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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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XXIII.

Dienst.

Der Abend sinkt auf den Schützengraben nieder. Während des ganzen Tages hat er sich genähert, unsichtbar wie das Geschick; jetzt verschlingt er die Böschungen der langen Gräben, wie die Ränder einer unendlichen Wunde.

In unserer Erdspalte verborgen, haben wir uns seit dem Morgen unterhalten; wir haben gegessen, geschlafen und geschrieben. Als der Abend kam, ging ein Gedränge durch den grenzenlosen Schacht, rüttelte und ordnete das müssige Durcheinander und die Einsamkeit der zerstreuten Leute. Es ist die Stunde, wo man sich zur Arbeit aufrichtet.

Volpatte und Tirette treten zusammen an.

– Noch ein Tag vorüber, ein Tag wie die andern, sagt Volpatte, und betrachtet die dunkelnde Wolke.

– Das kannst du noch nicht wissen, unser Tag ist noch nicht fertig, antwortet Tirette.

Er ist im Unglück sehr erfahren und es hat ihn gelehrt, dass man hier, wo wir leben, niemals über die bescheidene Zukunft eines nichtssagenden und bereits angeschnittenen Abends urteilen darf.

– Vorwärts, antreten!

Man geht zum Antreten mit der trägen Geistesabwesenheit, mit der man Gewohntes ausführt. Ein jeder schleppt sich und sein Gewehr, seine Patronentaschen, seine Kanne und seinen Brotbeutel mit einem Stück Brot darin. Volpatte kaut noch etwas hinter seiner spitzen und zitternden Wange. Paradis knurrt und klappert mit den Zähnen; seine Nase ist veilchenbläulich. Fouillade zieht sein Gewehr wie einen Besen nach sich. Marthereau betrachtet sein trauriges, zerknülltes und steifes Taschentuch und steckt es wieder in die Tasche.

Es ist kalt, es rieselt. Alles schlottert.

Dort hört man eine Litanei:

– Zwei Schaufeln, eine Hacke, zwei Schaufeln, eine Hacke ...

Dann schlängelt sich die Rotte nach der Gerätablage, stockt an ihrem Eingang und geht, mit Werkzeug beladen, wieder weiter.

– Alles fertig? Hü! sagt der Korporal.

Dann rollt man bergab, der Front zu, man weiss nicht wohin. Nichts weiss man, nur eines weiss man: dass ein und dieselbe Finsternis Himmel und Erde Verseilungen wird.

*

Man steigt aus dem Schützengraben; er ist bereits schwarz, wie ein erloschner Feuerberg; dann steht man auf der Ebene in der nackten Abenddämmerung.

Grosse, graue Wolken hängen wasserschwer vom Himmel herab. Die Ebene ist grau, blass beschienen, mit kotigem Gras und Wasserwunden bedeckt. Stellenweise strecken entblätterte Bäume nur noch schattenhafte und verrenkte Glieder ins Leere. Man sieht nicht weit umher im nassen Rauch. Uebrigens schaut man nur den Schlamm an, der auf dem Boden liegt und auf dem man ausrutscht.

– Satansdreck!

Auf den Feldern knetet und zertritt man einen schleimigen Teig, der sich unaufhörlich vor den Schritten hindehnt und zurückfliesst.

– Schokoladencrème ... Mokkacrème!

Auf den steinigen Stellen – den verwischten Ex-Landstrassen, die wie die Felder unfruchtbar geworden sind, – zerreibt die vorwärtsschreitende Abteilung den Kieselstein, der unter einer klebrigen Schicht liegt, sich lockert und unter dem Druck der benagelten Sohlen kreischt.

– 's ist grad so, als liefest du über Rostbrot mit Butter drauf!

Manchmal liegt, auf dem Abhang eines Erdhügels, ein dichter, tiefgefurchter, schwarzer Kot, wie er sich um die Dorftränken ansammelt. In den Löchern stehn Pfützen, Lachen und Teiche, deren unregelmässige Ränder wie zerfetzt aussehen.

Die Witze der Spassvögel, die beim Abmarsch noch frisch und munter ein Entengeschnatter losliessen, wenn man durch das Wasser tappte, werden seltener und düsterer. Allmählich erlöschen die Witzbolde. Der Regen fällt jetzt dicht. Man hört ihn. Das Tageslicht nimmt ab, der verworrne Raum schrumpft zusammen. Auf dem Boden liegt im Dreckwasser ein letzter gelber, fahler Lichtfetzen.

*

Gegen Westen erblickt man das dunstige Schattenbild verregneter Mönche. Es ist eine Kompagnie vom 204ten Regiment; die Leute sind in ihre Zelttücher eingewickelt. Man sieht im Vorübergehn die abgezehrten und abgefärbten Gesichter und die geraden Nasen dieser grossen, nassen Wölfe. Dann sieht man sie nicht mehr.

Wir gehn der Spur nach; sie läuft mitten durch die spärlich mit Gras bedeckten Aecker, wie ein lehmiges Feld, durch das sich unzählige, parallele Furchen ziehn; die Füsse und die Räder haben es aufgewühlt, nach vorwärts und nach rückwärts, immer in der gleichen Richtung.

Man springt über klaffende Schachte, was nicht immer leicht ist. Die Ränder werden klebrig, glitschig und Erdrutsche haben sie angefressen. Die Müdigkeit lastet obendrein allmählich schwer auf den Schultern. Lärmende Fahrzeuge begegnen uns und spritzen Kot. Die Protzwagen der Artillerie patschen im nassen und bespritzen uns mit Wasserstrahlen. Um die Räder der Lastautos drehen sich flüssige Kreise, die über polternde Rollkarren hinausspritzen.

Je dunkler die Nacht wird, desto phantastischer erscheinen unter der wolkigen Himmelsflut die gerüttelten Gespanne, aus denen Pferdehälse emporschnellen und Reiterprofile aufsteigen mit ihren flatternden Mänteln und ihren Karabinern quer über der Brust. Dann fahren Munitionswagen in eine Stockung hinein. Sie halten an und stampfen, während wir vorübergehn. Man hört ein Durcheinander von kreischenden Achsen, Stimmen, Zankereien und aufeinanderplatzenden Befehlen; und dazu rauscht der mächtige Regen-Ozean. Ueber dem dunklen Gedränge dampfen die Pferderücken und die Mäntel der Reiter.

– Achtung!

Rechterhand dehnt sich etwas auf dem Boden aus. Es sind Leichen. Instinktiv meidet sie der vorübergehende Fuss und das Auge forscht sie aus. Man sieht aufgerichtete Sohlen, gestreckte Kehlen, hohle, verworrene Gesichter, halbgeschlossene Fäuste, die aus dem schwarzen Wirrwarr starren.

Und weiter geht's und immer weiter über jene noch fahlen Felder, die die Schritte abschinden, und unter dem Himmel, über den sich Wolken ausbreiten, wie zerfetzte Tücher, durch die dunkelnde Weite, die nach so vielen Tagen, durch die lange Berührung mit soviel armseligen Menschenhaufen, schmutzig geworden zu sein scheint.

Dann geht's wieder in die Laufgräben. Sie liegen tiefer als das Feld. Um sie zu erreichen, macht man einen weiten Umweg, so dass die Hintersten auf ungefähr hundert Meter die ganze Kompagnie sehn, die in der Dämmerung ausschreitet. Kleine dunkle Leutchen, die sich an die Abhänge klammern, zerstreut einander nachgehn, mit ihrem Werkzeug und ihrem Gewehr, die an den beiden Seiten ihrer Köpfe emporstarren; und sie sind wie die dünnen, unbedeutenden Striche flehender Wesen, die mit emporgestreckten Armen untergehn.

Diese Laufgräben liegen noch in der zweiten Linie und sind bevölkert. An der Schwelle der Unterstände hängt oder flattert ein Tierfell oder ein graues Tuch, verwilderte Menschen schauen uns mit ausdruckslosen Augen an, als ob sie nichts sähen. Andre Zelttücher hängen bis zum Boden herab; darunter ragen Füsse hervor, und es schnarcht hinter ihnen.

– Herrgott, ist das lang! knurrt einer in der Reihe auf.

Man stockt, wird zurückgedrängt.

– Halt!

Wir müssen stehn bleiben und andre durchlassen. Man drängt sich fluchend aneinander und drückt sich an die schiefe Grabenwand. Es ist eine Maschinengewehrkompagnie mit ihrer seltsamen Bürde.

Es will kein Ende nehmen. Die langen Pausen erschöpfen uns; die Muskeln schmerzen allmählich; das endlose Stehnbleiben zermalmt uns.

Kaum ist man wieder im Gang, muss man schon wieder in den Seitengraben zurück; denn die Telephonablösung muss durchgelassen werden. Man geht rückwärts, unbeholfen wie's Vieh.

Und das Weitergehn wird schwerer.

– Achtung, Draht!

Der Telephondraht läuft über dem Schützengraben in einer Wellenlinie und liegt stellenweise zwischen zwei Pfählen quer darüber. Mitunter ist er nicht genügend gespannt, so dass er in den Hohlgraben hineinhängt und die Gewehre und die Menschen einfängt; dann zerren die Leute sich aus der Schlinge und fluchen über die Telephonisten, die ihre Schnüre nie richtig anbinden können.

Da aber der elastische Wirrwarr der kostbaren Drähte zunimmt, hängt man das Gewehr an die Schulter mit dem Kolben nach oben, hält den Kopf der Schaufeln nach unten und schreitet mit gebückten Schultern weiter.

*

Plötzlich geht's langsamer und man kommt nur noch Schritt für Schritt, in die Fusstapfen des Vordermannes tretend, vorwärts. Die Spitze der Kolonne drückt sich offenbar durch einen schwierigen Durchgang.

Man erreicht die Stelle: der abschüssige Weg führt uns vor eine klaffende Spalte. Es ist der gedeckte Laufgraben; die vorderen Leute sind schon in dieser niederen Tür verschwunden.

– Also in die Blutwurst rein?

Ein jeder stutzt, bevor er sich von jener engen, unterirdischen Finsternis verschlucken lässt. Die Summe dieser zögernden Verschleppung übt ihre Rückwirkung auf die hinteren Abteilungen der Kolonne aus, lässt sie hin- und herschwanken, sich zusammenziehn und mitunter plötzlich stoppen.

Kaum stecken wir im gedeckten Laufgraben drin, so umfängt uns eine schwere Finsternis und wir sehn einander nicht mehr. Ein schimmliger Keller- und Sumpfgeruch steigt uns in die Nase. An der Decke dieses Erdganges, der uns aufsaugt, sieht man einige bleiche Striche und Löcher: es sind die Zwischenräume und die Risse an den Deckbrettern; Wasserfäden fliessen manchmal reichlich durch; trotz tastender Vorsicht stolpert man über Holzanhäufungen; man stösst seitwärts an den dunklen Schatten senkrechter Stützbalken.

Ein dumpfes Zittern erschüttert die Luft dieses endlosen, geschlossenen Durchganges: es ist die Scheinwerfermaschine, die dort aufgestellt ist und an der wir gleich vorbeikommen.

Wir tappen bereits eine Viertelstunde durch diese Finsternis; da knurrt plötzlich einer, dem das Wasser und die Dunkelheit die Nerven aufs äusserste spannt und der es satt hat, über Unbekanntes zu stolpern:

– Ach was, ich mach Licht!

Und eine elektrische Lampe sprüht Licht aus ihrem blendenden Punkt. Im gleichen Augenblick hört man den Sergeanten brüllen:

– Herrrr! Wer ist das Kamel! Bist du verrückt? Siehst du denn nicht, dass man's durchs Parkett durchsieht, du grindiges Schaf du!

Und die elektrische Lampe, die mit ihrem leuchtenden Kegel die tropfenden Wände aus der Finsternis geschüttelt hatte, sinkt wieder in die Nacht zurück.

– Das gibts nur selten, dass man's sieht, spöttelt der Soldat, wir sind doch hier nicht in der ersten Linie, Herrgott noch einmal.

– So! man siehts nicht! ...

Und der Sergeant, der in der Kolonne eingeschachtelt ist, läuft ununterbrochen weiter; aber man errät, dass er sich dabei umdreht und sich in eine stockende Erklärung einlässt.

– Du Knoten, du, Herrgottskünstler ...

Aber plötzlich, brüllt er von neuem:

– Wer raucht da schon wieder! Hurerei, verdammte!

Diesmal möchte er stehn bleiben, aber wie sehr er sich auch gegen den Strom stemmt und sich keuchend anklammert, muss er doch weiter; denn es reisst ihn fort samt seinen hinuntergeschluckten Schnauzereien, die ihn würgen, während die Zigarette, die seinen Zorn verursachte, ohne Widerrede verschwindet.

*

Das stotternde Gehämmer der Maschine wird deutlicher und eine dicke Hitzluft verdichtet sich um uns. Je tiefer wir eindringen, desto heftiger erzittert unter heftigen Schlägen die Luft des Laufgrabens. Bald hämmert die Erschütterung des Motors um die Ohren und erschüttert unsern ganzen Körper. Jetzt wird es noch heisser, als fauche uns der Atem eines Tieres ins Gesicht. Durch den teuflisch anschwellenden Lärm, durch den heissen Wind und durch das Licht hindurch wälzt sich die Kompagnie zum Höllenfeuer. Man ist betäubt und hat den Eindruck, als stürze sich uns durch den Gang der Motor wie ein tolles Motorrad entgegen, als käme der Wahnsinnige mit leuchtendem Zermalmen immer näher,

Jetzt gehn wir halb geblendet und verbrannt am roten Herd und am schwarzen Motor, dessen Schwungrad wie ein Sturmwind saust, vorbei. Man hat kaum Zeit die Menschen zu gewahren, die an dieser Stelle arbeiten müssen. Man schliesst die Augen und erstickt in der Glut dieses dröhnenden Atems.

Dann wüten der Lärm und die Hitze hinter uns und werden schwächer ... Da knurrt mein Nachbar in seinen Bart;

– Und das Kamel vorhin sagte, man könnte meine Lampe sehen.

Jetzt kommen wir wieder an die frische Luft! Der Himmel ist in ein sehr dunkles Blau getaucht, das sich kaum vor der Erde abhebt. Es regnet in Strömen. Man kommt im teigigen Lehmboden mühsam vorwärts. Der ganze Schuh sinkt ein und jedesmal, wenn man den Fuss herauszieht fühlt man die marternden Schmerzen der Müdigkeit. Es ist stockfinster. Dennoch sieht man beim Ausgang des Loches ein Durcheinander von Balken, das in dem erweiterten Graben liegt und alle Glieder von sich streckt; wahrscheinlich ist es ein zertrümmerter Unterstand.

Ein Scheinwerfer hält jetzt seinen grossen, gegliederten und feenhaften Arm über uns, und spaziert im Unendlichen herum; dann entdeckt man tote Soldaten in einem Wirrwarr von entwurzelten und eingeschlagenen Balken und zertrümmertem Holzwerk. Ganz in meiner Nähe hängt ein Kopf an einem unbestimmt knienden Körper auf dem Rücken: auf der Backe hat er einen schwarzen, gezackten Flecken mit einem Rand von geronnenem Blut. Ein anderer Körper umarmt halb aufrecht stehend einen Pfahl. Wieder ein anderer liegt kreisförmig auf dem Boden; das Geschoss hat ihm die Hose abgerissen, so dass man seinen Bauch und seine blassen Lenden sieht. Ein anderer liegt am Rand des Haufens ausgestreckt und seine Hand liegt lang über dem Weg. Diese Stelle kann nur nachts begangen werden, denn der Graben ist mit Schutt überhäuft und tags nicht gangbar, und jeder tritt in der Dunkelheit auf jene Hand. Ich habe sie wohl gesehn; der Scheinwerfer beschien gerade dieses zerschundene Handskelett, das nur noch einer verkümmerten Flosse glich.

Der Regen fällt wütend auf die Erde. Sein platschender Lärm überrauscht alles. Man spürt seine furchtbare Trostlosigkeit am ganzen Körper, als sei man nackt. Wir treten in den offenen Graben; die Nacht und das Gewitter setzen von neuem ein und zerwühlen diesen Leichenwirrwarr, wo sich die gestrandeten Toten an das Erdfleckchen wie an ein Floss anklammern.

Der Wind fährt uns eisig übers Gesicht und lässt Tränen und Schweiss erstarren. Es ist bald Mitternacht. Sechs Stunden laufen wir schon im zunehmenden, schweren Kot.

Es ist die Stunde, wo die Theater in Paris unter dem Sternengeflimmer glühender Leuchter und Lampen erglänzen, im fiebernden Luxus aufgeregter Toiletten, wo in festlicher Wärme eine strahlende Menge redet, lacht, lächelt, klatscht, sich auslebt und sich langsam von den geschickt gesteigerten Empfindungen ergreifen lässt, die ihr das Schauspiel bietet und wo sich der befriedigte Glanz und der Reichtum der militärischen Apotheosen breit macht und die Szenen der Music-Halls erfüllt.

– Ist man immer noch nicht da? Herrgott, wie lang geht das noch? Ein Gejammer entsteigt der langen Reihe, die unter dem endlosen Regenguss durch die Erdrisse stolpert, beladen mit Gewehren, mit Schaufeln oder Hacken. Weiter gehts und immer weiter. Wir sind betrunken vor Müdigkeit und torkeln hin und her. Schwer und aufgeweicht vom Wasser schlagen wir mit der Schulter an die Erde, die wie wir nass ist.

– Halt!

– Sind wir da?

– Ja, Kuchen!

Vorläufig entsteht ein Gedränge, das uns zurücktreibt und ein Gemurmel läuft durch die Reihe:

– Wir haben uns verlaufen.

Die Wahrheit bricht sich durch die verwirrte, umherirrende Horde Bahn: An irgend einer Zweigstelle sind wir falsch gegangen und jetzt ist es eine verflixte Sache, dem richtigen Weg wieder auf die Spur zu kommen.

Jetzt wirds noch schlimmer; von Mund zu Mund geht das Gerücht, dass eine bewaffnete Kompagnie hinter uns her in den Schützengraben einmarschiert. Somit ist der Weg, den wir zurückgelegt haben mit Menschen verstopft, und wir sitzen in einer Sackgasse.

Koste es, was es wolle, man muss versuchen den Schützengraben, den wir verloren haben und der, wie es scheint, linker Hand liegt, durch irgend eine Sappe wieder zu erreichen. Die Uebermüdung der Leute hat den Höhepunkt erreicht und kommt in Geberden und heftigen Schimpfereien zum Ausdruck. Sie schleppen sich fort, werfen ihr Gerät weg und bleiben stehn. Stellenweise sieht man im bleichen Lichte der Raketen dichte Menschenbündel niederfallen. So warten die Leute jener Kolonne, die sich vom Süden nach Norden in die Länge dehnt, unter dem unerbitterlichen Regen,

Der Leutnant, der die Kompagnie führt und uns auf den falschen Weg gebracht hat, drückt sich mit Mühe an den Leuten vorbei und sucht nach einem seitlichen Ausgang. Ein kleiner, niederer und enger Laufgraben tut sich auf.

– Da müssen wir durch, unbedingt, sagt der Offizier schnell. Vorwärts, Kinder!

Ein jeder nimmt knurrend seine Last wieder auf ... Aber ein Schwall von Verwünschungen und Flüchen wird von jenen ausgestossen, die bereits in die kleine Sappe hineingeschlüpft sind.

– Das sind Aborte!

Ein übler Geruch steigt aus dem Graben und lässt über seine Herkunft keine Zweifel bestehn. Diejenigen, die hineingegangen waren, bleiben stehn, schrecken zurück und weigern sich weiter zu gehn. Man drängt und sitzt einander auf und stoppt an der Schwelle jener Aborte!

– Ich geh lieber über die Ebene! schreit einer.

Aber die Blitze zerreissen von allen Seiten her die Wolken über dem Hügel: der Anblick dieses Loches, in dem wimmelnde Schatten stehn, und darüber jene donnernden Flammengarben, die vorn Himmel herabhängen, ist so erschütternd, dass den Worten des Wahnsinnigen keine Antwort wird.

Ob man will oder nicht, man muss hierdurch; denn der Rückweg ist versperrt.

Vorwärts in die Scheisse! schreit der vorderste Mann.

Und man stürzt sich, erstickend vor Eckel, hinein. Der Gestank wird unerträglich. Man tritt in den Dreck und fühlt, wie seine Weichheit unter dem Erdkot nachgibt.

Kugeln pfeifen.

– Köpfe ducken!

Da der Graben nicht sehr tief ist, muss man sich tief bücken, um dem Tod zu entgehn; und man schreitet gebückt über jene angehäuften, mit Papier bedeckten Exkremente, in die man tritt.

Endlich erreicht man dann den Laufgraben, den man irrigerweise verlassen hat; dann geht's wieder weiter. Man marschiert nur immer und kommt nie an.

Der Bach, der sich jetzt auf dem Boden des Grabens bildet, wäscht den Gestank und den gemeinen Dreck von unsern Füssen ab, während wir stumm, mit leerem Kopf, stumpfsinnig und taumelnd vor Müdigkeit, weiterirren.

Die Artillerie dröhnt in stets abnehmenden Zwischenpausen und geht in ein einziges ununterbrochenes Gedröhn über. Von allen Seiten wirft das Abfeuern und das Einschlagen blitzartige Strahlen und wirre Bänder über unsere Köpfe an den Himmel. Dann schwillt die Beschiessung derart an, dass das Leuchten nicht mehr aufhört. In dieser ununterbrochenen Kette von Donnerschlägen sieht man einander deutlich; die Helme triefen wie Fischleiber, das Lederzeug ist durchnässt, das Eisen der Schaufeln leuchtet schwarz und man sieht sogar die weissen Tropfen des ewigen Regens. Noch nie wohnte ich einem derartigen Schauspiel bei; es ist tatsächlich, als ob die Kanonenschüsse einen Mondschein inszenierten.

Gleichzeitig fahren von unsern Linien und von den feindlichen Stellungen scharenweise Raketen auf, die sich kreuzen und Gestirne bilden; es bildet sich einmal von den Raketen ein grosser Bär im Himmelstal, das man zwischen den Böschungen erblickt; und dieses Gestirn leuchtet uns auf unserer schrecklichen Wanderung.

*

Wir haben uns schon wieder verlaufen. Diesmal sind wir offenbar ganz in der Nähe der ersten Linien; aber eine Vertiefung im Gelände bildet hier in der Ebene einen verschwommenen Kessel, in dem sich Schatten bewegen.

Wir sind eine Sappe hinauf, dann wieder hinuntergelaufen. In der phosphoreszierenden Lufterschütterung der Kanonen erblickt man wie im zitternden Kinolicht über der Böschung zwei Krankenträger, die mit ihren Bahren den Graben zu überschreiten versuchen.

Der Leutnant, der allerhöchstens weiss, wohin er die Mannschaft führen soll, ruft sie an:

– Wo ist der neue Graben?

– Weiss nicht.

Aus der Reihe heraus werden andre Fragen an die Krankenträger gerichtet: »Wie weit sind die Deutschen von hier entfernt?« aber sie antworten nicht, sondern sprechen unter sich:

– Ich geh nicht mehr weiter, sagt der Vorderste. Ich bin zu müde.

– Vorwärts, weiter, Herrgott! sagt der andere barsch und tappt schwerfällig vorwärts, während ihm die Bahre die Arme hinunter zieht. Wir können doch hier nicht versauern.

Sie stellen die Bahre auf die Böschung ab, so dass das eine Ende über dem Graben hängt. Im vorbeigehn sieht man die Füsse dessen, der darauf liegt; der Regen, der auf die Bahre fällt, fliesst schwarz an ihnen herunter.

– Ist's ein Verwundeter, fragen sie von unten her.

– Nein, eine Leiche, knurrt diesmal der Träger, er wiegt mindestens achtzig Kilo. Wenn er verwundet war, würde ich nichts sagen – seit zwei Tagen und zwei Nächten geht's in einemfort – aber sich abschinden und Tote rumschleppen, das ist doch zum heulen.

Und der Träger, der aufrecht auf der Böschung mit weitgespreizten Beinen mühsam im Gleichgewicht steht, setzt den einen Fuss über das Loch auf den entgegengesetzten Grabenwulst; dann packt er die Bahre und macht Anstalten, sie auf die andere Seite zu ziehn; dabei ruft er seinen Kameraden zu Hilfe.

Ein wenig weiter erblickt man die gebückte Gestalt eines Offiziers, die Kapuze über dem Kopf. Der Offizier hat die Hand am Gesicht und man sieht dabei zwei Goldstreifen an seinem Aermel.

Er wird uns Auskunft geben, der ... aber er selbst spricht uns an und fragt, ob wir seine Batterie nicht gesehn hätten.

Niemals werden wir ankommen.

Und dennoch kommen wir an.

Wir erreichen ein kohlenhaltiges Feld, in dem ein paar magere Pfähle stecken; wir besteigen es und verteilen uns schweigend darüber. Hier ist es.

Bis wir richtig stehn, vergeht eine ganze Weile. Viermal müssen wir vor und wieder zurück, bis die Kompagnie sich über die Länge des Grabens, der ausgeschaufelt werden muss, regelmässig verteilt hat; auch muss zwischen je einem Schanzgräber und zwei Schaufelnden der gleiche Abstand eingehalten werden.

– Noch drei Schritt vor ... Zuviel. Ein Schritt zurück. Vorwärts, ein Schritt zurück, seid ihr taub? ... Halt! ... So! ...

Diese Aufstellung besorgt ein Oberleutnant und ein Genie-Unteroffizier, der plötzlich da steht. Zusammen oder getrennt mühen sie sich ab, laufen die Front ab und rufen die Befehle mit gedämpfter Stimme den Leuten ins Gesicht, packen sie mitunter beim Arm und führen sie an ihre Plätze. Dieses Manöver geht zunächst ganz in Ordnung vor sich, wird aber dann durch die schlechte Laune der erschöpften Mannschaft gestört. Denn jedesmal müssen sich die Soldaten von der Stelle losreissen, an der sie sich in flutendem Gedränge hingeworfen haben.

– Wir stehn vor der ersten Linie, heisst es ganz leise um mich her.

– Nein, murmeln andere Stimmen, wir stehn gerade dahinter.

Man weiss es nicht. Es regnet immer weiter, weniger stark allerdings, als mitunter auf dem Marsch. Aber, was schert uns der Regen! Man liegt auf dem Boden, die Hüften und die Gliedmassen im molligen Kot; dabei ist es einem so wohl, dass man das Wasser, das einem ins Gesicht sticht und über die Haut rinnt, ebensowenig beachtet, wie das schwammige Bett, auf dem wir liegen.

Aber man hat kaum Zeit zum Ausschnaufen. Wir dürfen uns nicht unvorsichtigerweise der Ruhe ergeben, sondern müssen ohne Pause an die Arbeit. Es ist zwei Uhr morgens; in vier Stunden wird uns die Helligkeit nicht mehr erlauben, hier zu verweilen. Es ist keine Minute zu verlieren.

– Ein jeder soll, so wird uns befohlen, 1,5 Meter Länge auf 0,7 Meter Breite und 0,80 Meter Tiefe graben. Jeder Gruppe fallen also 4,5 Meter zu. Und haut tüchtig drein, den Rat geb ich euch: Je früher ihr fertig seid, desto schneller könnt ihr gehn.

Man kennt das schon. Die Annalen des Regiments weisen kein einziges Beispiel auf, wonach eine Mannschaft beim Graben hätte früher gehn können, als es notwendig gewesen war, um nicht gesehn, signalisiert und samt den Schanzarbeiten vernichtet zu werden.

Man murmelt:

Ja, ja, schon recht ... nur nichts weiss machen wollen. Spar dir deine Worte auf.

Aber, ausser einigen unbesiegbaren Schläfern, die dann übermenschliche Arbeit werden leisten müssen, macht sich alles mutig ans Werk.

Man gräbt die erste Schicht der neuen Linie ab, Erdschollen mit faserigem Gras. Die Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit der die Arbeit beginnt, erweckt, wie bei allen Erdarbeiten in voller Erde, die Illusion, dass dieselbe bald vollendet sein wird und dass man bald in dem ausgegrabenen Loch wird schlafen können; dieses Gefühl weckt eine gewisse Arbeitsfreudigkeit.

Aber, sei es durch das Geräusch der Schaufeln, sei es, dass einige Soldaten trotz der Verweise fast laut miteinander reden, kurz, unser Hantieren weckt eine Rakete; rechterhand fährt ihre Flammenlinie senkrecht über uns und lässt ihr Schnurren hören.

– Liegen!

Alles legt sich auf die Erde, und die Rakete bewegt sich hin und her und fährt in ihrer ungeheuren Blässe über eine Art Totenacker.

Nachdem sie erloschen ist, hört man zuerst stellenweise und dann auf der ganzen Linie, wie die Leute aus der Unbeweglichkeit, die sie schützte, wieder aufstehn und vorsichtiger wieder weiter arbeiten.

Bald darauf wirft eine zweite Rakete ihren goldnen Schweif hoch, leuchtet hell auf und wirft die Grabenarbeiter noch einmal in regungsloser Erstarrung nieder. Dann sieht man noch eine und noch eine andere.

Kugeln zerreissen um uns die Luft. Jemand schreit:

– Einer verwundet!

Der Verwundete geht vorbei; Kameraden stützen ihn; es scheinen sogar mehrere verwundet zu sein. Man erblickt den Menschenknäuel, der sich gegenseitig stützt, sich vorüberschleppt und verschwindet.

Die Stelle wird gefährlich. Man duckt sich und kauert zusammen. Einige kratzen kniend die Erde auf. Andere arbeiten auf dem Boden liegend, mühen sich ab, drehn und winden sich wie im Alpdruck. Die Erde, deren obere Schicht leicht abgeschaufelt wurde, wird lehmig und klebrig, ist schwer zu bearbeiten und bleibt am Werkzeug wie eine Knetmasse kleben. Nach jedem Schaufelwurf muss man die Schaufelplatte abschaben.

Schon schlängelt sich ein dünner Wulst aufgeschaufelter Erde über dem Boden und ein jeder ergibt sich dem beruhigenden Gedanken, dass er diese angehende Böschung noch um seinen Brotsack und den gerollten Mantel erhöhen kann und knäuelt sich hinter dem dünnen Schattenhaufen zusammen, wenn ein Geschoss heransaust ...

Solange man arbeitet, schwitzt man; hört man aber auf, so friert man gleich bis an die Knochen. Dann muss man die Müdigkeit überwinden und die Arbeit wieder aufnehmen.

Nein, niemals wird die Arbeit fertig sein ... Die Erde wird immer schwerer. Ein Fluch scheint uns zu verfolgen und lähmt unsre Arme. Die Raketen lassen uns keine Ruhe, spüren uns auf und verdammen uns immer wieder zur Unbeweglichkeit; nachdem uns aber eine Rakete in ihrem Licht versteinert hat, fällt es jedesmal schwerer, die Arbeit wieder aufzunehmen. Mit verzweifelnder Trägheit und erst nach schmerzhaften Schlägen senkt sich das Loch in die Tiefe.

Der Boden wird weicher, jeder Schaufelwurf tropft und fliesst und löst sich von der Schaufel mit schlaffem Geräusch. Schliesslich schreit einer:

– 's hat Flüssigkeit.

Dieser Ausruf wiederholt sich und fliegt durch die ganze Reihe der Erdarbeiter.

– 's hat Flüssigkeit. Nichts zu machen!

– Die Gruppe, in der Mélusson arbeitet, hat tiefer gegraben und da hat's Wasser. Wir kommen auf einen Teich.

– Nichts zu machen.

In der Verwirrung lässt man die Arbeit fahren. Man hört mitten in der Nacht das Geräusch der Schaufeln und Hacken, die man wie leere Waffen wegwirft. Die Unteroffiziere suchen tastend nach den Offizieren, um Befehle einzuholen.

Und stellenweise fallen die Leute ohne weiteres unter dem liebkosenden Regen und unter den strahlenden Raketen in einen süssen Schlaf.

*

In diesem Augenblick hat, soviel ich mich noch erinnere, die Beschiessung begonnen.

Das erste Geschoss fuhr mit schrecklichem Krachen durch die Luft, als ob es sie in zwei Teile zerreissen wolle; weitere Geschosse sausten uns bereits entgegen, als das erste mitten in der Nacht und im Regen an der Spitze der Abteilung in den Boden einschlug und die Erde aufwühlte; dabei sah man auf einem roten Hintergrund menschliche Glieder verzweifelt sich gebärden.

Die unermüdlichen Raketen hatten uns offenbar verraten, so dass der Feind drüben das Feuer auf uns gerichtet hatte ...

Die Mannschaft stürzte und rollte in den kleinen, überschwemmten Graben, den sie ausgeschaufelt hatte. Man drückte sich hinein und vergrub sich darin, tauchte ins Wasser und hielt die Schaufel über den Kopf. Rechts und links, vorn und hinten platzten die Geschosse so nahe, dass sie uns jedesmal erschütterten und wir in der Lehmerde erzitterten. Bald war es eine ununterbrochene Erschütterung; es bebte der Leib dieser ausgehöhlten Gosse, in der dichte Menschenmassen und Schaufeln wie Schuppen unter Rauchschichten und stürzendem Licht lagen. Die Sprengstücke und Splitter kreuzten sich von allen Seiten in einem lärmenden Durcheinander über dem geblendeten Feld. Schon in der ersten Sekunde durchfuhr uns alle der Gedanke, den einige aussprachen:

– Diesmal verrecken wir.

Nicht weit vor mir hatte sich eine Gestalt aufgerichtet und schrie:

– Kommt, Kinder, wir gehn!

Liegende Leiber krochen halb aus dem Leichentuch des Kotes, der von ihren Gliedern in Klumpen und triefenden Fetzen zur Erde floss; dabei schrien die tollen Gespenster:

– Fort, fort!

Man lag auf den Knien, auf allen Vieren; man drängte nach dem schützenden Ort.

– Vorwärts! Macht doch, vorwärts!

Aber die lange Reihe rührte sich nicht. Die wahnsinnigen Klagen der Schreienden brachten sie nicht von der Stelle. Diejenigen, die an der Spitze lagen, rührten sich nicht und versperrten dem Haufen den Weg.

Verwundete krochen über liegende Leiber, schleppten sich über sie hinweg wie über Schutt, und begossen die ganze Kompagnie mit ihrem Blut.

Endlich erfuhr man den Grund jener erschreckenden Unbeweglichkeit, in der das Ende der Abteilung erstarrt war:

– Ein Sperrfeuer.

Eine seltsame, würgende Panik mit unverständlichen Schreien und stockenden Gebärden bemächtigte sich der Leute, die dort lagen. Sie wehrten sich auf ihren Plätzen und schrien. Aber so geringen Schutz der angestochene Graben auch bot, es wagte sich dennoch Keiner aus dem Loch, das uns verhinderte, über die Erdfläche hinaus dem Tode zu entfliehn und den Quergraben zu erreichen, der dort irgendwo sein musste ... Die Verwundeten, die über die Lebenden hinwegkriechen durften, setzten sich einer fürchterlichen Gefahr aus; jeden Augenblick wurden sie getroffen und stürzten nieder.

Der reinste Feuerhagel fiel über alles her und mischte sich in den Regen. Vom Scheitel bis zu den Sohlen erzitterte man mitten in dem übernatürlichen Getöse. Der hässlichste Tod stieg auf und hüpfte und tauchte um uns herum aus der Lichtflut hervor. Sein Auftreten zerrte die Aufmerksamkeit nach allen Richtungen und peitschte sie auf. Und der Leib war gefasst auf das fürchterliche Opfer! ... Der grässliche Eindruck, der uns niederschmetterte, war derart stark, dass es uns jetzt erst zum Bewusstsein kam, schon etliche Male dasselbe erfahren und diesen Geschossregen mit seinen brüllenden Brandwunden und seinem Gestank erlitten zu haben. Nur wenn man im Feuer steht, erinnert man sich wirklich an das, was man schon früher erlitten hat.

Ohne Unterlass krochen neue Verwundete vorüber und flohen aller Gefahr zum Trotz; sie jagten einem Angst ein, und wenn man mit ihnen in Berührung kam, jammerte man, denn man dachte jedesmal:

– Hier gibt's kein Entwischen mehr, keiner wird übrig bleiben.

Plötzlich entstand eine Lücke im Menschenhaufen; die Mehrzahl drückte sich rückwärts und säuberte den Platz.

Dann kroch man allmählich vorwärts, lief, duckte sich in den Kot und in das Wasser, in welchem sich Blitze und purpurroter Widerschein spiegelten; man stolperte und fiel über die Unebenheiten, die das Wasser verdeckte; wir selbst waren gleichsam schwere, spritzende und stürzende Geschosse, die die einschlagenden Blitze dicht am Boden umherjagten.

Wir erreichten den Anfang des begonnenen Laufgrabens.

Kein Schützengraben da; nichts ist da.

Nirgends in der Ebene, in der wir die Erdarbeiten angefangen hatten, nirgends erblickte das Aug einen Unterstand.

Man sah nur die Ebene, nur eine tolle Wüste, auch dann, wenn die Raketen mit stürmendem Flügelschlag darüberleuchteten. Weit von hier konnte der Schützengraben nicht sein, denn wir waren ihm auf dem Wege hierher gefolgt. Aber wohin sollte man gehen, um ihn ausfindig zu machen?

Der Regen setzte stärker ein. Wir blieben einen Augenblick unschlüssig in furchtbarer Enttäuschung stehn, dicht am Rande des beschossenen Unbekannten; dann lief alles auseinander, die einen nach links, die andern nach rechts, andere wieder liefen gerade aus, alle verwischten sich schnell winzig klein im donnernden Regen; flammende Rauchschleier und schwarze Lawinen trennten sie voneinander.

*

Die Beschiessung liess über unsern Köpfen nach. Sie wütete besonders dort, wo wir vorhin gestanden hatten. Aber von einer Sekunde zur andern konnte sie uns jeden Ausgang versperren und alles zermalmen.

Es goss und goss immer wütender. Es war eine Sündflut in der Nacht. Die Nacht war so finster, dass die Raketen davon nur dunstige Fetzen mit Wasserstreifen beleuchteten, durch welche ratlose Gestalten hin und her liefen und sich im Kreise drehten.

Ich kann unmöglich sagen, wie lange ich mit der Gruppe, der ich mich angeschlossen hatte, umher geirrt bin. Wir tauchten in Sumpflöcher. Unsere Blicke eilten uns voraus und tasteten vorwärts nach der Böschung des rettenden Grabens, nach dem Schützengraben, der irgendwo im Schlunde der Nacht wie ein Rettungshafen lag.

Ein Erlösungsschrei wurde endlich laut im Getöse des Krieges und der Elemente:

– Ein Schützengraben.

Aber die Böschung jenes Grabens bewegte sich. Man sah ein Durcheinander von Leuten, die sich scheinbar von ihr trennten und den Graben verliessen.

– Bleibt nicht hier, Kinder, schrieen die Fliehenden, kommt nicht her, bleibt weg! Es ist schrecklich hier! Alles stürzt ein. Die Schützengräben verrecken, die Unterstände sind voll. Der Dreck fliesst überall rein. Morgen hat's keinen Graben mehr. Hier ist es aus mit sämtlichen Schützengräben!

Man drückte sich fort. Wohin? Man vergass, irgend eine Auskunft zu bitten, und die triefenden Leute verschwanden in der Finsternis ebenso plötzlich, wie sie aufgetaucht waren.

Sogar unsre kleine Gruppe zerstreute sich in dieser Verwüstung. Man wusste nicht, mit wem man noch lief; jeder ging für sich: bald stürzte der eine, bald der andre in die Nacht hinein und verschwand, einer rettenden Möglichkeit entgegen.

Man ging Abhänge hinauf und hinunter. Ich erblickte vor mir gebückte und buckelige Menschen; sie krochen einen glitschigen Hang hinauf, wo sie der Kot nach rückwärts zerrte und der Wind und der Regen unter einem matt aufblitzenden Nachtgewölbe zurückstiess.

Dann stürzte man zurück in einen Sumpf und sank bis zu den Knien ein. Man zog beim Gehn die Füsse hoch wie Badende. Man arbeitete sich mit ungeheurer Anstrengung vorwärts, und bei jedem Schritt schwand erschreckend die Kraft.

Dann fühlten wir das Nahen des Todes; aber wir landeten auf einem lehmigen Damm, der einen Sumpf durchschnitt. Wir folgten dem glitschigen Rücken dieser dünnen Insel und ich erinnere mich, dass wir uns plötzlich, um von diesem weichen Schlangenrücken nicht abzurutschen, an Leichen festhalten mussten, die dort halb eingesunken waren. Meine Hand fühlte Schultern, harte Rücken, ein Gesicht, kalt wie ein Helm, und eine Pfeife, auf die ein Mund verzweifelt seine Zähne presste.

Als wir von da herauskamen, blickten wir unentschlossen dem Zufall entgegen; da hörten wir, nicht weit von uns, ein paar Stimmen.

– Stimmen! Stimmen! Gott sei Dank!

Süss klangen diese Stimmen, als riefen sie uns beim Namen. Dann näherten wir uns miteinander dem brüderlichen Menschengemurmel.

Die Worte wurden deutlicher; sie klangen ganz nahe auf diesem Hügel, der uns wie eine Oase erschien; und doch verstand man nicht, was die Stimmen sagten. Sie klangen undeutlich; man verstand nichts.

– Was sagen sie denn? fragte einer von uns mit seltsamem Ton.

Instinktiv hielten wir inne und suchten nicht weiter zu kommen.

Ein Zweifel, ein würgender Gedanke packte uns. Dann hörten wir sehr deutlich ausgesprochene, deutsche Worte:

– Achtung! ... Zweites Geschütz ... Schuss ...

Und weiter zurück antwortete eine Kanone diesem telephonischen Befehl.

Vor Bestürzung und Schrecken versteinert, blieben wir zunächst stehn.

– Wo sind wir? Donner und Doria! Wo sind wir?

Dann machten wir trotz allem langsam kehrt; wir waren übermässig erschöpft und enttäuscht; dann flohen wir gebrochen vor Ermattung, als hätten wir lauter Wunden am Leib; und zum Feinde hingezogen wehrten wir uns dennoch mit der letzten Kraft gegen den süssen Gedanken, dem Tode in die Arme zu laufen.

Wir kamen in eine grosse Ebene. Dort blieben wir stehn und warfen uns, am Fusse eines Hügels, auf die Erde und lehnten uns daran; denn wir waren unfähig, einen Schritt weiter zu gehn.

Dann rührten wir uns nicht mehr. Der Regen floss uns über's Gesicht, rieselte uns über den Rücken und über die Brust, drang durch den Stoff an die Knie und füllte uns die Schuhe.

Vielleicht sind wir morgen tot oder gefangen. Aber man dachte an nichts. Man konnte nichts mehr, man wusste nichts mehr.

*

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