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Das Gänsemännchen

Jakob Wassermann: Das Gänsemännchen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Gänsemännchen
authorJakob Wassermann
firstpub1915
year1915
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleDas Gänsemännchen
created20050128
sendergerd.bouillon
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4

Am Plärrer stand ein kleines Caféhaus, das Paradieschen mit Namen; darin war alles winzig klein: der Wirt, die Kellnerin, die Tische, die Stühle und die Portionen. Dort versammelten sich die Brüder vom Jammertal, um die Götter in den Staub zu schleifen und den Weltbau zu zerstören.

Dorthin lenkte Daniel seine Schritte.

Er kannte den liliputanischen Raum, er kannte die verhungerten Gesichter. Er kannte den Maler, der nie malte, den Schriftsteller, der nie schrieb, den Studenten, der nicht studierte, den Erfinder, der nichts erfand, den Bildhauer, der seine Kunst in einer Gipsgießerei verschwendete, den Schauspieler, der seit vielen Jahren auf Urlaub war, und das halbe Dutzend armselige Philister, die hierher kamen, um sich gruselnd zu ergötzen. Er kannte den jungen Freiherrn von Auffenberg, der aus Gründen, welche niemand wußte, mit seiner Familie zerworfen war, und Herrn Carovius kannte er, der stets den Beobachter zu spielen schien, geheimnisvoll dasaß, schmachtend und ironisch vor sich hinlächelte und mit der Hand über das lange Haar strich, das über dem Nacken in künstlichem Gleichschnitt endigte.

Er kannte die von den Schultern abgeriebenen Stellen an den Wänden, die eingetrockneten Flecken auf der Politur der Tische, die Hirschhornknöpfe auf der Weste des Wirts und die rauchgeschwärzten Vorhänge an den winzigen Fenstern. Er kannte das Geschrei, die täglich sich wiederholenden Worte, die anarchistischen Windbeuteleien des Malers, den sie Krapotkin nannten, die philosophischen Zynismen des Studenten, der sich als Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts fühlte und auf fünfundzwanzig verbummelte Semester wie auf ebensoviel siegreiche Schlachten zurückblickte.

Die interessanteste Erscheinung war Herr Carovius.

Er war ein belesener Mann; auch auf die Musik verstand er sich gründlich, viele seiner Bemerkungen verrieten es. Er war ein Schwager von Andreas Döderlein, doch schien er diese Verwandtschaft nicht mit freundlichen Augen zu betrachten, denn sobald irgendwer von Andreas Döderlein sprach, verzerrte sich seine Miene, und er rückte zapplig auf seinem Stuhl herum. Er war eine undurchschaubare Persönlichkeit, und hätten ihm nicht schon seine Jahre eine gewisse Achtung verschafft, er war fünfundvierzig, so hätte es der boshafte Hohn getan, mit dem er die Menschen betrachtete. Die Leute sagten, er besitze viel Geld; wurde ihm dies hinterbracht, so beteuerte er mit gräßlichen Eiden seine Armut. Aber da er keinen Beruf hatte und sich einem Müßiggang hingab, der geheimnisvoll wirkte wie alles an ihm, hielt man ihn in diesem Punkt, trotz der Eide, für unzuverlässig.

»Wer ist denn der spindeldürre Quack dort?« fragte Herr Carovius, auf Daniel deutend, den Bildhauer Schwalbe. Er kannte Daniel längst, doch behagte es ihm bisweilen, den Neuling zu spielen.

Der Bildhauer sah ihn unwillig an.

»Einer, der noch an sich glaubt,« erwiderte er finster. »Einer, der im Drachenblut der Illusionen gebadet hat und unverletzlich ist wie Jung-Siegfried. Er ist überzeugt, daß alle, die da ringsherum in ihren Häusern schlafen, von seiner künftigen Größe träumen und den Lorbeer für ihn schon beim Grünzeughändler bestellt haben. Er weiß nicht, daß ihnen nur ihr Mittagessen heilig ist, daß sie Bier trinken, wenn die Schalmeien erklingen, und gähnen, wenn der Sinai flammt. Er ist erfüllt von sich, das genügt ihm, und er sammelt Honig. Die Biene will nur Honig, und findet sie keine Blüten, so schwirrt sie um den Mist. Wie Figura zeigt. Prosit Nothafft,« schloß er und erhob sein Glas gegen Daniel.

Herr Carovius lächelte schmachtend. »Nothafft,« meckerte er, »Nothafft! Hübscher Name, aber nicht für Walhall, eher für das Firmenschild eines Schneiders. Hach, du lieber Gott! Der Knochen, an dem jetzt die jungen Leute kiefen, ist zu meiner Zeit noch voll Fleisch gewesen.«

Dann heftete er, den Zwicker fester auf die Nase setzend, seine Augen ehrfürchtig blinzelnd gegen die Tür, durch welche, elegant, schlank und mißvergnügt, der junge Eberhard von Auffenberg eintrat, der das Leben hier suchte, wo andere es wegwarfen.

In später Nacht zogen die Brüder durch die Straßen und brüllten die stillen Häuser an.

Während das Gelächter und sinnlose Streiten an sein Ohr drang, vernahm Daniel eine sanfte Stimme in Es-Moll, darunter schritten in gewaltiger Wucht unerbittlich die Achtel einher; dann löste sich die Stimme in einen feierlichen Akkord in Es-Dur auf, und dann war alles wie in die Tiefe des Meeres versunken.

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