Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henri Barbusse >

Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
Schließen

Navigation:

VI.

Gewohnheiten.

Wir sitzen behäbig im Hühnerhof.

Die dicke Henne, weiss wie ein Rahmkäse, sitzt brütend auf den Ueberresten eines Korbes, neben dem Schweinestall, dessen Inhaber in der Erde wühlt. Die schwarze Henne aber spaziert umher. Sie streckt und zieht den elastischen Hals ruckweise vor und zurück und macht dabei weite, gezierte Schritte; in ihrem Profil blinzelt ein rundes Plättchen und den Klang ihrer Stimme scheint sie mittelst einer Metallfeder hervorzubringen. Ihr Gefieder glänzt schwarzschillernd wie die glatten Haare einer Zigeunerin und beim Gehn bewegt sie um sich herum die Schleppe ihrer Nachkommenschaft.

Diese kleinen gelben Häufchen, die der Instinkt stupft und zurückjagt, eilen mit kurzen Stricknadel-Schrittchen der Alten nach und picken den Boden ab. Jetzt aber bleibt die Schleppe hängen: zwei Küchlein sind stecken geblieben, unbeweglich in Gedanken versunken, und achten nicht mehr auf das mütterliche Glucksen.

– Schlechtes Zeichen, meint Paradis. Wenn's Hühnchen nachdenkt, dann ist das Hühnchen krank. Und Paradis kreuzt, seine Beine und überkreuzt sie wieder.

Neben ihm auf der Bank streckt Volpatte die seinen von sich, reisst ein breites Gähnen auf, das er behaglich in die Länge zieht und schaut dann wieder zu; denn es ist ihm ein Hochgenuss, dem Federvieh zuzusehn, wie es sich während dieses kurzen Lebens beeilt, möglichst viel hinunterzuwürgen.

Und man betrachtet sie miteinander und auch den alten, schäbigen Hahn; er ist bis aufs Futter abgenützt; das Flaumkissen hat sich abgelöst, so dass sein Kautschukschenkel, schwarz wie ein geröstetes Rippchen, durchscheint. Er nähert sich der Bruthenne, die abwehrend mit dem Kopfe nickt, ein knappes »nein« spuckt, ein paar glucksende Klapperlaute ausstösst, oder ihn mit den kleinen, blauen Emailleplättchen ihres Auges beobachtet.

– Hier ist es schön, sagt Barque.

– Guck da, die kleinen Enten, antwortet Volpatte. Sie sind zum kugeln.

Eine Reihe ganz junger Enten watscheln vorbei – es sind fast noch Eier mit kleinen Füssen – und der grosse Kopf zieht dabei den ärmlichen und hinkenden Körper sehr schnell an der Halsschnur nach sich. In einer Ecke liegt der Hund und verfolgt die Henne mit seinen tiefschwarzen, ehrlichen Augen; die Sonne scheint auf ihn und lässt sein Fell wie einen roten Teppich leuchten.

Jenseits dieses Bauernhofes scheint, durch das Loch der niederen Mauer, der Obstgarten, dessen feuchte, dichte und grüne Filzdecke sich über die fette Erde breitet; daneben ein grüner Flecken, verziert mit Blumen, weiss wie kleine Statuetten, oder glänzend wie Atlas und bunt wie gebundene Schlipse. Weiterhin streckt sich die Wiese, auf welche die Schatten der Pappelbäume dunkelgrüne und goldgrüne Streifen werfen. Noch weiter sieht man ein erregtes Hopfenfeld neben einem Kohlbeet, wo die Kohlköpfe in Reih und Glied auf der Erde sitzen. Man hört in der sonnigen Luft und auf der sonnigen Erde die Bienen unter Musik arbeiten, wie es die Poesie verlangt, und die Grille, die alleine, allen Fabelversen zum Trotz, ohne Mass und ohne Bescheidenheit, den ganzen Raum mit ihrem Gesang erfüllt.

Dort flattert vom Gipfel einer Pappel eine Meise im Wirbel herunter, halb schwarz, halb weiss wie ein halbverbrannter Zeitungswisch.

Die Soldaten auf der Steinbank strecken sich glückselig, halten die Augen halb geschlossen und liegen an der Sonne, die im eingeschlossenen, weiten Hofe die Luft wie ein Bad heizt.

– Siebzehn Tage sind wir schon hier! Und es hiess, wir kämen von einem Tag auf den andern wieder weg.

– Man kann's nie wissen! nickt Paradis mit dem Kopf und schnalzt dabei mit der Zunge.

Durch das offene Hoftor sieht man eine Reihe Soldaten, die Nase in der Luft, nach Sonne lechzen und spazieren gehn; dann kommt Tellure ganz alleine: mitten auf der Strasse wiegt er den blühenden Bauch, dessen Eigentümer er ist; dabei schwankt er auf seinen zwei Beinen, die henkelartig gebogen sind, einher und spuckt sehr viel und reichlich um sich.

– Man hat gemeint, es sei hier so schlecht wie in den andern Quartieren. Diesmal ist es aber das richtige Ausruhn, das anständig lange dauert, und dann an und für sich ein gutes Quartier.

– Du hast nicht übermässig zu exerzieren und sonst nicht viel Dienst.

– Und die übrige Zeit bist du hier und ruhst aus.

Der alte Mann, der am Bankende zusammengekauert hockte, und der kein andrer war als der Grossvater mit dem Schatz, den wir am ersten Tage entdeckt hatten, rutschte her und hob den Finger.

– Als ich jung war, war ich gut angesehn bei den Frauen, beteuerte er und nickte mit dem Kopf. Manches Fräulein hab ich damals gepflückt.

– So! machten wir zerstreut; denn unsre Aufmerksamkeit wurde von diesem senilen Geschwatze durch den willkommnen Lärm eines Karrens abgelenkt; der Karren fuhr beladen mit schwerer Anstrengung vorüber.

– Jetzt, sagte der Alte wieder, denk ich nur noch ans Geld.

– Ach so, den Schatz, den Ihr sucht, Väterchen.

– Freilich, antwortete der Bauer.

Aber er fühlte dabei die Ungläubigkeit, die um ihn war. Er stiess auf seinen Schädelkasten mit dem Zeigefinger, den er dann gegen das Haus streckte.

– Seht dieses Tier, machte er, indem er auf ein schwarzes Biest deutete, das über den Kalk lief; wissen Sie, was es sagt? Es sagt: Ich bin die Spinne, die den Faden der Jungfrau spinnt.

Und das altertümliche Männchen fügte hinzu:

– Nie soll man über das urteilen, was man tut, weil man nie wissen kann, was kommt.

– Stimmt, antwortete Paradis aus Höflichkeit.

– Er ist komisch, machte Mesnil André zwischen den Zähnen, suchte dabei nach seinem Taschenspiegel und bewunderte seine Gesichtszüge, die sich in der Sonne vorteilhaft ausnahmen.

– Er hat 'nen Sparren, bemerkte Barque glückselig.

– Ich lasse die Herren alleine, sagte der Alte, der sich nicht mehr wohl fühlte.

Er stand auf und begab sich wiederum auf die Suche nach dem Schatz. Er trat ins Haus, an das unsre Rücken lehnten; dabei Hess er die Türe offen und man sah im Zimmer am Riesenkamin ein kleines Mädchen so ernsthaft mit der Puppe spielen, dass Volpatte darüber nachdenklich wurde und sagte:

– Sie hat recht.

– Die Kinderspiele sind sehr wichtige Beschäftigungen. Nur die Erwachsenen vertreiben sich die Zeit mit Spielen.

Nachdem man die Tiere und die Menschen vorübergehn sah, sieht man der Zeit zu, wie sie verstreicht, man schaut überhaupt alles an.

Man schaut das Leben der Dinge, man wohnt dem Ausleben der Natur bei und sieht, wie das Klima und der Himmel auf sie wirkt und wie sie die Farbe der Jahreszeiten trägt.

Wir haben dieses Stück Land lieb gewonnen; denn der Zufall hat uns mitten in unseren ewigen Irrfahrten länger und in grösserem Frieden an diesem Orte verweilen lassen. Dies aber lässt uns mit allen seinen Fähigkeiten vertraut werden. Schon streut September, der Nachtag des Augustmonates und der Vorabend des Oktobers und somit der ergreifendste Monat, leise, zarte Ahnungen in die sonnigen Tage. Schon versteht man diese dürren Blätter, die wie Spatzen auf den flachen Steinen umherhüpfen.

... Ja, man hat sich aneinander gewöhnt, die Landschaft und wir. So oft entwurzelt, fassen wir dennoch hier wiederum Boden und glauben nicht mehr an den Aufbruch, selbst wenn davon die Rede ist.

– Hat die elfte Division nicht anderthalb Monat Ruhe gehabt? sagt Volpatte.

– Und das 375. erst, neun Wochen! fährt Barque beweiskräftig fort.

– Man könnte schon das Kriegsende hier abwarten ...

Barque geht das Herz auf und er glaubt es halb:

– Schliesslich wird's doch einmal ein Ende haben, nicht?

– Schliesslich schon! ... wiederholen die andern.

– Schon wahr, man kann's nie wissen, macht Paradis.

Er spricht es zaghaft aus und ohne grosse Ueberzeugung. Und doch kann man nichts dagegen sagen.

Man wiederholt es leise, und wiegt sich hinein wie in eine alte Weise.

*

Farfadet hat sich schon eine Weile zu uns gesetzt. Zwar hat er etwas Abstand eingehalten und sitzt, die Faust unterm Kinn, auf einem umgestülpten Bottich.

Farfadet geniesst ein zuverlässigeres Glück als wir. Man weiss es wohl; auch er weiss es: als der Alte aufgestanden war und nach seinem Schatze ging, hatte Farfadet den Kopf gehoben und den Alten angeschaut und dann uns, die wir davon sprachen, hier zu bleiben! Ueber unserm zärtlichen und sentimentalen Kameraden liegt etwas wie ein egoistischer Glanz, der aus ihm ein Sonderwesen macht, ihn vergoldet und ihn wider seinen Willen von uns trennt, wie goldne Tressen, die ihm der Himmel geschenkt hätte.

Seine Idylle mit Eudoxie hat sich hier weitergesponnen. Wir haben Beweise dafür, und er selbst hat einmal davon gesprochen. Sie ist nicht weit von hier, und beide sind einander so nahe ... Sah ich sie letzten Abend nicht vorüberhuschen, am Pfarrhaus vorbei, ihr brennendes Blond nur halb von einer Mantille gedämpft? Man sah es ihr an, dass sie zum Stelldichein lief; hab ich sie nicht gesehn, wie sie hineilte, vorwärtsgebeugt und ein Lächeln schon auf den Lippen? ... Und wenn es zwischen ihnen erst bis zu Versprechungen und Versicherungen gekommen ist, so gehört sie ihm immerhin, und er ist der Mann, der sie in seinen Armen halten wird.

Und dann wird er uns zu alldem noch verlassen; er kommt nämlich hinter die Front zum Brigadestab, der ein zärtliches Herrchen zum Maschinenschreiben braucht. Es ist schon offiziell und steht schwarz auf weiss. Er ist gerettet; für ihn ist die dunkle Zukunft, an die die andern nicht zu denken wagen, für ihn ist sie klar und sonnig.

Er sieht nach einem Fenster, das wie ein schwarzes Loch an einem Zimmer offen steht; der Schatten dieses Zimmers aber blendet ihn: er hofft, er lebt zweifach. Er ist glücklich; denn das nahende Glück, das noch keine Wirklichkeit ist, ist das einzig wirkliche Glück auf Erden.

Ein armseliger Neid erwacht um ihn.

– Man kann's nie wissen! murmelt wiederum Paradis, auch diesmal mit der schwachen Ueberzeugung, mit der er vorhin, in der dürftigen Heimlichkeit, die uns heute beengt, diese grenzenlosen Worte aussprach.

*

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.