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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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XIX.

Beschiessung.

Die Landschaft dehnt sich unendlich im grenzenlosen Dunstnebel hin.

Die Luft ist schwarzblau. Es schneit ein wenig und die Nacht geht zu Ende; der Schnee legt sich auf die Schultern und in die Mantelfalten. Wir marschieren, in unsere Kapuzen gehüllt, in Gliedern von je vier Mann. Im dichten Halbdunkel sehn wir aus wie die Ueberreste eines düsteren Volksstammes, der aus dem Norden nach anderen nordischen Gegenden auswandert.

Wir sind der Landstrasse entlang marschiert, dann durch die Ruinen von Ablain-Saint-Nazaire. Hinter den nächtlichen Schatten sahen wir die weisslichen Häuserhaufen und das düstere Spinngewebe der hängenden Dächer. Das Dorf ist so lang, dass wir in der Nacht da einmarschiert waren und das Ende des Dorfes erreichten, als die letzten Baulichkeiten schon bleich im kalten Morgen standen. In einem Erdloch hatten wir hinter einem Gitter das Feuer wahrgenommen, das die Hüter der toten Stadt am Ufer jenes versteinerten Ozeans unterhielten. Dann waren wir durch sumpfige Felder gestampft; und dann wandelten wir verloren durch stumme Gegenden, wo uns der Schlamm bei den Füssen packte; dann schwankten wir in ungefährem Gleichgewicht auf einer andern Strasse weiter; es war die Strasse, die von Carency nach Souchez führt. Die grossen Pappeln liegen mit zerfetzten Stämmen zerschmettert an der Strasse. An einer Stelle sieht man eine Säulenreihe zerbrochner Bäume und weiter bergen sich in der Dunkelheit auf beiden Seiten zwerghafte Baumgestalten; wie Palmbüschel sind sie geschlitzt, verwickelt und verknäuelt wie Zupfleinwand; in Schnüren hängen die Holzfasern über den Stamm, der zu knien scheint. Von Zeit zu Zeit schlagen Wasserlöcher die Marschkolonne zurück und bringen sie ins Stolpern. Jetzt wird die Strasse zur Wasserlache, die man auf den Absätzen durchwatet, und die Füsse rauschen dabei wie Ruder. Von Stelle zu Stelle sind Balken hineingelegt. Man gleitet darüber hinweg, wenn sie der Quere nach im Schlamm festliegen. Manchmal hat es soviel Wasser, dass sie obenauf schwimmen; dann sinken sie ein unter dem Gewicht eines Mannes und machen: flatsch! und der Daraufstehende fällt um oder taumelt und flucht dabei fürchterlich.

Es dürfte fünf Uhr morgens sein. Es schneit nicht mehr und die nackte und verstörte Gegend lichtet sich, aber man tappt noch in einem phantastischen, düstern Nebelkreis.

Und man trippelt weiter und immer weiter. Dann entdeckt man an einer Stelle einen dunkeln Hügel, an dessen Fuss ein Durcheinander von Menschen zu wimmeln scheint.

– Paarweise vor! sagte der Abteilungschef. Jedes Paar soll abwechselnd einen Balken und ein Geflecht mitnehmen.

Es wird aufgeschultert. Der Nebenmann nimmt dem Kameraden das Gewehr ab; dieser zerrt dann und hebt nicht ohne Mühe einen langen, kotbedeckten und glitschigen, wohl vierzig Kilo schweren Balken aus dem Haufen, oder ein belaubtes Zweiggeflecht; es ist türgross, so dass man es mit Müh und Not auf dem Rücken festhält, indem man sich krümmt und die Hände an den oberen Rand klammert.

Dann marschieren wir wieder weiter auf der Landstrasse zerstreut; sie ist allmählich grau geworden; wir marschieren sehr langsam und beschwerlich, seufzend und mit dumpfen Verwünschungen, die unter der Kraftanstrengung ersticken. Nach zweihundert Metern tauschen die Paare ihre Lasten gegen einander, so dass alles nach weiteren zweihundert Metern, trotz des scharfen und reifbringenden Morgenwindes, in Schweiss gebadet ist.

Plötzlich aber leuchtet dort an jenem unbestimmten Ort, dem wir zustreben, ein heller Stern auf. Er erleuchtet ein ganzes Himmelstück mit seinem milchigen Hof; an seinem Glanz erlöschen die Gestirne und dann fällt er feenhaft mit Grazie wieder zur Erde.

Dann blitzt es uns gerade gegenüber; dann hört man's donnern.

Eine Granate!

Der wagrechte Schein jenes Blitzlichtes zeigte deutlich auf dem Erdrand des Himmels einen Hügelkamm, der auf ungefähr einen Kilometer Entfernung sich von Osten nach Westen hinzog.

Soweit man ihn von hier überblickt, ist dieser Hügel noch bis zum Kamm hinauf von den Unsern besetzt; auf der andern Seite, hundert Meter von unserer ersten Linie entfernt, liegt die deutsche erste Linie.

Die Granate schlug auf dem Kamm in unsre Linie ein. Folglich schiessen die Deutschen.

Jetzt platzt ein weiteres Geschoss. Ein anderes und noch ein anderes pflanzt in den Hügelkamm violette Flammenstämme hinein; und jedesmal erstrahlt über den ganzen Horizont ein dumpfdonnerndes Licht.

Dann glitzert es wie platzende Sterne, und auf einmal flammt ein Wald von phosphoreszierenden Büschen auf dem Hügel: ein märchenhaftes blaues und weisses Blendwerk hängt vor unsern Augen im grossen Schachte der Nacht.

Diejenigen von uns aber, die mit dem ganzen Aufwand ihrer Arm- und Beinmuskeln die allzuschwere kotige Last auf ihren Schultern festhalten, dass sie ihnen nicht den Rücken hinuntergleiten und sie nicht selbst ausrutschen, sehen davon nichts und sagen kein Wort. Die Andern schlotternd vor Kälte, schnauzen sich und putzen die Nase mit nassen, starr herunter hängenden Taschentüchern, fluchen über die zerschundene Strasse, betrachten das Platzen der Granaten und machen ihre Glossen dazu.

– 's ist grad wie 'n Feuerwerk, sagen sie.

Und während unsere schwarze Abteilung vor dieser feenhaften Operndekoration gebückt durch die Pfützen patscht, kriecht und sich vorwärts schlängelt, leuchtet plötzlich noch ein roter und ein grüner Stern auf; und dann ganz langsam eine rote Feuergarbe.

Die Unsern können nicht umhin, durch volkstümliche Verwunderungslaute ihrem Staunen Ausdruck zu verleihen, während die Hälfte der freien Augenpaare das Schauspiel verfolgt:

– Oh! Eine rote! ... Ah! Eine grüne! ...

Es sind die Deutschen. Sie geben Signale ab wie die Unsern auch und verlangen Artillerie.

Jetzt kommt eine Biegung, dann geht's bergauf. Der Tag ist endlich angebrochen. Die Dinge kommen einem alle schmutzig vor. Auf der Strasse liegt eine perlgraue Farbschicht mit weissen, teigigen Flecken, und rechts und links erwacht die trübselige Welt der Wirklichkeit. Wir lassen Souchez hinter uns liegen. Die Häuser der Ortschaft sind nur noch flache Böden, auf denen sich Material anhäuft; von den Bäumen bleibt nur noch ein zerrissenes Heckengewirr übrig, das höckerartig am Boden liegt. Linker Hand geht's jetzt in ein Loch hinunter. Es ist der Eingang des Laufgrabens. Man muss warten.

Bis ans Kinn stecken wir in den Löchern und lehnen die Brust an die Erde, die uns mit ihrem ungeheuren Panzer schützt; so schauen wir dem tiefernsten und blendenden Drama zu. Die Beschiessung wird wieder stärker. Auf dem Hügelkamm werden die Feuerstämme im fahlen Lichte des Morgens zu dunstigen Fallschirmen oder sehn aus wie bleiche Seequallen mit einem Feuerfleckchen; dann sieht man deutlich wehende Rauchfedern; denn das Tageslicht sickert allmählich durch: weisse und graue Straussenfedern steigen plötzlich von dem verschwommenen und schaurigen Boden der Höhe 119 auf, fünf- oder sechshundert Meter vor uns und ersterben langsam wieder. Wahrhaftig, es sind die Feuersäulen und die Wolkensäulen, die sich bebend auftürmen und miteinander ihren Donner vernehmen lassen. In diesem Augenblick sieht man eine Gruppe über den Abhang des Hügels laufen und in der Erde verschwinden. Sie ducken sich einer nach dem andern in den Ameisenlöchern, die dort zerstreut liegen. Jetzt unterscheidet man deutlicher die Form der »Ankömmlinge«. Bei jedem Schuss bildet sich in der Luft, auf ungefähr sechzig Meter Höhe, ein weisser Schwefelflocken, schwarz unterstrichen; dann teilt er sich, überzieht sich mit kleinen, weissen Wölkchen, und wenn er dann platzt, hört man das sausende Geräusch des Kugelhaufens, den der Flocken wütend gegen die Erde schleudert.

Dabei hört man es sechsmal knallen: pam, pam, pam, pam, pam, pam. Es sind 7,7 cm Schrapnells.

Man hat zwar keine grosse Achtung vor ihnen und doch ist Blesbois vor drei Tagen durch ein solches getötet worden. Sie platzen meistens zu hoch.

Barque erklärt uns die Sache ganz genau:

– Der Nachthafen schützt einem den Schädel gegen diese Bleikügelchen genügend. Es haut dir zwar die Schulter kaput und schmeisst dich um, aber 's bringt dich nicht um. Musst dich natürlich doch gut verschalen. So lange die Geschichte dauert, ist es schon besser, du ziehst die Nase ein und streckst die Hand nicht nach dem Regen aus. Aber unser 75er Geschütz erst ...

– Es hat nicht nur die 77er, unterbrach ihn Mesnil Andre. Es hat alle möglichen Kaliber. Gib mal Feuer her ...

Schrilles Pfeifen, zitterndes oder quietschendes Sausen fährt wie Peitschen durch die Luft. Dort auf dem Abhang, den man jetzt in seiner ganzen ungeheuren Ausdehnung sieht, hocken die Unsern in den Schutzlöchern. Wolken türmen sich in allen möglichen Formen auf, brennende und nebelhafte Riesenfedern, dazu die mächtigen Dampfbüschel; Sprühfeuer wirft senkrechte Fasern, und Rauchbesen breiten sich niederfallend aus – das ganze ist weiss oder graugrün, kohlenschwarz oder kupferrot, mit goldenem Widerschein oder wie mit Tintenflecken bespritzt.

Die beiden letzten sind nicht weit von uns krachend eingeschlagen. Aus der zerstampften Erde fahren zwei mächtige, schwarze und rötliche Staubballen, entfalten sich Und werden vom Wind langsam fortgetragen; und wenn sie dann ihre Aufgabe verrichtet haben, sehn sie aus wie fabelhafte Drachen.

Die Reihe unserer Gesichter schaut über den Erdrand nach der Stelle und verfolgt das Schauspiel von ihrer Gruft aus mit den Augen, mitten in diesem Land der wilden und leuchtenden Erscheinungen, im Herzen dieser Landschaft, die der Himmel drückt.

– Das sind 150er.

– Du Kalb, das sind sogar 210er.

– Es hat auch Perkussionszünder. Verdammt! Guck mal die!

Man sah eine Granate einschlagen und in einem schwarzen Qualmfächer Erde und Schutt aufpeitschen. Es sieht aus, als ob sich ein Vulkan in den Eingeweiden der Erde angesammelt hätte und nun durch die zerrissene Erdscholle hindurch wütend ausspeie.

Ein Höllenlärm umgibt uns. Es ist, wie wenn die Weltwut unaufhörlich anwachse, ununterbrochen sich vervielfache. Ein Sturm heiserer und dumpfer Schläge, wütende Schreie, durchdringende Tierlaute wüten wahnsinnig auf der qualmbedeckten Erde, in der wir bis an den Hals vergraben sind; und es ist, als ob sie der Wind der Granaten erschüttern und ins Schwanken bringen wolle.

– Du, brüllt Barque, ich hab mir erzählen lassen, sie hätten keine Munition mehr!

– Ja, ja, schon recht! kennen wir schon und die übrigen Flausen, die uns die Zeitungen klistierweise einspritzen.

Nun beherrscht ein mattes tik-tak das lärmende Durcheinander. Dieses langsame Klappergeknarre ist im ganzen Schlachtenlärm dasjenige, das einem das Herz am engsten zusammenschnürt.

– Die Kaffeemühle! 's ist eine von uns, horch mal: sie knallt regelmässig, während die deutsche unregelmässige Zwischenpausen hat; die macht tak ... tak-tak-tak ... tak-tak ... tak ...

– Du spinnst, du Nähloch! Ist ja gar nicht die Nähmaschine: ein Motorvelo ist es dort beim Unterstand 31.

– Ich glaub eher, es ist einer dort oben, der auf einem Besenstiel die Aussicht begafft, spottet Pépin, lüpft die Nase und sucht die Luft nach einem Flugzeug ab.

Nun entspinnt sich ein Streit. Man kanns nicht wissen. Es ist nun mal so. In diesem Radau verliert man sich eben, und wenn man im Unterscheiden der verschiedenen Geräusche noch so geübt ist. Hat sich doch letzthin im Wald ein ganzer Zug geirrt und glaubte, das heisere Geräusch eines Ankömmlings zu vernehmen; dabei wars ein Maulesel, der nicht weit davon seine wiehernde Stimme in Aktion setzte.

– Du, heut morgen wimmelts nicht schlecht von Leberwürsten, bemerkte Lamuse.

Und er schaut zum Himmel und zählt.

– Acht Würste bei uns und acht bei den Deutschen, sagt Cocon, der bereits nachgezählt hatte.

Ueber dem Horizonte sieht man in der Tat in regelmässigen Abständen voneinander, gegenüber den feindlichen Fesselballons, die in weiterer Entfernung kleiner scheinen, die acht langgezogenen leichten, und empfindlichen Augen der Armee. Sie sind mit den Kommandozentren durch lebendige Fasern verbunden.

– Sie sehen uns, wie wir sie sehn. Wie soll man auch den dicken Göttern da oben entweichen?

Jetzt tönt unsre Antwort!

Hinter unserm Rücken gellt in der Tat ohrenbetäubend der klare, knappe Lärm des 75er. Es kracht ohne Unterbruch.

Dieser Donner berauscht und reisst uns mit. Wir schreien mit den Kanonen und sehn uns an; verstehn uns aber nicht in diesem masslosen Getrommel, in welchem jeder Schlag einen Schuss bedeutet; man hört nur die ausserordentlich durchdringende Stimme von Barque, mit seiner »grossen Schnauze«.

Dann blicken wir vorwärts, den Kopf vorgestreckt und sehn oben auf dem Hügel die obere schwarze Reihe jener Höllenstämme, deren schreckliche Wurzeln sich in den unsichtbaren Abhang eingraben, wo der Feind sich duckt.

– Und das dort? Was ist das?

Während die 75er Batterie hundert Meter hinter uns ihr Bellen mit den klingenden Schlägen eines Riesenhammers auf dem Amboss fortsetzt und darauf ein masslos wütender Riesenschrei folgt, setzt ein gesättigtes Gurgeln ein und beherrscht das ganze Konzert. Auch das kommt von unserer Seite her.

– Der ist tipp-topp, der da!

Das Geschoss pfeift auf vielleicht tausend Meter Höhe über uns durch die Luft. Sein Lärm überdeckt alles wie ein tönender Dom. Sein Atem ist behäbiger; und man hat den Eindruck eines beleibteren und noch mächtigeren Geschosses im Vergleich zu den andern. Man hört es vorüberfliegen, vorwärts niederschweben mit dem schweren und zunehmenden Gezitter einer einfahrenden Untergrundbahn. Dann entfernt sich sein schweres Sausen. Nun beobachten wir den Hügel, der uns gegenüberliegt. Nach einigen Sekunden bedeckt ihn eine lachsfarbene Wolke, die der Wind über die eine Hälfte des Horizontes zieht und ihn damit verschleiert.

– Es ist ein 220er der Batterie vom Punkt Gamma.

– Man sieht sie, diese Geschosse, behauptet Volpatte, wenn sie aus dem Geschütz fahren. Und wenn du grad in die Schusslinie schaust, siehst du sie noch ein ganzes Stück mit blossem Aug.

Dann kommt ein zweites.

– Da! Guck! Da! Hast es gesehn, dieses? Hast nicht schnell genug hingeguckt, dann war er schon weg. Musst die Nase schneller rühren. Da! Noch eins! Hast dieses gesehn?

– Nein.

– Du altes Paket! Hast du 'ne Schicht. Dein Vater war wohl Gipser! Da, schnell! Siehst es nicht, Hanswurst?

– Hab es gesehn. War das alles?

Einige haben eine kleine, schwarze Masse bemerkt, die spitzig und fein wie eine Amsel mit anliegenden Flügeln vom Zenith, den Schnabel voraus, in einem Bogen zur Erde sauste.

– Das Zeug wiegt hundertachtzehn Kilo, jawohl, alte Wanze, sagt Volpatte stolz und wenn's auf einen Unterstand fällt, ist alles tot was drin ist. Was die Splitter nicht zerfetzen, haut der Luftzug tot; das übrige erstickt an den Gasen, bevor ihnen s' Schnaufen zur Besinnung kommt.

– Man sieht auch den 270er sehr gut; das ist ein anderes Stück Eisen, wenn der am Mörtel auseinander platzt!

– Auch den Rimailho 155er, aber man verliert ihn gleich aus den Augen, weil er gradaus fliegt und zu weit: kaum hast ihn gesehn, ist er schon zusammengeschmolzen.

In dieser Schwefelluft, die über das Land kriecht und nach schwarzem Pulverdampf, nach versengtem Stoff und ausgebrannter Erde riecht, tobt die ganze entfesselte Menagerie. Ein Brüllen und Getöse, ein wütendes, seltsames Donnern, ein Katzenmiauen, das einem die Ohren zerreisst und die Eingeweide kehrt, oder das durchdringende Kreischen eines Schiffes, das sich auf hoher See in Gefahr befindet. Manchmal sogar hört es sich an, als kreuzten sich in der Luft zwei Ausrufe, denen seltsame Tonveränderungen wie menschliche Stimmen nachtönen. Die Landschaft fährt stellenweise in die Höhe und senkt sich dann wieder; sie breitet sich vor uns von einem Horizontende zum andern als ein ungeheures Ungewitter aus.

Dazu hört man aus der Ferne das verschwommene und erstickte Brüllen der ganz grossen Kaliber. Aber an den Luftwellen, die ans Ohr schlagen, kann man die Macht jener Geschütze ermessen.

... Nun platzt und schaukelt auf dem beschossenen Gelände ein schweres grünes Watteknäuel, das sich nach allen Richtungen ausdehnt. Dieser Farbenton, der aus allen übrigen stark heraussticht, zieht alle Blicke auf sich und wir kehren unsere Gesichter wie eingesperrte Gefangene nach jenem schaurig-hässlichen Knäuel hin.

– Es sind Stickgase, wahrscheinlich. Die Gasmasken bereit halten.

– Die Schweinehunde!

– Das sind wirklich unerlaubte Mittel, meint Farfadet.

– Was sagst du? Was für Mittel? fragt Barque spöttisch.

– Na ja, unsaubre Mittel, oder? Stickgas ...

– Du hängst einem zum Halse raus, antwortet Barque, mit deinen erlaubten und unerlaubten Mitteln ... Wenn man Menschen mit eingeschlagenem Kasten oder in der Mitte durchgesägt oder von oben bis unten in Fetzen gespalten und dazu vom gewöhnlichen Kaliber, und ausgeleerte und wie mit der Heugabel ausgestreute Bäuche, eingestossene Schädel, die in die Lungen eingerannt sind, wie wenn sie mit einer Keule hineingetrieben wären, oder an Stelle des Kopfes nur noch einen kleinen Hals, aus dem 's Gehirn wie Stachelbeermus über die Brust, den Rücken und überall hinfliesst: wenn man das gesehen hat, dann soll noch einer kommen und von unerlaubten Mitteln sprechen, geh doch!

– Aber die Granaten sind doch immerhin erlaubt und eine abgemachte Sache.

– Ha, ha, ha! Soll ich dir was sagen? Na weisst, so bringst du mich nie zum Weinen, wie ich jetzt über dich lachen muss!

Und damit kehrte er ihm den Rücken.

– He! Achtung, Kinder!

Alles horcht auf; einer von uns hat sich auf den Bauch geworfen; andere blinzeln instinktiv nach dem Unterstand; den sie nicht mehr erreichen konnten; während dieser zwei Sekunden duckt sich alles. Wie das Knirschen einer riesenhaften Blechschere kommt es auf uns zu und zerschellt endlich mit dem tosenden Radau ausgeladener Blechplatten.

Es hat nicht weit von uns eingeschlagen, diesmal; vielleicht auf zweihundert Meter Entfernung. Wir bleiben im Graben in gebückter Stellung stehn, bis die Stelle von der Splitterwelle ausgepeitscht ist.

– Das müsste man auch nicht in die Mansarde kriegen, auch auf die Entfernung nicht, sagt Paradis, und zieht dabei aus der Grabenwand einen Splitter, der eben hineingefahren ist; er sieht aus wie ein kleines mit scharfen Kanten und Spitzen gespicktes Koksstück. Er lässt es aber auf seiner Hand aufhüpfen, um sich die Finger nicht zu verbrennen.

Plötzlich duckt er sich wieder und wir ebenfalls.

Bsss, bsss ...

– Die Rakete! ... Vorbei.

Der Zünder des Schrapnells steigt und fällt senkrecht herunter. Der Granatenzünder löst sich nach dem Explodieren vom übrigen ab und bleibt gewöhnlich an der Einfallstelle stecken; manchmal aber, springt er wie ein dicker glühender Kiesel, wohin es ihm gerade passt und man muss sich vor ihm hüten. Er kann noch lange nach dem Knall auf einen losfahren, über die unglaublichsten Umwege, indem er über Böschungen springt und in die Löcher taucht.

– Nichts verdammteres als ein Zünder. So passierte mir einmal ...

– Schlimmer noch, unterbrach ihn Bags von der elften Kompagnie, sind die österreichischen 130er und die 74er. Vor ihnen hab ich Angst. Sie seien vernickelt, heisst es; was ich aber weiss, ich war nämlich dabei, das ist, dass man kaum Zeit hat, ihnen aus dem Wege zu gehn, so schnell machen die; kaum hörst du sie schnurren, da platzen sie dir auch schon ins Maul.

– Beim deutschen 105er hast du auch kaum Zeit, dich auf den Boden zu drücken und deine Koteletts zu sichern. Das haben mir mal Artilleristen erklärt.

– Na weisst du, Marinekanonen, da hast du nicht mal Zeit, die Ohren aufzusperren und schon musst du den Kerl längst einkassieren.

– Dann hat's die Saugranaten, die erst auf dem Boden rumhüpfen, hineinfahren und wieder raus auf sechs Meter Distanz und dann erst verrecken ... Wenn's solche hat, hab ich schon den Datterich. Ich weiss einmal. –

– Das ist alles noch lange nichts, sagte der neue Sergeant, der gerade vorbeiging und stehn blieb. Ihr hättet sehn sollen, was sie uns angeschmissen haben, wo ich grad herkomm. Nichts als 380er, 420er und zwei 44er. Wenn du da angeknallt worden bist, kannst du sagen, du weisst, was es heisst, angeknallt zu werden! Die Wälder, wie 's Korn weggemäht. Alle Unterstände haben was abgekriegt und sind eingerannt durch alle drei Balkenschichten durch. Alle Strassenkreuzungen begossen, die Wege in die Luft gejagt und, wie wenn eine Trainkolonne drauf zum Teufel gegangen wäre, verreckte Kanonen, Leichen ineinandergedreht, schaufelweise in Haufen. Dreissig Kerle hast du alle miteinander umfliegen sehn an der Kreuzung; andre sah man in die Luft fliegen, die drehten sich in der Luft bis fünfzehn Meter hoch, und Hosenfetzen blieben oben an den Bäumen hängen, wo noch Bäume standen. Da hast du gesehn, wie so'n 380er in ein Haus fuhr, in Verdun, zum Dach rein, zwei, drei Stockwerke durch, und unten geplatzt, der ganze grosse Stall mit in die Luft. Und draussen flogen ganze Bataillone auseinander und legten sich auf den Bauch unter dem Sturm wie kleines, wehrloses Wild. Da siehst du auf Schritt und Tritt auf den Feldern armdicke Splitter und so breit, und vier Mann mussten dran lüpfen an dem Stück Eisen. Die Felder, wie mit Felsen gespickt! ... Und das ging Monate lang. Na, was sagst du jetzt noch? Sagst du noch was? wiederholte der Sergeant und entfernte sich, seine Erzählung wahrscheinlich anderenorts wieder anzubringen.

– Da schau mal, Korporal, die dort, sind die verrückt?

Man sah auf dem beschossenen Gelände kleine Menschlichkeiten eiligst nach der Stelle rennen, an der die Granate geplatzt war.

– Das sind Bummser, sagt Bertrand, die laufen, sowie ein Kochtopf geplatzt ist, hin und schauen nach dem Zünder, weil man an der Stellung des Zünders und wie er eingeschlagen hat, die Batteriestellung und die Distanz einfach ablesen kann, verstehst du; die Distanz steht nämlich auf dem Zünder eingeritzt im Moment, wo man die Sicherung wegnimmt.

– Aber Schwindel haben sie wohl keinen, die Kerle, sich bei so 'nem Platzregen rauszuwagen.

– Die Artilleristen, mein Lieber, sagt einer aus einer andern Kompagnie, der gerade vorbeigeht, die Artilleristen, die sind entweder ganz gut oder ganz schlecht. Entweder sind sie Primanummern oder es ist Abfall. Kannst mirs glauben, ich ...

– Das ist so bei allen Soldaten, was du sagst.

– Möglich. Aber ich red nicht von allen Soldaten, ich red von den Artilleristen, und das sag ich dir ...

– He, Kinder, wolltet ihr eure Knochen nicht irgendwo unterstellen, wir kriegen sonst noch einen Splitter in die Fresse.

Darauf steckt der fremde Spaziergänger seine Geschichte wieder ein, und Cocon, der an Widerspruchsgeist litt, erklärte:

– Gehst ja vor Langweile kaput in deiner Hütte, wenns draussen schon zum verrecken langweilig ist.

– Da, dort schmeissen sie mit Torpedos! sagt Paradis, indem er auf unsere Stellungen deutet; sie stehn oben auf dem rechten Flügel.

Die Torpedos steigen beinahe senkrecht wie Lerchen in die Luft, flattern und rauschen, dann bleiben sie stehen, stutzen und stürzen senkrecht ab und geben im letzten Augenblick einen leicht erkennbaren Kinderschrei von sich. Von hier sieht es aus, als seien oben auf dem Hügelkamm unsichtbare Ballspieler aneinander gereiht.

– In der Argonne, schreibt mein Bruder, kriegen sie Turteltauben, wie sie's nennen, erzählt Lamuse. Es sind grosse, schwere Dinger, die von nahem abgeschossen werden. Wenns anschwirrt, girrt das, weiss Gott, schreibt er; und wenns krepiert, dann stell dir den Schutthaufen vor, schreibt er.

– Es gibt doch nichts gemeineres als die Knallfrösche, grad als liefen sie einem nach und als wollten sie einen anspringen und mitten im Graben platzen sie, glatt über der Böschung.

– Da, hast du gehört?

Ein Pfiff sauste auf uns zu und ist plötzlich verstummt. Es war ein Blindgänger,

– Das ist einer, der »Scheisse« sagt, bemerkt Paradis.

Und dann spitzt man die Ohren und möchte noch andere sausen hören oder auch nicht hören.

Lamuse meint:

– In dieser Gegend sind die Felder, die Strassen, die Dörfer, alles ist gespickt mit Blindgänger von allen Kalibern; auch von den unsern, das muss man sagen. Es hat sicher haufenweise in der Erde, die man nicht sieht. Wie man's wohl später andrehn wird, wenns mal heisst: »So jetzt müsste man wieder mal ans Pflügen denken«.

Und weiter donnert das Feuer- und Eisengewitter mit erbitterter Eintönigkeit: die Schrapnells sausen mit ihrer metallnen und wutschwangeren Seele und die dicken Granaten wie eine tosende Lokomotive in voller Fahrt, die plötzlich an einer Mauer zerschellt und es klirrt wie eine Ladung Schienen oder Stahlpfeiler, die einen Abhang hinunterrollte. Die dumpfe Luft verdichtet sich allmählich, und schwere Atemzüge durchstossen sie; um uns herum wütet und wühlt das Morden immer weiter in der Erde, immer tiefer, immer schonungsloser.

Andere Kanonen noch greifen ein. Das sind die unsern. Sie tönen ähnlich wie die 75er, aber stärker und mit einem langgezogenen und rollenden Echo wie der Donner, der in den Bergen widerhallt.

– Es sind die langen 120er. Sie stehn am Waldrande, einen Kilometer von uns entfernt. Patente Kanonen, mein Lieber, die sehn aus wie graue Windhunde. Dünn sind sie, mit einem feinen Schnabel. Du möchtest ihnen gerade »gnädige Frau« sagen. Das ist nicht so wie die 220er. Die sind nix wie'n einziges Maul, grad wie'n Kohleneimer, der Granaten in die Luft spukt. Die leisten schon was, aber wenn sie auf der Landstrasse fahren, sehn sie aus, wie verkrüppelte Bettler auf ihrem Wägelchen.

Die Unterhaltung gerät ins Stocken. Man gähnt hie und da.

Der grenzenlose Umfang dieses Artilleriewolkenbruches ermüdet die Geister. Die Stimmen wehren sich dagegen wie Ertrinkende.

– So 'ne Schiesserei hab ich noch nicht gesehen, schreit Barque.

– So heisst es bei jeder, bemerkt Paradis.

– Ja, brüllt Volpatte, und doch hiess es dieser Tage was von Angriff. Das ist sicher der Anfang von irgend was, sag ich dir.

– So! antworten die andern einfach.

Volpatte hat die Absicht, ein Schläfchen zu machen, er hockt auf der Erde, den Rücken an die eine Grabenwand gelehnt, die Sohlen gegen die andere gestemmt.

Man spricht noch von diesem und jenem. Biquet erzählt die Geschichte einer Ratte, die er gesehn hat.

– Das war ein gerissenes Luder, weisst du ... Ich hatte meine Kähne ausgezogen; kommt da nicht die Ratte und möcht mir Spitzenlöcher in die Schäfte reinfressen! Ich hatte sie allerdings mit Fett eingeschmiert.

Volpatte aber, der schon regungslos da lag, rührt sich plötzlich und sagt:

– Man kann nicht schlafen bei euerem Geschwätz!

– Wirst doch nicht behaupten, alter Fetzen, dass du bei dem Knallradau hier schlafen kannst, meinte Marthereau.

– Chaa, antwortete Volpatte, der bereits schnarchte.

*

– Antreten! Vorwärts marsch!

Man führt uns an einen andern Ort, aber wohin? Keine Ahnung. Alles was man weiss, ist, dass wir Reserven sind und wir irgendwo nacheinander gewisse Stellen wieder in Stand setzen und die Laufgräben räumen müssen, denn in diesen Laufgräben ist der Durchmarsch von Abteilungen, wenn Zusammenstösse und Stockungen verhütet werden sollen, so kompliziert wie das Ein- und Ausfahren in einem Bahnhof in vollem Betrieb. Man begreift unmöglich den Sinn des ungeheuren Manövers, in welchem unser Regiment wie ein kleines Rad mitrollt; ebensowenig errät man, was auf der grenzenlosen Breite unseres Sektors vor sich geht. Aber eins versteht man aus den Tiefgründen dieses gewundenen Grabens heraus, in welchem man ohne Unterlass hin und her geht, gebrochen, abgeschunden und mürbe vom langen Stehn, blödsinnig vom Warten und vom Getöse, vergiftet vom Rauch, eins versteht man, dass nämlich unsre Artillerie immer stärker eingreift und dass die Offensive auf unsere Seite übergegangen zu sein scheint.

*

– Halt!

Eine heftige, wütende, unerhörte Gewehrsalve peitschte die Böschung des Grabens dort, wo wir jetzt gerade halten mussten.

– Fritz spuckt. Er befürchtet einen Angriff; er wird wahnsinnig. Herrgott, schmeisst der heut!

Ein dichter Hagel hieb auf uns ein; furchtbar durchhackte er den Raum, pfiff über die ganze Ebene und schabte die Erde.

Ich schaute durch eine Schießscharte und hatte eine blitzartige, seltsame Vision:

Vor uns, auf höchstens zehn Meter Entfernung, lagen regungslos Gestalten nebeneinander. Es war eine Reihe niedergemähter Soldaten, und von allen Seiten flogen wie ein Dunst die Kugeln heran und durchlöcherten jene Totenreihe!

Die Kugeln ritzten einen geraden Strich in die Erde und warfen ein wenig Staub auf, dann durchlöcherten und zerpflügten sie die Leichen, die erstarrt auf dem Boden lagen, zerschmetterten ihnen die Glieder, fuhren in die fahlen und leeren Gesichter, durchstachen spritzend wässerige Augen, und man sah, wie sich die Totenreihe unter dem Kugelregen ein wenig rührte und stellenweise verschoben wurde.

Man hörte das dumpfe Knallen, wenn die Kupferspitzen in den Stoff und die Haut eindrangen; es klang wie das Geräusch eines rasenden Messerhiebes und eines sausenden Stockschlages auf Kleider, über uns raste eine Garbe schrill sausend vorüber mit dem stets sinkenden und ernster werdenden Begleitgesang der Prallschüsse. Und wir duckten den Kopf unter diesem schrecklichen Wind schreiender Stimmen.

– Den Graben freimachen, vorwärts!

Jetzt verlassen wir das winzige Pünktchen des Schlachtfeldes, auf dem das Gewehrfeuer auf's neue die Leichen zerreisst, verwundet und nochmals tötet. Wir gehn nach rechts und zurück. Der Verbindungsgraben steigt an. Auf der Höhe kommen wir an einem Telephonposten und an einer Gruppe Artillerieoffiziere und Artilleriesoldaten vorbei.

Hier wird wiederum Halt gemacht. Man trippelt auf der Stelle, auf der man steht und hört dem Artilleriebeobachter zu; er gibt Befehle, die ein neben ihm vergrabener Telephonist auffängt und wiederholt.

– Erstes Geschütz gleicher Aufsatz. Zwei Zehntel links. Drei Geschosse in der Minute!

Einige von uns haben die Köpfe über die Grabenböschung hinausgewagt und konnten in einem blitzartigen Augenblick das ganze Schlachtfeld übersehn, um das sich unsere Kompagnie seit heute früh herumdrückt.

Ich habe eine graue grenzenlose Ebene gesehn; es war als jagte der Wind über ihre ganze Breite verschwommene und leichte Staubwolken, die stellenweise als spitzigere Rauchwellen aufschlugen.

Der grenzenlose Raum, über den die Sonne und die Wolken schwarze und weisse Flecke hinstreuen, blitzt von Stelle zu Stelle dumpf auf; es sind unsere Batterien, und ich sah einen Augenblick kurze Blitze über die Ebene flimmern. Dann verwischte ein dunstiger und weisslicher Schleier wie ein Schneesturm die Landschaft wieder.

Am Horizont dieser endlosen, trübseligen Felder, die halb verwischt und lumpenfarbig wie eine Totenstadt durchlöchert starren, sieht man das zierliche Skelett einer Kirche; es sieht aus wie ein Stück zerrissenes Papier, über dem ganzen Bild aber stehn eng neben einander unterstrichene Senkrechten, wie die Grundstriche einer Schreibübung. Es sind die Strassen mit ihren Bäumen. Dünne, gekrümmte Linien durchkreuzen die Ebene und teilen sie in Vierecke ein, worin man Soldaten wie kleine Punkte stehen sieht.

Dann unterscheidet man andere Striche, die aus solchen menschlichen Pünktchen bestehen, aus den hohlen Linien heraustreten und sich mitten in diesem furchtbaren Gewitter auf der Ebene vorwärts bewegen.

Man stellt sich nur mühsam vor, dass ein jedes dieser winzigen Pünktchen ein zitterndes, zerbrechliches und im Raume gänzlich schutzloses Wesen aus Fleisch und Blut ist, beseelt von einem tiefen Gedanken, voll von Erinnerungen und reich an Vorstellungen; und man steht geblendet vor diesem Staubregen von Menschen, die so klein sind wie die Sterne am Himmel.

Ihr armen, die ihr unseresgleichen seid, ihr unbekannten Menschen, ihr seid in diesem Augenblicke an der Reihe! Ein anderes Mal wird es an uns sein. Morgen vielleicht wird der Himmel über unseren Häuptern bersten oder die Erde wird sich unter unsern Füssen öffnen; dann werden wir den furchtbaren Ansturm der Geschosse erfahren und gepeitscht werden von diesen Gewitterstössen, die hunderttausendmal das gewöhnliche Gewitter an Heftigkeit übertönen.

Man schiebt uns in die hinteren Unterstände, und das Feld des Todes erlischt vor unsern Augen. Dumpfer tönt jetzt der Donner auf dem Riesenamboss des Gewölkes. Der Lärm der grenzenlosen Zerstörung verstummt. Unsere Korporalschaft verkriecht sich egoistisch in die wohlbekannten Geräusche des Lebens und duckt sich in die heimelige Enge der Schutzhütten.

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