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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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III.

Der Abstieg.

Das graue Morgenlicht erhellt mühevoll die noch dunkel verschwommene Landschaft. Zwischen dem Weg, der rechter Hand aus dem Dunkel der Nacht herabsteigt, und dem finstern Schatten des »bois des Alleux«, wo man, ohne ihn zu sehn, den Artillerietrain sich fertig machen und abfahren hört, liegt ein Feld. Wir, vom 6. Bataillon, sind hier bei Tagesgrauen angekommen. Wir haben die Gewehre zusammengestellt und nun stehen wir da in dieser schwachen Morgenbeleuchtung, die Füsse im Tau und im Kot, in schattenhaften Gruppen, die ein blauer Schimmer schwach umgibt, oder als einsame Gespenster, die Blicke nach dem Wege gerichtet, der dort herunterführt. Wir warten auf das übrige Regiment, auf das 5. Bataillon, das in erster Linie stand und die Schützengräben nach uns verlassen hat.

Man hört Lärm ...

– Sie sind es!

Eine langgezogene, verschwommene Masse taucht im Osten auf und tritt aus der Nacht heraus auf den schwach beleuchteten Weg.

Endlich! Endlich hat sie aufgehört, diese verwünschte Ablösung; gestern Abend um sechs Uhr begonnen und die ganze Nacht gedauert; jetzt aber hat der letzte Mann den letzten Laufgraben verlassen.

Diesmal war der Aufenthalt im Schützengraben schrecklich gewesen. Die achtzehnte Kompagnie stand zuvorderst; sie ist fürchterlich mitgenommen worden: achtzehn Tote und gegen fünfzig Verwundete; ein Mann Verlust auf drei in vier Tagen; und dazu ohne Angriff, einzig durch die Beschiessung.

Man weiss davon und während das verstümmelte Bataillon heranrückt und wir im Ackerkot aneinander vorbeigehn und uns gegenseitig erkennen, sagen wir, einer zum andern hingebeugt:

– Weisst du, die achtzehnte Kompagnie ...

Und während man es ausspricht, denkt man: »Wenn das so weiter geht, was wird noch aus uns allen? Und aus mir, was wird aus mir werden? ...«

Die siebzehnte, die neunzehnte und die zwanzigste Kompagnie rücken nacheinander an und stellen die Gewehre zusammen.

– Da kommt die achtzehnte!

Sie ist die letzte, denn sie stand im ersten Schützengraben, und wurde deshalb als letzte abgelöst.

Der kahle Morgen ist etwas durchsichtiger geworden und legt sich auf die Dinge mit seinem fahlen Licht. Man erkennt auf dem Weg, einsam an der Spitze seiner Leute, den Hauptmann der Kompagnie Er geht mühsam und stützt sich auf einen Stock, wegen seiner Wunde, die er von der Marne her hat und die die Rheumatismen nicht ruhen lassen; dazu aber kommt noch ein anderer Schmerz. Seine Kapuze über den Kopf gezogen, geht er gesenkten Hauptes, als folge er einem Trauerzug; man merkt, dass er über etwas nachdenkt und dass er in der Tat einen Trauerzug begleitet.

Jetzt kommt die Kompagnie.

Sie tritt in grosser Unordnung auf den Weg. Unser Herz schnürt sich plötzlich zusammen. Die Kompagnie ist im Defilé des Bataillons sichtlich kürzer als die drei andern.

Ich trete auf die Strasse und gehe den herabkommenden Leuten entgegen. Die Uniformen der Ueberlebenden sind durchwegs von der gelben Erde verdreckt, so dass die Mannschaften Kaki zu tragen scheinen. Das Tuch ist steif vom ackergelben Kot, der darauf eingetrocknet ist; die Zipfel der Mäntel wackeln hin und her wie Bretter über der kartongelben Schicht, die die Knie wie eine Rinde bedeckt. Die Gesichter sind abgezehrt, wie mit Kohle beschmiert, die Augen weit offen und fiebernd. Staub und Schmutz durchfurchen das Antlitz mit unzähligen Striemen.

Die Soldaten, die aus dem Höllenkot zurückkommen, verführen einen betäubenden Lärm. Sie reden alle durcheinander, sehr laut und hantieren in der Luft, lachen und singen.

Und wenn man sie so sieht, glaubte man, eine Vergnügungsgesellschaft vor sich zu haben.

Jetzt kommt der zweite Zug mit seinem grossen Unterleutnant; er trägt eng um den Oberkörper geschnallt seinen Mantel, der steif geworden ist wie ein gerollter Regenschirm. Ich drücke mich durch die Leute bis zur Marschallschen Korporalschaft; sie hat am meisten gelitten: von elf Kameraden, die seit anderthalb Jahren nie voneinander gegangen waren, bleiben nur noch drei Mann und Korporal Marschal übrig.

Marschal erkennt mich. Er stösst einen Freudenschrei aus und lacht vergnügt; er nimmt die Hand vom Gewehrriemen und reicht mir beide Hände hin; an der einen hängt der Grabenstock.

– He! Alter Bruder, lebst du immer noch?

Ich wende den Kopf auf die Seite und sage mit leiser Stimme:

– Also schlecht abgelaufen, die Sache? ...

Sein Blick wird finster und ernst.

– Ja, ja; es war allerdings schrecklich diesmal ... Barbier ist gefallen.

– So? Man erzählte es ... Barbier!

– Samstag, elf Uhr nachts. Die obere Rückenpartie war glatt wegrasiert von einer Granate, sagt Marschal. Dem Besse ist ein Granatsplitter durch Bauch und Magen gefahren. Barthélmy und Baulex sind am Kopf und am Hals getroffen. Die ganze Nacht ist man durch den Schützengraben hin und her gerannt, dem Kugelregen aus dem Weg. Und der kleine Godefroy, kennst ihn? Mitten durch; sein Blut ist geflossen wie aus einem Kübel, den man ausleert: merkwürdig viel Blut hatte der kleine Kerl; es gab einen Bach von mindestens fünfzig Meter im Schützengraben. Gougnard hat beide Beine ab, von Sprengstücken getroffen. Er war längst tot, als man ihn aufgehoben hat. Er war auf dem Horchposten. Ich war mit ihnen auf Wache; als die Granate platzte, war ich gerade in den Schützengraben gegangen nach der Zeit zu sehn. Mein Gewehr, das ich zurückgelassen hatte, war wie von einer Hand verbogen, der Lauf war der reinste Pfropfenzieher, und das gelbe Holzteil zu Sägemehl zerstäubt. Es roch nach frischem Blut, zum erbrechen.

– Und Mondain hat's auch getroffen? ...

– Ja, aber am andern Morgen – also gestern – eine Granate, die den Unterstand zertrümmerte, als er drinn war. Er lag auf dem Boden und hatte den Brustkasten zerschlagen. Hast du von Franco gehört, der neben Mondain lag? Er hatte das Rückgrat gebrochen vom Zusammensturz des Unterstandes; man hat ihn herausgezogen und dann sass er noch aufrecht und sagte: »ich muss sterben,« und dann ist er gestorben. Vigile lag auch drunter; er hatte nichts am Körper, aber den Kopf vollständig platt gedrückt wie ein Kuchen, und gross; so breit. Wenn man ihn so auf dem Boden liegen sah, schwarz und verzerrt, glaubte man seinen Schatten zu sehn, den Schatten, den's manchmal am Boden gibt, wenn man nachts mit einer Fackel geht.

– Vigile gehörte zur Klasse 13, ein Kind noch! Und Mondain und Franco, so gute Kerle, trotz ihrer Tressen! ... Wieder um so viel feine, alte Freunde ärmer, lieber Marschal!

– Ja, antwortete Marschal.

Jetzt aber wird Marschal von einer Horde Kameraden umringt, die ihn befragen und auf ihn eindringen. Er wehrt sich, antwortet ihren Sarkasmen und alle lachen im Gedränge durcheinander.

Ich betrachte sie der Reihe nach; sie sind fröhlich und scheinen triumphierend, trotz äusserster Müdigkeit und schwarzen Staubes.

Wenn sie während ihres Aufenthaltes in der ersten Linie Wein hätten trinken können, würde ich sagen, sie seien alle betrunken.

Ich bemerke einen jener Entwischten, der in den Tag hinein singt wie der Husar aus dem Volkslied; es ist Vanderborn, der Trommler.

– Nanu, Vanderborn, so gut aufgelegt?

Vanderborn, der gewöhnlich sehr still ist, schreit mich an:

– Also diesmal sollt es noch nicht sein: bin noch da! Und mit der breiten Gebärde eines Wahnsinnigen, haut er mir die Faust auf die Schulter.

Ich verstehe ...

Wenn sich jene Menschen trotz allem bei Verlassen dieser Hölle glücklich fühlen, so sind sie's eben gerade, weil sie in der Tat einer Hölle entwischt sind. Sie kehren zurück und sind gerettet; und dieses Mal noch hat sie der nahe Tod verschont. Die Dienstfolge schickt jede Kompagnie alle sechs Wochen in die erste Linie! Sechs Wochen! Die Soldaten im Kriege haben über die kleinen und grossen Dinge eine kindliche Philosophie: sie denken nie sehr weit und schauen nicht um sich und nicht weit vor sich in die Zukunft. Sie leben ungefähr von der Hand in den Mund und heute haben diese die Gewissheit, noch ein Weilchen leben zu können.

Und deswegen sind sie froh, trotz der Müdigkeit, die sie drückt und trotz der frischen Schlächterei, deren Spritzer sie noch beschmutzen, trotz der Verluste ihrer Brüder, trotz alledem sind sie in der Feststimmung von Ueberlebenden, die das unendliche Glück geniessen, noch aufrecht im Leben zu stehn.

*

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