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Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
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Der rote Mond von Meru

Alle waren sich darüber einig, daß der Wohltätigkeitsbazar in Mallowood Abbey (über den Lady Mounteagle in liebenswürdiger Weise das Protektorat übernommen hatte) zur allgemeinen Zufriedenheit ausgefallen war. Es gab Karussells, Schaukeln und Buden, auf und in denen sich die Leute prächtig amüsierten. Ich würde auch der Wohltätigkeit Erwähnung tun, die doch der Hauptzweck der ganzen Veranstaltung war, wenn irgendeiner der zahlreichen Anwesenden mir nur hätte sagen können, wem diese Wohltätigkeit zugute kam.

Wir haben es hier jedoch nur mit einigen dieser zahlreichen Personen zu tun, und besonders mit dreien, einer Dame und zwei Herren, die heftig diskutierend zwischen zweien der Hauptzelte oder Pavillons einher schritten. Zu ihrer Rechten befand sich das Zelt des Meisters vom Berge, des weltberühmten Wahrsagers, Kristallsehers und Handliniendeuters, ein prächtiges, purpurrotes Zelt, auf das in Schwarz und Gold die bizarren Umrisse asiatischer Götter gemalt waren. Wahrscheinlich hatten sie acht Arme, denn in zweien hätten sie kaum eine solche Menge Waffen schwingen können. Vielleicht sollten sie versinnbildlichen, wie leicht drinnen göttliche Hilfe zu haben war, vielleicht brachten sie auch bloß zum Ausdruck, daß ein idealer Handliniendeuter möglichst viele Hände haben sollte. Auf der anderen Seite stand das einfachere Zelt Phrosos, des Phrenologen. Als Dekoration trug es die geometrisch konstruierten Köpfe von Sokrates und Shakespeare, die anscheinend ziemlich klobig waren, jedenfalls wirkte diese Dekoration lange nicht so heiter und farbenprächtig wie die asiatischen Götter des Meisters vom Berge. Sie waren bloß in Schwarz und Weiß dargestellt und mit Zahlen und Bemerkungen versehen, wie es sich für die starre Würde einer rein rationalistischen Wissenschaft geziemte. Das Purpurzelt hatte eine Öffnung wie eine schwarze Höhle, und drinnen war es mäuschenstill, wie es sich gehörte. Phroso, der Phrenologe, indessen, ein magerer, schäbiger Kerl mit sonnenverbranntem Gesicht und einem fast unwahrscheinlich üppigen schwarzen Schnurrbarte nebst ebensolchen Koteletten stand draußen vor seinem Tempel und pries seine Kunst aus Leibeskräften an, selbst wenn niemand da war, der ihn hörte, und versicherte allen Vorüberkommenden, daß ihre Köpfe sich bei genauer Untersuchung zweifellos als ebenso knorrig erweisen würden wie der Kopf Shakespeares. Sobald die Dame zwischen den beiden Zelten sichtbar wurde, sprang der wachsame Phroso auf sie zu und fragte mit tiefer altmodischer Verbeugung, ob er ihre Höcker befühlen dürfe.

Ihre höfliche Ablehnung wirkte vor lauter Bestimmtheit fast verletzend, aber man muß zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie in einer hitzigen Diskussion begriffen war. Sie mußte ferner entschuldigt werden oder wurde jedenfalls entschuldigt, weil sie Lady Mounteagle war. Sie war jedoch deshalb keineswegs eine Null. Hübsch, aber verstört aussehend, hatte sie in ihren tiefen dunklen Augen eine flackernde Unruhe, und ihr Lächeln hatte etwas Leidenschaftliches, fast Ungestümes an sich. Ihre bizarre Kleidung erinnerte an das purpurne Zelt; sie war halb orientalisch, mit geheimnisvollen exotischen Zeichen bedeckt. Aber jeder wußte ja, daß die Mounteagles verrückt waren. So jedenfalls drückte das Volk die Tatsache aus, daß Lady Mounteagle und ihr Mann sich für die Religionen und die Kultur des Ostens interessierten.

Die exotische Eigenartigkeit der Dame stand in starkem Kontrast zu der bürgerlichen Wohlanständigkeit der beiden Herren, die von den Fingerspitzen ihrer Handschuhe bis zu ihren leuchtenden Zylinderhüten vor Steifheit und Zugeknöpftheit glänzten. Aber sogar zwischen ihnen machte sich ein Unterschied bemerkbar, denn während James Hardcastle es zuwege brachte, korrekt und vornehm auszusehen, sah Tommy Hunter nur korrekt und gewöhnlich aus. Hardcastle war ein vielversprechender Politiker, der sich in Gesellschaft für alles mögliche außer Politik zu interessieren schien. Jemand könnte hier in den Bart knurren, daß jeder Politiker vielversprechend ist, aber um Hardcastle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man erwähnen, daß er schon oft Proben seiner Kunst abgelegt hatte. Bei dem Bazar war jedoch kein Purpurzelt für ihn aufgeschlagen, in dem er seine Kunst hätte zeigen können.

»Ich meinerseits glaube,« sagte er, indem er das Monokel einklemmte, das der einzige Lichtpunkt in seinem hartgeschnittenen Juristengesicht war, »daß wir zuerst alle Möglichkeiten der Hypnose erschöpfen müssen, ehe wir von Magie reden. Zweifellos gibt es selbst bei anscheinend rückständigen Völkern bemerkenswerte psychische Kräfte. Wunderbare Dinge sind von Fakiren ausgeführt worden.«

»Meines Wissens auch von Schwindlern,« sagte der andere junge Mann mit der unschuldigsten Miene von der Welt.

»Tommy, schwätz doch nicht so dummes Zeug,« sagte Lady Mounteagle. »Warum willst du dich in Dinge mischen, die du nicht verstehst? Du brüstest dich wie ein Schuljunge damit, daß du weißt, wie ein Taschenspielerkunststück zustandekommt. Wenn du nur wüßtest, wie altmodisch dieser jungenhafte Skeptizismus ist! Was die Hypnose anbelangt, so glaube ich nicht, daß sie zur Erklärung –«

Lady Mounteagle schien jemanden zu erblicken, den sie gesucht hatte, eine schwarze untersetzte Gestalt, die vor einer Bude stand, wo Kinder mit Reifen nach schrecklich aussehenden Figuren warfen. Sie eilte schnell hinüber und rief:

»Pater Brown, Sie habe ich gesucht, ich möchte Sie etwas fragen. Glauben Sie an Wahrsagerei?«

Der Angeredete blickte ziemlich hilflos auf den kleinen Reifen nieder, den er in der Hand hielt und sagte schließlich:

»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das Wort ›glauben‹ gebrauchen. Wenn die Sache natürlich auf einen Betrug hinausläuft –«

»Oh, der Meister vom Berge ist kein Betrüger,« rief sie. »Er ist kein gewöhnlicher Zauberer oder Wahrsager. Es kostet ihn große Überwindung, wenn er sich herabläßt, meinen Gästen wahrzusagen, denn er ist in seinem Lande ein großer religiöser Führer, ein Prophet und ein Seher. Er verspricht den Leuten nicht wie gewöhnliche Wahrsager Glück und Geld. Er offenbart uns große geistige Wahrheiten über uns selbst und unsere Ideale.«

»Das ist's ja eben,« erwiderte Pater Brown. »Dagegen erhebe ich Einspruch. Ich wollte eben sagen, daß ich nicht viel einzuwenden habe, wenn die Sache auf einen Betrug hinausläuft. Der Betrug kann nicht schlimmer sein als bei den meisten Sachen, die auf Wohltätigkeitsbazaren feilgehalten werden, er ist gleichsam ein unterhaltendes Zauberkunststück. Aber wenn die Wahrsagerei sich als Religion maskiert und geistige Wahrheiten offenbart – dann ist sie ein böses Teufelswerk, und ich würde ihr in großem Bogen aus dem Wege gehen.«

»Das klingt wie ein Paradox,« sagte Hardcastle lächelnd.

»Dann möchte ich gern wissen, was ein Paradox ist,« bemerkte der Priester nachdenklich. »Die Sache scheint mir ganz klar zu sein. Ich meine, es würde nicht viel schaden, wenn sich jemand als Spion verkleidete und behauptete, dem Feinde alles mögliche dumme Zeug aufgebunden zu haben. Aber wenn jemand in Wirklichkeit mit dem Feinde verhandelt – dann allerdings! – Ich meine daher, wenn ein Wahrsager –«

»Sie glauben wirklich –« begann Hardcastle grimmig.

»Ja, ich glaube, er verhandelt mit dem Feinde.«

Tommy Hunter lachte auf. »Nun, wenn Pater Brown die Wahrsager für gut und harmlos hält, solange sie Betrüger sind, so dürfte er diesen kupferbraunen Propheten wohl als Heiligen ansehen.«

»Mein Vetter Tom ist unverbesserlich,« sagte Lady Mounteagle. »Er ist darauf aus, Adepten hereinzulegen, wie er das nennt. Ich glaube, er kam schleunigst her, als er hörte, daß der Meister anwesend sein würde. Er würde den Versuch gemacht haben, Buddha oder Moses hereinzulegen.«

»Ich dachte, du würdest nichts dagegen haben, wenn ich ihm ein bißchen auf die Finger sähe,« sagte der junge Mann, während sein rundes Gesicht ein Lächeln ausstrahlte. »Ich machte mich also auf den Weg. Es gefällt mir nicht, daß dieser braune Affe hier herumkriecht.«

»Laß doch diese Ausfälle!« sagte Lady Mounteagle. »Als ich vor Jahren in Indien war, hatten wir alle diese dummen Vorurteile gegen braune Menschen. Aber jetzt, da ich ihre wunderbaren geistigen Kräfte kenne, gestehe ich gern, daß ich über diese Vorurteile erhaben bin.«

»Unsere Vorurteile scheinen nach entgegengesetzten Richtungen zu gehen,« sagte Pater Brown. »Sie verzeihen ihm seine braune Farbe, weil er Brahmane ist, und ich verzeihe ihm das Brahmanische, weil er braun ist. Offen gestanden, ich selbst gebe nicht viel auf geistige Kräfte. Ich habe viel mehr Sympathie für geistige Schwächen. Aber ich verstehe nicht, warum man Abscheu vor ihm haben soll, weil er dieselbe schöne Farbe wie Kupfer oder Kaffee oder nußbraunes Bier oder wie diese lieblichen Moorbäche im Norden hat. Ich glaube,« setzte er, Lady Mounteagle mit schelmisch zusammengekniffenen Augen ansehend, hinzu, »ich bin von vornherein für alles, was braun heißt, eingenommen.«

»Da kommt's endlich heraus!« rief Lady Mounteagle triumphierend. »Ich wußte ja, daß Sie nur Unsinn sprachen!«

»Aber wenn man vernünftig spricht, nennst du das schuljungenhaften Skeptizismus,« murrte der gekränkte junge Mann mit dem runden Gesicht. »Wann soll denn das Kristallsehen losgehen?«

»Wann du willst,« antwortete die Lady. »Übrigens ist es gar kein Kristallsehen, sondern Handwahrsagerei. Du wirst natürlich sagen, das sei derselbe Unsinn.«

»Ich glaube, zwischen diesen schroffen Gegensätzen gibt es einen Mittelweg,« sagte Hardcastle lächelnd. »Es gibt für die erstaunlichsten Vorgänge natürliche Erklärungen. Kommen Sie herein und erproben Sie die Sache. Ich gestehe, ich bin sehr neugierig.«

»Oh, ich würde solchen Unsinn niemals unterstützen,« erwiderte der skeptische junge Mann hastig, dessen rundes Gesicht in der hitzigen Bezeugung seiner Verachtung und seiner Ungläubigkeit ganz rot geworden war. »Verschwenden Sie nur Ihre Zeit bei diesem braunen Schwindler, ich werfe lieber nach Kokosnüssen.«

Der Phrenologe, der immer noch in der Nähe herumscharwenzelte, ließ sich diesen Anknüpfungspunkt nicht entgehen.

»Menschenköpfe, mein lieber Herr,« sagte er. »haben weit sanftere Konturen als Kokosnüsse. Keine Kokosnuß kann den Vergleich mit Ihrem eigenen sehr –«

Hardcastle war bereits in dem dunklen Eingang des roten Zeltes verschwunden. Man hörte drinnen ein leises Stimmengemurmel. Tom Hunter fertigte den Phrenologen mit einer ungeduldigen Antwort ab, wobei er eine bedauernswerte Gleichgültigkeit gegen die Grenzlinie zwischen natürlichen und übernatürlichen Wissenschaften zeigte, während Lady Mounteagle gerade die Diskussion mit dem kleinen Priester fortsetzen wollte, aber sie sah statt dessen erstaunt nach dem Zelte.

James Hardcastle war wieder aus dem Zelte hervorgekommen, und sein zusammengekniffenes Gesicht und sein blinkendes Monokel drückten ein noch lebhafteres Erstaunen aus.

»Er ist nicht da,« meldete der Politiker kurz. »Er ist fort. Ein alter Neger, der sein Gefolge zu bilden scheint, quasselte mir vor, der Meister habe es für besser gehalten, zu verschwinden, als heilige Geheimnisse für Geld zu verkaufen.«

Lady Mounteagle wandte sich strahlend den anderen zu. »Was habe ich gesagt? Ich sagte Ihnen, daß er erhabener sei als Sie sich vorstellen könnten! Er haßt Gewühl und Gedränge, er hat sich wieder in seine Einsamkeit begeben.«

»Es tut mir leid,« sagte Pater Brown, »vielleicht habe ich ihm unrecht getan. Wissen Sie, wohin er sich begeben hat?«

»Ich glaube wohl,« antwortete Lady Mounteagle mit demselben Ernst. »Wenn er allein sein will, geht er immer in den Kreuzgang, am Ende des linken Flügels, wo mein Mann sein Studierzimmer und sein Museum hat. Sie wissen vielleicht, daß unser Haus ehemals eine Abtei war.«

»Ich habe mir davon erzählen lassen,« antwortete der Priester mit schwachem Lächeln.

»Wenn Sie wollen, werden wir hingehen. Sie sollten sich wirklich einmal die Sammlungen meines Mannes ansehen, auf jeden Fall aber den Roten Mond. Haben Sie jemals von dem Roten Mond von Meru gehört? Ja, es ist ein Edelstein.«

»Ich möchte gern die Sammlungen sehen,« sagte Hardcastle ruhig, »inbegriffen den Meister vom Berge, wenn dieser Prophet ein Schaustück des Museums ist.« Und sie schlugen alle die Richtung auf das Haus ein.

»Trotzdem,« murmelte der ungläubige Thomas, der den Zug beschloß, »möchte ich sehr gern wissen, warum dies braune Aas überhaupt hergekommen ist, wenn er nicht wahrsagen wollte.«

Als er sich zum Gehen wandte, sprang der unerschütterliche Phroso noch einmal hinter ihm her und packte ihn fast bei den Rockschößen.

»Ihre Höcker, mein Herr –« begann er.

»Rutsch mir den Buckel hinab und nimm meine Schulden mit. Die sind der einzige Höcker, den ich habe, und zwar jedesmal, wenn ich Mounteagle besuche.« Und er machte sich schleunigst auf die Strümpfe, um den hartnäckigen Bemühungen des Mannes der Wissenschaft zu entgehen.

Auf ihrem Wege zu dem Kreuzgang kamen die Besucher durch den langen Saal, in dem Lord Mounteagle seine asiatischen Sammlungen aufgestellt hatte. Ihnen gerade gegenüber konnten sie durch eine offene Tür die gotischen Bogen und zwischen ihnen das helle Tageslicht des viereckigen offenen Platzes sehen, um dessen überdachten Rand in alter Zeit die Mönche gewandelt waren. Aber zuerst kamen sie an etwas vorüber, das auf den ersten Blick außerordentlicher erschien als der Geist eines Mönches.

Es war ein älterer Herr, von Kopf bis zu Fuß in Weiß gekleidet, mit einem blaßgrünen Turban, aber mit einer sehr rosigen und weißen Gesichtsfarbe und dem glatten weißen Schnurrbart eines netten anglo-indischen Obersten. Es war Lord Mounteagle, der seinen orientalischen Zeitvertreib melancholischer oder wenigstens ernster genommen hatte als seine Frau. Er konnte über nichts anderes sprechen als über orientalische Religion und Philosophie und hatte es sogar für nötig gehalten, sich nach Art eines orientalischen Eremiten zu kleiden. Als er entzückt seine Schätze vorzeigte, schien er sie viel mehr wegen der angeblich in ihnen versinnbildlichten Wahrheiten zu schätzen als wegen ihres Sammlerwertes, vom Geldwert ganz zu schweigen. Selbst als er den großen Rubin hervorholte, vielleicht den einzigen Gegenstand des Museums, der im reinen Geldsinn einen großen Wert repräsentierte, schien er sich viel mehr für dessen Namen als für dessen Größe zu interessieren, vom Preis ganz zu schweigen. Die anderen starrten alle mit weit offenen Augen auf den erstaunlich großen roten Stein, der wie ein durch Blutregen gesehenes Feuer brannte. Aber Lord Mounteagle rollte ihn leicht in seiner Handfläche, ohne ihn anzusehen, er blickte zur Decke und erzählte eine lange Geschichte von dem legendären Charakter des Berges Meru, der nach der gnostischen Mythologie der Kampfplatz namenloser urzeitlicher Kräfte gewesen wäre.

Gegen Ende des Vortrages über den Demiurgos der Gnostiker (dessen Zusammenhang mit der parallelen Auffassung des Manichäus nicht zu übersehen war), hielt sogar der taktvolle Herr Hardcastle den Augenblick für gekommen, eine Ablenkung herbeizuführen. Er bat um die Erlaubnis, sich den Stein näher ansehen zu dürfen, und da der Abend herannahte, und die Dämmerung in dem langen Saal mit seiner einzigen Tür ständig zunahm, trat er in den Kreuzgang hinaus, um den Edelstein bei besserem Lichte zu mustern. Erst dann wurden sie sich langsam und fast schleichend der lebendigen Gegenwart des Meisters vom Berge bewußt.

Der Kreuzgang selbst war noch in seiner ursprünglichen Form erhalten, aber die gotischen Pfeiler und Spitzbogen, die das innere offene Viereck begrenzten, waren durch eine niedrige, etwa einen Meter hohe Mauer miteinander verbunden, welche die gotischen Tore in gotische Fenster verwandelte, so daß jedes von diesen eine Art flacher Fensterschwelle erhielt. Diese Veränderung war wahrscheinlich schon sehr früh vorgenommen, aber es gab andere Veränderungen seltsamerer Art, welche die ziemlich ungewöhnliche Schwärmerei der jetzigen Besitzer der alten Abtei bezeugten. Zwischen den Pfeilern hingen dünne, aus Glasperlen oder leichtem Rohr verfertigte Vorhänge oder vielmehr Schleier, wie man sie auf dem Kontinent oder in südlichen Ländern sieht, und auf diesen konnte man wieder die farbigen Umrisse asiatischer Drachen oder Götzen feststellen, die mit dem grauen gotischen Mauerwerk seltsam kontrastierten. Aber obgleich das verblassende Tageslicht durch sie noch blasser wurde, war diese Eigentümlichkeit doch der geringste der Kontraste, welche die kleine Gesellschaft mit unterschiedlichen Gefühlen wahrnahm.

Auf dem durch den Kreuzgang umschlossenen offenen Platze lief wie ein Kreis in einem Viereck ein runder mit mattfarbigen Steinen gepflasterter und mit einer Art grünen Emails eingefaßter Pfad, der wie künstlich nachgeahmter Rasen wirkte. Innerhalb dieses Pfades, gerade in der Mitte, erhob sich das dunkelgrüne Bassin einer Fontäne oder eines hochgelegten Teiches, in dem Wasserlilien schwammen und Goldfische hin und herflitzten, und über ihnen stand eine große grüne Statue, deren Umrisse sich dunkel gegen das matt und matter werdende Tageslicht abhoben. Die Ankömmlinge sahen von der Statue nur den Rücken, das Gesicht war bei der gebückten Haltung so völlig unsichtbar, daß man sie beinahe für kopflos hätte halten können. Aber an dem bloßen dunklen Umriß erkannte man selbst bei dem matten Zwielicht sofort, daß die Statue nicht die Form eines christlichen Wesens hatte.

Ein paar Meter abseits, auf dem kreisrunden Pfad, das Gesicht zu dem großen grünen Gott gewandt, stand der Mann, den man den Meister vom Berge nannte. Seine scharfgeschnittenen und fein ziselierten Gesichtszüge glichen einer von einem geschickten Künstler geformten Kupfermaske. Sein dunkelgrauer Bart sah im Kontrast dazu fast indigoblau aus. Er begann in einem schmalen Schopf auf dem Kinn und breitete sich dann wie ein großer Fächer oder ein Vogelschwanz seitwärts aus. Der Meister war in pfauengrünen Stoff gekleidet und trug auf seinem kahlen Kopfe eine hohe Mütze, einen Kopfputz von ungewöhnlicher, nie zuvor erblickter Form, der jedoch eher ägyptisch als indisch aussah. Die starren, weitoffenen, fischartigen Augen des Mannes waren so regungslos, daß sie den auf Mumienschreine gemalten Augen glichen. Aber obgleich die Gestalt des Meisters vom Berge sonderbar genug aussah, wandten einige aus der Gesellschaft, unter ihnen Pater Brown, ihm nicht ihre Aufmerksamkeit zu, sie blickten immer noch auf den dunkelgrünen Götzen, den er selbst betrachtete.

»Das scheint mir doch sonderbar,« sagte Hardcastle mit leichtem Stirnrunzeln, »so ein merkwürdiges Ding inmitten des Kreuzganges einer alten Abtei aufzustellen.«

»Nun seien Sie doch nicht kindisch,« sagte Lady Mounteagle. »Das war gerade unsere Absicht. Wir wollten die großen Religionen des Ostens und des Westens, Buddha und Christus, miteinander verbinden. Sie begreifen doch sicherlich, daß alle Religionen gleich sind.«

»Wenn sie es sind,« sagte Pater Brown nachsichtig, »so scheint es mir ziemlich unnötig, sich eine mitten aus Asien zu holen.«

»Lady Mounteagle will sagen, daß sie verschiedene Seiten ein und derselben Sache sind, so wie dieser Stein verschiedene Facetten hat,« begann Hardcastle, und Interesse an dem neuen Gesprächsthema gewinnend, legte er den großen Rubin auf den Mauerrand oder die Schwelle unter dem gotischen Bogen. »Aber daraus folgt nicht, daß wir die künstlerischen Stile, die jede Religion hervorgebracht hat, miteinander vermischen können. Man kann Christentum und Islam vermischen, aber nicht den gotischen und sarazenischen Stil, vom indischen ganz zu schweigen.«

Während dieser Worte schien der Meister vom Berge wie ein Starrsüchtiger wieder zum Leben zu kommen und schritt ernst und gewichtig ein Viertel Segment des Kreises weiter, so daß er in die Nähe ihrer eigenen Bogenreihe kam, ihnen den Rücken zukehrte und wie sie selbst im Rücken des Götzenbildes stand. Es war offensichtlich, daß er sich langsam um den ganzen Kreis bewegte wie ein Zeiger um eine Uhr und dann und wann betend oder in Betrachtung versunken stehen blieb.

»Was hat er für eine Religion?« fragte Hardcastle mit einem leichten Anflug von Ungeduld.

»Er sagt,« antwortete Lord Mounteagle ehrfürchtig, »daß sie älter als der Brahmanismus und reiner als der Buddhismus ist.«

»Oh!« sagte Hardcastle und starrte weiter, die Hände in den Rocktaschen, durch sein Monokel.

»Man sagt,« bemerkte Lord Mounteagle in seinem sanften, aber lehrhaften Ton, »daß die Gottheit, die den Namen Gott der Götter führt, in kolossaler Gestalt in die Höhlung des Berges Meru eingemeißelt ist –«

Selbst das Wohlgefallen seiner Lordschaft an belehrenden Vorträgen wurde jäh durch die über seine Schulter dringende Stimme unterbrochen. Sie kam aus der Dunkelheit des Museums, aus dem sie soeben in den Kreuzgang getreten waren. Beim Lautwerden dieser Stimme blickten die beiden jüngeren Männer zuerst ungläubig, dann wütend drein und wanden sich dann beinahe vor Lachen.

»Hoffentlich störe ich nicht,« ließ sich die höfliche und verführerische Stimme des Professors Phroso vernehmen, dieses unerschütterlichen Wahrheitssuchers, »aber ich dachte mir, Sie würden vielleicht etwas Zeit übrig haben für die zu Unrecht verachtete Wissenschaft der Phrenologie. Ihre Höcker, meine Herren –«

»Ich habe keine Höcker,« rief der ungestüme Tommy, »aber Sie werden gleich Beulen haben, Sie –«

Hardcastle hielt ihn zurück, als er sich durch die Tür auf Herrn Phroso stürzen wollte. Die ganze Gruppe hatte sich herumgedreht und blickte in den Saal.

In diesem Augenblick passierte die Geschichte. Wieder war es der ungestüme Tommy, der zuerst in Bewegung geriet, und dieses Mal mit besserem Erfolg. Bevor noch irgend jemand etwas gesehen hatte, als Hardcastle eben kaum mit Schrecken zum Bewußtsein kam, daß er den Stein auf der Mauer hatte liegen lassen, war Tommy schon mit katzenartigem Sprunge an der Einfassungsmauer und hatte schon, während er mit Kopf und Schultern zwischen zwei Pfeilern aus der Öffnung lehnte, mit einer in dem ganzen Kreuzgang widerhallenden triumphierenden Stimme gerufen: »Ich habe ihn!«

In diesem blitzartigen Augenblick, gerade als sie sich herumgedreht hatten, und gerade bevor sie den triumphierenden Ruf hörten, hatten sie alle den Vorgang beobachtet. Um die Ecke eines der beiden Pfeiler war eine braune oder vielmehr bronzene Hand, von der ihnen nicht mehr ganz unbekannten Farbe matten Goldes, hervorgeglitten und ebenso schnell wieder zurückgehuscht. Die Hand hatte so schnell zugefaßt wie eine zuschnappende Schlange, war so plötzlich hervorgeschnellt wie die lange Zunge eines Ameisenbären. Aber sie hatte den Edelstein aufgeleckt. In dem bleichen verlöschenden Licht sah man nur noch die bloße leere Steinplatte der Fensterschwelle.

»Ich habe ihn,« keuchte Tommy Hunter, »aber er will sich losreißen. Springt schnell über die Mauer – er muß ihn noch haben.«

Die anderen gehorchten. Einige liefen den Gang entlang, andere sprangen über die niedrige Mauer, mit dem Ergebnis, daß eine kleine Schar, bestehend aus Hardcastle, Lord Mounteagle, Pater Brown und sogar dem nicht abzuschüttelnden Phrenologen Phroso, den gefangenen Meister vom Berge umgab. Hunter hatte ihn mit einer Hand verzweifelt beim Kragen gefaßt und schüttelte ihn in einer für die Würde eines Propheten unerträglichen Weise heftig hin und her.

»Jedenfalls haben wir ihn,« sagte Hunter, indem er tief Atem holte und ihn losließ. »Wir brauchen ihn nur zu durchsuchen. Der Stein muß da sein.«

Dreiviertel Stunden später standen sich Hunter und Hardcastle, deren Zylinderhüte, Krawatten, Handschuhe und Fußgamaschen von ihrer gerade beendeten anstrengenden Tätigkeit arg mitgenommen waren, Aug in Auge gegenüber und sahen sich ziemlich dumm an.

»Nun,« fragte Hardcastle bedachtsam, »können Sie sich dieses Geheimnis erklären?«

»Zum Teufel noch mal,« erwiderte Hunter, »man kann das doch kein Geheimnis nennen. Wir haben doch alle gesehen, wie er den Stein nahm.«

»Ja,« sagte der andere, »aber wir haben nicht alle gesehen, wie er ihn verlor. Und das Geheimnis ist: wo kann er ihn so verloren haben, daß wir ihn nicht finden können?«

»Irgendwo muß er sein,« sagte Hunter. »Haben Sie den Brunnen durchsucht und das Fundament, auf dem dieser verdammte Götzenkerl aufgestellt ist?«

»Ich habe den kleinen Fischen noch nicht den Bauch aufgeschlitzt,« antwortete Hardcastle, indem er sein Monokel zurechtrückte und den anderen musterte. »Denken Sie an den Ring des Polykrates?«

Anscheinend überzeugte ihn die Musterung des runden Gesichtes vor ihm, daß es keine Meditationen über griechische Legenden maskierte.

»Ich gebe zu, daß er ihn nicht bei sich hat,« sagte Hunter plötzlich, »wenn er ihn nicht verschluckt hat.«

»Sollen wir auch den Propheten aufschlitzen?« fragte der andere lächelnd. »Aber da kommt Lord Mounteagle.«

»Eine sehr betrübliche Sache,« sagte Lord Mounteagle, indem er mit nervöser und sogar zitternder Hand an seinem weißen Schnurrbart zupfte. »Scheußlich, einen Dieb im Hause zu haben, noch scheußlicher der Gedanke, daß der Meister der Dieb sein könnte. Aber ich gestehe, ich kann aus der Art, wie er über den Diebstahl spricht, nicht klug werden. Kommen Sie doch herein und sagen Sie mir, was Sie darüber denken.«

Hardcastle ging mit hinein, während Hunter zurückblieb und mit Pater Brown ins Gespräch kam, der im Kreuzgang auf und ab ging.

»Sie müssen sehr stark sein,« sagte der Priester in freundlichstem Ton. »Sie hielten ihn mit einer Hand, und wir hatten noch Mühe, ihn mit acht Händen zu halten, als wir achtarmig waren wie einer dieser indischen Götter.«

Sie gingen einigemal im Kreuzgang auf und ab und sprachen allerlei, dann gingen auch sie in den Saal, wo der Meister vom Berge als Gefangener auf einer Bank saß, jedoch eine hoheitsvollere Miene als ein König zur Schau trug.

Lord Mounteagle hatte ganz recht, als er sagte, daß seine Miene und sein Ton nicht leicht zu verstehen waren. In seinen Worten kam ein heiteres und doch nicht offen geäußertes Machtgefühl zum Ausdruck. Wenn seine Wärter sich den Kopf zerbrachen, wo er den Edelstein wohl verborgen haben könnte, so schien er sich über ihr Rätselraten zu belustigen, jedenfalls zeigte er keine Spur von Empfindlichkeit. Er schien in einer noch unergründlichen Art all ihrer Bemühungen, um die Auffindung des Gegenstandes, den sie ihn doch alle hatten wegnehmen sahen, zu spotten.

»Sie lernen jetzt ein wenig,« sagte er mit unverschämter Herablassung, »von den Gesetzen der Zeit und des Raumes. Ihre jüngste Wissenschaft bleibt da um Tausende von Jahren hinter unserer ältesten Religion zurück. Sie wissen nicht einmal, was das eigentlich heißt, einen Gegenstand verstecken. Ja, meine armen lieben Freunde, Sie wissen nicht einmal, was das heißt, einen Gegenstand sehen, sonst würden Sie ihn vielleicht genau so deutlich sehen wie ich.«

»Wollen Sie damit sagen, daß er hier ist?« fragte Hardcastle barsch.

»›Hier‹ ist ein Wort, das viele Bedeutungen hat,« antwortete der Magier. »Aber ich habe nicht gesagt, daß er hier ist. Ich habe nur gesagt, ich könnte ihn sehen.«

Alle schwiegen empört, und er fuhr schläfrig fort.

»Wenn Sie völlig, abgründig still wären, würden Sie vielleicht einen Ruf vom anderen Ende der Welt hören, den Ruf eines einsamen Andächtigen aus jenen Bergen, wo das Urbild steht, selbst einem Berge gleichend. Man sagt, daß sogar Juden und Mohammedaner dieses Bild verehren könnten, weil es nicht von Menschenhand verfertigt ist. Ohren auf! Hören Sie den Ruf, mit dem er sein Haupt hebt und in der Steinhöhle, hohl seit Urzeiten, den roten Mond, das Auge des Berges sieht?«

»Meinen Sie wirklich,« rief Lord Mounteagle zitternd, »daß Sie den Stein von hier auf den Berg Meru verhexen könnten? Ich habe bisher geglaubt, daß Sie große geistige Kräfte besitzen, aber –«

»Vielleicht besitze ich mehr,« erwiderte der Meister, »als Sie jemals glauben werden.«

Hardcastle stand ungeduldig auf und begann, die Hände in den Taschen, auf- und abzugehen.

»Mein Glaube ist niemals so stark gewesen wie der Ihrige, aber ich gebe zu, daß gewisse Kräfte existieren … Mein Gott!«

Seine hohe, schneidende Stimme brach plötzlich ab, er blieb stehen und starrte zur Tür hinaus, das Monokel fiel ihm aus dem Auge. Alle Gesichter wandten sich nach derselben Richtung, und auf jedem Gesichte schien dieselbe verhaltene Erregung zu liegen.

Der Rote Mond von Meru lag genau dort, wo sie ihn zuletzt gesehen hatten, auf der Mauer. Er hätte ein roter Funken sein können, der von einem Feuer dorthin verweht worden war, oder ein rotes Rosenblatt, das von einer abgebrochenen Rose auf die Mauer gefallen war, aber er war genau auf denselben Platz gefallen, wo Hardcastle ihn achtlos niedergelegt hatte.

Hardcastle machte gar keinen Versuch, den Stein wieder aufzunehmen, sein Verhalten war eigentümlich. Er drehte sich langsam herum und begann wieder durch den Saal zu schreiten, aber in seinen Bewegungen lag jetzt etwas Beherrschtes, während sie vorher nur unruhig gewesen waren. Schließlich blieb er vor dem Meister stehen und verbeugte sich mit etwas sardonischem Lächeln.

»Meister,« sagte er, »wir alle müssen Sie um Verzeihung bitten, aber, was wichtiger ist, Sie haben uns eine Lektion erteilt. Glauben Sie mir, wir wissen diese Lektion ebenso zu würdigen wie den kleinen Spaß, den Sie uns bereitet haben. Ich werde mich stets erinnern, welche bemerkenswerte Kräfte Sie in Wirklichkeit besitzen, und wie Sie diese gebrauchen. Lady Mounteagle,« fuhr er fort, indem er sich ihr zuwandte, »Sie werden mir verzeihen, daß ich mich zuerst an den Meister gewandt habe, aber Sie werden sich erinnern, daß ich die Ehre hatte, Ihnen diese Erklärung zuerst anzubieten. Ich darf wohl sagen, daß ich den Vorgang erklärte, bevor er passiert war. Ich sagte Ihnen, daß die meisten Vorgänge dieser Art durch eine hypnotische Beeinflussung erklärt werden könnten. Viele glauben, daß dieses auch die Erklärung für das indische Zauberkunststück mit dem Mangobaum und dem Knaben ist, der an einem in die Luft geworfenen Seile hochklettert. In Wirklichkeit geschieht gar nichts, aber die Zuschauer werden so hypnotisiert, daß sie den Vorgang in ihrer Phantasie sehen. So wurden auch wir so hypnotisiert, daß wir uns alle einbildeten, der Diebstahl sei wirklich geschehen. Die braune Hand, die hinter dem Pfeiler zum Vorschein kam und den Edelstein wegnahm, war eine Sinnestäuschung, eine Hand in einem Traum. Als wir aber den Stein verschwinden sahen, fiel es uns nicht mehr ein, ihn an seinem ursprünglichen Platze zu suchen. Wir sprangen in den Teich und drehten jedes Blatt der Wasserlilien herum, wir hätten beinahe den Goldfischen Brechmittel eingegeben. Aber der Stein hat die ganze Zeit ruhig dort gelegen.«

Und er blickte in die schillernden Augen und auf den lächelnden bärtigen Mund des Meisters und sah, daß das Lächeln noch breiter geworden war als vorher. Dieses Lächeln war so, daß die anderen aufsprangen und befreit aufatmeten.

»Ich freue mich, daß sich die Sache so glücklich aufgeklärt hat,« sagte Lord Mounteagle etwas verlegen. »Es ist zweifellos so, wie Sie sagen. Es war eine sehr peinliche Episode, und ich weiß wirklich nicht, welche Entschuldigung –«

»Ich beklage mich nicht,« sagte der Meister vom Berge noch immer lächelnd. »An mich kommt das alles nicht heran.«

Während die übrigen mit Hardcastle, der der Held der Stunde war, über den glücklichen Ausgang frohlockten, schlich der kleine Phrenologe zu seinem famosen Schädelzelt zurück. Als er sich umblickte, sah er zu seiner Überraschung, daß Pater Brown ihm folgte.

»Kann ich Ihre Höcker fühlen?« fragte der gelehrte Mann in seinem mildsarkastischen Ton.

»Ich glaube nicht, daß Sie Lust haben, noch welche zu fühlen,« sagte der Priester gut gelaunt. »Sie sind ein Detektiv, nicht wahr?«

»Richtig geraten,« erwiderte der andere. »Lady Mounteagle bat mich, ein wachsames Auge auf den Meister zu haben, denn bei all ihrem Mystizismus ist sie doch keine Törin, und als er sein Zelt verließ, konnte ich ihm nur folgen, indem ich mich wie ein Blödrian und Besessener benahm. Wenn jemand in mein Zelt gekommen wäre, hätte ich mich erst in einem Lexikon über meine Wissenschaft orientieren müssen.«

»Die Hauptsache ist, daß man gleich weiß, wo man nachzuschlagen hat,« bemerkte Pater Brown in Gedanken verloren. »Sie paßten in diesen Wohltätigkeitsrummel ganz gut hinein.«

»Sonderbarer Fall, wie?« sagte der falsche Phrenologe. »Merkwürdig, daß das Ding die ganze Zeit dagelegen haben soll.«

»Sehr merkwürdig,« sagte der Priester.

In seiner Stimme lag etwas, das den anderen Mann aufsehen ließ.

»Was haben Sie denn?« rief er. »Glauben Sie denn etwa nicht, daß es die ganze Zeit dort war?«

Pater Brown blinzelte, als wenn er einen Stoß erhalten hätte. Dann sagte er langsam und zögernd: »Nein … Tatsache ist … Ich kann mich nicht dazu bringen, das zu glauben.«

»Ein Mann wie Sie sagt so etwas nicht ohne Grund,« bemerkte der andere. »Warum glauben Sie nicht, daß der Stein die ganze Zeit auf der Mauer gelegen hat?«

»Weil ich ihn selbst wieder hingelegt habe,« erwiderte Pater Brown.

Der Detektiv blieb wie angewurzelt stehen, er hatte ganz das Aussehen eines Mannes, dem sich die Haare zu Berge sträuben. Er öffnete den Mund, ohne zu sprechen.

»Oder vielmehr,« fuhr der Priester fort, »ich brachte den Dieb dazu, den Stein von mir wieder hinlegen zu lassen. Ich erzählte ihm, was ich beobachtet hatte, und machte ihm klar, daß jetzt noch Zeit sei, seine Tat zu bereuen. Da Sie ein Berufsgenosse sind, kann ich Ihnen die Sache vertraulich mitteilen. Übrigens glaube ich nicht, daß die Mounteagles jetzt, wo sie den Stein zurückbekommen haben, die Sache zur Anzeige bringen würden, besonders wenn man bedenkt, wer der Dieb war.«

»Meinen Sie den Meister?« fragte der unkundige Schädelmesser Phroso.

»Nein,« antwortete Pater Brown, »der Meister hat ihn nicht gestohlen.«

»Aber ich verstehe nicht,« entgegnete der andere. »Niemand stand hinter der Mauer als der Meister, und die Hand kam von außen, das weiß ich ganz gewiß.«

»Die Hand kam von außen, aber der Dieb kam von innen,« sagte Pater Brown.

»Das ist nun wieder die reinste Magie. Ich bin ein praktischer Mensch. Ich wollte nur wissen, ob die Geschichte mit dem Rubin stimmt –«

»Ich wußte, daß sie nicht stimmte, bevor ich überhaupt von dem Rubin etwas wußte.«

Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort. »Schon als ich die Diskussion bei den Zelten hörte, wußte ich, daß etwas nicht stimmte. Da sagen die Leute so, daß Theorien nichts bedeuten und daß Logik und Philosophie keinen praktischen Wert haben. Glauben Sie das nicht. Den Verstand hat uns Gott gegeben, und wenn wir uns eine Sache nicht richtig zurechtlegen können, so stimmt etwas nicht. Nun, jene abstrakte Diskussion hatte einen seltsamen Schluß. Bedenken Sie, in welchen Theorien sie sich ergingen. Hardcastle stand etwas über den anderen und sagte, alle Dinge seien durchaus möglich, aber sie kämen meistens durch Hypnose oder Hellsehen zustande, wissenschaftliche Namen für unerklärliche Dinge, die man dann gewöhnlich für erklärt hält. Aber Hunter hielt alles für glatten Betrug und wollte ihn aufdecken. Nach Lady Mounteagles Zeugnis beschäftigte er sich nicht nur damit, Wahrsager und ähnliche Leute hereinzulegen, sondern er war eigens hergekommen, um diesen besonderen Wahrsager zu entlarven. Er kam nicht oft her, er vertrug sich mit Mounteagle nicht recht, den er als echter Schuldenmacher stets anzupumpen suchte, aber als er hörte, daß der Meister hier sein würde, kam er schleunigst her. Gut. Trotzdem war es Hardcastle, der den Zauberer konsultieren wollte, Hunter aber lehnte das ab. Er sagte, er wolle keine Zeit an solchen Unsinn verschwenden, obschon er wahrscheinlich einen guten Teil seines Lebens darauf verschwendet hat, zu beweisen, daß es Unsinn sei. Da scheint ein Widerspruch vorzuliegen. In diesem Falle glaubte er, es handle sich um Kristallseherei, aber er fand heraus, daß es Handwahrsagerei war.«

»Meinen Sie, daß er deshalb nicht mitging?« fragte sein Begleiter, dem immer noch kein Licht aufging.

»Das dachte ich mir zuerst,« erwiderte der Priester, »aber ich weiß jetzt, daß ihn eine bestimmte Überlegung dabei leitete. Er war durch die Entdeckung, daß es sich um Handwahrsagerei handelte, wirklich betroffen, weil –«

»Nun?« fragte der andere ungeduldig.

»Weil er seinen Handschuh nicht abziehen wollte,« sagte Pater Brown.

»Seinen Handschuh nicht abziehen wollte?« wiederholte der andere.

»Wenn er ihn nämlich abgezogen hätte,« sagte Pater Brown nachsichtig, »hätten wir alle gesehen, daß seine Hand bereits mattbraun gefärbt war … Jawohl, er kam eigens her, weil der Meister hier war. Er kam vollständig vorbereitet her.«

»Sie meinen,« rief Phroso, »daß es Hunters braungefärbte Hand war, die hinter dem Pfeiler zum Vorschein kam? Aber er war doch die ganze Zeit bei uns!«

»Machen Sie das Experiment an Ort und Stelle nach, und Sie werden finden, daß es durchaus möglich ist. Hunter sprang vor und lehnte sich über die Brüstung, im Nu konnte er seinen Handschuh abziehen, den Ärmel hinaufschieben und mit der Hand um den Pfeiler herum nach rückwärts fassen, während er mit der anderen Hand den Inder packte und laut rief, daß er den Dieb ertappt hatte. Es fiel mir auf, daß er den Dieb nur mit einer Hand festhielt, wo ein vernünftiger Mensch beide Hände gebraucht haben würde. Aber mit der anderen Hand ließ er den Rubin in seine Hosentasche gleiten.«

Nach einer langen Pause sagte der Exphrenologe bedächtig: »Das nenne ich eine tolle Sache. Aber sie will mir immer noch nicht ganz einleuchten. Denn das sonderbare Verhalten des alten Zauberers bleibt unerklärlich. Wenn er ganz unschuldig war, warum, zum Henker, hat er nicht seine Unschuld beteuert? Warum war er nicht darüber entrüstet, daß man ihn als Dieb bezichtigte und ihn durchsuchte? Warum saß er lächelnd da und deutete nur verstohlen an, zu welchen unerklärlichen und wunderbaren Dingen er fähig wäre?«

»Ah!« rief Pater Brown mit einer gewissen Schärfe, »jetzt kommen Sie endlich auf den springenden Punkt. Jetzt kommen Sie endlich auf das, was diese Menschen nicht verstehen und nicht verstehen werden. ›Alle Religionen sind gleich,‹ sagt Lady Mounteagle. Ich sage Ihnen, einige sind so verschieden, daß der beste Mensch der einen dickfellig ist, wo der schlechteste Mensch der anderen empfindlich sein wird. Ich sagte Ihnen, daß mir geistige Kräfte nicht gefallen, weil der Akzent auf dem Wort Kraft liegt. Ich sage nicht, daß der Meister einen Rubin stehlen würde, sehr wahrscheinlich würde er es nicht tun, sehr wahrscheinlich würde er ihn des Stehlens nicht für wert halten, aber er würde der Versuchung ausgesetzt sein, Wunder auf sein Konto zu schreiben, die ihm ebensowenig gehören wie Edelsteine. Einer solchen Versuchung ist er heute unterlegen, so einen Diebstahl hat er heute begangen. Er hatte es ganz gern, daß wir dachten, er besäße die wunderbaren geistigen Kräfte, die einen Gegenstand durch den Raum fliegen lassen können, und obschon er ihn nicht hatte fliegen lassen, so ließ er uns doch in dem Glauben, daß er das zuwege gebracht hätte. Der Gedanke, daß es sich um fremdes Eigentum handelt, würde ihm gar nicht als erstes in den Sinn kommen. Die Frage würde sich ihm nicht in der Form darbieten: ›Soll ich diesen Stein stehlen?‹, sondern nur in der Form: ›Könnte ich diesen Stein weghexen und ihn auf einen fernen Berg zaubern?‹ Die Frage, wessen Stein, würde ihm als ganz unerheblich vorkommen. Er ist sehr stolz auf seine sogenannten geistigen Kräfte. Aber was er geistig nennt, bedeutet nicht dasselbe wie das, was wir moralisch nennen. Er meint damit Gehirnkräfte, die Macht des Geistes über die Materie, den Magier, der die Elemente beherrscht. Aber wir sind nicht so wie er, selbst wenn wir nicht besser sind, selbst wenn wir schlechter sind. Wir, deren Väter zum mindesten Christen waren, die wir unter diesen mittelalterlichen Bogengängen aufgewachsen sind, wir haben, selbst wenn wir sie geschmacklos mit allen Dämonen Asiens bevölkern, genau den entgegengesetzten Ehrgeiz und die entgegengesetzte Scham. Wir würden ängstlich darauf bedacht sein, daß ja niemand von uns annähme, wir hätten den Stein verschwinden lassen. Ihm war daran gelegen, daß jeder diesen Gedanken hatte – selbst dann, wenn er an dem Verschwinden ganz unschuldig war. Er stahl sich das Renommee des Stehlens. Während wir die Tat wie eine Viper von uns abschüttelten, lockte er sie an sich wie ein Schlangenbeschwörer. Aber Schlangen sind bei uns keine Haustiere. Bei einer solchen Gelegenheit machen sich sofort die Überlieferungen des Christentums bemerkbar. Sehen Sie sich zum Beispiel den alten Mounteagle an! Man kann so orientalisch schwärmen und so geheimnisvoll tun wie man will, man kann einen Turban und ein langes Kleid tragen und nach Weisungen von Mahatmas leben, aber wenn einem so ein Steinchen im Hause gestohlen wird, und Freunde und Bekannte in Verdacht geraten, wird man sehr bald entdecken, daß man ein ganz gewöhnlicher Engländer ist, der das Zittern bekommt, sobald er nur von Diebstahl hört. Der Mann, der den Diebstahl wirklich beging, würde niemals den Wunsch haben, wir möchten ihn für den Dieb halten, denn auch er war ein richtiger Engländer. Er war sogar noch etwas Besseres, er war ein christlicher Dieb. Ich hoffe und glaube, daß er ein reuiger Dieb ist.«

»Nach Ihnen,« sagte sein Begleiter lachend, »wären der christliche Dieb und der heidnische Betrüger über zwei gegensätzliche Dinge betrübt. Dem einen tat es leid, daß er den Diebstahl begangen und dem anderen, daß er ihn nicht begangen hatte.«

»Wir dürfen über keinen von beiden zu hart urteilen,« sagte Pater Brown. »Vor diesem haben andere Engländer gestohlen, und Gesetze und Politik haben sie geschützt, und auch der Westen hat seine eigene Methode, den Diebstahl durch spitzfindige Ausflüchte zu entschuldigen. Der Rubin ist schließlich nicht der einzige wertvolle Stein in der Welt, der seinen Besitzer gewechselt hat. Das trifft auch auf andere kostbare Steine zu, die oft wie Kameen geschnitten sind und oft aussehen wie Blumen.«

Der andere sah ihn fragend an, und der Priester deutete mit dem Finger auf die gotischen Umrisse der großen Abtei.

»Ein großer fein geschnittener Stein,« sagte er, »der auch gestohlen worden ist.«

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