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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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XVIII.

Die Streichhölzer.

Es ist fünf Uhr abends. Man sieht sie alle drei unten im Schützengraben hantieren.

Sie sind schrecklich anzusehen, schwarz und finster hocken sie im Erdloch um den erloschnen Herd. Der Regen und die Unaufmerksamkeit haben das Feuer ersterben lassen; nun starren die vier Köche auf die schwarzen Holzleichen, die in der Asche liegen und auf die Trümmer des Herdes, aus dem die Flamme entfloh, und der nun erkaltet daliegt.

Jetzt schwankt Volpatte hinzu und schmeisst einen schwarzen Block, den er auf der Schulter trägt, auf den Boden.

– Ich hab ihn von einem Unterstand abgerissen, ohne dass man's gerade sieht.

– Holz wäre da, sagt Blaire, aber Feuer? Wie soll das Fleisch sonst gar werden?

– Es ist noch ein schönes Stück, seufzt eine schwarze Gestalt. Es ist ein Bruststück; das ist mir das liebste am Rind.

– Feuer! verlangt Volpatte. Es sind keine Streichhölzer mehr da, nichts mehr.

– Feuer muss her! knurrt Poupardin, der unentschlossen wie ein Bär im dunkeln Käfig hin- und hertappt.

– Da gibt's keine Würste, Feuer muss her, bestätigt Pépin, der aus dem Unterstand herausragt wie ein Kaminfeger aus einem Kamin.

Er kriecht als graue Masse heraus, wie die Nacht in den Abend kriecht.

– Reg dich nur nicht auf, ich werd schon Feuer auftreiben, erklärt Blaire mit einer Wut, die sich zum Entschlusse aufrafft.

Er ist noch nicht lange Koch und möchte sich seiner Aufgabe auch in dieser schwierigen Lage gewachsen zeigen.

Er spricht wie seinerzeit Martin Césare, als dieser noch am Leben war. Und er denkt an den grossen, berühmten Koch, der immer Feuer fand, und eifert ihm nach wie mancher Offizier, der sich Napoleon zum Vorbild machte.

– Ich werde, wenn's sein muss, das Bataillonskommando abholzen bis auf die Knochen. Ich werde die Streichhölzer des Obersten requirieren.

– Los! Gehn wir Feuer holen.

Poupardin geht voraus. Sein Gesicht ist düster wie der Boden eines Kochtopfes, dem das Feuer mit der Zeit eine Schmutzschicht eingeglüht hat. Es ist unheimlich kalt, darum hat er sich eingewickelt. Er steckt in einem Pelz, halb Ziege, halb Schaf, halb braun, halb weisslich. In dieser doppelfarbigen Kleidung, auf der die Farben mathematisch genau voneinander getrennt sind, sieht er aus wie ein kabalistisches Getier.

Pépin trägt eine Mütze; sie ist so schwarz und hat einen so schmierigen Glanz, dass sie unter dem Namen baumwollene Seidenmütze bekannt ist. Volpatte ist in eine Sturmkappe und verschiedentliches Wollzeug eingewickelt und sieht einem wandelnden Baumstamm gleich. Oben an diesem dicken und massiven Block, der sich nach unten in zwei Beine gabelt, wird das ausgeschnittene Viereck eines gelben Gesichtes sichtbar.

– Gehn wir zu No. 10. Dort haben sie immer alles, was man braucht. Sie ist auf der Pylônesstrasse, weiter als der neue Laufgraben.

Die vier erschreckenden Riesenaffen setzen sich in Bewegung. Sie schreiten durch den Schützengraben, der sich vor sie hinschlängelt wie eine düstre, unsichere und dunkle Gasse ohne Pflaster. Er ist übrigens an dieser Stelle unbewohnt; denn hierdurch läuft die Grenze zwischen der ersten und der zweiten Linie.

Die nach Feuer ausgegangenen Köche begegnen im staubigen Abend zwei Marokkanern. Der eine ist schwarz wie ein schwarzer Stiefel und der andere gelb wie ein gelber Stiefel. Bei dieser Begegnung flackert in den Köchen eine kleine Hoffnungsflamme auf.

– Streichhölzer, Kinder?

– Kuchen! antwortet der Schwarze und zeigt lachend seine langen Porzellanzähne, die das braune Saffianleder seiner Lippen umrahmt.

Dann tritt der Gelbe herzu und fragt seinerseits:

– Tabak? Ein bisschen Tabak?

Und dabei hält er seinen Resedaärmel hin und streckt seine polierte und gebeizte Eichenholzhand heraus, in deren Falten die Beize eingetrocknet ist. Das ganze läuft in violette Fingernägel aus.

Pépin knurrt, sucht seine Taschen durch, holt ein Häufchen Tabak und Staub heraus und reicht es den Schützen.

Ein wenig weiter begegnen wir einem Wachtposten; er sitzt in einem Erdrutsch und ist in der Abenddämmerung halb eingeschlafen. Der verschlafene Soldat zeigt uns den Weg an.

– Rechterhand und dann nochmal rechts rum und dann gradaus. Aber verlauft euch nicht.

Dann geht's wieder weiter, eine lange Strecke noch.

– Wir müssen schon ziemlich weit sein, sagt Volpatte, nachdem wir eine halbe Stunde in der eingeengten Einsamkeit unnütz gelaufen waren.

– Du, mir scheint, es geht verdammt bergab, nicht? macht Blaire.

– Nur keine Angst, alter Fetzen, spottet Pépin; aber wenn du den Schlotterich hast, hock ab.

Aber wir gehn noch weiter; unterdessen bricht die Nacht an ... Wir begegnen keinem Menschen, der Graben ist schrecklich leer und dehnt sich furchtbar in die Länge; jetzt sieht er merkwürdig verwahrlost aus. Die Böschungen sind zerstört; Erdrutsche haben ihre Erde über den Grabenboden geschüttet; es geht sich darauf, wie auf einer Rutschbahn.

Ein leises Bedenken steigt allmählich den vier klotzigen Feuerjägern auf, während sie bei sinkender Nacht in den schaurigen Engpass eindringen.

Pépin läuft jetzt voraus; plötzlich bleibt er stehn und streckt die Hand zum Zeichen, dass wir anhalten sollen.

– Man hört Schritte ..., flüstern sie mit verhaltener Stimme ins Abenddunkel hinein.

Dann befällt sie in ihrem Innersten die Angst. Sie hätten sich nicht so weit von ihrem Unterstand entfernen sollen. Es ist strafbar; und man kann nie wissen, was kommen kann.

– Drückt euch da rein, sagt Pépin, schnell!

Er deutet dabei auf eine rechteckige Spalte im Boden.

Sie betasten diesen reckteckigen Schatten mit der Hand; er entpuppt sich als der Eingang eines Unterstandes. Nun verkriechen sie sich einer nach dem andern in den Schlupfwinkel; der letzte drängt die andern ungeduldig vor und schliesslich hocken sie zusammengedrückt im Schattenklotz dieses Erdloches.

Dann hört man die Schritte näher kommen, und Stimmen werden deutlich.

Aus dem Unterschlupf, den die vier Soldaten dicht besetzen, wagen sich Hände tastend heraus. Plötzlich murmelt Pépin mit halberstickter Stimme:

– Was ist das? ...

– Was? fragen die andern, die sich gegen ihn drängen und drücken.

– Stücklader! sagt Pépin leise ... deutsche Stücklader, also sind wir in einem deutschen Verbindungsgraben.

– Drücken wir uns.

Und die drei Soldaten drängen ihn hinaus.

– Achtung, verdammich! Still! ... die Schritte ...

Man hört Schritte. Und zwar sind es die schnellen Schritte eines einzelnen Mannes.

Nun sind sie ganz still und halten den Atem an. Ihre Augen starren auf den Boden und sehn, wie sich rechts die Schatten der Nacht bewegen; dann löst sich ein Schatten mit Beinen von ihnen ab, nähert sich und geht vorüber; dann erkennt man die Silhouette; sie trägt einen Helm mit Ueberzug, unter dem man die Spitze errät. Man vernimmt kein anderes Geräusch, nur die Schritte des Vorübergehenden.

Kaum ist aber der Deutsche vorbei, da stürzten die vier Köche wie auf eine Verabredung hinaus, stolpern übereinander, laufen wie verrückt und werfen sich auf den Deutschen.

– Kamerad, meine Herren! sagt dieser.

Aber schon sah man die Klinge eines Messers blitzen und verschwinden. Der Mann fällt zusammen, als ob er in den Erdboden versinken wolle. Pépin erwischt ihn am Helm, der ihm in den Händen zurückbleibt, während der Leichnam zu Boden sinkt.

– Jetzt los! knurrte Poupardin.

– Sucht ihn zuerst aus!

Man richtet ihn auf, wendet und hebt diesen kraftlosen, feuchten und lauen Leichnam. Plötzlich hustet er.

– Er ist nicht tot.

– Doch, er ist tot. Es war nur der Wind.

Man kehrt ihm die Taschen um und hört dabei den hastigen Atem der vier Leute, die sich ihrer Verrichtung hingeben.

– Der Helm gehört mir, sagt Pépin. Ich hab ihn erstochen. Ich will den Helm.

Man nimmt dem Leichnam noch die Brieftasche ab, die Papiere drin sind noch warm, und den Feldstecher, den Geldbeutel und die Gamaschen.

– Streichhölzer! schreit Blaire und schüttelt eine Streichholzschachtel. Er hatte Streichhölzer!

– Ha! Der Hund! schreit Volpatte, ganz leise.

– Aber jetzt los, mit der ersten Geschwindigkeit!

Sie legen den Leichnam in eine Ecke und laufen im Galopp davon, wie von einer Panik befallen und ohne sich um den Lärm ihrer zügellosen Flucht zu kümmern.

– Hier rum! ... dort rum! ... Vorwärts, Kinder, Laufschritt!

Dann sagen sie kein Wort mehr und rennen durch das Labyrinth des schrecklich leeren Grabens.

– Hab keinen Wind mehr, sagt Blaire, ich verreck ...

Er stolpert und bleibt stehen.

– Nur los! Alter Knochen, lupf die Haxen, knirscht Pépin, heiser und atemlos.

Er packt ihn dabei am Aermel und zerrt ihn fort, wie ein störrisches Gabelpferd.

– Da sind wir schon! sagt Poupardin plötzlich.

– Jawohl, ich erkenn den Baum noch.

– Es ist die Pylônes-Strasse!

– Ah! seufzt Blaire, den die Atemzüge wie einen Motor rütteln. Dann wirft er sich mit einem letzten Anlauf vorwärts auf die Erde.

– Halt, wer da! schreit im gleichen Augenblick ein Wachtposten.

– Nanu! stottert derselbe, als er die vier Soldaten erblickt. Woher kommt ihr denn?

Nun lachen und tanzen sie wie Hanswürste, schweisstriefend und blutbeschmiert, so dass sie im Abend noch schwärzer aussehn; dabei glänzte der deutsche Offiziershelm in Pépins Händen.

– Gottverdammich, hört doch mal auf! knurrt der verblüffte Wachtposten; was habt ihr denn nur? ...

Aber eine überschwängliche Reaktion regt sie auf und macht sie verrückt.

Sie reden alle durcheinander und erzählen mit hastigen und verworrenen Worten von dem Drama; allmählich erst kommen sie zu sich, ohne noch im vollen Besitze ihres Bewusstseins zu sein. Sie hatten den halb eingeschlafenen Wachtposten stehen gelassen, hatten sich aber verlaufen. Dann waren sie in den internationalen Schlauch geraten, der zur Hälfte den Deutschen, zur Hälfte uns gehört. Zwischen dem deutschen und dem französischen Stück aber hat's keine Grenze, keine Absperrung. In der Mitte liegt nur eine neutrale Zone, gewissermassen, die an ihren beiden Enden von zwei Horchposten ununterbrochen bewacht wird. Wahrscheinlich war die deutsche Wache nicht auf ihrem Posten, oder sie hatte sich versteckt, als sie vier feindliche Schatten herankommen sah; vielleicht hatte sie sich auch zurückgezogen und hatte keine Zeit mehr gehabt, Verstärkung herbeizuholen. Vielleicht war auch der deutsche Offizier zu weit in die neutrale Zone geraten ... Kurz, man versteht schon, was vor sich gegangen ist, ohne es recht zu wissen.

– Das komischste dabei ist, sagte Pépin, dass wir das alles vorher wussten und dass doch keiner davor gewarnt hat.

– Wir suchten eben Feuer! sagte Volpatte.

– Und wir habens gefunden! schrie Pépin. Hast du die Feuerstengel nicht verloren, alter Besen?

– Bist verrückt! sagt Blaire. Die deutschen Zündhölzer sind besser als die unsern. Und sonst haben wir nichts zum anzünden! Da müsst mir einer schon die Hand abschneiden, wenn ich die Streichhölzer verlieren müsst!

– Höchste Zeit ist es. Das Fleischwasser ist schon am zufrieren. Jetzt mal schnell, los! Nachher gehn wir in die Kloake, wo die andern hocken und erzählen ihnen den Witz mit dem Deutschen.

*

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