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Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
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Der Mann mit den zwei Bärten

Diese Geschichte erzählte Pater Brown dem berühmten Kriminologen Professor Crake nach Tisch in einem Klub, wo sie mit der Begründung einander vorgestellt wurden, daß ja das einigende Band derselben harmlosen Schwärmerei für Mord und Diebstahl sie bereits umschlänge. Da aber Pater Brown die Rolle, die er selbst in der Angelegenheit gespielt hatte, in seiner Schilderung ziemlich verkleinerte, ist die Sache hier in unparteiischerer Weise wiedergegeben. Angeregt wurde Pater Brown zu der Erzählung durch eine kleine Kontroverse, bei der er selbst sich sehr skeptisch verhielt, während der Professor schweres wissenschaftliches Geschütz auffuhr.

»Aber mein lieber Herr,« sagte der Professor protestierend, »glauben Sie nicht, daß die Kriminologie eine Wissenschaft ist?«

»Ich könnte es nicht bestimmt behaupten,« erwiderte Pater Brown. »Glauben Sie, daß die Hagiologie eine Wissenschaft ist?«

»Was für ein Ding?« fragte der Spezialist in spitzem Ton.

»Keine Angst,« sagte der Priester lächelnd. »Die Hagiologie hat nichts mit Hexen und Hexenverbrennung zu tun. Man versteht darunter das Studium heiliger Personen und Dinge und so weiter. Das dunkle Mittelalter versuchte nämlich, eine Wissenschaft über gute Menschen zu begründen, während unser humanes und aufgeklärtes Zeitalter sich nur für schlechte Menschen interessiert. Unsere allgemeine Erfahrung spricht jedoch dafür, glaube ich, daß jeder denkbare Mensch ein Heiliger gewesen ist. Aber ich fürchte, Sie werden finden, daß jeder denkbare Mensch ein Mörder gewesen ist.«

»Nun, jedenfalls glauben wir, daß sich die Mörder ganz gut klassifizieren lassen,« bemerkte Crake. »Das Schema ist allerdings etwas lang und trocken, aber ich glaube, es ist erschöpfend. Zuerst einmal kann man alles Töten in rationales und irrationales einteilen. Wir werden das letzte zuerst nehmen, weil es bedeutend seltener vorkommt. Es gibt so etwas wie abstrakte Mordlust oder Liebe zur Metzelei. Es gibt so etwas wie irrationale Antipathie, obschon sie sehr selten zum Mord ausartet. Dann kommen wir zu den Motiven. Alle Motive, die romantischer Art sind und sich auf vergangene Dinge beziehen, fallen nicht unter die rationale Kategorie. Reine Rachehandlungen erfüllen niemals ihren Zweck. So wird ein Liebhaber manchmal seinen Nebenbuhler töten, ohne daß für ihn Aussicht besteht, an dessen Stelle zu rücken, oder ein Rebell wird einen Tyrannen ermorden, wenn die Tyrannei nicht mehr abzuschaffen ist. Aber meistens liegt sogar diesen Handlungen eine vernünftige Erwägung zugrunde. Sie werden von hoffnungsvollen Mördern begangen. Sie fallen in die größere Sektion der zweiten Abteilung, Verbrechen aus vernünftiger Überlegung. Diese hinwiederum fallen hauptsächlich unter zwei Kategorien. Jemand mordet entweder, um zu erlangen, was ein anderer besitzt, mag dieser Besitz nun von einem Diebstahl oder von einer Erbschaft herrühren, oder um den anderen irgendwie im Handeln zu behindern, wie es zum Beispiel geschieht, wenn man einen Erpresser oder einen politischen Gegner tötet, oder, im Falle eines passiveren Hindernisses, einen Ehemann oder eine Ehefrau, deren weitere ungestörte Existenz mit anderen Dingen kollidiert. Wir halten diese Klassifizierung für ziemlich lückenlos und glauben, daß sie bei richtiger Anwendung alle vorkommenden Fälle umfaßt. Aber sie ist vielleicht etwas farblos, fürchte ich. Hoffentlich langweile ich Sie nicht.«

»Durchaus nicht,« sagte Pater Brown. »Wenn ich nicht ganz bei der Sache zu sein schien, muß ich um Entschuldigung bitten. Ich dachte nämlich an einen Mann, den ich früher kannte. Er ist ein Mörder, aber es ist mir nicht klar, in welcher Abteilung Ihres Mördermuseums er seinen Platz finden könnte. Er war nicht verrückt, noch machte ihm das Morden Spaß. Er haßte den Ermordeten nicht, er kannte ihn kaum und hatte sich sicher nicht an ihm zu rächen. Der Ermordete besaß nichts, was den Mörder hätte verlocken können und stand ihm auch nicht im geringsten im Wege, er konnte ihm weder schaden, noch ihn irgendwie behindern. Es war keine Frau im Spiel. Es lag kein politischer Beweggrund vor. Dieser Mann tötete einen Mitmenschen, der ihm ganz fremd war, und dazu aus einem sehr sonderbaren Grunde, der in der Geschichte der Menschheit vielleicht einzigartig ist.«

Und so erzählte er in seinem gemütlichen Plauderton, den ich hier nicht ganz wiedergeben kann, folgende Geschichte, die wir am besten in einer hinreichend respektablen Umgebung beginnen lassen, nämlich am Frühstückstisch einer in einem äußeren Londoner Stadtteil wohnenden achtbaren, obschon reichen Familie namens Bankes. Die bei ihr sonst übliche allgemeine Unterhaltung über die neuesten Zeitungsmeldungen hatte sich plötzlich auf eine einzige Nachricht konzentriert. Man glaubt manchmal, solche Leute vertrieben sich die Zeit damit, über ihre Nachbarn zu klatschen, aber in diesem Punkte sind sie beinahe unmenschlich unschuldig. In einem Dorfe erzählen die Bauern manchmal von ihren Nachbarn wahre und falsche Geschichten, aber die sonderbaren Kulturmenschen der modernen Großstadt, die zwar alles glauben, was in den Zeitungen über die Schlechtigkeit des Papstes oder über die Grausamkeiten des Königs der Kannibaleninseln erzählt wird, erfahren in der Aufregung über soviel interessante Nachrichten gar nicht, was im nächsten Hause passiert. Bei dieser merkwürdigen Nachricht jedoch schmolzen jene beiden Arten des Interesses zu einer glühenden Neugier zusammen. In ihrem Lieblingsblatte war der Stadtteil erwähnt, in dem sie wohnten. Als sie den Namen gedruckt lasen, erschien er ihnen als ein neuer Beweis ihrer eigenen Existenz. Es war fast, als wären sie vorher bewußtlos und unsichtbar gewesen, und nun waren sie so wirklich wie der König der Kannibaleninseln.

In der Zeitung wurde berichtet, daß ein ehemals berüchtigter Einbrecher, bekannt unter dem Namen Michael Mondschein und vielen anderen Namen, auf die er wahrscheinlich ebensowenig Anspruch hatte, nach Verbüßung einer langen Strafe aus dem Zuchthause entlassen worden und sein jetziger Aufenthaltsort nicht bekannt sei, doch nehme man allgemein an, daß sich der Verbrecher in dem fraglichen Stadtteil, den wir der Bequemlichkeit halber Chisham nennen wollen, niedergelassen habe. Eine Zusammenstellung einiger seiner berühmten und kühnen Handstreiche und Ausbrüche war beigefügt. Denn die Annahme, daß die Leser kein Gedächtnis haben, ist ein charakteristisches Zeichen dieser Presse. Während der Bauer das Andenken an einen Wegelagerer wie Robin Hood jahrhundertelang bewahrt, wird der städtische Büromensch sich kaum an den Namen eines Verbrechers erinnern, über den er vor zwei Jahren in Straßenbahnen und Untergrundbahnen reichlich diskutiert hat. Und doch hatte Michael Mondschein auch etwas von dem heroischen Zug an sich, der Robin Hood auszeichnete, und hätte es verdient, in die Legende und nicht nur in die Zeitungen einzugehen. Er war ein viel zu geschickter Einbrecher, um ein Mörder zu werden. Aber seine Bärenkräfte und die Leichtigkeit, mit der er Polizisten zu Boden schlug, hielten die Leute in atemloser Spannung und umgaben die Tatsache, daß er keinen Menschen tötete, mit dem Schimmer des Geheimnisses und der Wolke des Grauens. Man hatte beinahe das Gefühl, er würde menschlicher gehandelt haben, wenn er sie getötet hätte.

Herr Simeon Bankes, das Oberhaupt der Familie, war zugleich besser belesen und nicht so modern vergeßlich wie die anderen. Er war ein Mann von gedrungener Gestalt, mit kurzem grauen Bart und verrunzelter Stirn. Er hatte eine stille Neigung für Anekdoten und Geschehnisse der Vergangenheit und erinnerte sich deutlich an die Zeit, als Michael Mondschein die Londoner in Spannung gehalten hatte. Anwesend war ferner Frau Bankes, eine hagere schwarze Dame. Sie besaß eine Art bissiger Eleganz, denn ihre Familie hatte viel mehr Geld als die ihres Mannes, wenn auch weniger Bildung. Sie hatte sogar oben auf ihrem Zimmer ein sehr kostbares Smaragdhalsband liegen, das ihr ein Recht gab, bei einer Unterhaltung über Diebe das erste Wort zu führen. Ferner die Tochter Opal, ebenfalls hager und schwarz, die im Verdacht stand, mediumal veranlagt zu sein – sie selbst hielt sich jedenfalls für ein Medium, denn Haushaltspflichten nahmen ihre Kräfte fast gar nicht in Anspruch. Jungen Mädchen, die gern mit der Geisterwelt verkehren, kann man nur den guten Rat geben, sich nicht als Mitglieder einer großen Familie zu materialisieren. Neben ihr saß ihr Bruder John, ein dicker, stämmiger Bursche, der seine Gleichgültigkeit gegen die geistige Höherentwicklung seiner Schwester gern in lärmenden Kundgebungen an den Tag legte und sich außerdem nur durch sein Interesse für Autos auszeichnete.

Er schien ständig mit dem Verkauf eines alten und dem Ankauf eines neuen Wagens beschäftigt zu sein. Durch ein merkwürdiges, für einen volkswirtschaftlichen Theoretiker schwer zu begreifendes Verfahren gelang es ihm immer, durch den Verkauf eines beschädigten oder außer Mode gekommenen Wagens einen viel besseren funkelnagelneuen Artikel derselben Branche zu erhalten. Der nächste in der Reihe war sein Bruder Philipp, ein junger Mann mit schwarzem krausen Haar, der dadurch hervorstach, daß er seiner äußeren Erscheinung in Form tadelloser Kleidung sorgfältige Pflege angedeihen ließ, was zweifellos zu den Pflichten eines Bankangestellten gehört, aber, wie sein Prinzipal gern betonte, kaum seine ausschließliche Aufgabe darstellt. Schließlich war im Familienkreis noch sein Freund Daniel Devine anwesend, ebenfalls ein schwarzer und tadellos gekleideter junger Mann, der jedoch einer an einen Ausländer erinnernden und deshalb für viele etwas bedrohlichen Bartmode huldigte.

Dieser Devine hatte die Zeitungsmeldung aufs Tapet gebracht, um mit solch einem wirksamen Instrument der Ablenkung taktvoll einer Auseinandersetzung ein Ende zu machen, die wie der Anfang einer kleinen Familienzwistigkeit aussah. Denn die mediumale Tochter beschrieb gerade eine ihrer Visionen, indem sie erzählte, wie in dunkler Nacht bleiche Gesichter vor ihrem Fenster hin- und herschwebten, und John Bankes versuchte, diese Offenbarung eines höheren seelischen Zustandes mit noch größerer Herzlichkeit, als man sonst bei ihm gewohnt war, niederzubrüllen.

Aber die Zeitungsnotiz über ihren neuen und womöglich gefährlichen Nachbarn bereitete dem Streitfall ein rasches Ende.

»Wie schrecklich!« rief Frau Bankes. »Er muß doch erst vor kurzem in unser Viertel zugezogen sein, aber wer ist es nur?«

»Neu in unserem Vorort zugezogen ist, soviel ich weiß, nur Sir Leopold Pulman,« bemerkte Herr Bankes.

»Du willst wohl einen Witz machen, mein Lieber,« sagte die Dame des Hauses. »Wie man nur so etwas sagen kann! Sir Leopold!« Und nach einer Pause setzte sie hinzu: »Etwas anderes wäre es, wenn du seinen Sekretär nennen würdest – diesen Mann mit dem Backenbart. Seitdem er die Stelle erhalten hat, die eigentlich Philipp hätte bekommen sollen, habe ich immer gesagt –«

»Nichts zu machen,« steuerte Philipp gelassen seinen einzigen Beitrag zur Unterhaltung bei: »Ist mir nicht gut genug.«

»Der einzige, den ich kenne,« bemerkte Devine, »ist ein Mann namens Carver, der auf Smiths Hof beschäftigt ist. Er führt ein sehr ruhiges Leben, aber es ist sehr interessant, sich mit ihm zu unterhalten. Ich glaube, John hat mit ihm zu tun gehabt.«

»Kennt sich ein bißchen in Autos aus,« gab der mit einer fixen Idee behaftete John zu. »Er wird etwas mehr wissen, wenn er erst in meinem neuen Wagen gesessen hat.«

Devine lächelte leicht. Alle waren von John mit einer Einladung zu einer Fahrt in seinem neuen Auto bedroht worden. Dann setzte er bedachtsam hinzu:

»Er weiß allerhand vom Autofahren, muß viel gereist sein und kennt sich im praktischen Leben aus, und doch bleibt er stets daheim und stolpert nur um die Bienenkörbe des alten Smith herum. Sagt, er interessiere sich nur für Bienenzucht und bliebe aus diesem Grunde bei Smith. Für einen Mann seiner Art scheint mir das eine ziemlich ruhige Liebhaberei zu sein. Aber zweifellos wird Johns Wagen ihn ein bißchen aufrütteln.«

Als Devine am Nachmittag das Haus verließ, trug sein dunkles Gesicht den Ausdruck angestrengten Nachdenkens. Seine Gedanken würden vielleicht bereits in diesem Stadium unserer Aufmerksamkeit wert sein, aber es mag genügen, wenn wir sagen, daß ihr praktisches Ergebnis der Entschluß war, Herrn Carver auf der Besitzung des Herrn Smith sofort einen Besuch abzustatten. Auf dem Wege dorthin begegnete er Herrn Barnard, dem Sekretär Sir Leopold Pulmans. Er erkannte ihn sofort an seiner schmächtigen Gestalt und dem langen, seitlichen Backenbart, den Frau Bankes als eine persönliche Beleidigung empfand. Sie waren nur oberflächlich miteinander bekannt, und ihre Unterhaltung beschränkte sich auf wenige Worte, aber Devine schien darin Nahrung für weiteres Nachdenken zu finden.

»Verzeihen Sie die Frage,« sagte er ohne weitere Einleitung, »stimmt es, daß Lady Pulman sehr wertvolle Juwelen zu Hause hat? Ich bin kein berufsmäßiger Dieb, aber ich habe gehört, daß ein solcher sich hier in der Nachbarschaft herumtreiben soll.«

»Ich werde Lady Pulman raten, ein wachsames Auge auf ihre Juwelen zu haben,« antwortete der Sekretär. »Um die Wahrheit zu sagen, ich habe sie bereits aus eigenem Antrieb gewarnt. Hoffentlich hat sie meine Warnung beachtet.«

In diesem Augenblick ertönte hinter ihnen das häßliche Getute einer Autohupe, und John Bankes hielt plötzlich scharf bremsend bei ihnen an. Als er hörte, wohin Devine gehen wollte, behauptete er, er habe dasselbe Ziel, doch tat er das ganz nebenbei, so daß seine Worte als ein Vorwand erschienen. Er wollte, wie Devine dachte, ihn nur einladen, eine Fahrt in seinem Auto zu machen. Diese Fahrt vollzog sich unter fortwährenden Lobsprüchen auf den Wagen, der jetzt besonders wegen seiner Wetterfestigkeit gerühmt wurde.

»Schließt so dicht ab wie ein Geldschrank und läßt sich ebenso leicht öffnen – so leicht wie man den Mund auftut.«

Devines Mund jedoch war zu dieser Stunde anscheinend nicht sehr leicht zu öffnen, und Bankes wurde in seinem Monolog nicht eher gestört, als bis sie auf Smiths Hof ankamen. Als sie das äußere Tor durchfuhren, wurde Devine sofort des Mannes, den er hier aufsuchen wollte, ansichtig, er hatte nicht nötig, ins Haus zu gehen. Der Mann ging, die Hände in den Taschen, einen großen weichen Strohhut auf dem Kopf, im Garten spazieren. Es war ein Mann mit einem langen Gesicht und einem großen Kinn. Die breite Hutkrempe warf auf den oberen Teil des Gesichts einen Schatten, der fast wie eine Maske wirkte. Im Hintergrunde stand eine Reihe sonniger Bienenkörbe, an denen ein älterer Mann, vermutlich Herr Smith, in Begleitung eines kleinen, dicken, schwarzgekleideten Geistlichen entlang schritt.

»He,« rief der stürmische John, bevor Devine sich mit einer höflichen Begrüßung einführen konnte, »ich habe den Wagen hergebracht, um mit Ihnen mal ein bißchen loszujuckeln.«

Herrn Carvers Mund umspielte ein Lächeln, das liebenswürdig sein sollte, aber ziemlich grimmig aussah: »Ich fürchte, ich habe heute abend zuviel zu tun, um eine Spazierfahrt machen zu können.«

»Donnerwetter,« sagte Devine, »Ihre Bienen müssen aber sehr fleißig sein, wenn Sie sie auch des Nachts beaufsichtigen müssen. Ich möchte zu gern wissen –«

»Was?« fragte Carver in kühlem und herausforderndem Ton.

»Nun,« sagte Devine, »man sagt, man soll Heu machen, solange die Sonne scheint. Vielleicht machen Sie Honig, während der Mond scheint.«

Im Schatten des breitkrempigen Hutes blitzte es auf, man sah plötzlich das Weiße in des Mannes Augen.

»Vielleicht scheint der Mond heute nacht,« sagte er. »Aber ich warne Sie. Meine Bienen liefern nicht nur Honig, sie stechen auch.«

»Wollen Sie mitfahren oder nicht?« fragte der ungeduldige John. Aber Carver blieb fest auf seiner Weigerung bestehen, obschon er jetzt höflich wurde und die Taktik der dunklen Andeutungen, mit denen er Devines Fragen beantwortet hatte, aufgab.

»Ich kann unmöglich abkommen,« sagte er. »Habe einen Haufen zu schreiben. Vielleicht sind Sie aber so freundlich, meine Freunde einzuladen, wenn Sie unbedingt Begleitung haben wollen. Da kommen meine Freunde, Herr Smith und Pater Brown.«

»Selbstverständlich,« rief Bankes, »nur her mit ihnen!«

»Haben Sie vielen Dank für Ihre freundliche Einladung,« sagte Pater Brown, »aber ich werde wohl ablehnen müssen. Ich muß gleich zur Abendandacht.«

»Dann ist Herr Smith der Mann, den Sie suchen,« sagte Carver in einem fast ungeduldigen Ton. »Smith wird sich sicher sehr freuen, wenn er mal Auto fahren kann.«

Smith verzog zwar den Mund zu einem breiten Lachen, schien jedoch nicht die geringste Sehnsucht nach diesen und ähnlichen Lustbarkeiten zu haben. Er war ein rüstiger, kleiner, alter Mann. Er trug eine jener ehrbaren Perücken, die nicht natürlicher aussehen als ein Hut. Ihre gelbliche Färbung stach stark gegen sein blasses Gesicht ab. Er schüttelte den Kopf und antwortete mit liebenswürdiger Halsstarrigkeit:

»Ja, ich kann mich ganz gut erinnern, wie ich vor zehn Jahren einmal in einem solchen Karren von Holmgate, wo meine Schwester wohnt, hierher gefahren bin. Seitdem bringt mich kein Deubel mehr in einem solchen Ding über eine Landstraße. Da bin ich schön durcheinandergerüttelt worden, das kann ich Ihnen sagen.«

»Vor zehn Jahren!« rief John Bankes mit fachmännischer Überlegenheit. »Ebensogut können Sie sagen, daß Sie vor zweitausend Jahren mit einem Ochsenwagen gefahren sind. Glauben Sie, die Autos hätten seit zehn Jahren keine Veränderungen durchgemacht, und die Straßen wären noch in demselben Zustande wie damals? In meinem kleinen Wagen merken Sie gar nicht, daß die Räder herumgehen. Sie meinen, Sie flögen.«

»Ich bin überzeugt, daß Smith sehr gern mal fliegen möchte,« sagte Carver drängend. »Es ist der Traum seines Lebens. Los, Smith, fahren Sie nach Holmgate hinüber und machen Sie Ihrer Schwester einen Besuch. Sie wollten sie doch schon lange besuchen. Sie können ja die Nacht dableiben.«

»Da ich gewöhnlich nach Holmgate zu Fuß gehe, bleibe ich die Nacht meistens da,« bemerkte der alte Smith. »Es ist also nicht nötig, eigens den Herrn mit dem Auto zu inkommodieren.«

»Aber denken Sie doch, was für einen Spaß Ihre Schwester haben wird, wenn Sie im Auto ankommen!« rief Carver. »Sie sollten wirklich fahren. Seien Sie doch nicht so ein Egoist!«

»So ist's,« stimmte Bankes mit steigendem Wohlwollen zu. »Seien Sie kein Egoist. Es wird Ihnen keinen Schaden tun. Angst haben Sie doch nicht, wie?«

»Gut,« sagte Herr Smith mit grüblerischer Miene, »ich will kein Egoist sein, und ich glaube, Angst habe ich auch nicht. Wenn Sie die Sache so drehen, werde ich mitkommen.«

Die beiden fuhren ab. Die kleine zurückbleibende Gruppe winkte ihnen nach, und zwar scheinbar so fröhlich, daß dieser Abschied eher einem begeisterten Willkomm glich. Aber Devine und der Priester winkten nur aus Höflichkeit und fühlten beide, daß nicht die Abfahrt des Wagens, sondern Carvers entschiedene Geste das Ganze zu einer Abschiedsszene machte. Sie spürten an dieser Kleinigkeit die eigentümliche Kraft, die von der Persönlichkeit dieses Mannes ausging.

Sobald der Wagen außer Sicht war, wandte sich Carver ihnen zu und sagte mit einem Ton, der für eine Entschuldigung zu viel Nachdruck hatte, kurz und bündig: »So!«

Es war eine herzliche Aufforderung, die so ziemlich das Gegenteil einer Einladung war und etwa besagte: Nun macht, daß ihr wegkommt.

»Ich muß gehen,« sagte Devine. »Wir dürfen den eifrigen Bienenvater nicht stören. Ich glaube, ich weiß von Bienen sehr wenig, ich kann manchmal kaum eine Biene von einer Wespe unterscheiden.«

»Ich habe auch Wespen,« antwortete der geheimnisvolle Herr Carver.

Kaum waren sie auf der Straße, sagte Devine ziemlich impulsiv zu seinem Begleiter: »Eine merkwürdige Szene, meinen Sie nicht?«

»Ja,« erwiderte Pater Brown. »Und was halten Sie davon?«

Devine sah den kleinen Mann im schwarzen Rock an und entdeckte in dem Blick seiner großen grauen Augen eine gewisse Unruhe, die ihn veranlaßte, weiterzusprechen.

»Ich glaube,« sagte er, »daß Carver sehr darum zu tun war, das Haus heute nacht für sich allein zu haben. Ich weiß nicht, ob Sie ebenfalls solche argwöhnische Gedanken gehabt haben.«

»Ich mag vielleicht solche Gedanken haben,« erwiderte der Priester, »aber ich weiß nicht, ob sie sich in derselben Richtung bewegen wie die Ihrigen.«

Opal Bankes wanderte an diesem Abend, als das letzte Grau der Dämmerung im Garten zu schwarzer Dunkelheit wurde, in den finsteren leeren Zimmern umher. Ihre Gedanken waren noch mehr als sonst von der Wirklichkeit weg auf die Geisterwelt gerichtet, und ein aufmerksamer Beschauer hätte bemerkt, daß ihr bleiches Gesicht noch bleicher war als sonst. Obwohl das Haus mit gut bürgerlichem Luxus eingerichtet war, wirkte es doch im ganzen melancholisch und deprimierend. Es strömte jene sofort fühlbare Traurigkeit aus, die nicht so sehr von alten, als vielmehr veralteten Dingen ausgeht. Es war nicht etwa ein historisches Museum, sondern ein Sammelplatz aus der Mode gekommener Dinge, von Stilen und Ornamenten, die zeitlich gerade kurz genug zurückliegen, um als tot erkannt zu werden. Hier und dort brachten bunte Glasvasen aus der frühviktorianischen Zeit einen Farbschimmer in das Zwielicht. Die hohen Decken ließen die langen Zimmer schmal erscheinen, und am Ende des Raumes, durch den Opal Bankes jetzt gerade ging, war eines jener runden Fenster, die in den Häusern jener Zeit nicht ungewöhnlich sind. Als sie in die Mitte des Zimmers gekommen war, blieb sie plötzlich stehen – sie schwankte, als hätte eine unsichtbare Hand sie ins Gesicht geschlagen.

Einen Augenblick später hörte sie ein durch die geschlossenen Zimmertüren abgedämpftes Klopfen an der Haustür. Sie wußte, daß die übrigen Familienmitglieder in den oberen Stockwerken weilten, aber sie hätte den Grund, der sie veranlaßte, selbst die Haustür zu öffnen, nicht erklären können. Auf der Schwelle stand eine kleine, verschwommene Gestalt in Schwarz, die sie als den römisch-katholischen Priester namens Brown erkannte. Sie kannte ihn nur oberflächlich, hatte jedoch Sympathien für ihn. Er leistete ihren spiritistischen Neigungen keinen Vorschub, ganz im Gegenteil, aber er schob ihre Ansichten nicht mit einer Handbewegung als etwas Unwichtiges beiseite, sondern schenkte ihnen ernste Beachtung. Es war nicht so, daß er für ihre Meinungen keine Sympathie hatte, er hatte Sympathie, aber er war nicht mit ihnen einverstanden. All das war ihr dunkel gegenwärtig, als sie, ohne ihn zu begrüßen oder zu fragen, was ihn herführe, sagte:

»Ich bin froh, daß Sie gekommen sind. Ich habe einen Geist gesehen.«

»Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen,« sagte Pater Brown. »Das passiert oft. Die meisten Geister sind keine Geister, und die paar, die vielleicht echt sind, werden Ihnen nichts Böses tun. War es ein besonderer Geist?«

»Nein,« gestand sie mit einem vagen Gefühl der Erleichterung. »Die Erscheinung wirkte eigentlich gar nicht wie ein Geist, sie kam mir mehr vor wie die Verkörperung der Verwesung, wie eine Art leuchtenden Verfalls. Es war ein Gesicht. Ein Gesicht am Fenster. Aber es war bleich und bebrillt und sah aus wie das Bildnis des Judas.«

»Ja, es gibt Leute, die so aussehen,« sagte der Priester nachdenklich, »und sie blicken auch wohl zuweilen in Fenster hinein. Darf ich hereinkommen und mir das Zimmer einmal ansehen?«

Als sie mit dem Besucher in das Zimmer zurückkehrte, hatten sich jedoch schon andere Mitglieder der Familie dort versammelt, die mit Geistern nicht auf so vertrautem Fuße standen, und hatten das Licht angedreht. Frau Bankes gegenüber befleißigte sich Pater Brown konventionellerer Umgangsformen und entschuldigte sich wegen seines Eindringens.

»Ich fürchte, ich bin hier ziemlich unangemeldet eingedrungen,« sagte er. »Aber ich glaube, ich kann eine gute Entschuldigung dafür anführen. Ich war soeben bei Pulmans drüben, als ich angerufen und gebeten wurde, sofort hierherzugehen und hier auf einen Mann zu warten, der gleich erscheinen wird, um Ihnen eine für Sie immerhin wichtige Mitteilung zu machen. Eigentlich brauchte man mich nicht, aber meine Anwesenheit wird anscheinend gewünscht, weil ich über das, was im Hause Pulman passiert ist, aus eigener Anschauung berichten kann. In Wirklichkeit habe nämlich ich Alarm geschlagen.«

»Was ist passiert?« fragte die Dame des Hauses mehrmals.

»Es ist drüben ein Einbruch verübt worden,« sagte Pater Brown ernst, »bei dem, wie ich fürchte, Lady Pulmans Juwelen gestohlen worden sind. Und ihr unglücklicher Sekretär, Herr Barnard, ist erschossen im Garten aufgefunden worden. Der fliehende Einbrecher hat ihn offenbar niedergeknallt.«

»Jener Mann,« rief Frau Bankes aus. »Ich glaube, es war –«

Sie begegnete dem ernsten Blicke des Priesters und verlor plötzlich den Faden, weshalb, wußte sie nicht.

»Ich habe mich mit der Polizei und mit einer an diesem Fall interessierten Autorität in Verbindung gesetzt, und man hat mir mitgeteilt, daß schon bei einer oberflächlichen Prüfung Fußspuren und Fingerabdrücke gefunden worden sind, die mit anderen Kennzeichen auf einen wohlbekannten Verbrecher hinweisen.«

An diesem Punkte des Berichts brachte die Rückkehr John Bankes' eine kleine Störung. Die Autofahrt schien kein gutes Ende genommen zu haben. Der alte Smith schien doch kein erfreulicher Fahrgast gewesen zu sein.

»Hat zuletzt doch Angst bekommen, der feige Hund,« verkündete er mit lauter Entrüstung. »Ist ausgerissen, während ich einen Reifen untersuchte. So einen dummen Bauer werde ich noch mal mitnehmen –«

Aber seine Klagen konnten gegen das brennende Interesse, das Pater Browns Neuigkeiten hervorgerufen hatten, nicht aufkommen.

»Es wird gleich jemand erscheinen,« fuhr der Priester mit derselben ernsten Zurückhaltung fort, »der mich ablösen wird. Wenn ich Ihnen diesen Mann vorgestellt habe, werde ich meine Pflicht erfüllt haben. Ich muß nur noch sagen, daß mir ein Dienstmädchen im Hause Pulman erzählt hat, sie habe an einem Fenster ein Gesicht gesehen –«

»Auch ich habe hier im Hause vor einem Fenster ein Gesicht gesehen,« sagte Opal Bankes.

»Oh, du siehst immer Gesichter,« bemerkte ihr Bruder John grob.

»Es ist gut, wenn man Tatsachen ins Auge faßt, selbst wenn sie Gesichter sind,« sagte Pater Brown ruhig, »und ich glaube, das Gesicht, das Sie gesehen haben –«

Es klopfte draußen wieder, und eine Minute später erschien in der Tür des Zimmers eine neue Gestalt. Devine fuhr erstaunt hoch, als er sie erblickte.

Es war ein großer, straff aufgerichteter Mann mit einem langen, farblosen Gesicht, das in einem mächtigen Kinn endigte. Die kahle Stirn und die hellen blauen Augen waren früher von einem breitkrempigen Strohhut verdeckt worden.

»Bleibe jeder bitte ruhig sitzen,« sagte der Mann, der sich Carver nannte, klar und höflich. Aber für den armen verwirrten Devine hatte diese Höflichkeit eine verdächtige Ähnlichkeit mit der eines Briganten, der eine Gesellschaft mit der Pistole in Schach hält.

»Setzen Sie sich doch bitte, Herr Devine,« sagte Carver, »und wenn Frau Bankes es erlaubt, werde ich Ihrem Beispiel folgen. Ich muß Ihnen erklären, warum ich hier bin. Ich glaube, Sie hielten mich für einen hervorragenden und berühmten Einbrecher.«

»Ja,« sagte Devine grimmig, als hielte er ihn noch immer für eine bedeutende Persönlichkeit.

»Wie Sie selbst bemerken,« sagte Carver, »ist es nicht immer leicht, eine Wespe von einer Biene zu unterscheiden.«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Ich kann wohl von mir sagen, daß ich zu den nützlicheren, wenn auch ebenso lästigen Insekten gehöre. Ich bin Detektiv und habe mich hier aufgehalten, um nach dem Verbrecher, der den Namen Michael Mondschein führt, zu fahnden, denn man hatte uns berichtet, er habe seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Juwelendiebstähle waren seine Spezialität, und drüben im Hause Pulman ist gerade einer verübt worden, der nach allen äußeren Merkmalen sein Werk ist. Die Fingerabdrücke stimmen mit denen Mondscheins überein, und Sie wissen vielleicht auch, daß er, als er das letztemal festgenommen wurde, und wahrscheinlich auch schon bei früheren Gelegenheiten, sich auf einfache, aber wirksame Weise unkenntlich gemacht hatte, nämlich durch einen roten Bart und eine große Hornbrille.«

Opal Bankes lehnte sich mit brennenden Augen vor.

»So ein Gesicht habe ich gesehen!« rief sie aufgeregt. »Ein Gesicht mit einer großen Brille und einem roten, zerzausten Bart. Ich hielt es für einen Geist.«

»Das war derselbe Geist, den das Dienstmädchen bei Pulmans sah,« sagte Carver sarkastisch.

Er legte einige Papiere und Päckchen auf den Tisch und begann, sie sorgfältig auseinanderzufalten. »Wie gesagt,« fuhr er fort, »ich wurde hierhergeschickt, um Nachforschungen über den Verbrecher Mondschein anzustellen. Darum habe ich mich für die Bienenzucht interessiert und bin zu Herrn Smith gezogen.«

Es trat Schweigen ein, das Devine mit den Worten unterbrach: »Sie wollen doch wohl nicht im Ernst behaupten, daß dieser brave alte Mann –«

»Herr Devine,« sagte Carver lächelnd, »Sie glaubten, ein Bienenstand sei nur ein Versteck für mich. Warum sollte er kein Versteck für ihn sein?«

Devine nickte düster vor sich hin, und der Detektiv wandte sich wieder seinen Papieren zu. »Da ich Smith im Verdacht hatte, wollte ich ihn aus dem Hause haben, um seine Sachen durchsuchen zu können. Darum kam mir Herrn Bankes' Einladung sehr zustatten, und darum ermunterte ich Herrn Smith so, mitzufahren. Bei der Durchsuchung seines Hauses fand ich einige Sachen, die man bei einem alten, nur für Bienenzucht interessierten Landmann nicht hätte vermuten sollen. Unter anderem habe ich dies hier gefunden.«

Er zog aus dem Papier einen langen haarigen, fast scharlachroten Gegenstand hervor – einen Bart, wie er wohl auf der Bühne getragen wird.

Daneben lag eine alte schwere Hornbrille.

»Aber ich fand auch etwas,« fuhr Carver fort, »das in engerer Beziehung zu diesem Hause steht und mein Eindringen entschuldigen möge. Ich fand eine Aufstellung über die in der Nachbarschaft vorhandenen Juwelen und ihren mutmaßlichen Wert. Gleich nach Lady Pulmans Tiara wird eines im Besitz von Frau Bankes befindlichen Smaragdhalsschmucks Erwähnung getan.«

Frau Bankes, die bis jetzt die späten Besucher mit einem Ausdruck hochmütigen Staunens betrachtet hatte, wurde plötzlich aufmerksam. Sie sah sofort zehn Jahre älter und viel intelligenter aus. Aber bevor sie etwas sagen konnte, hatte sich der stürmische John wie ein trompetender Elefant zu seiner vollen Höhe aufgereckt.

»Und die Tiara ist bereits futsch,« brüllte er. »Da muß ich doch mal nachsehen, ob der Halsschmuck noch da ist.«

»Kein schlechter Gedanke,« sagte Carver, als der junge Mann aus dem Zimmer stürzte, »wenn wir auch, seitdem wir hier sind, unsere Augen offengehalten haben. Aber die Entzifferung der chiffrierten Aufstellung nahm mir ein bißchen Zeit weg. Als Pater Brown mich anrief, war ich gerade fertig. Ich bat ihn, sich sofort hierher zu begeben und Sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen, und so –«

Er wurde durch einen Schrei unterbrochen. Opal war aufgesprungen und zeigte starr auf das runde Fenster.

»Da ist es wieder!« rief sie.

Einen Augenblick lang sahen sie alle etwas – etwas, das die junge Dame von der manchmal gegen sie erhobenen Beschuldigung, sie sei eine Lügnerin und Hysterikerin, reinigte. Aus der schieferblauen Dunkelheit draußen hob sich ein bleiches Gesicht von den Scheiben ab oder war vielmehr weiß gegen sie gepreßt. Die großen, wie mit Ringen umgebenen starren Augen ließen es beinahe wie einen großen Fisch erscheinen, der aus dem schwarzblauen Meer durch die Pfortenöffnung eines Schiffes glotzt. Aber die Kiemen und Flossen des Fisches waren kupferrot, sie waren in Wirklichkeit weiter nichts als ein brennend roter Bart. Im nächsten Augenblick war das Gesicht verschwunden.

Devine hatte gerade einen Schritt auf das Fenster zu getan, als ein markerschütternder Schrei durch das Haus dröhnte. Man konnte kaum glauben, daß eine menschliche Stimme einer solchen Tonfülle mächtig war. Dieser Schrei genügte, um Devine aufzuhalten, der sofort wußte, was geschehen war.

»Der Halsschmuck ist gestohlen!« brüllte John Bankes. Er füllte einen Augenblick groß und mächtig die Tür aus und verschwand gleich wieder wie ein Jagdhund, der die Fährte aufnimmt.

»Der Dieb war gerade am Fenster!« rief der Detektiv und stürzte auf die Tür zu hinter John her, der bereits im Garten war.

»Vorsicht!« kreischte Frau Bankes. »Diebe haben Waffen bei sich.«

»Ich auch!« kam die Stimme des furchtlosen John aus der Tiefe des Gartens.

Tatsächlich hatte Devine bemerkt, daß der junge Mann drohend einen Revolver in der Hand schwang, als er hinausstürmte, hoffte aber, er würde nicht nötig haben, sich zu verteidigen. Aber kaum war ihm dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, als zwei Schüsse ertönten, kurz nacheinander, als wenn zuerst der eine und dann der andere geschossen hätte. Der stille Vorstadtgarten hallte von dem Knall wider, worauf von neuem tiefe Stille eintrat.

»Ist John tot?« fragte Opal leise mit zitternder Stimme.

Pater Brown war bereits tiefer in den dunklen Garten vorgedrungen, er stand, den Rücken dem Hause zugewandt, ruhig da und sah auf den Boden nieder. Er gab auf ihre Frage Antwort.

»Nein,« sagte er, »es ist der andere.«

Carver war zu ihm getreten, die beiden Männer, von denen einer den anderen weit überragte, entzogen den übrigen einen Anblick, den ihnen der bleiche, ab und zu hinter den jagenden Wolken hervorbrechende Mondschein ohnehin schwer genug gewährt hätte. Dann traten sie zur Seite, und die anderen sahen eine kleine hagere Gestalt, die sich im letzten Todeskrampf gekrümmt zu haben schien. Der falsche rote Bart war wie im Zornesflackern zum Himmel gerichtet, und der Mond schien auf die großen Brillengläser des Mannes, der zu seinen Lebzeiten den Namen Mondschein geführt hatte.

»Was für ein Ende!« murmelte der Detektiv Carver. »Nach so vielen Abenteuern fast zufällig von einem Effektenmakler in einem Vorstadtgarten erschossen zu werden!«

Der glorreiche Schütze selbst jedoch genoß seinen Triumph mit größerer Feierlichkeit, wenn er auch seine Nervosität nicht verbergen konnte.

»Es blieb mir nichts anderes übrig,« sagte er, noch vor Aufregung keuchend. »Es tut mir leid, aber er schoß zuerst auf mich.«

»Es wird natürlich eine gerichtliche Untersuchung stattfinden,« sagte Carver ernst. »Aber ich glaube, Sie können ihr ruhig entgegensehen. Aus dem ihm entfallenen Revolver ist ein Schuß abgefeuert, und er hat sicher nicht geschossen, als er Ihre Kugel im Leib hatte.«

Als diese Worte gewechselt wurden, waren sie schon wieder im Zimmer versammelt, und der Detektiv packte seine Sachen zusammen, um fortzugehen. Pater Brown stand ihm gegenüber und blickte, wie in tiefes Nachdenken versunken, auf den Tisch. Dann sagte er plötzlich:

»Herr Carver, Sie haben sicher einen sehr schwierigen Fall meisterhaft analysiert. Ich habe geahnt, was Sie für einen Beruf hatten, aber ich habe niemals gedacht, daß Sie alles so schnell zu einem einheitlichen Bilde zusammenfügen würden – die Bienen, den Bart, die Brille, die chiffrierte Aufstellung, den Halsschmuck und alles andere.«

»Es ist immer befriedigend, wenn man einen Fall richtig abrundet,« bemerkte Carver.

»Ja,« sagte Pater Brown, noch immer auf den Tisch sehend. »Ich kann nicht umhin, Ihnen meine Bewunderung auszudrücken.« Dann setzte er mit einer an Nervosität grenzenden Zurückhaltung hinzu: »Ich muß Ihnen jedoch sagen, daß ich kein Wort davon glaube.«

»Wollen Sie sagen, Sie glauben nicht, daß der Mann draußen der Einbrecher Mondschein ist?« fragte Devine mit plötzlich erwachtem Interesse.

»Daß er der Einbrecher ist, weiß ich, aber er ist nicht eingebrochen,« antwortete Pater Brown. »Ich weiß, daß er weder zum Hause Pulman, noch hierher gekommen ist, um Juwelen zu stehlen oder sich bei ihrem Fortschaffen erschießen zu lassen. Wo sind die Juwelen?«

»Wo sie gewöhnlich in solchen Fällen sind,« sagte Carver. »Er hat sie entweder versteckt oder sie einem Komplizen übergeben. An dieser Sache waren mehrere beteiligt. Meine Leute durchsuchen jetzt den Garten und warnen die Nachbarn.«

»Vielleicht,« äußerte Frau Bankes, »hat der Komplize den Halsschmuck gestohlen, während Mondschein zum Fenster hineinsah.«

»Warum sah Mondschein zum Fenster hinein?« fragte Pater Brown ruhig. »Warum hätte er zum Fenster hineinsehen sollen?«

»Was glauben Sie denn?« rief John, der seine gute Laune wiedergefunden zu haben schien.

»Ich glaube,« sagte Pater Brown, »daß er niemals den Wunsch gehabt hat, zum Fenster hineinzusehen.«

»Warum hat er dann hineingesehen?« fragte Carver. »Was hat es für einen Zweck, so in die Luft zu reden? Die ganze Sache hat sich doch vor unseren Augen abgespielt.«

»Ich habe viele Sachen gesehen, die sich vor meinen Augen abgespielt haben, und die ich doch nicht geglaubt habe,« erwiderte der Priester. »Auch Sie haben solche Sachen gesehen, auf der Bühne und im Leben.«

»Pater Brown,« sagte Devine respektvoll, »wollen Sie uns sagen, warum Sie Ihren Augen in diesem Falle nicht glauben können?«

»Ja, ich will es versuchen,« antwortete der Priester und sagte dann mit großer Milde: »Sie kennen mich und meinesgleichen. Wir kümmern uns nicht viel um Ihre Angelegenheiten. Wir versuchen, mit allen unseren Mitmenschen gut auszukommen. Aber Sie dürfen deshalb noch nicht denken, daß wir nichts tun und nichts kennen. Wir beschränken uns auf unseren Beruf, aber den kennen wir, und wir kennen auch unsere Leute. Den toten Mann da draußen kannte ich in der Tat sehr gut, ich war sein Beichtvater und sein Freund. Soweit es einem Menschen überhaupt möglich ist, kannte ich sein Inneres bis zu dem Zeitpunkte, wo er seinen Garten verließ, und sein Inneres war wie ein gläserner Bienenkorb voll goldener Bienen. Wenn man sagen würde, seine Bekehrung war aufrichtig, so hätte man nicht genug gesagt. Er war einer jener großen Büßer, die aus der Reue mehr herausholen als andere aus ihrer Tugend. Ich sage, ich war sein Beichtvater, aber ich war es, der zu ihm ging, um mir Trost und Mut zu holen. Es tat mir gut, in der Nähe eines so guten Mannes zu sein. Und als ich ihn tot im Garten liegen sah, schien es mir, als ob gewisse merkwürdige, früher gesprochene Worte über ihn in mein Ohr schallten. Es wäre durchaus möglich gewesen, denn wenn jemals ein Mann stracks in den Himmel einging, so könnte er es sein.«

»Hol's der Teufel,« sagte John Bankes nervös, »er war schließlich doch ein überführter Dieb.«

»Ja,« sagte Pater Brown, »und nur ein überführter Dieb hat jemals auf dieser Welt die Versicherung gehört: Noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein.«

Niemand konnte mit dem Schweigen, das hierauf folgte, etwas anfangen, bis Devine schließlich sagte:

»Aber wie in aller Welt würden Sie sich die Sache erklären?«

Der Priester schüttelte den Kopf. »Ich kann sie mir noch nicht ganz erklären,« sagte er einfach. »Ich sehe einige sonderbare Dinge, aber ich verstehe sie nicht. Bis jetzt habe ich, um die Unschuld des Mannes zu beweisen, nichts als den Mann selbst. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß ich mich nicht irre.«

Er tat einen Seufzer und griff nach seinem großen schwarzen Hut. Er blieb mit dem Hut in der Hand stehen und sah wieder auf den Tisch, aber sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert, er hatte gleichsam einen neuen Kopf auf, den er aus dem Hut hervorgezaubert zu haben schien. Aber die anderen sahen auf dem Tische nichts als die Dokumente des Detektivs, den alten Theaterbart und die Brille.

»Merkwürdig,« murmelte Pater Brown, »nun liegt er tot draußen, in Bart und Brille.« Er ging plötzlich auf Devine zu. »Darüber denken Sie einmal nach, wenn Sie Klarheit haben wollen. Warum hatte er zwei Bärte?«

Damit verließ er in seiner unkonventionellen Art das Zimmer. Aber Devine wurde jetzt von Neugierde verzehrt und folgte ihm in den Garten.

»Ich kann Ihnen jetzt noch nichts sagen,« beruhigte ihn Pater Brown. »Ich bin mir noch nicht ganz im klaren und weiß nicht, was ich tun soll. Suchen Sie mich morgen auf, dann kann ich Ihnen vielleicht die ganze Sache erklären. Für mich ist das Rätsel vielleicht jetzt schon gelöst – haben Sie das Getöse gehört?«

»Ein abfahrendes Auto,« bemerkte Devine.

»Das Auto des Herrn John Bankes,« sagte der Priester. »Ich glaube, es fährt sehr schnell.«

»Der Meinung ist er wohl auch,« sagte Devine lächelnd.

»Es wird heute nacht sehr schnell und sehr weit fahren,« fuhr Pater Brown fort.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der andere.

»Ich will damit sagen, daß John Bankes nicht zurückkehren wird,« erwiderte der Priester. »Er hat aus meinen Worten Verdacht geschöpft. John Bankes ist fort, und mit ihm sind die Smaragden und die anderen Juwelen verschwunden.«

Am nächsten Tage sah Devine Pater Brown vor den Bienenkörben auf und ab gehen. Der Priester trug bei all seiner Traurigkeit eine gewisse Heiterkeit zur Schau.

»Ich habe die Bienen gezählt,« sagte er. »Sie wissen doch, daß man die Bienen zählen muß?« Mit einem plötzlichen Übergang fügte er dann hinzu: »Er würde es gern sehen, wenn man für die Bienen sorgte.«

»Ich hoffe doch, er will die menschlichen Wesen nicht ganz zurückgesetzt sehen, besonders, wenn der ganze Schwarm vor Neugierde summt,« bemerkte der junge Mann. »Sie hatten ganz recht, als Sie sagten, daß Bankes mit den Juwelen davon ist, aber ich kann mir nicht denken, wie Sie das wußten oder überhaupt darauf kamen, daß die Sache nicht ganz stimmte.«

Pater Brown blinzelte wohlgefällig zu den Bienenkörben hin und sagte:

»Man stolpert sozusagen über solche Dinge, und gleich im Anfang lag so ein Stein des Anstoßes im Wege. Der Tod des armen Barnard gab mir zu denken. Selbst zur Zeit, als Michael ein Meistereinbrecher war, rechnete er es sich zur Ehre an oder fand sogar eine Befriedigung der Eitelkeit darin, seine Einbrüche ohne Opferung von Menschenleben zu bewerkstelligen. Es schien mir ganz undenkbar zu sein, daß er jetzt, wo er ein Heiliger geworden war, seine Grundsätze verleugnen und die Sünde begehen sollte, die er verabscheut hatte, als er noch ein Sünder war. Über das andere war ich mir bis zuletzt nicht im klaren, ich wußte nur, daß die Sache so nicht stimmen konnte. Dann ging mir schließlich ein Licht auf, als ich den Bart und die Brille sah und daran dachte, daß der Dieb auch einen solchen Bart und eine solche Brille trug. Nun war es ja wohl möglich, daß er die Sachen doppelt besaß, aber es war doch merkwürdig, daß er nicht den alten Bart und die alte Brille benützt hatte, die doch beide in gutem Zustande waren. Es war auch möglich, daß er sie zu Hause gelassen hatte und sich neue verschaffen mußte, aber es war unwahrscheinlich. Niemand konnte ihn zwingen, in Bankes' Auto zu steigen. Wenn er wirklich einbrechen wollte, hätte er ja seine Ausrüstung leicht in die Tasche stecken können. Er mußte sich doch sagen, daß er sich nicht so leicht einen solchen Bart und eine solche Brille in der vorhandenen Zeit würde beschaffen können.

Nein, je mehr ich über diesen Punkt nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß hier etwas nicht stimmen konnte. Und dann begann mir die Wahrheit, die ich bereits instinktiv kannte, auch verstandesmäßig aufzudämmern. Als er zu Bankes in den Wagen stieg, hatte er durchaus nicht die Absicht, die Verkleidung anzulegen. Er hat sie niemals angelegt. Das hat ein anderer getan, der sie vorher in aller Ruhe nachgemacht hatte.«

»Ein anderer soll sie ihm angelegt haben?« rief Devine erstaunt. »Wie hätte er denn das fertigbringen sollen?«

»Lassen Sie uns zurückgehen,« sagte Pater Brown, »und uns die Sache mal durch ein anderes Fenster betrachten – das Fenster, durch das die junge Opal Bankes den Geist sah.«

»Den Geist!« wiederholte der andere verwundert.

»Sie hielt ihn für einen Geist,« sagte der kleine Geistliche ruhig, »und vielleicht hatte sie gar nicht so unrecht. Daß sie ein Medium ist, stimmt. Sie irrt nur darin, daß sie glaubt, der Mediumismus wäre bloß vergeistigten Naturen eigen. Es gibt Tiere, die mediumistisch veranlagt sind. Jedenfalls ist sie sehr sensitiv, und sie hatte das richtige Gefühl, daß das Gesicht am Fenster von schrecklichem Todesgrauen umwittert war.«

»Wollen Sie sagen –,« begann Devine.

»Ich will sagen, daß eine Leiche zum Fenster hineingeschaut hat,« sagte Pater Brown. »Es war ein Toter, der um mehr als ein Haus gekrochen ist und nicht nur in ein Fenster geblickt hat. Schauerlich, wie? Aber es war eigentlich das Gegenteil eines Geistes, denn es war nicht die von körperlichen Banden befreite Seele, sondern die leere Grimasse des von der Seele losgelösten Körpers.«

Er blinzelte wieder zu den Bienenkörben hin und fuhr fort: »Aber die kürzeste Erklärung läßt sich wohl geben, wenn man vom Täter ausgeht. Sie kennen den Täter. John Bankes.«

»Das wäre der letzte gewesen, an den ich gedacht hätte,« sagte Devine.

»Er war der erste, an den ich dachte,« fuhr Pater Brown fort, »soweit man überhaupt ein Recht hat, bei einer solchen Sache an jemanden zu denken. Mein lieber Freund, es gibt keine guten oder schlechten sozialen Typen oder Berufe. Jeder Mensch kann ein Mörder sein wie der arme John, jeder Mensch, sogar derselbe Mensch, kann ein Heiliger sein wie der arme Michael. Aber wenn es einen Typus gibt, der in Gefahr gerät, nach der schlimmsten Gottlosigkeit hinzuneigen, so ist es die Art Menschen, die einem rücksichtslosen und brutalen Geschäftsgeist verfallen sind. Sie haben keine sozialen Ideale, von Religion ganz abgesehen, sie haben weder die Kultur eines Gentlemans noch das Klassengefühl eines organisierten Arbeiters. Wenn John Bankes sich rühmte, gute Geschäfte gemacht zu haben, so bedeutete das bei ihm nur, daß er andere übers Ohr gehauen hatte. Sein Spott über die mystischen Neigungen seiner Schwester war abscheulich. Ihr Mystizismus war Unsinn, aber er haßte nur die geistige Grundstimmung, die dem zugrunde lag. Jedenfalls hat er sich als Schurke ausgezeichnet. Es war wirklich ein neues und einzigartiges Motiv für einen Mord. Er mordete, um den Körper als Staffage, als eine Art schrecklicher Geisterpuppe zu gebrauchen. Er hatte schon lange den Plan, Michael im Auto zu töten, bloß um ihn heimzubringen und nachher so zu tun, als habe er ihn als Einbrecher im Garten getötet. Die ganze weitere phantastische Ausschmückung des Planes folgte ganz natürlich aus dieser ersten Tatsache, daß er nachts in einem geschlossenen Auto den Leichnam eines bekannten und erkennbaren Einbrechers zu seiner Verfügung hatte. Er konnte dessen Fußspuren und Fingerabdrücke hinterlassen, er konnte am Fenster das bekannte Gesicht eines Einbrechers zeigen. Sie werden sich erinnern, daß Mondschein dann am Fenster erschien und verschwand, als Bankes das Zimmer verließ, um angeblich nach dem Halsschmuck zu sehen.

Schließlich brauchte er nur den Leichnam auf den Rasen zu werfen und aus jedem Revolver einen Schuß abzufeuern. Die Wahrheit wäre vielleicht nie herausgekommen, wenn nicht die zwei Bärte Verdacht erregt hätten.«

»Warum hat Ihr Freund Michael den alten Bart behalten?« fragte Devine nachdenklich, »das scheint mir der Aufklärung zu bedürfen.«

»Mir, der ich ihn kannte, erscheint das ganz natürlich,« erwiderte Pater Brown. »Seine ganze Haltung war ähnlich wie die Perücke, die er trug. Er trug sie nicht, um etwas vorzutäuschen. Er brauchte die alte Verkleidung nicht mehr, aber er hatte auch keine Angst vor ihr, es wäre ihm falsch erschienen, den falschen Bart zu zerstören. Es wäre gewesen, als hätte er sich versteckt, und er versteckte sich nicht, weder vor Gott, noch vor sich selbst. Er stand im hellen Tageslicht. Wenn man ihn ins Zuchthaus zurückgebracht hätte, wäre er nicht um eine Spur weniger zufrieden gewesen. Das Urteil der Menschen konnte ihm nichts mehr anhaben. Es ging ein sehr seltsamer Eindruck von ihm aus, fast so seltsam wie der groteske Totentanz, in den er nach seinem Tode hineingezogen wurde. Wenn er sich lächelnd hier zwischen den Bienenkörben bewegte, selbst dann war er, in einem sehr strahlenden und leuchtenden Sinne, tot. Er war dem Urteil dieser Welt entzogen.«

Es trat eine kurze Pause ein, dann zuckte Devine die Schultern und sagte: »Ja, das Schlimme ist eben, daß sich die Bienen und Wespen in dieser Welt sehr gleich sehen.«

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