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Das Geheimnis des Paters Brown

Gilbert Keith Chesterton: Das Geheimnis des Paters Brown - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleDas Geheimnis des Paters Brown
publisherMusarion Verlag
year1929
translatorRudolf Nutt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid5d03d62f
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Der Marquis von Marne

Ein greller Blitz tauchte den fahlen Wald in bleiches Licht und durchleuchtete das runzelige Laub bis zum letzten gekräuselten Blatt, als wenn jede Einzelheit in Silberfarbe gezeichnet oder in Silber gestochen wäre. Dieselbe sonderbare Zauberwirkung des Blitzes, durch die er Millionen winziger Dinge in einem Augenblick aus dem Dunkel herausschneidet, hob auch alles andere hervor, von den in eleganter Unordnung unter dem weitästigen Baume herumliegenden Überresten des Picknicks bis zu der sich bleich durch den Wald windenden Straße, an deren letzter Krümmung ein weiß schimmerndes Auto wartete. In der Ferne schien ein düster aussehender schloßartiger Herrensitz mit vier Türmen, der mit seinen in der grauen Dämmerung zusammengerückten Mauern soeben noch gleich einer dräuenden Wolke am Horizont hing, plötzlich in den Vordergrund zu rücken und stand nun mit seinen Zinnen, Dächern und wie tote Augen in den Abend starrenden Fenstern scharfumrissen da. Und bei diesem Schloß wenigstens wirkte der Blitz wie eine Enthüllung, er schien plötzlich die Schleier einer fernen Vergangenheit zu zerreißen. Denn für einige Personen der unter dem Baume versammelten Gruppe war das Schloß in der Tat nur noch ein verblichener und fast vergessener Schemen, der jedoch seine Macht dadurch beweisen sollte, daß er von neuem in den Vordergrund ihres Lebens rückte.

In denselben silbernen Glanz hüllte das Licht auch, für einen Augenblick wenigstens, eine Gestalt, die so bewegungslos dastand wie einer der Schloßtürme. Es war die Gestalt eines großen Mannes. Er stand auf einer Bodenerhebung über den übrigen, die meist im Grase saßen oder sich bückten, um das Geschirr aufzusammeln. Er trug einen malerischen kurzen Mantel oder Umhang, der mit einer silbernen Schnalle und Kette zusammengehalten wurde. Die Schnalle blitzte wie ein Stern auf, als der Blitz herniederzuckte. Die bewegungslose Gestalt schien aus Metall zu sein, und dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, daß das dichtgekräuselte Haar des Mannes die brandgelbe Farbe des Goldes hatte. Man vermutete unter diesem Haar ein jüngeres Gesicht. Das Gesicht mit der Adlernase und den scharfgemeißelten Zügen war zwar in seiner Art schön zu nennen, aber es sah in dem hellen Licht etwas faltig und verwittert aus. Möglicherweise hatte es von dem vielen Schminken gelitten, denn Hugo Romaine war der größte Schauspieler seiner Zeit. In dem grellen Schein des Blitzes gaben ihm das gelockte goldene Haar, das elfenbeinweiße Gesicht und die silberne Schnalle und Kette das Aussehen eines mit einer Rüstung angetanen Ritters, im nächsten Augenblick zeichnete sich seine Gestalt als dunkle, ja schwarze Silhouette gegen das trostlose Grau des gewitterschwülen Abendhimmels ab.

Seiner starren steinernen Ruhe, die der einer Statue glich, vermochte auch der grelle Blitz nichts anzuhaben, und das unterschied ihn von den übrigen Personen in seiner Nähe. Alle anderen hatten bei dem unerwarteten Aufblitzen die gewöhnliche unwillkürliche Bewegung gemacht. Die einzige anwesende Dame, deren Art, ihr graues Haar mit Anmut, ja wie mit Stolz zu tragen, sie als Amerikanerin kenntlich machte, schloß ohne Geziertheit ihre Augen und schrie erschreckt auf. Ihr Mann, der englische General Outram, ein alter unentwegter Anglo-Inder, mit einem kahlen Kopf, schwarzem Schnurrbart und altmodischem Backenbart blickte mit einer steifen Bewegung auf und fuhr dann ruhig mit Aufräumen fort. Ein junger, ebenso großer wie schüchterner Mann mit braunen ehrlichen Hundeaugen, namens Mallow, ließ einen Teller fallen und stammelte verlegen eine Entschuldigung. Ein dritter, sehr modisch gekleideter Mann, dessen Kopf mit steif zurückgekämmtem grauen Haar dem eines forschen Terriers glich, war kein anderer als der große Zeitungskönig Sir John Cockspur, er fluchte drauf los, aber nicht auf englische Art, auch sein Akzent war nicht englisch, denn er kam von Toronto. Aber der große Mann in dem kurzen Mantel stand buchstäblich wie eine Statue aufrecht, sein Adlergesicht erschien in dem hellen Licht wie die Büste eines römischen Kaisers, seine Augenlider blieben unbeweglich.

Kurz darauf durchkrachte der Donner die dunkle Himmelswölbung, und die Statue schien zum Leben zu kommen. Er drehte seinen Kopf über die Schulter und sagte lässig:

»Zwischen Blitz und Donner liegt etwa ein und eine halbe Minute, aber ich glaube, das Gewitter kommt näher. Ein Baum soll kein guter Schutz gegen den Blitz sein, aber wir brauchen ihn als Schirm für den Regen. Es wird wohl einen Wolkenbruch geben.«

Der junge Mann blickte ein wenig ängstlich auf die Dame und sagte: »Können wir nicht irgendwo anders Schutz suchen? Dort drüben scheint ein Haus zu sein.«

»Ein Haus ist zwar da,« bemerkte der General ziemlich grimmig, »aber ein gastliches Haus könnte man es wohl nicht nennen.«

»Sonderbar,« sagte seine Frau melancholisch, »daß wir bei einem Gewitter gerade in die Nähe dieses Hauses geraten mußten.«

In ihrem Ton lag etwas, das den sehr taktvollen und feinfühligen jungen Mann zum Schweigen veranlaßte, aber nichts dergleichen schreckte den Mann aus Toronto ab.

»Was ist mit dem Hause?« fragte er. »Es sieht aus wie eine Ruine.«

»Es gehört dem Marquis von Marne,« sagte der General mit einem Anflug von Sarkasmus.

»Aha!« rief Sir John Cockspur. »Von diesem sonderbaren Vogel habe ich bereits gehört. Habe ihm im vorigen Jahr auf der ersten Seite des › Komet‹ einen Artikel gewidmet: ›Der Edelmann, den niemand kennt‹.«

»Ja, ich habe auch von ihm gehört,« sagte der junge Mann mit leiser Stimme. »Man erzählt sich die unheimlichsten Geschichten über den Grund seiner Zurückgezogenheit. Er soll eine Maske tragen, weil er den Aussatz hat. Aber dann wurde auch ganz ernsthaft erzählt, daß auf der Familie ein Fluch liege, man sprach von einem Kinde, einer schrecklichen Mißgeburt, das in einem dunklen Zimmer verborgen gehalten wird.«

»Der Marquis von Marne hat drei Köpfe,« sagte Romaine mit vollem Ernst. »Alle dreihundert Jahre einmal wird der Familie ein dreiköpfiger Sohn geboren. Kein Mensch wagt sich dem fluchbeladenen Hause zu nähern außer einer schweigenden Prozession von Hutmachern, die eine abnorme Anzahl von Hüten herbeibringen. Aber –« und seine Stimme vibrierte in jenem tiefen und drohenden Ton, der im Theater eine so erschütternde Wirkung hervorbringen konnte – » diese Hüte sind nicht für Menschenköpfe gemacht

Die Amerikanerin blickte stirnrunzelnd und mißtrauisch zu ihm hin, als wenn der Klang dieser Stimme sie wider Willen bewegt hätte.

»Ich liebe Ihre dämonischen Spaße nicht,« sagte sie, »und es wäre besser, wenn Sie hierüber keine Spaße machten.«

»Ich höre und gehorche,« erwiderte der Schauspieler, »aber darf ich wie ein guter Soldat nicht einmal fragen, warum?«

»Weil er nicht der Edelmann ist, den niemand kennt,« erwiderte sie. »Ich selbst kenne ihn oder kannte ihn wenigstens sehr gut, als er vor dreißig Jahren, wo wir alle jung waren, Attaché in Washington war. Er trug keine Maske, wenigstens nicht in meiner Gegenwart. Er war kein Aussätziger, obschon er vielleicht ebenso einsam war. Und er hatte nur einen Kopf und nur ein Herz, und das war gebrochen.«

»Eine unglückliche Liebesgeschichte natürlich,« sagte Cockspur. »Ich glaube, das wäre was für den › Komet‹.«

»Es soll wohl ein Kompliment für uns sein,« erwiderte sie nachdenklich, »daß Sie immer annehmen, das Herz eines Mannes werde durch eine Frau gebrochen. Aber es gibt andere Arten der Liebe und des Kummers. Haben Sie niemals ›In Memoriam‹ gelesen? Haben Sie niemals von David und Jonathan gehört? Was den armen Marne zu Boden warf, war der Tod seines Bruders. Dieser Bruder war zwar eigentlich ein Kusin, war aber mit ihm zusammen wie ein Bruder erzogen worden und stand ihm näher als Brüder meistens zu tun pflegen. James Mair, wie der Marquis hieß, als ich ihn kannte, war von beiden der ältere, blickte aber immer anbetend zu Maurice Mair wie zu einem Gott hinauf. Und nach seinem Urteil war Maurice Mair sicherlich ein Wundermensch. James war kein Dummkopf und ein sehr guter Politiker, aber es scheint, daß Maurice für alle Berufe geschaffen und in allen gleich gut war, daß er ein glänzender Künstler, Schauspieler und Musiker war, von allem anderen gar nicht zu reden. James selbst war ein sehr hübscher Mann, groß, stark und energisch, obgleich die jungen Leute von heute ihn mit seinem geteilten Backenbart, wie er damals Mode war, vielleicht sehr komisch finden würden. Maurice jedoch trug keinen Bart und war nach den Bildern zu urteilen, die ich von ihm gesehen habe, sicher sehr schön, wenn er auch größere Ähnlichkeit mit einem Tenor hatte als für einen Gentleman zulässig ist. James fragte mich immer und immer wieder, ob sein Freund nicht ein Wunder sei, ob nicht jede Frau sich in ihn verlieben würde und so weiter, bis es einfach nicht mehr anzuhören war. Aber aus dieser Freundschaft wurde plötzlich eine Tragödie. Sein ganzes Leben schien in dieser Vergötterung aufzugehen, aber eines Tages stürzte das Götterbild von seinem Sockel herab und zerbrach wie ein Porzellanfigürchen. Weiter nichts als eine Erkältung, die er sich an der See zugezogen hatte, und alles war vorüber.«

»Und hierauf,« fragte der junge Mann, »hat er sich gänzlich von der Welt abgeschlossen?«

»Er ging zuerst auf Reisen,« antwortete sie, »nach Asien, nach der Südsee und weiß Gott wohin. Der Tod übt auf verschiedene Menschen einen verschiedenen Einfluß aus. Ihn brachte dieser plötzliche Todesfall dahin, daß er sich gänzlich von der Welt abschloß und sogar der Erinnerung so weit wie möglich zu entfliehen suchte. Er konnte nicht die geringste Andeutung über die alte Freundschaft ertragen, kein Bild des Toten mehr sehen, mochte nichts mehr von ihm hören, hielt alles von sich fern, was mit ihm irgendwie zusammenhing. Der Pomp eines großen öffentlichen Begräbnisses beleidigte sein Gefühl. Er hatte nur das eine Verlangen, fortzukommen. Er blieb zehn Jahre weg. Es ging das Gerücht, daß er am Ende seines Exils wieder etwas aufgelebt sei, aber als er zurückkam, brach er völlig zusammen. Er verfiel in religiöse Melancholie, und die kommt fast dem Wahnsinn gleich.«

»Man sagt, die Priester hätten sich seiner bemächtigt,« brummte der alte General. »Ich weiß, er gab Riesensummen für die Gründung eines Klosters und lebt selbst wie ein Mönch oder jedenfalls wie ein Einsiedler. Ich verstehe nicht, wie man so etwas für gut halten kann.«

»So ein verfluchter Aberglaube,« schnarrte Cockspur. »Das sollte man an die große Glocke hängen. Diese Vampire machen sich an einen Mann heran, der dem Reich und der Welt hätte große Dienste erweisen können, und saugen ihm das Blut aus. Ich wette, bei ihren unnatürlichen Begriffen von Welt und Leben haben sie ihn nicht einmal heiraten lassen.«

»Nein, verheiratet ist er nicht,« sagte die Dame. »Verlobt war er, als ich ihn kennenlernte, aber ich glaube nicht, daß bei ihm diese Liebe allem andern vorausging, sie wurde mit begraben, als alles andere zusammenstürzte. Wie es bei Hamlet und Ophelia war – die Liebe entglitt ihm, als ihm das Leben entglitt. Ich kannte die Braut, ich kenne sie sogar jetzt noch. Unter uns, es war Viola Grayson, die Tochter des alten Admirals. Auch sie hat sich nicht verheiratet.«

»Das ist schändlich! Das ist teuflisch!« rief Sir John aufspringend. »Es ist nicht nur eine Tragödie, sondern ein Verbrechen. Ich habe dem Publikum gegenüber eine Pflicht zu erfüllen und werde diesen empörenden Fall öffentlich brandmarken. Man sollte es nicht glauben … Im zwanzigsten Jahrhundert –«

Er erstickte fast an seiner Entrüstung. Der alte Soldat aber sagte nach einer Weile:

»Ich bilde mir nicht ein, viel von diesen Dingen zu verstehen, aber ich glaube, diese frommen Leute sollten an das Bibelwort denken, das da heißt: ›Lasset die Toten ihre Toten begraben‹.«

»Nur daß unglücklicherweise die Mahnung dieses Textes gerade in diesem Falle befolgt zu werden scheint,« sagte seine Frau seufzend. »Es ist hier wie in einer unheimlichen Geschichte, in der ein Toter unablässig und für ewig einen anderen Toten begräbt.«

»Das Gewitter ist über uns hinweggegangen,« sagte Romaine mit undefinierbarem Lächeln. »Sie werden also dem gastlichen Hause keinen Besuch abzustatten brauchen.«

Die Amerikanerin fuhr schaudernd zusammen.

»Oh, das werde ich niemals wieder tun!« rief sie.

Mallow sah sie erstaunt an.

»Wieder! Haben Sie das denn schon einmal versucht?« fragte er.

»Ja, einmal habe ich den Versuch gemacht,« sagte sie leichthin, nicht ohne einen Anflug von Stolz, »aber wir wollen dies alles jetzt ruhen lassen. Es regnet zwar nicht, aber ich glaube, es ist besser, wir gehen zum Wagen zurück.«

Einzeln und paarweise brachen sie auf. Mallow und der General waren am weitesten zurück, und plötzlich sagte der General mit gesenkter Stimme:

»Dieser Cockspur braucht es nicht zu hören, aber da Sie gefragt haben, ist es besser, wenn Sie die Wahrheit erfahren. Diese Brüskierung kann ich Marne niemals verzeihen, aber ich glaube, die Mönche haben ihn so zugerichtet, daß er nicht anders kann. Meine Frau, der beste Freund, den er in Amerika gehabt hat, besuchte ihn, als er gerade im Garten spazieren ging. Er sah zu Boden wie ein Mönch und steckte in einer schwarzen Kapuze, die mindestens so lächerlich war wie eine Maske. Sie hatte sich durch ihre Karte anmelden lassen und stand im Garten, um ihn zu begrüßen, auf demselben Wege, den er einhergeschritten kam. Und was glauben Sie – ohne ein Wort und ohne einen Blick ging er an ihr vorbei, als wäre sie ein im Wege liegender Stein gewesen. Er war kein menschliches Wesen, er war nur noch ein wandelnder, aufgezogener Apparat. Sie kann ihn mit Recht einen Toten nennen.«

»Das ist alles sehr seltsam,« sagte der junge Mann. »Es ist ganz anders als – als ich erwartet hätte.«

Als der junge Herr Mallow von diesem ziemlich düsteren Ausflug nach Hause gekommen war, machte er sich auf die Suche nach einem Freunde. Er kannte keine Mönche, aber er kannte einen Priester, und es lag ihm sehr am Herzen, diesem die sonderbaren Enthüllungen, die er draußen vernommen hatte, mitzuteilen. Er hätte allzu gern gewußt, wie es mit dem grausamen Aberglauben bestellt war, der, gleich der am Nachmittag heraufziehenden schwarzen Gewitterwolke, dräuend über dem Schlosse des Marquis von Marne hing.

Nachdem er längere Zeit vergeblich herumgeirrt war, traf er Pater Brown schließlich in dem Hause eines katholischen Freundes, der eine zahlreiche Familie besaß. Er fand Pater Brown auf dem Fußboden sitzend und sehr ernsthaft bemüht, den ziemlich blumigen Hut einer Wachspuppe auf dem Kopfe eines Teddybären zu befestigen.

Mallow fühlte, daß seine Mitteilung der Situation nicht ganz entsprechen würde, aber er war von seinem Problem viel zu sehr erfüllt, um die Unterhaltung hierüber länger, als es eben nötig war, hinauszuschieben. In seinem Unterbewußtsein hatte es die ganze Zeit gearbeitet und rumort, und so erzählte er die ganze Tragödie des Hauses Marne, wie er sie von der Frau des Generals gehört hatte, unter Beifügung der Kommentare des Generals und des Zeitungsbesitzers. Mit der Erwähnung des letzteren schien sich eine neue Atmosphäre zu bilden, Pater Brown hörte aufmerksam zu.

Pater Brown wußte nicht oder kümmerte sich nicht darum, daß seine Haltung komisch oder nicht ganz salonfähig war. Er blieb ruhig auf dem Boden sitzen, wo sein großer Kopf und seine kurzen Beine ihn wie ein spielendes Kind erscheinen ließen. Aber in seine großen grauen Augen trat ein gewisser Ausdruck, der in der Geschichte von neunzehnhundert Jahren in vielen Jahrhunderten in den Augen vieler Männer zu sehen gewesen ist, nur saßen diese Männer im allgemeinen nicht auf dem Boden, sondern an Konferenztischen oder auf den Thronsesseln von Äbten, Bischöfen und Kardinälen, ein weitreichender, wachsamer Spähblick, in dem die ganze Demut eines für Menschen allzu schweren Amtes liegt. Diesen bangen und weitreichenden Blick kann man oft in den Augen von Seeleuten und bei jenen beobachten, die das Schiff St. Peters durch so viele Stürme gesteuert haben.

»Es ist sehr gut von Ihnen, daß Sie mir dies erzählen,« sagte er. »Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, denn wir werden vielleicht hierin etwas unternehmen müssen. Wenn nur Leute wie Sie und der General in Betracht kämen, könnte man die Sache womöglich als eine private Angelegenheit betrachten, aber wenn Sir John Cockspur in seinen Blättern Lärm schlägt und falsche Nachrichten verbreitet – er gehört zu den katholikenfeindlichen Orangeleuten, und wir können ihm die Sache kaum allein überlassen.«

»Aber was sagen Sie dazu?« fragte Mallow neugierig.

»Zu allererst hätte ich dazu zu sagen,« bemerkte Pater Brown, »daß die Geschichte, wie Sie sie erzählen, nicht lebenswahr klingt. Nehmen Sie an, ich wäre so ein Vampir.« Er rieb seine Nase mit dem Teddybären, wurde sich der Komik dunkel bewußt und legte den Bären hin. »Nehmen Sie an, wir zerstörten alle Freundschafts- und Familienbande. Warum sollten wir jemandem gerade dann wieder eine solche Familienfessel anlegen, wenn er dabei war, sich von ihr loszumachen? Man kann uns doch nicht zugleich zur Last legen, eine solche Zuneigung zu zerstören und sie in noch höherem Grade zu befördern. Ich sehe auch nicht ein, warum gerade ein mit religiösem Wahnsinn behafteter Mensch einen solchen an Wahnsinn grenzenden Kultus der Vergangenheit treiben sollte, oder wie die Religion diesen Wahnsinn steigern könnte, sie könnte ihn höchstens mit ein wenig Hoffnung erhellen.«

Nach einer Pause fügte er dann hinzu: »Ich möchte einmal mit diesem General sprechen.«

»Nicht er, sondern seine Frau hat mir alles erzählt,« sagte Mallow.

»Jawohl,« erwiderte Pater Brown, »aber mich interessiert das, was er nicht sagte, mehr als das, was sie sagte.«

»Sie meinen also, er weiß mehr als sie?«

»Ich meine, er weiß mehr, als sie sagt,« antwortete Pater Brown. »Nach Ihrem Bericht hat er gesagt, diese Brüskierung könne er Marne niemals verzeihen? Was hat er sonst noch zu verzeihen?«

Pater Brown erhob sich und schüttelte seine weiten Röcke. Er sah den jungen Mann mit zusammengekniffenen Augen und leicht komischem Ausdruck an. Dann drehte er sich schnell herum, nahm seinen unförmigen Regenschirm zur Hand, setzte seinen großen schäbigen Hut auf und stapfte die Straße hinab.

Er ging über viele Straßen und Plätze, bis er im Westend an ein schönes altes Haus kam. Er erkundigte sich bei dem Diener, ob er General Outram sprechen könne. Nach einigem Hin und Her wurde er in ein weniger mit Büchern als mit Karten und Globen ausgestattetes Studierzimmer geführt, in dem der kahlköpfige, schwarzbärtige General am Tische saß, eine lange, dünne, schwarze Zigarre rauchte und sich damit vergnügte, Stecknadeln auf eine Karte zu heften.

»Verzeihen Sie die Störung,« sagte der Priester, »besonders deshalb, weil diese Störung auf ein Haar einer Einmischung in private Angelegenheiten gleicht. In einer solchen Angelegenheit möchte ich nämlich mit Ihnen sprechen, aber nur in der Hoffnung, die Sache privat zu erhalten. Unglücklicherweise möchten andere sie zu einer öffentlichen Angelegenheit machen. Sie kennen ja wohl Sir John Cockspur, Herr General?«

Der große schwarze Schnurrbart und Backenbart war wie eine die untere Gesichtshälfte des alten Generals verhüllende Maske, man konnte nur schwer sehen, ob er lächelte, aber seine braunen Augen zwinkerten manchmal.

»Den kennt jedermann,« sagte er. »Ich kenne ihn nicht sehr gut.«

»Sie wissen, jedermann weiß, was er weiß,« sagte Pater Brown lächelnd, »wenn er es für zweckmäßig hält, es in Druckerschwärze niederzulegen. Und ich höre von Herrn Mallow, den Sie ja wohl kennen, daß Sir John einige flammende antiklerikale Artikel vom Stapel lassen will, deren Inhalt auf dem sogenannten Geheimnis des Schlosses Marne beruht. ›Mönche treiben einen Marquis zum Wahnsinn,‹ usw.«.

»Wenn er sie drucken will,« erwiderte der General, »so verstehe ich nicht, warum Sie in dieser Sache zu mir kommen. Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ich überzeugter Protestant bin.«

»Überzeugte Protestanten sind mir sehr sympathisch,« sagte Pater Brown. »Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich überzeugt war, Sie würden die Wahrheit sagen. Ich hoffe; es ist nicht ungerecht, wenn man bei Sir John Cockspur in dieser Hinsicht ein weniger sicheres Gefühl hat.«

Die braunen Augen zwinkerten wieder, aber der General sagte kein Wort.

»Herr General,« sagte Pater Brown, »nehmen Sie an, Cockspur oder Leute seines Schlages würden Ihr Land und Ihre Flagge in ihren Zeitungen in der ganzen Welt verleumden. Denken Sie sich, er würde die Behauptung aufstellen, Ihr Regiment sei in der Schlacht davongelaufen oder Ihr Stab stehe im Solde des Feindes. Würden Sie sich nicht bemühen, vor aller Welt die Wahrheit festzustellen? Würden Sie sich durch irgend etwas an der Feststellung der Wahrheit behindern lassen? Nun, ich habe ein Regiment und gehöre einer Armee an. Sie wird durch Geschichten, die nach meiner Überzeugung Märchen sind, in Mißkredit gebracht, aber ich kenne den wahren Hergang nicht. Können Sie mir einen Vorwurf machen, wenn ich mich bemühe, ihn herauszufinden?«

Der General schwieg, und der Priester fuhr fort:

»Ich habe von Mallow die Version gehört, die gestern erzählt wurde. Marne soll sich, völlig gebrochen durch den Tod seines Bruders, der ihm mehr war als ein Bruder, gänzlich von der Welt zurückgezogen haben. Ich bin überzeugt, daß diese Erklärung nicht genügt. Ich bin hergekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mehr hierüber wissen.«

»Nein,« sagte der General schroff, »ich kann Ihnen nicht mehr sagen.«

»Herr General,« sagte Pater Brown mit breitem Lächeln, »Sie würden mich einen Jesuiten genannt haben, wenn ich mich so aus der Schlinge gezogen hätte.«

Der General lachte rauh auf und brummte dann mit noch größerer Feindseligkeit:

»Gut denn, ich will Ihnen nichts sagen. Was sagen Sie nun?«

»Ich sage nur,« antwortete der Priester sanft, »daß in diesem Falle ich Ihnen etwas erzählen muß.«

Die braunen Augen, die jetzt nicht mehr zwinkerten, waren groß auf ihn gerichtet.

»Sie zwingen mich, darzulegen, vielleicht auf weniger sympathische Weise als es Ihnen möglich wäre, warum mehr hinter dieser Geschichte steckt, als in der Erzählung Ihrer Frau zum Ausdruck kommt. Ich bin fest überzeugt, daß der Marquis nicht nur deshalb der Melancholie und der Einsamkeit verfallen ist, weil er einen alten Freund verloren hat. Ich zweifle daran, ob Priester überhaupt etwas damit zu tun haben, ich weiß nicht mal, ob er ein Konvertit ist oder nur ein Mann, der sein Gewissen durch Wohltätigkeit zur Ruhe bringen will, aber ich bin sicher, daß die Trauer um einen verlorenen Freund nicht der einzige Grund seiner Handlungsweise ist. Da Sie nicht anders wollen, will ich Sie auf ein paar Punkte hinweisen, die mich zu dieser Überzeugung bringen.

Erstens, James Mair soll verlobt gewesen sein und die Absicht gehabt haben, zu heiraten, aber nach dem Tode Maurice Mairs soll er die Verlobung gelöst haben. Warum sollte ein ehrenwerter Mann die Verlobung lösen, nur weil er durch den Tod eines Freundes betrübt ist? Viel wahrscheinlicher ist doch, daß er sich, um Trost zu finden, noch fester an den einzigen Menschen anschloß, der ihm verblieben war, aber jedenfalls war der Tod des Freundes kein Grund, von der Verlobung zurückzutreten.«

Der General biß auf seinen schwarzen Schnurrbart, und in seine braunen Augen trat ein wachsamer und sogar ängstlicher Ausdruck, aber er antwortete nicht.

»Ein zweiter Punkt,« sagte Pater Brown, mit zusammengezogenen Brauen auf den Tisch blickend, »James Mair fragte seine Freundin unablässig, ob sein Cousin Maurice nicht sehr bezaubernd sei, und ob Frauen ihn nicht bewundern würden. Ich weiß nicht, ob der Dame der Gedanke gekommen ist, daß diese Fragen einen anderen Sinn haben konnten.«

Der General stand auf und begann im Zimmer umherzugehen oder umherzustampfen.

»Oh, ich will nichts mehr von dieser verfluchten Geschichte wissen,« rief er, aber seine feindselige Stimmung war geschwunden.

»Der dritte Punkt,« fuhr Pater Brown fort, »ist James Mairs sonderbare Art zu trauern – er zerstört alle Andenken, verhüllt alle Bilder und so weiter. Ich gebe zu, das kommt manchmal vor. Es kann der Ausdruck leidenschaftlicher Trauer sein. Aber es kann auch etwas anderes bedeuten.«

»Zum Henker noch mal,« rief der General, »wieviel Punkte haben Sie noch auf Vorrat?«

»Der vierte und fünfte Punkt lassen an Beweiskraft nichts zu wünschen übrig, besonders wenn man sie zusammen nimmt,« fuhr der Priester ruhig fort. »Maurice Mair, der doch einer bekannten Familie angehörte, scheint gar nicht besonders feierlich bestattet worden zu sein. Er muß eilig, vielleicht heimlich begraben worden sein. Und der letzte Punkt ist, daß James Mair sofort ins Ausland verschwand, ja bis ans Ende der Welt geflohen ist.

Und wenn Sie daher,« fuhr er noch immer in demselben sanften Ton fort, »meine Religion anschwärzen würden, um die Geschichte von der reinen und vollkommenen Liebe zweier Brüder in helles Licht zu heben, so –«

»Halt!« rief Outram mit furchtbarer Plötzlichkeit. »Ich muß Ihnen mehr sagen, oder Sie werden Schlimmeres vermuten. Ich will Ihnen sofort eins sagen. Es war ein ehrlicher Kampf.«

»Ah,« sagte Pater Brown und schien erleichtert aufzuatmen.

»Es war ein Duell,« sagte der General. »Es war wahrscheinlich das letzte Duell, das in England ausgefochten wurde, und seitdem ist eine lange Zeit verflossen.«

»Das ist besser,« sagte Pater Brown. »Gott sei Dank, das ist ein gutes Teil besser.«

»Besser als die scheußlichen Dinge, an die Sie gedacht haben, nicht wahr?« brummte der General. »Aber Sie mögen noch so sehr über die reine und vollkommene Liebe lachen, sie bestand trotzdem. James Mair war seinem Kusin, der mit ihm aufgezogen war wie ein jüngerer Bruder, von Herzen zugetan. Man findet es oft, daß ältere Brüder und Schwestern sich einem nachgeborenen Kinde auf diese Weise widmen, besonders wenn es eine Art Wunderkind ist. Aber James Mair gehörte zu den einfachen Menschen, in denen selbst der Haß selbstlos ist. Selbst wenn sich in einem solchen Falle zärtliche Zuneigung in Wut noch immer objektiv, nämlich nach außen auf ihr Objekt gerichtet, an sich selbst denken solche Menschen nicht. Der arme Maurice Mair war gerade das Gegenteil von ihm. Sein Erfolg hatte ihn so berauscht, daß er wie in einem Spiegelhause lebte. Er war in jeder Art Sport, in allen Künsten und außergewöhnlichen Leistungen immer der erste. Er gewann fast immer, ohne sehr überheblich zu sein. Aber wenn er einmal zufällig verlor, so kam eine weniger angenehme Seite seiner Natur zum Vorschein, er war ein wenig eifersüchtig. Es würde zu weit führen, wenn ich Ihnen ausführlich erzählen würde, wie sich diese Eifersucht nach der Verlobung seines Kusins bemerkbar machte, wie seine ruhelose Eitelkeit ihn dazu trieb, sich in die Herzensangelegenheit des anderen einzumischen. Es genügt, wenn ich Ihnen sage, daß James Mair, der in den meisten Dingen hinter ihm zurückstand, ein besserer Schütze war als er, und damit endete die Tragödie.«

»Sie meinen, die Tragödie begann,« erwiderte der Priester. »Die Tragödie des Überlebenden. Ich dachte mir ja, daß keine mönchischen Vampire dazu nötig waren, ihn unglücklich zu machen.«

»Nach meiner Meinung ist er viel unglücklicher als er zu sein brauchte,« sagte der General. »Es war freilich eine gräßliche Tragödie, aber es war ein ehrlicher Kampf. Und James war herausgefordert worden.«

»Wie wissen Sie das alles?« fragte der Priester.

»Ich weiß es, weil ich alles mit angesehen habe,« antwortete Outram unerschütterlich. »Ich war James Mairs Sekundant, und ich sah Maurice Mair vor mir tot auf dem Sand liegen.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das etwas ausführlicher schildern würden,« sagte Pater Brown nachdenklich. »Wer war Maurice Mairs Sekundant?«

»Er hatte sich einen bekannteren Namen ausgesucht,« erwiderte der General grimmig. »Sein Sekundant war Hugo Romaine, der große Schauspieler. Maurice war aufs Theaterspielen versessen und hatte Romaine (der damals zwar schon im Aufstieg begriffen war, aber noch zu kämpfen hatte) als Lehrer angenommen, und als Gegenleistung für seine Unterweisung finanzierte er ihn und seine Unternehmungen. Romaine war damals von seinem reichen Freunde abhängig, wenn er auch jetzt reicher ist als irgendein Aristokrat. Deshalb beweist seine Tätigkeit als Sekundant noch nicht, daß er innerlich auf Maurices Seite stand. Jeder Duellant hatte nach englischer Art nur einen Sekundanten. Ich wollte wenigstens einen Wundarzt hinzuziehen, aber Maurice lehnte diesen Vorschlag heftig ab, je weniger Leute Kenntnis von dem Duell hätten, desto besser sei es, sagte er, und im schlimmsten Falle könnten wir ja sofort Hilfe bekommen. ›In dem Dorfe, das keine halbe Meile entfernt ist, wohnt ein Arzt,‹ sagte er, ›ich kenne ihn, und er besitzt eins der schnellsten Pferde. Er könnte sofort zur Stelle sein, aber er braucht erst geholt werden, wenn es nötig ist.‹ Wir wußten alle, daß Maurice die größte Gefahr lief, da er die Pistole nicht gut zu handhaben wußte. Als er daher die Hinzuziehung eines Arztes ausschlug, wurde von unserer Seite nicht weiter darauf bestanden. Das Duell wurde auf einer flachen Sandstrecke an der Ostküste von Schottland ausgefochten. Eine lange Reihe grasbewachsener Sanddünen schloß den Platz gegen die landeinwärts gelegenen Weiler ab, so daß von dort niemand etwas sehen und hören konnte. Die Dünen gehörten wahrscheinlich zum Golfspielplatz, obgleich damals noch kein Engländer von Golf etwas gehört hatte. In den Dünen befand sich ein tiefer krummer Einschnitt, durch den wir an den Strand gelangten. Ich sehe ihn deutlich vor mir: zuerst ein breiter Streifen von fahlem Gelb und hinter ihm ein schmalerer Streifen von dunklem Rot, ein Rot, das bereits wie der lange Schatten einer Bluttat erschien.

Der Kampf selbst ging mit schrecklicher Geschwindigkeit vor sich, es war, als wenn plötzlich ein Wirbelwind über den Sand gefegt wäre. Bei dem ersten Knall schien sich Maurice wie ein Kreisel zu drehen und fiel dann vornüber aufs Gesicht. Und sonderbar, während ich mich bis zu diesem Augenblick um ihn gesorgt hatte, wandte sich nun, als er tot war, mein ganzes Mitleid dem Manne zu, der ihn getötet hatte, und so ist es bis zu dieser Stunde geblieben. Ich wußte, daß jetzt, wo Maurice tot war, das Pendel der lebenslangen Liebe meines Freundes mit einem gewaltigen Schwunge zurückschlagen würde, und daß, mochten andere auch Gründe finden, ihm zu verzeihen, er selbst sich diese Tat in seinem ganzen Leben niemals vergeben würde. Und so ist der Eindruck, der sich mir am tiefsten eingeprägt hat, das Bild, das unvergeßlich mir vor Augen steht, nicht die Katastrophe selbst, der Rauch, das Aufblitzen und die fallende Gestalt. Das war alles vorüber, es war wie ein Geräusch, das einen aufweckt. Was ich sah, was ich immer sehen werde, ist das Bild, wie der arme James auf seinen gefallenen Freund und Feind zulief. Sein brauner Bart erschien gegen die geisterhafte Blässe seines Gesichtes schwarz, sein Profil hob sich scharf gegen das Meer ab. Mit verzweifelten Gebärden bestimmte er mich, zu dem Wundarzt in das hinter den Sanddünen liegende Dorf zu laufen. Er hatte seine Pistole fallen lassen, in einer Hand hielt er einen Handschuh und dessen lose und flatternde Finger schienen der verzweifelten Gebärde, mit der er mich zur Herbeiholung ärztlicher Hilfe antrieb, einen flehentlich ekstatischen Nachdruck zu verleihen. Das ist das Bild, das mir vor Augen steht, und dieses Bild zeigt mir außerdem nur noch den verschiedenfarbigen Hintergrund des Sandes und des Meeres, den dunklen, toten Körper, der still wie ein Stein dalag und die dunkle Gestalt des Sekundanten des Toten, die sich steil und regungslos gegen den Horizont abhob.«

»Wie? Romaine stand regungslos da?« fragte der Priester. »Ich dachte, er wäre noch schneller auf den Toten zugelaufen als James.«

»Möglich, daß er es tat, als ich fort war,« erwiderte der General. »Ich nahm dieses unvergeßliche Bild in mich auf, und im nächsten Augenblick war ich schon hinter den Sanddünen verschwunden und hatte die anderen aus den Augen verloren. Der arme Maurice hatte, was den Arzt anbelangt, eine gute Wahl getroffen. Wenn der Arzt auch zu spät kam, so kam er doch schneller als ich für möglich gehalten hätte. Dieser Dorfarzt war ein merkwürdiger Mann, rothaarig, reizbar, aber von außerordentlicher Geistesgegenwart. Ich hatte zwar nur einen flüchtigen Eindruck von ihm, denn er schwang sich gleich auf sein Pferd und stürmte in gestrecktem Galopp an den Strand, während ich weit hinten blieb. Aber wenn unsere Begegnung auch nur flüchtig gewesen war, so berührte mich seine Persönlichkeit doch so stark, daß ich von Herzen wünschte, wir hätten ihn herbeigeholt, bevor das Duell begann, denn ich glaube wirklich, er hätte es verhindert. Jedenfalls beseitigte er die Spuren mit wunderbarer Schnelligkeit. Bevor ich auf meinen zwei Füßen zum Strande zurückkam, hatte dieser praktische Mensch alles erledigt. Die Leiche war vorläufig in den Dünen beerdigt, und der unglückliche Mörder war überredet worden, das einzige zu tun, was er tun konnte – nämlich zu fliehen. Er eilte die Küste entlang, bis er an einen Hafen kam, wo es ihm gelang, außer Landes zu kommen. Den weiteren Verlauf der Geschichte kennen Sie. Der arme James blieb viele Jahre im Ausland, später, als über die ganze Sache Gras gewachsen war, kehrte er in sein düsteres Schloß zurück und erbte ohne weiteres Titel und Vermögen. Ich habe ihn seitdem niemals wiedergesehen, und doch weiß ich, was in roten Buchstaben im verborgensten Winkel seines Kopfes geschrieben steht.«

»Ist nicht der Versuch gemacht worden, zu ihm zu dringen?« fragte Pater Brown.

»Meine Frau hat ihre Versuche niemals aufgegeben,« sagte der General. »Sie will nicht zugeben, daß solch ein Verbrechen einen Mann für immer aus der Gesellschaft der Menschen ausschließen muß, und ich gestehe, ich bin geneigt, ihr recht zu geben. Vor achtzig Jahren hätte man eine solche Tat für ganz normal gehalten, und James hat ja auch wirklich keinen Mord, sondern einen Todschlag begangen. Meine Frau ist mit der unglücklichen Dame, die die Ursache des Streites war, sehr befreundet und meint, wenn James einwilligen würde, Viola Grayson noch einmal zu sehen, und von ihr die Versicherung empfangen würde, daß alte Streitigkeiten begraben sind, so würde er dadurch wiederhergestellt werden. Meine Frau hat in dieser Angelegenheit, glaube ich, für morgen eine Art Kriegsrat einberufen. Sie ist sehr energisch.«

Pater Brown spielte mit den Stecknadeln, die neben der Landkarte lagen, er schien ziemlich geistesabwesend zu sein und nur mit halbem Ohr zuzuhören. Sein Geist sah immer alles in Bildern, und das Bild, das sich sogar in dem prosaischen Kopf des praktischen alten Generals so lebhaft eingeprägt hatte, nahm in dem mystischeren Geiste des Priesters noch lebhaftere und zugleich unheimlichere Farben an. Er sah den öden dunkelroten Sand, den Toten, der langgestreckt auf dem Gesicht lag, den Mörder, der gebückt auf ihn zulief und in verzweifelter Reue mit einem Handschuh gestikulierte, aber immer kehrte seine Phantasie zu einer Merkwürdigkeit zurück, die er noch nicht in dieses Bild einfügen konnte: der Sekundant des Erschossenen stand regungslos und rätselhaft wie eine dunkle Statue am Ufer des Meeres. Für einige wäre das nur eine merkwürdige Einzelheit im Rahmen des Ganzen gewesen, für ihn aber bildete diese starre Gestalt ein großes eigenartiges Fragezeigen.

Warum hatte Romaine sich nicht sofort gerührt? Das war doch die natürliche, menschliche Pflicht eines Sekundanten, von Freundschaft ganz abgesehen. Selbst wenn irgendein Doppelspiel oder ein dunkles, noch im Verborgenen liegendes Motiv in Frage kam, so sollte man doch glauben, er hätte irgend etwas unternommen, um den Schein zu wahren. Jedenfalls hätte er sich doch rühren müssen, bevor der andere Sekundant zwischen den Dünen verschwunden war.

»Ist dieser Romaine sehr schwer beweglich?« fragte Pater Brown.

»Sonderbar, daß Sie das fragen!« antwortete Outram mit einem schnellen Blick. »Nein, wenn er sich bewegt, sind seine Bewegungen gewöhnlich sehr schnell. Aber sonderbar, ich dachte gerade daran, daß ich ihn heute nachmittag während des Gewitters genau so stehen sah. In seinem durch die silberne Schnalle zusammengehaltenen Umhang, eine Hand in die Hüfte gestemmt, stand er genau so da wie damals auf dem verhängnisvollen Kampfplatz. Der Blitz blendete uns alle, aber er zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Als der Wald wieder schwarz war, stand er noch genau so da.«

»Er steht doch wohl nicht jetzt noch da?« fragte Pater Brown. »Ich meine, seine Erstarrung löste sich doch bald?«

»Sie löste sich sofort, als der Donner krachte,« erwiderte der General. »Er schien darauf gewartet zu haben, denn er sagte uns genau die Zeit, die zwischen Blitz und Donner lag … Was gibt's?«

»Ich habe mich mit einer Nadel gestochen,« sagte Pater Brown. »Ich hoffe, ich habe ihr keinen Schaden getan.« Sein Mund hatte sich plötzlich krampfhaft geschlossen, er blinzelte heftig.

»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte der General, ihn verdutzt ansehend.

»Doch,« antwortete der Priester, »ich bin nur nicht so stoisch wie Ihr Freund Romaine. Ich muß blinzeln, wenn ich Licht sehe.«

Er nahm Hut und Mantel auf und wollte gehen, aber als er an der Tür war, schien ihm etwas einzufallen, und er kehrte zurück. Er trat sehr nahe an Outram heran, seine Augen blickten ihn hilflos, etwa wie die eines sterbenden Fisches, an, und mit der Hand machte er eine Bewegung, als wenn er den General bei der Weste packen wollte.

»Herr General,« sagte er fast flüsternd, »halten Sie um Himmelswillen Ihre Frau und jene andere Dame davon ab, zu Marne zu gehen. Längst vergangene Dinge soll man nicht aufrühren, sonst könnten böse Flammen aus ihnen zischeln.«

Der General blieb allein zurück, und als er sich wieder setzte, um weiter mit seinen Stecknadeln zu spielen, stand in seinen braunen Augen ein großes Erstaunen.

Noch größer jedoch war das Erstaunen, das in den verschiedenen Stadien der wohlgemeinten Verschwörung die Frau des Generals befiel. Sie hatte ihr Grüppchen Getreuer zusammenberufen, um das Schloß des Misanthropen zu stürmen. Die erste Überraschung, die ihr widerfuhr, war die Entdeckung, daß einer der Hauptrollenträger der ehemaligen Tragödie ohne Entschuldigung ausgeblieben war. Als man, wie verabredet, in einem stillen Gasthof in der Nähe des Schlosses zusammenkam, zeigte sich keine Spur von Hugo Romaine, bis schließlich ein Telegramm von einem Rechtsanwalt einlief, in dem mitgeteilt, wurde, daß der große Schauspieler plötzlich England verlassen habe. Und als sie nun das Bombardement des Schlosses mit einem dringenden Ersuchen um eine Unterredung begannen, kam die zweite Überraschung. Es war die Gestalt, die ihnen aus den düsteren Toren des Schlosses entgegenkam, um die Deputation im Namen des Eigentümers zu empfangen. Diese Gestalt paßte gar nicht zu den feierlich-düsteren Alleen und zu solch feudalen Formalitäten wie dem Empfang einer Deputation. Es war kein majestätischer Diener oder Hausmeister, nicht einmal ein würdevoller Kellermeister oder ein stattlicher Kutscher in Livree. Aus dem höhlenartigen Schloßeingang kam nur die kleine und unansehnliche Gestalt Pater Browns.

»Aber meine Damen und Herren,« sagte er in seiner einfachen Art, wobei er die Förmlichkeit durch einen aus leichtem Ärger und Langerweile gemischten Ton ersetzte, »ich ließ Ihnen doch sagen, Sie täten besser daran, den Besitzer dieses Hauses in Ruhe zu lassen. Er weiß, was er tut, und Ihr Besuch kann nur Unheil anrichten.«

Lady Outram, die von einer großen, schlicht gekleideten und noch sehr hübschen Dame, wahrscheinlich dem ehemaligen Fräulein Grayson, begleitet war, sah mit kalter Verachtung auf den kleinen Priester herab.

»Das ist denn doch die Höhe,« sagte sie, »wie kommen Sie dazu, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen?«

»Haben Sie schon mal einen Priester gesehen, der sich nicht in fremde Angelegenheiten mischt?« schnarrte Sir John Cockspur. »Sie hausen wie die Ratten hinter dem Wandgetäfel und dringen in jedermanns Privatzimmer ein. Sehen Sie nur, wie er den armen Marne schon in seiner Macht hat.« Sir John war nicht bei bester Laune, da seine aristokratischen Freunde ihm abgeredet hatten, die Sache an die große Glocke zu hängen. Als Ersatz hierfür durfte er bei der Aufdeckung einer gesellschaftlichen Skandalaffäre durch seine persönliche Anwesenheit glänzen. Es fiel ihm niemals ein, sich zu fragen, ob er vielleicht eine Ratte hinter einem Wandgetäfel war.

»Seien Sie versichert, ich habe mit dem Marquis gesprochen,« sagte Pater Brown mit der Ungeduld der Angst, »habe auch den einzigen Priester zu Rate gezogen, mit dem der Marquis jemals zu tun gehabt hat. Seine kirchlichen Neigungen sind sehr übertrieben worden. Ich sage Ihnen, er weiß, was er will, und ich flehe Sie an, ihn in Ruhe zu lassen.«

»Sie meinen, wir sollen ihn seinem qualvollen Brüten und dem geistigen Tode des Wahnsinns überlassen!« rief Lady Outram mit zitternder Stimme. »Nur weil er das Unglück hatte, vor mehr als einem Vierteljahrhundert einen Menschen im Duell zu erschießen? Nennen Sie das christliches Erbarmen?«

»Ja,« antwortete der Priester ruhig, »das nenne ich christliches Erbarmen.«

»Das ist das ganze Erbarmen, zu dem diese Priester fähig sind,« sagte Cockspur. »Das verstehen sie unter Verzeihen, einen Menschen bei lebendigem Leben einzumauern und ihn mit Fasten, Bußen und Höllenschilderungen zu Tode zu quälen. Und all das nur, weil eine Kugel sich verirrt hat.«

»Glauben Sie wirklich,« sagte General Outram, »daß er eine solche Strafe verdient? Ist das Ihr Christentum?«

»Das wahre Christentum ist sicher jenes,« sagte seine Frau in sanfterem Ton, »das alles versteht und alles verzeiht. Es ist die Liebe, die sich erinnern – und vergessen kann.«

»Pater Brown,« sagte der junge Mallow in großem Ernst. »Ich stimme Ihnen im allgemeinen immer bei, aber hier kann ich bei bestem Willen nicht mit. Ein Schuß in einem Duell, auf den sofort die bitterste Reue folgte, kann doch nicht als ein so furchtbares Verbrechen gelten.«

»Ich gebe zu,« sagte Pater Brown dumpf, »daß ich sein Vergehen ernster beurteile.«

»Gott möge Ihr hartes Herz erweichen,« sagte die große Dame, die jetzt zum erstenmal den Mund auf tat. »Ich werde mich nicht abhalten lassen, mit meinem alten Freunde zu sprechen.«

Es war beinahe, als hätte ihre Stimme in dem großen grauen Hause einen Geist aufgescheucht. Er schien plötzlich aus dem Dunkel zu treten, oben auf der Treppe in dem dämmerigen Torweg wurde eine Gestalt sichtbar. Sie war in die schwarze Farbe des Todes gekleidet, aber das weiße Haar war wie von leidenschaftlicher Wildheit umlodert, und das bleiche Gesicht erinnerte irgendwie an die Überbleibsel einer zertrümmerten Marmorstatue.

Viola Grayson begann ruhig die große Treppe hinaufzusteigen, und Outram murmelte in seinen schwarzen Bart: »Er wird sie doch nicht ebenso ignorieren wie meine Frau.«

Pater Brown, der sich jetzt resigniert in die Lage zu schicken schien, sah zu dem General hinauf.

»Der arme Marne hat genug auf dem Gewissen,« sagte er. »Wir wollen ihn nicht noch mit Dingen belasten, die er nicht getan hat. Ihre Frau wenigstens hat er niemals ignoriert.«

»Was verstehen Sie darunter?«

»Er hat sie nie gekannt,« sagte Pater Brown.

In diesem Augenblick stieg die große Dame stolz die letzte Stufe hinauf und sah dem Marquis von Marne gerade ins Gesicht. Seine Lippen bewegten sich, aber ehe er sprechen konnte, ereignete sich etwas, das den Mitgliedern der kleinen Deputation das Blut in den Adern erstarren ließ.

Ein Schrei ertönte und hallte an den düsteren Wänden schauerlich wider. Er ertönte so plötzlich und war so unheimlich und schauerlich, daß man ihn für einen unartikulierten Ruf hätte halten können. Aber dieser Schrei war ein artikuliertes Wort, und alle hörten ihn mit schrecklicher Klarheit.

»Maurice!«

»Um Himmelswillen, was gibt's?« rief Lady Outram und stürmte die Treppe hinauf, denn die Frau da oben schwankte und schien stürzen zu wollen. Dann drehte sie sich um und begann, zitternd und zusammengesunken, die Treppe hinabzusteigen. »Oh, mein Gott,« stöhnte sie. »Oh, mein Gott … es ist gar nicht James … es ist Maurice!«

»Ich glaube,« sagte der Priester ernst zu Lady Outram, »Sie gehen am besten mit Ihrer Freundin fort.«

Als sie sich fortwandten, kam oben von der steinernen Treppe eine Stimme, eine Stimme, die aus einem offenen Grabe hätte kommen können. Sie war heiser und unnatürlich wie die Stimmen von Menschen, die auf verlassenen Inseln lange Zeit mit wilden Vögeln zusammengehaust haben. Es war die Stimme des Marquis von Marne, und sie rief: »Halt!«

»Pater Brown,« sagte er, »ich ermächtige Sie, bevor Ihre Freunde auseinandergehen, ihnen alles zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe. Welche Folgen auch daraus entstehen mögen, ich will mein Geheimnis nicht mehr länger für mich behalten.«

»Sie haben recht,« antwortete der Priester, »und es soll Ihnen hoch angerechnet werden.«

»Ja,« sagte Pater Brown später zu der kleinen, ihn mit Fragen umdrängenden Gesellschaft, »er hat mir die Erlaubnis gegeben, zu sprechen, aber ich will es nicht erzählen, wie er es mir mitgeteilt hat, sondern wie ich es selbst entdeckt habe. Ich wußte von Anfang an, daß der finstere mönchische Einfluß romanhafter Unsinn war. Unsere Leute mögen in gewissen Fällen einem Manne zureden, in ein Kloster einzutreten, aber nicht, sich in einem mittelalterlichen Schlosse zu vergraben. Auch würden sie sicherlich nicht wollen, daß er sich als Mönch kleidet, wenn er kein Mönch ist. Aber mir kam der Gedanke, daß er vielleicht selbst den Wunsch hätte, sich mit einer Mönchskapuze zu verhüllen. Ich hörte von ihm, daß er ein Leidtragender, dann, daß er ein Mörder war, aber es war bereits in mir ein flüchtiger Verdacht aufgestiegen, daß der Grund seiner Weltflucht nicht darin zu suchen sei, was er war, sondern wer er war.

Dann kam des Generals anschauliche Beschreibung des Duells, und das Anschaulichste darin war für mich die Gestalt des Herrn Romaine im Hintergrunde, sie trat für mich hervor, weil sie im Hintergrunde stand. Sie stand unbeweglich da, rührte und regte sich nicht, während der General davoneilte, um Hilfe zu holen. Dann hörte ich von Romaines merkwürdiger Gewohnheit, ganz still zu stehen, wenn er auf etwas wartete. So wartete er im Walde auf den Donner. Diese unbedeutende Einzelheit verriet mir alles. So wartete Hugo Romaine ehemals auch auf etwas.«

»Aber es war alles vorüber,« sagte der General. »Worauf hätte er warten können?«

»Er wartete auf das Duell,« sagte Pater Brown.

»Aber ich habe das Duell ja mit angesehen!« rief der General.

»Und ich sage Ihnen, Sie haben es nicht mit angesehen,« sagte der Priester.

»Sind Sie toll?« fragte der andere. »Oder warum halten Sie mich für blind?«

»Weil Sie mit Blindheit geschlagen waren – damit Sie nicht sehen sollten. Weil Sie ein guter Mensch sind, und Gott Erbarmen mit Ihnen hatte und Ihr Gesicht von diesem unnatürlichen Kampfe abwandte. Er setzte eine Mauer von Sand und Stille zwischen Sie und das schreckliche Geschehnis auf dem roten Sande, wo die Geister von Judas und Kain mit einander im Streite lagen.«

»Erzählen Sie uns den Hergang!« drängte die Dame ungeduldig und mit weit aufgerissenen Augen.

»Ich will es erzählen, wie ich es entdeckte,« fuhr der Priester fort. »Meine nächste Entdeckung war, daß der Schauspieler Romaine Maurice in seiner Kunst Unterricht erteilt hatte. Ich hatte einmal einen Freund, der Schauspieler wurde. Er erzählte mir sehr amüsant, daß er in der ersten Woche nichts anderes hätte üben müssen als hinzufallen, als zu lernen, wie man der Länge nach hinfällt, als wäre man mausetot.«

»Gott habe Erbarmen mit uns!« rief der General und griff nach der Stuhllehne, als wenn er aufstehen wollte.

»Amen,« sagte Pater Brown. »Sie erzählten mir, wie schnell alles ging. In Wirklichkeit fiel Maurice hin, bevor der Schuß krachte, und lag vollständig still und wartete. Und sein Freund und Lehrer stand im Hintergrunde und wartete ebenfalls.«

»Wir warten auch,« sagte Cockspur, »und es ist mir, als wenn ich nicht warten könnte.«

»James Mair, schon von Reue ergriffen, lief zu dem Gefallenen hin und beugte sich über ihn, um ihn aufzuheben. Er hatte seine Pistole schaudernd weggeworfen, aber Maurice hatte seine Pistole, aus der noch kein Schuß abgefeuert war, noch unter der Hand. Als sich James nun über ihn beugte, stützte er sich auf seinen linken Arm und schoß James durch die Brust. Er wußte, daß er kein guter Schütze war, aber auf diese Entfernung konnte er sein Herz nicht verfehlen.«

Die kleine Gesellschaft hatte sich erhoben und sah mit bleichen Gesichtern auf den Erzähler nieder. »Sind Sie sicher, daß sich die Sache so abgespielt hat?« fragte schließlich Sir John beklommen.

»Ja,« sagte Pater Brown, »und nun überlasse ich Maurice Mair, den jetzigen Marquis von Marne, Ihrem christlichen Erbarmen. Sie haben heute vom christlichen Erbarmen gesprochen. Sie schienen mir dieser Tugend einen etwas zu großen Platz einzuräumen, aber welch ein Glück ist es für arme Sünder, daß Sie auf dieser Seite ins Extrem gehen und bereit sind, alle Menschen brüderlich in die Arme zu schließen.«

»Der Teufel soll mich holen,« polterte der General heraus, »Sie glauben doch wohl nicht, daß ich mit so einem Lumpen etwas zu tun haben will! Ich würde kein Wort für ihn einlegen, um ihn vor der Hölle zu bewahren. Ich sage nichts von einem regelrechten, anständigen Duell, aber mit Meuchelmördern will ich nichts zu tun haben.«

»Man sollte ihn lynchen,« rief Cockspur aufgeregt. »Man sollte ihn wie einen Nigger bei lebendigem Leibe verbrennen. Und wenn es so was gibt wie ewige Flammen, so –«

»Ich würde mich mit ihm nicht an einen Tisch setzen,« sagte Mallow.

»Es gibt denn doch eine Grenze für das Mitleid,« sagte Lady Outram, am ganzen Körper zitternd.

»Gewiß,« sagte Pater Brown, »und das ist der Unterschied zwischen menschlichem Mitleid und christlichem Erbarmen. Sie müssen mir verzeihen, wenn ich durch die Verachtung, die Sie mir für meine Hartherzigkeit bezeugten, oder durch Ihre Lektionen über christliche Nächstenliebe nicht ganz und gar zermalmt wurde. Denn es scheint mir, daß Sie nur die Sünden verzeihen, die Sie im Grunde nicht als Sünden ansehen. Sie sind gern zur Verzeihung bereit, wenn die Verbrechen in Ihren Augen nicht schlimm sind; so würden Sie sofort ein Duell oder einen Ehebruch verzeihen, weil die Gesellschaft diese Vergehen sanktioniert. Sie vergeben, weil nichts zu vergeben ist.«

»Aber Sie können doch von uns nicht erwarten, daß wir eine so gemeine Tat einfach verzeihen sollen,« sagte Mallow.

»Nein,« antwortete der Priester, »aber wir müssen sie verzeihen können.«

Er stand auf und blickte im Kreise umher.

» Wir müssen die Gegenwart solcher Menschen suchen,« sagte er. » Wir haben das Wort zu sprechen, das sie vor der Hölle retten wird. Uns allein liegt es ob, sie vor der Verzweiflung zu bewahren, wenn Ihr menschliches Mitleid sie verläßt. Gehen Sie ruhig Ihren mühelosen Weg weiter, voll Gnade und Erbarmen für alle Laster und Verbrechen, welche die Gesellschaft gern verzeiht, und überlassen Sie es uns Vampiren der Nacht, jene zu trösten, die wirklich Trost brauchen, die unentschuldbare Dinge tun, Dinge, die weder die Welt noch sie selbst verteidigen können, Dinge, die nur ein Priester vergeben wird. Lassen Sie mich eine Frage an Sie richten. Sie sind große Damen und Herren und Ihrer völlig sicher. Sie würden sich niemals zu solch einem schmutzigen Verrat hergeben, davon sind Sie fest überzeugt, und ebenso überzeugt sind Sie, daß es für solche Verräter keine Hoffnung mehr gibt. Aber wenn jemand von Ihnen einen solchen Verrat begangen hätte, wer von Ihnen wäre durch das Gewissen oder durch den Beichtvater dazu getrieben worden, nach Jahren, wenn keine Gefahr der Entdeckung mehr bestand, und Ansehen und Reichtum nicht gefährdet waren, ein solches Geständnis zu machen? Sie sagen, Sie wären nicht imstande, ein so niedriges Verbrechen zu begehen. Wären Sie imstande, ein so niedriges Verbrechen zu gestehen?«

Einer nach dem anderen raffte seine Sachen zusammen und verließ schweigend das Zimmer. Und Pater Brown ging ebenfalls schweigend in das düstere Schloß Marne zurück.

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