Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gilbert Keith Chesterton >

Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
Schließen

Navigation:

Das schlimmste aller Verbrechen

Pater Brown wanderte durch eine Gemäldegalerie, aber sein Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, daß er nicht hergekommen war, um sich die Bilder anzusehen. Er trug in der Tat gar kein Verlangen darnach, die Bilder zu betrachten, obschon er im allgemeinen ein großer Kunstliebhaber war. Nicht daß an diesen hochmodernen Malstudien etwas Unmoralisches oder Unziemliches war. Wer durch die Darstellung unterbrochener Spiralen, umgestülpter Kegel und gebrochener Zylinder, mit denen die Kunst der Zukunft die Menschheit beglückte oder bedrohte, etwa zu einer heidnischen Leidenschaft angeregt wurde, mußte in der Tat ein leicht entzündliches Temperament haben. Pater Brown suchte nach einer jungen Freundin, die ihm diesen etwas eigenartigen Treffpunkt angegeben hatte, da sie selbst etwas futuristisch veranlagt war. Diese junge Freundin war zugleich eine junge Verwandte, eine der wenigen Verwandten, die er besaß. Ihr Name war Elisabeth Fane, vereinfacht Betty. Sie war das Kind einer Schwester, die in eine vornehme, aber verarmte Landadelsfamilie eingeheiratet hatte. Da der Landjunker nunmehr außer der Verarmung auch den Tod kennengelernt hatte, erhielt Pater Browns verwandtschaftliches Verhältnis zu seiner Nichte noch eine außerverwandtschaftliche Festigung, er war nicht nur ihr Onkel, sondern auch ihr Seelsorger, Beschützer und Vormund. In diesem Augenblick jedoch betätigte er sich in keiner dieser vier Rollen, sondern richtete seine kurzsichtigen Augen auf die einzelnen in der Galerie umherstehenden oder umherspazierenden Gruppen, ohne das vertraute braune Haar und das freundliche Gesicht seiner Nichte zu erblicken. Trotzdem sah er einige Leute, die er kannte, und viele, die er nicht kannte, und unter diesen wieder einige, gegen die er, ohne sie zu kennen, eine instinktive Abneigung empfand, und die er daher gar nicht kennenzulernen wünschte.

Unter den Leuten, die er nicht kannte, und die doch sein Interesse erweckten, war ein schlanker und behender junger Mann. Er war sehr elegant gekleidet und sah wie ein Ausländer aus. Während sein Bart spatenförmig zugestutzt war wie bei einem alten Spanier, war sein schwarzes Haar so kurz geschnitten, daß man es für eine eng anliegende schwarze Tuchmütze hätte halten können. Unter den Leuten, deren Bekanntschaft der Priester nicht besonders gern gemacht hätte, befand sich eine sehr imponierend aussehende, auffallend in Rot gekleidete Dame mit einer Mähne gelben Haares, das zu lang war, um kurzgeschnitten genannt zu werden, aber zu wirr und lose, um ihm irgendeine andere Bezeichnung zu geben. Sie hatte ein mächtiges, ziemlich dickes Gesicht von bleicher, ungesunder Farbe, und wenn sie jemanden betrachtete, so bemühte sie sich, den Zauber eines Basiliskenblickes zu erzeugen. Als gehorsamen Diener zog sie einen kleinen dicken Mann mit mächtigem Bart, sehr breitem Gesicht und langgeschlitzten, schläfrigen Augen hinter sich her. Der Ausdruck seines Gesichtes war heiter und wohlwollend, wenn man auch das Gefühl hatte, der Mann sei noch nicht richtig wach, aber von hinten sah sein Stiernacken etwas brutal aus.

Pater Brown betrachtete die Dame, bis er das Gefühl hatte, daß das Erscheinen seiner Nichte ein angenehmer Kontrast sein würde. Aber trotzdem betrachtete er sie aus einem gewissen Grunde weiter, bis er das Gefühl hatte, das Erscheinen eines jeden beliebigen Menschen würde ein angenehmer Kontrast sein. Er drehte sich daher, als er seinen Namen nennen hörte, mit einer gewissen Erleichterung, wenn auch mit dem plötzlichen Auffahren eines aufgeschreckten Träumers um und sah ein anderes bekanntes Gesicht vor sich.

Es war das scharfgeschnittene, aber nicht unfreundliche Gesicht eines Rechtsanwalts namens Granby, dessen graugestreiftes Haar man beinahe für eine gepuderte Perücke hätte halten können, so wenig paßte es zu der jugendlichen Energie seiner Bewegungen. Er war einer jener Citymänner, die in ihren Büros und auf der Straße wie Schuljungen einher stürzen. Ganz in dieser Art konnte er sich in der hochmodernen Gemäldegalerie nicht umhertummeln, aber er sah so aus, als ob er große Lust dazu hätte, und blickte ärgerlich nach rechts und links, offenbar nach einem bekannten Gesicht suchend.

»Ich wußte nicht,« sagte Pater Brown lächelnd, »daß Sie ein Anhänger der neuen Kunst sind.«

»Ebensowenig wußte ich das von Ihnen,« entgegnete der andere. »Ich bin hierher gekommen, um jemanden zu treffen.«

»Hoffentlich haben Sie Glück,« antwortete der Priester. »Ich habe dieselbe Absicht.«

»Sagte mir, er sei auf der Durchreise nach dem Kontinent,« brummte der Anwalt, »ich möchte ihn in dieser verrückten Bude hier treffen.« Er überlegte einen Augenblick und sagte dann plötzlich: »Ich weiß, daß Sie ein Geheimnis bewahren können. Kennen Sie Sir John Musgrave?«

»Nein,« antwortete der Priester. »Aber ich hätte kaum geglaubt, daß er ein Geheimnis ist, obgleich man sagt, er vergrabe sich in seinem Schloß. Ist er nicht der sagenhafte Alte, von dem man all diese Geschichten erzählt – er soll in einem Turm hinter einem wirklichen Fallgitter und einer Zugbrücke leben und sich beharrlich weigern, aus dem dunklen Mittelalter ans helle Licht der Neuzeit zu tauchen. Gehört er zu Ihren Klienten?«

»Nein,« erwiderte Granby kurz, »aber sein Sohn, Hauptmann Musgrave. Der Alte spielt jedoch in dieser Sache eine wichtige Rolle, und ich kenne ihn nicht. Das ist der springende Punkt. Die Sache ist vertraulicher Natur, wie ich Ihnen schon sagte, aber ich kann mich auf Sie verlassen.« Er dämpfte seine Stimme und zog den Priester in eine verhältnismäßig leere Seitengalerie, in der Darstellungen verschiedener wirklicher Gegenstände hingen.

»Der junge Musgrave,« sagte er, »will von uns eine große Summe entleihen, die er nach dem Tode seines alten, in Northumberland lebenden Vaters zurückzahlen will. Der alte Musgrave hat die Siebzig schon weit überschritten und wird voraussichtlich eines Tages das Zeitliche segnen. Die Frage ist nur, ob er seinen Sohn segnet. Was wird nach seinem Tode mit seinem Barvermögen, seinen Schlössern, Fallgittern und dem übrigen Zeug geschehen? Es ist ein sehr schönes altes Besitztum, das noch eine Menge wert ist, aber sonderbarerweise ist es kein Fideikommiß. Sie sehen also, wie wir stehen, und die Frage ist, wie steht der Alte zu seinem Sohn?«

»Steht er gut mit ihm, so steht es mit Ihnen um so besser,« bemerkte Pater Brown. »Nein, ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich bin nie mit Sir John Musgrave zusammengekommen, und er soll ja mit den Jahren immer menschenscheuer geworden sein. Aber Sie müssen sich natürlich über diesen Punkt vergewissern, bevor Sie dem jungen Herrn das Geld Ihrer Firma leihen. Hat er etwa Aussicht, enterbt zu werden?«

»Das weiß ich eben nicht,« antwortete der Advokat. »Er ist sehr bekannt und als guter Gesellschafter geschätzt, aber er ist viel auf Reisen, und dann ist er Journalist gewesen.«

»Nun, das ist kein Verbrechen.«

»Reden Sie keinen Unsinn!« fuhr Granby drein. »Sie wissen ganz gut, was ich sagen will. Er ist ein rollender Stein, ist Journalist, Vortragskünstler, Schauspieler und alles mögliche gewesen. Ich muß wissen, wie ich dran bin … da ist er ja.«

Und der Anwalt, der ungeduldig in der ziemlich leeren Galerie auf und ab gegangen war, drehte sich plötzlich zur Tür und stürzte in den besuchteren Hauptraum. Er lief auf den großen und elegant gekleideten jungen Mann mit dem kurzen Haar und dem spanischen Bart zu.

Die beiden gingen, in einer Unterhaltung begriffen, zusammen fort, und Pater Brown folgte ihnen mit seinen zusammengekniffenen, kurzsichtigen Augen nach. Sein Blick wurde jedoch durch die stürmische und sogar lärmende Ankunft seiner Nichte Betty von ihnen abgelenkt. Zur Überraschung ihres Onkels führte sie ihn in den leereren Raum zurück und pflanzte ihn auf einen Stuhl, der wie eine Insel aus diesem Parkettmeer ragte.

»Ich muß dir etwas erzählen,« sagte sie. »Es ist so sonderbar, daß es ein anderer gar nicht verstehen wird.«

»Du überwältigst mich,« sagte Pater Brown. »Handelt es sich um die Sache, die mir deine Mutter angedeutet hat? Verlobungen und dergleichen?«

»Du weißt,« sagte sie, »daß sie mich mit Hauptmann Musgrave verloben will.«

»Keine Ahnung,« sagte Pater Brown resigniert, »aber Hauptmann Musgrave scheint ein sehr beliebtes Gesprächsthema zu sein.«

»Wir sind sehr arm, und es hat keinen Zweck, vor dieser Tatsache die Augen zu verschließen.«

»Möchtest du ihn gern heiraten?« fragte Pater Brown, sie mit halbgeschlossenen Augen ansehend.

Sie zog die Brauen zusammen, blickte auf den Boden und sagte mit leiserer Stimme:

»Ich dachte, er wäre mir sympathisch. Wenigstens denke ich, daß ich das dachte. Aber ich habe soeben einen Schrecken bekommen.«

»Was für einen Schrecken?«

»Ich hörte ihn lachen.«

»Ein ausgezeichnetes Gesellschaftsspiel,« bemerkte Pater Brown.

»Du verstehst nicht recht,« fuhr die Nichte fort. »Es war eben kein Gesellschaftsspiel. Das ist's ja eben – er lachte nicht in Gesellschaft.«

Sie hielt einen Augenblick inne.

»Ich kam ziemlich früh her und sah ihn ganz allein in jenem Saale sitzen, in dem die neuen Bilder hängen. Der Saal war noch leer. Er ahnte nicht, daß jemand in der Nähe war. Er saß ganz allein und lachte.«

»Nun, das ist nicht weiter erstaunlich,« sagte Pater Brown. »Ich bin kein Kunstkritiker, aber wenn man sich die Bilder so ansieht –«

»Oh, du willst mich nicht verstehen,« sagte sie fast wütend. »So klang das Lachen nicht. Er sah gar nicht auf die Bilder. Er starrte zur Decke empor, aber seine Augen schienen sich nach innen zu kehren, und er lachte so, daß mich gruselte.«

Der Priester hatte sich erhoben und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Saale auf und ab. »Du darfst in einem solchen Falle nicht voreilig sein,« begann er. »Es gibt zwei Arten von Menschen – aber wir können jetzt kaum über ihn sprechen, denn da ist er.«

Hauptmann Musgrave trat rasch in den Saal und überflog ihn mit einem Lächeln. Der Advokat Granby war dicht hinter ihm, und sein strenges Juristengesicht trug einen neuen Ausdruck der Erleichterung und Befriedigung.

»Ich nehme alles, was ich über Musgrave gesagt habe, zurück,« sagte er zu dem Priester, als sie zusammen zur Tür gingen. »Er ist ein sehr vernünftiger Mann und versteht meinen Standpunkt durchaus. Er fragte mich selbst, warum ich nicht nach Northumberland führe und mit seinem alten Vater spräche, dann könnte ich aus dessen eigenem Munde hören, wie es mit der Erbschaft bestellt sei. Einen einwandfreieren Vorschlag konnte er mir doch nicht machen. Aber er hat es mit dem Geld so eilig, daß er mir anbot, mich in seinem eigenen Auto nach Schloß Musgrave zu fahren. Ich machte ihm den Vorschlag, daß wir vielleicht zusammen fahren könnten, wenn er nichts dagegen hätte. Und morgen früh soll es losgehen.«

Während sie sprachen, erschienen Betty und der Hauptmann in der Tür und gaben in diesem Rahmen wenigstens ein Bild, das sentimentale Seelen vielleicht den Kegeln und Zylindern vorziehen konnten. Was die beiden auch sonst gemeinsam haben mochten, sie sahen beide gut aus. Der Rechtsanwalt wollte gerade über diese nicht wegzuleugnende Tatsache eine Bemerkung machen, als sich das Bild plötzlich änderte.

Hauptmann James Musgrave sah in den Hauptsaal, und seine lachenden und triumphierenden Augen blieben an etwas haften, das ihn von Kopf bis zu Fuß zu verwandeln schien. Pater Brown blickte wie in einer bangen Vorahnung in dieselbe Richtung und sah das gesenkte Gesicht der in Rot gekleideten Frau, das unter der gelben Löwenmähne fast totenbleich erschien. Sie stand da, leichtgebeugt wie ein Stier, der seine Hörner senkt, und der Ausdruck ihres bleichen, teigigen Gesichts war so bedrückend und so hypnotisch bannend, daß man den neben ihr stehenden kleinen Mann mit dem großen Barte kaum bemerkte.

Musgrave ging fast wie eine aufgezogene, wandelnde Wachsfigur auf sie zu. Er flüsterte ihr etwas zu, das man nicht hören konnte. Sie antwortete nicht, aber sie gingen zusammen durch den langen Saal und schienen miteinander zu debattieren, der kleine stiernackige Mann schlich wie ein grotesker, koboldartiger Page hinterdrein.

»Gott sei uns gnädig!« murmelte Pater Brown, der ihnen mit zusammengezogenen Brauen nachsah. »Wer ist diese Frau?«

»Ist mir glücklicherweise völlig unbekannt,« erwiderte Granby mit grimmigem Humor. »Sieht so aus, als ob ein kleiner Flirt mit ihr unheilvoll enden könnte, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, daß er mit ihr flirtet,« sagte Pater Brown.

Kaum hatte er das gesagt, so ging die kleine Gruppe am Ende des Saals auseinander, und Hauptmann Musgrave kehrte mit hastigen Schritten zu ihnen zurück.

»Zu meinem größten Bedauern,« sagte er in ganz natürlichem Ton, dem jedoch seine veränderte Gesichtsfarbe nicht entsprach, »kann ich morgen mit Ihnen nicht nach Norden fahren, Herr Granby. Sie können natürlich trotzdem meinen Wagen haben. Bitte nehmen Sie ihn, ich brauche ihn nicht. Ich muß einige Tage in London bleiben. Wenn Sie Gesellschaft haben wollen, so nehmen Sie jemanden mit.«

»Mein Freund, Pater Brown –« begann der Rechtsanwalt.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, bin ich gern bereit,« sagte Pater Brown ernst. »Ich darf vielleicht zur Erklärung bemerken, daß ich meinerseits an Herrn Granbys Nachforschungen ein wenig interessiert bin, und es würde mir eine große Beruhigung sein, wenn ich mitfahren könnte.«

So kam es, daß am anderen Tage ein sehr eleganter Wagen mit einem ebenso eleganten Chauffeur über die weiten Moorflächen Yorkshires schoß, besetzt mit zwei recht ungleichen Fahrgästen, einem Priester, der wie ein schwarzes Stoffbündel aussah, und einem Rechtsanwalt, der gewohnt war, anstatt auf anderer Leute Rädern einherzujagen, auf seinen eigenen Füßen zu laufen.

Sie unterbrachen ihre Reise sehr angenehm in einem der großen Flachtäler von West Riding, speisten und schliefen in einem guten Gasthof, brachen am nächsten Morgen sehr früh auf und fuhren an der northumbrischen Küste entlang, bis sie eine Landschaft erreichten, die ein tolles Durcheinander von Sanddünen und üppigen Weiden war; irgendwo im Herzen dieser Landschaft lag das alte Grenzschloß, das als ein so einzigartiges und doch so verborgenes Denkmal der alten Grenzkriege übrig geblieben war. Nach langem Suchen fanden sie es schließlich, indem sie einem sich weit ins Land erstreckenden Meeresarm und schließlich einem Wasserlauf folgten, der wie ein nicht fertiggewordener Kanal aussah und in dem Wallgraben des Schlosses endigte. Das Schloß war eine richtige viereckige, zinnenbewehrte Burg von der typischen Art, in der die Normannen überall von Palästina bis nach Schottland ihre festen Plätze erbauten. Es hatte wirklich und wahrhaftig ein Fallgitter und eine Zugbrücke, auf diese Tatsache wurden die Ankömmlinge durch einen Zwischenfall, der ihren Eintritt verzögerte, in sehr drastischer Weise hingewiesen.

Sie wateten durch langes hartes Gras und Disteln zum Rande des Grabens, der, von welken Blättern und Schaumteilchen bedeckt, wie ein Band aus goldgeschmücktem Ebenholz die Mauern umschloß. Der Wassergraben war etwa zwei Meter breit, auf der anderen Seite ragten jenseits des grünen Rasenstreifens die großen Pfeiler des Torweges auf. Aber dieses einsame weite Gebäude stand anscheinend so wenig mit der Außenwelt in Verbindung, daß die auf das ungeduldige Rufen Granbys hinter dem Fallgitter undeutlich sichtbar werdenden Gestalten die größte Mühe zu haben schienen, die rostige Zugbrücke niederzulassen. Sie ratterte halbwegs herunter, schwankte wie ein großer fallender Turm über dem Graben und blieb dann stecken.

Granby, der vor Ungeduld am Graben tanzte, rief seinem Begleiter zu:

»Oh, diese langsame Zugbrückenwirtschaft geht mir auf die Nerven. Es ist einfacher, wenn wir hinüberspringen.«

Und mit charakteristischem Ungestüm setzte er zum Sprunge an und landete mit leichtem Straucheln am anderen Ufer. Pater Brown mit seinen kurzen Beinen war weniger zum Springen geschaffen, um so mehr aber dazu, mit tüchtigem Plumps in sehr schlammiges Wasser zu fallen. Durch schnelles Zufassen seines Begleiters entging er einem allzu nassen Bade. Aber als er auf das grüne glitschige Ufer gezogen wurde, bückte er sich nieder und starrte eine Weile auf einen Fleck des Uferabhanges.

»Botanisieren Sie?« fragte Granby ärgerlich. »Nach Ihrem mißglückten Versuch, als Taucher die Wunder der Tiefe zu erforschen, haben wir keine Zeit mehr, seltene Pflanzen zu sammeln. Kommen Sie, dreckig oder nicht dreckig, wir müssen dem Baron unsere Aufwartung machen.«

Als sie ins Schloß eingedrungen waren, wurden sie von einem alten Diener, dem einzigen lebenden Wesen, das zu sehen war, mit geziemender Höflichkeit empfangen und, nachdem sie ihm den Zweck ihres Besuches auseinandergesetzt hatten, in ein eichengetäfeltes Zimmer geleitet, dessen mittelalterliche Fenster vergittert waren. Waffen aus verschiedenen Jahrhunderten hingen, immer in zwei sich entsprechenden Exemplaren, an den dunklen Wänden, und eine vollständige Rüstung aus dem vierzehnten Jahrhundert stand wie eine Schildwache neben dem großen Kamin. In einem anstoßenden großen Raum konnte man durch die halboffene Tür die stark nachgedunkelten Porträts der Ahnengalerie sehen.

»Es ist mir zumute, als wäre ich in einen Ritterroman und nicht in ein Haus geraten,« sagte der Rechtsanwalt. »Ich hatte keine Ahnung, daß es derartige Illustrationen zu den ›Geheimnissen Udolphos‹ gab.«

»Ja, der alte Herr führt seinen historischen Spleen mit großer Konsequenz durch,« antwortete der Priester. »Und alle diese Sachen sind echt. Man sieht, sie sind nicht von jemandem aufgestellt, der glaubt, alle mittelalterlichen Menschen hätten zur selben Zeit gelebt. Manchmal sind Rüstungen aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt und bedecken nur einzelne Körperteile, aber die da nahm einen ganzen Mann auf und bedeckte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Es ist eine richtige Turnierrüstung.«

»Der Baron scheint uns in einer solchen Rüstung empfangen zu wollen, so lange läßt er uns warten,« brummte Granby.

»An einem solchen Orte muß man auf Langsamkeit in allen Dingen gefaßt sein,« sagte Pater Brown. »Es ist dem alten Herrn schon hoch anzurechnen, daß er uns überhaupt empfängt: zwei Menschen, die ihm gänzlich fremd sind und ihn über Dinge sehr persönlicher Natur ausfragen wollen.«

Und wirklich, als der Herr des Hauses endlich erschien, konnten sie sich über ihren Empfang nicht beklagen, sie waren erstaunt zu sehen, daß er in dieser barbarischen Einsamkeit und nach so vielen Jahren ländlicher Zurückgezogenheit und griesgrämigen Brütens die angeborene und überlieferte Kultur des Umgangs mit Menschen würdevoll und mühelos zum Ausdruck bringen konnte. Der Baron schien über den seltenen Besuch weder überrascht noch verwirrt zu sein. Es mochte sein, daß er ein halbes Menschenalter hindurch keinen Gast mehr im Hause gehabt hatte, und doch betrug er sich, als wenn er erst im Augenblick zuvor Herzoginnen zur Tür hinauskomplimentiert hätte. Er zeigte weder Verschlossenheit noch Ungehaltenheit, als sie den sehr heiklen und sehr privaten Grund ihres Kommens berührten. Nach kurzer, ruhiger Überlegung schien er ihre Neugierde unter den vorliegenden Umständen als gerechtfertigt anzuerkennen. Er war ein hagerer, scharfäugiger alter Herr mit schwarzen Augenbrauen und einem langen Kinn, und wenn auch sein sorgfältig gekräuseltes Haar zweifellos eine Perücke war, so war er doch so verständig, die graue Perücke eines älteren Mannes zu tragen.

»Was die Frage anbetrifft, die Sie unmittelbar berührt,« sagte er, »so ist die Antwort in der Tat sehr einfach. Ich habe die feste Absicht, mein Eigentum meinem Sohn zu hinterlassen, wie es mein Vater mir hinterlassen hat, und nichts – ich sage ausdrücklich nichts – könnte mich veranlassen, meinen Entschluß zu ändern.«

»Ich bin Ihnen für diese Aufklärung zu tiefem Dank verpflichtet,« antwortete der Rechtsanwalt. »Aber Ihre Liebenswürdigkeit ermutigt mich, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß die Bedingungslosigkeit Ihrer Zusage außerordentlich ist. Ich will es gewiß nicht im geringsten als wahrscheinlich hinstellen, daß das Benehmen Ihres Sohnes Sie veranlassen könnte, Ihren Entschluß zu ändern, weil er Ihnen als Erbe nicht geeignet erschiene. Aber er könnte doch –«

»Ganz richtig,« sagte Sir John Musgrave sarkastisch, »er könnte! Der Potentialis dürfte in diesem Falle sogar eine Unterschätzung vorhandener Möglichkeiten sein. Wollen Sie die Güte haben, mit mir einen Augenblick in das nächste Zimmer zu treten.«

Er führte sie in das lange Zimmer mit der Ahnengalerie, die sie schon flüchtig gesehen hatten, und blieb voll feierlichem Ernst vor einer Reihe der geschwärzten, rissigen Porträts stehen.

»Dies hier ist Sir Roger Musgrave,« sagte er und zeigte auf einen Mann mit langem Gesicht und schwarzer Perücke. »Er war einer der gemeinsten Lügner und Schurken in der schurkischen Zeit Wilhelms von Oranien. Er hat zwei Könige verraten und zwei Frauen ermordet oder wenigstens zu Tode befördert. Dies hier ist sein Vater, Sir Robert, ein alter Kavalier ohne Furcht und Tadel. Dies hier ist sein Sohn, Sir James, einer der edelsten Streiter, die unter Jakob dem Zweiten für ihren Glauben ihr Leben gelassen haben, und einer der ersten, die den Versuch gemacht haben, für die Kirche und die Armen eine Wiedergutmachung der ihnen zugefügten Schäden zu erlangen. Bedeutet es etwas, daß die Macht, die Ehre, das Ansehen des Hauses Musgrave von einem guten Menschen zum anderen durch das Verbindungsglied eines schlechten übergegangen sind? Eduard der Erste regierte England gut. Eduard der Dritte bedeckte England mit Ruhm. Und doch stand zwischen beiden der schändliche und unfähige zweite Eduard, der vor Gaveston kroch und vor Bruce flüchtete. Glauben Sie mir, Herr Granby, die Größe eines großen Hauses und einer großen Geschichte ist etwas mehr als diese zufälligen Einzelpersonen, die sie fortsetzen, wenn sie auch beiden keine Ehre machen. Unser Besitz ist stets vom Vater auf den Sohn übergegangen, und so soll es weiter bleiben. Sie können versichert sein, meine Herren, und Sie können auch meinem Sohn diese Versicherung geben, daß ich mein Geld nicht in die vier Winde hinausstreuen, sondern dem legitimen Erben vermachen werde. Bis der Himmel einstürzt, soll es jeder Musgrave einem Musgrave hinterlassen.«

»Ja,« sagte Pater Brown nachdenklich. »Ich verstehe, was Sie sagen wollen.«

»Und es wird uns ein besonderes Vergnügen sein,« fügte der Anwalt hinzu, »eine solch frohe Botschaft Ihrem Sohn zu übermitteln.«

»Jawohl, Sie können ihm das ausrichten,« sagte der Baron ernst. »Er wird auf jeden Fall das Schloß, den Titel, das Land und das Geld bekommen. Unter dieses Abkommen ist nur eine kleine Fußnote rein privater Natur zu setzen. Unter keinen Umständen werde ich, solange ich lebe, ihn jemals empfangen oder mit ihm sprechen.«

Der Rechtsanwalt verharrte in derselben respektvollen Haltung, aber in seinen Augen machte sich ein respektvolles Erstaunen bemerkbar.

»Aber was hat er denn nur –«

»Außer dem Bewahrer einer großen Erbschaft,« sagte Musgrave, »bin ich auch noch mit oder ohne Erbschaft Gentleman. Und mein Sohn hat etwas so Entsetzliches getan, daß er aufgehört hat – das Wort Gentleman will ich in diesem Zusammenhang gar nicht in den Mund nehmen – daß er aufgehört hat, ein menschliches Wesen zu sein. Er hat das schlimmste aller Verbrechen begangen. Erinnern Sie sich, was Douglas sagte, als Marmion, sein Gast, ihm die Hand geben wollte?«

»Ja,« sagte Pater Brown.

»Meine Schlösser gehören von der Zinne bis zum Grundstein meinem König, aber meine Hand gehört mir,« sagte Musgrave.

Er führte seine ziemlich verdutzten Gäste wieder in das andere Zimmer.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?« sagte er in derselben gleichmütigen Art. »Wenn Sie nicht sofort wieder abfahren wollen, würde es mir ein Vergnügen sein, Sie für die Nacht im Schloß zu beherbergen.«

»Wir danken Ihnen, Sir John,« sagte der Priester mit tonloser Stimme, »aber ich glaube, es ist besser, wenn wir gehen.«

»Ich werde sofort die Brücke niedersenken lassen,« sagte Sir John, und nach ganz kurzer Zeit füllte das Quietschen dieses mächtigen und lächerlich veralteten Apparates das Schloß, es schien sich plötzlich in eine Mühle verwandelt zu haben. So rostig die Brücke auch war, dieses Mal funktionierte sie ohne Störung, und bald standen sie wieder auf dem grasigen Ufer jenseits des Festungsgrabens.

Granby wurde plötzlich von einem Schauder geschüttelt.

»Was kann sein Sohn nur getan haben?« rief er.

Pater Brown gab keine Antwort. Aber als sie in ein nicht weit abgelegenes Dorf namens Graystones gekommen waren und dort im Gasthof zu den Sieben Sternen Halt machten, war der Rechtsanwalt denn doch ein wenig überrascht, als er merkte, daß der Priester nicht die Absicht hatte, weiterzufahren, daß er mit anderen Worten anscheinend die Absicht hatte, in der Nähe zu bleiben.

»Ich kann mich mit dieser Auskunft nicht begnügen,« sagte er ernst. »Ich werde den Wagen zurücksenden. Sie werden natürlich möglichst schnell mit ihm nach Hause kommen wollen. Ihre Frage ist beantwortet. Bei Ihnen handelt es sich darum, ob Ihre Firma dem jungen Musgrave das Geld leihen kann. Aber meine Frage ist nicht beantwortet, ich muß wissen, ob er sich als Mann für meine Nichte Betty eignet. Ich muß zu entdecken suchen, ob er wirklich ein Verbrechen begangen hat, oder ob dieses Verbrechen nur in der Einbildung eines Wahnsinnigen besteht.«

»Aber wenn Sie über ihn etwas entdecken wollen,« warf der Rechtsanwalt ein, »wäre es doch besser, den Spuren des jungen Musgrave zu folgen, anstatt in diesem öden Neste zu bleiben, das er kaum betreten wird.«

»Was hätte es für einen Zweck, hinter ihm herzulaufen?« sagte Pater Brown. »Soll ich etwa in Bond Street auf ihn zugehen und ihn fragen: ›Verzeihung, haben Sie vielleicht ein so entsetzliches Verbrechen begangen, daß man Sie nicht mehr als Mensch ansehen kann?‹ Wenn er schlecht genug ist, ein solches Verbrechen zu begehen, so ist er sicher schlecht genug, es zu leugnen. Wir wissen nicht, was er verbrochen hat. Das kann mir nur einer verraten, und vielleicht wird er das in einem neuen Ausbruch der Entrüstung tun. In seiner Nähe werde ich mich vorläufig aufhalten.«

Und tatsächlich hielt sich Pater Brown in der Nähe des exzentrischen Barons und traf ihn mehr als einmal, wobei auf beiden Seiten mit der äußersten Höflichkeit operiert wurde. Der Baron war trotz seiner Jahre sehr kräftig und ging viel spazieren. Man sah ihn oft im Dorf und auf dem Felde. Schon einen Tag nach seiner Ankunft bemerkte Pater Brown, als er aus dem Gasthof auf den Marktplatz trat, seine große vornehme Gestalt, die sich in der Richtung auf das Postamt zu bewegte. Er war sehr einfach in Schwarz gekleidet, aber sein scharfgeschnittenes Gesicht trat in dem starken Sonnenschein markant hervor; mit dem silbernen Haar, den dunklen Augenbrauen und dem langen Kinn erinnerte der Baron an Henry Irving oder einen anderen berühmten Schauspieler. Trotz des altersgrauen Haares machte seine Gestalt sowohl wie sein Gesicht den Eindruck jugendlicher Kraft, er trug seinen Stock wie einen Knüttel, nicht wie eine Krücke. Er begrüßte den Priester und trug gar kein Bedenken, auf den Punkt zurückzukommen, bei dem er am Tage vorher bei seinen Enthüllungen stehengeblieben war.

»Wenn Sie sich noch für meinen Sohn interessieren,« sagte er, das Wort mit eisiger Gleichgültigkeit aussprechend, »so werden Sie nicht viel von ihm zu sehen bekommen. Er hat soeben England verlassen. Unter uns gesagt, er ist aus England geflohen.«

»Was Sie sagen!« erwiderte Pater Brown und sah ihn ernst und durchdringend an.

»Leute, von denen ich niemals gehört habe, Grunow mit Namen, wollten von mir seinen Aufenthalt wissen, und ich will ihnen gerade ein Telegramm schicken und ihnen mitteilen, daß er, soviel ich weiß, in Riga ist und Briefschaften nur postlagernd empfängt. Selbst jetzt macht er einem noch Scherereien. Ich wollte gestern schon depeschieren, kam aber fünf Minuten zu spät zur Post. Bleiben Sie länger hier? Hoffentlich werden Sie mich noch einmal besuchen.«

Als der Priester dem Rechtsanwalt von dieser Unterredung mit dem alten Musgrave berichtete, war Granby erstaunt und interessiert zugleich.

»Warum ist der junge Musgrave geflohen?« fragte er. »Was sind das für Leute, die sich nach ihm erkundigen? Wer sind diese Grunows?«

»Warum er geflohen ist, weiß ich nicht,« erwiderte Pater Brown. »Möglicherweise ist sein geheimnisvolles Verbrechen ans Licht gekommen. Ich möchte wohl die Vermutung wagen, daß die Leute, die ihn suchen, Erpresser sind. Wer diese Grunows sind, glaube ich zu wissen. Diese scheußliche fette Frau mit dem gelben Haar ist wohl Frau Grunow, und der kleine Mann, der sie begleitete, ist vielleicht ihr Gatte.«

Am nächsten Tage kam Pater Brown ziemlich abgespannt nach Hause und legte seinen kurzen Regenschirm nieder wie ein Pilger seinen Stab. Er sah etwas niedergeschlagen aus. Aber das war oft bei ihm zu beobachten, wenn er ein geheimnisvolles Verbrechen der Aufklärung nahegebracht hatte. Er war nicht niedergeschlagen, weil ihm die Aufklärung mißlungen, sondern weil sie ihm gelungen war.

»Es ist furchtbar,« sagte er mit matter Stimme, »aber ich hätte es gleich ahnen sollen. Mir hätte schon ein Licht aufgehen sollen, als ich ins Zimmer trat und das Ding da stehen sah.«

»Als Sie was sahen?« fragte Granby ungeduldig.

»Als ich sah, daß nur eine Rüstung vorhanden war,« antwortete Pater Brown.

Der Rechtsanwalt starrte ihn mit halboffenem Munde an. Nach einer Weile fuhr Pater Brown fort:

»Neulich in der Galerie war ich gerade dabei, meiner Nichte zu sagen, daß die Menschen, die allein lachen können, von zweierlei Art sind. Man könnte fast sagen, der Mensch, der allein lacht, ist entweder sehr gut oder sehr schlecht. Er vertraut den Spaß entweder Gott oder dem Teufel an. Aber jedenfalls hat er ein inneres Leben. Es gibt wirklich Menschen, die ihren Spaß mit dem Teufel teilen. Es liegt ihnen nicht nur daran, daß kein anderer Mensch an dem Spaß teilnimmt, darf doch ein anderer diesen Spaß nicht einmal ahnen. Der Spaß an und für sich genügt ihnen, wenn er genügend unheimlich und böse ist.«

»Aber wovon sprechen Sie denn überhaupt?« fragte Granby. »Von wem sprechen Sie? Wer teilt einen unheimlichen Spaß mit Seiner satanischen Majestät?«

Pater Brown sah ihn mit einem geisterhaften Lächeln an.

»Ah,« sagte er, »das ist eben der Spaß!«

Das Schweigen, das jetzt einsetzte, war bedrückend, es schien sie zu umgeben wie das Zwielicht, das langsam immer dunkler und dunkler wurde. Pater Brown saß unbeweglich da, die Ellbogen auf dem Tisch, und als er fortfuhr zu sprechen, war auch in seiner Stimme keine Bewegung.

»Ich bin die Reihe der Musgraves durchgegangen,« sagte er. »Sie sind eine kräftige und langlebige Rasse, und ich glaube, selbst bei natürlichem Verlauf müßten Sie ziemlich lange auf Ihr Geld warten.«

»Darauf sind wir gefaßt,« antwortete der Rechtsanwalt, »aber ewig kann es ja nicht dauern. Der alte Mann ist fast achtzig, obgleich er noch umherläuft und die Leute hier sagen, sie glauben nicht, daß er jemals sterben wird.«

Pater Brown sprang mit einer seiner seltenen, aber schnellen Bewegungen auf, ließ jedoch die Hände auf dem Tisch, beugte sich vor und blickte dem Rechtsanwalt ins Gesicht.

»Das ist's,« rief er mit leiser, aber erregter Stimme. »Das ist das ganze Problem. Das ist die einzige wirkliche Schwierigkeit. Wie wird er sterben? Wie um Himmelswillen soll er sterben?«

»Ich verstehe Sie nicht, was wollen Sie damit sagen?« fragte Granby.

»Ich will sagen,« tönte die Stimme des Priesters aus dem Dunkel, »daß ich das von James Musgrave begangene Verbrechen kenne.«

Seine Stimme klang so unheimlich, daß Granby kaum einen Schauder unterdrücken konnte, er murmelte noch eine Frage.

»Es war wirklich das schlimmste Verbrechen, das es auf der Welt gibt,« sagte Pater Brown. »Wenigstens hielten es verschiedene Völker und verschiedene Zeiten für das schlimmste aller Verbrechen. Seit den frühesten Zeiten wurde es bei Stämmen und Völkern auf das schrecklichste bestraft. Ich weiß jetzt, was der junge Musgrave getan hat und warum er es tat.«

»Und was hat er getan?« fragte der Rechtsanwalt.

»Er hat seinen Vater ermordet,« antwortete der Priester.

Nun erhob sich auch der Rechtsanwalt und blickte mit zusammengezogenen Brauen über den Tisch.

»Aber sein Vater ist im Schlosse,« rief er in scharfem Ton.

»Sein Vater liegt im Wassergraben,« sagte der Priester, »und ich begreife nicht, daß ich das nicht gleich erkannt habe, als mir etwas an dieser Rüstung auffiel. Erinnern Sie sich, wie das Zimmer aussah? Wie sorgfältig alles angeordnet und gestellt war? Zwei gekreuzte Schlachtäxte hingen an der einen Seite des Kamins, zwei an der anderen. An einer Wand hing ein runder schottischer Schild, ein gleicher Schild an der anderen. An einer Seite des Kamins stand eine vollständige Rüstung, die andere Seite war leer. Nichts wird mich glauben lassen, daß ein Mann, der das ganze Zimmer in solch einer übertriebenen Symmetrie ausstattete, diesen einen Platz, der dazu noch sehr in die Augen fiel, unsymmetrisch ließ. Es war sicher noch eine andere Rüstung vorhanden. Und was ist aus ihr geworden?«

Er hielt einen Augenblick ein und fuhr dann mehr in der sachlichen Art eines Berichterstatters fort.

»Wenn Sie sich alles überlegen, so war der Plan gut angelegt und löste das kitzlige Problem der Entfernung der Leiche. Der Tote konnte stunden-, ja tagelang in der geschlossenen Rüstung stehen, während Diener ein- und ausgingen, bis der Mörder ihn in dunkler Nacht herausschleppen und ihn im Graben versenken konnte, ohne über die Brücke zu müssen. Und wie gut war er dann gegen Entdeckung geschützt! Sobald der Körper in dem stehenden Wasser verfault war, blieb nichts mehr übrig als ein Skelett in einer Rüstung aus dem vierzehnten Jahrhundert, und was konnte man anders in dem Wassergraben einer alten Grenzburg erwarten! Es war unwahrscheinlich, daß jemand dort nach etwas suchte, aber wenn man suchte, so würde man über diesen Fund nicht in Erstaunen geraten. Mir war noch etwas anderes aufgefallen. Als ich über den Graben gesprungen war und auf den Boden blickte, fragten Sie mich, ob ich botanisierte. Ich sah die Eindrücke zweier Füße, die so tief in den festen Rasen eingesunken waren, daß ich überzeugt war, der Mann müsse entweder sehr schwer gewesen sein oder einen sehr schweren Gegenstand getragen haben. Ich habe aber auch aus meinem prächtigen katzengleichen Sprunge über den Graben noch etwas anderes gelernt.«

»Mein Kopf dreht sich,« sagte Granby, »aber ich verstehe jetzt langsam, um was es sich handelt. Und was ist es mit Ihrem Sprung?«

»Am Postamt habe ich mich heute erkundigt,« sagte Pater Brown, »wann dort geschlossen wird, und da der Baron mir gestern sagte, er habe an dem Tage, als wir ankamen, ein Telegramm aufgeben wollen, sei aber einige Minuten zu spät gekommen, so habe ich festgestellt, daß er zur selben Zeit dort gewesen sein muß, als wir vor der halb herabgelassenen Zugbrücke standen. Verstehen Sie, was das bedeutet? Es bedeutet, daß er nicht im Schloß war, als wir ankamen, und daß er eintraf, als wir warteten. Darum mußten wir so lange warten. Und als ich mir hierüber klar wurde, sah ich plötzlich ein Bild, das mir die ganze Geschichte enthüllte.«

»Ja, und was für ein Bild?« fragte der andere ungeduldig.

»Ein alter Mann von achtzig Jahren kann spazieren gehen,« sagte Pater Brown. »Ein alter Mann kann sogar ziemlich weite Wege zurücklegen. Aber ein alter Mann kann nicht springen. Er würde sogar noch weniger elegant über den Graben setzen als ich. Aber wenn der Baron zurückkam, während wir warteten, muß er auf demselben Wege hineingelangt sein wie wir – durch Überspringen des Wassergrabens – denn die Brücke wurde erst später niedergelassen. Ich glaube, er hatte den Mechanismus selbst in Unordnung gebracht, um unbequeme Besucher aufzuhalten, denn sonst hätte sie nicht so schnell repariert werden können. Aber das ist nicht von Wichtigkeit. Als ich dieses Bild vor meinen Augen sah – die schwarze Gestalt mit dem grauen Haar zum Sprunge über den Graben ansetzend – wußte ich sofort, daß der Springer ein junger Mann war, der sich als Greis verkleidet hatte. Da haben Sie die ganze Geschichte.«

»Sie meinen,« sagte Granby leise, »daß dieser nette junge Mann seinen Vater ermordete, den Leichnam in der Rüstung verbarg, diese in den Wassergraben warf, sich verkleidete und so weiter?«

»Sie hatten eine große Ähnlichkeit,« sagte der Priester. »Sie konnten an den Familienporträts sehen, wie stark die Ähnlichkeit war. Sie sprechen von seiner Verkleidung. Aber in gewissem Sinne ist jedermanns Kleidung eine Verkleidung. Der alte Mann verkleidete sich mit einer Perücke, und der junge mit einem spanisch zugestutzten Bart. Als er sich rasierte und die Perücke auf seinen kurzgeschorenen Kopf stülpte, sah er genau aus wie sein Vater, wenn er seine Züge mit ein wenig Schminke ins Greisenhafte verzog. Sie verstehen nun seine höfliche Einladung, zur Reise seinen Wagen zu benutzen. Er bot Ihnen den Wagen an, weil er selbst am Abend mit dem Zuge fahren wollte. Er kam eher an als Sie, beging sein Verbrechen, verkleidete sich und war für die Verhandlung bereit.«

»Sie meinen also,« sagte Granby, »daß der alte Baron diese Verhandlung ganz anders geführt hätte?«

»Er würde Ihnen offen erklärt haben, daß sein Sohn niemals einen Pfennig von ihm zu erwarten hätte. Der Mord war, so seltsam es klingt, wirklich der einzige Weg, Ihnen diese Aufklärung vorzuenthalten. Aber bedenken Sie die listige Verschlagenheit, die in seiner Erzählung lag. Sein Plan erfüllte zugleich verschiedene Zwecke. Diese Russen preßten wegen irgendeiner Schurkerei, von der sie Kenntnis hatten, Geld aus ihm heraus. Vielleicht hat er während des Krieges Landesverrat getrieben. Er entzog sich ihnen blitzartig, und wahrscheinlich suchen sie ihn jetzt in Riga. Aber das größte Raffinement lag darin, daß er seinen Sohn zwar als Erben, aber nicht als menschliches Wesen anerkannte. Das verschaffte ihm nicht nur das Geld, sondern bot auch eine Art Ausweg aus der größten Schwierigkeit, der er sich bald gegenüber sehen mußte.«

»Ich sehe verschiedene Schwierigkeiten,« sagte Granby, »welche meinen Sie?«

»Wenn er den Sohn nicht enterbte, so mußte es sehr sonderbar erscheinen, daß Vater und Sohn niemals zusammenkamen. Die Theorie eines persönlichen Abscheus behob diese Schwierigkeit. So blieb nur noch die eine übrig, die ihm wahrscheinlich jetzt Kopfzerbrechen macht. Wie um Himmelswillen soll der alte Mann sterben?«

»Ich weiß, wie er sterben sollte,« sagte Granby.

Pater Brown schien in träumerisches Nachsinnen zu verfallen und fuhr dann in abstrakterer Art fort.

»Und doch hat die Sache noch einen tieferen Hintergrund,« sagte er. »An dieser Theorie gefiel ihm etwas, das mehr – nun, mehr theoretisch ist. Es verschaffte ihm ein perverses intellektuelles Vergnügen, Ihnen in der Rolle des Vaters zu erzählen, daß er als Sohn ein Verbrechen begangen hatte – wo er wirklich seinen Vater ermordet hatte. Das ist die höllische Ironie, der Spaß, den er mit dem Teufel teilte. Was ich jetzt sage, klingt wie ein Paradox. Manchmal macht es teuflische Freude, die Wahrheit zu sagen, und vor allem sie so zu sagen, daß jeder sie mißversteht. Darum gefiel ihm die Possenrolle, sich als einen anderen auszugeben und sich dann schwarz zu malen – wie er in Wirklichkeit war. Darum hörte ihn meine Nichte in der Gemäldegalerie vor sich hin lachen.«

Granby fuhr auf wie jemand, der aus unwahrscheinlichen Regionen in den Alltag zurückversetzt wird.

»Ihre Nichte,« rief er. »Wollte ihre Mutter sie nicht mit Musgrave verheiraten? Sie glaubte wohl, ihre Tochter reich und vornehm zu verheiraten?«

»Ja,« sagte Pater Brown sarkastisch, »die Mutter wollte gern, daß Betty eine gute Partie machte.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.