Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Betty Hertel >

Das Geheimnis des alten Stadttores

Betty Hertel: Das Geheimnis des alten Stadttores - Kapitel 5
Quellenangabe
authorBetty Hertel
titleDas Geheimnis des alten Stadttores
publisherVerlag Friedrich Andreas Perthes A.-G.
yearo.J.
firstpub1920
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170727
projectidff1c0318
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel
Die Kreuzspinne Isidora spinnt den Plan

Im alten Turm war es kühl trotz der sommerlichen Schwüle draußen. Das dicke Mauerwerk, an dem die alte Zeit nie gespart hatte, wehrte dem Einfall der Hitze. Zudem tat heute die Hollerfrau ihr übriges bei ihrem großen Reinigungswerk. Die ganze Turmtreppe schwamm im Wasser. Jörg war in den Keller geflüchtet, bis die Luft in seiner Stube wieder rein war. Sein erster Blick galt der Ecke dicht beim Fenster. Richtig! Das Spinnennetz war zerstört, wie immer!

»Dummes Weib«, brummte der Alte, »nicht das geringste Kunstverständnis! Mein armes Tierlein muß wieder die Arbeit von vorne beginnen.«

Er rückte sich aufseufzend den Stuhl ans offene Fenster, legte die Bibel auf den inneren Sims und war bald ins Buch Jesus Sirach vertieft. Die fliegenden Kreise, die aus seiner Pfeife zum Fenster hinaus tanzten, wurden mählich schwächer und langsamer. Ein friedlich Schnarchen war das einzige Geräusch, das sich in der Stille hören ließ.

Da flog durchs offene Fenster Max der Brummer, aus dem Geschlecht der Schmeißer.

In großer Erregung kam er geradeswegs aus der Küche des Krankenhauses. Nur sein rascher Entschluß, Reißaus zu nehmen, hatte ihn vor einem frühen Tode bewahrt. Und wie gerne wäre er noch da drüben geblieben! Das Spülmädchen hatte gerade von dem Schwedenschatz im alten Turm erzählt, und die Köchin meinte, der Jörg werde ihn schon heben, denn er verstünde sich doch gar gut mit den höllischen Geistern, und des zum Beweise berichtete sie die schauerlichsten Geschichten, daß sich sogar Max die Haare sträubten. Dabei saß er auf einem prächtigen Stück Fleisch, wie auf einem weichen Sofa, und freute sich des heimlichen Gruselns. Und da mußte ihn das Flackerauge der Köchin erspähen!

»Na, warte, alter Jörg! Dir will ich heute deine Schatzgräberträume versalzen!« Damit setzte sich Max keck auf Jörgs Nase. Auf diesem roten Grunde hob sich der glänzend blaue Rock der Schmeißfliege leuchtend ab.

Max war nicht nur unbarmherzig, sondern auch ein Quecksilbergeist. Von der Nase des Alten auf die Stirn, von dieser auf die Wange und so rundum machte er seine Spaziergänge auf dem furchigen Boden über Tal und Höhen. Dabei sang er dem Alten sein höhnisch Lied ins Ohr: »Der Schatz war für die Katz, die Katze fraß den Schatz! Willst du ihn wirklich haben, so mußt du ewig graben. Drum grab, grab immerzu! Der Schmeißer läßt dir keine Ruh!«

Jörg wurde unruhig und schlug nach dem unwillkommenen Besucher.

Max aber ließ sich nicht stören, flog und tanzte herum und sang zur Abwechslung eines seiner leichtsinnigen Verslein: »Eins, zwei – drei! Die Lust ist schnell vorbei! Wer dumm ist, denkt und sinnt; wer keck ist, der gewinnt! Eins – zwei – drei! Mir ist es einerlei!«

Da kroch langsam aus der Ecke des Zimmers dicht beim Fenster Isidora, die Kreuzspinne. Sonst war sie wütend über die Hollerfrau, wenn diese ihr Netz regelmäßig herunterriß. Heute ertrug sie es mit staunenswerter Ruhe. Mochte es sein! In der Fensterecke war ohnehin nicht mehr ihres Bleibens! So saß Isidora vor ihrem Versteck und überlegte ihre Übersiedlung in die andere Zimmerecke.

Im hintersten Winkel der Stube wollte sie ihr Zelt aufschlagen, wie sie es mit Hans Jakob, dem Trotzkopf, vereinbart hatte. Dicht unter seiner Burg im Speicher war sie dann und konnte sich mit ihrem Verbündeten leicht verständigen.

Sie kroch an der Wand entlang und fand bald einen wohnlichen Raum. Und nun hieß es rasch an die Arbeit gehen; denn der freche Schmeißer mußte bestraft werden. Wollte sich der unterstehen, ihre Pläne zu stören?

Aus weit über tausend Röhrchen spritzte sie die feinsten Strahlen ihres Webstoffes und schmolz sie zu starken Fäden zusammen.

»Zuerst die Grundlage«, sprach die Künstlerin und stellte aus besonders kräftigen Seilen einen Rahmen her. »Der Schatz ist sicher im Turm, das pfeifen die Spatzen auf dem Dache und die Mäuse im Keller.«

Neugierig flog Max näher und begann keck die Unterhaltung.

»Gewiß ist der Schatz im Turm, Verehrteste!« sagte er wichtig und spreizte seine Flügel.

Isidora war empört über den dreisten Schwätzer und Nichtstuer. Aber sie meisterte in echter Künstlerschaft nicht nur den Webstuhl, sondern auch den Zorn und sprach mit geringschätzigem Tone:

»Behaltet Eure unerfahrene Weisheit für Euch! Und laßt mir vor allem den Alten in Ruhe! Es möchte Euch sonst gereuen!«

Ganz giftig kamen die letzten Worte hervor, während sie unermüdlich Webstoff aus ihren Röhren spritzte.

Mehr und mehr füllte sich der Rahmen mit Lauf- und Fangfäden. Auf den ersteren lief Isidora hin und her und arbeitete emsig an dem Gewebe. Mit ihren zarten Fußspitzen, die wie kleine Kämme gezähnt waren, tanzte sie gleich einer Seiltänzerin auf den trockenen Laufwegen ihres Netzes entlang. Niemals tat sie einen Fehltritt, und die glatten Kämmchen verletzten nicht im geringsten das feine Gewebe.

»Daß der Schatz nicht im Keller ist und nicht im Zimmer des Alten, haben die Kundschafter erforscht. Die alten Netze sind zerrissen. Die neuen Fäden laufen bald zum Ziele.«

Weil sie dem kecken Brummer nicht traute, hatte Isidora diese Worte im leisen Selbstgespräch mehr gedacht als gesprochen.

In der Stube waren nur zwei Geräusche zu vernehmen: das Schnarchen des alten Jörg und der Gesang des Brummers.

Frau Isidora arbeitete mit Denken und Spinnen ohne Rast und Ruhe weiter, nur ab und zu einen lauernden Blick auf Max werfend. Jetzt trug sie in besonderen Säckchen Leim herbei.

Max nahm an, die Spinne wolle nicht gestört werden, und weil es ihm zu langweilig wurde, wollte er eben zum Fenster hinausfliegen, um draußen ein lustiges Abenteuer zu erleben.

Da rief ihm Isidora mit ganz veränderter Stimme zu:

»Wohin, junger Herr? Bleiben Sie doch noch ein Weilchen! Nach der Arbeit unterhalte ich mich recht gern mit einem Meister im leichten Plauderton. Nur kurze Zeit, dann mache ich Feierabend.«

Max fühlte sich geschmeichelt, setzte sich auf die Lehne des Stuhles und schaute Frau Isidora neugierig zu. Die ließ nun tausend winzig kleine Leimtröpfchen aus den Säcken ihres Vorrates auf die Fangfäden fallen. Als sie das letzte aufgesetzt hatte, sagte sie laut: »Die Sache stimmt! Punktum!« Befriedigt nahm sie in der Mitte ihres Hauses Platz.

Es war gut, daß Max die Gedanken seiner Nachbarin nicht lesen konnte. Der Ahnungslose schaute auf die Künstlerin und rief:

»Herrlich! Prächtig in der Tat! Weiß nicht, was ich mehr bewundern soll. Euren Palast, den Ihr so rasch gebaut habt oder die entzückende Zeichnung Eures Gewandes! Solch leuchtend Kreuz sah ich noch bei keiner Eurer Art! Freilich waren es nur ganz junge Damen Eurer Familie, die ich kennen lernte, und ich habe mir sagen lassen, das goldene Kreuz sei eine Altersauszeichnung, so eine Art Geheimrat oder Ehrenpräsident bei Eurem Geschlecht.«

In Frau Isidoras Spinnenseele fing das Gift zu kochen an. Aber sie ließ es nicht überschäumen und sprach sanft und doch bedeutungsvoll: »Ihr habt völlig recht, Herr Max Brummer aus dem hochedlen Geschlecht der Schmeißer! Die Fräulein aus meiner Sippe müssen wirklich noch sehr jung gewesen sein, sonst wäre ich um das Vergnügen Eurer Bekanntschaft gekommen, und das würde ich von Herzen bedauern.«

Max rieb vergnügt seine Flügel, so entzückt war er über das Entgegenkommen der Spinne.

»Bedauern wäre ganz auf meiner Seite, Gnädigste! Hatte immer Verlangen, mit Euch zusammenzutreffen, obwohl meine Familie mich davor warnte. Gebe nichts auf solche Ratschläge alter Basen und ängstlicher Tanten. Manns genug, mich zu schützen!«

»Unbesorgt, lieber Freund! Folgt stets nur Eurem eigenen Geist! Dann seid Ihr am besten beraten!« Max kannte in dieser liebenswürdigen, feinen Frau gar nicht mehr die garstige Spinne. Die sollte eine Erbfeindin seines Geschlechtes sein? Unmöglich! –

Damit flog er auf den Schrank, um Isidora näher zu sein. Er wollte seine weltmännische Gewandtheit zeigen und plauderte unbekümmert darauf los.

»Verehrte Frau! Unsere beiden Familien sollten in Freundschaft sich verbinden, um im Kampf gegen die Bosheit der Menschen doppelt stark zu sein. Bekam erst heute wieder mehr als eine Probe davon!«

»Erzählt mir doch, lieber Max! Euch hört man mit Wonne zu.«

Der Schweißer flog wieder ein Stück näher an das Haus der Spinne und sprach:

»Kam heute in ein Zimmer! Natürlich Appetit vorhanden! Noch nicht gefrühstückt! Schaue mich nach allen Seiten um, wo man für mich gedeckt hat. Endlich entdecke ich ein Brett an der Wand, darauf stand ein Glas Wein und daneben lag ein prächtig Stück Torte. Wunderbar, denke ich und setze mich an die Tafel. Für Süßigkeiten bin ich nun mal besonders empfänglich. Also zuerst Angriff auf die Torte. Pfui Teufel! Entschuldigen Sie, Verehrte, diesen ungebildeten Ausdruck! Aber ich sagte in der Tat so. Wißt Ihr, was ich statt des Zuckers in meinem hungrigen Rüssel hatte? Farbe! Abscheuliche, stinkende Farbe! Habt Ihr solchen Schwindel schon erlebt?«

»Gewiß«, antwortete Isidora in leisem Spott, »wer heißt Euch Euren Rüssel in ein Kunstwerk hineinzustecken? Euer ›Tischlein deck' dich‹ war ein Gemälde, und mit solchen soll sich eben nur der befassen, der Verständnis für Kunst hat. In meiner Familie ist es ja erblich; von Eurer habe ich dergleichen noch nicht gehört! Doch erzählt nur weiter!« Max trat wieder einen Schritt näher. Er befand sich nun ganz dicht vor dem Palaste Isidoras.

»Ja, dann erlebte ich einen anderen Schrecken! War mir der erste in den Magen gefahren, so galt es diesmal meinem Kopf. Ein Mensch nahm ein merkwürdig Ding von der Wand und schlug nach mir, mir zittern jetzt noch die Flügel am Leibe! Es war wie ein Fallbeil und hätte mir den Schädel zerschlagen, wenn ich mich nicht durch einen geschickten Seitensprung gerettet hätte.«

»Das war eine Fliegenpatsche!« warf in erklärendem Tone die Spinne ein. »Von Euren Abenteuern müßt Ihr ja ganz angegriffen sein. Ruht Euch doch im Schatten meines Hauses ein wenig aus! Tretet näher, lieber Herr Max!«

»Lieber Herr Max!« hatte noch niemand so süß gesagt. Der Schmeißer verlor schier die Besinnung. Frau Isidora spielte nun den letzten Trumpf aus:

»Ihr spracht vorhin auch von dem Turmgeheimnis! Ich möchte Euch gerne in unsere Pläne einweihen, auch wenn Ihr nicht zu unserem Geheimbunde gehört und wenn auch Hans Jakob, der Trotzkopf, gewarnt hat, sie Euresgleichen mitzuteilen.«

»Oho!« rief Max beleidigt, »der dumme Trotzkopf! erzählt mir alles! Verschwiegen wie das Grab, auf Fliegenehre!«

Damit betrat Max den Vorplatz des Spinnenhauses.

Das Haustelephon geriet sofort in Bewegung und meldete Isidora den Eintritt des Brummers.

»Ei, ei, Herr Max Brummer! Warum seid Ihr nicht lieber zum Tanz geflogen?« rief Isidora voll grimmen Hohnes.

Max starrte entsetzt auf die so plötzlich wieder veränderte Spinne.

Wie ein Schlag mit der Fliegenpatsche traf ihn die Erkenntnis. Reißaus also in aller Eile!

Schon wollte er der giftigen alten Dame den Rücken drehen und ihr zum Abschied noch eine Grobheit an den Kopf schleudern. Aber o weh! Was war das? Seine Füße waren wie festgebunden. Er konnte nicht vor-, nicht rückwärts.

»Flieg, Brummer, flieg!« lachte spöttisch die Spinne von der Mitte ihres Hauses aus und schaute regungslos auf ihren Gefangenen. Dieser suchte zu entkommen und zappelte aus Leibeskräften, was das Zeug hielt. Aber immer mehr fühlte er sich gefesselt. Eine heillose Angst überkam ihn. Er drehte und wälzte sich! Umsonst! Die Maschen des Netzes schlangen sich um seinen Leib. Frau Isidora sprach nun in strengem Tone:

»Du hast Dich in unser Turmgeheimnis eingedrängt, um es dann außen keck und leichtsinnig zu verraten. Du hast unserem Herrn, dem wir zu dienen uns verschworen haben, Leid und Unruhe gebracht! Auf beide Verbrechen steht die Todesstrafe. Noch eine Gnade darfst du dir erbitten. Aber mach schnell! Mein Haus muß wieder in Ordnung kommen.«

Max glaubte, er sei schon vor Schrecken gestorben, so hatte ihn die Angst gelähmt. Er konnte nicht mehr denken, sonst würde er sich als letzte Gunst eine süße Henkersmahlzeit erbeten haben. Weil ihm aber nichts einfiel, so sagte er aufs Geradewohl: »Offenbart mir, wo der Turmschatz vergraben liegt.«

Die Spinne sah ihn lange an. Dann sprach sie: »Neugierde ist also bei Eurem Geschlechts noch stärker als die Naschsucht! Sei es! Du nimmst unser Geheimnis mit in den Tod. Drum höre! Hinter der Burg der Trotzköpfe ist der Schatz unversehrt geborgen, und im Frühjahr, wenn Schwalbe und Storch zurückkommen, wird er gehoben. Und nun zum Schluß!«

Mit einem Sprunge stürzte Isidora auf den Brummer. Ein giftiger Biß, und Max war tot. Dann stopfte sie mit zarten Fäden das Loch im Netze zu und kämmte dieses von allen Unebenheiten rein.

Müde kroch sie in ihr neues Versteck und hörte noch wie im Traum leises Klopfen von oben.

»Hans Jakob ist fleißig. Bis Frühjahr wird es werden. Dann mag Annemarie lachen!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.