Folgst du ihm nach, du bleibst gebannt,
Wo noch kein Hälmchen Nahrung fand.

Da magst vor ödem Stein
Du betend niedersinken,
Da lange noch wird dein Gebein
Ein warnend Beispiel niederblinken,
Als Eines, der zu eigner Not
Verwandelte in Stein das Brot.

Der Andre deutet tief
Nach einer Höhle Gründen
Und meint in seinem Wahn, es rief
Ihm eine Stimme aus den Schlünden:
Hierher! Was offen, ist auch leer;
Im Dunkel wohnt die Füll'! Hierher!

O Diesem folge nicht
Der Gottes Haus zum Schreine,
Und wehe, Jenem folge nicht,
Der Gottes Nahrung macht zum Steine!
Doch besser dumpf im Schachte stehn,
Als droben frech gen Himmel sehn!

Und auf dem grünen Plan,
Wo frisch die Kräuter schwellen,
Da liegt so hellbetaut die Bahn,
Da sprudeln die lebend'gen Quellen,
Und aus der Demut grauem Stein
Hebt sich ein Tempel schlicht und klein.

Dort findest du ein Mahl
So ganz für dein Bedürfen,
Dort darfst du aus dem heil'gen Gral
Des Glaubens milde Labung schlürfen,
So wie sie einem Wesen recht,
Das noch des ird'schen Liebe Knecht.

O hemme nur dein Ohr,
Vom fremden Klang umzogen!
O blicke lüstern nicht empor
Zum bunten falschen Friedensbogen!
In deinem Tempel sollst du knien,
Das Wetter wird vorüber ziehn.



Am zehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom ungerechten Haushalter

Warum den eitlen Mammon mir
Hast du gesellt nach deinem Willen?
Nicht daß er, eine blanke Zier,
Soll eingefreßne Schäden hüllen;
Auch nicht die flücht'gen Stunden hier
Mit frischem Erdenreiz zu füllen:
Nein, anders wohl;
O was du gibst, ist nicht so leer und hohl!

Ich soll mit seinem bunten Strahl
In deinem Segen Wucher treiben,
Für meinen Hunger soll ein Mahl
Ich in die ew'ge Rechnung schreiben,
Und meiner Blöße matt und fahl
Soll er ein warmer Mantel bleiben,
Wenn bricht herein
Die Zeit, wo stäubt und rostet, was nicht mein.

Dann bin ich krank und ganz verarmt,
Dann wird der bittre Mangel kommen;
Wo starrt, woran mein Herz erwarmt,
Zerstäubt, woher ich Lust genommen;
Wenn deine Hand sich nicht erbarmt
Und zeichnet noch zu meinem Frommen
In Mildigkeit
Den Heller heimgelegt für jene Zeit.

Laß, Herr, in jener Stunde Macht
Mich nicht so hilfeweinend fallen,
Die vor mir steht wie Chaosnacht,
Wie Dunkel über Dunkel wallen.
Weh' mir, ich hab' es nicht bedacht;
So laß es mir fortan vor allen
Gewärtig sein;
O rege mich durch Milde oder Pein!

Laß mich hinfort der Worte Gold
Ausgeben mit des Wuchrers Sorgen,
Daß, wenn das Heute nun entrollt,
Mir nicht verloren ist das Morgen;
Laß mich bedenken, daß der Sold,
Den eitlem Ruhm ich mußte borgen,
Genommen ward
Dem goldnen Hort für einst und Gegenwart!

Und eine Feder laß mich nur
Betrachten mit geheimem Beben,
Bedenkend, daß der schwarzen Spur
Folgt leise schleichend Tod und Leben.
Den Pfunden, so mir gab Natur,
O Herr, laß Zinsen mich entheben;
Ich bin so arm,
So nur in dem geborgten Pelze warm!

Ach Gott, wie wird mein Herz so schwer
Gepreßt vom dämmernden Verstande,
Ob es gelingt, die Gaben hehr
Zu legen mir auf edle Pfande.
O nur aus deiner Weisheit Meer
Ein einzig Tröpflein mir vom Rande,
Durch dess' Genuß
Die Galle selbst zu Honig werden muß!



Am elften Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Jesus weint über Jerusalem

Mein Jesus hat geweint um seine Stadt,
Ach, auch gewiß um mich hat er geweinet;
Wußt' er nicht damals schon, wie trüb und matt,
Wie hülflos meine Seele heut' erscheinet?
Von Allem, was die heil'ge Bibel trägt,
Hat nichts so tief, so rührend mich bewegt.

O, könnt' ich seine teuren Tränen nur
In einem Kelche, einem Tuche fassen!
Wie er Veronika'n die heil'ge Spur
Von seinem blut'gen Antlitz wollte lassen.
Sie war die Hochbegnadete vom Herrn,
Doch auch der ärmste Bettler träumt ja gern.

Zu solchem Kelche gäb' ich freudig her,
Was ich an kleinen Schätzen mag besitzen;
Von meinem Golde würd' er reich und schwer,
Und meine Edelsteine sollten blitzen.
O, zürne, Herr, nicht meiner Albernheit,
Zum Kinde macht mich deine Güte heut'!

»Weh', wüßtest du, was dir zur Rettung ist!«
Ja, wüßt' ich es, wohl wär' es mir zum Frommen.
Doch du, du weißt es ja, mein Jesus Christ,
Und nur von dir kann mir die Kunde kommen.
So rede denn, du meines Herzens Hort!
Ich stehe hier und horche auf dein Wort.

Fürwahr, ich muß in deinem heil'gen Buch
Viel mehr nach deiner Liebe Zeichen suchen,
Als wo dein Eifer spricht und weh'! dein Fluch.
Ich knicke wie ein Halm, hör' ich dich fluchen;
Nicht heilsam aufgerüttelt, todesmatt
Lieg' ich am Grunde wie ein dürres Blatt.

Ein saftlos Erdreich bin ich, dem nicht mag
Des Kalkes Brand, der Asche Beize taugen;
Ein dürrer Sand treib' ich dem Winde nach:
So will ich deine Himmelstropfen saugen,
Und in dem Tranke gibst du mir vielleicht,
Was meinem irrenden Bewußtsein reicht.

Gibst mir ins Herz, was ich beginnen soll,
Ob trauernd stehn, ob hoffend fürder schreiten.
Die Gnade ist ja nicht der Stärke Zoll,
Auch zu dem Siechen mag sie niedergleiten.
Du, der des Allerschwächsten Schöpfer bist,
Hast auch für ihn ein Heil, mein Jesu Christ!

Drum, wenn die Wolke wieder mich umgibt
Und fast verzweifelnd meine Arm' ermatten,
Dann will ich denken, daß er hat geliebt,
Und meine Wimper heben durch die Schatten.
O meine Seele, sei nicht so versteint;
Du weißt es ja: er hat um dich geweint!



Am zwölften Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Pharisäer und Zöllner

Ja, wenn ich schaue deine Opferflamme
In eines frommen Auges reiner Glut,
Dann schimmert es, als ob sie mich verdamme;
Der scharfe Strahl fährt in mein schuldig Blut.
Wie blendet mich das Licht!
Die Augen darf ich nicht erheben;
Ich darf es nicht,
Und meine Wimpern beben.

Und unter den geschloßnen Lidern fahren
Die Schatten alter Sünden hin und her.
Was dann sich muß dem Hirne offenbaren,
O, meinem Feinde werd' es nicht so schwer!
Aus Grund und Wänden auch
Sie dampfen, schweben durch die Zimmer,
Gebild' aus Rauch;
So war und bleibt es immer.

Wenn eine milde Tat ich seh' vollbringen,
So recht aus übervollen Herzens Grund,
So klar die heißen Liebesquellen springen,
Nur achtend, was dem Bruder sei gesund;
Wenn, ganz ein Gotteskind,
Sich unbewußt am Gnadenkleide scheinet
Die Träne lind,
Nicht fragt, warum sie weinet:

Dann wühlt in meinem Busen das Gewissen,
Schutt und Geröll stellt sich mein Wirken dar,
Das Geben und das Streben mir zerrissen
Von Grübelns Dornen, wie der Einfalt bar;
Ja überall mein Fuß
An Gitter stößt, an Kerkerschragen,
Und zitternd muß
An meine Brust ich schlagen.

Vor Allem, ach, wenn eine fromme Stimme
Mir flüstert zu ein einfach heilig Wort,
So sicher, daß mein Herz in Glauben schwimme,
So unbesorgt um meines Lebens Port,
Mir deiner Gnade Laut
Unschuldig beut als Losungszeichen
Und ganz vertraut
An meine Brust will schleichen:

Dann müssen alle Worte sich empören,
Die frevelnd ich gesprochen einst und je,
Und Alles, was noch jetzt mich kann verstören,
Das steigt und wirbelt um mich wie ein See;
Dann fühl' ich in dem Schaum
Noch heut' mich keiner Bande ledig,
Dann stöhn' ich kaum:
Gott sei mir Sünder gnädig!



Am dreizehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Tauben und Stummen

Rühr' meine Zunge an,
Du kannst sie lösen;
Brich meines Ohres Bann,
Ich mag genesen!
Nein, nicht verloren bin ich, milder Gott,
Ob eingezwängt, ob meines Feindes Spott;
Dich ruf' ich, Herr, bekämpfe du den Bösen!

Gebrochen hat er mir
Der Nerven Fäden;
Nur durch der Augen Tür
Gehn ein die Reden,
Wenn fassend frommer Mienen Gotteslust
Das Herz sich wenden möchte in der Brust,
Ausbluten möchten die verborgnen Schäden.

So bin ich gänzlich doch
Nicht aufgegeben,
So lang' mir irgend noch
Dringt ein das Leben,
Und wär' es nur, wie in des Irren Stirn
Sich leise regt das schlummernde Gehirn:
Es lebt, und hoffen darf ich, ob mit Beben.

Nur Worte, Worte sind
Mir nicht Verwandte.
Wie abwärts prallt der Wind
Von Berges Kante,
So prallt, was Andre rührt und Andre schreckt,
Von jener Rinde, die mein Hirn bedeckt,
Und die ich einstens Wacht und Mauer nannte.

Nicht immer ist es gleich;
Zuweilen schleichen
Sich aus der Töne Reich
Gewalt'ge Zeichen,
Wie eine Träne sich zum Herzen drängt,
Wie Bergeskluft den fernen Donner fängt:
O, dann vor Freude fühl' ich mich erbleichen!

Nein, meine Lippe kann
Es aus nicht sprechen,
Wie aus der Tiefe dann
Die Tränen brechen.
Nein, was so fremd sich in die Seele flößt,
Das hat noch nicht der Zunge Band gelöst,
Rinnt unverstanden nur in warmen Bächen.

O lege, starker Hort,
Die gnäd'gen Hände
An meines Ohres Port!
O aufwärts wende
Um mich auch deiner Blicke liebreich Flehn
Und sprich dein Ephphata, dann ist's geschehn;
Ich bin erlöst, der Fluch, er hat ein Ende.



Am vierzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Samaritaner

Wer ist es, der mir nahe steht?
Wen muß ich meinen Bruder nennen?
Wem meine liebste Gabe gönnen
Und reichen, eh' er noch gefleht?
O laß auf meine Stirne träufen,
Du Starker, deiner Weisheit Tau!
Laß mich den rechten Stein ergreifen
Zu deines Tempels ew'gem Bau!

Er, den getragen gleicher Schoß,
Und der an gleicher Brust gesogen,
Ihm bin ich willenlos gewogen,
Nichts reißt des Blutes Fäden los.
Auch wer die gleichen Odem zieht,
An gleichen Bodens Quell getrunken,
Für ihn auch hat Natur den Funken
In jedem Busen angeglüht.

So der in selben Glaubens Band
Am selbigen Altare knieet,
Und wo mich gleiche Richtung ziehet,
Sei's an Gemüt, sei's an Verstand:
Sie Alle sind mir wie gegeben
In meines eignen Herdes Hut,
Sind Fasern All' von meinem Leben,
Sind Tropfen All' von meinem Blut.

Doch wenn in heimatferner Luft
Sucht ängstlich ein bekümmert Wesen
Der fremden Züge Schrift zu lesen,
Wo Niemand seinen Namen ruft:
Dann nahe dich und woll' es nennen
Mit jedem Liebesworte nur,
Dann magst die Fackel du entbrennen,
Die nicht entzündete Natur.

Und wenn an deines Tempels Tor
Steht Einer einsam, ausgeschlossen,
Dess Tränen doch vor Gott geflossen,
Dess Seufzer doch erreicht sein Ohr:
Dem magst du deine Rechte reichen
Und deuten aufwärts nach dem Blau,
Wo Allen glühn der Sterne Zeichen,
Für Alle sinkt der milde Tau.

Und dann, wenn sich gen Einen regt
Dir ein gewaltsam Widerstreben,
Weil andre Weise ihm gegeben,
Als dir der Himmel zugelegt;
Wenn Fehl' mit dumpfem Sinn im Bunde
Zertreten will der Liebe Saat:
Reich' ihm die Hand; dies ist die Stunde,
Wo das Gebot sich prüfend naht.

Ja selbst an des Verruchten Blick,
Der Erd' und Himmel möchte höhnen,
Mußt du in Milde dich gewöhnen,
Darfst schaudern, aber nicht zurück.
O kannst du ihn in Jesu Christ
Umschleichen, spähend seine Wunden,
Dann erst hast du den Stein gefunden,
Dann weißt du, wer dein Nächster ist.



Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Von den zehn Aussätzigen

Da sprach er: »Gehet hin, den Priestern zeiget euch!«
Und als sie gingen, siehe da, sie wurden rein.
Du meine stolze Seele, nur an Elend reich,
An Fehlen groß, so könnte dir geholfen sein?
Dir, die noch stets verschmähte Menschenhand,
Und wär' sie gottgeweiht und wär' sie gottgesandt.

Wohl sprichst du öfters zu dir selbst in argem Trug:
Er ist der Starke, so allein mich retten kann;
Hilft er mir nicht, dann ist auch Menschenrat ein Lug,
Auf gradem Pfad zu ihm mein Flehen steig hinan!
Und fühlst es nicht, daß warm und reich gehegt
Der Hochmut Aussatz an dein töricht Herz gelegt.

Ist denn so fest dein Mut, im reichen Glauben stark,
Daß eines Freundes Hand er sich entschlagen darf?
So klar dein Hirn, so saftig und gesund dein Mark,
Daß die Erkenntnis dir vor andern Wesen scharf?
O sei demütig, sprich es offen aus:
Du lebst ein Bettler und in eines Bettlers Haus!

Wie arm und schwach du, Seele mein, das meinst du wohl
Zu fühlen, wenn die Tränen netzen dein Gesicht,
Und doch nur Klang und doch nur Rauschen leer und hohl,
Wie umgestaltet aus dem Sprachrohr Flüstern bricht,
Ein Angstschrei nur, der willenlos entfährt,
Indes dein düstrer Blick sich stolz nach innen kehrt.

Was ist da drinnen denn so Herrliches zu schaun?
Ein krankes Blut, was ach! in eignem Druck erliegt,
Was jedes Reizes Sklav' und jeder Stimmung traun
Bald steht wie ein Morast, bald wie ein Strudel fliegt;
Ein Hirn, von dem dir selber unbekannt,
Ob es dem Wahnsinn oder Frevel mehr verwandt.

Dies sind die Schätze, die dich stolz und stark gemacht,
Daß du entschlagen dich hast des Geschaffnen Rat;
Dies sind die Leuchten, die in dumpfen Zweifelns Nacht
Glorreich bestrahlen sollen den verborgnen Pfad;
Darum, darum baust du auf Gott allein,
Daß Menschentadels Dorn du mag entlassen sein.

Hast anders jemals du des Priesters wohl gedacht,
Der lossprach deine Schuld im heil'gen Sakrament,
Als wie des Blattes, drauf der Schuldner Rechnung macht,
Doch einzig Gläub'gers Schrift als Lösung anerkennt?
Ward sichtbar jemals dir in seiner Hand
Die ernste Wage, drauf dein Tod und Leben stand?

Knie' hin, knie' hin; doch nicht an jener Gnadenstatt,
Nein, vor dem Hirten nur in seiner Würde Kraft,
Und deine Seele sei vor ihm ein offnes Blatt
In aller Eitelkeit und niedern Leidenschaft;
Und wenn du dich vor Menschenhand gebeugt,
Dann schau, ob sich am Aussatz nicht ein heilend Fleckchen zeigt.



Am sechzehnten Sonntage nach Pfingsten

»Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon«

Wer nur vertraut auf Gottes Macht
In allen seinen Nöten,
Den hat kein Feind zum Fall gebracht,
Den kann kein Gegner töten;
Und wo die Angst ihn überfällt,
Da wird der allerstärkste Held
An seine Seite treten.

Der wird mit seinem scharfen Speer
Die Gegner ihm zerstäuben,
Und von dem allergrößten Heer
Kein Huf wird übrig bleiben;
Sei's äußrer oder innrer Feind,
Wenn nur der rechte Held erscheint,
Der kann ihm Grenzen schreiben.

Er ist der allerbeste Herr,
Den einer mag erlangen;
Glückselig ist der Fröhner, der
In seinem Dienst gefangen.
So süß ist seine Sklaverei,
Daß Jeder, sei er noch so frei,
Mag tragen drum Verlangen.

Des Hungers Qual, der Blöße Schmach,
Die weiß er zu vergelten;
Es durft' ihn noch bis diesen Tag
Nicht Einer treulos schelten.
Er zahlt mit wucherndem Gewinst
An Alle, die in seinen Dienst
Ihr Gut und Leben stellten.

Und aller Stärke Talisman
Den hält er in der Rechten;
Selbst aus den schärfsten Dornen kann
Er Rosenkränze flechten.
Er zeigt im wilden Kampfrevier
Die echte Aaronsschlange dir,
Mußt du mit Vipern fechten.

Und rüttelt sich der grimmste Feind,
Da lehrt Er dich ein Zeichen,
Vor dem, so schlimm er es auch meint,
Muß schnell der Drache weichen;
Nur sei es von bereiter Hand
Mit rechtem Glauben angewandt,
Sonst mag es nimmer reichen.

Wem schwach der Glaube und Vertraun,
Ob ihn die Sehnsucht treibe,
Der darf doch noch von ferne schaun,
Daß er im Nachtrab bleibe,
Auf den erquickend in der Glut
Des Helden milder Schatten ruht
Wie mächt'gen Schildes Scheibe.

Doch wem der Glaube echt und klar,
Den kann kein Leid bezwingen,
Der mag wohl aller Güter bar
Noch wie ein Vogel singen.
Schaut doch die Lilien in dem Feld,
Wie sind sie frisch und wohlbestellt,
Wie grün und guter Dingen!

Sie haben nicht des Webens Acht
Und sind so reich gezieret,
Daß Salomo in seiner Pracht
Viel minder Lob gebühret.
Schaut doch die jungen Raben an,
Wie sind sie statt und wohlgetan,
Wie blank und glatt geschnüret!

Er, der die jungen Raben nährt,
Er wird auch meiner walten,
Und müßt' er aus der Schlack' am Herd
Die Brode mir gestalten.
O Heil, daß ich den Herrn erwarb,
Bei dem kein Diener noch verdarb!
An ihn will ich mich halten.



Am siebzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Von der Witwe Sohn zu Naim

Wenn deine Hand den Sarg berührt,
Dann muß der Tote sich beleben:
Dein Hauch die Wetterwolke führt,
Dann muß sie milden Manna geben;
Du, der getürmt der Meere Damm,
Dem aus des Niles wüstem Schlamm
Ägyptens Ähren sich erheben.

Der Mächtige bist du, um auch
Der Seele dumpfen Schlaf zu enden;
Zu dir darf seinen Sterbehauch
Der todeswunde Schächer senden;
Du nimmst den letzten Atemzug,
Ein Reuelaut ist dir genug,
Den Blitz in seinem Flug zu wenden.

Du hast dich an das Tor gestellt,
Den Sohn der Witwe zu erwarten,
Und hast, ein Herr der ganzen Welt,
Beachtet ihren kleinen Garten;
Du, der gekommen ganz allein,
Zu waschen unsre Flecken rein,
Und auszugleichen unsre Scharten.

Berühre mich; denn ich bin tot,
Und meine Werke sind nur Leichen!
Hauch über mich; denn blutig rot
Die Sünde ließ mir ihre Zeichen!
O wende du den Donnerschlag,
Der über meinem Haupte brach,
Und laß die dumpfen Nebel weichen!

Dann will ich dir aus freier Brust
Ein überselig Loblied singen,
Und wieder soll in Gotteslust
Wie einstens meine Stimme klingen.
Ist sie gebrochen jetzt und matt,
Du bist es, der die Mittel hat,
So in die kränksten Adern dringen.

Fühl' ich doch heut' in mir erweckt
Ein lang entschwundenes Vertrauen,
Daß mich nicht Tod noch Sünde schreckt:
Wie sollt' ich denn auf dich nicht bauen!
Ja, wenn du willst, so kann ich doch
Mit diesen meinen Augen noch
In diesem meinem Leib dich schauen.

Ich fühl es, daß von mir nicht stammt,
Was mich so freudig muß durchzittern;
Ein Strahl ist es, den du entflammt,
Ein Traum, den Starren zu erschüttern.
O fahre fort, o rühr' mich an,
O brich den Todesschlaf, und dann,
Dann werd' ich Morgenlüfte wittern!

Hast du gesprochen: "Weine nicht",
Du weißt, daß nicht die Toten weinen,
Ob schier im Traum das Herze bricht,
Und wohl Gebet die Seufzer scheinen,
Die flüstern möchten schwach und lind:
Du hast geweckt der Witwe Kind,
Ich liege noch in Totenleinen!



Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Wassersüchtigen

Sechs Tage sollst du tun
Dein Werk mit aller Treue
Und sollst am siebten ruhn,
Er trägt des Herren Weihe.
So ward es uns gesetzet,
Und also folgen wir,
Recht wie den Schnabel wetzet
Ein stumpf und lüstern Tier.

Ruht Einer bei dem Spiel,
Der Andre bei der Flasche,
Sinnt Jeder lang und viel,
Wie er sich Lust erhasche.
Was nicht den Herrn mag loben,
Und was den Sinn betört,
Wem wird es aufgehoben?
Dem heil'gen Sonntag wert.

Ja, wenn man häufen mag
Der ganzen Woche Sünden,
Gen was an diesem Tag
Muß seine Ernte finden,
So wird, o Schmach! es zollen
Wie gen gehäuftes Maß,
Von dem die Körner rollen,
Zwei Ähren, so man las.

Stehn denn die Kirchen leer?
Flieht seinen Herrn der Sünder?
O, wenn dem also wär',
Der Frevel drückte minder!
Doch aus dem Weihrauchwallen,
Das unsern Gott umfließt,
Zu des Verderbens Hallen
Man wie ein Geier schießt.

In alten Bundes Pflicht,
Als keimend noch die Gnade
Und dämmernd nur das Licht
Fiel auf der Menschen Pfade,
Da trug der Sünde Flecken
Noch nicht der Sabbat doch,
Mußt er den Gläub'gen schrecken
Auch wie ein eisern Joch.

Wohl mag es töricht sein,
Dem höchsten Gott zu Ehren
Zu liegen wie ein Stein
Und jeder Regung wehren;
Doch eitlen Lüsten fügen
Der Sinne kirrend Bund –
O besser zehnfach liegen
Wie eine Scholl' am Grund.

So hat der Heiland nicht
Den alten Bund gehoben;
Durch Taten wie das Licht
Sollst du den Höchsten loben.
Sei mit der milden Spende
Der Arme dir gegrüßt;
Nicht unrein sind die Hände,
Aus denen Segen fließt.

Und wer gering und klein
Im Schmerzenslager rücket,
Wo schlimmer als die Pein
Verlassenheit ihn drücket:
Verbinde dessen Wunden
Und lächle ihm dazu;
Dann hast du sie gefunden,
Die echte Sabbatsruh'.



Am neunzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom vornehmsten Gebote

Ob ich dich liebe, Gott, es ist
Mir unbewußt.
Oft' mein' ich, daß nur du es bist,
Was diese Brust
In aller andern Liebe Schein
Und dämmerndem Verlangen
Wie eine Sühnungsfackel rein
Hält gnadenvoll umfangen.

Wenn zu dem Edelsten der Geist
Sich frei erhebt,
Was als Gedanke ihn umkreist
Und dennoch lebt,
Unsichtbar, wesenlos doch nicht,
Fern, dennoch allerwegen,
Des Spur aus Menschenauge spricht
Und aus der Träne Segen:

Dann bin ich wohl getröstet, und
Gebet entsteigt
So zuversichtlich meinem Mund,
Als sei gereicht
In fremder mir und deiner Lieb',
– Wer hat es je ergründet? –
All was des Sehnens würdig blieb'
Und deinen Odem kündet.

Doch fühl' ich dann zu andrer Zeit
Wie Haar dem Haupt
Der finstren Erde mich geweiht,
Fast machtberaubt;
Wenn in dem Freunde mich entzückt
Selbst wie ein Reiz das Fehlen,
Die Schwächen, an mein Herz gedrückt,
Mir Keiner dürfte stehlen:

Da wär' es Gottes Zeichen nur,
Was ich erkannt?
Und nicht die sündige Natur
Böt' ihre Hand,
Wenn der Geliebten Tugend ich
In Ehrfurcht mag ertragen,
Doch fleckenloser sicherlich
Mein Herz würd' kälter schlagen?

Gleich einer kalten Wolke fährt
Es über mich,
Wie dem Damokles unterm Schwert
Die Wange blich;
Wie Einem, der an Ufers Rand
Sich spiegelt, lächelt, trinket,
Wenn sacht entschlüpft der falsche Sand
Und seine Stätte sinket.

O Retter, Retter, der auch für
Die Toren litt,
Erscheine, eh' die Welle mir
Zum Haupte glitt!
Greif' aus mit deiner starken Hand,
Noch kämpf' ich gen die Wogen;
So Manchen hast du ja ans Land
Aus tiefem Schlamm gezogen!

Hab' ich dem Schlamme mich entwirrt
So ganz und recht,
Dann erst zu deinem Bildnis wird
Die Sehnsucht echt;
Dann darf ich lieben stark, gesund,
Ohn' alle Schmach und Hehle,
Aus meines ganzen Herzens Grund
Und meiner ganzen Seele.



Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Gichtbrüchigen

Wenn Tau auf reifen Ähren glänzt,
Die satten Körner schwellen nicht;
Und wenn den Toten man bekränzt,
Die starren Pulse zucken nicht;
Wenn über Trümmer geht das Licht,
Nicht eine Säule wird ergänzt:
Und dennoch, schau!
Dünkt reiche Gabe Licht und Kranz und Tau.

So nimmer Reue mag erbaun,
Was einmal Schuld gebrochen hat,
Und dennoch Gottes Engel schaun
Mitleidig auf die wüste Statt.
So ragt auch wohl ein grünes Blatt
Durch eines Kerkergitters Graun
Zu dem Gefangnen, und
Er lächelt, seine Seele wird gesund.

O könnte alle Sünde nur
Wie überm Ast der Mistel stehn,
Der wurzellos durch die Natur
Sich selber blühn darf und vergehn!
Doch wie am dürren Baume sehn
Man wird des Schlinggewächses Spur,
So ein Vampyr
Dorrt sie die Seele und den Körper dir.

Wer frischt dir deinen Glauben auf,
Versengt an ihrem Odem heiß?
Wer bringt dir der Gedanken Lauf
Zurück ins fromm beschränkte Gleis?
Und deiner Menschenkenntnis Eis,
Den starren Strom, wer löst ihn auf,
Den wahren Fluß,
Der Himmel stets und Hölle scheiden muß?

Und was dein Körper büßte ein
In nagender Gefühle Joch,
Das bleibt nun für dies Leben dein,
Und nach dem Drüben greift es noch;
Und wie an einem Haare doch
Wirst immer du gehalten sein,
Wenn frischer Geist
In frischem Körper wie ein Adler kreist.

Sprach doch der allertreuste Mund:
Vergeben leicht und Heilen schwer.
Das ist der Sünde alter Bund,
Die zehrend wie Gomorrhas Meer
Ertötet alle Frucht umher.
Und dennoch kann das Mark gesund
Und himmelwärts
Kann treiben seinen Zweig des Baumes Herz.

O, nur Ergebung, nur Geduld,
Zu tragen meiner Narben Schmach,
Um was gebrochen meine Schuld,
Zu trauern still und reuig nach!
Auch über mir steht ja das Dach
Des Himmels und der Sonne Huld,
Und ach, der Tau,
Er fällt ja auch auf meine heiße Brau!

Nicht wirst du, Herr, mich wandeln gehn,
Nicht heißen heben mich die Hand;
Doch eine Säule darf ich stehn,
Ein Zeichen an dem öden Strand,
Und hoffen, daß, wenn Sonnenbrand
Die morschen Trümmer ließ vergehn,
An jenem Tag
Dein Strahl die Stäubchen aufwärts ziehen mag.



Am einundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom hochzeitlichen Kleide

An manchem Tag mein Haupt wie wüst und öde,
Wie eingesargt mein Herz zu manchen Zeiten!
Vor übergroßer Schwäche schein' ich blöde,
Bewußtlos starrt mein Auge durch die Weiten.
O, welch ein Bild verschuldeten Verfalles!
O, welch ein kläglich Bild der Niedrigkeit
Wie fühl' ich es! Doch nicht zu jener Zeit,
Wo neblig mir und unverständlich Alles.

Soll ich es Leichtsinn nennen? O, mit Nichten!
Wie Zentner fühl' ich es am Herzen liegen.
Soll ich verstecktem Trotze gleich es richten?
Dann wahrlich müßt' ich mich zum Meister lügen.
Des Trotzes Kraft, des Leichtsinns heiter Prangen,
Die sind gebrochen mit dem gleichen Streich;
Nein, einem morschen Stamme bin ich gleich,
An dem die Blätter halb verhungert hangen.

Wenn Nervenspiel mir einmal möchte hellen
Der dumpfen Stirne fieberisch Umgeben,
Aufsprudeln möchten aller Wunden Quellen
Und stoßen vor der Worte sengend Leben:
Wie zittert meine Hand, wie bricht zusammen
Die Körperkraft in solchem Augenblick!
Und eine harte Faust stößt mich zurück
Ein nutzlos Opfer in die eignen Flammen.

Weh' mir, ist dies ein hochzeitliches Kleid,
Worin ich deinen Gästen mich gesellen
Und meine arme Lampe lehrbereit,
O Herr, an deinen heil'gen Schrein darf stellen?
Ein Halbertrunkner deut' ich nach der Küste,
Und aufwärts deut' ich schwindelnd, wie verwirrt;
So Israel durch vierzig Jahre irrt'
Und sucht' und sucht' und fand ein Grab der Wüste.

Doch weißt du auch, mein Herr und milder Richter,
Es war nicht Eitelkeit, was mich geleitet;
Die zündet nicht dem eignen Moder Lichter;
Ach, wer noch um der Ehre Kränze streitet,
Der läßt des Sarges Deckel gern geschlossen.
Doch eben jetzt, all deiner Pfunde bar,
Jetzt brächt' ich gerne noch ein Scherflein dar
Für alle meines eignen Leids Genossen.

Groß ist die Zahl, das hab' ich erst erfahren,
Seit mich die Wellen unter Menschen trieben.
In meiner Heimat, ach, der frommen, klaren,
Da mußte Einsamkeit mich sehr betrüben;
Doch als ich in die Fremde nun getreten,
Wie schauderte mir vor Genossenschaft!
Wie Pilze hingen sie am dürren Schaft,
Wie Nesseln schossen sie aus allen Beeten.

Da sah ich auch, wohin es konnte führen,
Mutlos zu stehn auf unterhöhltem Grunde;
Noch durfte meine Hand das Kreuz berühren,
Doch Andre hört' ich jubeln tief im Schlunde.
Da sah ich, wem sich meine Augen wandten,
Da hörte ich, was ich vergessen will,
Noch sprach in mir ein Laut: O steh nicht still!
Schau Jene an, sie sind nur still gestanden!

Seitdem auch weiß ich, wem ich bin gesendet:
Dem, der da steht, wo ich nicht durfte weilen.
Kein Licht hab' ich, was leuchtet oder blendet,
Nur eine Stimme, die da treibt zu eilen.
»O eile, eile, nur die Schritte wende!
Und ob kein Schimmer durch die Wolken bricht,
So denk: Er herrscht im Dunkel wie im Licht,
Und falte nur im Finstern deine Hände!«



Am zweiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom kranken Sohn des Königleins

Der Sonnenstrahl, ein goldner Spieß,
Prallt von des Sees kristallnen Flächen
Und schwirrend um den Marmorflies
Palastes Mauern will durchstechen.
Auf seidnen Polstern windet sich,
Die magern Ärmchen ringt das Kind,
Und eine Träne bitterlich
Noch möchte aus dem Auge lind,
Dem halberstarrten, brechen.

Schon hat der Tod die Hand gelegt
Auf seine Beute ohn' Erbarmen;
Doch ob er Eis zum Herzen trägt,
Noch schmilzt im Blutstrom es, dem warmen.
O Jugend, Jugend, wie so fest
Hast du verstrickt das Leben dir,
Wie sich das Schlinggewächse preßt
Mit Wurzeln dort und Fasern hier
Als mit Polypenarmen!

O Anblick, stärker als ein Weib,
Das Wachen, Angst und Kummer nagen!
Betäubt und schwer, gleich totem Leib,
Hat man die Fürstin fortgetragen.
Noch weilt der Vater; wenn ein Sklav'
Des Bornes frische Labung reicht,
Mit zitternd kalter Hand den Schlaf
Des Kindes netzt er sacht gebeugt
Und flüstert leise Fragen.

Wer regt sich an des Fürsten Ohr?
Menipp, der Jüngling aus Euböa.
»Herr«, keucht er, »hebt den Blick empor!
Herr, der Prophete aus Judäa,
Von dem das ganze Land erfüllt,
Er kömmt, er naht Capharnaum,
Und wie aus hundert Adern quillt
Entgegen ihm und nach und um
Ein Glutstrom Galiläa.«

»Sind denn die alten Götter tot,
So müssen wir die neuen wahren.
Es sei, es sei, und meine Not
Mag sich dem Volke offenbaren!«
Die Rosse stampfen. Einmal schaut
Der Vater auf sein sterbend Kind,
Und nun voran! - »Was rauscht so laut?
Was streicht am Berge wie ein Wind?«
»Herr, des Propheten Scharen!«

O, wie die Angst den Stolz zerbricht!
Demütig, zitternd, als zur Frohne,
Er weiß es nicht, zu wem er spricht,
Doch wie der Sklave vor dem Throne,
Gebrochen steht der reiche Mann.
Die bleiche Lippe zuckt vor Schmerz,
Und heißer, als das Wort es kann,
Viel heißer fleht das bange Herz:
»Hilf, Rabbi, meinem Sohne!«

Ein Murmeln durch die Masse geht,
Erwartend sich die Wangen färben.
»Wenn ihr nicht Wunderzeichen seht,
Dann muß der Zweifel euch verderben!«
So spricht der Heiland abgewandt.
Unwillig rauscht es in dem Kreis;
Doch angstvoll hebt sich eine Hand,
Und wie ein Seufzer quillt es leis:
»Rabbi, mein Sohn will sterben!«

Du hast geglaubt, und wärst du arm
Wie Irus, was dich immer quäle,
Du wahrhaft Reicher, liebewarm
Hast einen Schatz, den Keiner zähle!
O der in dir, als Alles brach,
Es machen konnte froh und still,
Hat er gehört mich, als ich sprach:
Herr, meine Seele sterben will;
O Herr, hilf meiner Seele!



Am dreiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Könige, der rechnen wollte

Wenn oft in kranken Stunden
Sich auf mein Schuldbuch schlägt,
Der Skorpion die Wunden
Hat nagend aufgeregt:
Weiß ich darin noch,
Was zu beginnen?
Der Leib ein modernd Joch,
Und ein Gespenst, was drinnen.

In solchen Augenblicken
Steht meine Seele still,
Darf nicht Gedanke rücken,
Gefesselt liegt der Will',
Und Schlafes Macht
Muß ich beschwören,
Die angsterfüllte Nacht
In Träume zu verkehren.

Doch jetzt, wo klar die Sinnen,
Wo meine Seele frei,
Jetzt darf mein Flehn beginnen:
Allgnäd'ger, steh' mir bei!
Zu solcher Zeit
Ohn' Trost und Beten,
O dann an meine Seit'
Laß deinen Engel treten,

Daß ich im Kampf bestehen
Die dunkle Stunde kann
Und nicht verloren gehen
In meiner Ängsten Bann.
Herr, nicht wirst du
Umsonst mich quälen,
Hast wohl ein Ziel der Ruh'
Für mattgehetzte Seelen.

Wüßt' ich es zu tragen
Den Balsam gen den Gift.
Wohl konnt' ich schon gewahren
Aus deiner heil'gen Schrift:
Barmherzigkeit
Gibt Heil und Leben;
Doch bin ich auch bereit,
Was soll ich denn vergeben?

Vielleicht ein Mißbehagen,
Ein armes Fünkchen Neid, –
Es tat ja meinen Tagen
Noch Keiner rechtes Leid,
Und unverdient
War mir das Lieben;
So ist, was ach! dich sühnt,
Kein Opfer mir geblieben.

Doch weil du so geboten,
Spricht aus des Herzens Grund
So Lebenden als Toten
Vergebung aus mein Mund.
Und was auch mag
Mir sein beschieden
An Kränkung oder Schmach,
Was noch vielleicht hienieden

In meiner Zukunft Buch
Ist gnädig angeschrieben,
Ich kann es nicht genug
Ersehnen, schätzen, lieben,
Den Hoffnungsstern
In meinen Qualen.
Herr, hab' Geduld, denn gern
Will Alles ich bezahlen!



Am Allerheiligentage

»Selig sind die Armen im Geiste«

Selig sind im Geist die Armen,
Die zu ihres Nächsten Füßen
Gern an seinem Licht erwarmen
Und mit Dienerwort ihn grüßen,
Fremden Fehles sich erbarmen,
Fremden Glückes überfließen:
Ja, zu ihres Nächsten Füßen
Selig, selig sind die Armen.

Selig sind der Sanftmut Kinder,
Denen Zürnen wird zum Lächeln
Und der Milde Saat nicht minder
Sprießt aus Dorn und scharfen Hecheln,
Deren letztes Wort ein linder
Liebeshauch durch Todesröcheln,
Wenn das Zucken wird zum Lächeln:
Selig sind der Sanftmut Kinder.

Selig sind, die Trauer tragen
Und ihr Brot mit Tränen tränken,
Über eigne Sünde klagen
Und der fremden nicht gedenken,
An den eignen Busen schlagen,
Fremder Schuld die Blicke senken:
Die ihr Brot mit Tränen tränken,
Selig sind, die Trauer tragen.

Selig, wen der Durst ergriffen
Nach dem Rechten, nach dem Guten
Mutig, ob auf morschen Schiffen,
Mutig steuernd nach den Fluten,
Sollte unter Strand und Riffen
Auch das Leben sich verbluten:
Nach dem Rechten, nach dem Guten,
Selig, wen der Durst ergriffen.

Die Barmherzigen sind selig,
So nur auf die Wunde sehen,
Nicht erpressend kalt und wählig
Wie der Schaden mocht' entstehen,
Leise schonend und allmählich
Lassen drin den Balsam gehen:
So nur nach der Wunde sehen,
Die Barmherzigen sind selig.

Überselig reine Herzen,
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Denen Kindeslust das Scherzen,
Denen Himmelshauch das Minnen,
Die wie an Altares Kerzen
Zündeten ihr klar Beginnen:
Unbefleckter Jungfraun Sinnen,
Überselig reine Herzen.

Und des Friedens fromme Wächter
Selig, an den Schranken waltend
Und der Einigkeit Verfechter
Hoch die weiße Fahne haltend,
Mild und fest gen den Verächter,
Wie der Daun die Klinge spaltend:
Selig, an den Schranken waltend,
Selig sind des Friedens Wächter.

Die um dich Verfolgung leiden,
Höchster Feldherr, deine Scharen,
Selig, wenn sie Alles meiden,
Um dein Banner sich zu wahren!
Mag es nie von ihnen scheiden,
Nicht in Lust noch in Gefahren!
Selig, selig deine Scharen,
Selig, die Verfolgung leiden!

Und so muß ich selig nennen
Alle, denen fremd mein Treiben,
Muß, indess die Wunden brennen,
Fremden Glückes Herold bleiben.
Wird denn nichts von dir mich trennen,
Wildes, saftlos, morsches Treiben?
Muß ich selber mich zerreiben,
Wird mich Keiner selig nennen?



Am Allerseelentage

»Es kömmt die Stunde, in welcher Alle,
die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes
Gottes hören werden«

Die Stunde kömmt, wo Tote gehn,
Wo längst vermorschte Augen sehn.
O Stunde, Stunde, größte aller Stunden,
Du bist bei mir und läßt mich nicht,
Ich bin bei dir in strenger Pflicht,
Dir atm' ich auf, dir bluten meine Wunden!

Entsetzlich bist du, und doch wert;
Ja meine ganze Seele kehrt
Zu dir sich, in des Lebens Nacht und Irren
Mein fest Asyl, mein Burggebiet
Zu dem die zähe Hoffnung flieht,
Wenn Angst und Grübeln wie Gespenster irren.

Wüßt' ich es nicht, daß du gewiß
In jener Räume Finsternis
Liegst schlummernd wie ein Embryo verborgen,
Dann möcht' ich schaudernd mein Gesicht
Verbergen vor der Sonne Licht,
Vergehn wie Regenlache vor dem Morgen.

Verkennung nicht treibt mich zu dir;
Mild ist die strengste Stimme mir,
Nimmt meine Heller und gibt Millionen.
Nein, wo mir Unrecht je geschehn,
Da ward mir wohl, da fühlt' ich wehn
Dein leises Atmen durch der Zeit Äonen.

Doch Liebe, Ehre treibt mich fort
Zu dir als meinem letzten Port,
Wo klar mein Grabesinnre wird erscheinen.
Dann auf der rechten Waage mag
Sich türmen meine Schuld und Schmach
Und zitternd nahn mein Kämpfen und mein Weinen.

Vor dir ich sollte Trostes bar
Zergehen wie ein Schatten gar;
Doch anders ist es ohne mein Verschulden.
Zu dir als zu dem höchsten Glück
Wie unbeweglich starrt der Blick,
Und kaum, kaum mag die Zögerung ich dulden.

Doch da sich einmal Hoffnung regt,
So wird die Hand, die sie gelegt
In dieses Busens fabelgleichen Boden,
Sie wird den Keim, der willenlos
Und keinem Übermut entsproß,
Nicht wie ein Unkraut aus dem Grunde roden.

Wenn kömmt die Zeit, wenn niederfällt
Der Flitter, den gelegt die Welt,
Talent und Glück, ums hagere Gerippe:
Da steht der Bettler, schaut ihn an!
Dann ist die Zeit, um Gnade dann
Darf zitternd flehen des Verarmten Lippe.

Dann macht nicht schamrot mich ein Tand,
Dann hat gestellt die rechte Hand
Mich tief und ärmlich, wie ich es verdienet,
Dann trifft mich wie ein Dolchstoß nicht
Hinfort ein Aug' voll Liebeslicht:
Ich bin erniedriget und bin gesühnet.



Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Zinsgroschen

Gebt Gott sein Recht und gebt's dem Kaiser auch!
Sein Odem ist's, der um den Obern schwebet,
Aus Hochmut nicht; in Eigenwillen hebet
Nicht eure Rechte gen den heil'gen Brauch.
Doch Gott und Welt im Streit: da, Brüder, gebet
Nicht mehr auf Kaiserwort als Dunst und Rauch.
Er ist der Oberste, dem alle Macht
Zusammen bricht, wie dürres Reisig kracht.

Den Eltern gib und gib auch Gott sein Recht!
O weh des Tiefgesunknen, dem verloren
Der frömmste Trieb, Jedwedem angeboren,
Den Freisten stempelnd zum beglückten Knecht.
Doch stell' den Wächter an der Ehrfurcht Toren
Und halte das Gewissen rein und echt;
Er ist der Vater, dem du Seel' und Leib
Verschuldest, mehr als irgend Mann und Weib.

Den Gatten lieb' und denk' an Gott dabei!
Er gab den Segen dir, als am Altare
Den Eid du sprachst, gewaltig bis zur Bahre
In Fesseln legend deine Lieb' und Treu'.
Doch wird die Liebe Torheit, o dann wahre,
O halte deine tiefsten Gluten frei!
Er ist es, dem du einer Flamme Zoll
Mußt zahlen, die kein Mensch empfangen soll.

An deine Kinder hänge nur dein Herz,
In deren Adern rollt dein eignes Leben;
Das Gottesbild, in deine Hand gegeben,
Es nicht zu lieben, wäre herber Schmerz.
Doch siehst du zwischen Glück und Schuld es schweben,
Wend' deine Augen, stoß es niederwärts;
Er, über tausend Kinder lieb und hehr,
Er sieht dir nach, ist deine Seele schwer.

Und auch dem Freunde halte Treue fest,
Mit der die Ehre innig sich verbunden,
Ein irdisch Gut, was Gnade doch gefunden,
So lang es nicht die Hand der Tugend läßt.
Doch nahen glänzender Versuchung Stunden,
Dann aller Erdenrücksicht gib den Rest
Und klammre an den Einen dich, der dann
Dir mehr als Freund und Ehre geben kann.

So biete Jedem, was sein Recht begehrt,
Und nimm von Jedem, was du darfst empfangen;
Dein Herz, es mag an zarten Banden hangen,
Die Gottes Huld so gnadenvoll gewährt;
Doch drüber wie ein Glutstern das Verlangen
Nach Einem leuchte, irdisch unversehrt,
Nach Einem, ohne den dein Herz so warm
Ewig verlassen bliebe doch und arm.



Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Von des Obristen Töchterlein

Weck' auf, was schläft; streck' aus die Hand,
Du Retter Gott! Betäubung liegt
Auf meinem Geist, ein bleiern Band.
Er ist nicht tot, nur schlafbesiegt,
Nur taumelnd trunken, ein Helot,
Der knirschend schlang in Sklavennot
Den Wein, so der Tyrann ihm bot:
So nieder liegt in mir, was da vom Rechten.

Ja, in den schwersten Stunden doch
Blieb ein Bewußtsein mir, daß tief
Wie in des Herzens Keller noch
Verborgen mir, ein Erbteil, schlief,
Gleich warmer Quelle, die hinab
Versickert in der Höhle Grab
Und droben läßt den Herrscherstab,
Frost, Sturm und Schnee, um ihr Besitztum fechten.

Und der Tyrann, so niederhält
Mein bestes und mein einz'ges Gut,
Nicht Trägheit ist's noch Lust der Welt;
Es ist der kalt gebrochne Mut,
O, wie ich tausendmal gesagt,
Verstandes Fluch, der trotzig ragt
Und scharf an meinem Glauben nagt:
Weh', ein Geschenk, verfallen bösen Mächten!

Zu einer Zeit, schwarz wie die Nacht,
Zu einer Zeit, die ich erlebt,
Da war ich um mein Heil gebracht,
Wie dürres Blatt am Zweige bebt.
Trostlos und ohne Hoffnung war
Unglaube wie die Sonne klar;
Mein Leben hing an einem Haar:
O, solche Stunde gönn' ich nicht den Schlechten!

Soll ich es sagen, daß die Not
Gesteigert ward durch Menschenmüh?
Nicht weiß ich, was dem Staub gebot;
Doch unglückselig sah ich sie,
Auflachend nur in Krampfes Spott,
Frech, doch vernichtet, ohne Gott,
Unsel'ge, aber arme Rott',
Um das verzweifelnd, was sie möchten ächten.

Schwach hieß, wer ohne Zucken nicht
Ins Auge der Vernichtung sah;
Doch in dem Blicke lag Gericht,
Dem Lächeln Todesschauer nah.
Warum man nicht in Ruh mich ließ,
Im Freundschaftsmantel überdies,
Als ob der Arzt das Messer stieß?
Ich weiß es nicht, doch will ich drum nicht rechten.

So höret denn, was mich geschützt
Vor gänzlichem Verlorengehn:
Daß ich Unglauben nicht benützt,
Des Frevels Banner zu erhöhn;
Und der Entschluß gewann den Raum,
Ob mir gefällt des Lebens Baum,
Zu lieben meines Gottes Traum
Und auch dem Toten Kränze noch zu flechten.

Unglaub' ist Sünde; aber mehr:
Sünd' ist Unglaube; sie allein
Mag aller Zweifel frost'gem Heer
Der stärkste Bundesgenosse sein.
O, wär' ich tugendhaft, dann ließ
Nicht einsam mich die Finsternis;
Fällt doch ein Strahl in mein Verlies
Weil ich nicht gänzlich zugesellt den Schlechten!

Ein Kleinod hab' ich mir gehegt,
Da mein Bewußtsein, ob befleckt,
Doch nicht in Schnee und Eis gelegt
Und nicht in Lava sich gestreckt.
Ach, Odem noch die Liebe hat,
Die Hoffnung treibt ein grünes Blatt,
Und auch der Glaube todesmatt
Faltet die Hände, ob sie Segen brächten.

O reiche, Gnäd'ger, deine Hand,
Wie du dem Mägdlein sie gereicht!
Zerreiß der dumpfen Träume Band,
So mächtig mir und dir so leicht!
Ja, mag dein Odem drüber wehn,
Ein Strahl aus deinem Auge gehn:
Dann ist wohl da, was auferstehn
Und was fortan in deiner Schar mag fechten.



Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Greuel der Verwüstung

Steht nicht der Greuel der Verwüstung da
An heil'ger Stätte?
Was träumen wir von Dingen, die uns nah,
Als schliefen sie wie Feuerstoff im Bette
Des Kohlenschachts? Blickt auf und schaut umher!
O, die Verödung, wie sie dumpf und schwer
Traf Herz an Herz wie mit galvan'scher Kette!

Gibt's eine Stätte denn, die heiliger
Als Menschenherzen?
Gibt es Verwüstung, die entsetzlicher,
Als wenn das Höchste stirbt an matten Scherzen?
O Glaube, Glaube, wem du kalt und schwach,
Der schleppt den Grabstein an der Ferse nach;
Und dennoch Heil ihm, schleppt er ihn mit Schmerzen!

Doch wer sein Kleinod als ein Spielgerät
Sieht lächelnd brechen
Und wie aus Gnad' und milder Majestät
Ein Mitleidswort will ob dem Toren sprechen,
Dem Toren, der beweint sein Steckenpferd:
Ja, dem erlosch die Flamm' am heil'gen Herd,
Und seine Nahrung steht in Sumpf und Bächen.

Kannst du ertragen, daß die Augen schaun,
Wem sie sich kehren,
Dorthin dann wende deinen Blick mit Graun,
Wo wie im Moderschlamm die Massen gähren!
Verlaß den kleinen grünen Fleck, der nur
Durch Gottes Huld ward zu des Lebens Flur,
Und sich, wie sie von deinem Busen zehren!

O hätt' ich nimmer meinen Fuß gewandt
Von deiner Erde!
Wie segn' ich dich, mein reiches kleines Land,
Du frische Weide einer treuen Herde!
In dir sah ich die Schande nicht vergnügt,
Nicht hohen Geist an alle Schmach geschmiegt,
Noch tiefsten Wahnsinns üppige Geberde.

Ich bin enttäuscht, und manche Narbe trug
Ich aus dem Streite;
Als auch an meine Brust Verwüstung schlug
Und forderte die halbverfallne Beute,
Ward ich entrissen ihr durch Gottes Huld:
Sein ist die Gnade, mein allein die Schuld;
Und dennoch – eine Trümmer steh' ich heute!

Ward ich nicht ganz der öden Stätte gleich,
Verfluchtem Grunde,
Wo Salz gestreut auf Stein und Schädel bleich,
Gibt hier und dort noch eine Säule Kunde
Vergangner Herrlichkeit: Dank dir, mein Land;
Du hast zu früh gelegt ein frommes Band
Um meine Seele in der Kindheit Stunde.

So will ich harren denn, und tiefbedrängt
Will ich es tragen,
Daß immer wie zum Sturz die Mauer hängt;
Noch mögen einst erneut die Zinnen ragen.
Es gibt ja eine stark' und milde Hand,
So aus dem Nichts entflammt den Sonnenbrand;
Sie hat auch diesen morschen Bau getragen

Bis heute, wo aus dieser kranken Brust
Die Seufzer drangen.
O du, dem Wurmes Zucken selbst bewußt,
Hilf mir und Jenen auch, die todumfangen!
Sei gnädig, leg an ihr verknorpelt Herz
Des Leidens Moxa, daß es lebt in Schmerz;
Ach, Herr, sie wußten nicht, was sie begangen!



Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Senfkörnlein und Sauerteig

Tief, tief ein Körnlein schläft in mancher Brust;
Doch, Herr, du siehst es und du magst es segnen.
O, schau auf Jene, die sich unbewußt
Nicht fühlen deiner Gnadenwolke Regnen,
Die um sich steigen lassen deinen Tau,
Nachtwandler, dumpf gebannt in Traumes Leben,
Umwandeln Turmes Zinne sonder Beben,
Nicht zuckend nur mit der geschloßnen Brau.

Ich bin erwacht, ob auch zu tiefer Schmach;
So will ich heut' nicht an mein Elend denken,
Will, ach, das Einzige, was ich vermag,
Ein zitterndes Gebet den Armen schenken;
Ob nur ein kraftlos halbgebrochner Hauch,
Der dennoch mag die rechten Wege finden,
Und muß er sich zu deinem Throne winden,
Wie sich zum Äther wälzet Nebelrauch.

Du Milder weißt aus allem Erdendunst
Den warmen Lebensodem wohl zu scheiden,
Gerechter du und doch die höchste Gunst,
Dess Sonne raget über Moor und Heiden!
O kräft'ge deinen Strahl, daß er entglüht
Die langverjährte Rinde mag durchdringen;
Mach des erstarrten Blutes Quellen springen,
Auftauen das erfrorne Augenlid.

Wie oft sah ich in schier vereistem Grund
Sich leise noch das Samenkörnlein dehnen!
Wie öfters brach aus längst entweihtem Mund
Ein Schmerzenslaut, der Alles muß versöhnen!
O, nur wer stand in glüher Wüstenei,
Der weiß des grünen Blattes Wert zu schätzen,
Und wessen Ohr kein Luftzug durfte letzen,
Nur der vernimmt den halberstickten Schrei.

Mit meinem Schaden hab' ich es gelernt,
Daß nur der Himmel darf die Sünde wägen;
O Menschenhand, sie halte sich entfernt,
Die nur das Leben zählt nach Pulses Schlägen.
Lebt doch das Samenkorn und atmet nicht,
Und kann es dennoch einen Stamm enthalten,
Der herrlich einst die Zweige mag entfalten,
Wo das Gevögel jubelt unterm Licht.

Sei Menschenurteil in Unwissenheit
Hart wie ein Stein, du, Herr, erkennst das Winden
Der Seele, und wie unter Mördern schreit
Zu dir ein Seufzer, der sich selbst nicht finden
Und nennen kann. Kein Feuer brennt so heiß,
Als was sich wühlen muß durch Grund und Steine;
Von allen Quellen rauschender rinnt keine,
Als die sich hülflos windet unterm Eis.

Im Fluch, dem Alle schaudern, hörst du noch
Den Klageruf an Kraft und Mut gebrochen;
In des Verbrechers Wahnsinn trägt sich doch
Entgegen dir zerfleischten Herzens Pochen.
Das ist das Samenkorn, was wie im Traum
Bohrt ängstlich mit den Würzelchen zum Grunde,
Und immer trägt es noch den Keim im Munde,
Und immer schlummert noch in ihm der Baum.

Brich ein, o Herr! Du weißt den rechten Stoß
Und weißt, wo schwachvernarbt der Sünde Wunden;
Noch liegt in deiner Hand ihr ewig Los,
Noch lauert stumm die schrecklichste der Stunden,
Wo ihnen deine Hand die Waage reicht
Und die Verdammung steht im eignen Herzen.
O Jesu Christ, gedenk' an deine Schmerzen!
O rette, die aus deinem Blut gezeugt!



Am ersten Sonntage im Advent

Evang.: Eintritt Jesu in Jerusalem

Du bist so mild,
So reich an Duldung, liebster Hort,
Und mußt so wilde Streiter haben;
Dein heilig Bild
Ragt überm stolzen Banner fort,
Und deine Zeichen will man graben
In Speer und funkensprüh'nden Schild.

Mit Spott und Hohn
Gewaffnet hat Parteienwut,
Was deinen sanften Namen träget,
Und klirrend schon
Hat in des frömmsten Lammes Blut
Den Fehdehandschuh man geleget,
Den Zepter auf die Dornenkron'.

So bleibt es wahr,
Was wandelt durch des Volkes Mund:
Daß, wo man deinen Tempel schauet
So mild und klar,
Dicht neben den geweihten Grund
Der Teufel seine Zelle bauet,
Sich wärmt die Schlange am Altar.

Wenn Stirn an Stirn
Sich drängen mit verwirrtem Schrei
Die Kämpfer um geweihte Sache,
Wenn in dem Hirn
Mehr schwindelt von der Welt Gebräu,
Von Siegesjubel, Ehr und Rache
Mehr zähe Spinngewebe schwirr'n,

Als stark und rein
Der Treue Nothhemd weben sich
Sollt', von des Herzens Schlag gerötet:
Wer denkt der Pein,
Durchzuckend wie mit Messern dich,
Als für die Kreuz'ger du gebetet! -
O Herr, sind dies die Diener dein?

Wie liegt der Fluch
Doch über Alle, deren Hand
Noch rührt die Sündenmutter Erde!
Ist's nicht genug,
Daß sich der Flüchtling wärmt am Brand
Der Hütte? Muß auf deinem Herde
Die Flamme schür'n unsel'ger Trug?

Wer um ein Gut
Der Welt die Sehnsucht sich verdarb,
Den muß der finstre Geist umfahren;
Doch was dein Blut,
Dein heilig Dulden uns erwarb,
Das sollten kniend wir bewahren
Mit starkem aber reinem Mut,

Allmächt'ger du,
In dieser Zeit, wo dringend Not,
Daß rein dein Heiligtum sich zeige,
O, laß nicht zu,
Daß Lästerung, die lauernd droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und, ach, den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu'
Und allen standhaft echten Mut
Aufflammen immer licht und lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih an Reih.

Doch ihr Gewand
Sei weiß, und auf der Stirne wert
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand,
Und faßt die Linke auch das Schwert,
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut'
Als deine Streiter sie erkennen:
Voll Schweiß und Müh',
Demütig, standhaft, friedbereit;
So wirst du deine Scharen nennen
Und Segen strömen über sie.



Am zweiten Sonntage im Advent

Evang.: Von Zeichen an der Sonne

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh' ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh' es flimmern, aber bleich, ach, bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten,
Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich –
Ein Schemen!
Mein Sinnen sonder Kraft! – Gedanke bleich.
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton,
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz'gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum!

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen,
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland und der Seele Brand
Gleich dem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd' und Himmelshöhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.



Am dritten Sonntage im Advent

Evang.: Johannes sendet zu Christo

Auf keinen Andern wart' ich mehr:
Wer soll noch Liebres kommen mir?
Wer soll so mild und doch so hehr
Mir treten an des Herzens Tür?
Wer durch des Fiebers Qual und Brennen
So liebreich meinen Namen nennen,
Ein Balsamträufeln für und für?

Du wußtest es von Ewigkeit,
Daß der Gedanken Übermaß,
Dem Sinn entzogner Herrlichkeit,
Zersprengen müßt' mein Hirn wie Glas;
So kommst du niedrig meinesgleichen,
Wie zu der Armut Fromme schleichen,
Dich setzend wo der Bettler saß.

Wenn fast zum Schwindeln mich gebracht
Der wirbelnden Betrachtung Kreis,
Dann trittst du aus der Dünste Nacht,
Und deine Stimme flüstert leis:
»Hier bin ich, bin ich, woll' mich fassen,
Dann magst du alles Andre lassen;
Auf meinem Kreuze liegt der Preis.«

O Stimme, immer mir bekannt,
O Wort, das stets verständlich mir,
Du legst mir auf der Liebe Band,
Und meine Schritte folgen dir!
In Liebe glaub' ich, Liebesglauben
Fürwahr soll keine Macht mir rauben;
Geschlossen ist des Grübelns Tür.

Gehemmt die Jagd, durch scharfen Stein
Und Dornen hetzend meinen Fuß;
Ich ruh' in deinem kühlen Hain
Und lausche deinem sanften Gruß.
Die Blinden sehn, die Kalten glühen,
Und aus des Irren Haupte ziehen
Der dumpfen Schatten Menge muß.

Ich folge dir zu Berges Höhn,
Wo Leben von den Lippen fließt,
Und deine Tränen darf ich sehn,
O tausendmal mit Heil gegrüßt;
Muß in Gethsemane erzittern,
Daß Schrecken Gottes Leib erschüttern,
Blutschweiße Gottes Stirn vergießt.

Er hat gehorsam bis zum Tod,
Ja, zu des Todes eitlem Graus,
Gekostet jede Menschennot
Und trank den vollen Becher aus:
So richte dich aus Dorn und Höhle,
Du meine angstgeknickte Seele;
Auch du nur trägst ein irdisch Haus.

Laß wanken denn die Türme grau
Und mische deine Tränen nur
Mit deines Heilands blut'gem Tau,
Gequälter Sklave der Natur;
Er, dessen Schweiß den Grund gerötet,
Er weiß es, wie ein Seufzer betet,
Mein Jesus, meine Hoffnungsau!



Am vierten Sonntage im Advent

Evang.: Vom Zeugnisse Johannis

Fragst du mich, wer ich bin? Ich berg' es nicht:
Ein Wesen bin ich sonder Farb' und Licht.
Schau mich nicht an; dann wendet sich dein Sinn;
Doch höre, höre, höre! denn ich bin
Des Rufers in der Wüste Stimme.

In Nächten voller Pein kam mir das Wort
Von ihm, der Balsam sät an Sumpfes Bord,
Im Skorpion der Heilung Öl gelegt,
Dem auch der wilde Dorn die Rose trägt,
Der tote Stamm entzündet sein Geglimme.

So senke deine Augen und vernimm
Von seinem Herold deines Herren Grimm,
Und seine Gnade sei dir auch bekannt,
Der Wunde Heil, so wie der schwarze Brand,
Wenn seiner Adern Bluten hemmt der Schlimme.

Merk auf! Ich weiß es, daß in härtster Brust
Doch schlummert das Gewissen unbewußt;
Merk auf, wenn es erwacht; und seinen Schrei
Ersticke nicht, wie Mutter sonder Treu'
Des Bastards Wimmern und sein matt Gekrümme!

Ich weiß es auch, daß in der ganzen Welt
Dem Teufel die Altäre sind gestellt,
Daß Mancher kniet demütig nicht gebeugt;
Und überm Sumpfe engelgleich und leicht
Der weiße Lotos wie ein Kindlein schwimme.

Es tobt des tollen Strudels Ungestüm,
Und zitternd fliehen wir das Ungetüm;
Still liegt der Sumpf und lauert wie ein Dieb:
Wir pflücken Blumen, und es ist uns lieb
Zu schaun des Irrlichts tanzendes Geflimme.

Drum nicht vor dem Verruchten sei gewarnt;
Doch wenn dich süßer Unschuld Schein umgarnt,
Dann lächelt der Vampyr, dann fahr' zurück
Und senke tief, o tief in dich den Blick,
Ob leise quellend die Verwesung klimme!

Ja, wo dein Aug' sich schaudernd wenden mag,
Da bist du sicher mindestens diesen Tag;
Doch gift'ger öfters ist ein Druck der Hand,
Die weiche Träne und der stille Brand,
Den Lorbeer treibend aus Vulkanes Grimme.

Ich bin ein Hauch nur; achtet nicht wie Tand
Mein schwaches Wehn, um dess, der mich gesandt.
Erwacht, erwacht! Ihr steht in seinem Reich;
Denn sehet, er ist mitten unter euch,
Den ihr verkennt, und ich bin seine Stimme!



Am Weihnachtstage

Durch alle Straßen wälzt sich das Getümmel,
Maultier, Kamele, Treiber: welch Gebimmel!
Als wolle wieder in die Steppe ziehn
Der Same Jakobs, und Judäas Himmel
Ein Saphirscheinen über dem Gewimmel
Läßt blendend seine Funkenströme sprühn.

Verschleiert' Frauen durch die Gassen schreiten,
Mühselig vom beladnen Tiere gleiten
Bejahrte Mütterchen; allüberall
Geschrei und Treiben, wie vor Jehus Wagen.
Läßt wieder Jezabel ihr Antlitz ragen
Aus jener Säulen luftigem Portal?

's ist Rom, die üpp'ge Priesterin der Götzen,
Die glänzendste und grausamste der Metzen,
Die ihre Sklaven zählt zu dieser Zeit.
Mit einem Griffel, noch von Blute träufend,
Gräbt sie in Tafeln, Zahl auf Zahlen häufend,
Der Buhlen Namen, so ihr Schwert gefreit.

O Israel, wo ist dein Stolz geblieben?
Hast du die Hände blutig nicht gerieben,
Und deine Träne, war sie siedend Blut?
Nein, als zum Marktplatz deine Scharen wallen,
Verkaufend, feilschend unter Tempels Hallen;
Mit ihrem Gott zerronnen ist ihr Mut!

Zum trüben Irrwisch ward die Feuersäule,
Der grüne Aaronsstab zum Henkerbeile,
Und grausig übersteint das tote Wort
Liegt, eine Mumie, im heil'gen Buche,
Drin sucht der Pharisäer nach dem Fluche,
Ihn donnernd über Freund und Fremdling fort.

So, Israel, bist du gereift zum Schnitte,
Wie reift die Distel in der Saaten Mitte;
Und wie du stehst in deinem grimmen Haß
Genüber der geschminkt und hohlen Buhle,
Seid gleich ihr vor gerechtem Richterstuhle,
Von Blute sie und du von Geifer naß.

O tauet, Himmel, tauet den Gerechten!
Ihr Wolken, regnet ihn, den wahr und echten
Messias, den Judäa nicht erharrt!
Den Heiligen und Milden und Gerechten,
Den Friedenskönig unter Hassesknechten,
Gekommen zu erwärmen, was erstarrt!

Still ist die Nacht; in seinem Zelt geborgen
Der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen,
Wann Juda's mächtiger Tyrann erscheint.
Den Vorhang lüftet er, nachstarrend lange
Dem Stern, der gleitet über Äthers Wange,
Wie Freudenzähre, die der Himmel weint.

Und fern vom Zelte über einem Stalle,
Da ist's, als ob aufs niedre Dach er falle;
In tausend Radien sein Licht er gießt.
Ein Meteor, so dachte der Gelehrte,
Als langsam er zu seinen Büchern kehrte.
O weißt du, wen das niedre Dach umschließt?

In einer Krippe ruht ein neugeboren
Und schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren
Die Mutter kniet, Weib und Jungfrau doch.
Ein ernster, schlichter Mann rückt tief erschüttert
Das Lager ihnen; seine Rechte zittert
Dem Schleier nahe um den Mantel noch.

Und an der Türe stehn geringe Leute,
Mühsel'ge Hirten, doch die Ersten heute,
Und in den Lüften klingt es süß und lind,
Verlorne Töne von der Engel Liede:
Dem höchsten Ehr' und allen Menschen Friede,
Die eines guten Willens sind!



Am zweiten Weihnachtstage

[Stephanus]

Jerusalem, Jerusalem!
Wie oft erschollen ist sein Ruf;
Du spieltest sorglos unter dem
Verderben, unter Rosses Huf
Und Rades Wucht. Schau, darum ist
Verödet deine Stätte worden,
Und du ein irres Küchlein bist,
Sich duckend unter Geierhorden.

Vorüber ist die heil'ge Zeit,
Wo deine Sinne ihn erkannt;
Noch seiner Wunder Herrlichkeit
Zieht nur als Sage durch das Land.
Der Weise wiegt sein schweres Haupt,
Der Tor will dessen sich entschlagen,
Und nur die fromme Einfalt glaubt
Und mag die Opfergabe tragen.

O bringt sie nur ein willig Tun,
Ein treues Kämpfen zum Altar,
Dann wird auf ihr die Gnade ruhn,
Ein hohes Wunder immerdar.
Doch bleibt es wahr: der Gegenwart
Gebrochen sind gewalt'ge Stützen,
Seit unsren Sinnen trüb und hart
Verhüllt ward seiner Zeichen Blitzen.

War einst erhellt der schwanke Steg,
Und klaffte klar der Abgrund auf,
Wir müssen suchen unsren Weg
Im Heiderauch ein armer Hauf.
Des Glaubens köstlich teurer Preis
Ward wie gestellt auf Gletschers Höhen;
Wir müssen klimmen über Eis
Und schwindelnd uns am Schlunde drehen.

Was, Herr, du ließest fort und fort,
Hat in die Seele wohl gebrannt;
Doch bleibt es ein geschriebnes Wort,
Unsichtbar die lebend'ge Hand.
Ach, nur wo Grübeln nicht und Stolz
Am Stamme nagt seit Tag und Jahren,
Blieb frisch genug das mark'ge Holz,
Frei durch Jahrtausende zu fahren.

So ist es, wehe, schrecklich wahr,
Daß Mancher, der zum starken Mast
Geschaffen, in der Zeit Gefahr
Die Glaubenssegel hat gebraßt,
Nun dürre Säule nackt und schwer
Nur krachend kündet durch das Wehen,
Hier sei in Zweifels schwarzem Meer
Ein mächtig Schiff am Untergehen.

O sende, Retter, deinen Blitz,
Der ihm den frommen Hafen hellt,
Da einst der starke Mast als Sitz
Der Pharuslampe sei gestellt.
Es trägt Gebirge ja dein Land,
Wo Cedern sich zu Cedern einen;
Laß nicht ein Sturmlicht den Verstand
Und einen Fluch die Kraft erscheinen!

Als Stephanus mit seinem Blut
Besiegelte den Christussinn,
Da legten Mörder, heiß vor Wut,
Zu eines Jünglings Füßen hin,
Der stumm und finster sich gesellt,
Die Kleider staubig, schweißbefeuchtet:
Und der ward Paulus, Christi Held,
Des Strahl die ganze Welt durchleuchtet.



Am Sonntage nach Weihnachten

»Das Kind aber wuchs heran und ward
gestärket, voll der Weisheit, und Gottes
Gnade war mit ihm«

An Jahren reif und an Geschicke
Blieb ich ein Kind vor Gottes Augen,
Ein schlimmes Kind voll schwacher Tücke,
Die selber mir zu schaden taugen.
Nicht hat Erfahrung mich bereichert;
Wüst ist mein Kopf, der Busen leer;
Ach keine Frucht hab' ich gespeichert
Und schau auch keine Saaten mehr!

Ging so die teure Zeit verloren,
Die über Hoffen zugegeben
Dem Wesen, was noch kaum geboren
Schon schmerzlich kämpfte um sein Leben:
Ich, die den Tod seit Jahren fühle
Sich langsam nagend bis ans Herz,
Weh' mir, ich treibe Kinderspiele,
Als sei der Sarg ein Mummenscherz!

In siechen Kindes Haupte dämmert
Das unverstandne Mißbehagen;
So, wenn der Grabwurm lauter hämmert,
Fühl' bänger ich die Pulse schlagen.
Dann bricht hervor das matte Stöhnen,
Der kranke, schmerzgedämpfte Schrei;
Ich lange mit des Wurmes Dehnen
Sehnsüchtig nach der Arzenei.

Doch wenn ein frischer Hauch die welke,
Todsieche Nessel hat berühret,
Dann hält sie sich wie Ros' und Nelke
Und meint sich königlich gezieret.
O Leichtsinn, Leichtsinn sonder Gleichen,
Als ob kein Seufzer ihn gestört!
Und doch muß ich vor Gram erbleichen,
Durch meine Seele ging ein Schwert.

Wer mußt' so vieles Leid erfahren
An Körpernot und Seelenleiden
Und dennoch in so langen Jahren
Sich von der Welt nicht mochte scheiden:
Ob er als Frevler sich dem Rade,
Als Tor geselle sich dem Spott,
O sei barmherzig, ew'ge Gnade,
Richt ihn als Toren, milder Gott!

Du hast sein siedend Hirn gebildet,
Der Nerven rastlos flatternd Spielen
Nicht von gesundem Blut geschildet,
Weißt seine dumpfe Angst zu fühlen,
Wenn er sich windet unter Schlingen,
Zu mächtig ihm und doch verhaßt,
Er gern ein Opfer möchte bringen,
Wenn es nur seine Hand erfaßt'.

Was Sünde war, du wirst es richten,
Und meine Strafe muß ich tragen;
Und was Verwirrung, wirst du schlichten,
Weit gnäd'ger, als ich dürfte sagen.
Wenn klar das Haupt, die Fäden löser,
Was dann mein Teil, ich weiß es nicht;
Jetzt kann ich stammeln nur: »Erlöser,
Ich gebe mich in dein Gericht!«



Am letzten Tage des Jahres

[Silvester]

Das Jahr geht um,
Der Faden rollt sich sausend ab.
Ein Stündchen noch, das letzte heut',
Und stäubend rieselt in sein Grab,
Was einstens war lebend'ge Zeit.
Ich harre stumm.

's ist tiefe Nacht!
Ob wohl ein Auge offen noch?
In diesen Mauern rüttelt dein
Verrinnen, Zeit! Mir schaudert; doch
Es will die letzte Stunde sein
Einsam durchwacht,

Gesehen all,
Was ich begangen und gedacht;
Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
Das steht nun eine ernste Wacht
Am Himmelstor. O halber Sieg!
O schwerer Fall!

Wie reißt der Wind
Am Fensterkreuze! Ja es will
Auf Sturmesfittiche das Jahr
Zerstäuben, nicht ein Schatten still
Verhauchen unterm Sternenklar.
Du Sündenkind!

War nicht ein hohl
Und heimlich Sausen jeder Tag
In deiner wüsten Brust Verließ,
Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
Wenn es den kalten Odem stieß
Vom starren Pol?

Mein Lämpchen will
Verlöschen, und begierig saugt
Der Docht den letzten Tropfen Öl.
Ist so mein Leben auch verraucht?
Eröffnet sich des Grabes Höhl'
Mir schwarz und still?

Wohl in dem Kreis,
Den dieses Jahres Lauf umzieht,
Mein Leben bricht. Ich wußt' es lang,
Und dennoch hat dies Herz geglüht
In eitler Leidenschaften Drang.
Mir brüht der Schweiß

Der tiefsten Angst
Auf Stirn und Hand. Wie! dämmert feucht
Ein Stern dort durch die Wolken nicht?
Wär' es der Liebe Stern vielleicht,
Dir zürnend mit dem trüben Licht,
Daß du so bangst?

Horch, welch Gesumm?
Und wieder? Sterbemelodie!
Die Glocke regt den ehrnen Mund.
O Herr, ich falle auf das Knie:
Sei gnädig meiner letzten Stund'!
Das Jahr ist um!

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