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Gutenberg > Henri Barbusse >

Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectidc6959b91
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V.

Das Obdach.

Unzählige Schatten verwischen traumhaft die bleiche Landstrasse, die sich durch den nächtlichen Wald zieht, als ob der Wald sich wie verhext im Dunkel der Nacht darüber wälze. Es ist das Regiment, das sich vorwärts bewegt, auf der Suche nach einem neuen Obdach.

Die hoch und breit bepackten Reihen stossen schattentriefend aneinander; und jede neue Welle, von der hinteren vorwärts gestossen, drängt sich der vorderen auf. Seitwärts schreiten, vereinzelt, die schlankeren Gestalten der Offiziere. Ausrufe, Befehle, kurze Gespräche, Hustenanfälle und Gesänge mischen sich zu einem dumpfen Gemurmel, das jenem engen und zwischen die Böschungen eingedämmten Gedränge entsteigt. Und in den Lärm der Stimmen mischt sich das Stampfen der Füsse, das Geklirre der Bajonettscheiden, der Feldflaschen und der Metallkannen, das Donnern und Gerassel der sechzig Wagen Artillerietrain und des Regimentstrain, die den zwei Bataillonen folgen. So gross ist die Masse, die auf der ansteigenden Strasse vorwärtsschreitet und sich hindehnt, dass man draussen, unter dem unendlichen Dom der Nacht, in der Stickluft eines Löwenkäfigs schwimmt.

Wenn man selbst in Reih und Glied steckt, sieht man von alledem nichts; stösst man aber bei einer Stockung mit der Nase drauf, so unterscheidet man allerdings, wohl oder übel, das Blech einer Gamelle, den bläulichen Stahl eines Helmes oder den schwarzen Stahl eines Gewehres. Sonst sieht man manchmal im blendenden Funkenschein eines Feuersteines oder hinter der roten Flamme, die am winzigen Stiel eines Streichholzes flackert, nahe Hände oder Gesichter im Relief aufblitzen, oder das durcheinanderwogende Schattenspiel behelmter Schultern, die wie Flutwellen gegen die klotzige Dunkelheit ankämpfen. Dann verschwindet alles wieder im Dunkel, und während man einen Fuss vor den andern setzt, heftet jeder seinen Blick unentwegt an die Stelle, wo sich vermutlich ein Rücken vorwärts bewegt.

Nach mehrfachen Marschpausen, während deren man sich auf den Tornister und vor die Gewehrpyramiden niederfallen lässt, die man auf das Zeichen einer Signalpfeife mit fieberhafter Hast und verzweifelnder Umständlichkeit in der undurchsichtigen, pechschwarzen Nacht zusammenstellt, kündet sich schliesslich der Morgen an und fliesst aus der Dunkelheit allmählich über den ganzen Himmel. Dann sehn wir, wie so oft schon, das grossartige Schauspiel des anbrechenden Tages, der sich über unsre ewig umherirrende Horde ergiesst.

Endlich treten wir aus dieser durchmarschierten Nacht heraus, gleichsam durch konzentrische Schichten abnehmender Schatten, Halbschatten und schliesslich düsteren Lichtes hindurch. Die Beine haben eine hölzerne Starrheit, die Rücken sind gelähmt und die Schultern zerschunden. Die Gesichter aber behalten ihre graue und schwarze Färbung; es ist, als befreie man sich nur unvollkommen von der Nacht, die man jetzt nie mehr ganz los wird.

Diesmal marschiert die grosse Herde in Reih und Glied in ein neues Quartier zum Ausruhn. Was wird das wohl für ein Dorf sein, in welchem man nun acht Tage verleben wird? Niemand weiss es genau, aber man glaubt, es heisse Gauchin-l'Abbé, und erzählt sehr viel Gutes davon.

– Man soll's gut haben wie 'n Hühnchen im Ei.

Allmählich erkennt man die Kameraden und unterscheidet ihre Silhouetten, und schliesslich die herabhängenden Schädel und die gähnenden Mäuler; aus dem Morgengrauen heraus werden gesprächige Stimmen laut.

– Nie würde man ein so patentes Quartier gesehen haben. Das Brigadekommando, das Divisionsgericht sei dort untergebracht; da gibt es was du willst beim Krämer.

– Wenn die Brigade dort hockt, dann wird am Sitz nichts fehlen.

– Meinst du, wir werden einen Esstisch für die Korporalschaft ausfindig machen?

– Alles was du willst, wenn ich dir sage.

– Wie's in einem Quartier ausschaut, das man nicht kennt, weiss ich nicht. Aber wissen tue ich bestimmt, dass es auch nicht anders sein wird als anderswo.

Aber keiner glaubt ihm das. Vielmehr erscheint allen das neue Quartier, nach dem erregten Fieber der Nacht, eine Art gelobtes Land, dem man nach Osten entgegenmarschiert, während man sich in der eiskalten Morgenluft dem unbekannten Dorfe nähert, das uns das Licht bringen wird.

*

Jetzt erreichen wir den Fuss eines Hügels und kommen an Häusern vorbei; sie schlummern noch im grauen Schatten der Morgendämmerung.

– Das wird es sein!

Endlich! Achtundzwanzig Kilometer sind diese Nacht zurückgelegt worden.

Nanu? ... Wird hier nicht Halt gemacht? Es geht immer weiter, vorbei an den Häusern, die sich wieder, eines nach dem andern, in den verschwommenen Dunst und in das Totentuch ihres Geheimnisses verziehn.

– Es heisst, man könne noch lange Strassen klopfen. Es sei noch sehr weit.

Und man marschiert automatisch weiter; die Glieder beschwert eine Art versteinerten Dusels; die Gelenke knirschen und lassen die Leute selbst darüber knirschen.

Der Tag ist spät am Aufgehn, eine Nebelschicht bedeckt die Erde. Es ist so kühl, dass die Leute während der Rast, trotz der Müdigkeit, die sie zermalmt, sich nicht getrauen abzusitzen und in der satten Feuchtigkeit hin- und hergehn wie irrende Geister. Ein scharfer, winterlicher Wind peitscht die Haut, fegt und zerstäubt die Worte und die Seufzer.

Endlich aber sticht die Sonne durch den Dunst, der sich über uns dehnt und uns durchnässt. Es ist wie ein feenhafter Lichtschacht, der sich mitten durch die irdischen Wolken aufreisst.

Das ganze Regiment streckt sich, wacht jetzt erst eigentlich auf und hebt seine Gesichter in das sanfte Goldlicht des ersten Sonnenstrahles.

Dann brennt die Sonne mit einem Mal, und dann ist es zu heiss.

Man keucht in den Reihen und schwitzt und schimpft noch mehr als vorhin, da die Zähne klapperten und uns der Nebel wie ein nasser Schwamm über Gesicht und Hände fuhr.

Wir marschieren jetzt in der brennenden Morgensonne durch eine Kreidegegend.

– Sie beschütten ihre Strassen mit Kalksteinen, die Hundskerle hier in der Gegend!

Die Strasse ist blendendweiss und nun ist's eine lange Staubwolke getrockneten Kalkes, die sich über uns hinzieht und uns bestreift.

Die Gesichter röten sich und glänzen wie Beize; gewisse vollblütige Gesichter scheinen mit Vaselin eingeschmiert; auf Backen und Stirnen bildet sich eine graue Staubschicht, die daran kleben bleibt und dann abbröckelt. Die Füsse scheinen in Unförmigkeit zu verschwimmen und sind weiss, als seien sie in einem Maurertrog herumgewatet. Der Tornister und das Gewehr sind weiss gepudert, und unsere langgedehnte Masse zieht in die Randgräser rechts und links eine milchweisse Spur.

Jetzt heisst es noch zu alledem:

– Rechts halten! Train!

Schnell drückt man sich auf die rechte Seite der Strasse, nicht ohne Drängen. Und wie eine lange Kette kolossaler, viereckiger Meteorsteine, umrollt von einem höllischen Radau, stürzt sich der Train auf die Landstrasse. Gottverd...! Er stäubt im Vorbeirasseln den dichten Kalkteppich aus, der die Strasse bedeckt, und streut uns den Staub auf die Schultern!

Nun sind sie eingewickelt in einen hellgrauen Schleier, und auf den Gesichtern sitzt eine mehlige Maske, die an den Augenlidern, dem Schnurrbart, dem Kinnbart und in den Rinnen der Runzeln eine dichtere Schicht bildet. Wir scheinen zugleich unser eignes Abbild und sonderbare Greise zu sein.

– Wenn wir mal alte Fetzen sind, dann sehn wir so aus, so hässlich, sagt Tirette.

– Du spuckst weiss, meint Biquet.

– Wenn aber Halt gemacht wird, so sind wir wie weisse Kalkstatuen, durch deren Schale schmutzige Reste von Menschlichkeit durchschimmern.

Dann geht's wieder weiter. Alles ist stumm und schindet sich ab. Jeder Schritt wird zur harten Arbeit. Die Gesichter schneiden Fratzen, die sich in die blasse Staubkruste einzeichnen und darunter erstarren. Der ganze Körper zieht sich in jener ununterbrochenen Anstrengung krampfhaft zusammen, und wir vergehn in stumpfer Müdigkeit und düstrem Ekel.

Endlich erblickt man die langersehnte Oasis: über einen Hügel hinweg auf einem zweiten, höheren Hügel schauen Schieferdächer aus einem frischen, salatgrünen Blätterstrauss hervor.

Dort liegt das Dorf, das der Blick endlich erreicht; aber noch ist man nicht angekommen. Je mehr das Regiment sich ihm nähert, desto weiter scheint das Dorf sich zu entfernen.

Schliesslich aber, punkt zwölf Uhr, erreicht man letzten Endes doch das Quartier, an das man bald nur wie an ein Märchen glaubte.

Jetzt marschiert das Regiment im Schritt, mit geschultertem Gewehr in die Strasse von Gauchin-I`Abbé ein und überschwemmt sie in ihrer ganzen Breite. Die meisten Dörfer des Pas-de-Calais haben nur eine Strasse, aber was für eine Strasse! Oft ist sie mehrere Kilometer lang. In Gauchin-l'Abbé gabelt sich die grosse, einzige Strasse vor dem Bürgermeisteramt und bildet zwei Nebenstrassen, so dass die Ortschaft ein grosses Y bildet, unregelmässig mit niederen Häuserfronten berändert.

Die Radfahrer, die Offiziere und die Ordonnanzen lösen sich von dem langen, wandelnden Wurm. Dann treten, während er sich vorwärts bewegt, die Leute gruppenweise in die Tore der Scheunen, da die noch freien Wohnhäuser für die Offiziere und die Bureaus bestimmt sind ... Unser Zug muss erst bis ans Ende des Dorfes marschieren und dann stellt sich ein Versehen der Furiere heraus, und wir kommen, rechtsumkehrt, wieder ans andre Ende, an welchem wir einmarschiert waren.

Dieses Hin und Her kostet Zeit, und die Korporalschaft, die man so von Süden nach Norden und wieder von Norden nach Süden schleppte, äussert über die ohnehin schon unglaubliche Müdigkeit und über die Schritte, die man ihr hätte ersparen können, ihren fieberhaften Unwillen. Es ist nämlich sehr wichtig, dass man sich so früh als möglich einrichte und freigelassen werde, wenn man die seit lange ersonnenen Projekte zur Ausführung bringen will; das heisst, bei einem Einwohner eine Unterkunft mit einem Tisch finden, an den sich die Korporalschaft zu den Mahlzeiten setzen könnte. Man hat die Sache und ihre Vorteile schon eifrig besprochen. Man ist einig geworden, hat zusammengelegt und beschlossen, sich diesmal in überschüssige Ausgaben zu stürzen.

Wird aber das alles noch zu machen sein? Eine Menge Lokale sind schon besetzt, und noch andere sind hergekommen mit jener Sehnsucht nach Bequemlichkeit, so wird man den freien Tischen schon nachlaufen müssen ... Drei Kompagnien sind allerdings nach uns einmarschiert, aber vier waren schon vor uns da; und dann: die offiziösen Suppentöpfe der Sanitätler, der Schreiber, der Wagenführer, der Ordonnanzen des Brigadekommandos und weiss der Teufel was noch ... Alles das sind wichtigere und mächtigere Leute als der einfache Liniensoldat, sie haben mehr Bewegungsfreiheit und Mittel und können ihre Pläne vorher ausführen. Jetzt schon sieht man solche Liebhaber auf den eroberten Torschwellen häusliche Geschäfte verrichten, während wir erst auf die Scheune zumarschieren, die für die Korporalschaft bestimmt wurde.

Tirette ahmt das Brüllen des Rindviehs und das Blöcken der Schafe nach.

– Das wär also der Kuhstall.

Es ist eine ziemlich geräumige Scheune. Das geschnittene Stroh, aus welchem beim Drübergehn der Staub auffliegt, riecht nach Abort. Der Raum aber kann als ungefähr geschlossen gelten. Man belegt seinen Platz und schnallt ab.

Diejenigen aber, die, wie so oft schon, von einem besonderen Paradies geträumt hatten, stecken wiederum ihre Hoffnungen in die Tasche.

– Du, das sieht hier so aus wie anderswo.

– 's ist dieselbe gleiche, ewige Ewigkeit.

– Ja, Gottverdanzig.

– 's war auch nicht anders zu erwarten.

Aber nun darf mit Reden keine Zeit verloren werden. Jetzt heisst es die Hände rühren und den andern zuvorkommen: per Express und doppelter Geschwindigkeit. Eilig geht's ans Werk. Trotz zerschundenem Rückgrat und zermürbten Füssen ringt man um die letzte Anstrengung, von der das Wohlsein einer Woche abhängen wird.

Die Korporalschaft teilt sich in zwei Patrouillen, die sich im Trab davonmachen, die eine nach rechts, die andere nach links auf die Strasse, die schon von geschäftigen Soldaten auf der Suche wimmelt. Und alle Gruppen beschnuppern und beobachten einander ... und beeilen sich. Manchmal auch kommt es, auf gewisse Bewegungen hin, zu fluchenden Keilereien.

– Gehn wir gleich mal dorthin schauen, sonst sind wir lackiert!

Ich habe den Eindruck einer Art verzweifelten Kampfes unter den Soldaten, der sich auf den Strassen des soeben besetzten Dorfes abspielt.

– Für uns, sagt Marthereau, ist der Krieg eine ewige Keilerei und eine ewige Schlacht, ohne Ende, ohne Ende!

*

Man geht von Tür zu Türe, klopft an, stellt sich schüchtern vor und preist sich an wie eine unerwünschte Ware. Einer unter uns meint:

– Hätten Sie nicht ein bisschen Platz, Madame, für die Soldaten? Wir zahlen schon.

– Nein, ich hab schon Offiziere – oder: Unteroffiziere – oder: die Musikanten, die Sekretäre, die Pöstler, oder die Herrn vom Lazarett und so weiter sind hier schon zum kochen ...

Nirgends, aber auch nirgends Glück. Und man schliesst die Türen eine nach der andern wieder, nachdem man sie schüchtern geöffnet hatte und schaut sich draussen gegenseitig an, während der Vorrat an Hoffnungen in den Blicken immer kleiner wird.

– Herrgott! Wirst sehn, wir kriegen nichts, murrt Barque. Ueberall haben sie schon mit Durchfallsgeschwindigkeit hingeschissen. Misthaufen, verfluchte!

Die Menge wälzt sich nach allen Seiten. Die drei Strassen füllen sich nach dem Gesetz der kommunizierenden Röhren mit Leuten an. Man begegnet auch den Dorfbewohnern, alten Bauern oder schlecht gewachsenen Kreaturen, oder auch jungen Leuten, an denen das Geheimnis verborgner Krankheiten oder politischer Beziehungen haftet. In den Röcken stecken alte Weiber und viele junge, fette Mädchen mit aufgedunsenen Backen, die wie weisse Gänse einherwatscheln.

Plötzlich erscheint mir, wie eine flüchtige Vision, zwischen zwei Häusern eine Frau, die jenen Schattenspalt durchschritt ...

Es ist Eudoxie! Eudoxie, jenes Rehweib, dem Lamuse nachjagte wie ein Faun im Wald und die sich an jenem Morgen, als wir den verwundeten Volpatte und Fouillade zurückbrachten, aus dem Waldrand beugte und mit Farfadet durch ein gemeinsames Lächeln verbunden schien.

Sie war es, die ich soeben wie einen Sonnenstrahl in jenem Gässchen sah. Dann ist sie hinter einer Mauerwand verschwunden, und über die Stelle fiel der Schatten wieder ... Sie schon hier! Natürlich, sie ist uns in unserer mühseligen und langen Wanderung gefolgt! Etwas hat sie hierhergezogen ...

Uebrigens, scheint sie in der Tat etwas herzulocken: so kurz auch der Augenblick war, der sie mir im blonden Lichte ihrer Haare zeigte, so habe ich doch einen ernsten, träumerischen und nachdenklichen Ausdruck von ihrem Gesichte ablesen können.

Lamuse, der mir auf den Fersen folgt, hat nichts gesehn. Auch sag ich ihm nichts davon, denn er wird die Gegenwart jener reizenden Flamme, für die sein ganzes Wesen brennt, die ihn aber wie ein Irrlicht meidet, früh genug merken. Uebrigens haben wir augenblicklich Geschäftliches zu erledigen, und der ersehnte Ort muss unbedingt erobert werden. Wir machen uns wieder mit verzweifelter Energie auf die Suche. Barque schleppt uns mit und nimmt sich die Sache sehr zu Herzen. Er wittert wie ein Spürhund, und sein staubgepuderter Haarbüschel zittert vor Anstrengung. Er führt uns, die Nase auf der Suche und schlägt vor, es mit jener gelben Tür dort zu versuchen. Und nun heisst es: vorwärts!

Bei der gelben Tür stossen wir auf eine hockende Gestalt; es ist Blaire; er stützt seinen Fuss auf den Randstein und schabt mit dem Messer seinen klotzigen Schuh ab und haut die Gipsschicht herunter wie ein Bildhauer.

– Hast in deinem Leben noch nie solch schneeweissen Fuss gehabt, uzt ihn Barque.

– Uzerei beiseite, antwortet Blaire, hast du 'ne Ahnung, wo der Zahnarztwagen steckt?

Dann fährt er fort:

– Ich muss absolut den Zähnekarren ausfindig machen, auf dass man mir die Kaue ansetzt und sie mir meine alten Dominos rausziehn. Irgendwo hier soll sie sein, die Maulklinik.

Dann klappt er sein Messer wieder zu, steckt es in die Tasche und drückt sich an den Häusern entlang, in tiefer Sorge um die Wiedergeburt seiner Kiefer.

Wir aber sagen unsere so oft wiederholte Bettlerlitanei wieder her:

– Guten Tag, Madame, hätten Sie uns nicht einen kleinen Winkel zum Essen? Gegen Bezahlung versteht sich ...

– Nein ...

Eine männliche Gestalt aber hebt in der Aquariums-Beleuchtung des niedren Fensters sein merkwürdig flaches Gesicht, das, von parallelen Runzeln durchfurcht, an ein altes, beschriebenes Papier erinnert.

– Hast doch den Hundestall.

– 's hat keinen Platz im Hundestall, wir haben doch die Wäsche drin ...

Barque aber fängt den Vorschlag prompt auf.

– Lässt sich vielleicht doch machen? Wir können's mal ansehn.

– Die Wäsche ist doch drinn, knurrt die Frau und kehrt dabei mit ihrem Besen ununterbrochen weiter.

– Wissen Sie, lächelt Barque einladend, wir sind nicht solche, die sich im Heu hinten betrinken. Wir könnten doch mal drüber reden, nicht?

Die Frau lässt ihren Besen fahren. Sie ist mager wie ein Schatten. Ihr Mieder hängt an ihren Schultern wie an einem Kleiderhaken, sie hat ein ausdrucksloses, starres Pappegesicht. Sie guckt uns an, stutzt und führt uns schliesslich widerwillig in einen sehr dunklen Raum, der auf nackter Erde steht und in dem die schmutzige Wäsche herumliegt.

– Is' ja tadellos, ruft Lamuse voller Ueberzeugung aus.

– Reizendes Mädel! sagt Barque und klopft einem kleinen Mädchen auf die runden Backen, die wie bemalter Kautschuk aussehn; und das Mädchen betrachtet uns mit seiner kleinen, dreckigen Nase im Halbdunkel. Ist die Ihnen, Madame?

– Und der da? wagt Marthereau zu fragen, als er ein aufgeschossenes Baby bemerkte, mit Backen, drall wie eine Schweinsblase und auf denen schmierige Konfitüre die Staubteilchen der Luft auffängt.

Marthereau hält dem bestrichnen und klebrigen Gesicht mit einer gewissen Vorsicht seine Hand hin.

Die Frau aber würdigte ihn keiner Antwort.

Und wir stehn dabei, schaukeln auf unsern Beinen hin und her und lächeln wie Bettler, denen noch nicht ganz willfahren wurde.

– Wenn sie nur ja sagt, der alte Waschlappen! flüstert mir Lamuse ins Ohr; denn ihn nagt ein Herzenswunsch, aber er traut der Sache noch nicht. Tadellos ist's hier, weisst du, und sonst ist alles schon besetzt!

– Aber 's hat keinen Tisch, macht endlich die Frau.

– Gotteswillen, machen Sie sich mal keine Sorgen wegen dem Tisch, ruft Barque aus. Die alte Türe dort in der Ecke, das ging schon für'n Tisch.

– Sie werden mir doch nicht meine ganzen Sachen an die Luft setzen! antwortet das Pappe-Weib misstrauisch, wobei sie es offensichtlich bereute, uns nicht sofort vor die Türe gesetzt zu haben.

– Haben Sie nur keine Bange! Schauen Sie her. He, Lamuse, alter Esel, da fass mal an.

Und die alte Türe wird auf zwei Fässer gelegt, was das alte Mann-Weib unzufriedenen Blickes geschehn liess.

– Das putzen wir ein bisschen und die Sache klappt.

– Ha natürlich, Mütterchen, mal mit dem Besen drüber wischen, das gilt als Tischtuch.

Sie wusste nicht recht, was sie dazu sagen sollte und schaute uns mürrisch an.

– 's hat nur zwei Hocker, und wieviel seid ihr?

– Ein Dutzend ungefähr.

– Ein Dutzend, Jesus-Maria!

– Spielt doch keine Rolle, wird schon gehn, hier hat's noch ein Brett zum sitzen, das ist doch wie bestellt, nicht, Lamuse?

– 'türlich! meint Lamuse.

– Aber das Brett da, das geb ich nicht gerne her; es waren schon früher welche da, die haben's schon mitnehmen wollen.

– Aber wir sind doch keine Diebe, erklärt Lamuse, sehr zahm, um das Wesen, das in seinen Händen unser Glück geborgen hält, nicht zu erzürnen.

– Weiss schon, aber Sie wissen, Soldaten, die machen immer alles kaput. Ach Gott, ist das ein Elend mit dem Krieg!

– Jetzt, sagen Sie, und wie viel wär, die Miete für den Tisch und dann, wenn man was auf dem Ofen wärmen wollte?

– Zwanzig Sous pro Tag, machte die Wirtin, und stösst diese Worte hervor, als quetsche man ihr die Summe gewaltsam aus.

– Das ist teuer, sagte Lamuse.

– Das haben die andern auch gezahlt, und das waren nette Leute, die Herren, und man hat sogar von ihrem Essen was gekriegt. Ich weiss ja schon, Soldaten machen nicht viel Umstände. Wenn Sie glauben, es sei zu teuer, so find ich schon noch andere für das Zimmer mit dem Tisch und dem Ofen und die ihrer nicht zwölf sind. Es werden noch manche kommen und die noch mehr zahlen würden, wenn man wollte. Zwölfe! ...

– Teuer, sag ich, aber schliesslich, es wird schon gehn, was meint ihr? sagte Lamuse schleunigst.

Wir aber stimmten dieser rein formellen Frage einstimmig zu.

– Ich würde gerne jetzt eins trinken, meinte Lamuse. Verkaufen Sie Wein?

– Nein, sagte die Frau und fügte in weinerlichem Tone hinzu: Sie werden verstehn, die Militärdirektion hat den Preis für die Weinverkäufer auf fünfzehn Sous gesetzt. Fünfzehn Sous! Gott, das Elend mit dem verwünschten Krieg! Man müsste ja noch drauf zahlen bei fünfzehn Sous. Drum kann ich keinen verkaufen. Ich hab zwar schon Wein, für uns. Ich meine, dann und wann, so zum Gefallen, gibt man schon ein bisschen her, wenn man weiss, mit wem man's zu tun hat und wenn's welche sind, die das schon verstehn; aber, meine Herren, natürlich nicht für fünfzehn Sous.

Lamuse gehört zu denen, die das schon verstehn. Er greift nach seiner Feldflasche, die er gewöhnlich an der Seite trägt.

– Geben Sie mal einen Liter her. Wieviel wird das kosten?

– Zweiundzwanzig Sous, was er mich gekostet hat. Aber wissen Sie, ich tu's nur Ihnen zu Gefallen, weil Sie Soldaten sind.

Barque aber, dem die Geduld ausgeht, brummt etwas beiseite in seinen Bart. Die Frau wirft ihm daraufhin einen bissigen Blick zu und hält dem Lamuse die Blechkanne wieder hin.

Dieser aber, dem die heisse Sehnsucht, endlich wieder Wein zu trinken, die Backe rötet, als ob die Flüssigkeit schon langsam dran abfärbe, bemerkt schleunigst:

– Haben Sie nur keine Angst, Mütterchen, die Sache bleibt unter uns, wir verraten Sie schon nicht.

Sie aber schimpft in krampfhafter Erbitterung gegen den Weintarif. Und Lamuse treibt die heisse Begierde soweit in der Erniedrigung und der Kapitulation seines Gewissens, dass er ihr sagt:

– Das ist halt militärisch, Madame! Das müssen Sie nicht mit dem Verstand begreifen wollen.

Sie führte uns in den Keller. Drei grosse Fässer füllten diesen Raum mit ihren imponierenden Bäuchen aus.

– Das ist also Ihr kleiner Privatvorrat, brummt Barque.

Darauf dreht sich die Alte mit galligem Blicke um:

– Sie werden doch nicht verlangen, dass man durch diesen elenden Krieg noch zum Bettler wird! Verliert man nicht schon so genug Geld dabei?

– Wieso? fragt Barque.

– Man merkt, dass Sie Ihr Geld dabei nicht riskieren.

– Nein, allerdings, wir riskieren nur unsere Haut dabei.

Die andern, in der Angst, diese Auseinandersetzung könnte unsren heiligsten Interessen zum Verderbnis werden, treten beschwichtigend dazwischen. In diesem Augenblick schwankt die Kellertüre und eine Männerstimme schreit hinein:

– He, Palmyre!

Die Alte wackelt hinaus und lässt vorsichtigerweise die Türe offen.

– Aha! macht Lamuse, die Sache macht sich.

– Saupack! knurrt Barque, der diesen Empfang nicht verdaute.

– Eine Schande ist es, eine Gemeinheit, sagt Marthereau.

– Als hättest du das noch nie gesehn!

– Und du, Dumoulard, tadelt Barque, mit deiner Püppchenstimme, meinst noch: »Es ist militärisch!« Du hast 's Schlucken leicht.

– Was willst du auch, was soll man denn anders sagen? Oder hätten wir uns die Magenschnalle festschnüren sollen, für den Tisch und den Wein? Und wenn sie vierzig Sous für den Liter verlangte, saufen würde man ihn doch, oder? Und so muss man noch froh sein. Offengestanden, Angst hatte ich schon, die alte Schnalle würde nicht einschnappen wollen.

– Ich weiss schon, überall ist es die gleiche Geschichte, aber ...

– Jawohl, der Zivilist, der ist bei der Sache, Herrgott! Aber schliesslich muss es ja auch solche geben, die dabei 'n Vermögen machen. Es können sich doch nicht alle totschiessen lassen.

– Ha! die tapfere Bevölkerung im Westen!

– Na, und die tapfere Bevölkerung im Norden!

– ... die uns mit offenen Armen aufnimmt! ...

– Jawohl, mit offenen Händen, eher ...

– Ich sage ja, meint Marthereau, eine Schande ist es, eine Gemeinheit.

– Mach's Maul zu! Sie kommt, die alte Kuh! ...

Dann kehrten wir ins Quartier zurück, um den andern den errungenen Erfolg mitzuteilen, und gingen zum Einkaufen.

Als wir wieder in unser neues Esszimmer zurückkamen, machten wir uns an die Zubereitung unseres Mittagessens. Barque war zur Proviantverteilung gegangen; es war ihm dabei, dank der persönlichen Beziehungen mit dem Chef, der selbst prinzipiell gegen die Verteilung an den einzelnen Mann war, gelungen, die Kartoffel- und Fleischration für die fünfzehn Mann der ganzen Korporalschaft zu fassen.

Dazu hatte er Schmalz, einen kleinen Ballen für vierzehn Sous, gekauft, womit man also die Kartoffeln braten würde. Ausserdem hatte er vier Büchsen Erbsenkonserven aufgetrieben. Die Kalbfleischkonserve mit Gelee von Mesnil André würde als Hors-d'oeuvre herhalten.

– Das alles ist nicht dreckig! meinte Lamuse begeistert.

*

Man inspizierte die Küche. Barque trottete beglückt um den gusseisernen Ofen, dessen warme, schnaufende Masse in einer Ecke stand.

– Ich habe noch heimlich ein Hühnchen in die Suppe gesteckt, flüsterte er mir zu und lüftete den Deckel des Kochtopfes.

– Das Feuer ist nicht sehr stark. Eine halbe Stunde schon liegt das Fleisch drin, und 's Wasser ist immer noch sauber.

Einen Augenblick nachher hörte man ihn mit der Wirtin unterhandeln. Es handelte sich um einen Extra-Kochtopf: ja, aber dann hätte sie nicht mehr genug Platz auf ihrem Herd; und man hätte ihr gesagt, es genüge ein Kochtopf und sie hätte es geglaubt; wenn sie gewusst hätte, dass man ihr noch Schwierigkeiten machen würde, hätte sie das Zimmer nicht vermietet. Barque aber gab ihr eine gutmütige Antwort, machte einen Witz und es gelang ihm, das Ungeheuer zu besänftigen.

Dann kamen die übrigen, einer nach dem andern. Sie zwinkerten mit den Augen, rieben sich die Hände und waren voller schmalziger Träume, wie geladene Hochzeitsgäste.

Beim Eintritt in dieses schwarze Viereck, vom Aussenlicht noch geblendet, bleiben sie einige Minuten wie Eulen mit hohlen Augen unsicher stehn.

– Wenig lichtvoll, meint Mesnil Joseph.

– Herrgott, was verlangst du noch mehr!

Die andern rufen alle im Chorus aus:

– Verdammt angenehm hier!

Und man sieht, wie die Köpfe in der Dämmerung jenes Kellers Beifall nicken.

Zwischenakt: Farfadet ist aus Versehen an die weiche und schmutzige Erdmauer gestreift; die Mauer hat seiner Schulter einen derart schwarzen Flecken aufgedrückt, dass er sogar in dieser Dunkelheit sichtbar ist. Farfadet, der um sein Aeusseres sehr besorgt ist, murrt, stösst aber, als er der Wand ein zweitesmal entwischen will, an den Tisch, wobei sein Löffel auf den Boden fällt. Er bückt sich und sucht ihn tastend auf dem unebenen Boden, auf den seit Jahren der Staub und die Spinngewebe lautlos gefallen sind. Er findet das Essgerät wieder, aber es ist kohlenschwarz und mit dünnen Fasern behangen. Hier einen Gegenstand auf den Boden fallen lassen, ist allerdings eine Katastrophe und es heisst vorsichtig sein.

Lamuse legt seine fette Schinkenfaust zwischen zwei Bestecke und ruft:

Vorwärts, zu Tisch!

Dann wird gegessen. Die Mahlzeit ist reichlich und von feiner Qualität. Das Gespräch mischt sich unter den Lärm der schmatzenden Mäuler und der Flaschen, die sich leeren. Und während man die Freude hat, das Essen sitzend zu gemessen, dringt durch's Kellerloch ein Lichtstrahl, der einen lichten Luftschleier webt, ein Stück des Tisches überstrahlt und ein Gedeck, ein Visier oder ein Auge aufblitzen lässt; – dabei betrachte ich verstohlen dieses düstere Fest, das vor Freude überschäumt.

Biquet erzählt von den kniefälligen Scherereien, die es ihn kostete, bis ihm eine Glätterin den Gefallen tat, sich seiner Wäsche anzunehmen, aber »teuer war's, verdammich!« Tulacque beschreibt die Reihen, die vor dem Krämerladen Queue-stehen: verboten reinzugehn, draussen ist man eingepfercht wie 'ne Hammelherde.

– Und wenn du schon draussen stehst, so schmeissen sie dich raus, wenn du 's Maul zu weit auftust.

Und was alles sonst noch? Der Rapport zählt die Strafen auf, die auf Ausplünderung des Einwohners stehn; – er enthält schon eine ganze Liste. – Volpatte ist zurückgeschickt worden. – Die Leute der Klasse 93 werden auch zurückgeschickt: Pepere ist drunter.

Barque, der die Bratkartoffeln auftischt, teilt mit, dass die Wirtin Soldaten an ihrem Tisch hat und zwar sind es die Krankenwärter der Maschinengewehr-Abteilung.

– Die glauben, sie hätten das beste erwischt, aber wir haben's doch besser, meint Fouillade überzeugt, und stemmt sich in den Schatten dieses engen Und verdreckten Lokales, wo man ebenso blind aufeinanderhockt wie im Unterstand. (Wem fiele aber jetzt dieser Vergleich ein?)

– Wisst ihr, sagt Pépin, die Jungens von der 9. Kompagnie, die haben's geschleckt! Die sind bei einer Alten, die sie umsonst logiert, weil ihr Alter, der vor fünfzig Jahren abgefahren ist, seinerzeit auch Voltigeur war. Sie hat ihnen, scheint's, sogar einen Rindrücken umsonst gegeben, den sie im Pfeffer verzehren.

– Es hat schon überall gute Leute. Aber die Jungens von der 9. haben doch ein überzähliges Schwein, im ganzen Dorf gerade das Dach erwischt zu haben, wo's die guten Leute hatte.

Palmyre bringt den Kaffee, den sie liefert. Sie ist zahmer geworden, hört unserer Unterhaltung zu und fragt uns aus mit hochmütiger Stimme;

– Warum sagt ihr dem Adjutanten: le juteux?

Barque antwortet wie ein Lehrspruch:

– Nie noch ward er anders geheissen.

Nachdem sie aber verschwunden ist, gibt man über den Kaffee sein Urteil ab:

– Nun red einer noch von Helligkeit! Man sieht den Zucker unten im Glas spazieren gehn.

– Sechs Sous verlangt sie dafür.

– Filtriertes Wasser ist das.

– Da geht die Türe einen Spalt weit auf und es gibt davon einen weissen Strich, darin das Gesicht eines kleinen Knaben erscheint. Man lockt ihn herein wie eine kleine Katze und hält ihm ein Stückchen Chokolade hin.

– Ich heisse Charlot, zwitschert darauf das Kind. Wir wohnen nebenan, 's hat auch Soldaten bei uns. Es hat immer welche bei uns. Man verkauft ihnen alles, was sie wollen. Manchmal aber eben sind sie betrunken.

– Sag mal, Kleiner, komm mal bisschen her, sagt Cocon und nimmt den Kleinen zwischen die Knie. Horch mal zu: Nicht wahr, dein Vater sagt: »Wenn nur der Krieg noch lange dauert,« nicht?

– Freilich, antwortet das Kind und nickt mit dem Kopf, weil man dann reich wird. Er hat gesagt, dass wir Ende Mai fünfzigtausend Franken verdient haben werden.

– Fünfzigtausend! Das ist nicht wahr!

– Doch, doch! stampft der Kleine, Er hat's zur Mutter gesagt; dem Vater wär's recht, wenn's immer so weiter ging. Der Mutter ist es manchmal nicht recht, weil mein Bruder Adolf an der Front ist. Aber wir werden ihn zurückstellen lassen und dann kann der Krieg schon noch dauern.

Kreischendes Gezanke von der Wohnung unseres Wirtes her macht diesem Geständnis ein Ende. Der bewegliche Biquet geht, Erkundigungen über das Gekreische einzuziehn.

– 's ist nichts, sagt er zurückkehrend. Nur der Alte, der schnauzt die Alte an, weil sie kein Geschick hat, sagt er, weil sie den Senf in ein Weinglas giesst, so was sei nicht zum glauben, sagt er.

Dann steht man vom Tisch auf und verlässt das Erdloch, in dem die drückende Luft nach Pfeifenqualm, Wein und abgestandenem Kaffee riecht. Beim Ueberschreiten der Schwelle fährt uns eine drückende Hitze entgegen, die noch ein Schmalzgeruch beschwert, wenn die Küchentüre aufgeht.

Unzählige Fliegen summen in der Luft, kleben in schwarzen Schichten an den Mauern und fliegen, wenn man vorbeigeht, in brummenden Schwärmen auf.

– Es ist wieder wie letztes Jahr! ... Draussen die Fliegen, drinnen die Läuse ...

– Und im Innern die Bazillen.

In diesem schmutzigen, kleinen Haus mit dem angehäuften alten Krimskrams und den staubigen Ueberresten aus der vergangnen Jahreszeit, mit der Asche erloschner Sonnen, kriecht durch die Möbel und die Gerätschaft ein Etwas umher: ein altes Männchen mit langem, abgeschältem Hals, rauh und hellrot, der an eine kranke, gerupfte Hühnerkehle mahnt. Der Alte hat auch das Profil einer Henne, eine lange Nase, unter der das Kinn fehlt. Der graue Filzfleck seines Bartes sitzt in der Höhlung seiner eingefallnen Wange, und ein Paar dicke, runde und hornige Augenlider öffnen und schliessen sich wie zwei Deckel über der blinden Glasur seiner Augen.

Barque hat ihn schon beobachtet.

– Guck her, er sucht: einen Schatz. Er behauptet, es sei einer versteckt in dieser Spelunke, in der er den Schwiegeralten spielt. Mit einem Mal siehst du ihn auf allen Vieren kriechen und mit seinem alten Käsestummel in allen vier Ecken herumschnüffeln. Da! Guck hin!

Der Alte nahm mit seinem Stock eine systematische Untersuchung vor. Er klopfte den Wandsockel und die Bodenkacheln ab, wurde dabei durch die vorbeigehenden Hausbewohner angerempelt und auch durch den Besen Palmyrens, die ihn gewähren Hess in der offensichtlichen Ueberzeugung, dass die Ausbeutung des armen Publikums ein besserer Schatz sei als märchenhafte Schatullen.

Zwei Klatschbasen standen in einer Fensternische und erzählten sich Geheimnisse neben einer alten Karte Russlands, auf der die Fliegen scharenweise klebten.

– Ja, ja, schnatterte die eine, aber mit dem Picon muss man aufpassen. Wenn Ihnen beim Einschenken die Hand zu schwer wird, kriegen Sie die sechzehn Gläser pro Flasche nicht raus und dann kommen Sie mit dem Verdienst zu kurz. Ich meine nicht, dass man noch aus dem Geldsack drauflegen müsste, aber immerhin mit dem Verdienst kommt man doch zu kurz. Man müsste sich eben unter Verkäufern verständigen, aber das ist so schwer, sogar wenn's im allgemeinen Interesse ist!

Draussen brennt eine höllische Sonne mit unheimlich viel Fliegen. Die Viecher waren vor einigen Tagen noch selten, aber seither hört man überall das Gesumme ihrer winzigen und unzähligen Motore. Ich gehe mit Lamuse ein wenig spazieren; wir schlendern durch die Strassen. Heute wird man Frieden haben; denn heute ist vollständiger Ruhetag wegen des nächtlichen Marsches. Man könnte auch schlafen, aber es ist vorteilhafter, die Zeit zum ungebundenen Spazierengehn auszunützen; morgen wird man wieder ins Exerzieren und in den Quartierdienst eingespannt werden ...

Wir sind allerdings nicht die Unglücklichsten, denn andere sind heute schon ins Räderwerk des Quartierdienstes eingeschraubt worden.

Lamuse fragt den Corvisart, ob er mit bummeln geht aber Corvisart antwortet, und beklopft dabei die Fläche seiner kleinen, runden Nase, die ihm wie ein Pfropfen wagrecht im Gesicht sitzt:

– Ich kann nicht, hab Besengarde!

Er zeigt dabei Schaufel und Besen, mit denen er an den Mauern entlang, über eine Giftluft gebückt, den Beruf eines Strassenkehrers und Kehrichtsammlers ausübt.

Wir gehen lässigen Schrittes weiter. Der Nachmittag liegt schwer auf der schlummernden Landschaft und drückt den vollen und reichlich mit Nahrung ausgestopften Magen. Man wechselt hie und da ein Wort.

Nicht weit von uns werden Schreie laut: Barque reisst sich mit einer Menagerie von Hausfrauen herum ... und ein bleiches Mädchen mit Haaren, die wie Pinselfasern auf dem Hinterkopf gebunden sind, und mit einem Fieberausschlag. um den Mund, hört der Zankerei zu. Sonst sind noch andere Frauen zugegen, die im schmalen Schatten vor ihren Türen sitzen und irgend eine fade Näharbeit verrichten.

Sechs Leute marschieren mit einem Unteroffizier vorüber. Sie sind mit neuen Mänteln und mit neuem Schuhwerk hoch beladen.

Lamuse betrachtet seine geschwollnen und zerschundenen Schuhe:

– Unbedingt! Ich muss ein Paar neue Ruderboote haben, bald siehst du meine Klauen durch ... Ich kann doch nicht auf nackten Flossen rumlaufen, oder?

Ein Flugzeug schnurrt. Man sieht ihm nach, das Gesicht nach oben, mit verrenktem Hals und wässrigen Tränen, die einem die knallhelle Sonne aus den Augen beisst. Als unsre Blicke aber wieder auf der Erde waren, erklärte Lamuse:

– Da kommt niemals was praktisches raus bei diesen Maschinen, nie.

– Wie kannst du so was behaupten! Man hat doch derartige Fortschritte gemacht, in so kurzer Zeit ...

– Schon wahr, aber weiter geht's nicht. Besser als jetzt kann man's doch nicht machen.

Ich kämpfte diesmal gegen den vernagelten Widerstand, den die Unwissenheit jedesmal dem vielversprechenden Fortschritt entgegenstellt, nicht weiter an, sondern lasse meinen dicken Kameraden in seiner Meinung beharren, mag er glauben, dass die ausserordentliche Anstrengung der Wissenschaft und der Industrie plötzlich in seinem Hirn ihre Grenze findet.

Nachdem er mir aber seine innersten Gedankengeheimnisse anvertraut hat, fährt er fort und sagt gesenkten Hauptes, ganz nahe an mich herantretend:

– Weisst du, dass Eudoxie hier ist?

– So! machte ich.

– Jawohl. Du siehst auch gar nichts, du. Ich hab sie gesehn (und dabei lächelt er gnädig), verstehst du jetzt: wenn sie hier ist, so ist's, weil sie sich für einen interessiert, nicht? Sie ist uns nachgegangen wegen einem von uns, zweifellos.

Dann fährt er fort:

– Soll ich dir was sagen? Wegen mir ist sie gekommen.

– Bist du sicher, Alterchen?

Ja, klang es dumpf aus dem Munde des Stierkerls. Erstens will ich sie haben. Und zweitens hab ich sie zweimal ertappt, wie sie gerade dort durchging, wo ich, ich alleine, auch durchging, verstehst du? Und wenn du mir auch sagst, sie sei dann weggelaufen, schon, aber sie ist eben elend schüchtern, und wie! ...

Er pflanzte sich mitten auf die Strasse und schaute mich scharf an. Sein derbes Gesicht mit dem fetttriefenden Backenpaar und der dicken Nase schaute ernst drein. Dann glättete er seinen sorgsam gedrehten, dunkelgelben Schnurrbart mit der wulstigen Faust und fuhr in seinen Herzensergiessungen fort:

– Ich will sie haben, und zwar würd ich sie schon heiraten. Sie heisst Eudoxie Dumail. Früher dachte ich nicht dran, sie zu heiraten. Seit ich aber ihren Familiennamen weiss, ist das eine ganz andre Sache, jetzt ging's schon. Verdammt schön ist das Weib; und nicht einmal deswegen ... Ha! ...

Dem dicken Kerl floss das Herz über und es schüttelte ihn ein Gefühl, das er mir in Worten auszudrücken versuchte.

– Ich sag dir, manchmal musste man mich mit Zangen zurückhalten, sagte er, indem er ein ernstes Gesicht machte, die Worte mit der Faust herausklopfte und ihm das Blut in den Nacken und in's Gesicht schoss. So schön ist sie, sie ist ... Und ich bin ... Sie ist so ganz anders – hast du's gemerkt, du merkst doch alles, du –. Es ist allerdings mir ein Bauernmädchen, aber sie hat was, was noch verdammter ist als 'ne Pariserin, sogar eine feine Pariserin am Sonntag, nicht? Sie ... Ich, ich ...

Er zog seine rötlichen Brauen zusammen und hätte mir die Pracht dessen, was er fühlte, mitteilen wollen. Aber er kannte die Kunst des Ausdruckes nicht, und schwieg; so stand er einsam da mit seinem Erlebnis, das nicht in Worte zu fassen war, ewig einsam, trotz seiner Bemühungen, sich auszusprechen.

... Wir schritten weiter nebeneinander her, an den Häusern vorbei. Kleine Rollwagen mit Fässern fuhren vor die Haustüren. In den Fenstern glänzten bunte Stösse von Konservenbüchsen, Zündschnurbündeln und von all den Sachen, die der Soldat kaufen muss. Fast alle Bauern treiben Spezereihandel. Lang hat es zwar gebraucht, bis sich der Handel im Dorf einbürgerte; jetzt aber ist er im Schwung und jedermann hat sich ihm ergeben, angesteckt vom Zahlenfieber, geblendet von den gewinnberechnenden Multiplikationen.

Die Glocken läuteten. Ein Leichenzug kam die Strasse herauf, es war ein Soldatenbegräbnis. Auf einem Militärheuwagen, den ein Trainsoldat führte, lag ein Sarg in eine Trikolore gewickelt. Dann folgte ein Zug Soldaten, ein Adjutant, ein Geistlicher und ein Zivilist.

– Armes Trauerzügelchen, hat den Schwanz verloren, sagte Lamuse.

– Das Lazarett ist nicht weit von hier, murmelte er, und das entleert sich halt. Ach, die Toten sind doch die Glücklichen. Manchmal nur, nicht immer ... so ist es!

Die letzten Häuser des Dorfes liegen hinter uns. Draussen vor dem Dorf steht der Regimentstrain und der Artillerietrain: die Feldküchen und die rasselnden Karren, die mit ihrem Krimskrams hinten nachfahren, die Lazarettwagen, die Gepäck- und Futterwagen und das Wägelchen des Wagenmeisters.

Um den Wagenpark herum sitzen die Zelte der Fahrer und der Wachen. Hier und dort stehn Pferde auf der nackten Erde und gucken mit ihren Glasaugen ins Himmelsloch. Vier Soldaten hauen Tischbeine in den Boden, und die Feldschmiede raucht in die freie Luft hinein. Um diese wimmelnde und bunte Stadt aber, die sich auf zerschundnem Felde, wo die parallelen und kehrenden Räderspuren in der Sonnenhitze erstarren, liegt bereits ein breiter Kehricht- und Scherbenkranz.

Am Rand des Feldes steht ein grosser, weisser Wagen, der durch seine blanke Sauberkeit von den andern absticht, wie in einem Jahrmarkt ein besserer Artistenwagen, der mehr Eintritt verlangt als die andern.

Es ist der vielbesprochene zahnärztliche Wagen, nach welchem sich Blaire sehnte.

Blaire steht gerade davor und betrachtet ihn. Wahrscheinlich schleicht er schon lange mit interessierten Blicken drum herum. Sambremeuse, ein Krankenwärter der Division, kehrt gerade zurück; er besteigt die fliegende Holztreppe, die zur Wagentüre führt. Er hält in seinen Armen eine grosse Zwiebackbüchse, ein Phantasiebrot und eine Champagnerflasche. Blaire ruft ihn an:

– Du, du Fessier, die Hütte da, ist das die Zahnschmiede?

– Steht doch drauf, antwortet Sambremeuse, ein kleiner, feister, sauberer und rasierter Kerl, mit weissem, steifem Kinn. Wenn du's nicht siehst, dann geh doch lieber zum Viehdoktor und lass dir deine Gucklöcher wischen.

Blaire, der näher herangetreten ist, betrachtet das Institut. Er tritt noch ein paar Schritte näher hinzu, dann entfernt er sich, überlegt sich, ob er dem Karren seine Kiefer anvertrauen will und entschliesst sich endlich, setzt einen Fuss auf die Treppe und verschwindet im Wagen.

*

Und wir spazieren weiter ... Der Weg führt uns auf einen krummen Pfad zwischen hohen Hecken, auf denen der Staub liegt. Es wird stiller hier. Das Sonnenlicht überschwemmt alles, brennt und kocht den Hohlpfad aus, breitet hie und da blendende und sengende Lichtflecken aus und zittert im ruhigen Blau des Himmels.

Bei der ersten Biegung vernehmen wir, kaum hörbar, das Knistern leichter Schritte und stehn gerade Eudoxie gegenüber.

Lamuse stösst einen dumpfen Ausruf aus. Vielleicht glaubt er, dass sie ihm auch diesmal auf der Spur sei, und sieht darin ein Geschenk des Schicksals ... Dann geht er mit dem ganzen Gewicht seiner Masse auf sie zu.

Sie schaut ihn an, bleibt stehn, umkränzt von wilden Rosen. Ihr seltsam mageres und bleiches Gesicht wird unruhig, die Augenlider zittern über ihr prächtiges Augenpaar. Sie ist barhäuptig; ihr Mieder öffnet sich auf ihrem Hals an der Morgenröte ihres Busens. In solcher Nähe gesehn, ist sie in der Tat begehrenswert, dies goldbekränzte Weib im Lichte der Sonne. Die Mondblässe ihrer Haut lockt den Blick und lässt ihn stauen. Ihre Augen flackern und ihre Zähne glitzern in der heissen Wunde ihres halbgeöffneten Mundes, der sich wie Herzblut rötet.

– Ich ... hören Sie ... ich möchte ... sagt Lamuse heiss atmend; Sie gefallen mir so sehr ...

Und er streckt die Arme aus nach der kostbaren, unbeweglichen Erscheinung.

– Lassen Sie mich gehn, Sie ekeln mich an.

Seine Männerfaust stürzt sich auf die eine kleine, weisse Hand. Sie möchte sie zurückziehn und zerrt sie aus der Schlinge. Ihre goldblonden Haare lösen sich und wehen wie Flammen. Er zieht sie an sich. Er streckt den Hals nach ihr und auch seine Lippen drängen begehrend. Er will sie küssen; er will es mit ganzer Kraft, mit ganzer Seele und würde sterben, könnte er sie mit dem Munde berühren.

Sie aber wehrt sich und stösst einen erstickten Schrei aus; ihr Hals bebt und ihr hübsches Gesicht wird hässlich vor Hass.

Dann trete ich näher und lege meine Hand auf die Schulter meines Kameraden, aber vergebens: er tritt zurück und murrt im Bewusstsein seiner Niederlage.

– Ihnen fehlt doch sonst nichts! schrie ihn Eudoxie an.

– Nein, jammerte der Unglückliche, enttäuscht, wie vom Schlag getroffen.

– Dann lassen Sie die Finger weg ein andresmal, sagte sie.

Drauf ging sie keuchend davon; er aber schaute nicht einmal hin, als sie sich entfernte: er blieb stehn, liess die Arme hängen und glotzte den Fleck an, auf dem sie gestanden hatte; er war gepeinigt in seinem Körper, aus seinem Traum herausgeschleudert und fand keine Worte des Flehens mehr.

Ich schleppe ihn mit fort. Er folgt mir, stumm, in innerlichem Durcheinander; er schnüffelt und keucht, als ob er lange geflohen sei.

Er lässt den Klotz seines dicken Schädels hängen. In der unerbittlichen Klarheit des ewigen Frühlings sieht er aus wie ein armer Cyklop, der auf den alten Ufern Siziliens herumirrte, bemeistert und geschändet von der leuchtenden Kraft eines Kindes, gleich einem Riesenspielzeug aus alten Zeiten.

Der herumziehende Weinhändler stösst seinen Karren, auf dem sich ein Fass wölbt, und hat den Wachen einige Liter verkauft. Er verschwindet an der Strassenbiegung, mit seinem gelben Gesicht, platt wie ein Camembert, mit seinen spärlichen, flüchtigen Haaren, die wie Staubflocken zergehn, und so dünn in seiner flatternden Hose, dass es aussieht, als hingen die Füsse mit Schnüren an seinem Rumpf.

Die unbeschäftigten Wachtsoldaten stehn am Ende des Dorfes unter dem Flügel einer wackeligen und quitschenden Tafel, die dem Dorf als Anschlagebrett dient. Nun entspinnt sich unter ihnen ein Gespräch über jenen umherirrenden Hampelmann.

– Dreckige Kerze, sagt Bigornot. Und weisst du, ich will dir was sagen: man sollte die Zivilspatzen nicht so an der Front rumpicken lassen, vor allem solche Kiebitze, wo man nicht weiss, wo sie die Herkunft herhaben.

– Mensch, dir schwindelt, du Lausfliege, antwortet Cornet.

– Halt den Rand, du Bleichsohle, meint Bigornot, man ist nie genug auf der Hut. Und wenn ich was sage, dann weiss ich, was ich sage.

– Weisst du, sagt Canard, dass Pépère auf Urlaub kommt?

– Die Weiber hier, murmelt La Mollette, sind hässlich wie Gift.

Die andern schauen zum Himmel und betrachten zwei feindliche Flieger, die sich in grossen Bögen durch die Luft winden. Um die steifen Maschinenvögel, die je nach dem Licht bald schwarz wie Raben, bald weiss wie Möwen erscheinen, platzen zahllose Schrapnells, spicken den blauen Himmel und fliegen wie weisse Schneeflocken im Sonnenlicht.

*

Wir kehren zurück. Zwei Spaziergänger kommen uns entgegen. Es ist Carassus und Cheyssier.

Sie erzählen, dass Pépère, der Koch, nach hinten in ein Landsturmregiment versetzt werden soll, dank der loi Dalbiez.

– Das ist ein gefundener Drückposten für Blaire, sagt Carassus, der sich mitten im Gesicht eine komische, schlechtangepasste Nase leistet.

Im Dorf sieht man Soldaten in Gruppen vorübergehn oder paarweise miteinander durch das Kreuzband des Gespräches verbunden. Man sieht einzelne zusammentreten, voneinander gehn und dann, des Gespräches noch voll, sich wieder einander nähern, wie durch einen Magneten gegenseitig angezogen.

Dann ein wütendes Gedränge: mitten drin wogen weisse Papierfahnen. Es ist der Zeitungsverkäufer, der für zwei Sous seine Fünfcentimes-Zeitungen verkauft. Fouillade, mager wie eine Hasenpfote, wird mitten auf der Strasse aufgehalten, während Paradis an der Ecke eines Hauses sein schinkenrosiges Gesicht sonnt.

Wir begegnen Biquet in Arbeitsuniform: Bluse und Quartiermütze auf dem Kopf. Er schleckt noch seine Lippen ab und sagt:

– Ich bin welchen begegnet und dann haben wir gesoffen. Verstehst du; morgen geht 's Kratzen wieder los, Garderobeputzen und 's Gewehr. Schon alleine der Mantel, bis der wieder hell wird, 's ist schon kein Mantel mehr, mein Mantel, eher so 'ne Art Panzerfutter.

Dann ist plötzlich Montreuil da, der auf dem Bureau arbeitet, und ruft Biquet.

– He, du Scheisskerl! Ein Brief. Eine Stunde schon lauf ich dir nach! Nie bist du da, du Hühnergackel!

– Kann nicht überall sein, Dicksack du. Gib her.

Erst betrachtet er den Brief, wägt ihn auf der Hand, reisst ihn auf und sagt:

– Von meiner Alten ist er.

Dann schlagen wir einen langsameren Schritt ein, während er mit dem Finger den Zeilen nachgeht, dann überzeugt mit dem Kopfe nickt und die Lippen bewegt wie eine alte Betschwester.

Je näher man dem Zentrum des Dorfes kommt, umso grösser ist der Zulauf. Man grüsst den Kommandanten und den schwarzen Feldprediger, der ihn wie eine Spazierdame begleitet. Pigeon, Guenon, der junge Escutenaire und Clodore rufen uns an. Lamuse aber ist blind und taub und scheint bis auf's Gehn alles verlernt zu haben.

Bizouarne, Chanrion, Roquette kommen lärmend heran und verkünden eine grosse Neuigkeit.

– Weisst du, Pépère kommt hinter die Front.

– Merkwürdig, wie die Leute auf dem Holzweg sind! sagt Biquet, indem er seine Nase aus dem Brief steckt. Meine Alte sorgt sich um mich.

Und er zeigt mir eine Stelle aus dem mütterlichen Schreiben: »Wenn du diesen Brief erhalten wirst, buchstabiert er, wirst du wahrscheinlich im Kot stecken und frieren, ohne alles, und nichts als Entbehrungen, mein armer Eugene ...«

Er lacht.

– Vor zehn Tagen hat sie mir das aufnotiert. Auf dem Holzweg ist sie! Man friert doch nicht, seit heute morgen ist doch schönes Wetter. Unglücklich ist man auch nicht mit dem Esszimmer. Elend hat's gegeben, aber jetzt geht's uns doch gut.

Wir kehren in unsern gemieteten Hundestall zurück und überdenken diesen Satz dabei. Seine rührende Einfalt macht auf mich einen starken Eindruck und zeigt uns eine Seele, eine zahllose Reihe von Seelen. Weil die Sonne also am Himmel steht, weil man einen Sonnenstrahl und einen Schein von Bequemlichkeit gespürt hat, ist die leidvolle Vergangenheit schon vergessen, und auch die schreckliche Zukunft ist vergessen ... »Jetzt geht's uns doch gut ...« Und alles ist vorüber.

Biquet setzt sich an den Tisch wie ein Herr, den Brief zu beantworten. Er entwickelt dabei grosse Sorgfalt, untersucht das Papier, die Tinte und die Feder und zieht, lächelnd, seine dicke, regelmässige Handschrift über die kleine Briefseite.

– Lachen müsstest du, sagt er zu mir, wenn du wüsstest, was ich der Alten schreib.

Dann überliest er seinen Brief noch einmal, fühlt sich glücklich, und lächelt.

*

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