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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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I.

Die Vision.

Gegenüber der Dent du Midi, der Aiguille Verte und dem Mont-Blanc schauten auf der Liegehalle des Sanatoriums blutlose Gesichter aus den Decken.

Die Terrasse überragt auf der ersten Etage des Palace-Sanatoriums die Welt, hängt gleichsam frei in der Luft mit ihrer geschnitzten Holzgalerie und ihrer Glaswand, die sie vor Winden schützt.

Nichts regt sich unter den feinen, roten, grünen, tabakbraunen und weissen Wolldecken, aus denen die strahlenden Augen zarter Gesichter blicken; denn auf den Liegestühlen herrscht völliges Schweigen. Jemand hustet, dann hört man nur noch zuweilen das Geräusch einer Buchseite, die nach regelmässigen Pausen gewendet wird; dann und wann auch murmelt jemand eine leise Frage, auf die der Nachbar ebenso leise antwortet; plötzlich wieder schnurrt ein Fächergeräusch, wenn die Krähen aufflattern und in der klaren Luft wie ein schwarzer, perlender Rosenkranz davonfliegen.

Das Schweigen ist hier Gebot. Uebrigens haben jene reichen und unabhängigen Menschen, die sich aus allen Weltgegenden, vom gleichen Unglück heimgesucht, hier eingefunden haben, die Gewohnheit der Unterhaltung verloren. Sie sind mit sich selbst beschäftigt und denken über ihr eigenes Leben und über ihr eigenes Ende nach.

Ein Zimmermädchen ist auf der Liegehalle erschienen; sie schreitet sanften Schrittes in ihrer weissen Tracht und bringt Zeitungen, die sie verteilt.

– Der Würfel ist geworfen, sagt einer, der die Zeitung zuerst entfaltet hatte, der Krieg ist erklärt.

Wie sehr man auch auf diese Nachricht gefasst war, so ruft sie dennoch eine gewisse Bestürzung hervor; denn man ahnt das grenzenlose ihrer Tragweite.

Jene denkenden und gebildeten Leute, die, durch ihr Leiden vertieft, sich von den Dingen und vom Leben fast losgesagt haben und der übrigen Welt fernstehn, als seien sie schon ein Stück Nachwelt, – sie schauen vor sich ins Weite nach jenem Reich der Lebenden und der Wahnsinnigen hin, die sie nicht mehr verstehn.

– Es ist ein Verbrechen, das Oesterreich begeht, meint der Oesterreicher.

– Frankreich muss Sieger sein, sagt der Engländer.

– Ich hoffe, Deutschland wird besiegt werden, sagt der Deutsche.

*

Dann ziehn sie ihre Decken und ihre Kissen wieder zurecht, und vor ihnen leuchten die Berge am Himmel. Aber die Stille und die klare Luft sind voll jenes Ereignisses, das sich soeben offenbart hat.

– Krieg!

Einige wiederholen das Wort auf ihren Liegestühlen, sprechen es halblaut in die Stille hinein und denken darüber nach, dass es das grösste Ereignis der modernen Zeit und vielleicht der ganzen Weltgeschichte bedeutet.

Zugleich steigt, durch die Nachricht heraufbeschworen, ein düsterer Traum der Wirrnis über die friedvolle Landschaft, an der die starren Blicke jener Menschen haften.

Vom friedlichen Tal herauf mit seinen rosenfarbenen Dörfern, von den samtweichen Weiden her, von den farbenschwangeren Flächen der Berge, dem schwarzen Spitzengewebe der Tannen und dem weissen Spitzentuch des ewigen Schnees her bewegt es sich plötzlich wie lärmendes Menschendurcheinander.

Menschenmassen regen sich in sichtbaren Haufen; auf den Feldern stürzen sie zum Sturm vor, Welle auf Welle und bleiben plötzlich stecken; Häuser werden aufgeschlitzt wie Menschenleiber, und Städte stürzen wie jene Häuser. Dörfer liegen in kalkweissem Schutt, als wären sie vom Himmel auf die Erde geplatzt. Nun schleppen sich Ladungen von Toten und Verwundeten durch die Ebenen.

An den Grenzen nagt der Mord und die Nationen reissen sich ohn' Unterlass frische, vollblütige Soldaten vom Herzen; und man verfolgt mit den Augen diese Zuflüsse lebendiger Kraft in den Strom des Todes.

Im Norden, im Süden und im Osten, überall toben Schlachten in der Ferne; wohin man sich auch wendet, es gibt keine Himmelsrichtung, die nicht auf den Krieg deute.

Einer jener Bleichen zählt, auf dem Ellbogen gestützt, mit seherischem Geist die Kriegführenden auf, die gegenwärtigen und die zukünftigen: Dreissig Millionen Soldaten. Ein anderer aber stammelt, den Blick voller blutender Bilder:

– Zwei Armeen, die sich bekämpfen, sind eine grosse Armee, die Selbstmord an sich übt.

– Man hätte es nicht so weit kommen lassen sollen, meint der erste in der Reihe mit tiefer, schwindsüchtiger Stimme.

Ein andrer fügt hinzu:

– Es ist der Wiederbeginn der französischen Revolution.

– Die Throne werden wackeln! prophezeit einer murmelnd.

Der dritte aber fügt hinzu:

– Vielleicht ist es der letzte Krieg.

Dann tritt Schweigen ein und ein Schaudern geht über manche Gesichter, auf denen die fahle Tragödie der Nacht und die schweissfeuchte Schlaflosigkeit ihre bleichen Spuren hinterlassen hatte.

– Dem Krieg ein Ende setzen! Kann man wohl den Kriegen ein Ende setzen? Die Wunde der Welt ist nicht heilbar!

Jemand hustet. Dann leuchtet wieder im herrlichen Frieden der Sonne das Bild der prunkenden Wiesen, mit den glatten, sanften Kühen und den schwarzen Wäldern, den grünen Flächen und den blauen Fernen, dahinter die blutige Vision und der rote Schein des Feuers erlischt, in welchem die alte Welt brennend untergeht. Im grossen Schweigen verstummen die Hassgesänge und die Leiden der unheilvollen Weltverwirrung. Mählich zieht sich auf der Liegehalle jeder wieder in sich selbst zurück und seine Gedanken halten sich wieder an das Geheimnis seiner Lungen und das Heil seines Leibes.

Um die Stunde aber, da der Abend ins Tal schleicht, platzt ein Gewitter über dem Rücken des Mont-Blanc.

Dann ist es verboten auszugehen; denn der Abend ist heimtückisch; verspürt man doch selbst auf der Veranda – diesem Hafen, in den jene sich geflüchtet haben –, die letzten Wellen des Windes.

Diese Schwerverwundeten, die eine innere Wunde frisst, heften die Blicke auf jenes Bersten der Elemente: sie schauen zu, wie über dem Berg der Donner kracht und Wolkenbarren aufpeitscht wie ein Meer; wie er jedesmal zugleich einen Feuerpfeil ins Abenddämmern schleudert und Wolkensäulen türmt. Dann verfolgen jene fahlen Gesichter mit hohlen Wangen den Flug der Adler, die am Himmel kreisen und durch den Abenddunst hindurch vom Himmel auf die Erde hinabsehen.

– Den Kriegen ein Ende setzen, denken sie. Kann man den Gewittern ein Ende setzen?

Jene beschaulichen Menschen aber, die, an der Schwelle der Welt, geläutert von den Leidenschaften der Parteien, befreit von übernommenen Begriffen und von der blinden Macht der Ueberlieferung, das Leben überdenken, fühlen etwas wie von einer grossen Einfachheit der Dinge und ahnen Möglichkeiten, die sich auftun.

Der erste in der Reihe aber ruft aus:

– Sieht man dort unten nicht kriechende Kreaturen?

– Ja ... es sind wie lebendige Wesen.

– Sie sehn wie Gewächse aus ...

– Sind es nicht Menschen?

Im schaurigen Blitzlicht des Gewitters, unter zerfetzten Wolkenschatten, die sich dehnen und sich über die Erde strecken gleich unseligen Engeln, glauben sie eine weite Ebene zu schauen. Gestalten kriechen aus der Ebene, die lauter Kot und Wasser ist, und sie krampfen sich wie schiffbrüchige Ungeheuer an die Erde, unter der Last des Kotes, der sie blind macht. Den Beschauern aber ist, als seien es Soldaten. Die ungeheure Ebene trieft von Feuchtigkeit und die parallelen Spuren langer Kanäle durchfurchen sie; Löcher bohren sich voll Wasser in die Erde. Jener Schiffbrüchigen aber, die aus der Erde kriechen, sind es Unzählige ... Und die dreissig Millionen Sklaven, die das Verbrechen und der Irrtum in jenen Krieg des Kotes gestürzt, heben ihr Menschenantlitz empor, in welchem endlich ein Wollen keimt. Die Zukunft liegt in den Händen der Sklaven und man versteht nun, dass eine neue Welt erstehn wird in der Verbrüderung jener, deren Zahl und Elend ohne Grenzen sind.

*

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