Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henri Barbusse >

Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
Schließen

Navigation:

XVII.

Die Sappe.

Die Briefe wurden ausgeteilt; alles stand im Gedränge durcheinander; der eine freute sich über den Empfang eines Briefes, der andere nur halb über eine Postkarte, ein anderer wieder nahm die Last neuer hoffender Erwartung schnell wieder auf. Aus dem Gedränge heraus aber schwang einer einen Fetzen und teilt uns etwas ausserordentliches mit.

– Weisst du noch, das alte Schnüffel-Wiesel, aus Gauchin?

– Der alte Knax, der nach dem Schatz schnupperte?

– Eben der, gefunden hat er ihn!

– Nicht möglich! Du spinnst ...

– Wenn ich dir's sage, du Fettklotz; soll ich dir sonst noch was herleiern? Die Messe vielleicht? Die kann ich nicht ... Der Alte hat 'ne Bombe in seinen Käfig gekriegt, grad in den Hof hinein und bei der Mauer ist dabei eine Kiste voll Geld aufgeplatzt. Der Schatz ist dem Alten direkt in die Fresse geflogen. Der Pfaff ist sogar gekommen und meinte, das Mirakel wolle er auf seine Rechnung nehmen.

Alle stehen sie da mit offenem Mund.

– Einen Schatz ... So! also doch ... der alte Kehrbesen der ...!

Diese unverhoffte Offenbarung stürzt uns in einen Abgrund von Ueberlegungen.

– Man kann's also doch nie wissen!

– Wie oft haben wir nicht den alten Fetzen angeekelt, wenn er uns mit seinem Schatz den Rücken vollschwatzte wie 'ne alte Tretmühle!

– Und weisst du noch, gesagt haben wir immer, man könne es nie wissen! Recht haben wir also doch gehabt, erinnerst du dich?

– 's gibt schon Sachen, die man sicher weiss, sagte Farfadet, der seit der Erwähnung von Gauchin geistesabwesend mit träumenden Blicken dreinschaute, als ob ihm ein süsses Gesicht entgegenlache.

– Das aber, fügte er hinzu, das hätt' ich auch nicht geglaubt! ... Der wird anders stolz sein, der Alte, wenn ich nach dem Krieg wieder hinkomme!

*

– Wer meldet sich freiwillig zur Sappenarbeit? fragt der grosse Adjutant.

– Schon wieder! knurren die Leute und rühren sich nicht.

– Es handelt sich darum, Kameraden zur Hilfe zu kommen, setzt der Adjutant hinzu.

Darauf hin hört das Knurren auf und einige Köpfe strecken sich.

– Hier! ruft Lamuse.

– Pack auf, Dicker, und kommt mit.

Lamuse schnallt den Tornister an, rollt seine Decke und hängt den Brotbeutel um.

Seit sich sein unglücklicher Liebesanfall gelegt hat, ist Lamuse finsterer geworden; und obwohl ihn eine Art Fatalismus immer dicker werden lässt, zehrt er sich auf, flüchtet sich in die Einsamkeit und spricht kaum mehr zu den andern.

Als es Abend geworden war, sahen wir im Graben etwas auf uns zukommen. Es stieg und fiel über die Höcker und die Löcher des Bodens. Die Gestalt schien in der Dunkelheit zu schwimmen und dann und wann die Arme nach Rettung auszustrecken

Es ist Lamuse; jetzt steht er in unserem Kreis Er ist voll Lehm und Kot. Schnaubend und schweisstriefend steht er da und zittert, als fürchte er sich vor etwas. Seine Lippen bewegen sich und murmeln: »Muh ..., Muh ... bevor er ein verständliches Wort herausbekommt.

– Nanu, was ist denn los? fragt man ihn vergebens.

Er sinkt in eine Ecke nieder und streckt sich zwischen uns aus.

Man bietet ihm Wein an, aber er weist ihn zurück; dann schaut er mich an und winkt mir mit dem Kopf. Wie ich nun bei ihm stehe, flüstert er mir ganz leise wie in einer Kirche zu:

– Ich habe Eudoxie gesehn.

Er schnappt nach Luft; seine Brust pfeift, sein Blick ist starr, als sähe er einem bösen Traume nach; dann sagt er:

– Sie war verfault.

– Es war grad an der Stelle, die wir verloren hatten, fuhr er weiter fort, und die die Kolonialtruppen vor zehn Tagen mit der Gabel wieder erobert haben. – Zuerst haben wir ein Loch für den Laufgraben gemacht, und weil ich mehr schanzte als die andern, war ich ihnen bald weit voraus. Die andern gruben die Sache hinter mir weiter aus und stampften es fest. Plötzlich aber stoss ich beim Graben auf Pfosten; offenbar war ich in einen früheren Graben geraten, der verschüttet war. Er war nur halb verschüttet und hatte noch hohle Stellen. Wie ich aber die Holzteile nach einander wegnehme, steht da mitten drinn etwas aufrecht wie ein grosser Erdsack, und obendrauf lag was anderes und hing herunter. jetzt aber gibt der eine Balken nach und der grosse Sack fällt auf mich; er war schwer. Ich war eingequetscht und dazu schlägt mir noch ein Leichengeruch ins Maul. ... Oben auf dem Sack war ein Kopf und Haare sah ich runter hängen. Verstehst du, man sah nicht viel in der Dunkelheit, aber ich hab die Haare erkannt, weil's nicht noch mal solche Haare auf Erden gibt, und auch was vom Gesicht noch übrig blieb, hab ich erkannt; das war ganz zerfressen und verfault; der Hals war wie Teig, der ganze Leib war vielleicht schon ein Monat tot. Und wenn ich dir sage, es war Eudoxie. – Jawohl, das Weib, an das ich mich nicht ranwagte, weisst du. Immer hab ich sie nur von weitem gesehen, ohne sie nie anrühren zu können wie einen Diamant. Sie lief immer überall hin, weisst du. Sie trieb sich immer in den Linien rum. Und einmal wird sie wohl eine Kugel erwischt haben und sie ist tot liegen geblieben, und keiner hat sie gefunden, bis heute durch den Zufall. – Weisst du, die Stellung in der ich war: mit einer Hand musste ich sie stützen, so gut es ging, und mit der andern musste ich arbeiten. Sie wollte immer mit ihrem ganzen Gewicht auf mich fallen. Jawohl, Alter, küssen hat sie mich wollen, aber ich wollte nicht; e» war schrecklich. Wie wenn sie hätte sagen wollen: »du hast mich doch küssen wollen, so komm doch, komm doch jetzt!« Sie hatte am ... sie hatte hier noch ein kleines Blumensträusschen, das war auch verfault und schlug mir an die Nase wie die Leiche eines kleinen Tierchens. – Ich hab sie in die Arme nehmen müssen und wir mussten uns beide langsam rumkehren, damit ich sie auf die andere Seite legen konnte. Es war so eng, wo wir uns drehen mussten, dass ich sie einen Moment, ohne es zu wollen und ohne dass sie es wollte, an mich drücken musste, mit der ganzen Kraft, weisst du, grad wie ich sie früher an mich gedrückt hätte, wenn sie gewollt hätte. Eine halbe Stunde lang hab ich mich abwischen müssen und ihre Berührung abputzen, wegen dem Geruch, den sie mir, ohne dass sie's wusste, ins Gesicht trieb. Ein Glück ist es, dass ich totmüde bin wie ein armes Lasttier.

Dann legte er sich auf den Bauch, ballte seine Fäuste und schlief, das Gesicht in der Erde, mit seinem Traum der Liebe und der Verwesung ein.

*

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.