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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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XV.

Das Ei.

Man wusste nicht, was man anfangen sollte. Man war hungrig und war durstig, und in diesem unglückseligen Quartier war nichts aufzutreiben!

Das Proviant, das gewöhnlich regelmässig eintraf, war diesmal ausgeblieben, und die Entbehrungen hatten ihren Höhepunkt erreicht.

Verloren standen ein paar Kameraden zusammen und knirschten mit den Zähnen; der magere Dorfplatz stand um uns herum mit seinen abgezehrten Hoftoren, seinen Häusergerippen und seinen kahlen Telegraphenstangen. Dabei konstatierte unsre Gruppe, dass nichts vorhanden sei.

– Der Spatz ist auf Urlaub, kein Fleisch, kannst dir den Gürtel einziehen.

– Auch kein Fett und ebensowenig Konfitüre wie Butter am Bratspiess.

– Und wenn wir uns alles vom Mund absparen, bleibt doch nichts übrig, da hilft alles Grunzen nichts.

– Das ist das reinste Wüstenquartier. Drei Hütten mit nichts als Durchzug und Nässe drin!

– Was nützen da die schönsten Moneten, bei meiner Schnapsbulle, 's ist grad wie wenn dein Geldsack Ausgang hätt, es hat ja doch keine Läden in dem Nest.

– Und wenn du Rothschild wärst oder ein Militärschneider, dein Vermögen würde dir 'nen Dreck was nützen.

– Gestern schnurrte 'ne kleine Katze bei der 7. Kompagnie rum. Die haben sie sicher gestaucht, das Viech.

– Ja, ich weiss, und die Rippen standen ihr raus wie ein Bratrost.

– Hilft alles nichts, das ist nun mal so.

– Es hat schon, sagt Blaire, die haben schnell gemacht und haben ein paar Kannen Saft gekauft beim Safthändler dort an der Strassenecke.

– Die Schweine, die haben gut lachen, wenn man sich so was den Hals runterschütten kann!

– Es war allerdings auch Sauware: mit Satz drinn, dass der Napf ausstaffiert war wie 'ne angerauchte Pfeife.

– Ein paar haben scheint's sogar einen Hasen gefunden.

– Hildepute! sagt Fouillade.

– Ich bin noch ziemlich gesund davon gekommen; hatte noch eine Sardine und ein bisschen Tee, den hab ich mit Zucker gekaut.

– Tatsache ist, dass' mit der Stehlerei nichts ist.

– Das reicht alles nicht, und wenn du auch kein grosser Esser bist und du 'nen flachen Darm hast.

– In zwei Tagen eine Suppe: eine gelbe Brühe, glänzend wie Gold. Aber Fleischbrühe war's keine, eher gebackene Suppe! Scheint alle zu sein.

– Kerzen haben's draus gegossen wahrscheinlich.

– Das gemeinste ist, dass man die Pfeife nicht anzünden kann.

– Stimmt, es ist ein Elend! Ich hab keine Zündschnur mehr. Ein paar Stückchen hatt' ich noch, hab sie aber auch nicht mehr. Ueberall hab ich gesucht, in den Taschen, im Flohdeckel, nichts! Und zum Kaufen, wie du sagst, ist es Mitternacht.

– Ich hab noch ein ganz kleines Stückchen, das heb ich aber auf.

Eine harte Entbehrung in der Tat und trostlos anzusehn, wie die Soldaten ihre Pfeife oder ihre Zigarette nicht anzünden können, sie wieder in die Tasche stecken und dann umherspazieren. Glücklicherweise hat Tirloir noch ein wenig Benzin in seinem Anzünder. Die es wissen, stehn mit ihren gestopften aber kalten Pfeifen um ihn herum. Auch kein Papier, das man an der Benzinflamme anzünden könnte; und so bleibt nichts übrig als die Benzinflamme selbst, so dass der letzte Tropfen herhalten muss, der im dünnen Insektenleib des Apparates übrig blieb.

... Ich habe Glück gehabt ... Ich sehe, wie Paradis mit seinem gutmütigen Gesicht knurrend umhergeht und ein Stückchen Holz kaut.

– Da, nimm's! sage ich zu ihm.

– Eine Zündholzschachtel! schreit er, und strahlt, als ob er ein Juwel betrachtete. Feine Sache, Herrgott, Streichhölzer!

Dann sieht man, wie er seine Pfeife anzündet; sein Gesicht leuchtet dabei im Flammenschein des Streichholzes feuerrot auf, und alle stehn herum und triumphieren:

– Paradis hat Streichhölzer!

Gegen abend treff ich Paradis vor den dreieckigen Trümmern einer Häuserfassade, die in jenem elendesten aller elenden Dörfer, an einer Strassenecke stand. Er winkt mir zu:

– Psst! ...

Ein komisches Gesicht macht er dazu und scheint leicht verschämt.

– Du, hör mal, sagt er mit dankbarer Stimme und starrt seine Schuhe an, vorhin hast du mir Streichhölzer verehrt. Sollst jetzt dafür belohnt sein. Da nimm's!

Und er steckte mir etwas in die Hand.

– Pass auf! flüstert er mir ins Ohr. Es ist zerbrechlich!

Geblendet betrachtete ich das weisschimmernde Geschenk und wagte es kaum zu glauben; dann aber erkannte ich, dass es ... ein Ei war!

*

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