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Das Geheimnis des alten Stadttores

Betty Hertel: Das Geheimnis des alten Stadttores - Kapitel 4
Quellenangabe
authorBetty Hertel
titleDas Geheimnis des alten Stadttores
publisherVerlag Friedrich Andreas Perthes A.-G.
yearo.J.
firstpub1920
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170727
projectidff1c0318
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Drittes Kapitel
Aurelia und Servaz bei einer fröhlichen Jagd

Es war am anderen Morgen.

Der alte Jörg ging in seinen Keller, um dort etwas Ordnung zu schaffen. Er mußte seiner finsteren Gedanken, die immer um das Häuslein drüben zogen, Herr werden. Aber nicht lange hielt er es aus.

Leise vor sich hinsprechend, stieg er die Treppe wieder empor und schritt über die Gasse hinüber. Sollte sein Liebling wirklich dem Tode verfallen sein?

Im Hausgang trat ihm die Enkeltochter entgegen.

»Das Fieber will nicht weg, und wenn es nach dem Doktor geht, wird's nicht mehr lange dauern, und der Totenvogel hat auch gestern gerufen. Das hat mir einen Stich ins Herz gegeben –«

Ein fast grimmiges Lächeln flog über das faltige Gesicht Jörgs.

»Unsinn! Weibergeschwätz!« brummte er. Da er aber beides für unheilbar hielt, schwieg er und warf nur einen kurzen Blick auf das Bettlein an der gegenüberliegenden Wand. Da sah er ein rotglühendes Kinderköpfchen, das sich voller Unruhe auf dem Kissen hin und her warf.

»Kann schon noch werden«, tröstete er die Mutter und sich selbst, »kämpft mit dem Schwarzen! Jung Blut wird mit allem fertig, auch mit dem Tod! Gib dem Kind nur fleißig sein kühles Tränklein, und laß am Abend, wenn's gewittert hat, viel frische Luft ins Zimmer!«

Dann ging er mit traurigen Augen in sein einsames Turmzimmer zurück. Sein Besuch im Keller hatte dort große Aufregung hervorgerufen, die sich entlud, als die Dämmerung auf leisen Sohlen in den Raum schlich. Unter einem Stein, der losgelöst in einer Ecke des Kellers lag, trat Aurelie hervor, die Kröte.

Ganz aufgedunsen von ihrem Nachmittagsschlaf blinzelte sie nun mit ihren großen Augen vergnügt in ihre Welt hinein.

Hübsch war die Erscheinung Aureliens nicht; dazu war ihre Gestalt zu plump und ihr Kleid zu unscheinbar. Die Warzen trugen auch nicht zu ihrer Verschönerung bei. Aber sie wußte als kluge Frau, daß es nicht aufs Gewand, sondern auf den Verstand ankomme, und von diesem besaß sie nach ihrer Ansicht mehr als genug.

Aurelia wollte mit ihrem Vetter Servaz im Nachbargärtlein sprechen.

So machte sie den gleichen Weg, den heute der alte Jörg wiederholt zurückgelegt hatte.

Auf dem Gartenweg kam ihr Servaz entgegen. Das Zusammentreffen war aber durchaus nicht freundschaftlich, sondern echt krötenhaft.

In beider Seelen kroch häßlicher, grüner Futterneid empor. Als sie sich ganz nahe waren, setzten sie sich aufrecht und schauten sich scharf an, wie zwei Gegner, die vor dem Zweikampf ihre Kräfte messen wollen.

Der Zorn blies beide so auf, daß sie giftgeschwollenen Kugeln glichen, die nur auf einen Stoß warteten, um ins Rollen zu kommen.

Und nun wurde der Streit ausgetragen. Sie schlugen aber nicht aufeinander los. Das wäre gegen allen Krötenbrauch gewesen, und Frau Aurelie wie ihr Vetter Servaz hielten fest zu den Sitten ihrer Väter.

Sie schleckten ihren grimmen Zorn am Körper des Gegners kräftig ab und damit war jeglicher Zwist wie ausgelöscht. Friedlich gingen sie zu gemeinsamer Mahlzeit.

Der warme Sommerregen hatte ja überreich die tolpatschigen Würmer aus der nassen Erde gelockt, so daß die beiden in ihrer Eßlust sich keinerlei Zwang anzutun brauchten. Das war ein fröhlich Kämpfen und Siegen! Die Zungen schossen hervor wie frisch geschliffene Schwerter. Trafen sie ihr Opfer, so half kein Zappeln und Wehren. Wie angeleimt am Zungenschwert war es unrettbar dem dunklen Schlund verfallen.

Heute war aber Aurelia trotz der reichen Magenstärkung in großer Erregung. Mußte sie doch Nachricht über das Befinden der kleinen Annemarie erhalten! Seit der alte Jörg im Keller war und sie seine sorgenvollen Worte vernommen hatte, konnte sie ihren Kummer schier nicht mehr bewältigen. So fragte sie denn unvermittelt: »Was macht unser krankes Kind?«

Servaz schritt ein Stück näher, dann blieb er wieder stehen. So war es seine Gewohnheit, der er auch in den ernstesten Augenblicken treu blieb.

»Danke, danke der Nachfrage! Hoffe, daß das kleine Herzlein standhält! Wir sind zwar immer noch in großer Sorge, trotzdem lasse ich die Hoffnung nicht sinken.«

Dabei traten seine Augen weit heraus, da er seine Tränen mannhaft zu unterdrücken suchte.

Frau Aurelie sprach teilnehmend:

»Wenn man dem lieben Kind nur helfen könnte! Die Menschen werden von Geschlecht zu Geschlecht immer dümmer und hochmütiger. Als meine alte Muhme noch lebte, nahmen sie noch Zuflucht zu uns und fanden Heilung in tausend Krankheiten.« – »Nicht möglich«, wagte Servaz zweifelnd einzuwerfen.

»Nicht möglich! Hört! Nicht möglich!« zischte Aurelie in zornig gekränktem Tone. »Warum nicht möglich, mein junger unerfahrener Herr? Wir Kröten trugen sogar unsere Haut zu Markte, um ein krankes Menschenherz wieder gesund zu machen. Es ist so, Vetter, aus unserer Haut bereitete man kostbare Salben, dafür schimpfen sie uns nun zum Dank: ›giftige Kröten!‹«

»Doch nicht alle«, entschuldigte Servaz die angegriffenen Menschen. »Eure Muhme muß eine kluge Frau gewesen sein?«

»Ach ja«, sprach in wehmütiger Erinnerung Frau Aurelie, »sie fand ein allzu frühes Ende. Bei einem nächtlichen Ausgang zog sie sich eine heftige Erkältung zu. Ein langes Siechtum stand ihr bevor. Da erlöste sie Herr Stelzbein mit einem kurzen, schmerzlosen Griff von ihrer Krankheit. Unsere Familientrauer war groß und tief.«

Servaz hatte die Eigentümlichkeit, immer Hunger zu verspüren, wenn er gerührt wurde. So legte sich ihm auch der teilnehmende Schmerz um Aureliens Muhme auf den Magen. Er dachte an die niedlichen Kellerschnecken im Tor drüben und fragte Aurelie, ob er ihr das Geleite auf dem Heimweg geben dürfe. Sie habe ihm ohnehin noch nicht das große Loch gezeigt, in dem man vor langer Zeit den geheimnisvollen Schatz vermutet, aber vergebens gesucht hatte.

Langsam humpelten die beiden durch den Garten, über die Gasse und die Treppe hinab zum Keller. Die Augen des Vetters suchten den Boden ab. Da sah er ein paar kleine graue Schifflein, die bedächtig und geräuschlos vorwärts schwammen. Wie im Wasser fuhren die Flöße dahin.

»Seht nur!« flüsterte Aurelie, »ich könnte die jungen Damen um ihre leichten, zierlichen Bewegungen beneiden. Und wie sie sich zu helfen wissen! Damit ihr zarter Körper den Boden nicht zu berühren braucht, spritzen sie einfach das nötige Schwimmwasser selbst aus und fahren dann darüber wie ein Schifflein im Teich.«

»Wunderbar in der Tat. Ein merkwürdig Erbstück ihrer Ahnen!« entgegnete ebenso leise Servaz.

»Und doch schützt es sie nicht vor uns, die wir neben ihnen schwerfällige Spießbürger sind. Der Körper allein tut es eben nicht, Hauptsache ist immer und überall der Geist!«

Damit schnappte Aurelie die eine Kellerschnecke, während sie die andere großmütig dem Vetter überließ.

Da und dort glänzte es wie schimmernd Eis auf dem Boden und an den Wänden. Frau Aurelie machte Servaz auf die silbernen Bänder aufmerksam. »Seht Ihr das glänzende Eis? Das ist zurückgebliebenes Schwimmwasser, das unbenutzt sofort trocknet und fest wird. Auf diesen Spuren verfolgen wir unser Wild.«

Das Krötenpaar leistete in dieser Nacht sein Möglichstes. Sie kletterten um die Wette empor, und wenn die Spitzen der Zehen den schweren Körper an der Kellerwand nicht mehr zu halten vermochten, so drückten sie sich fest an und leimten sich mit der steilen Wand zusammen.

Aurelie kannte jeden Spalt in dem Gemäuer und hatte schon manch einen Stein gelockert, der ihr verdächtig schien. Mit Rat und Tat war sie dem Schatzgräber beigestanden.

Servaz schien der gleiche Gedanke zu bewegen. Denn er fragte plötzlich: »Wie steht es denn mit dem Turmschatz? Sucht der Alte noch oder hat er jetzt keinen Sinn dafür, seit das Kind todkrank ist?«

Aurelie machte ein gar wichtiges Gesicht und drehte ihre Augen heraus.

»Die Geschichte wird wohl bald zum Klappen kommen. Wir helfen alle zusammen, wie ein Mann«, sagte sie leise in geheimnisvollem Tone. »Daß übrigens der Schatz nicht bei uns im Keller ist, weiß Jörg. Alle Verstecke und Schlupfwinkel habe ich ihm gezeigt. Der Schatz muß an einem anderen Ort vergraben sein!«

»Aber wo, wo?« fragte lauernd Servaz.

»Auf der Spur sind wir«, antwortete triumphierend Aurelia, »wir vermuten, daß er oben im Speicherraum, dicht unter der Turmzinne liegt. Alle Zeichen sprechen dafür, und Hans Jakob, der Trotzkopf –«

»Der Klopfkäfer?« warf Servaz fragend dazwischen.

»Ja, derselbe! Also Hans Jakob behauptet fest und steif, der Schatz müsse zwischen einer Doppelwand des alten Kastens sein, der im Speicher steht und in dem der Jörg seine Kleider aufhebt.«

»Woher will denn das der Trotzkopf wissen?« fragte zweifelnd Servaz.

»Na, das ist doch sehr einfach!« belehrte Aurelie, »sein Geschlecht haust doch schon seit alten Zeiten dort, so daß er jeden Winkel seiner Burg kennt. Ich glaube, er weiß mehr, als er uns schon gesagt hat. Jedenfalls arbeitet er tüchtig an der Entdeckung des geheimnisvollen Schatzes, darüber sind wir uns alle klar.«

»Merkwürdig ist eine solche Geschichte! Seltsam! Wunderbar! Ganz aufgeregt bin ich!«

»Dann nehmt rasch Euer Sitzbad im Teich!« sagte etwas spöttisch Aurelie. Damit schlüpfte sie in ihr Schlafzimmer.

Servaz aber stolperte die Treppe hinauf, zum Tor hinaus und erquickte sich noch im kühlen Wasser.

Im Nachbarhause lag das blonde Kind. Die roten Rosen auf den Wangen hatten sich unter der weichen Hand des erfrischenden Abendwindes, der durchs offene Fenster strömte, in weiße gewandelt.

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