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Das Geheimnis des alten Stadttores

Betty Hertel: Das Geheimnis des alten Stadttores - Kapitel 6
Quellenangabe
authorBetty Hertel
titleDas Geheimnis des alten Stadttores
publisherVerlag Friedrich Andreas Perthes A.-G.
yearo.J.
firstpub1920
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170727
projectidff1c0318
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Fünftes Kapitel
Der unwillkommene Besucher im Turmkeller

Vor dem alten Stadttor wurde bei strömendem Regen Holz abgeladen, und der Jörg beeilte sich, seinen Herbst- und Wintervorrat in den Keller zu bringen. Dort schichtete er sorgsam die Scheite auf. Trotz der schweren Arbeit, die ihm mit seinem Stelzfuße doppelt sauer fiel, schauten seine Augen lustig in die Welt, und besonders, wenn er ins Gärtlein über die Gasse hinüberschaute, leuchteten sie ordentlich auf. Dort sprang und hüpfte das blonde Kind in neugeschenkter Gesundheit wie ein tolles Füllen umher.

Am Abend gab es im Keller eine große Begrüßung. Mit dem nassen Holz war ein neuer Mieter eingezogen, und der mußte auf Herz und Nieren geprüft werden, ob er in das Geheimnis des Stadttores eingeweiht werden könnte. Unnütze und Schwätzer mußte man rücksichtslos ausweisen.

Der neue Mieter trat vor und sagte in etwas unbeholfenem Tone:

»Guten Tag, meine Freunde, ich heiße Alex und bitte um Ihr freundliches Wohlwollen.«

Die Kröte Aurelia nahm den Ankömmling aufs Korn. Sie vertrat im Keller die Interessen des Geheimbundes, wie sie von Hans Jakob, dem Trotzkopf, und Isidora, der Kreuzspinne, vereinbart waren.

Alex, der neue Mieter, stammte aus der Familie der Feuersalamander und schleppte seinen dicken, fetten Körper mit schwerfälligen Bewegungen vorwärts, bald nach rechts, bald nach links ein Kompliment schwenkend. Was ihm aber an Zierlichkeit des Ganges fehlte, ersetzte reichlich sein farbenprächtiges Kleid. In tiefstem Schwarz glänzte sein Samtanzug, der mit leuchtend gelber Seide ausgeputzt war.

Er brauchte eigentlich zu seiner Empfehlung nichts zu sagen, sein Gewand schrie schon laut genug: »Schaut mich an! Bewundert mich!« Aber auch: »Hütet Euch und kommt mir nicht zu nahe!«

Aurelie begrüßte den Salamander, der sofort sich ihr zuwendete. Da begegnete ihm schon ein peinliches Mißgeschick. Auf dem Boden lag ein Scheit Holz, das dem alten Jörg entfallen sein mochte. Mit den kurzen, plumpen Stummelfüßen stolperte Alex über das Hindernis und fiel auf den Rücken. Aurelie hatte feines Verständnis für körperliche Unbeholfenheit und kam ihm rasch zu Hilfe. In aller Ruhe und Gelassenheit richtete er sich auf und stand bald wieder auf eigenen Beinen.

Die Vorstellung mit Aurelie wollte trotzdem nicht beendet werden, denn beider Augen wurden wie von einem Magneten abgelenkt. Eine Schnecke kroch langsam auf dem Boden dahin.

Mochte Aurelie in ihrer Höflichkeit dem neuen Mieter den Vorrang lassen oder war sie ausnahmsweise so satt, daß sie schmerzlos die Großmütige spielen konnte – genug, er versäumte die besondere Begrüßung Frau Aureliens und schlich mit beschleunigter Geschwindigkeit der Schnecke nach.

Als er sie erreicht hatte, betrachtete er sie einen Augenblick mit ernster Nachdenklichkeit, bis er sie mit plötzlichem Entschluß packte und mit einem einzigen Schluck in seinen Magen beförderte. Jetzt war Aurelie an seiner Seite.

»Gestatten, gnädige Frau, daß ich mich auf kurze Zeit vergaß! Wie ist Ihr werter Name?«

»Aurelie«, erwiderte kurz und etwas herablassend die Kröte. Sie war, ganz abgesehen von dem Turmgeheimnis, wenig erbaut von der neuen Partei, wenn sie daran dachte, daß diese ihre Vorliebe für Schneckenragout und Würmerbraten teile. Doch geradeaus unhöflich wollte sie auch nicht sein; so fragte sie in Ermanglung eines anderen Gesprächsstoffes nach dem Wetter.

Der Salamander ging mit einer gewissen Teilnahme darauf ein: »Schlecht, schlecht für die Menschen! Gut, sehr gut für mich und meinesgleichen! Wäre sonst nicht bei Ihnen hereingeschneit! Die trockene Luft ist kein Reisewetter, geht mir auf die Nerven, bin dann matt und krank. Meine Natur schreit nach Feuchtigkeit. Wie Sie sehen, ist auch mein Anzug neu lackiert. Wenn es aber an Wasser, frisch von oben, fehlt, sieht's schlecht mit meinem Farbenzauber aus«.

Frau Aurelie wollte einiges über seine Familienverhältnisse erfahren. Da kamen die Antworten etwas langsamer, als ob er sich immer erst besinnen müßte, und bei diesem Nachdenken machte Alex ein solch blödes Gesicht, daß Aurelie ihr Urteil über den Salamander in den beruhigenden Worten zusammenfaßte: »Dummer Kerl! Der wird von unserer Verschwörung nichts erfahren.«

Alex erzählte, nichts ahnend von den Gedanken der Kröte, daß seine Wiege im nahen Teich gestanden habe. Dort wäre er mit seinen Geschwistern fröhlich umhergesprungen.

»Wenn ich an meine schöne Jugend denke, komme ich mir jetzt wie ein alter, schwerfälliger Steinklopfer vor, obwohl ich erst im nächsten Frühling auf die Brautschau gehen will. Das Landleben trocknet aus, macht unbeholfen und lappig; im Wasser ist das einzig Richtige!«

»Ja«, meinte Aurelie, »dort wird man bewegt und getragen und gehoben! Bei uns auf dem Lande muß man sich selbst vorwärts bringen. Das ist freilich unbequem für –«

Sie wollte hinzusetzen »für faule Kerle«! aber sie mochte Alex nicht kränken, darum schwieg sie lieber.

Der Salamander hatte gar nicht bemerkt, daß der Schluß des Satzes fehlte, und fuhr fort:

»Ich wollte, ich wäre im Wasser geblieben. Weiß der Kuckuck, welche Dummheit mich herausgelockt hat. Muß mich auf dem Lande sauer um mein Fortkommen plagen. Nur wenn's vom Himmel schüttet, was das Zeug hält, ist's erträglich!«

Mit den nassen Holzscheiten waren außer Alex noch ein paar Ankömmlinge zugereist. Zwei Regenwürmer spazierten plötzlich harmlos und friedlich die Kellerstraße entlang.

Aurelie nahm den fettesten aufs Korn und rief Alex zu:

»Bitte, diesmal habe ich die Vorhand.«

Der eine Regenwurm war bereits verschwunden. Alex beeilte sich, dem andern, der rasch die Flucht ergriff, nachzusetzen. Um Haaresbreite hätte er ihn verfehlt. Zur Hälfte war der Flüchtling in seinem Versteck verschwunden. Aber Alex hatte keine Lust, den Braten fahren zu lassen. Schnell packte er das Schwanzende des Wurmes und zog ihn ruckweise wieder hervor. Auch seinem Dasein war rasch ein Ende gemacht.

Nachdem Aurelie und Alex friedlich und schiedlich ihre Magenstärkung erledigt hatten, setzten sie ihre Unterhaltung fort.

Vom Wasser sprach Alex am liebsten. Er erzählte, wie er nun lange genug sein Leben in der Zurückgezogenheit verbracht habe, in dunklen Erdlöchern, fern vom frischen Wasser, das einmal sein Element sei.

Frau Aurelie sagte:

»Unsereins ist mit seinem Schicksal zufrieden und verlangt nicht die Sterne vom Himmel. Womit habt Ihr Euch denn immer durchgebracht?«

»Ach, schlecht genug! Besonders im Vergleich zu meiner Jugendzeit. Lange konnte ich die zarten, saftigen Krebschen nicht vergessen, die ich damals in Hülle und Fülle verzehren durfte.«

»Also ein Schlaraffenleben!« warf die Kröte etwas giftig ein.

Alex wußte aber gar nicht, was Schlaraffen sind, und machte deshalb ein dummes Gesicht. Dann besann er sich einige Zeit und erzählte weiter:

»Die letzten Jahre, seit ich ungeschickterweise meine Wohnung aufs Land verlegt hatte, ging es mir herzlich schlecht. Die allerkleinsten Würmchen und Schnecklein und – fast schäme ich mich, es einzugestehen – sogar mit Blattläusen und derlei Gesindel mußte ich mich durchbringen. Eine Bettelkost, ein Schandleben!«

»Nun«, meinte Aurelie in lauerndem und doch freundschaftlichem Tone, »hier wird es Euch nicht besser gehen. Bei uns ist Schmalhans Küchenmeister, und wenn Ihr an die Gründung eines Hausstandes denkt, so rate ich Euch zur Ansiedelung draußen beim Teich. Dort seid Ihr Eurer Heimat auch näher.«

»Ich will es mir jedenfalls überlegen«, stimmte der Salamander bei.

»Nicht lange besinnen, lieber Freund«, drängte die Kröte, »wer einmal sein Glück verpaßt, findet es nicht mehr. Den Augenblick muß man nützen. Ich schlage Euch einen gemeinsamen Ausflug an den Teich vor. Das prächtigste Ausgehwetter ist ja für unsereins. Den Laubfrosch Pankraz muß ich ohnehin um eine Prophezeiung bitten in einer Sache, die mein Herz sehr bewegt. Da heißt es aber sich sputen, sonst hat er sich schon die Zipfelhaube aufgesetzt und schläft.«

Bald waren die beiden die Kellertreppe unter verschiedenen Atempausen emporgeklettert und nach einiger Zeit standen sie vor dem Teiche. Bei ihrer Ankunft sahen Kröte und Salamander frisch und wohlgenährt aus; sie hatten allzuoft am Wege Zehrung genommen.

Trotz des Regens war die Luft mild. – Der Teich lag still und nur die Regentropfen tanzten auf seinem Spiegel, bis auch sie des Spieles satt wurden und verschwanden. Und nun schienen sogar die Seerosen zu schlafen, so unbeweglich ruhten sie über dem Wasser.

Auf einer der größten saß Harald, der Wasserfrosch, und glotzte mit seinen goldeingefaßten Augen die zwei Besucher neugierig an. Als er Aurelie erkannte, war er mit einem Satze am Ufer und begrüßte sie in stürmischer Weise.

»Wirklich reizend von dir, liebste Frau Base, daß du einmal deine Dunkelkammer verlassen hast und uns Grüne besuchst. Dein Herz zieht dich natürlich mehr zu den Braunen. Nehme ich nicht übel, stehen dir ja einen Grad in der Verwandtschaft näher.«

Die Kröte gab darauf keine Antwort. Sie dachte sich: »Immer der alte Schwätzer!« und stellte die beiden einander vor.

»Harald, mein Vetter – Herr Alex Salamander, ein Gast in unserem Torkeller, den Sehnsucht nach seinem Heimatland, das heißt: Heimatwasser hierhergeführt hat.«

Harald nahm sofort die Unterhaltung auf seine Kosten und machte schier den armen Alex mundtot. Bei all seiner Gesprächigkeit vergaß aber der Wasserfrosch nicht, auf alles zu achten, was neben und über ihm vorbeiflog, huschte, flatterte und schwebte.

Mitten im lebhaftesten Plaudern machte er die kecksten, waghalsigsten Sprünge wie ein Trapezkünstler. Dabei schleuderte er seine Zunge wohl um das Fünffache ihrer gewöhnlichen Länge wie ein Geschoß nach der Beute. Eine wunderschöne Libelle wurde verschlungen, und Alex sah voll Bewunderung auf den kühnen Jäger.

»Schade, wirklich schade, Herr Alex«, sagte Harald, sich den Mund wischend, »daß Eure Jahre Euch nicht mehr den Aufenthalt bei uns gestatten. Ihr wäret mit Eurem prachtvollen Wams eine Zierde unseres Palastes. Euer Goldschwarz neben meinem feinen Grün könnte sich sehen lassen. Kommt doch etwas näher, damit Ihr den Nachwuchs Eures Geschlechts begrüßt! Habe erst vorhin mit einigen Backfischlein aus Eurer Familie gescherzt, sind allerliebste, bewegliche Geschöpfe, auch schmuck in der Kleidung. Werdet nicht lange warten müssen! Sie kommen ab und zu herauf an den Spiegel. Na, man kennt ja die liebe Eitelkeit! Tut zwar, als ob sie nur Luft schöpfen wollte! Wie bald wird es aber auch bei ihnen heißen: fort aus dem Heimatland, hinein ins feindliche Leben!«

Der Salamander starrte traurig ins Wasser. Da stiegen auf einmal zwei zierliche Lärvlein empor und kamen dicht ans Ufer, wo Alex saß. Auf der Unterseite ihres Gewandes und an den Seiten trugen sie goldene Plättchen, und mit ihren langen Schleppen bewegten sie sich schelmisch hin und her.

Alex wurde es ganz heiß in seinem armen Salamanderherzen, und er rief leise:

»Mühmchen! Bäslein! Lärvlein! Seid gegrüßt von einem Eurer Familie, der lange fern war der geliebten Heimat.«

»Komm zu uns herein«, rief Fini, das eine Wasserfräulein, »erzähl' uns von der Fremde!«

»Aber schnell, schnell«, sprach Tini, ihre Schwester. Und nun sperrten sie beide ihre Mäulchen auf, als könnten sie gar nicht genug von dem neuen Vetter hören.

Der aber blieb stumm, weil er zu tolpatschig war, außer seiner Liebe etwas anderes kundzutun. So schnappten die zierlichen Lärvlein tüchtig Luft und warteten der Dinge. Dann schrien sie aus einem Munde:

»Eil dich! Schick dich!«

Alex blieb aber stumm. Da drehten sie ihm schnippisch den Rücken und verschwanden in der Tiefe, während ihre Schleppen zierliche Ringe im Teiche bildeten.

Als der Salamander enttäuscht über diesen unfreundlichen Abschied vor sich hinstarrte, merkte er, daß der flinke Harald mit ein paar kräftigen Stößen durchs Wasser ruderte. Am anderen Ufer saß auf der Wurzel eines Baumes, der seine Zweige im Teiche badete, einer von der braunen Sippe. Es war Blasius, der Grasfrosch. Sein Anzug trug mehr als einen Schmutzflecken, und auch der Platz, auf dem er sich niedergelassen, war nicht allzu sauber. Doch störte ihn dies nicht, im Gegenteil, er fühlte sich so am wohlsten. Ein bequemer Bursche, gab er nichts aufs Äußere und nannte seinen Vetter Harald spöttisch: Herr Baron.

Als dieser aber nun mit raschen Stößen angeschwommen kam, wurde ihm doch unheimlich zumute. Eine leise Ahnung sagte ihm, daß Harald nichts Gutes im Schilde führe; denn trotz der Verwandtschaft bestand zwischen ihnen Feindschaft. Wenn Harald, der Grüne, herübersprang, so war er, der Braune, verloren. Was tun? Er vermochte ein wenig zu klettern, vielleicht konnte er sich dadurch retten. Aber während er noch überlegte, war Harald schon über ihm und der Todesschrei des armen Blasius gellte weit über den Teich hin.

Unterdes hatte die Kröte Aurelie ihre verschiedenen Bekannten bei der Sippe der Grünen und der Braunen begrüßt. In den Pausen der Unterhaltung dachte sie über Alex, den Salamander, nach und kam zu dem Entschluß, ihn auf keinen Fall mehr mit in den Torkeller zurückkehren zu lassen. Er war ja viel zu tappig und ungeschickt als Bundesgenosse, nicht einmal zu Botengängen war er zu gebrauchen. Einen unnützen Mitwisser und Mitesser schüttelte man am besten so rasch als möglich ab.

Da klatschte es im Wasser und mit einem anmutigen Sprung bewegte sich Pankraz, der Laubfrosch, aus dem Teich aufs Land.

In seinem lichtgrünen, gelbgestreiften Ausgehrock sah er wirklich nett aus, und man merkte ihm auch an, daß er sich auf sein schmuckes Gewand nicht wenig einbildete.

Frau Aurelie rief Pankraz zu sich und hatte eine längere Aussprache mit ihm. Sie wollte von ihm, dem anerkannten Propheten erfahren, wann es an der Zeit wäre, das Turmgeheimnis zu enthüllen. Wie weit die Mäuse und Ratten in ihrem Forschungseifer schon gekommen wären, was Hans Jakob und sein Geschlecht schon gearbeitet hätten und was vor allem Isidora, die Kreuzspinne, und Ludmilla, die weiße Eule, meine. Aurelie gab bereitwillig Auskunft. Zuletzt sprang Pankraz in die Höhe, als müßte er sich durch einen Luftsprung die prophetische Eingebung erleichtern, und rief feierlich: »Eins – zwei – drei – im wunderschönen Mai – wird sich das Rätsel lösen – im wunderschönen Mai – eins – zwei – drei!« Beim letzten Wort machte Pankraz wieder einen Luftsprung. Als er herab zur Erde kam, fiel er mitten in eine allgemeine Erregung.

Durch die Gesellschaft ringelte sich ein Regenwurm, der harmlos noch ein wenig spazieren gehen wollte. Alex ihn sehen und packen, war für den hungrigen Salamander eins.

Aber er hatte sich verrechnet, wenn er auf den fetten Bissen gezählt. Denn zu gleicher Zeit spürte Fräulein Lini, eine Base Aureliens, lebhaftes Verlangen nach dem fetten Braten.

Fräulein Lini stammte aus der Familie der Unken. Sie faßte mit festem Griff das aus Alex' Munde noch heraushängende Ende der Beute und suchte sie ihm zu entreißen. Ihr Gegner aber gab nicht nach. So zerrten sie sich hin und her. Lange blieb der Zweikampf, dem die anderen mit Teilnahme zusahen, unentschieden.

Lini aus dem Unkengeschlecht war die Gewandtere und arbeitete zudem mit frauenhafter List. Sie schlug Purzelbaum um Purzelbaum, ohne aber den Bissen dabei fahren zu lassen.

Dem armen Salamander verging Hören und Sehen. Ganz unglücklich war er über sein täppisches, unritterliches Benehmen, noch dazu angesichts des auserlesenen Kreises der Zuschauer.

Aber es half alles nichts, er mußte den Wurm freigeben und Fräulein Unke schmatzte ihn zum Spott recht hörbar hinunter und wischte sich dann zierlich ab. Alex war in seinem weichen Salamanderherzen tief betrübt. Da sah er es auf einmal im Grase schwarz und gelb leuchten. Diese Farben seines Hauses ließen seinen Puls höher schlagen. Er fühlte sich nicht mehr allein und verlassen in dieser erbärmlichen Welt.

Ein ganzes Dutzend seiner Sippe kam dahergezogen und begrüßte verwandtschaftlich den einsamen Vetter. Sie forderten ihn auf, sich ihnen beim Wandern ins Winterquartier anzuschließen. Er überlegte kurz: »Bei meinen Genossen wird es mir schier besser gefallen als in dem traurigen Keller des alten Stadttores, wo man mich doch nur als einen lästigen Störenfried betrachtet!« Der Anführer des Salamanderzuges gab den Ausschlag. Er sprach laut und entschieden:

»Warten wir noch lange, dann überfällt uns eines Nachts der eisige Tod. Der Kluge sorgt vor. Vertraut Euch mir an! In unserem Bau ist Platz für hundert, ein prächtig warmes Loch. Aber rasch auf die Socken, das Ziel ist noch fern.«

Alex hatte sich mit Sissy, einem niedlichen Salamanderfräulein, angefreundet und war nun fest entschlossen, sich mit der Wandergesellschaft zu vereinigen.

Bald zogen sie dahin durch den nassen Wald. Das war ein Rauschen und Raunen in den feuchten Blättern, die bereits den Boden deckten. Zwischenhinein hielten sie Rast und benutzten diese zu einer kleinen Magenstärkung.

Endlich erreichten sie das Ziel – eine Höhle, die von Baumwurzeln und überhängenden Steinen wohl geborgen war.

Der Einzug machte sich sehr vergnüglich. Denn obwohl der Führer wiederholt zur Ruhe und Ordnung mahnte, wollte jedes das erste sein, um sich den besten Platz aussuchen zu können. So stießen und pufften sie einander, purzelten auch über- und untereinander, so daß die Gesellschaft wie ein wirrer Knäuel aussah, aus dem auf schwarzem Grunde gelbe Flecken auf und niedertanzten.

»Mein Bein! Wo ist mein Bein?« schrie einer, »ich habe meinen Kopf verloren« ein anderer, ein Dritter mußte seinen Schwanz erst freimachen, und alle anderen lachten fröhlich zu diesem lustigen Einzug.

Auch Alex fühlte sich trotz mancher Püffe außerordentlich glücklich. Nun durfte er doch mit seinem Volk den langweiligen Winter verträumen. Aurelie, die Kröte, aber kehrte von ihrem Ausflug allein, doch voll Gedanken, in den Turmkeller zurück. Sie erwartete nun den Weberknecht mit einer Botschaft von der Kreuzspinne Isidora. Der sollte dann die Prophezeiung des Laubfrosches Pankraz in die oberen Stockwerke des Stadttores bringen. Noch lange saß sie still und unbeweglich an ihrer Haustüre und sann über das Geheimnis und seine glückliche Lösung nach.

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