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Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
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Das Geheimnis des Paters Brown

Flambeau, einst der berühmteste Verbrecher Frankreichs, später Privatdetektiv in England, hatte seit langem beide Berufe aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt. Man sagt, das Umsatteln sei ihm nicht ganz leicht geworden, und er habe in seinem neuen Berufe wegen zu vieler Gewissensskrupeln nicht so leicht und erfolgreich gearbeitet wie in seinem alten. Jedenfalls war er nach einem wildromantischen Leben an einem Plätzchen gelandet, das manche wohl als den geeigneten Ort für den Abschluß einer solchen Karriere bezeichnen könnten, auf einem spanischen Schlosse. Dies Schloß, wenn auch verhältnismäßig klein, war doch ein solider Bau, und der Weinberg mit den blauschwarz schimmernden Trauben und der Gemüsegarten mit den grünen Salat- und Kohlreihen bedeckten einen beträchtlichen Teil des braunen Schloßberges. Denn Flambeau besaß nach so vielen stürmischen Abenteuern noch jene so vielen Romanen eigene und (zum Beispiel) so vielen Amerikanern fehlende eigentümliche Energie, die Kraft, sich zur Ruhe zu setzen. Man kann diese Fähigkeit bei manchem großen Hotelbesitzer beobachten, dessen einziger Ehrgeiz ist, ein kleiner Bauer zu sein. Man bemerkt sie an vielen französischen Provinzkaufleuten, die in dem Augenblick, da sie sich in einen scheußlichen Millionär verwandeln und eine ganze Straße mit Läden kaufen könnten, haltmachen, um sich in Ruhe und Frieden ihrer Häuslichkeit und dem Dominospiel zu widmen. Flambeau hatte sich zufällig und fast plötzlich in eine spanische Dame verliebt, sie geheiratet und eine zahlreiche Familie gegründet, ohne das Verlangen zu haben oder wenigstens zu zeigen, die Grenzen seines Besitztums jemals wieder zu überschreiten. Aber eines Morgens beobachtete seine Familie, daß er ungewöhnlich unruhig und aufgeregt war. Er erwartete einen Gast, und als dieser Gast noch ein ferner schwarzer Punkt war, stürmte Flambeau, gefolgt von seinem kleinen Knaben, den Schloßberg hinunter, um dem das Tal heraufwandernden Ankömmling entgegenzugehen.

Der schwarze Punkt nahm langsam an Größe zu, ohne seine Form merklich zu verändern, denn er blieb sozusagen rund und schwarz. Das schwarze Habit der Geistlichen war in diesen Bergen keine ungewöhnliche Erscheinung, aber die Kleidung des Besuchers hatte, wenn sie ihn auch sofort als Kleriker anzeigte, im Vergleich mit dem langen Rock und der Soutane etwas zugleich bürgerlich Unauffälliges und doch fast Flottes an sich und kennzeichnete ihren Träger so deutlich als einen Bewohner der nordwestlichen Inseln, als ob er den Namen einer Londoner Eisenbahnstation auf der Brust trüge. Er hatte einen kurzen dicken Regenschirm mit keulenartigem Griff in der Hand, bei dessen Anblick Flambeau fast Tränen der Rührung vergoß, denn dieser Schirm hatte ehemals in vielen gemeinsamen Abenteuern der beiden Freunde eine Rolle gespielt. Der Ankömmling war nämlich ein englischer Freund des Franzosen, Pater Brown, der endlich seinen lang ersehnten, aber immer wieder aufgeschobenen Besuch abstattete. Die beiden hatten ständig korrespondiert, aber sich seit Jahren nicht gesehen.

Pater Brown wurde bald heimisch in dem Familienkreise, der groß genug war, um als Gesellschaft oder Gemeinschaft zu wirken. Er machte Bekanntschaft mit den großen vergoldeten und prächtig bemalten Holzfiguren der heiligen drei Könige, die den Kindern zu Weihnachten Geschenke bringen, denn in Spanien spielen die Kinder im häuslichen Leben eine große Rolle. Er machte Bekanntschaft mit dem Hunde, der Katze und dem gesamten Viehstand. Er machte aber auch Bekanntschaft mit einem Nachbarn, der gleich ihm in dieses Tal die Kleidung und die Sitten ferner Länder getragen hatte.

Es war am dritten Tage seines Aufenthaltes, als der Priester einen stattlichen Fremden erblickte, der mit Verbeugungen, wie sie kein spanischer Grande zuwege bringen könnte, der Familie seine Aufwartung machte. Er war ein großer, hagerer, grauhaariger und sehr eleganter Mann, dessen Hände, Manschetten und Manschettenknöpfe in ihrer Gepflegtheit und ihrem Glanz etwas Überwältigendes an sich hatten. Aber sein langes Gesicht trug keine Spur jener schläfrigen Langeweile, die in englischen Karikaturen untrennbar mit langen Manschetten und Maniküre verbunden ist. Er war auffallend munter und lebhaft, und in den Augen stand eine kindliche Neugier und Forscherlust, wie man sie bei einem Graukopf nur selten sieht. Dies allein hätte einem sagen können, welcher Nation der Mann angehörte, aber hinzu kamen noch der nasale Ton in seiner gepflegten Stimme und seine allzu schnelle Bereitwilligkeit, allem Europäischen ringsherum ein riesiges Alter zuzuschreiben. Er war in der Tat keine geringere Person als Herr Grandison Chace aus Boston, ein auf Reisen befindlicher Amerikaner, der hier in der Gegend kurz Station gemacht und zu diesem Zwecke das an Flambeaus Besitztum angrenzende Gut gepachtet hatte, ein ziemlich ähnliches Schloß auf einem ziemlich ähnlichen Berge. Er hatte eine Riesenfreude über seine alte Burg und betrachtete seinen freundlichen Nachbarn als eine ähnliche örtliche Sehenswürdigkeit. Denn Flambeau hatte es, wie schon gesagt, fertiggebracht, sich wirklich zur Ruhe zu setzen, gleichsam Wurzel zu schlagen. Es war, als ob er seit Urzeiten mit seinen Weinstöcken und seinen Feigenbäumen ein Monument der Gegend bildete. Er hatte seinen wirklichen Namen Duroc wieder angenommen, denn der Name Flambeau, »Fackel«, war nur ein Deckname gewesen, wie ihn solche Leute wie Duroc gern wählen, wenn sie Krieg gegen die Gesellschaft führen. Er war ein guter Gatte und Familienvater und entfernte sich niemals weiter vom Hause, als es für den Erfolg eines kleinen Pirschganges nötig war. Er erschien dem amerikanischen Weltenbummler als die Verkörperung jenes Kults heiterer bürgerlicher Behaglichkeit und maßvollen Wohllebens, der Herrn Chace unter den mittelmeerländischen Völkern aufgefallen war, und der Amerikaner war weise genug, diesem Kult Bewunderung zu zollen. Der rollende Stein aus dem Westen war froh, einen Augenblick auf diesem Felsen im Süden, der mit einer so dichten Moosschicht bedeckt war, ausruhen zu können. Aber Herr Chace hatte von Pater Brown gehört; in seinem Ton trat eine leichte Veränderung ein, er sprach, wie man mit berühmten Leuten spricht. Der Fragetrieb in ihm erwachte, taktvoll, aber nur durch ein Interview zu befriedigen. Wenn er versuchte, Pater Brown auszuhorchen, so geschah es jedenfalls nach der geschicktesten und unauffälligsten amerikanischen Methode.

Sie saßen in einer Art halboffenem Vorhof, wie er oft den Eingang zu spanischen Häusern bildet. Die Dämmerung nahm rasch zu, und da es nach Sonnenuntergang in den Bergen rasch kühl wird, hatte man einen kleinen Ofen auf die Steinfliesen gestellt, der rote Kringel auf den Boden warf und wie ein Kobold mit rotglühenden Augen in die Nacht starrte. Nur ab und zu streckte der Feuerschein auf dem Boden ein Zünglein bis an die große, kahle, braune Backsteinmauer vor, die über ihren Häuptern steil in die tiefblaue Nacht emporstieg. Im Zwielicht sah man undeutlich Flambeaus breitschultrige Gestalt und seine langen, wie Kavalleriesäbel gebogenen Schnurrbarthälften. Er zapfte aus einem großen Fasse Wein und reichte ihn herum. In seinem Schatten sah der Priester sehr zusammengeschrumpft und klein aus, er saß ganz zusammengekauert dicht an und halb über dem kleinen Ofen. Der Amerikaner hatte sich elegant vorgelehnt, den Ellenbogen aufs Knie gestützt, das feine, scharf umrissene Gesicht ganz im Licht. Seine Augen waren mit klug forschendem Ausdruck auf den Priester gerichtet.

»Ich kann Ihnen versichern,« sagte er, »daß wir Ihre Leistung in der Mordsache Mondschein als den größten Triumph ansehen, den die Geschichte der Detektivwissenschaft bis jetzt zu verzeichnen hat.«

Pater Brown murmelte etwas vor sich hin. Dieses Murmeln hatte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Stoßseufzer.

»Wir alle kennen,« fuhr der Amerikaner fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, »die angeblichen Leistungen Dupins und anderer, jener Lecocqs, Sherlock Holmes', Nickolas Carters und anderer Phantasiefiguren der edlen Detektivkunst. Aber wir beobachten, daß Ihre eigenen Methoden, einen Fall anzupacken, sich vielfach und sehr deutlich von den Methoden dieser übrigen scharfen Denker, mögen sie nun Phantasiegestalten oder Menschen von Fleisch und Blut sein, unterscheiden. Man ist sogar auf die Vermutung gekommen, ob die Verschiedenheit der Methode nicht vielleicht den Schluß auf das Fehlen jeglicher Methode zuläßt.«

Pater Brown schwieg, dann fuhr er plötzlich auf, fast als wäre er über dem Ofen eingenickt, und sagte: »Entschuldigen Sie. Jawohl … Fehlen jeglicher Methode … aber, so fürchte ich, Fehlen jeglicher Aufmerksamkeit auch.«

»Ich meine das Fehlen einer genau festgelegten wissenschaftlichen Methode,« fuhr der wissensdurstige Amerikaner fort. »Edgar Allan Poe erklärt in einigen kleinen Essays in Gesprächsform Dupins Methode mit ihren feinen Übergängen von einem scharfen Gedanken zum andern. Doktor Watson mußte einigen hübschen exakten Darlegungen der Methode Holmes' lauschen, die sich durch Beobachtung materieller Einzelheiten auszeichnet. Aber niemand scheint sich bis jetzt an eine erschöpfende Darstellung Ihrer eigenen Methode herangewagt zu haben, Pater Brown, und man hat mir gesagt, daß Sie das Anerbieten, darüber eine Reihe Vorträge in den Staaten zu halten, abgelehnt haben.«

»Das stimmt,« antwortete der Priester mit einem unwilligen Blick auf den Ofen, »ich habe abgelehnt.«

»Ihre Ablehnung entfesselte eine sehr interessante Diskussion,« bemerkte Chace. »Ich darf Sie vielleicht darauf aufmerksam machen, daß man bei uns verschiedentlich meint, Ihre Wissenschaft könne gar nicht dargelegt werden, weil sie über die natürlichen Grenzen einer Wissenschaft hinausgeht. Man sagt, Ihr Geheimnis könne nicht weiterverbreitet und allgemein zugänglich gemacht werden, weil es im Grunde okkulter Natur sei.«

»Was für einer Natur?« fragte Pater Brown scharf.

»Ich meine, esoterischer Art,« erwiderte der andere. »Stellen Sie sich doch vor, wie sich die Leute über all die Mordtaten aufgeregt haben. Sie brauchen nur an die Namen Gallup, Stein, Merton, Gwynne und Dalmon zu denken. Die Leute zerbrachen sich den Kopf, und auf einmal kommen Sie und erzählen jedem, der es hören will, wie der Mord ausgeführt wurde, aber keinem, woher Sie die Kenntnis haben. So kam man natürlich auf den Gedanken, daß Sie alles sozusagen mit geschlossenen Augen entdeckten. Charlotte Brownson hielt einen Vortrag über Hellsehen und belegte ihre Ausführungen mit Beispielen aus jenen Fällen. Die Frauenliga vom Zweiten Gesicht in Indianapolis –«

Pater Brown sah noch immer in die Ofenglut, dann sagte er, als ob er gar nicht wüßte, daß ihn jemand hörte, laut und deutlich:

»Um Himmelswillen, so geht das nicht weiter.«

»Ich weiß wirklich nicht, wie Sie das verhindern wollen,« sagte Herr Chace, ohne sich im geringsten aus der Fassung bringen zu lassen. »Die Frauenliga vom Zweiten Gesicht will Ihre Erfolge in ausgedehntem Maße als Material verwerten. Die einzige Möglichkeit, sie daran zu verhindern, besteht meiner Meinung nach darin, daß Sie endlich den Schleier Ihres Geheimnisses lüften.«

Pater Brown ächzte. Er beugte den Kopf, bis sein Gesicht in den Händen lag, und verharrte eine Weile in dieser Stellung, als dächte er angestrengt nach. Dann hob er den Kopf und sagte gemächlich:

»Es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich muß das Geheimnis preisgeben.«

Sein Blick glitt dunkel über den immer mehr dunkelnden Hof, von den roten Augen des kleinen Ofens bis zu dem dräuenden Schatten der alten Mauer, über der heller und heller glitzernd die leuchtenden Sterne des Südens standen.

»Das Geheimnis ist –« Er hielt ein, als wäre er unfähig, fortzufahren. Dann fing er von neuem an und sagte:

»Sehen Sie, ich selbst habe alle diese Leute ermordet.«

»Was?« sagte der Amerikaner mit leiser Stimme, die aus tiefer, weiter Stille klang.

»Ja, ich habe sie alle selbst ermordet,« erklärte Pater Brown geduldig. »Deshalb kannte ich natürlich den Hergang.«

Grandison Chace hatte sich zu seiner ganzen Höhe aufgerichtet, als wäre er durch eine langsame Explosion zur Decke emporgehoben. Hoch auf den andern niederblickend, wiederholte er seine ungläubige Frage.

»Ich hatte jedes Verbrechen sehr genau überlegt und entworfen,« fuhr Pater Brown fort. »Ich hatte mir genau ausgedacht, wie so etwas wohl gemacht werden könnte, und in welchem Geisteszustand ein Mann sein müßte, der eine solche Tat wirklich ausführte. Und wenn ich ganz sicher war, daß ich mich ganz und gar hineingefühlt hatte in den Mörder, dann wußte ich natürlich, wer er war.«

Chace seufzte mehrmals erleichtert auf.

»Sie haben mir keinen schlechten Schrecken eingejagt,« sagte er. »Im ersten Augenblick habe ich wirklich gedacht, Sie hätten Ihre Worte ernst gemeint. Ich sah es schon in großen Überschriften in allen unseren Zeitungen stehen: ›Ein frommer Heuchler als Mörder entlarvt: Hundert Verbrechen des Pater Brown.‹ Wenn Sie jedoch nur eine Redewendung gebraucht haben und ausdrücken wollen, daß Sie sich bemüht haben, die psychologischen Unterlagen des Mordes zu rekonstruieren, so ist das natürlich –«

Pater Brown klopfte mit der kurzen Pfeife, die er gerade stopfen wollte, heftig auf den Ofen. Er bekam sehr selten einen Anfall von Unwillen, aber jetzt sah man ihm deutlich an, daß er sich ärgerte.

»Nein, nein, nein,« rief er fast wütend. »Was ich gesagt habe, ist keine Redewendung. Das kommt dabei heraus, wenn man versucht, über tiefe Dinge zu sprechen … Wird man nicht immer mißverstanden, wenn man den Mund auftut? … Wenn man über eine rein geistige Wahrheit sprechen will, so glauben die Leute immer, daß alles nur bildlich gemeint ist. Ein leibhaftiger Mann mit zwei Beinen sagte einmal zu mir: ›Ich glaube an den Heiligen Geist nur in geistigem Sinne.‹ Ich konnte ihm selbstverständlich nur erwidern: ›In welchem anderen Sinne könnten Sie denn an ihn glauben?‹ Und dann dachte er, ich hätte sagen wollen, er brauche nur an Entwicklung, allgemeine Verbrüderung oder den Aufschwung der Technik glauben. Ich wollte sagen, daß ich mich selbst mit meinem wirklichen Selbst die Morde begehen sah. Ich habe die Männer nicht wirklich mit irgendeinem Gegenstand getötet, aber darauf kommt es nicht an. Ein Backstein oder irgendein Werkzeug hätten genügt, um sie vom Leben zum Tode zu befördern. Ich wollte sagen, ich dachte unablässig darüber nach, wie wohl ein Mann so weit kommen könne, bis ich schließlich selbst wirklich so weit war, nur der letzte Schritt, die Einwilligung zur Tat, fehlte. Diese Methode wurde mir einst durch einen Freund als eine Art religiöser Übung angeraten. Ich glaube, er hatte sie von Papst Leo XIII., für den ich immer geschwärmt habe.«

»Ich fürchte,« sagte der Amerikaner in einem Ton, der noch nicht frei von jedem Zweifel war, und sah dabei den Priester an, als wäre der ein wildes Tier, »daß Sie mir noch sehr viel zu erklären haben würden, bevor ich wüßte, worauf Sie eigentlich hinaus wollen. Die Wissenschaft der Aufklärung von Verbrechen –«

Pater Brown knipste wieder voll lebhaften Unwillens mit den Fingern. »Das ist der Punkt,« rief er, »das ist der Punkt, an dem unsere Wege sich trennen. Wissenschaft ist etwas Großes, wenn sie an der richtigen Stelle angewandt wird, in ihrem wirklichen Sinne eines der großartigsten Wörter der Welt. Aber was versteht man in neun unter zehn Fällen unter diesem Worte, wenn man es heute gebraucht? Wenn man sagt, die Aufklärung von Verbrechen sei eine Wissenschaft? Wenn man sagt, die Kriminologie sei eine Wissenschaft? Man versteht darunter, sich außerhalb eines Mannes stellen und ihn studieren, als wäre er ein riesiges Insekt. Man nennt das objektive und unparteiische Betrachtung. Ich aber würde es lieber eine mitleidlose Leichensezierung nennen. Man versteht darunter, sich von einem Menschen möglichst weit entfernen und ihn betrachten, als wäre er ein von unserer Zeit losgelöstes prähistorisches Ungeheuer; die Form seines ›Verbrecherschädels‹ beglotzen, als wäre dieser Schädel so ein seltsames und ungewöhnliches Ding wie das Horn auf der Nase eines Rhinozeros'. Wenn der wissenschaftliche Kriminologe von Typen spricht, so meint er damit niemals sich selbst, sondern immer seinen Mitmenschen, wahrscheinlich einen ärmeren Mitmenschen. Ich leugne nicht, daß eine objektive unparteiische Betrachtung manchmal ihr Gutes haben kann, obschon sie in einem Sinne das gerade Gegenteil von Wissenschaft ist. Sie gibt uns nicht nur keine Erkenntnis, sondern unterdrückt in uns sogar das, was wir wissen. Sie läßt uns einen Bekannten als Fremden behandeln und tut so, als ob etwas uns nahe Vertrautes in Wirklichkeit fern und geheimnisvoll wäre. Es ist gerade so, als würde man bei einem Menschen nicht mehr von einer Nase, sondern von einem Rüssel sprechen, nicht mehr von Schlaf, sondern von einem alle vierundzwanzig Stunden einmal eintretenden Anfall von Empfindungslosigkeit. Nun, was Sie als mein ›Geheimnis‹ bezeichnen, ist gerade das Gegenteil von einer solchen Betrachtungsweise. Ich versuche nicht, mich außerhalb des Menschen zu stellen. Ich bemühe mich, in den Mörder hineinzuschlüpfen … Aber das drückt die Sache noch nicht richtig aus, es ist mehr als das. Ich stecke wirklich in einem Menschen drin. Ich trete niemals aus ihm heraus, ich bewege seine Arme und Beine. Und dann warte ich, bis ich weiß, daß ich in einem Mörder stecke. Ich denke seine Gedanken, ich kämpfe mit seinen Leidenschaften, ich kauere mich in die Stellung seines geduckt nach einem Opfer ausspähenden Hasses, bis ich die Welt mit seinen blutunterlaufenen schielenden Augen sehe, dieselben Scheuklappen trage wie er und halbverblödet immer nur auf einen Punkt starre, nichts mehr zur Rechten, nichts mehr zur Linken sehe, sondern nur geradeaus den sich scharf abhebenden Strich eines geraden, zu einem Bluttümpel führenden Weges. Bis ich wirklich ein Mörder bin.«

»Oh!« sagte Herr Chace, der ihn mit langem, entsetztem Gesicht betrachtete, und setzte hinzu: »Und das nennen Sie eine religiöse Übung?«

»Ja,« antwortete Pater Brown. »Das nenne ich eine religiöse Übung.«

Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort: »Es ist tatsächlich so sehr eine religiöse Übung, daß ich am liebsten gar nicht darüber gesprochen hätte. Aber ich konnte Sie doch bei bestem Willen nicht heimfahren und Ihren Landsleuten die Mär verkünden lassen, ich wäre im Besitz eines mit Hellseherei verbundenen Zaubermittels. Ich habe mich nicht gut ausgedrückt, aber was ich gesagt habe, ist wahr. Kein Mensch taugt in Wirklichkeit etwas, bis er weiß, wie schlecht er ist oder sein könnte, bis er ganz und gar einsieht, wieviel Recht er hat, in dieser abstrakten und hochmütigen Weise über Verbrecher zu reden, als wären das Affen in einem zehntausend Meilen entfernten Urwald, bis er sich von dieser elenden Selbsttäuschung, von niedrigen Typen und anormalen Schädeln zu reden, freimacht, bis er den letzten Tropfen pharisäischen Öles aus seiner Seele gepreßt hat, bis seine einzige Hoffnung ist, es möge ihm einmal gelingen, einen einzigen Verbrecher zu erwischen und ihn sicher unter seinem eigenen Hute nach Hause zu tragen.«

Flambeau füllte einen großen Becher mit spanischem Wein und setzte ihn seinem Freunde vor, der amerikanische Gast war bereits versorgt. Dann griff er zum erstenmal in die Unterhaltung ein.

»Ich glaube, Pater Brown hat einige neue geheimnisvolle Geschichten erlebt. Ich glaube, wir haben neulich noch davon gesprochen. Er hat seit unserer letzten Begegnung mit einigen sonderbaren Leuten zu tun gehabt.«

»Ja, die Geschichten kenne ich mehr oder weniger, den äußeren Hergang, aber nicht den inneren,« sagte Chace, indem er nachdenklich sein Glas hob. »Können Sie vielleicht Ihre Methode mit einigen Beispielen illustrieren? … Ich meine, haben Sie die letzten Mordfälle nach Ihrer introspektiven Methode behandelt?«

Auch Pater Brown erhob sein Glas. Der Schein des Feuers ließ den roten Wein durchsichtig erglühen, er leuchtete wie das prächtige blutrote Glas in einem buntfarbigen Kirchenfenster. Die rote Flamme schien seine Augen festzubannen und seinen Blick tiefer und tiefer in sich hineinzuziehen, als umfaßte der Becher ein mit dem Blute aller Menschen gefülltes rote Meer, und als wäre seine Seele ein Taucher, der sich in die Tiefen der Niedrigkeit und böser Gedanken hinabgleiten ließ, tiefer noch als die untersten Meerungeheuer und die untersten Schlammschichten. Jetzt war der leuchtende Wein wie ein weiter glühender Sonnenuntergang auf dunkelrotem Sande, und auf dem Sande standen schwarze Gestalten, Menschen, einer lag am Boden und ein anderer lief zu ihm hin. Dann schien die Abendglut sich in einzelne Flecken aufzulösen, rote Lampen schaukelten an Gartenbäumen und spiegelten sich rot in einem Teiche wider. Und dann schien sich die ganze Farbe in eine große rote Kristallrose zusammenzuballen, ein Juwel, das die Welt wie eine rote Sonne überstrahlte; dunkel hob sich in dem Licht der Schatten einer großen Gestalt ab, die einen hohen Kopfputz trug, wie er etwa in fernen Zeiten einen Priester geschmückt haben mochte. Dann schmolz der Glanz wieder zusammen, bis nur die Flamme eines wilden roten Bartes übrigblieb, der im Winde über ein wildes graues Moor wehte. Alle diese Dinge, die später noch von anderen Seiten und in anderer Beleuchtung und Stimmung sich darbieten werden, standen auf die Frage des Amerikaners hin in seiner Erinnerung auf und begannen, sich zum Fluß berichtender Rede und kritischer Bemerkungen zusammenzuschließen.

»Ja« sagte er, als er den Becher langsam an seine Lippen führte, »ich kann mich ganz gut erinnern –«

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