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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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XVI.

Idylle.

– Glaubs oder glaubs nicht, meinte Paradis, der neben mir herlief, aber todmüde bin ich, überanstrengt bin ich ... Nie hab ich die Marschiererei so satt gehabt wie diesmal.

Er schleppte seine Füsse nach sich, und sein eckiger Rumpf hing ihm vornüber in den Abend hinein. Von oben her drückte der Tornister; er war unmässig breit, kompliziert und hoch wie eine phantastische Aufstapelung. Zweimal stolperte Paradis.

Paradis ist ausdauernd, aber die ganze Nacht war er als Verbindungsposten im Graben herumgelaufen, während die andern schliefen; somit hatte er die Berechtigung, müde zu sein.

Dies gab er auch knurrend zum Ausdruck.

– Die sind aus Kautschuk, die Kilometer, 's ist doch nicht anders möglich.

Und alle drei Schritte warf er den Tornister mit einem Hüftenruck hoch, denn das Zeug drückte und er schnaufte und die ganze bepackte Gestalt schwankte hin und her und jammerte wie ein alter, überladener Reisewagen.

– Wir sind bald da, sagte ein Offizier.

Die Offiziere sagen das immer, bei jeder Gelegenheit. Und doch – trotz der Beteuerung jenes Offiziers – marschierte man tatsächlich ins Dorf ein. Es war Abend und die Häuser waren wie mit Kohle und dicken Federstrichen auf das bläuliche Papier des Himmels hingezeichnet; die schwarze Silhouette der Kirche glich mit ihrem spitzen Kirchturm und ihren noch zierlicheren und spitzeren Seitentürmchen einer Zypresse.

Wenn er aber ins Quartier einmarschiert, ist der Soldat noch lange nicht am Ende seiner Anstrengungen. Nur selten kann sich die Korporalschaft im Lokal, das ihr zugewiesen wurde, auch wirklich einquartieren: fast immer stellen sich Missverstände heraus, dass das Lokal z. B. zweimal vergeben wurde; die Angelegenheit muss dann immer am Ort selbst geklärt werden. So kommt man erst nach mancher Viertelstunde und vielen Scherereien endgültig an seinen provisorischen Bestimmungsort hin.

Auch diesmal konnten wir erst nach dem üblichen Hin und Her unser Nachtlager beziehen. Es war ein Schopf, der auf vier Pfosten ruhte; als Mauern dienten ihm die vier Himmelsrichtungen. Aber der Schopf war wenigstens gut gedeckt, was einen schätzenswerten Vorteil bedeutet. Ein Karren und ein Pflug standen schon drin; daneben richtete man sich häuslich ein. Eine Stunde lang hatten wir stehend auf den endgültigen Entscheid warten müssen; Paradis, der während dieser Stunde in einem fort geknurrt und gejammert hatte, schleuderte seinen Tornister auf den Boden und sich selbst dazu. Eine gute Weile blieb er todmüde liegen und klagte über die Ohnmacht seiner Glieder und den Schmerz, den ihm seine Fussohlen verursachten; seine sämtlichen Nähte schmerzten ihn.

Plötzlich aber ging im dazugehörigen Bauernhaus ein Licht an. Nichts wirkt auf den Soldaten im eintönigen Grau des Abends so anziehend als ein Fenster, hinter welchem der Stern einer Lampe leuchtet.

– Wollen wir ein bisschen ausgehn? schlug Volpatte vor.

– Na hör mal, sagte Paradis.

Er stützt sich auf und stellt sich auf die Beine. Er hinkt vor Müdigkeit und geht an das goldne Fenster, das in der Dunkelheit erschienen ist, und dann an die Türe.

Volpatte folgt ihm und ich dem Volpatte.

Wir treten ins Haus ein; ein alter Mann hatte die Türe geöffnet und sein blinzelndes Gesicht gezeigt; wir fragen ihn, ob er Wein zu verkaufen hat. Sein Schädel ist schäbig wie ein alter Hut.

– Nein, antwortet der Alte und schüttelt den Kopf. auf welchem stellenweise etwas wie weisse Watte wächst.

– Kein Bier, Kaffee? Sonst was ...

– Nein, gute Freunde, weiss Gott, nichts. Wir sind nicht von hier, wir sind Flüchtlinge, wissen Sie ...

– Also, wenn nichts da ist, dann gehen wir wieder.

Wir machen rechtsumkehrt. Schliesslich war uns doch für einen Augenblick die Stubenwärme und der Lampenschein zugute gekommen. – Volpatte steht bereits auf der Schwelle und sein Rücken verwischt sich in der Dunkelheit.

Da erblicke ich eine alte Frau in der anderen Küchenecke; sie sitzt tief in einem Lehnstuhl eingesunken und scheint von einer Arbeit sehr in Anspruch genommen zu sein.

Ich zwicke Paradis in den Arm.

– Da sitzt die Tochter des Hauses, geh, mach ihr den Hof!

Paradis erwidert mit einer prächtig gleichgültigen Bewegung. Er pfeift auf die Frauen; seit anderthalb jähren sind die, die er zu Gesichte bekommt, doch nicht für ihn. Und übrigens, auch wenn sie für ihn da wären, pfiffe er nicht minder drauf.

– Jung oder alt, pah! sagt er und gähnt bereits.

– 'n Abend, Grossmutter, murmelt er und haucht sein Gähnen aus.

– Guten Abend, Kinder, meckert die Alte.

Von nahem sieht man alle Einzelheiten an ihr. Sie ist zusammengeschrumpft, krumm und eingefallen in ihren alten Knochen; ihr Gesicht ist bleich wie ein Zifferblatt.

Und was tut sie? Zwischen ihrem Stuhl und der Tischkante eingekeilt, schindet sie sich beim Schuhputzen ab. Diese Arbeit ist hart für ihre Kinderhände: sie beherrscht ihre Bewegungen nicht und fährt zuweilen mit der Bürste daneben; ausserdem sind die Schuhe arg schmutzig.

Als sie nun bemerkt, dass man sie beobachtet, flüstert sie uns zu, sie müsse allerdings heute abend noch die Schuhe ihrer Enkelin putzen; die sei Putzmacherin und müsse am morgen früh schon in die Stadt zur Arbeit.

Paradis hat sich tiefer über die Schuhe gebeugt, betrachtet sie von nahem und streckt mit einem Mal die Hände nach ihnen aus.

– Geben Sie mal her, Grossmutter, ich will sie euch mal schnell blank putzen, der Kleinen ihre Stiefelchen. Die Alte schüttelt abwehrend Kopf und Schultern.

Paradis aber packt die Stiefel auf eigene Faust, während die machtlose Grossmutter sich wehrt und uns mit protestierenden Blicken anschaut.

Er fasst mit jeder Hand einen Stiefel, hält sie voller Zärtlichkeit und betrachtet sie einen Augenblick, ja er scheint sie sogar ein wenig zu liebkosen.

– Sind die aber klein! sagt er mit einem Tonfall, den er sonst nicht hat, wenn er mit uns redet.

Nun hat er sich auch der Bürsten bemächtigt und macht sich mit Eifer und Vorsicht an's Wichsen; ich sehe, wie er dabei seine Arbeit bestaunt und lächelt.

Nachdem er dann den Kot entfernt hat, nimmt er Wichse auf die Spitze der Doppelbürste und streicht sie liebevoll und mit grosser Aufmerksamkeit auf die Schuhe.

Jetzt sind die Schuhe fertig. Es sind in der Tat die Schuhe eines koketten Mädchens, daran eine Reihe kleiner Knöpfe glänzt.

– Es fehlt kein Knopf dran, flüstert er mir zu, und es lag ein gewisser Stolz in seiner Bemerkung.

Nun ist er nicht mehr schläfrig, auch gähnt er nicht mehr. Seine Lippen liegen im Gegenteil fest aufeinander; ein jugendliches Frühlingsleuchten glänzt auf seinem Gesicht, und er, der vorhin einschlafen wollte, schien eben wieder erwacht zu sein.

Und er fährt mit dem Finger über die Stelle, auf der die Wichse einen Glanz gelegt hat, und über den Schaft, der sich leicht nach oben weitet und ein ganz klein wenig die Form des Beines andeutet. Seine Hand, die sich beim Wichsen so geschickt gezeigt hatte, ist dabei doch etwas täppisch; und er dreht die Stiefel nach allen Seiten, er lacht ihnen zu und denkt an ihren Inhalt, an ihren fernen Inhalt; die Alte aber hebt die Arme und ruft mich als Zeugen an.

– Das ist jetzt einmal ein liebenswürdiger Soldat!

Jetzt aber ist alles aus. Die Schuhe sind gewichst und bis ins feinste ausgewichst. Sie glänzen und jetzt ist nichts mehr an ihnen zu tun ...

Er stellt sie auf den Rand des Tisches, sorgfältig als wären sie eine Relique und dann trennt er seine Hände von ihnen.

Er wendet aber nicht gleich den Blick von ihnen, er betrachtet sie noch; dann senkt er seine Nase und beschaut seine eignen Schuhe. Und ich erinnere mich, wie dieser dicke Kerl, der zum Held, zum Zigeuner und zum Mönch bestimmt war, noch einmal von ganzem Herzen lächelte, als er beide Paare mit einander verglich.

... Da wurde die Alte unruhig in ihrem Stuhl, und es fiel ihr ein Gedanke ein.

– Ich will's ihr sagen! Sie wird sich bei Ihnen bedanken. He! Josephine! rief sie nach einer nahen Türe.

Paradis aber verwehrte es ihr mit einer entschiedenen Bewegung, die ich grossartig fand.

– Nein. Es ist nicht der Mühe wert, Alte, lassen Sie sie mir dort, wo sie ist. Es ist wirklich nicht der Mühe wert, lassen Sie nur!

Er sagte dies mit solcher Ueberzeugung, dass etwas gebieterisches in seiner Stimme lag, die Alte ihm gehorchte, ihre Hände zurückzog und verstummte.

Wir gingen darauf in unsern Schopf zurück und legten uns schlafen zwischen die Arme des Pfluges, der unser harrte.

Da riss Paradis den Mund wieder auf und gähnte; aber man sah noch eine ganze Weile am Kerzenlicht, das im Schopfe brannte, wie ihm von jenem Lächeln noch etwas auf dem Gesicht zurückgeblieben war.

*

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