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Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
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Das Lied an die fliegenden Fische

Die Seele des Herrn Peregrinus Smart umsummte hartnäckig wie eine Fliege einen einzigen Besitz und kreiste unablässig um einen einzigen Scherz. Es war ein ziemlich harmloser Scherz, denn er bestand lediglich darin, daß Herr Smart alle möglichen Leute fragte, ob sie schon seine Goldfische gesehen hätten. Es war aber auch ein kostspieliger Scherz; doch ist es zweifelhaft, ob Herr Smart im geheimen dem Scherz nicht mehr zugetan war als dem kostspieligen Gegenstand, auf den er sich bezog. Wenn er mit den Nachbarn sprach, die in den wenigen, um die alte Dorfwiese aufgeschossenen neuen Häusern wohnten, dann lenkte er immer so schnell wie möglich das Gespräch auf seine Liebhaberei. Bei Doktor Burdock, einem jungen Biologen mit energischem Kinn und nach deutscher Art zurückgebürstetem Haar, war die Überleitung nicht schwer. »Sie interessieren sich für Naturgeschichte, haben Sie meine Goldfische schon gesehen?« Einem so orthodoxen Anhänger der Entwicklungstheorie wie Doktor Burdock war zweifellos alle Natur eins, aber beim ersten Anhieb ließ sich die Verbindung doch nicht so leicht herstellen, da er sich als Spezialist gänzlich auf die primitive Vorfahrenreihe der Giraffen konzentriert hatte. Pater Brown gegenüber, Pfarrer an einer Kirche der benachbarten Provinzstadt, machte er folgenden gewaltigen und blitzschnellen Gedankensprung: »Rom – St. Peter – Fischer – Fisch – Goldfisch.« Wenn er sich mit Herrn Imlack Smith, dem Bankleiter, unterhielt, einem schmächtigen, gut angezogenen Manne von ruhigem Betragen und gelblich-bleicher Gesichtsfarbe, so kam er mit aller Gewalt auf den Goldstandard zu sprechen, von dem es bis zum Goldfisch nur mehr ein Schritt war. Wenn er mit dem glänzenden Orientreisenden und Gelehrten Graf Yvon de Lara sprach, (dessen Titel französisch und dessen Gesicht russisch, wenn nicht tartarisch war), so zeigte der gewandte Causeur ein lebhaftes teilnahmsvolles Interesse für den Ganges und den Indischen Ozean, worauf dann ganz natürlich die Rede auf das mögliche Vorhandensein von Goldfischen in jenen Gewässern kam. Herrn Harry Harlopp, dem sehr reichen, aber sehr schüchternen und stillen jungen Herrn, der erst kürzlich von London gekommen war, hatte er schließlich die Mitteilung herausgepreßt, daß besagter verwirrter Jüngling sich nicht fürs Fischen interessierte, und dann gefragt: »Da wir gerade vom Fischen sprechen, haben Sie schon meine Goldfische gesehen?«

Das Eigentümliche an diesen Goldfischen war, daß sie aus Gold waren. Sie gehörten zu einem exzentrischen, aber kostbaren Spielzeug, das seine Entstehung der Laune eines reichen orientalischen Fürsten verdanken sollte und das Herr Smart auf einer Auktion oder bei einem Antiquitätenhändler erstanden hatte, denn er liebte es, sein Haus mit seltenen und nutzlosen Dingen vollzustopfen. Vom entfernteren Ende des Zimmers sah es aus wie eine ungewöhnlich große Vase, in der ungewöhnlich große Fische schwammen; bei näherer Besichtigung erwies es sich als ein wunderschön geblasenes venetianisches Glas, das sehr dünn und zart mit schwach leuchtender Farbe angehaucht war, und in dessen farbigem Zwielicht groteske goldene Fische mit großen Rubinenaugen hingen. Allein das Material war zweifellos eine große Summe Geldes wert, ganz abgesehen von dem Liebhaberwert, den die kunstvoll geformte Kuriosität in der Welt der Sammler haben mußte. Herrn Smarts neuer Sekretär, ein junger Mann namens Francis Boyle, war, obschon ein Ire und nicht gerade als vorsichtig bekannt, doch etwas überrascht, daß Herr Smart so offenherzig von den Kleinodien seiner Sammlungen zu den Nachbarn sprach, die ihm doch verhältnismäßig fremd waren und sich rein zufällig in nomadischer Weise in der Nähe angesiedelt hatten, denn Sammler sind gewöhnlich wachsam und oft sehr zurückhaltend. Während er sich in seinen neuen Aufgabenkreis einlebte, entdeckte Herr Boyle, daß er mit diesem Gefühl nicht allein stand, nur war bei anderen das milde Erstaunen zu ernster Mißbilligung angewachsen.

»Es ist ein Wunder, daß man ihm noch nicht die Kehle durchgeschnitten hat,« sagte Harris, Herrn Smarts Diener, nicht ohne hypothetisches Behagen, fast als hätte er in rein künstlerischer Ausdrucksweise gesagt: »Es ist eigentlich schade.«

»Es ist nicht zu glauben, wie er die Sachen herumstehen läßt,« sagte Herrn Smarts Buchhalter Jameson, der den neuen Sekretär in sein Amt einführen sollte, »und er legt nicht einmal Wert darauf, daß die alte klapprige Tür mit den alten klapprigen Eisenstangen verriegelt wird.«

»Bei Pater Brown und dem Doktor geht's ja noch an,« sagte Herrn Smarts Haushälterin mit der ihr eigenen nachdrücklichen, aber höflich umschreibenden Art, ihre Meinung auszudrücken, »aber wenn er auch Ausländern alles zeigt, so nenne ich das die Vorsehung herausfordern. Es ist nicht der Graf allein, auch der Bankmensch sieht mir für einen Engländer viel zu gelb aus.«

»Aber der junge Harlopp,« sagte Boyle scherzend, »ist dafür ein mehr als hundertprozentiger Engländer, denn er treibt das Schweigen so weit, daß er kein Wort sagt.«

»Dafür denkt er um so mehr,« entgegnete die Haushälterin. »Er mag vielleicht kein Ausländer sein, aber so dumm, wie er aussieht, ist er nicht. Hört mir auf, Ausländer bleibt Ausländer, ob er's ist oder nicht,« schloß sie etwas sibyllenhaft dunkel.

Ihre Mißbilligung hätte sich vielleicht noch in schärferen Worten Luft gemacht, wenn sie die Unterhaltung gehört hätte, die an diesem Nachmittage im Salon ihres Herrn geführt wurde. Den ursprünglichen Gesprächsstoff bildeten die Goldfische, aber der aggressive Franzose versuchte, sich immer mehr und mehr in den Vordergrund zu schieben. Man konnte eigentlich nicht sagen, daß er sehr viel sprach, aber selbst sein Stillschweigen hatte etwas kühn Behauptendes an sich. Er sah um so massiger aus, weil er, zu einem Haufen zusammengesunken, auf einem Haufen Kissen saß, und in der zunehmenden Dämmerung schien sein breites mongolisches Gesicht schwach zu leuchten, wie ein Mond. Vielleicht umgab der Hintergrund, vor dem er saß, sein Gesicht und seine Gestalt mit einer asiatischen Atmosphäre, denn das Zimmer war ein Chaos mehr oder weniger kostbarer Kuriositäten, unter denen man die geschweiften Linien und die brennenden Farben zahlloser asiatischer Waffen, asiatischer Pfeifen und Gefäße, östlicher Musikinstrumente und farbiger Manuskripte sah. Beim Fortgang der Unterhaltung hatte Boyle immer mehr das Gefühl, daß die sich dunkel gegen die Dämmerung abhebende Gestalt auf den Kissen allmählich einem großen Buddhabilde täuschend ähnlich wurde.

Die Unterhaltung war allgemein genug, denn der ganze kleine Nachbarnkreis war versammelt. Die Insassen der vier oder fünf um die Dorfwiese stehenden Häuser hatten allmählich durch die Gewohnheit gegenseitiger Besuche eine Art Klub gebildet. Von den Häusern war das des Herrn Smart das älteste, größte und malerischste. Es nahm fast die ganze eine Seite des Wiesenvierecks ein und ließ nur Platz für eine kleine Villa. Diese war von einem pensionierten Oberst namens Varney bewohnt, der Invalide sein sollte und jedenfalls niemals zum Vorschein kam. Im rechten Winkel zu diesen beiden Häusern standen zwei oder drei Läden, in denen die Dorfbewohner ihre einfachen Einkäufe machten, und an der Ecke erhob sich der Gasthof zum Blauen Drachen, in dem Herr Hartopp, der Fremde aus London, wohnte. An der gegenüberliegenden Seite erblickte man drei Häuser, das erste war von dem Grafen de Lara, das zweite von Doktor Burdock gemietet, während das dritte noch leer stand. An der vierten Seite stand die Bank mit einem anstoßenden Häuschen für den Bankdirektor, ein darüber hinausreichendes Stück Bauland wurde durch einen Bretterzaun abgeschlossen. Der Saum der Dorfwiese war also nicht übermäßig bevölkert, und da sich um das kleine Dorf meilenweit offenes Land erstreckte, waren die Anwohner mehr und mehr auf gegenseitigen gesellschaftlichen Verkehr angewiesen. An diesem Nachmittage hatte jedoch ein Fremder den magischen Kreis durchbrochen, ein Mann mit scharfgeschnittenen Zügen und starken Augenbrauen- und Schnurrbartbüscheln. Er war so schäbig gekleidet, daß er entweder ein Millionär oder ein Herzog sein mußte, wenn er wirklich (wie behauptet wurde) hergekommen war, um mit dem alten Sammler ein Geschäft abzuschließen. Er führte, wenigstens im Blauen Drachen, den Namen Harmer.

Er hatte soeben das Loblied der goldenen Fische über sich ergehen lassen müssen, und auch die Bedenken, die hinsichtlich ihrer Überwachung bestanden, waren ihm kundgetan.

»Man sagt mir immer, ich solle sie sorgfältiger behüten und wegschließen,« bemerkte Herr Smart, indem er über die Schulter mit einem verschmitzten Blick auf Jameson deutete, der mit einigen Geschäftspapieren in der Hand hinter ihm stand. Smart war ein kleiner alter Mann mit einem runden Gesicht und einem runden Körper. »Jameson und Harris und die anderen liegen mir immer in den Ohren, ich solle doch ja die Türen mit eisernen Stangen verriegeln, als wenn mein Haus eine mittelalterliche Festung wäre, obgleich die alten rostigen Stangen wirklich zu mittelalterlich sind, um einen Einbrecher wirklich aufhalten zu können. Ich vertraue lieber auf das Glück und die Polizei.«

»Der beste Verschluß ist nicht immer der sicherste,« sagte der Graf. »Es kommt ganz darauf an, wer den Versuch unternimmt, ihn zu brechen. Es gab einmal einen Hindueremiten, der nackt in einer Höhle lebte; er ging durch drei Heere hindurch, die den Großmogul bewachten, nahm ihm den großen Rubin aus dem Turban und glitt wie ein Schatten zurück, ohne daß ihm etwas geschah. Denn er wollte die Großen lehren, wie klein die Gesetze von Raum und Zeit sind.«

»Wenn wir diese kleinen Gesetze wirklich studieren,« sagte Doktor Burdock sarkastisch, »entdecken wir gewöhnlich, wie diese Tricks gemacht werden. Die europäische Wissenschaft hat ein gut Teil der östlichen Magie aufgehellt. Zweifellos spielen Hypnotismus und Suggestion dabei eine große Rolle, von der einfachen Taschenspielerei ganz zu schweigen.«

»Der Rubin war nicht im königlichen Zelt,« bemerkte der Graf träumerisch, »sondern der Hindu fand ihn unter Hunderten von Zelten heraus.«

»Kann das nicht alles durch Telepathie erklärt werden?« fragte der Doktor spitz.

Die Frage klang um so schärfer, weil ihr ein tiefes Schweigen folgte, fast als wäre der berühmte Orientreisende mit nicht ganz vollendeter Höflichkeit eingeschlafen.

»Verzeihung,« sagte er schließlich, indem er mit plötzlichem Lächeln auffuhr. »Ich hatte vergessen, daß wir mit Worten sprechen. Im Osten sprechen wir mit Gedanken, und darum mißverstehen wir uns nie. Es ist sonderbar, wie ihr Westler Worte verehrt und an Worten Genüge findet. Kommt man einer Sache auch nur um ein Haar näher, wenn man sie, anstatt sie wie früher einfach Schwindel zu nennen, jetzt mit Telepathie erklärt? Wenn ein Mensch auf einem Mangobaum in den Himmel klettert, so nannte man das früher Hokuspokus, jetzt sagt man, es sei eine Überwindung des Gesetzes der Schwere, aber was ist damit geändert? Wenn eine mittelalterliche Hexe mich mit einer Handbewegung in einen blauen Pavian verwandelte, so würden Sie sagen, das sei nur ein Atavismus.«

Der Doktor blickte einen Augenblick lang drein, als hätte er sagen wollen, eine solche Veränderung würde schließlich bei dem Grafen kaum auffallen. Aber bevor seine Gereiztheit diesen oder einen anderen Ausdruck finden konnte, brummte der Mann namens Harmer auf einmal in das Wortgefecht hinein:

»Zweifellos bringen diese indischen Beschwörer sonderbare Dinge zuwege, aber, wie mir auffällt, meistens in Indien. Sie arbeiten vielleicht Hand in Hand, oder es ist einfach Massenpsychose. Ich glaube nicht, daß solche Zaubereien jemals in einem englischen Dorf vorgekommen sind, und deshalb dürften Herrn Smarts Goldfische wohl ganz sicher sein.«

»Ich will Ihnen,« sagte de Lara, der immer noch regunglos wie ein Bildnis dasaß, »eine Geschichte erzählen, die sich nicht in Indien zugetragen hat, sondern vor einer englischen Kaserne in dem modernsten Teil Kairos. Hinter dem die Kaserne nach der Straße zu abschließenden eisernen Gitter stand eine Schildwache und sah durch die Gitterstäbe auf die Straße. Da erschien vor dem Gitter ein barfüßiger und zerlumpter einheimischer Bettler, der von der Schildwache in einem auffallend reinen und feinen Englisch ein gewisses offizielles Dokument verlangte, das aus Sicherheitsgründen in der Kaserne aufbewahrt wurde. Der Soldat sagte dem Bettler natürlich, er habe hier drinnen nichts zu suchen, worauf der Bettler lächelnd antwortete: ›Was ist drinnen, und was ist draußen?‹ Der Soldat sah noch immer verächtlich durch die Gitterstäbe, als ihm langsam zum Bewußtsein kam, daß er, obgleich weder er selbst noch das Gitter sich bewegt hatten, draußen auf der Straße war und auf den Kasernenhof blickte, wo jetzt der Bettler stand, lächelnd und gleichfalls regungslos. Als nun der Bettler auf die Kaserne zuging, raffte der Soldat das bißchen Verstand, das ihm noch geblieben war, zusammen, alarmierte die Soldaten auf dem Kasernenhof und rief ihnen zu, sie sollten den Bettler festnehmen. Diesem selbst schrie er hämisch zu: ›Herauskommen wirst du jedenfalls nicht mehr.‹ Aber der Bettler gab mit silberheller Stimme die Antwort: ›Was ist draußen, und was ist drinnen?‹ Und der Soldat, der immer noch durch dieselben Gitterstäbe starrte, sah, daß diese sich wieder zwischen ihm und der Straße befanden, wo jetzt frei und lächelnd der Bettler stand, das Dokument in der Hand.«

Herr Imlack Smith, der Bankdirektor, beugte seinen schwarzen, glattgekämmten Kopf nieder und tat jetzt, den Blick zu Boden gesenkt, zum erstenmal an diesem Nachmittag den Mund auf.

»Ist mit dem Dokument irgend was passiert?« fragte er.

»Ihr Berufsinstinkt führt Sie auf den rechten Weg,« sagte der Graf mit ingrimmiger Verbindlichkeit. »Das Dokument hatte eine große finanzielle Bedeutung. Die Auswirkungen waren international.«

»Hoffentlich kommen solche Fälle nicht oft vor,« sagte der junge Hartopp melancholisch.

»Ich beschäftige mich nicht mit der politischen Seite,« bemerkte der Graf mit heiterer Gelassenheit, »sondern nur mit der philosophischen. Sie zeigt, wie der kluge Mann hinter Zeit und Raum treten und gleichsam ihre Hebel in Bewegung setzen kann, so daß sich die ganze Welt vor unseren Augen dreht. Aber Menschen wie Sie, meine Herren, können nur schwer glauben, daß geistige Kräfte wirklich mächtiger sind als materielle.«

»Ich erhebe nicht den Anspruch,« sagte der alte Smart lächelnd, »Autorität auf dem Gebiete geistiger Kräfte zu sein. Was sagen Sie, Pater Brown?«

»Mir fällt nur auf,« antwortete der kleine Priester, »daß all die übernatürlichen Taten, von denen wir bis jetzt gehört haben, Diebstähle zu sein scheinen. Und Diebstahl bleibt Diebstahl, ob er nun mit Hilfe von geistigen oder materiellen Methoden ausgeführt wird.«

»Pater Brown ist ein Philister,« bemerkte der lächelnde Smith.

»Die Gattung ist mir nicht unsympathisch,« sagte Pater Brown. »Ein Philister ist weiter nichts als ein Mensch, der recht hat, ohne zu wissen, warum.«

»All dies ist zu gescheit für mich,« sagte Hartopp aufrichtig.

»Vielleicht,« lächelte Pater Brown, »würden Sie gern ohne Worte sprechen, wie der Graf angeraten hat. Er würde damit beginnen, witzige Aperçus ungesagt zu lassen, und Sie würden mit einem Ausbruch von Schweigsamkeit antworten.«

»Musik könnte gute Dienste leisten,« murmelte der Graf träumerisch. »Sie würde besser sein als alle diese Worte.«

»Ja, die verstände ich vielleicht besser,« sagte der junge Mann leise.

Boyle war der Unterhaltung mit besonderem Interesse gefolgt, weil ihm das Benehmen einiger an der Unterhaltung beteiligter Personen bedeutungsvoll oder sogar eigentümlich erschien. Als des Gespräch auf Musik kam, eine zarte Aufforderung an den eleganten Bankdirektor (der als Musikdilettant nicht ganz ohne Verdienste war), erinnerte sich der junge Sekretär plötzlich an seine Sekretärpflichten und machte Herrn Smart darauf aufmerksam, daß Jameson noch immer geduldig mit den Papieren in der Hand dastand.

»Ach, das hat Zeit, Jameson,« sagte Smart leichthin. »Das geht auf mein persönliches Konto, ich werde mit Herrn Smith nachher darüber sprechen. Sie sagten doch, Herr Smith, daß das Cello –«

Aber der kalte Hauch geschäftlicher Dinge hatte genügt, um die duftigen Schleier transzendentaler Gespräche zu zerreißen, und die Gäste begannen, sich allmählich zu verabschieden. Nur Herr Smith, der Bankdirektor und Musiker, blieb bis zuletzt, und als die übrigen fort waren, ging er mit Herrn Smart in das anstoßende Zimmer, in dem sich die Goldfische befanden.

Das Haus war lang und schmal. Der erste Stock hatte nach der Straßenseite zu eine gedeckte Veranda. Diesen Stock bewohnte zum größten Teil der Hausherr selbst, es lagen dort sein Schlaf- und Ankleidezimmer und an diese angrenzend ein kleinerer Raum. In diesem wurden manchmal die wertvollen Schätze, die sonst meistens in den unteren Zimmern blieben, nachts untergebracht. Die Veranda bereitete, ebenso wie die ungenügend verrammelte Haustür, der Haushälterin, dem Buchhalter und den anderen, die über die Sorglosigkeit des Sammlers jammerten, manche bange Stunde. Aber in Wirklichkeit war der schlaue alte Herr gar nicht so unvorsichtig, wie es den Anschein hatte. Er hielt nicht viel von den veralteten Sicherungsvorrichtungen, die vor den Augen der jammernden Haushälterin verrosteten, seine Verteidigungsstrategie stand auf einem höheren Niveau. Er brachte seine geliebten Goldfische abends immer in den an sein Schlafzimmer anstoßenden Raum und bewachte sie so im Schlafe, es ging auch noch das Gerücht, daß er eine Pistole unter seinem Kopfkissen versteckt hielt. Und als Boyle und Jameson, die auf das Ende der Besprechung warteten, schließlich Herrn Smart aus der Tür treten sahen, trug er die große Glasvase so ehrfürchtig in den Händen, als wäre es die Reliquie eines Heiligen.

Der grüne viereckige Platz draußen war noch von den letzten Farben des Sonnenunterganges überwoben, aber drinnen brannte schon eine Lampe, und in der Mischung des letzten Tagesscheins mit dem künstlichen Licht glühte der farbige Globus wie ein riesiges Juwel, und die phantastischen Umrisse der feuerroten Fische, ähnlich den seltsamen Formen, die ein Kristallseher entdeckt, schienen ihm tatsächlich etwas von der geheimnisvollen Macht eines Talismans zu verleihen. Über die Schulter des alten Mannes starrte wie eine Sphinx das olivenfarbige Gesicht des Herrn Imlack Smith.

»Ich fahre heute abend nach London, Herr Boyle,« sagte der alte Smart mit einem bei ihm ungewöhnlich großen Ernst. »Herr Smith und ich wollen um sechs Uhr fünfundvierzig fahren. Ich würde es gern sehen, Jameson, wenn Sie heute nacht oben in meinen Zimmern schliefen. Wenn Sie die Vase wie gewöhnlich in das hintere Zimmer stellen, wird sie in Sicherheit sein. Nicht daß ich dächte, es könnte irgend was passieren.«

»Passieren kann immer was,« sagte Herr Smith lächelnd. »Ich meine, Sie nehmen gewöhnlich einen Revolver mit ins Bett. Vielleicht würden Sie ihn in diesem Falle lieber hier lassen.«

Peregrinus Smart gab hierauf keine Antwort, und die beiden verließen das Haus, um zum Bahnhof zu gehen.

Der Sekretär und Herr Jameson schliefen in dieser Nacht oben in Herrn Smarts Schlafzimmer. Um es genauer zu sagen, Jameson schlief in dem Ankleidezimmer, aber die Tür stand offen, und die beiden nach vorn hinausgehenden Zimmer waren eigentlich ein Raum. Nur hatte das Schlafzimmer eine große, auf die Veranda führende Flügeltür, und von ihm aus kam man in das rückwärtige Zimmer, in dem die Goldfische aufbewahrt wurden. Boyle zog sein Bett quer vor die Tür, um den Eingang zu versperren, legte den Revolver unter das Kopfkissen, zog sich aus und legte sich mit dem Gefühl zu Bett, daß er alle möglichen Vorsichtsmaßregeln gegen ein unmögliches oder unwahrscheinliches Ereignis ergriffen hatte. Er sah nicht ein, warum gerade heute abend ein normaler Diebstahl besonders zu fürchten sein sollte, und wenn er jetzt kurz vor dem Einschlafen an die außergewöhnlichen Diebstahlsmethoden, von denen der Graf de Lara in seinen unglaublichen Geschichten erzählt hatte, dachte, so nur, weil sie aus Traumstoff gewoben und kaum mehr von ihm zu unterscheiden waren. Der alte Buchhalter war ein bißchen unruhiger als gewöhnlich, aber nachdem er etwas länger als sonst herumgefuhrwerkt war und, wie es so seine Art war, die schlechte Aufbewahrung der Schätze bedauert hatte und zum soundsovielten Male vor Diebstählen gewarnt hatte, legte auch er sich ins Bett und schlief ein. Der Mond leuchtete und verblaßte wieder, und der grüne Platz und die grauen Häuser lagen einsam und still und scheinbar ganz menschenfern da, und die Sache passierte erst, als die Morgendämmerung in den grauen östlichen Himmel die ersten weißen Spalten riß.

Boyle hatte, da er jung war, von den beiden natürlich den gesünderen und festeren Schlaf. Obgleich er sich sehr rege zeigte, wenn er einmal wach war, so mußte er doch beim Erwachen erst immer eine Last von sich schütteln. Überdies hatte er Träume, die das auftauchende Bewußtsein wie Polypenarme umklammern. Sie waren bunt genug, ein Gemisch aus allerlei Eindrücken, darunter der letzte Blick, den er von der Veranda auf die vier grauen Straßen und den grünen Platz geworfen hatte. Aber die Traumbilder wechselten, verschoben sich und drehten sich schwindelerregend herum, je nachdem ein tiefes mahlendes Geräusch, das irgendwie an das dumpfe Rauschen eines unterirdischen Flusses erinnerte, – vielleicht aber auch nichts anderes sein konnte als das Schnarchen des alten Jameson – langsamer oder schneller, leiser oder lauter hörbar ward. Aber in dem Kopfe des Träumers verknüpfte sich dieses Murmeln und Drehen lose mit den Worten des Grafen de Lara über okkulte Fähigkeiten, welche die Hebel von Zeit und Raum handhaben und die Welt herumdrehen konnten. Im Traume war es so, als wenn eine mächtige, ächzende Maschinerie unter der Welt wirklich ganze Landschaften hin- und herschöbe, so daß plötzlich die äußersten Enden der Erde in irgendeinem Vorgarten erschienen, oder der Vorgarten über ferne Meere verschoben wurde.

Die ersten klaren Eindrücke, die er hatte, waren die Worte eines Liedes, begleitet von einem feinen metallischen Ton. Die Worte wurden mit einem ausländischen Akzent gesungen, und die Stimme kam ihm zugleich fremd und doch merkwürdig vertraut vor. Aber bei alledem hatte er noch die größte Mühe, sich ganz darüber klar zu werden, daß er nicht etwa im Traum sich als Dichter betätigte.

Über das Land und über das Meer
Ruf ich meine fliegenden Fische her
Zu mir, zu mir –
Sie hören den Ton, sie kommen gern
Geschwind geflogen zu ihrem Herrn.
Das Lied, das sie weckt –

Er sprang auf und sah, daß sein Mitwächter bereits aus dem Bett war. Jameson hatte die Verandatür aufgerissen und rief jemanden an, der unten auf der Straße stehen mußte.

»Wer ist da?« rief er drohend. »Was wünschen Sie?«

Er drehte sich um und sagte aufgeregt zu Boyle:

»Da unten treibt sich jemand herum. Ich wußte, daß es nicht geheuer war. Ich will doch die Eisenstangen vor die Haustür legen.«

Er lief eilig nach unten, und Boyle konnte das Klirren und Rasseln der Stangen hören, dann trat er selbst auf die Veranda und blickte auf die lange graue Straße, die zum Hause führte. Er glaubte noch immer zu träumen.

Auf der grauen Straße, die über das einsame Moor und durch diesen kleinen englischen Weiler führte, stand eine Gestalt, die direkt aus dem Dschungel oder aus dem Bazar hätte treten können – eine Gestalt aus einer der phantastischen Geschichten des Grafen, eine Gestalt aus Tausend und einer Nacht. Das gespenstische graue Zwielicht, das vor Tagesanbruch allmählich die Umrisse aller Dinge hervortreten läßt, aber zugleich alles farblos macht, hob sich langsam wie ein grauer Gazeschleier und zeigte ihm eine orientalisch gekleidete Gestalt. Ein langer und breiter Schal von eigentümlich meerblauer Farbe war wie ein Turban um den Kopf und dann noch mal um das Kinn gewickelt, so daß er mehr wie eine Kapuze wirkte; das Gesicht verschwand darunter wie unter einer Maske, denn der Schal war wie ein Schleier übergeworfen; dazu war der Kopf über ein merkwürdiges musikalisches Instrument gebeugt, das aus Silber oder aus Stahl sein konnte und die Form einer verbogenen oder gekrümmten Geige hatte. Gespielt wurde es mit einem gezackten Stabe, ähnlich einem silbernen Kamm, und die Töne waren sonderbar hoch und hell. Bevor Boyle noch den Mund öffnen konnte, ertönte unter dem Burnus wieder dieselbe merkwürdige Stimme, eine Fortsetzung des vorhin verklungenen Liedes:

Wie die goldnen Vögel zum Zauberbaum
Fliegen meine goldnen Fische durch Zeit und Raum
Zurück zu mir –

»Sie haben hier nichts zu suchen,« rief Boyle verzweifelt, ohne überhaupt recht zu wissen, was er sagte.

»Ich suche hier meine Goldfische,« rief der Fremde zurück, mehr wie König Salomon sprechend als wie ein sandalenloser, in einen schäbigen blauen Mantel gehüllter Beduine. »Und sie werden zu mir kommen. Kommt!«

Seine Stimme stieg schrill an, und eine ebenso schrille Note entlockte er dazu seiner sonderbaren Geige. Der Ton ging Boyle wie ein Stich durch den Kopf, dann kam wie ein Echo ein leiserer Laut, ein durchdringendes Geflüster. Es kam aus dem dunklen Zimmer, in dem die Vase mit den Goldfischen stand.

Boyle drehte sich um, und gerade in diesem Augenblick ging das Echo in dem dunklen Zimmer in einen langen klirrenden Laut über, als setzte sich eine elektrische Klingel in Bewegung, und gleich darauf hörte es sich an, als fiele eine gläserne Vase zu Boden. Obschon kaum einige Sekunden vergangen waren, seitdem Jameson den Mann da draußen von der Veranda aus angerufen hatte, war der alte Buchhalter bereits wieder oben. Er war beim raschen Treppensteigen etwas außer Atem gekommen, denn sein Herz war solchen Strapazen nicht mehr gewachsen.

»Die Tür habe ich jedenfalls verriegelt,« sagte er.

»Die Stalltür,« antwortete Boyle aus dem dunklen Zimmer heraus.

Jameson trat nun auch in dieses Zimmer und sah, wie Boyle auf den Boden starrte, der mit bunten Glassplittern bedeckt war, als sei ein Regenbogen in unzählige gebogene Stückchen zerborsten.

»Die Stalltür? Was wollen Sie damit sagen?« begann Jameson.

»Ich will damit sagen, daß das Roß gestohlen ist,« antwortete Boyle. »Die fliegenden Rosse. Die fliegenden Fische, denen unser arabischer Freund da draußen nur zu pfeifen brauchte. Er hat sie herausgezogen, als hätte er sie wie Marionetten an Schnüren gehabt.«

»Aber wie konnte er nur?« stieß der alte Buchhalter entrüstet hervor, als geziemten sich solche Vorgänge eigentlich kaum.

»Jedenfalls sind sie fort,« sagte Boyle kurz angebunden. »Da liegt die zerbrochene Vase, deren richtige Öffnung lange Zeit erfordert hätte, während das Zerschmeißen nur eine Sekunde in Anspruch nahm. Aber die Fische sind fort, Gott weiß, wie, wenn ich auch glaube, daß unser arabischer Freund etwas darüber zu sagen wüßte.«

»Wir vertrödeln die Zeit,« sagte der fassungslose Jameson. »Wir sollten ihm sofort nachsetzen.«

»Viel besser, wenn wir sofort an die Polizei telephonieren,« antwortete Boyle. »Die wird ihm schon mit Autos und Telephon zusetzen und ihn eher erwischen, als wenn wir ihm in unseren Nachthemden durch das Dorf nachhopsten. Aber es kann Dinge geben, gegen die selbst Polizeiautos und Telephondrähte ohnmächtig sind.«

Während Jameson aufgeregt mit der Polizei telephonierte, trat Boyle wieder auf die Veranda und warf einen schnellen Blick über die im ersten Morgengrauen daliegenden Straßen. Von dem Mann im Turban war keine Spur mehr zu erblicken, und kein Lebenszeichen machte sich ringsum bemerkbar, außer daß ein erfahrenes Ohr vielleicht im Gasthaus zum »Blauen Drachen« einige erste schwache Morgengeräusche gehört hätte. Boyle bemerkte jedoch jetzt zum erstenmal etwas mit vollem Bewußtsein, was er unbewußt die ganze Zeit lang bemerkt hatte. Die Tatsache arbeitete sich gleichsam aus seinem noch schlaftrunkenen Geiste heraus und forderte Beachtung. Es war die einfache Tatsache, daß der graue Platz nie ganz grau gewesen war, inmitten der Streifen farbloser Farbe leuchtete ein goldener Fleck, Lampenlicht aus einem der gegenüberliegenden Häuser. Etwas in ihm, das mit dem Verstande nicht zu fassen war und vielleicht gänzlich irreführen konnte, sagte ihm, daß die Lampe die ganze Nacht hindurch gebrannt hatte und jetzt im Morgengrauen langsam erlosch. Er zählte die Häuser und kam zu einem Ergebnis, das zu irgendeiner Vermutung, er wußte selbst nicht zu welcher, zu passen schien. Jedenfalls war es offenbar das Haus des Grafen de Lara.

Inspektor Pinner war inzwischen mit einigen Polizisten angelangt und hatte sich gleich schnell und entschlossen an die Arbeit gemacht, da er sich wohl bewußt war, daß gerade die Sonderbarkeit des gestohlenen kostbaren Gutes dem Fall einen beträchtlichen Raum in den Zeitungen verschaffen würde. Er hatte alles geprüft, alles gemessen, jedermanns Aussage zu Protokoll genommen, sich jedermanns Fingerabdrücke gesichert, jeden und alles durchschaut, um schließlich am Ende vor einer Geschichte zu stehen, die er nicht glauben konnte. Ein Araber aus der Wüste war die Dorfstraße heraufgekommen und hatte vor dem Hause des Herrn Peregrinus Smart, in dessen Hinterzimmer eine Vase mit künstlichen Goldfischen aufbewahrt wurde, Halt gemacht; er hatte dann ein kleines Gedicht gesungen oder rezitiert, und die Vase war wie eine Bombe geplatzt, und die Fische hatten sich in den Äther geschwungen. Auch die Aufklärung eines ausländischen Grafen, der mit leiser, schnurrender Stimme von der Unbegrenztheit der Erfahrung sprach, konnte den Inspektor nicht beruhigen.

Die Haltung der zu dem kleinen Kreise gehörigen Personen war sehr charakteristisch. Peregrinus Smart hatte, als er am Morgen von London zurückkam, als erste Nachricht den Verlust seines Schatzes vernommen. Natürlich war er zuerst sehr betroffen, aber es war typisch für den Sportsgeist und die Unternehmungslust, die in dem kleinen alten Herrn wohnten und seiner gedrungenen Figur etwas von der Keckheit eines Kampfhahns gaben, daß sein Interesse an den angestellten Nachforschungen stärker war als die Bedrückung über seinen Verlust. Dem Mann mit Namen Harmer, der eigens hergekommen war, um die Goldfische zu kaufen, hätte man es nicht übelnehmen können, wenn er ein dummes Gesicht gemacht hätte, als er erfuhr, daß die kostbare Ware davongeflogen war. Aber in Wirklichkeit schienen seine aggressiven Schnurrbart- und Augenbrauenhaare ein bestimmteres Gefühl als Enttäuschung auszustrahlen. Die Augen, mit denen er die Gesellschaft musterte, blitzten von einer Wachsamkeit, die ebensogut Argwohn sein konnte. Das olivenfarbige Gesicht des Bankdirektors, der ebenfalls von London, wenn auch mit einem späteren Zuge, zurückgekehrt war, schien immer wieder diese hellen suchenden Augen wie ein Magnet auf sich zu ziehen. Was die beiden übrigbleibenden Personen des ursprünglichen Kreises anbelangt, so schwieg Pater Brown meistens, wenn man ihn nicht anredete oder um seine Meinung fragte, und der verdatterte Hartopp schwieg sogar oft selbst dann.

Der Graf jedoch war nicht der Mann, irgendeine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, die seinen Ansichten recht zu geben schien. Mit liebenswürdigstem Lächeln, wie es nur jemand zeigen kann, der es versteht, die Leute durch Verbindlichkeit zur Raserei zu bringen, wandte er sich an seinen rationalistischen Nebenbuhler, den Doktor.

»Sie werden zugeben,« sagte er, »daß zum mindesten einige der Geschichten, die Sie gestern für so unwahrscheinlich hielten, heute etwas realistischer klingen. Wenn ein zerlumpter Bettler mit einem Wort ein in den vier Wänden des Hauses, vor dem er steht, eingeschlossenes festes Gefäß zum Platzen bringen kann, so dürfte das doch wohl ein Beispiel für die Macht geistiger Kräfte und die Wertlosigkeit materieller Hemmnisse sein …«

»Und ich möchte es ein Beispiel dafür nennen,« platzte der Doktor los, »daß ein paar wissenschaftliche Kenntnisse genügen, um einem zu zeigen, wie derartige Sachen zustandekommen.«

»Wollen Sie wirklich damit sagen,« fragte Smart etwas aufgeregt, »daß Sie imstande sind, dieses Geheimnis wissenschaftlich aufzuklären?«

»Das, was der Graf ein Geheimnis nennt,« antwortete der Doktor, »kann ich aufklären, weil es gar kein Geheimnis ist. Das steht schon mal unumstößlich fest. Ein Laut ist nur eine Schwingungswelle, und gewisse Schwingungen können Glas zerbrechen, wenn der Laut und das Glas von besonderer Art sind. Der Mann stand nicht auf der Straße und dachte, was nach Meinung des Grafen die ideale orientalische Methode der Unterhaltung ist. Er sang seinen Wunsch ganz laut heraus und entlockte einem Instrument einen schrillen Ton. Diese Methode hat eine große Ähnlichkeit mit vielen Experimenten, durch die Glas von einer besonderen Art zum Platzen gebracht worden ist.«

»So ähnlich wie das Experiment,« sagte der Graf leichthin, »durch das mehrere Klumpen massiven Goldes aufgehört haben zu existieren.«

»Da kommt Inspektor Pinner,« sagte Boyle. »Unter uns gesagt, ich glaube, er würde des Doktors natürliche Erklärung ebenso als Märchen betrachten wie des Grafen übernatürliche. Ein sehr skeptischer Mann, der Herr Pinner, besonders in bezug auf mich. Ich glaube, ich stehe unter Verdacht.«

»Wir werden wohl alle verdächtig sein,« sagte der Graf.

Boyle drückte jedoch der Verdacht, der auf ihn fiel, schwer, und deshalb bat er Pater Brown um Rat und Beistand. Einige Stunden später spazierten sie um den viereckigen Platz, als der Priester, der beim Zuhören mit nachdenklichem Stirnrunzeln zu Boden blickte, plötzlich stehen blieb.

»Sehen Sie das da?« fragte er. »Hier ist das Pflaster geschrubbt worden – nur dieser kleine Streifen gerade vor Oberst Varneys Hause. Ich möchte gern wissen, ob das gestern geschehen ist.«

Pater Brown blickte ernst an dem hohen und schmalen Hause herauf, dessen buntgestreifte Jalousien die Sonne bereits sehr abgeblaßt hatte. Die Ritzen, durch die man einen Blick in das Innere der Zimmer werfen konnte, sahen um so dunkler aus, ja, sie erschienen in der vom Morgenlicht golden leuchtenden Fassade als schwarze Löcher.

»Das ist Oberst Varneys Haus, nicht wahr?« fragte Pater Brown. »Auch er kommt aus dem Osten, glaube ich. Was ist er für ein Mann?«

»Ich habe ihn noch nie zu Gesicht bekommen,« antwortete Boyle. »Ich glaube, außer Doktor Burdock hat ihn noch niemand gesehen, und Doktor Burdock geht ihm wohl auch so viel wie möglich aus dem Wege.«

»Nun, ich werde ihm mal eine Minute nicht aus dem Wege gehen,« sagte Pater Brown.

Die große Haustür öffnete sich und verschluckte den kleinen Priester. Boyle schaute ihm verdutzt nach, als frage er sich, ob sich die Tür wohl je wieder öffnen würde. Sie öffnete sich schon nach ein paar Minuten, und Pater Brown kam lächelnd wieder hervor und setzte seinen Marsch um die Dorfwiese langsam und stolpernd fort. Manchmal schien er die Angelegenheit ganz vergessen zu haben, denn er machte gelegentliche Bemerkungen über historische und soziale Fragen oder über die Entwicklungsaussichten des ländlichen Distrikts. Er sprach von einer neuanzulegenden Straße, für die schon der Boden ausgehoben war, und sah mit unbestimmbarem Ausdruck über die alte Dorfwiese.

»Gemeindeland. Die Leute sollten eigentlich ihre Schweine und Gänse darauf treiben, wenn sie nur welche hätten. So scheint das Land nur Nesseln und Disteln zu ernähren. Es sollte eigentlich eine große Wiese sein und ist zu einem kleinen Unkrautparadies geworden, sehr schade. Das Haus da gegenüber gehört Doktor Burdock, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete Boyle, der bei dieser abgerissenen Bemerkung vor Neugier und Ungeduld fast in die Höhe gesprungen wäre.

»Gut,« sagte Pater Brown, »dann wollen wir wieder hineingehen.«

Während sie ins Smarts Haus hineingingen und die Treppe emporstiegen, erzählte Boyle seinem Begleiter nochmals Einzelheiten von den merkwürdigen Vorgängen, die sich bei Tagesgrauen abgespielt hatten.

»Sie sind doch nicht wieder eingeschlummert, während Jameson unten die Tür verriegelte, so daß jemand Zeit hatte, auf die Veranda zu klettern?« fragte Pater Brown.

»Nein, ganz sicher nicht. Ich wachte auf und hörte, wie Jameson den Fremden von der Veranda aus anrief, dann hörte ich ihn herunterrennen und die Stangen vorlegen, und in zwei Schritten war ich dann selbst auf der Veranda.«

»Oder konnte jemand von einer anderen Seite zwischen Ihnen hindurchschlüpfen? Gibt es in diesem Hause vielleicht noch einen Nebeneingang?«

»Ich wüßte keinen,« sagte Boyle.

»Es ist doch besser, wenn ich mich überzeuge,« und damit schlürfte Pater Brown wieder die Treppe hinab. Boyle blieb in dem vorderen Schlafzimmer und sah ihm kopfschüttelnd nach. Nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit kam das runde und ziemlich bauernderbe Gesicht, das wie ein behaglich lächelnder Rübengeist aussah, wieder auf der Treppe zum Vorschein.

»Nein. Ich glaube, die Türfrage ist gelöst,« sagte der Rübengeist wohlgemut. »Und nun, da wir unser Material fein säuberlich beisammen haben, können wir ans Sichten gehen. Eine höchst merkwürdige Sache.«

»Glauben Sie,« fragte Boyle, »daß der Graf oder der Oberst oder irgendwelche andere Leute aus dem Osten etwas damit zu tun haben? Halten Sie den Vorgang für übernatürlich?«

»Das eine kann ich Ihnen sagen,« antwortete der Priester ernst, »wenn der Graf oder der Oberst oder ein anderer Nachbar sich als Araber verkleidet haben und im Dunkeln zu diesem Hause geschlichen sind – dann war es ein übernatürlicher Vorgang.«

»Wieso? Warum?«

»Weil der Araber keine Fußspuren hinterlassen hat. Die nächsten Nachbarn sind der Oberst an der einen und der Bankier an der anderen Seite. Zwischen diesem Hause und der Bank liegt ein offener roter Tonboden, in den bloße Füße sich wie in Gips abdrücken und dann auch überall rote Spuren hinterlassen würden. Auf die Gefahr hin, daß mich der Oberst mit dem Blitz seines Zornes treffen würde, habe ich mich darüber vergewissert, daß das Pflaster vor dem Hause gestern und nicht heute geschrubbt wurde, es war feucht genug, um Tritte auf ihm kenntlich zu machen. Wenn der nächtliche Besucher nun der Graf oder der Doktor gewesen wäre, so hätte er natürlich quer über den Platz kommen können. Aber mit bloßen Füßen muß das sehr unbehaglich gewesen sein, denn der Platz ist, wie ich schon sagte, ganz mit Disteln und Brennesseln bedeckt. Er würde sich jedenfalls die Füße blutig gerissen und Spuren hinterlassen haben. Wenn er nicht, wie Sie meinen, ein übernatürliches Wesen war.«

Boyle sah dem kleinen Priester fest in das ernste und unergründliche Gesicht.

»Glauben Sie das?« fragte er schließlich.

»Man muß sich an eine feststehende Tatsache erinnern,« sagte Pater Brown nach einer Pause. »Ein Gegenstand kann manchmal so nahe sein, daß man ihn nicht sieht, wie man zum Beispiel sich nicht selbst sehen kann. Es sah einmal ein Mann, der eine Mücke im Auge hatte, durchs Fernrohr und entdeckte, daß im Monde ein unglaublich großer Drache zu sehen war. Und wenn man die genaue Wiedergabe seiner eigenen Stimme hört, soll sie wie die Stimme eines Fremden klingen. Ebenso sehen wir etwas kaum, das im Vordergrunde unseres Lebens steht, und wenn wir es erblickten, würden wir es sehr sonderbar finden. Wenn es aus dem Vordergrunde in mittlere Entfernung rückt, würden wir wahrscheinlich glauben, es sei aus großer Entfernung gekommen. Kommen Sie mal einen Augenblick wieder mit vors Haus. Ich möchte Ihnen zeigen, wie es sich von unten ansieht.«

Er ging bereits voran, und als sie die Treppe hinabstiegen, setzte er seine Bemerkungen in ziemlich unzusammenhängender Weise fort, als dächte er laut.

»Der Graf und die asiatische Atmosphäre passen ganz gut dazu, weil in einem Falle wie diesem alles auf die Vorbereitung des Geistes ankommt. Jemand kann einen Zustand erreichen, in dem er fest davon überzeugt ist, daß ein ihm auf den Kopf fallender Ziegelstein ein babylonischer Ziegelstein mit eingeritzten Keilschriftzeichen ist, der aus den Hängenden Gärten Babylons niedersaust, und in diesem Zustande fällt es ihm gar nicht ein, sich den Stein anzusehen, denn sonst würde er entdecken, daß er sich von den Backsteinen, aus denen sein eigenes Haus gebaut ist, nicht unterscheidet. So ist es in Ihrem Falle –«

»Was soll das bedeuten?« unterbrach ihn Boyle. Er starrte und zeigte auf die Haustür. »Was um Himmelswillen soll das bedeuten? Die Tür ist wieder zugesperrt.«

Dieselbe Haustür, durch die sie soeben erst eingetreten waren, war wieder durch die großen eisernen rostigen Vorlegestangen versperrt, die, wie Boyle am Morgen scherzhaft bemerkt hatte, die Stalltür zu spät verriegelt hatten. Diese alten Sperrstangen schienen sie mit einer dunklen und schwerfälligen Ironie anzuglotzen, als hätten sie ihnen aus eigenem Einfall und aus eigener Machtvollkommenheit den Weg versperrt.

»Ich habe diese Stangen doch eben selbst vorgelegt,« sagte Pater Brown ganz beiläufig. »Haben Sie es nicht gehört?«

»Nein,« antwortete Boyle verdutzt, »ich habe nichts gehört.«

»Ich habe es mir gedacht,« sagte der andere gleichmütig. »Es ist auch nicht recht einzusehen, warum jemand oben im Hause das Vorlegen dieser Stangen hören sollte. Eine Art Haken faßt leicht in eine Art Loch hinein. Wenn man ganz nahe ist, hört man ein dumpfes Einschnappen, aber das ist auch alles. Das einzige Geräusch, das laut genug ist, um oben gehört werden zu können, ist dieses.«

Er zog den Haken aus der Vertiefung und ließ die Stange klirrend an der Tür niederfallen.

»Geräusch entsteht, wenn man die Vorlegestangen abnimmt,« sagte Pater Brown ernst, »selbst wenn dies sehr vorsichtig geschieht.«

»Sie meinen –«

»Ich meine,« sagte Pater Brown, »daß Jameson die Tür geöffnet und nicht geschlossen hat. Und jetzt lassen Sie uns selbst die Tür öffnen und nach draußen gehen.«

Als sie draußen auf der Straße unter der Veranda standen, setzte der kleine Priester seine Erklärungen so ruhig fort, als hielte er eine Vorlesung über Chemie.

»Ich sagte, man könne nach etwas Fernem Ausschau halten, ohne zu merken, daß es sehr nahe ist, einem selbst sehr nahe, vielleicht sogar ähnlich. Als Sie auf die Straße sahen, erblickten Sie ein seltsames orientalisches Wesen. Sie haben sich wohl nicht gefragt, was er erblickte, als er zur Veranda aufsah?«

Boyle starrte zur Veranda hinauf, ohne zu antworten, und der Geistliche fuhr fort:

»Sie hielten es für ein höchst romantisches und wunderbares Ereignis, daß ein Araber mit bloßen Füßen durch das zivilisierte England marschiert käme. Sie dachten nicht daran, daß Sie zur gleichen Zeit selbst bloße Füße hatten.«

Boyle fand endlich die Sprache wieder, aber nur um bereits gesprochene Worte zu wiederholen.

»Jameson hat die Tür geöffnet,« sagte er mechanisch.

»Ja. Jameson hat die Tür geöffnet und trat im Nachthemd auf die Straße, gerade als Sie auf den Balkon kamen. Er hatte rasch zwei Sachen zusammengerafft, die Sie hundertmal gesehen haben: den alten blauen Vorhang, den er um den Kopf wickelte, und das orientalische Musikinstrument, das Sie sicher unter den anderen orientalischen Kuriositäten oft zu Gesicht bekommen haben. Alles übrige war Sinnestäuschung und Schauspielerei, sehr feine Schauspielerei, denn er versteht sich darauf, Verbrecherrollen zu spielen.«

»Jameson!« rief Boyle ungläubig aus. »Er war doch solch ein alter vertrockneter Simpel, daß er direkt Luft für mich war.«

»Eben, er war ein Schauspieler. Wenn er fünf Minuten einen Zauberer oder Troubadour spielen konnte, glauben Sie nicht, daß er fünf Wochen lang einen Buchhalter darstellen konnte?«

»Ich bin mir über seine Absicht noch nicht ganz klar,« sagte Boyle.

»Seine Absicht hat er erreicht oder beinahe erreicht,« erwiderte Pater Brown. »Er hatte die Goldfische natürlich bereits gestohlen, wozu er zwanzigmal Gelegenheit hatte. Aber wenn er sie einfach gestohlen hätte, würde jeder gemerkt haben, daß er zwanzigmal Gelegenheit dazu hatte. Durch Hervorzauberung eines vom Ende der Welt kommenden geheimnisvollen Magiers, lenkte er jedermanns Gedanken nach Arabien und Indien ab, so daß Sie selbst kaum glauben können, daß die ganze Geschichte sich so nahe bei Ihrem Hause abspielte. Sie konnten sie nicht bemerken, weil sie Ihnen zu nahe war.«

»Wenn dies stimmt,« sagte Boyle, »so war das Wagnis für ihn außerordentlich, und er mußte es sehr schlau anfangen. Tatsächlich sagte der Mann auf der Straße kein Wort, während Jameson von der Veranda sprach, so daß ein Schwindel sehr wohl möglich sein kann. Und ich glaube auch, daß ihm Zeit genug blieb, auf die Straße zu gehen, bevor ich ganz erwacht war und aus dem Bette sprang.«

»Jedes Verbrechen kommt erst dadurch zustande, daß jemand nicht früh genug aufwacht,« erwiderte Pater Brown, »und in jedem Sinne wachen die meisten von uns zu spät auf. Ich zum Beispiel bin viel zu spät aufgewacht, denn ich glaube, er ist längst über alle Berge, gerade bevor oder gerade nachdem man seinen Fingerabdruck genommen hatte.«

»Jedenfalls sind Sie eher wach geworden als alle anderen,« sagte Boyle, »ich wäre in diesem Sinne niemals aufgewacht. Jameson war so korrekt und farblos, daß ich gar nicht an ihn gedacht habe.«

»Man hüte sich vor dem Manne, an den man nicht denkt, er ist der einzige, der einem wirklich schaden kann. Aber ich hatte auch keinen Verdacht auf ihn, bis Sie mir erzählten, daß Sie gehört hätten, wie er die Tür mit der Vorlegestange versperrte.«

»Jedenfalls verdanken wir die Entdeckung ganz Ihnen,« sagte Boyle warmherzig.

»Sie verdanken sie Frau Robinson,« erwiderte Pater Brown lächelnd.

»Frau Robinson?« fragte der erstaunte Sekretär. »Sie meinen doch nicht die Haushälterin?«

»Man hüte sich doppelt vor der Frau, die man vergißt,« antwortete Pater Brown. »Dieser Mann war ein sehr geschickter Verbrecher, als ausgezeichneter Schauspieler war er ein guter Psychologe. Ein Mann wie der Graf hört immer nur seine eigene Stimme, aber dieser Jameson konnte zuhören, wo alle seine Anwesenheit vergessen hatten, und so das richtige Material für seine romantische Inszenierung sammeln und sich darüber klar werden, welche Note er anschlagen mußte, um Sie alle irre zu führen. Aber er machte einen bösen Fehler, er setzte den Charakter der Frau Robinson nicht in Rechnung.«

»Ich verstehe nicht,« sagte Boyle, »was sie mit der Sache zu tun haben kann.«

»Jameson rechnete nicht damit, daß die Vorlegestangen vor der Tür waren. Er wußte, daß eine Menge Menschen, besonders sorglose Menschen wie Sie und Ihr Arbeitgeber, tagelang predigen können, etwas solle, müsse und könne geschehen. Aber wenn man einer Frau diese Meinung beibringt, so besteht immer fürchterliche Gefahr, daß sie plötzlich vom Vorsatz zur Ausführung schreitet.«

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