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Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
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Der zertrümmerte Spiegel

James Bagshaw und Wilfred Underhill waren alte Freunde und streiften beide zu nächtlicher Zeit gern draußen umher, wobei sie in dem stillen und wie ausgestorbenen Vorstadtviertel, in dem sie wohnten, Straße auf Straße in unendlichem Gespräch durchbummelten. Der erstere, ein großer, brünetter, gutmütiger Mann mit schwarzem Schnurrbartstreifen, war von Beruf Polizeidetektiv, der letztere, ein blonder Mensch mit scharfgeschnittenem Gesicht und lebhaftem Blick, spielte gern den Amateurdetektiv. Die Leser der besten wissenschaftlichen Detektivromane werden mit Entrüstung vernehmen, daß der Polizist das Wort führte und der Amateur zuhörte, sogar mit einem gewissen Respekt.

»Unser Beruf ist der einzige,« sagte Bagshaw, »in dem nach allgemeiner Annahme der Fachmann sich nicht auf sein Geschäft versteht. Zum Kuckuck noch mal, kein Mensch schreibt Erzählungen, in denen Friseure vorkommen, die keine Haare schneiden können und sich von einem Kunden helfen lassen müssen, oder in denen sich ein Chauffeur von seinem Fahrgast erst in die Philosophie des Autofahrens einführen lassen muß. Trotzdem leugne ich nicht, daß wir oft die Neigung haben, uns in ausgefahrenen Geleisen fortzubewegen, oder, mit anderen Worten, alle Nachteile haben, die ein Vorgehen nach bestimmten Regeln mit sich bringt. Die Romanschreiber tun uns jedoch darin unrecht, daß sie uns nicht einmal die Vorteile zuerkennen, die eine solche Methode gewährt.«

»Sicher,« sagte Underhill, »würde Sherlock Holmes sagen, daß für ihn die logische Folgerichtigkeit Regel und Richtschnur war.«

»Da mag er recht haben,« antwortete der andere, »aber ich meine eine für viele Personen bindende Regel. Unsere Arbeit gleicht der eines Armeestabes. Viele kleine Mitteilungen laufen zusammen und kommen allen zugute.«

»Und du meinst, Detektivgeschichten übersähen diesen Punkt?« fragte sein Freund.

»Denken wir uns nur mal einen beliebigen Fall, in dem Sherlock Holmes und Lestrade, der Polizeidetektiv, eine Rolle spielen. Sherlock Holmes, sagen wir, sieht auf den ersten Blick, daß ein gänzlich fremder Mensch, der die Straße überquert, ein Ausländer ist, nur weil er zu erwarten scheint, daß rechts anstatt links gefahren wird. Ich will gern zugeben, daß Holmes diese Beobachtung machen kann. Ich bin überzeugt, daß Lestrade nichts dergleichen bemerken würde. Aber man läßt die Tatsache aus, daß der Polizist den Fremden wahrscheinlich bereits kennt. Lestrade könnte wissen, daß der Mann ein Ausländer ist, nur weil seine Abteilung die Ausländer zu überwachen hat. Einige würden sagen, daß sich diese Überwachung auch auf alle Einheimischen erstreckt. Als Polizist freue ich mich, daß die Polizei so viel weiß, denn jeder will seinen Beruf gut ausüben. Aber als Bürger frage ich mich mitunter, ob die Polizei nicht zu viel weiß.«

»Du willst doch wohl nicht im Ernst behaupten,« sagte Underhill ungläubig, »daß du über fremde Leute in einer fremden Straße Bescheid weißt? Wenn jetzt ein Mann aus dem Hause da drüben käme, würdest du ihn vielleicht kennen?«

»Wenn er der Hausherr wäre, gewiß,« antwortete Bagshaw. »Das Haus ist von einem Literaten gemietet, einem Anglo-Rumänen, der gewöhnlich in Paris lebt, aber jetzt in England, um wegen der Aufführung eines Theaterstückes zu verhandeln. Er ist einer der neuen Dichter und ziemlich schwer zu lesen, glaube ich. Er heißt Osric Orm.«

»Na ja, das ist einer, aber alle Leute an der Straße meine ich. Ich dachte gerade, wie fremd, neu und namenlos hier alles aussieht, diese hohen kahlen Mauern und diese in großen Gärten einsam stehenden Häuser. Du kannst doch nicht alle kennen.«

»Ein paar kenne ich,« antwortete Bagshaw. »Diese Gartenmauer, an der wir entlanggehen, schließt das Besitztum Sir Humphrey Gwynnes ab, der besser unter dem Namen Richter Gwynne bekannt ist; der alte Richter, weißt du, der während des Krieges solch ein Spionenriecher war. Das nächste Haus gehört einem reichen Zigarrengroßhändler, der aus Südamerika kommt und sehr bräunlich und spanisch aussieht, obwohl er den gut englischen Namen Buller führt. Das übernächste Haus – hast du gehört?«

»Ich habe zwar etwas gehört,« sagte Underhill, »aber ich weiß wirklich nicht, was es war.«

»Ich weiß, was es war,« erwiderte der Detektiv, »zwei Schüsse aus einem ziemlich schweren Revolver, auf die ein Hilfeschrei folgte. Und der Knall kam aus dem Garten des Richters Gwynne, diesem Paradies des Friedens und der gesetzlichen Ordnung.«

Er blickte die Straße scharf auf und ab und setzte dann hinzu:

»Und der einzige Zugang zum Garten befindet sich eine halbe Meile weit auf der anderen Seite. Ich wünschte, diese Mauer wäre ein bißchen niedriger, oder ich ein bißchen leichter, aber wir wollen mal sehen, ob es nicht geht.«

»Etwas weiter vorn ist sie niedriger,« sagte Underhill, »und ein Baum, der dort steht, kann uns vielleicht gute Dienste leisten.«

Sie liefen schnell die Mauer entlang und kamen an eine Stelle, wo sich ihre Höhe plötzlich beträchtlich verminderte, fast als wäre die Mauer halb in die Erde gesunken. Ein in prächtigster Blüte stehender und im Lichte einer einsamen Straßenlaterne glitzernder Baum ragte mit einem niederhängenden Aste aus dem dunklen Garten auf die Straße hinüber. Bagshaw faßte den Ast und schwang sich mit einem Bein über die Mauer, und im nächsten Augenblick standen sie knietief in den geknickten Blumen eines Beetes.

Der Garten des Richters Gwynne gewährte zur Nachtzeit ein eigenartiges Schauspiel. Der große Garten lag am Ende der Vorstadt im Schatten eines großen dunklen Hauses. Das Haus war stockdunkel, die Fensterläden waren geschlossen, kein Lichtschimmer war zu sehen, wenigstens nicht auf der dem Garten zugekehrten Seite. Aber der Garten selbst, der eigentlich im Schatten dieses dunklen Hauses in absoluter Dunkelheit hätte daliegen sollen, zeigte hier und da ein Leuchten und ein Glitzern, wie man es bei einem niedergehenden Feuerwerk sieht, es sah aus, als wäre eine erlöschende Riesenrakete in die Bäume gefallen. Als sie weiter vorgingen, sahen sie, daß dieses Licht von verschiedenen buntfarbigen Lampen herrührte, die wie Aladins Edelsteinfrüchte in den Zweigen hingen, und besonders von einem kleinen runden See oder Teiche, der in gedämpften Farben glitzerte, als brenne eine Lampe tief unter ihm.

»Gibt er ein Gartenfest?« fragte Underhill. »Der Garten scheint illuminiert zu sein.«

»Nein,« antwortete Bagshaw. »Es ist eine Liebhaberei von ihm, die er, glaube ich, mit besonderer Vorliebe betreibt, wenn er allein ist. In dem Häuschen oder der Hütte da drüben, wo er arbeitet, hat er eine kleine elektrische Station eingerichtet. Buller, der ihn gut kennt, sagt, die farbigen Lampen seien meistens ein Zeichen, daß er nicht gestört sein will.«

»Sehen eher aus wie Notsignale,« warf Underhill ein.

»Mein Gott! Ich fürchte, es sind wirklich Notsignale!« Und Bagshaw begann plötzlich zu laufen.

Einen Augenblick später sah Underhill, auf welches Ziel er zulief. Der bleiche Lichtring, der wie der Hof des Mondes um die schräg zum Wasser abfallenden Ufer des Teiches lag, wurde von zwei schwarzen Streifen durchbrochen, die sich bald als die langen, schwarzen Beine eines kopfüber ins Wasser gestürzten Menschen erwiesen. Der Kopf lag im Wasser.

»Komm,« rief der Detektiv, »das sieht mir gerade so aus wie –«

Seine Stimme verlor sich in der Luft. Er lief in gerader Richtung über den schwach in dem künstlichen Lichte leuchtenden Rasen auf den Teich und die gestürzte Gestalt zu. Underhill lief in derselben geraden Richtung hinter ihm her, als sich etwas ereignete, das ihn im ersten Augenblick höchst verdutzt machte. Bagshaw, der wie eine Kugel in gerader Linie auf die schwarze Gestalt losschoß, schlug plötzlich einen scharfen Haken und lief mit noch größerer Schnelligkeit auf das im Schatten liegende Haus zu. Underhill konnte sich nicht denken, warum er die Richtung geändert hatte. Im nächsten Augenblick, als der Detektiv im Schatten des Hauses verschwunden war, hörte man aus der Dunkelheit ein Aufeinanderprallen und einen Fluch, und Bagshaw kehrte zurück, einen kleinen, sich heftig sträubenden, rothaarigen Mann hinter sich herziehend. Der Gefangene hatte sich offenbar auf das Haus zu geflüchtet, als die wachsamen Ohren des Detektivs ihn wie einen Vogel in den Büschen rascheln hörten.

»Underhill,« sagte der Detektiv, »lauf vor und sieh, was mit dem Manne ist, der da am Teiche liegt. Und nun, wer sind Sie?« fragte er stehenbleibend. »Wie heißen Sie?«

»Michael Flood,« sagte der Fremde schnippisch. Es war ein unnatürlich magerer kleiner Mann mit einer für sein Gesicht viel zu großen Adlernase. Sein Gesicht war, mit seinem gelblichroten Haar verglichen, farblos wie Pergament. »Ich habe hiermit nichts zu tun. Ich fand ihn tot am Teiche liegen und war so erschrocken, daß ich weglief. Ich wollte ihn nur für eine Zeitung interviewen.«

»Steigen Sie, wenn Sie bei berühmten Leuten um ein Interview nachsuchen, gewöhnlich über die Gartenmauer?« fragte Bagshaw.

Er zeigte mit grimmiger Miene auf eine Reihe Fußspuren, die von dem Blumenbeet an der Mauer herkamen und wieder in dieselbe Richtung zurückführten.

Der Mann namens Flood machte eine ebenso grimmige Miene.

»Warum soll ein Interviewer nicht mal über die Mauer steigen?« sagte er. »Ich habe an der Haustür geläutet, aber es meldete sich niemand. Der Diener war ausgegangen.«

»Woher wissen Sie das?« fragte der Detektiv argwöhnisch.

»Weil ich,« sagte Flood mit fast unnatürlicher Ruhe, »nicht die einzige Person bin, die über Gartenmauern steigt. Es ist sogar möglich, daß Sie selbst meinem Beispiel gefolgt sind, den Diener jedenfalls habe ich an der anderen Seite des Gartens direkt beim Tor soeben über die Mauer steigen sehen.«

»Warum ging er denn nicht durchs Tor?« fragte der Detektiv im Verhörstil weiter.

»Wie soll ich das wissen?« entgegnete Flood. »Wahrscheinlich, weil es geschlossen war. Aber Sie sollten lieber ihn fragen, nicht mich. Er muß jetzt dicht beim Hause sein.«

Wirklich hob sich in der bunten Dämmerung schattenhaft noch eine andere Gestalt ab, ein gedrungener, dickköpfiger Kerl in einer ziemlich schäbigen Livree, als deren hervorstechendster Teil eine rote Weste sichtbar wurde. Er kam sehr zögernd näher, und allmählich kam sein dickes, gelbes Gesicht zum Vorschein, es hatte etwas Asiatisches an sich, und diesem Eindruck entsprach auch sein glattes, blauschwarzes Haar.

Bagshaw drehte sich plötzlich nach dem Manne mit Namen Flood um. »Ist hier jemand in der Nähe,« fragte er, »der Ihre Identität bezeugen kann?«

»Meine Bekannten sind spärlich gesät,« brummte Flood. »Ich bin erst vor kurzem von Irland gekommen. Der einzige, den ich hier in der Nähe kenne, ist der Priester an der St.-Dominikus-Kirche – Pater Brown.«

»Niemand darf dies Grundstück verlassen,« sagte Bagshaw, und zum Diener: »Aber Sie können ins Haus gehen und die St.-Dominikus-Pfarrei anrufen. Fragen Sie Pater Brown, ob er so gut sein würde, sofort hierherzukommen. Aber lassen Sie sich ja zu keinen Dummheiten verleiten.«

Während der energische Detektiv die beiden Gefangenen, die zwar keinen Fluchtversuch machten, aber immerhin doch einen machen konnten, bewachte, war sein Begleiter zu der Stelle geeilt, an der sich die Tragödie abgespielt hatte. Es bot sich ihm ein höchst seltsamer Anblick dar, und wäre der Eindruck nicht so tragisch gewesen, hätte die ganze Szene höchst phantastisch gewirkt. Der Tote (denn es erwies sich nach ganz kurzer Prüfung, daß der Mann wirklich tot war) lag mit dem Kopfe im Teiche, und das sich im Wasser spiegelnde Licht umgab den Kopf mit einem Strahlenkranz, der so ähnlich wie ein unheiliger Heiligenschein aussah. Das Gesicht war hager und hatte einen ziemlich finsteren Ausdruck, um den kahlen Schädel schlossen sich gleich eisernen Ringen ein paar spärliche dunkelgraue Locken. Trotz der von der Kugel in die Schläfe geschlagenen Wunde erkannte Underhill doch ohne Schwierigkeit die ihm von vielen Abbildungen her bekannten Züge Sir Humphrey Gwynnes. Der Tote war im Abendanzug, und seine langen, fast spinnenartig dünnen Beine zogen sich an dem steilen Ufer, von dem er herabgefallen war, als zwei nach verschiedenen Richtungen auseinanderstrebende schwarze Streifen hinauf. Aus der Schläfe floß, rotleuchtend wie die Wolken bei Sonnenuntergang, Blut und zog wie aus einer unheimlichen letzten Laune heraus in sich durcheinanderschlängelnden Linien eine diabolisch anmutende Arabeske ins Wasser.

Underhill wußte nicht, wie lange er auf den Toten niedergestarrt hatte. Als er aufblickte, sah er eine Gruppe von vier Männern oben am Ufer stehen. Bagshaw und seinen irischen Gefangenen erkannte er gleich, und auch ohne große Schwierigkeit den Diener in der roten Weste. Die vierte Gestalt schien in ihrer grotesken Feierlichkeit merkwürdigerweise sehr gut zu dieser unheimlichen Szene zu passen. Der Mann, der dort oben stand, war klein und gedrungen, wie ein schwarzer Heiligenschein umgab der Hut das runde Gesicht. Underhill überzeugte sich, daß es tatsächlich ein Priester war, aber die Gestalt hatte noch etwas an sich, daß ihn an einen sonderbaren alten schwarzen Holzschnitt am Ende eines Totentanzes erinnerte.

Dann hörte er, wie Bagshaw zu dem Priester sagte:

»Ich freue mich, daß Sie diesen Mann kennen und Auskunft über ihn geben können, aber ich muß Ihnen sagen, daß er nicht ganz unverdächtig ist. Er kann natürlich unschuldig sein, aber er hat den Garten auf ungewöhnlichem Wege betreten.«

»Ich glaube auch, daß er unschuldig ist,« sagte der Priester mit farbloser Stimme. »Aber ich kann natürlich auch unrecht haben.«

»Warum halten Sie ihn für unschuldig?«

»Weil er den Garten auf ungewöhnlichem Wege betreten hat,« antwortete der Geistliche. »Sehen Sie, ich selbst habe ihn auf gewöhnlichem Wege betreten. Aber es scheint, daß ich fast die einzige Person bin, die auf diese Weise hierhergekommen ist. Alle feinen Leute scheinen heute über Gartenmauern zu steigen.«

»Was verstehen Sie unter dem gewöhnlichen Wege?« fragte der Detektiv.

»Ei,« sagte Pater Brown, ihn mit tiefstem Ernst ansehend, »ich kam zur Haustür hinein. Auf diesem Wege komme ich oft in Häuser.«

»Entschuldigen Sie,« sagte Bagshaw, »aber hat es überhaupt etwas zu bedeuten, wie Sie hereinkamen, wenn Sie nicht die Absicht haben, sich selbst als Mörder zu bekennen?«

»Ja, ich glaube schon,« sagte der Priester nachsichtig. »Als ich nämlich das Haus betrat, sah ich etwas, das wohl niemand von Ihnen gesehen hat, und das mir mit der Sache etwas zu tun zu haben scheint.«

»Was war das?«

»Auf dem Flur war ein großes Durcheinander. Ein großer Spiegel war zertrümmert, und ein kleiner Palmbaum umgestoßen, wobei der Kübel in Scherben gegangen ist. Es kam mir irgendwie so vor, als wäre da etwas passiert.«

»Da haben Sie recht,« sagte Bagshaw nach einer Pause. »Wenn Sie so etwas sahen, so muß man allerdings annehmen, daß es etwas mit dieser Sache zu tun hat.«

»Und wenn es etwas mit ihr zu tun hat,« bemerkte der Priester sehr milde und sanft, »so sieht es so aus, als habe eine Person gar nichts mit ihr zu tun gehabt. Und diese Person ist Herr Michael Flood, der den Garten auf ungewöhnlichem Wege über die Mauer betrat und dann versuchte, ihn auf demselben ungewöhnlichen Wege zu verlassen. Eben diese Ungewöhnlichkeit läßt mich an seine Unschuld glauben.«

»Wir wollen uns das Haus mal ansehen,« sagte Bagshaw plötzlich.

Als sie unter Vortritt des Dieners durch die in den Garten führende Seitentür ins Haus kamen, blieb Bagshaw ein paar Schritte zurück und wechselte einige Worte mit seinem Freunde.

»Mit diesem Diener stimmt's nicht ganz,« sagte er. »Er nennt sich Grün, obschon er gar nicht so aussieht, aber es scheint doch wohl kein Zweifel möglich, daß er wirklich Gwynnes Diener ist, anscheinend sein einziger ständiger Diener. Aber das Sonderbare ist, er streitet glatt ab, daß sein Herr überhaupt tot oder lebend im Garten gewesen ist. Er behauptet, der alte Richter sei zu einem großen Juristenbankett eingeladen gewesen und habe erst sehr spät heimkommen wollen. Damit entschuldigt er auch sein Aussteigen.«

»Hat er denn,« fragte Underhill, »eine ausreichende Erklärung für sein Einsteigen gegeben?«

»Nein, wenigstens kann ich mit seinen Erklärungen nichts anfangen. Ich kann überhaupt nichts aus ihm herausbringen. Er scheint ganz verdattert zu sein.«

Von der Seitentür aus kamen sie auf den Flur, der sich durch das ganze Haus bis zur Vordertür erstreckte. Durch ein über dieser Tür befindliches altmodisches, halbkreisförmiges Fächerfenster, das ganz trostlos aussah, sickerte ein schwaches graues Licht herein, eine trübe, farblose Ankündigung des beginnenden Tages. Das Licht auf dem Flur jedoch kam von einer gleichfalls altmodischen Schirmlampe, die in einer Ecke auf einer Konsole stand. In dem schwachen Lichte dieser Lampe konnte Bagshaw die Trümmer unterscheiden, von denen Brown gesprochen hatte. Eine Palme mit langen, niederhängenden Blättern lag der vollen Länge nach auf dem Boden, und von dem dunkelroten Kübel, in dem sie eingepflanzt gewesen war, waren nur noch Scherben vorhanden. Sie lagen auf dem Teppich verstreut, zusammen mit den bleich glitzernden Bruchstücken eines zertrümmerten Spiegels, dessen fast leerer Rahmen hinter ihnen am Ende des Vestibüls an der Wand hing. Gerade gegenüber dem Seitenausgang führte ein anderer und ähnlicher Gang in den übrigen Teil des Hauses. Ganz hinten in diesem war das Telephon zu sehen, das der Diener benutzt hatte, um den Priester herbeizurufen. Eine halb offene Tür, durch deren Spalt man die dichtgedrängten Reihen großer, in Leder gebundener Bücher sehen konnte, bezeichnete den Eingang zum Studierzimmer des Richters.

Bagshaw betrachtete den zerbrochenen Palmenkübel und die mit den Tonscherben vermischten Überreste des Spiegels.

»Sie haben ganz recht,« sagte er zu dem Priester, »hier hat ein Kampf stattgefunden, und zwar ein Kampf zwischen Gwynne und seinem Mörder.«

»Es schien mir,« sagte Pater Brown bescheiden, »daß hier irgend etwas passiert war.«

»Ja, was hier passiert ist, ist vollkommen klar,« bemerkte der Detektiv. »Der Mörder ist durch die Haustür gekommen und hat Gwynne überrascht. Wahrscheinlich hat ihn Gwynne hereingelassen. Es hat ein Kampf auf Leben und Tod stattgefunden. Ein vorbeigegangener Schuß hat den Spiegel getroffen, er kann jedoch auch durch einen Schlag zertrümmert worden sein oder auf irgendeine andere Weise. Es gelang Gwynne, sich loszureißen und in den Garten zu fliehen, der Mörder verfolgte ihn und schoß ihn schließlich am Teiche nieder. So, glaube ich, hat sich das Verbrechen abgespielt, aber ich muß natürlich noch die anderen Räume besichtigen.«

In den anderen Räumen jedoch war sehr wenig zu sehen, wenn auch Bagshaw eindringlich auf den in einer Schreibtischschublade gefundenen Revolver hinwies.

»Sieht so aus, als hätte er dies erwartet,« sagte er. »Doch ist es sonderbar, daß er den Revolver nicht mitnahm, als er auf den Flur ging.«

Schließlich kehrten sie auf den Flur zurück und gingen auf die Haustür zu. Pater Brown ließ ganz in Gedanken verloren seinen Blick über den Flur schweifen, der mit seinen grauen verblichenen Tapeten, der grünen Patina auf der bronzenen Lampe und dem an dem Rahmen des zerbrochenen Spiegels glimmenden matten Gold an die schmutzige und staubige, überladene Ornamentik der frühviktorianischen Zeit erinnerte.

»Das Zerbrechen eines Spiegels soll Unglück bringen,« sagte er. »Man glaubt hier wirklich im Hause des Unglücks zu sein. Schon die Ausstattung hat etwas an sich –.«

»Das ist doch merkwürdig,« sagte Bagshaw auf einmal. »Ich dachte, die Tür wäre verschlossen, aber sie ist nur eingeklinkt.«

Niemand erwiderte etwas. Sie gingen in den nicht allzu großen und in abgezirkelte Blumenbeete aufgeteilten Vorgarten. An der einen Seite zog sich eine merkwürdig gestutzte Hecke hin. In dieser befand sich eine Öffnung, die aussah wie der Eingang zu einer Höhle, in der dunklen Wölbung sah man einige morsche Stufen.

Pater Brown ging auf die Öffnung zu, bückte sich und schlüpfte hinein. Er war noch nicht lange verschwunden, als die Zurückgebliebenen mit Erstaunen seine Stimme über ihren Köpfen vernahmen, es hörte sich an, als wenn er mit jemandem im Gipfel eines Baumes eine Unterhaltung führte. Der Detektiv folgte ihm und entdeckte, daß die sonderbare verdeckte Treppe zu einer Erhöhung führte, die Ähnlichkeit mit einer unvollendeten Brücke hatte. Von dort konnte man die dunkleren und leereren Teile des Gartens überblicken. Sie wand sich gerade um die Ecke des Hauses herum, so daß man die bunt illuminierten Bäume vor sich und unter sich hatte. Wahrscheinlich war sie das Überbleibsel einer aufgegebenen baulichen Spielerei, die eine Art auf Bogenpfeilern durch den Garten führender Terrasse hatte werden sollen. Bagshaw erschien sie als die merkwürdigste Sackgasse, in der sich jemand in der Zwielichtstunde zwischen Nacht und Morgen verstecken konnte, aber er sah sich den Bau jetzt nicht näher an. Er faßte den Mann ins Auge, den Pater Brown dort oben gefunden hatte.

Der Mann drehte ihm den Rücken zu. Man sah nur, daß er klein war und einen leichten grauen Anzug trug, sein hervorstechendstes Kennzeichen war aber in dieser Stellung ein Kopf mit einem mächtigen Schopf Haare, so gelb und strahlend wie der Kopf eines riesigen Löwenzahns. Er schien einen Strahlenkranz um sein Haupt zu tragen, und man dachte sich unwillkürlich das entsprechende Gesicht dazu. Als er es ihnen langsam und widerwillig zudrehte, wirkte es als starker Kontrast. Dieser Strahlenschein hätte ein ovales mildes Engelgesicht umschließen sollen, aber es war ein unregelmäßiges, mürrisches, ältliches Gesicht mit starken Kinnbacken und einer kurzen Nase, die irgendwie an die eingeschlagene Nase eines Boxers erinnerte.

»Dies ist Herr Orm, der berühmte Dichter, wenn ich mich nicht irre,« sagte Pater Brown so ruhig, als ob er zwei Leute in einem Salon vorstellte.

»Wer es auch sei,« sagte Bagshaw, »ich muß ihn bitten, mit mir zu kommen und ein paar Fragen zu beantworten.«

Herr Osric Orm, der Dichter, war kein Meister im Ausdruck, wenn es galt, Fragen zu beantworten. Dort in dem Winkel des alten Gartens, wo das graue Zwielicht der ersten Frühe über die dichten Hecken und die merkwürdige Aussichtsbrücke zu kriechen begann, und später in langwierigen Verhören, die eine immer unheilvollere Wendung nahmen, verweigerte er hartnäckig jede Aussage von Belang und gab nur immer die Erklärung ab, er habe beabsichtigt, Sir Humphrey Gwynne einen Besuch abzustatten, sei aber nicht dazu gekommen, weil sich niemand auf sein Läuten gemeldet habe. Wenn man ihn darauf hinwies, daß die Tür so gut wie offen stand, schnaubte er. Wenn man die Andeutung machte, daß die Besuchsstunde etwas spät gewählt sei, knurrte er. Das wenige, was er sagte, war dunkel, entweder weil er wirklich kaum Englisch konnte, oder weil er es für besser hielt, keins zu können. Seine Ansichten schienen nihilistischer und destruktiver Art zu sein, eine Tendenz dieser Art konnte man ja auch in seinen Gedichten feststellen, wenn man sie überhaupt verstand, und es schien leicht möglich, daß seinem Besuch bei dem Richter und vielleicht seiner Feindschaft gegen den Richter anarchistische Motive zugrunde lagen. Gwynne witterte überall bolschewistische Spione, wie er ehemals überall deutsche Spione gesehen hatte. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, das sich kurz nach ihrem Abzug aus dem Garten ereignete, verstärkte jedenfalls bei Bagshaw den Eindruck, daß der Fall ernst zu nehmen sei. Als sie aus der Gartentür auf die Straße traten, trafen sie noch auf einen anderen Nachbarn, Buller, den Zigarrenhändler von nebenan, kenntlich an seinem braunen schlauen Gesicht und der kostbaren Orchidee, die er im Knopfloch trug, denn in der Orchideenzucht hatte er sich einen Namen gemacht. Die anderen waren einigermaßen überrascht, als er seinen Nachbarn, den Dichter, in ganz selbstverständlicher Weise begrüßte, fast als hätte er erwartet, ihn hier zu sehen.

»Na, da sind wir also wieder,« sagte er. »Ziemlich lange mit dem alten Gwynne geschwatzt, wie?«

»Sir Humphrey Gwynne ist ermordet worden,« sagte Bagshaw. »Ich stelle gerade Nachforschungen nach dem Täter an und muß Sie bitten, mir einige Aufklärungen über ihre Bemerkung zu geben.«

Buller stand, wahrscheinlich vor Überraschung, so still wie der Laternenpfahl an seiner Seite. Seine brennende Zigarre glühte mehrmals auf und dunkelte wieder ab wie im Takt, aber sein braunes Gesicht lag im Schatten. Seine Stimme hatte einen ganz anderen Ton, als er von neuem sprach.

»Ich habe Herrn Orm nur daran erinnern wollen,« sagte er, »daß er vor zwei Stunden, als ich hier vorbeikam, durch dieses Tor ging, um Sir Humphrey zu besuchen.«

»Er sagt, er habe ihn noch nicht aufgesucht und sei nicht einmal im Hause gewesen,« bemerkte Bagshaw.

»So lange steht man gewöhnlich nicht auf der Schwelle,« sagte Buller.

»So lange steht man auch gewöhnlich nicht auf der Straße,« bemerkte Pater Brown.

»Ich habe mich in der Zeit zu Hause aufgehalten,« antwortete der Kaufmann. »Ich habe Briefe geschrieben, die ich jetzt zum Postkasten bringen wollte.«

»Sie werden das später alles ausführlicher erzählen müssen,« sagte Bagshaw. »Gute Nacht – oder guten Morgen.«

Die Verhandlung gegen Osric Orm wegen Ermordung Sir Humphrey Gwynnes drehte sich um dasselbe Rätsel wie diese kurze Unterredung unter dem Laternenpfahl am frühen Morgen, als die graugrüne Dämmerung in die dunklen Straßen und Gärten einfiel. Alles drehte sich um die zwei unausgefüllten Stunden zwischen dem Zeitpunkt, als Buller Orm in das Gartentor treten sah, und der Minute, als Pater Brown ihn im Garten entdeckte. Er hatte sicher Zeit gehabt, sechs Morde zu begehen, und es war fast erstaunlich, daß er sie nicht begangen hatte, denn er mußte schreckliche Langeweile gehabt haben. Einen zusammenhängenden Bericht über sein Tun und Treiben konnte er jedenfalls nicht geben. Von dem Vertreter der Anklage wurde darauf hingewiesen, daß für ihn die Möglichkeit, Sir Humphrey Gwynne zu ermorden, durchaus gegeben war, da die Haustür nicht verschlossen war und die in den wilderen Teil des Gartens führende Seitentür offen stand. Der Gerichtshof folgte mit großem Interesse Bagshaws Ausführungen, der in klarer Schilderung den auf dem Flur stattgefundenen Kampf an der Hand der vorgefundenen Spuren rekonstruierte. Die Polizei hatte später wirklich die Kugel entdeckt, die den Spiegel zertrümmert hatte. Erschwerend war ferner noch der Umstand, daß die Öffnung in der Hecke, durch die ihm Pater Brown später gefolgt war, große Ähnlichkeit mit einem Versteck hatte. Sir Matthew Blake jedoch, der sehr geschickte Verteidiger, verwendete dieses letzte Argument im umgekehrten Sinne und fragte, warum jemand so dumm sein sollte, sich an einem Orte, der nur einen Ausgang hatte, einzusperren, wo es doch viel vernünftiger gewesen wäre, sich über die Straße davonzumachen. Sir Matthew Blake machte auch wirksamen Gebrauch von dem Schleier des Geheimnisses, der noch immer über dem Motiv des Mordes lag. In diesem Punkt nahmen die Waffengänge zwischen Sir Matthew Blake und Sir Arthur Travers, dem glänzenden, dem Verteidiger ebenbürtigen Vertreter der Anklage, eine für den Angeklagten günstige Wendung. Sir Arthur konnte nur wenig überzeugende Andeutungen über bolschewistische Komplotte in die Debatte werfen. Aber als es galt, das geheimnisvolle Betragen Orms in der Mordnacht aufzuhellen, gewann er über den Verteidiger die Oberhand.

Der Angeklagte ließ sich einem Kreuzverhör unterziehen, hauptsächlich weil sein kluger Anwalt glaubte, es würde einen schlechten Eindruck machen, wenn er jede Aussage verweigerte. Aber sein Verteidiger brachte aus ihm fast ebensowenig heraus wie der Staatsanwalt. Sir Arthur Travers schlug aus dem hartnäckigen Schweigen des Angeklagten alles mögliche Kapital, aber es gelang ihm nicht, dieses Schweigen zu brechen. Sir Arthur war ein langer, hagerer Mann mit einem langen, leichenblassen Gesicht und bildete einen stark in die Augen fallenden Gegensatz zu der stämmigen Gestalt und dem vogelhellen Blick von Sir Matthew Blake. Wenn Sir Matthew an einen sehr kecken Spatzen erinnerte, so hätte man Sir Arthur eher mit einem Kranich oder mit einem Storch vergleichen können. Wenn er sich vornüber beugte und auf den Angeklagten mit seinen Fragen losstocherte, hätte man seine lange Nase für einen langen Schnabel halten können.

»Wollen Sie etwa den Herren Geschworenen erzählen,« fragte er in verletzend ungläubigem Ton, »daß Sie überhaupt nicht im Hause gewesen sind?«

»Nein!« antwortete Orm kurz.

»Aber Sie wollten Sir Humphrey Gwynne doch besuchen. Der Besuch muß Ihnen sehr wichtig gewesen sein. Haben Sie nicht zwei Stunden vor seiner Haustür gewartet?«

»Ja,« antwortete Orm.

»Und Sie haben nicht einmal bemerkt, daß die Tür offen war?«

»Nein,« sagte Orm.

»Aber warum stellen Sie sich nur zwei Stunden vor eines anderen Menschen Haustür?« fragte der Staatsanwalt drängend und dräuend weiter. »Etwas haben Sie doch in diesen zwei Stunden getan?«

»Ja.«

»Ist das ein Geheimnis?« fragte Sir Arthur mit schärfstem Sarkasmus.

»Vor Ihnen ist es ein Geheimnis,« antwortete der Dichter.

Auf dieser Andeutung eines Geheimnisses baute nun Sir Arthur seine Anklage auf. Mit einer Kühnheit, die einige für gewissenlos ansahen, beutete er dieses, den stärksten Punkt der Verteidigung bildende Geheimnis zu seinen Gunsten aus. Er stellte es so dar, als ob sich hier zum erstenmal der Schleier über einer weitverbreiteten und fein eingefädelten Verschwörung lüfte, in deren polypenartigen Fangarmen ein Patriot sein Leben gelassen habe.

»Ja,« rief er mit schwingender Stimme, »der Herr Verteidiger hat vollkommen recht! Wir wissen nicht genau, weshalb dieser ehrenwerte Mann ermordet wurde, der dem Staat so große Dienste geleistet hat. Wir werden ebensowenig den Grund des nächsten Mordes erfahren. Wenn der Herr Verteidiger selbst wegen seiner hervorragenden Tüchtigkeit dem Hasse, den die höllischen Mächte der Zerstörung gegen die Wächter des Gesetzes hegen, zum Opfer fällt, wird er niemals erfahren, weshalb er ermordet wurde. Der halbe Gerichtshof hier wird im Bette ermordet werden, ohne daß wir jemals den Grund erfahren. Niemals werden wir den Grund erfahren und die Metzelei niemals aufhalten, bis sie unser Land entvölkert hat, solange es der Verteidigung erlaubt ist, mit der alten abgebrauchten Frage nach dem Motiv des Mordes das ganze Verfahren zu hemmen, wo jede Einzelheit, alle Unwahrscheinlichkeiten und vor allem das hartnäckige Schweigen uns sagen, daß hier ein Kain vor uns steht.«

»Ich habe Sir Arthur niemals so erregt gesehen,« sagte Bagshaw später zu einer Gruppe seiner Kollegen. »Einige sagen sogar, daß er die Grenze überschritten hat und geben der Meinung Ausdruck, ein Staatsanwalt dürfe in einem Mordprozeß nicht derart als Rachegott auftreten. Allerdings hatte dieser kleine merkwürdige Kerl mit dem gelben Haar etwas Unheimliches an sich, das Sir Arthur recht zu geben schien. Ich erinnerte mich dunkel an eine Äußerung De Quinceys über den schrecklichen Verbrecher Williams, der in aller Stille zwei ganze Familien abschlachtete. Er sagt, glaube ich, daß Williams' Haar von auffallendem, unnatürlichem Gelb war und nach seiner Ansicht nach einem indischen Rezept gefärbt war, denn in Indien färbt man sogar Pferde grün oder blau. Dazu kam sein sonderbares, steinernes Schweigen. Man hatte schließlich das Gefühl, auf der Anklagebank säße eine Art Ungeheuer. Wenn dieses Gefühl nur durch Sir Arthurs Beredsamkeit erzeugt wurde, hat er sicher eine schwere Verantwortung auf sich genommen, so viel Leidenschaft in seine Worte zu legen.«

»Nun,« sagte Underhill in milderer Beurteilung, »der arme Gwynne war eben sein Freund. Jemand sah sie noch kürzlich nach einem großen Juristenbankett zusammen zechen. Darum ist er wohl persönlich an diesem Fall so stark interessiert. Man kann allerdings verschiedener Meinung darüber sein, ob jemand einen solchen Fall nur nach seinem persönlichen Gefühl behandeln soll.«

»Wegen eines rein persönlichen Gefühls,« sagte Bagshaw, »würde sich Sir Arthur Travers nicht so ins Zeug legen. Er ist von seiner beruflichen Stellung sehr eingenommen. Er gehört zu jenen Männern, die selbst nach Befriedigung ihres Ehrgeizes noch ehrgeizig sind. Ich kenne niemand, der sich soviel Mühe geben würde, seine Stellung in der Welt zu halten. Nein, seine donnernde Anklagerede hat einen ganz anderen Grund als du annimmst. Wenn er sich so gehen läßt, so tut er es nur, weil er glaubt, er könne eine Gefolgschaft finden, und weil er sich zum Führer einer gegen eine solche Verschwörung gerichteten politischen Bewegung machen will. Sein Wunsch, Orm zu überführen, und seine Überzeugung, daß ihm das gelingen wird, müssen einen sehr guten Grund haben. Er scheint zu glauben, daß die Tatsachen ihm recht geben werden. Seine Zuversicht eröffnet für den Angeklagten keine guten Aussichten.« Er bemerkte in der Gruppe einen unansehnlichen Mann.

»Nun,« sagte er lächelnd, »was halten Sie von unserem Gerichtsverfahren, Pater Brown?«

»Am meisten fiel mir wohl auf,« antwortete der Priester ziemlich zerstreut, »wie Perücken die Menschen verändern. Sie sprachen von dem allzu schneidigen Vorgehen des Staatsanwalts. Aber ich sah zufällig, wie er seine Perücke abnahm, und ich erkannte ihn kaum wieder. Um eins vorwegzunehmen, er ist ganz kahl.«

»Seine Kahlheit wird ihn wohl nicht hindern, ein schneidiger Staatsanwalt zu sein,« antwortete Bagshaw. »Sie wollen doch wohl die Verteidigung nicht auf der Tatsache aufbauen, daß der Staatsanwalt kahl ist?«

»Nicht ganz,« sagte Pater Brown gutgelaunt. »Um die Wahrheit zu sagen, ich dachte gerade darüber nach, wie wenig die einen Menschen von den anderen wissen. Angenommen, ich käme zu einem fernen Volke, das von England nicht einmal gehört hätte. Angenommen, ich erzählte den Leuten dort von einem Manne in meinem Lande, der keine Fragen auf Leben oder Tod stellt, ehe er sich nicht einen aus Pferdehaar verfertigten, hinten mit kleinen Schwänzen und an der Seite mit Korkzieherlocken versehenen Aufbau, der ihm das Aussehen einer alten Frau aus der Biedermeierzeit gibt, auf den Kopf gestülpt hat. Sie würden denken, das muß wohl ein recht verschrobener Narr sein; aber er ist durchaus nicht verschroben, er handelt nur nach einer starren Überlieferung. Sie würden so denken, weil sie das englische Gerichtswesen nicht kennen, weil sie nicht wissen, was ein Staatsanwalt ist. Nun, dieser Staatsanwalt weiß nicht, was ein Dichter ist. Er begreift nicht, daß die Überspanntheiten eines Dichters anderen Dichtern gar nicht als Überspanntheiten erscheinen. Er hält es für sonderbar, daß Orm zwei Stunden ohne Beschäftigung in einem schönen Garten spazierengeht. Du liebe Güte! Ein Dichter könnte zehn Stunden lang in dem Garten auf und ab wandeln, wenn er mit einem Gedicht beschäftigt wäre. Orms Verteidiger war ebenso einsichtslos. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, an Orm die ganz naheliegende Frage zu richten.«

»Was für eine Frage meinen Sie?« erkundigte sich zaghaft der Detektiv.

»Die Frage, welches Gedicht er gerade verfertigt hat,« sagte Pater Brown etwas ungeduldig. »Bei welcher Zeile er steckengeblieben ist, welches Beiwort er gesucht hat, auf welche Steigerung er hinzuarbeiten versucht hat. Wenn einige gebildete Leute bei Gericht wären, die eine Ahnung von Literatur haben, so würden sie sofort wissen, ob er wirklich etwas im Garten zu tun hatte. Einen Fabrikanten hätte man nach seinen Produktionsverhältnissen gefragt, aber die Bedingungen, unter denen Poesie hergestellt wird, scheint niemand in Betracht zu ziehen. Poesie wird durch Nichtstun erzeugt.«

»Das ist alles ganz schön und gut,« erwiderte der Detektiv, »aber warum versteckte er sich? Warum kletterte er diese schiefe kleine Treppe hinauf, die nirgendshin führte, und blieb dort oben?«

»Weil sie nirgendshin führte natürlich,« brach Pater Brown los. »Jeder, der diese im leeren Raume endigende Treppe ansieht, sollte eigentlich wissen, daß sie für jeden Künstler wie für jedes Kind eine große Lockung bilden mußte.«

Er blinzelte einen Augenblick vor sich hin und entschuldigte sich dann. »Verzeihen Sie, aber es kommt mir merkwürdig vor, daß keiner die Situation begreift. Und dann kommt noch etwas anderes hinzu. Wissen Sie nicht, daß es für einen Künstler bei allen Dingen nur einen einzigen richtigen Gesichtswinkel oder eine einzige richtige Gruppierung gibt. Ein Baum, eine Kuh und eine Wolke bedeuten nur in einer bestimmten Beziehung etwas, wie drei Buchstaben nur in einer bestimmten Anordnung ein Wort ausmachen. Nun, die Ansicht des illuminierten Gartens von der unbeendigten Brücke aus war die richtige Ansicht. Sie war so einzigartig wie die vierte Dimension. Es war eine Art zauberhafter Verkürzung, es war, als ob man auf den Himmel niederblickte, die Sterne an den Bäumen wachsen und den leuchtenden Teich wie einen im Märchen niedergefallenen Mond platt auf den Feldern liegen sähe. Er hätte das Bild eine Ewigkeit lang betrachten können. Wenn Sie ihm sagten, der Weg führe nirgendshin, würde er ihnen antworten, der Weg führe ans Ende der Welt. Aber erwarten Sie etwa von ihm, daß er diese Aussage vor Gericht macht? Was wäre wohl die Antwort auf eine solche Aussage? Ihr sprecht immer davon, jeder solle von seinesgleichen gerichtet werden. Warum sitzen nicht lauter Dichter auf der Geschworenenbank?«

»Sie sprechen, als wären Sie selbst ein Dichter,« sagte Bagshaw.

»Danken Sie Ihrem Stern, daß ich keiner bin,« rief Pater Brown. »Danken Sie Ihrem Glücksstern, daß ein Priester barmherziger sein muß als ein Dichter. Gütiger Gott, wenn Sie wüßten, was für eine grausame, zermalmende Verachtung so ein Dichter für Leute Ihres Schlages hat, würden Sie sich vorkommen, als ständen Sie unter dem Niagarafall.«

»Sie mögen mehr über das künstlerische Temperament wissen als ich,« sagte Bagshaw nach einer Pause, »aber schließlich ist die Antwort einfach. Sie können nur zeigen, daß er sich genau so verhalten haben könnte, wie er tat, ohne das Verbrechen zu begehen. Aber es ist ebenfalls richtig, daß er das Verbrechen hätte begehen können. Und wer hätte es sonst verüben sollen?«

»Haben Sie an den Diener Grün gedacht?« fragte Pater Brown nachdenklich. »Er hat doch eine sehr sonderbare Geschichte erzählt.«

»Ah,« rief Bagshaw, »Sie halten also Grün für den Täter?«

»Ich bin fest überzeugt, daß er nicht der Täter ist,« erwiderte Pater Brown. »Ich habe nur gefragt, ob Ihnen die Geschichte, die er uns erzählte, nicht als sonderbar aufgefallen ist. Er ging einer Kleinigkeit wegen aus, um eine Bestellung auszurichten oder etwas zu trinken. Aber er verließ den Garten durch das Tor und kam über die Mauer zurück. Mit anderen Worten, er ließ das Tor offen, aber als er zurückkam, war es geschlossen. Warum? Weil inzwischen irgendein anderer den Garten durch das Tor verlassen hatte.«

»Der Mörder,« murmelte der Detektiv. »Kennen Sie ihn?«

»Ich weiß, wie er aussah,« antwortete Pater Brown ruhig. »Das ist das einzige, was ich weiß. Ich sehe ihn fast, wie er zur Haustür hereinkommt und in den matten Schein der Lampe tritt; ich sehe seine Gestalt, seine Kleidung, selbst sein Gesicht!«

»Was soll das heißen?«

»Er sah aus wie Sir Humphrey Gwynne.«

»Zum Teufel noch mal, was wollen Sie denn eigentlich sagen?« fragte Bagshaw. »Gwynne lag doch tot im Garten mit dem Kopf im Wasser.«

»Ganz richtig,« sagte Pater Brown.

Nach einer Weile fuhr er fort. »Kehren wir einmal zu Ihrer Theorie zurück, die sehr gut war, obschon ich ihr nicht ganz beistimme. Sie nehmen an, daß der Mörder zur Haustür hereinkam, den Richter auf dem Flur traf, mit ihm kämpfte und dabei den Spiegel zertrümmerte, daß der Richter dann in den Garten floh, wo er schließlich erschossen wurde. Das klingt mir nicht ganz natürlich. Zugegeben, daß er den langen Hausflur entlang flüchtete. Aber am Ende des Flurs sind zwei Ausgänge, von denen einer in den Garten, der andere in das Haus führt. Wahrscheinlicher wäre es doch, wenn er sich ins Haus zurückgezogen hätte. Dort hatte er seinen Revolver, dort konnte er telephonieren, auch seinen Diener mußte er dort vermuten. Selbst die nächsten Nachbarn wohnten in dieser Richtung. Warum hätte er sich gerade in den einsamen und verlassenen Garten begeben sollen?«

»Aber wir wissen doch, daß er das Haus verlassen hat,« erwiderte Bagshaw verdutzt. »Er wurde draußen im Garten gefunden, also hat er das Haus verlassen.«

»Er hat das Haus nicht verlassen, weil er nicht im Hause war,« sagte Pater Brown. »Jedenfalls an diesem Abend nicht. Er saß in dem Gartenhäuschen. Das wußte ich bereits, als ich die bunte Beleuchtung im Garten sah. Die elektrische Lichtanlage wurde von dem Häuschen aus bedient. Die Lampen hätten nicht brennen können, wenn er nicht im Häuschen gewesen wäre. Er versuchte, ins Haus und zum Telephon zu gelangen, als der Mörder ihn am Teiche erschoß.«

»Aber was ist dann mit der umgeworfenen Palme und dem zertrümmerten Spiegel?« rief Bagshaw. »Sie selbst haben diese Spuren ja gefunden. Sie selbst haben ja gesagt, auf dem Flur müsse ein Kampf stattgefunden haben.«

Der Priester machte ein etwas verlegenes Gesicht. »Habe ich das gesagt? Das habe ich sicher nicht gesagt. Ich habe es wenigstens niemals gedacht. Gesagt habe ich, glaub' ich, daß auf dem Flur etwas passiert sei. Und etwas ist dort passiert, nur war es kein Kampf.«

»Wodurch ging denn der Spiegel in Trümmer?« fragte Bagshaw kurz.

»Durch eine Kugel,« antwortete Pater Brown ernst. »Durch eine Kugel, die der Mörder abfeuerte. Die großen herausfliegenden Scherben genügten vollständig, um die Palme umzuwerfen.«

»Aber auf wen anders hätte er denn feuern können als auf Gwynne?« fragte der Detektiv.

»Das ist ein sehr feines metaphysisches Problem,« antwortete der Priester fast träumerisch. »In einem Sinne feuerte er auf Gwynne, obschon Gwynne gar nicht da war. Der Mörder war allein auf dem Flur.«

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann ruhig fort. »Stellen Sie sich einmal den Spiegel am Ende des Vestibüls mit der über ihm aufsteigenden Palme vor. In dem Zwielicht spiegelte er matt die einfarbigen Wände wider und scheint so den Abschluß des Ganges zu bilden. Das ferne Spiegelbild eines Mannes mußte den Eindruck erwecken, daß jemand aus dem Innern des Hauses kam. Dieser Jemand mußte wie der Herr des Hauses aussehen – wenn nur das Spiegelbild ihm etwas ähnlich war.«

»Einen Augenblick,« rief Bagshaw. »Ich glaube, ich sehe jetzt allmählich –«

»Sie sehen jetzt allmählich,« fuhr Pater Brown fort, »warum alle in dieser Angelegenheit verdächtigten Personen unschuldig sein müssen. Nicht eine von ihnen hätte ihr Spiegelbild für den alten Gwynne halten können. Orm hätte sogleich erkannt, daß sein Busch gelbes Haar kein kahler Kopf ist. Flood hätte seinen roten Kopf gesehen, und Grün seine rote Weste. Übrigens sind sie alle klein und schlecht angezogen, niemand von ihnen hätte sich einbilden können, er sähe im Spiegel wie ein großer, hagerer alter Herr im Abendanzug aus. Um eine solche Ähnlichkeit zu bewirken, brauchen wir einen anderen, der ebenso groß und hager ist. Das meinte ich, als ich sagte, ich wüßte, wie der Mörder aussähe.«

»Und was folgern Sie daraus?« fragte Bagshaw, ihn fest ansehend.

Der Priester lachte kurz und scharf auf. Es war ein Lachen, dem man die Milde, mit der er sich gewöhnlich auszudrücken pflegte, nicht mehr anmerkte.

»Ich folgere daraus eben das, was Sie für so spaßhaft und unmöglich hielten.«

»Was meinen Sie?«

»Ich baue die Verteidigung auf der Tatsache auf, daß der Staatsanwalt einen kahlen Kopf hat.«

»Mein Gott!« sagte der Detektiv ruhig und wuchs in die Höhe, die Augen weit aufgerissen.

Pater Brown hatte seinen Monolog, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, wieder aufgenommen.

»Die Polizei hat sich in dieser Sache um alle möglichen Leute bekümmert und ihren Bewegungen nachgespürt. Sie hat sich sehr dafür interessiert, was der Dichter, der Diener und der Ire begonnen haben. Aber man scheint ganz vergessen zu haben, Nachforschungen darüber anzustellen, was der Tote selbst mit seiner Zeit angefangen hat. Der Diener war ehrlich darüber erstaunt, daß sein Herr bereits zurückgekehrt war. Der alte Gwynne war zu einem großen Juristenbankett gegangen, hatte es aber plötzlich verlassen und sich heimbegeben. Er war nicht plötzlich erkrankt, denn er bat niemanden um Beistand. Er hatte fast sicher mit einem seiner Rivalen Streit gehabt. Seinen Feind hätten wir also in erster Linie unter seinen Kollegen suchen sollen. Er kehrte zurück und schloß sich in dem Gartenhäuschen ein, wo er seine Papiere und Dokumente aufbewahrte, die sicher allerlei belastendes Material enthielten. Aber der Nebenbuhler, der davon Kenntnis hatte, daß diese Dokumente etwas gegen ihn enthielten, folgte ihm nach, ebenfalls im Abendanzug, nur mit einem Revolver in der Tasche. Das ist alles. Kein Mensch hätte auf einen solchen Gedanken kommen können, wenn der Spiegel nicht gewesen wäre.«

Er schien einen Augenblick ins Leere zu starren und setzte dann hinzu:

»Ein Spiegel ist ein sonderbares Ding, ein Bilderrahmen, der Hunderte verschiedener Bilder faßt. Sie leuchten auf und verschwinden dann für immer. Aber mit dem Spiegel, der am Ende des grauen Korridors unter der grünen Palme hing, hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. Es ist, als wäre er ein Zauberspiegel und hätte ein anderes Schicksal als seinesgleichen, als könnte das Bild in ihm ihn überleben und hinge wie ein Gespenst oder wenigstens wie ein Geheimzeichen, als das Gerippe einer Vermutung, in dem dämmerigen Hause in der Luft. Wir konnten wenigstens in dem leeren Rahmen das Bild schimmern sehen, das Sir Arthur Travers sah. Übrigens haben Sie über ihn eine sehr richtige Bemerkung gemacht.«

»Das freut mich,« sagte Bagshaw, indem er gute Miene zum bösen Spiel machte. »Und was für eine Bemerkung war das?«

»Sie sagten, daß Sir Arthur einen sehr guten Grund für seinen Wunsch haben müßte, Orm gehängt zu sehen.«

Eine Woche später traf der Priester den Detektiv wieder und erfuhr von ihm, daß von den Behörden auf der neuen Basis bereits Erhebungen gepflogen, diese aber durch ein aufsehenerregendes Ereignis unterbrochen worden seien.

»Sir Arthur Travers –« begann Pater Brown.

»Sir Arthur Travers ist tot,« sagte Bagshaw kurz.

»Ah,« sagte Pater Brown, dem die überraschende Mitteilung einen Augenblick lang den Atem verschlug, »hat er –«

»Ja,« antwortete Bagshaw, »er hat wieder auf denselben Mann geschossen, aber dieses Mal nicht auf sein Spiegelbild.«

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