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Das Geheimnis des Meisters Cornille

Alphonse Daudet: Das Geheimnis des Meisters Cornille - Kapitel 2
Quellenangabe
authorAlphonse Daudet
titleDas Geheimnis des Meisters Cornille
booktitleMeistererzählungen fremder Dichter
publisherVerlag von Otto Spamer
printrunZweite Auflage
editorJohannes Henningsen
year1911
translatorStephan Born
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170202
projectid3814c334
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Francet Mamai, ein alter Pfeifer, der von Zeit zu Zeit die Abende bei mir zubringt und sich dabei meinen Glühwein gut schmecken läßt, erzählte mir kürzlich ein kleines Bauerndrama, dessen Zeuge meine Mühle vor etwa zwanzig Jahren gewesen. Ich war gerührt von der Geschichte und will versuchen, sie so wiederzuerzählen, wie ich sie gehört habe.

Denkt euch einen Augenblick, teure Leser, ihr sitzet vor einer Bowle würzigen Weines, und ein alter Dorfpfeifer plaudre mit euch.

*

Unsere Gegend, mein guter Herr, ist nicht immer so tot und unberühmt gewesen wie heutzutage. In früheren Zeiten war hier ein blühendes Müllergewerbe und von zehn Stunden ringsum wurde das Korn aus den Bauernhöfen zum Mahlen hierhergeführt ... Rund um das Dorf waren die Höhen mit Windmühlen gekrönt. Rechts und links sah man überall die Flügel der Mühlen, die nach Süden dem Mistral zugekehrt waren und über die Fichten hinausschauten; links und rechts auf allen Wegen die kleinen Esel der Provence, die ihre Säcke auf und nieder trugen; und die ganze liebe Woche über war es eine Lust, das Knallen der Peitschen und das »Hotte-Hü« der Müllerknechte zu hören ... Am Sonntag ging man truppweise auf die Mühlen. Die Müller schenkten süßen Muskat ein, die Müllerinnen mit ihrem Spitzentuch und goldenen Kreuz waren hübsch wie Königinnen. Ich brachte meine Querpfeife mit und bis in die dunkle Nacht wurden die Farandolen getanzt. Die Mühlen, sehen Sie, machten die Freude und den Reichtum unserer Gegend aus.

Unglücklicherweise kamen Franzosen aus Paris auf den Einfall, auf der Straße nach Tarascon eine Dampfmühle zu errichten. »Ganz schön, ganz neu!« wie man bei uns zulande sagt. Die Leute gewöhnten sich daran, ihr Korn in die Dampfmühle zu schicken, und die armen Windmühlen waren nun ohne Arbeit. Eine Zeitlang versuchten sie es, zu kämpfen; der Dampf aber war der stärkere, und eine nach der anderen, pécaïre! sah sich genötigt, zu schließen ... Man sah bald keine kleinen Esel mehr ... Die schönen Müllerinnen verkauften ihre goldnen Kreuze ... Kein Muskatwein mehr, keine Farandolen! ... Der Mistral mochte immerzu wehen, die Flügel rührten sich nicht ... Da ließ die Gemeinde eines Tages die baufälligen Kasten alle niederreißen und man pflanzte Reben und Ölbäume an ihre Stelle.

Eine einzige Windmühle hatte gegen den Untergang sich gewehrt und drehte unverzagt ihre Flügel, den Dampfmühlen zum Trotz. Das war die Mühle des Meisters Cornille, dieselbe, in der wir in diesem Augenblick den Würzewein trinken.

*

Meister Cornille war ein alter Müller, der schon seine sechzig Jahre mit Korn hantierte, und es ging ihm nichts über seinen Beruf. Die Gründung der Dampfmühlen hatte ihn rein toll gemacht. Acht Tage lang rannte er im Dorfe von Haus zu Haus und hetzte und schrie, man wolle die Provence mit dem Mehl aus den Dampfmühlen vergiften. »Geht nicht da hinunter,« tobte er, »die Spitzbuben machen Brot mit Dampf, einer Teufelserfindung; ich arbeite mit dem Mistral und dem Tramontane, mit dem Odem Gottes ...« Und viel solche schöne Worte strömten ihm von den Lippen zum Lobe der Windmühlen; aber niemand hörte sie an.

Da verschloß sich der Alte voller Wut in seiner Mühle und lebte ganz allein wie ein scheues Tier. Er wollte nicht einmal seine Enkelin Vivette, ein fünfzehnjähriges Kind, bei sich behalten, die seit dem Tode ihrer Eltern nur noch den Großvater auf dieser Welt besaß. Die arme Kleine mußte nun sehen, wie sie ihr Brot verdiente, und sie ging da und dort auf die Höfe in Dienst, um bei der Weinlese, der Seidenzucht oder der Olivenernte zu helfen. Und doch schien der Großvater sie herzlich lieb zu haben, die arme Kleine! ... Nicht selten lief er seine vier Wegstunden, um sie in den Höfen aufzusuchen, wo sie arbeitete, und wenn er in ihrer Nähe war, dann schaute er ihr stundenlang zu und schluckte seine Tränen hinunter ...

In der Gegend dachte man, der alte Müller habe Vivette aus Geiz fortgeschickt, und es brachte ihm keine Ehre, die Kleine so von Hof zu Hof ziehen zu lassen, wo sie allen Roheiten der Knechte und allem Elend der Dienstbarkeit ausgesetzt war. Man tadelte es auch hart, daß ein angesehener Mann wie Meister Cornille, der bis dahin etwas auf sich gehalten, jetzt wie ein Zigeuner, barfuß, mit zerrissener Mütze und zerfetztem Kittel sich auf den Gassen zeigte ... weiß Gott, wenn wir ihn am Sonntag zur Messe gehen sahen, schämten wir anderen Alten uns seiner, und Cornille merkte das so gut, daß er es nicht mehr wagte, sich unter uns auf die Bank zu setzen und immer hinten in der Kirche, am Weihkessel, neben den Armen stehen blieb.

*

Es war etwas nicht recht klar im Leben des Meisters Cornille. Seit lange schon brachte ihm keiner aus dem Dorfe Mehl zu, und dennoch drehten die Flügel seiner Mühle sich nach wie vor ... Am Abend begegnete man dem Alten unterwegs, und jedesmal trieb er einen Esel mit einer Last schwerer Mehlsäcke vor sich her.

»Gute Vesper, Meister Cornille,« riefen die Bauern ihm zu; »es geht also immer noch mit der Müllerei?«

»Immer noch, meine Kinder,« antwortete der Alte mit heiterer Miene. »Gottlob! an Arbeit fehlt es nicht.«

Fragte man ihn nun, wo Teufel er all die Arbeit her habe, dann legte er einen Finger auf die Lippen und antwortete in ernstem Tone: »Motus! ich arbeite für die Ausfuhr ...« Etwas anderes war aus ihm nicht herauszubringen.

In seine Mühle einmal die Nase zu stecken, daran war nicht zu denken. Die kleine Vivette selber ließ er niemals hinein ...

Kam man vorüber, so sah man die Tür immer verschlossen, die großen Flügel immer in Bewegung, den alten Esel immer grasend auf dem Damm und eine große, magere Katze, die sich auf dem Fensterbrett sonnte und einen giftig anschaute.

Dies alles war gar zu geheimnisvoll und gab Anlaß zu sonderbarem Gerede. Jeder erklärte sich das Ding nach seinem Kopfe, allgemein aber hieß es, in der Mühle des Meisters Cornille seien noch mehr Säcke Geld als Säcke Mehl vorhanden.

*

Auf die Länge kam endlich alles ans Tageslicht und zwar so:

Als ich einmal die Buben und Mädchen nach meiner Pfeife tanzen ließ, bemerkte ich, daß mein ältester Junge und die kleine Vivette es miteinander hielten. Im Grunde hatte ich nichts dagegen, denn der Name Cornille stand in Ehren bei uns, und dann wäre mir's schon recht gewesen, die kleine Amsel, die schmucke Vivette in meinem Hause herumtollen zu sehen. Weil nun aber unser Liebespaar sich gar zu oft begegnete, so wollte ich aus väterlicher Vorsicht die Sache schnell ins reine bringen und ging deshalb in die Mühle hinauf, um mit dem Großvater ein Wort zu reden ... Aber da bin ich schön angekommen. Keine Tür wird aufgetan. Ich brachte ihm meine Sache wie es eben gehen will, durchs Schlüsselloch vor, und während meiner ganzen Rede spie die Teufelskatze mir immer ins Gesicht.

Der Alte ließ mich gar nicht ausreden und schrie mir grob zu, ich solle zu meiner Querpfeife heimgehen; wenn ich es so eilig hätte, meinen Jungen zu verheiraten, so könnte ich mich ja in der Dampfmühle nach einem Mädchen umschauen ... Mir stieg darüber das Blut zu Kopfe; ich war aber doch klug genug, an mich zu halten, ließ den alten Narren bei seinem Mühlstein und ging heim, um den Kindern mein Mißgeschick zu berichten ... Die armen Schelme wollten es nicht glauben; sie baten mich flehentlich, miteinander zur Mühle gehen zu dürfen, um mit dem Großvater zu reden ... Ich hatte nicht das Herz, ihnen den Wunsch abzuschlagen, und hurtig wie der Wind sind meine beiden Verliebten fort.

Im Augenblick, da sie oben ankamen, war Meister Cornille eben fortgegangen. Die Tür war wohl verschlossen, der Alte aber hatte beim Fortgehen die Leiter draußen stehen lassen und so kamen die Kinder gleich auf den Gedanken, durchs Fenster hineinzusteigen und sich einmal in der verwünschten Mühle umzuschauen ...

Sonderbar! die Mühle war innen ganz leer ... Kein einziger Sack, kein Körnlein am Boden, kein Tüpfchen Mehl an den Wänden oder auf den Spinneweben ... Man spürte nicht einmal den guten warmen Geruch von gemahlenem Weizen, der die Mühlen so angenehm durchdringt ... Der Wellbaum war voller Staub, die große magere Katze schlief darauf.

Der untere Raum sah ebenso elend und verlassen aus; – ein schlechtes Bett, zerfetzte Kleider, ein Stück Brot auf einer Treppenstufe und dann in einem Winkel drei oder vier zerschlitzte Säcke, woraus Schutt und weiße Erde durchsickerte.

Das war also das Geheimnis des Meisters Cornille! Den Gips also fuhr er am Abend umher, um die Ehre seiner Mühle zu retten und den Leuten weiszumachen, es sei Mehl ... Arme Mühle, armer Cornille! Seit langem schon war die letzte Kundschaft zu den Dampfmühlen gegangen. Die Flügel drehten sich noch immer, aber der Mühlstein ging leer.

*

Die Kinder kamen weinend zurück und erzählten mir, was sie gesehen. Es zerschnitt mir das Herz, ich verlor keinen Augenblick; ich lief zu den Nachbarn; ich erzählte ihnen alles in wenigen Worten, und wir kamen überein, was immer an Weizen in den Scheunen lag, zur Mühle zu bringen ... Gesagt, getan. Das ganze Dorf macht sich auf den Weg und wir kommen mit einer ganzen Prozession von beladenen Eseln oben an. Die trugen Korn, wirkliches Korn!

Die Mühle stand weit offen. Vor der Tür saß Meister Cornille auf einem Sack Gips und vergrub das Gesicht weinend in seine Hände. Er hatte es gemerkt, daß man während seiner Abwesenheit in die Mühle eingedrungen war und sein trauriges Geheimnis entdeckt hatte. – »Ich Armer,« sagte er; »jetzt bleibt mir nichts übrig, als zu sterben ... Die Mühle ist entehrt!« Und er schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen; er gab seiner Mühle allerlei Namen; er sprach zu ihr wie zu einer lebenden Seele.

In diesem Augenblick langen die Esel auf der Höhe an, und wir alle schreien wie in den guten Zeiten der Müllerei: »Ohe! die Mühle!.. Ohe! Meister Cornille!« Und die Säcke werden vor seiner Türe aufeinandergehäuft und das goldene Korn lag da und dort auf dem Boden ...

Meister Cornille riß weit die Augen auf. Er wog das Getreide in seiner runzligen, hohlen Hand und sagte unter Weinen und Lachen: »Es ist Weizen ... Gott im Himmel! Wirklicher Weizen! ... O laßt mich den Segen noch einmal anschauen!« Dann wandte er sich zu uns und sagte: »O, ich wußte es wohl, daß ihr wiederkommt ... Die Dampfmüller sind alle Schelme.« Wir wollten ihn im Triumph ins Dorf tragen: »Nein, nein, meine Kinder; ich muß vor allem meiner Mühle zu fressen geben ... Denkt nur, sie hat schon so lange nichts zu beißen gehabt.«

Und es traten uns allen die Tränen in die Augen, dem armen Alten zuzusehen, wie er rechts und links herumhantierte, die Säcke aufriß, über den Mühlstein sich bückte, während das Korn knirschte und der feine Mehlstaub an die Decke flog.

Wir dürfen uns dessen schon rühmen: seit jenem Tage ließen wir es dem alten Müller nie an Arbeit fehlen.

Eines Morgens aber war Meister Cornille gestorben, und die Flügel unserer letzten Mühle standen still, diesmal für immer ... Nach Cornilles Tode mochte niemand sie mehr übernehmen.

Was wollen Sie, lieber Herr? Alles nimmt ein Ende in dieser Welt und es muß wohl sein, daß die Zeit der Windmühlen vorüber ist wie die der Marktschiffe auf der Rhone, der Parlamente und der großgeblümten Wämser.

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