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Das Feuer

Henri Barbusse: Das Feuer - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/barbusse/feuer/feuer.xml
typefiction
authorHenri Barbusse
titleDas Feuer
publisherMax Rascher Verlag
printrunDreiunddreissigstes bis zweiundfünfzigstes Tausend
year1918
translatorL. von Meyenburg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidc6959b91
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XIV.

Die Bürde.

Hinten im Hof des Muets-Gehöftes steht die Scheune offen. Es ist ein niederer, höhlenartiger Bau. Für uns hat man immer nur Höhlen übrig, sogar in den Häusern! Geht man über den Hof, wo die Füsse mit schwammigem Geräusch den Mist breit quetschen, oder drückt man sich auf dem engen Pflasterband mühevoll im Gleichgewicht drum herum, so sieht man im offnen Scheunentor nur ein schwarzes Loch ...

Sieht man aber näher zu, so entdeckt man eine dunstige Vertiefung, in welcher dunstige Massen hocken oder auf dem Boden liegen oder von einer Ecke zur andern gehn. Im Hintergrund flackern rechts und links zwei blasse Kerzenlichter mit rundem Hof wie zwei ferne, rötliche Monde. Diese Lichter enthüllen einem endlich die menschliche Form jener Massen, die entweder feuchten Atem oder dicken Rauchqualm aus dem Munde hauchen.

Heute abend herrscht im verschwommenen Höhlenloch, in das ich eindringe, grosse Aufregung. Morgen früh geht's wieder in den Schützengraben und die Nebelbewohner der Höhle machen sich ans Packen.

Aus dem blassen Abend heraus sehe ich in der Stockdunkelheit zunächst gar nichts, entwische jedoch den herumliegenden Kannen, Gamellen und Ausrüstungsgegenständen, die mir ihre Fallen stellen; aber ich stosse direkt an die Klötze, die gerade in der Mitte wie Blöcke in einer Steingrube liegen ... Schliesslich erreiche ich meine Ecke. Ein mächtiger runder und wolliger Rücken hockt dort, gebückt über eine Reihe kleiner, glitzernder Gegenstände, die auf dem Boden liegen. Ich gebe dem Schafpelz, der wie ein Polster auf den Schultern jenes Rückens liegt, einen Klaps. Er dreht sich um und ich bemerke im verschwommenen Flackerlicht, das auf einem eingerammten Bajonett steckt, einen Schnurrbartfetzen und einen halbgeöffneten Mundwinkel. Er grunzt mir freundschaftlich entgegen; dann wendet er sich wieder seinem Kram zu.

– Was machst du da?

– Ich mache Ordnung. Ich bringe mich in geordnete Verhältnisse.

Dieser Pseudo-Räuber, der scheinbar das Inventar seiner Beute aufnimmt, ist mein Kamerad Volpatte. Die Sache interessiert mich: er hat sein Zelttuch zweimal zusammengelegt und über sein Bett gebreitet – das heisst auf die Strohfläche, die für ihn bestimmt ist – und auf diesen Teppich hat er den Inhalt seiner Taschen geleert.

Ein ganzer Vorrat liegt vor ihm; er betrachtet ihn fürsorglich wie eine Hausfrau; er hütet ihn aufmerksam, zur Abwehr bereit, dass ihm niemand drauf trete ... Ich aber schaue mir diese reichhaltige Ausstellung Stück für Stück an.

Das Taschentuch, die Pfeife, der Tabakbeutel, in dem auch das Briefpapier versorgt wird, das Messer, der Geldbeutel und der Feuerstein bilden das Unentbehrliche und Notwendige. Drum herum liegen zwei lederne Schuhbändel, die sich wie zwei ineinander verschlungene Regenwürmer um eine Uhr winden. Die Uhr ruht in einer durchsichtigen Zelluloidkapsel, die mit der Zeit merkwürdig trüb und weisslich wird. Dann ein kleiner, runder Spiegel und daneben ein viereckiger; der viereckige Spiegel ist zerbrochen, aber von besserer Qualität, mit schräg zugeschnittenem Rand. Dann ein Fläschchen Terpentin, ein anderes, fast leeres Benzinfläschchen und ein drittes, ganz leeres Fläschchen; eine deutsche Gurtschnalle mit der Aufschrift: »Gott mit uns« und eine Säbeltroddel gleicher Herkunft; ausserdem ein in Papier halb eingewickelter Fliegerpfeil; er ist spitz wie eine Nadel und gleicht einem stählernen Bleistift; eine zusammenlegbare Schere und ein ebenfalls zusammenlegbares Besteck, ein Stück Bleistift und ein Stück Kerze; eine Aspirintube mit Opiumtabletten und mehrere Blechbüchsen.

Als er merkt, dass ich sein persönliches Eigentum inspiziere, kommt mir Volpatte bei der genaueren Bestimmung einzelner Gegenstände selbst zu Hilfe.

– Das ist ein alter Offiziershandschuh aus Leder. Ich hau ihm die Finger ab und stopfe damit den Knallbüchsenlauf; das hier ist ein Stück Telephondraht, das einzige, womit du die Mantelknöpfe anmachst, wenn sie halten sollen. Möchtest wohl wissen, was da drin ist? Fester, weisser Nähfaden, und nicht ein solcher, mit dem die frisch gefassten Sachen genäht sind, und den man mit der Gabel rauszieht, wie die Käsefäden aus den Makkaroni, und da liegen Nadeln auf einer Postkarte. Die Sicherheitsnadeln, die liegen hier für sich. – Und hier, das sind die Papyrusse. Da staunst du vor der Bibliothek, was?

In der Tat liegt unter den Gegenständen, die Volpatte aus seiner Tasche gekramt und hier ausgebreitet hat, ein mächtiges Papierbündel; es ist seine violette Brieftasche, deren bedruckter Schunddeckel ausgemergelt ist, dazu ein Militärbüchlein mit Eselohren und staubig wie die Haut eines alten Landstreichers, abgebröckelt und von allen Seiten angefressen; dann ein Notizbuch aus gestreiftem Moleskin, vollgepfropft mit Papieren und Photographien: mitten drin das Bild von Frau und Kindern.

Volpatte fischt das Bild aus dem vergilbten und geschwärzten Papierbündel heraus und zeigt mir die Photographie, die ich so oft schon gesehen habe. Ich mache auf's neue Bekanntschaft mit Frau Volpatte; sie ist eine hochbrüstige Frau mit weichem und schlaffem Ausdruck, umgeben von zwei kleinen Knaben mit weissem Kragen; der älteste ist schlank, der jüngere rundlich wie ein Ball.

– Ich, sagt Biquet, ich bin zwanzig und hab nur Bilder von alten Knaksen.

Und er zeigt uns, ganz nahe am Kerzenlicht, das Bild eines alten Ehepaares; es staunt uns, wie Volpattes Kinder, mit recht artigem Blick an.

– Ich hab auch die Meinen bei mir, sagt ein anderer. Ich hab immer das Bild meiner Nesthäkchen bei mir.

– Ein jeder trägt halt seine Welt mit rum, fügt ein anderer hinzu.

– Merkwürdig, meint Barque, wie sich doch so 'n Bild mit der Zeit abnutzt, je öfter man's ansieht. Man darf's nicht zu oft anhimmeln und allzulange draufhocken, sonst, weiss der Teufel, was da vor sich geht, aber mit der Zeit geht die Fühlung doch zum Teufel.

– Hast recht, sagt Blaire. Ich hab 's gleiche Gefühl, wie du, ganz genau.

– Dann hab ich noch in meinen Papierfetzen eine Karte von der Gegend hier, fährt Volpatte weiter.

Dabei entfaltet er sie im Kerzenlicht. An den Falten ist sie abgeklebt und durchsichtig und sieht aus wie ein Rollvorhang aus aneinandergenähten Vierecken.

– Zeitungen hab ich auch (und er entrollt einen Artikel über die Poilus) und ein Buch (es ist ein fünfundzwanzig-Centimes-Roman: »Zweimal Jungfrau«) ... Da, noch eine andere Zeitung: »L'Abeille d'Etempes.« Ich weiss nicht, warum ich das aufgehoben habe. Das wird schon seinen Grund haben. Ich werd's mal untersuchen, wenn ich besser bei Kopf bin. Und dann meine Spielkarten und hier ein Damenspiel aus Papier, die Steine sind aus Oblatenkuchen oder so was ähnlichem.

Barque, der jetzt auch dabei steht, schaut zu und sagt:

– Ich hab noch viel mehr in meinen Taschen.

Dann fragt er Volpatte:

– Hast du ein deutsches Soldbuch, du Lausschädel, oder eine Jodflasche, oder einen Browning? Aber ich, und zwei Messer dazu.

– Ich, sagt Volpatte, ich hab keinen Revolver und auch kein deutsches Soldbuch, aber ich hätte zwei Messer oder auch zehn Messer haben können, aber ich brauch nur eins.

– Kommt drauf an, sagt Barque. Und hast du Patentknöpfe, du Hinternfratze?

– Ich hab welche in der Tasche, schreit Bécuwe.

– Ohne kommt der Soldat nicht aus, versichert Lamuse. Sonst, wenn du die Hosenträger an die Büchsen knöpfen willst, ist alles andere nichts.

– Ich, sagt Blaire, ich trag immer das Bündelchen mit den Ringen in der Tasche, so hab ich's jederzeit bei der Hand.

Er zieht das Bündelchen heraus. Er versorgt es in eine Gasmaskentasche und schüttelt es hin und her. Die dreikantige Feile und die Schlichtfeile klirren; dazu hört man das Geräusch der noch unbearbeiteten Aluminiumringe.

– Ich hab immer Schnur bei mir, die kann man immer brauchen, sagt Biquet.

– Aber Nägel noch besser, sagt Pépin, und er hält uns drei Nägel auf seiner Handfläche hin, einen grossen, einen kleinen und einen mittelgrossen.

Nun kommt einer nach dem andern und nimmt, bastelnd, an der Unterredung teil. Allmählich gewöhnt man sich an das Halbdunkel. Aber Korporal Salavert, der im Rufe steht, keine dummen Hände zu haben, steckt gerade eine Kerze in den Hängeleuchter, den er mit einer Camembertbüchse und Draht hergestellt hat. Dann wird sie angezündet und jeder erzählt, um diesen Leuchter herumstehend, mit mütterlicher Parteilichkeit und Vorliebe von dem, was er in seinen Taschen verborgen hält.

– Vor allem, wie viel Taschen besitzt man?

– Taschen? Achtzehn, sagt einer, natürlich war es Cocon, der Zahlenmensch.

– Achtzehn Taschen! Du trägst dick auf, Rattenschnabel, meint der dicke Lamuse.

– Achtzehn, wenn ich dir sage, antwortet Cocon. Zähl doch nach, wenn du so schlau bist.

Lamuse will darüber ins klare kommen, hält seine Hände ganz nahe an den Leuchter hin, um genauer zählen zu können und rechnet an seinen dicken, staubigen Backsteinfingern nach: die zwei Taschen, die hinten im Mantel hängen, die Verbandzeugtasche für den Tabak, vorne zwei innere Manteltaschen, die beiden äusseren Taschen auf beiden Seiten mit Deckel. Drei Hosentaschen, sogar dreieinhalb mit der kleinen Vordertasche.

– Da steck ich den Kompass rein, sagt Farfadet.

– Ich meine Zündschnurüberreste.

– Ich, sagt Tirloir, eine kleine Pfeife, die mir meine Frau geschickt hat und dazu hat sie geschrieben: »Wenn du in der Schlacht verwundet wirst, dann pfeifst du, damit deine Kameraden dir das Leben retten.«

Wir lachen über diese naive Fürsorge.

Tulacque aber meint schonend zu Tirloir:

– Die hinter der Front wissen nicht, was Krieg heisst. Du könntest selbst was davon erzählen, wenn du wolltest!

– Also die kommt überhaupt nicht in Betracht, sie ist zu klein, sagt Salavert, macht also zehn.

– Im Kittel hat's noch vier, macht immer nur erst vierzehn.

– Die zwei Patronentaschen: die beiden neuen Taschen mit den Riemenschnallen.

– Macht sechzehn, sagt Salavert.

– Ha! Du Unglücksrabe, du Plattschädel, guck dir doch den Kittel noch mal an. Die beiden Taschen zählst du nicht? Was willst du dann noch! Das sind doch die gewöhnlichen Ziviltaschen, wo du im Zivil deine Nikotinspritze, deinen Tabak und die Adresse hast, wenn du was wohin bringen sollst.

– Achtzehn, macht Salavert mit einem ernsten Beamtengesicht. Achtzehn, nichts zu wollen, zugeschlagen!

In diesem Augenblick hört man auf dem Torpflaster ein paar Fehltritte tönen, als ob ein Pferd stampfte und fluchte.

Dann nach einem Schweigen bellt eine klangvolle Stimme gebieterisch:

– He, da drinn! Fertig machen! Heut abend muss alles in Ordnung sein, und fest packen, dass ihr's wisst. Wir kommen in die erste Linie, diesmal, 's wird sogar wahrscheinlich hitzig zugehn.

– 's geht schon, geht schon, Herr Adjutant, antworten zerstreute Stimmen.

– Wie schreibt man eigentlich Arnesse, fragt Benech, der, auf dem Boden kniend, einen Briefumschlag mit einem Bleistift bearbeitet.

Während ihm Cocon den Namen »Ernest« buchstabiert, drückt sich der Adjutant weiter und man hört, wie er seinen Vers an der Nachbartür wieder hersagt; dann ergreift Blaire das Wort und sagte:

– Kinder, ihr müsst – passt auf, was ich sage – ihr müsst immer euern Viertelliternapf in der Tasche haben. Ich hab alles ausprobiert, aber das einzig richtige ist doch die Tasche, glaubt's nur. Wenn du bepackt auf der Reise bist, oder wenn du ohne Gepäck im Schützengraben rumgondelst, hast du sie immer bei der Pfote, wenn sich 'ne Gelegenheit bietet: wenn einer zum Beispiel grad Saft hat und er meint's gut mit dir und sagt: »Halt den Napf her,« oder wenn grad ein Weinhändler vorbeigeht. Merkt euch, was ich euch sage, ihr alten Hirsche, und ihr seid immer gut dran: steck deinen Viertelsnapf in die Tasche.

– Kannst warten, sagt Lamuse, bis ich meinen Viertel in die Tasche stecke. Das ist 'ne Stachelschweinidee, so á la beiss mir 'n Finger ab, nichts mehr und nichts weniger; ich häng ihn bedeutend lieber an den Achselriemen mit einem Hacken.

An den Mantelknopf hängen wie die Gasmaskentasche, ist noch bedeutend besser. Angenommen nämlich, du legst den Tornister ab, dann kannst du Grünspan fressen, wenn's grad Wein gibt.

– Ich hab einen deutschen Viertelsnapf, sagt Barque. Flach ist er und lässt sich in die Tasche stecken, wenn man will; er geht auch gut in die Patronentasche rein, wenn du die Patronen ausgeknallt hast, oder wenn du sie in den Brotbeutel versorgst.

– Ein deutscher Napf, das ist nichts besonderes, sagt Pépin, ist nicht der Rede wert; er ist einem doch nur im Weg.

– Wart nur ab, du Schneckenschnauze, sagt Tirette, dem psychologisches Verständnis nicht abgeht: Diesesmal, wenn's Attacke gibt, wie's die Tante uns eben aufgebunden hat, da findest du vielleicht einen deutschen Napf und dann wird's schon was besonderes werden!

– Die Tante hat's gesagt, bemerkt Eudore, die weiss doch nichts davon.

– Und dann geht in einen deutschen Viertelsnapf mehr als ein Viertel, meint Cocon, sintemal das genaue Viertel mit einem Strich am dreiviertel des Viertels angestrichen steht. Und dann ist es immer besser, du hast einen grossen Viertel; hast du nämlich einen Viertel, der nur ein Viertel fasst, dann muss er bis oben glatt voll sein, dass du richtig ein Viertel Schlamm, Wein, Weihwasser oder sonst was kriegst; das gibt's aber nie beim Fassen, und wenn's einer macht, dann schüttest du die Hälfte aus.

– Das gibt's allerdings nicht, bestätigt Paradis, der sich immer empört, wenn er auf diese Prozeduren zu sprechen kommt. Der Furier steckt den Finger in den Napf, wenn er einschenkt und haut zweimal rein. Endresultat: Bist um ein Drittel beschissen und kannst dir drei schöne Riemen um den Bauch schnallen.

– Ja, sagt Barque, das stimmt. Aber ein allzu grosser Napf ist auch nicht günstig, weil der Furier dann wieder stutzig wird, wenn er einschenkt; er giesst dir einen Tropfen rein mit dem Datterich und gibt dir zu wenig, aus Angst, du kriegst zu viel, dann kannst du dir die Magenklappe schliessen, mit deiner Suppenschüssel in der Hand.

Unterdessen steckte Volpatte die ausgestellten Gegenstände wieder Stück für Stück in seine Tasche. Als aber sein Geldbeutel an die Reihe kam, betrachtete er ihn mitleidig.

– Er ist verdammt flach, der Bruder.

Dann zählte er den Inhalt:

– Drei Franken! Herrschaft, ich sollte mich schon nach Füllung umsehen, sonst bin ich nachher ausverkauft.

– Du bist nicht der einzige mit 'nem leeren Gipssack.

– Der Soldat gibt mehr aus, als er verdient; das ist mal sicher. Ich möchte den sehn, der mit seinem Sold auskommen müsste.

Darauf antwortete Paradis mit klassischer Einfachheit:

– Verrecken würde er.

– Ich hab was, da schaut her; das trag ich immer bei mir rum.

Und Pépin zeigte mit spitzbübischem Ausdruck ein Silberbesteck vor.

– Es gehörte der Alten, wo wir in Grand-Rozoy einquartiert waren, erklärt er.

– Wahrscheinlich gehört es ihr auch jetzt noch?

Pépin machte ein zweideutiges Gesicht, aus dem man Stolz und Bescheidenheit zugleich herauslesen konnte; dann lächelte er und sagte:

– Ich kenn sie schon, die alte Schnüffeltante. Die sucht bestimmt in jeder Ecke ihr Silberbesteck, solang sie noch lebt.

– Ich hab's mein Lebtag nur zu einer Schere gebracht, meint Volpatte. Es gibt doch überall Glücksvögel. Ich nicht. Auch bewahre ich die Schere sorgfältig auf, und doch kann ich eigentlich nichts damit anfangen.

– Ich hab schon hie und da eine Kleinigkeit abgegrast, aber alles ohne Belang. Die Sappeure haben mich immer beim Abgrasen erwischt, was willst du machen?

– Kannst die Sache andrehen, wie du willst, einer erwischt dich eben immer dabei, alter Bruder, nur nicht tragisch nehmen.

– He! Will einer da drin Jod? schrie der Sanitätssoldat Sacron.

– Ich behalt mir die Briefe von meiner Frau auf, sagt Blaire.

– Ich schicke sie der Meinen zurück.

– Ich bewahre sie auf, hier guck.

Und Eudore zeigt ein arg abgenütztes, glänzendes Papierbündel, über dessen schmutzige Farbe das Halbdunkel einen verschämten Schleier legt.

– Ich bewahre sie auf. Ich lese sie manchmal wieder durch. Wenn ich friere oder leide, lese ich sie durch. Es wärmt einen nicht, aber es ist so, als ob.

Diese komische Bemerkung hat offenbar einen tiefen Sinn, denn einige haben daraufhin die Augen aufgeschlagen und sagen: »Ja, es stimmt.«

Die Unterhaltung läuft in dieser phantastischen Scheune rastlos weiter. Mächtige Schattengestalten gehn hin und her; die Nacht hockt zu Klumpen geballt in den Ecken, wo die kränklichen Pünktchen einiger Kerzen flimmern.

Und ich sehe, wie sich die geschäftigen Packer in diesem Wirrwarr hin und her bewegen, als merkwürdige Schatten sich zum Boden bücken, sich hinlegen, dabei Selbstgespräche führen oder Zwiesprach halten und in allerlei Gegenstände hineintappen. Dann zeigen sie einander ihre Reichtümer.

– Da, schau her!

– Hast du Worte! antwortet der andre neidisch.

Alles was man nicht hat, möchte man besitzen. Es hat berühmte Schätze in der Korporalschaft, die ein jeder gerne als Eigentum hätte. Da ist zum Beispiel die Zweiliterkanne, die dem Barque gehört; er hat sie mit einem geschickten, blinden Schuss um einen halben Liter noch erweitert; dann das berühmte Messer mit Horngriff, das sich im Besitz Bertrands befindet.

Und in diesem eifrigen Durcheinander schielen die Blicke seitwärts und bestreifen jene Museumsgegenstände; dann sieht ein jeder wieder vor sich hin und widmet sich seinem Trödelkram, den er emsig ordnet.

Trübseliger Kram in der Tat. Alles, was für den Soldaten bestimmt ist, ist gewöhnlich, hässlich und schlecht, von den Pappeschuhen an und den mit schlechtem Faden zusammengehefteten Sachen bis zu den Bekleidungsstücken; sie sind schlecht zugeschnitten, schlecht gereiht und schlecht genäht, schlecht gefärbt, aus brüchigem und durchsichtigem Stoff, das reinste Löschpapier, das beim ersten sonnigen Tag abschiesst und nach einer Stunde den Regen durchläset; dann das möglichst dünne Lederzeug, das wie Holzspäne bricht und am Schnallenzapfen reisst; dazu ihre Flanellwäsche, magerer als Baumwolle, und ihr Tabak, der nach Stroh aussieht.

Marthereau sitzt neben mir. Er deutet auf die Kameraden und sagt:

– Schau sie an, die armen Schlucker, wie sie ihre Trödlerbuden begucken. Wie 'ne Handvoll Mütter, die ihre Jungen beäugeln. Hör sie an. Sie rufen ihrem Zeug, und wenn der eine sagt; »Mein Messer!« ist es, wie wenn er »Leon, oder Charles, oder Dolphe« sagte. Und, weisst du, sie können ihr Gepäck unmöglich reduzieren. Es geht einfach nicht. Nicht dass sie nicht wollen – unser Beruf stärkt ja nicht, oder? Aber sie können nicht. Sie haben zu viel Liebe zu dem Zeug.

Das Gepäck! Es ist ungeheuerlich und, Teufel, jeder weiss, dass jeder Gegenstand an Gewicht zugibt und dass jedes kleine Ding eine Qual hinzufügt.

Denn, was man in die Taschen oder in den Brotbeutel stopft, ist nicht alles. Dazu kommt noch, was man auf dem Rücken trägt.

Der Tornister dient als Koffer Und gleichzeitig als Schrank. Und der alte Soldat kennt die Kunst, ihn durch das kunstgerechte Anordnen und Versorgen der Gegenstände unglaublich zu erweitern. Ausser dem obligatorischen Gepäck – den zwei Fleischkonserven, den zwölf Zwieback, den zwei Kaffeetabletten und den zwei Paketen kondensierte Suppe, dem Zuckersäckchen, der Ordonnanzwäsche und dem Paar Schuh zum Auswechseln – bringen wir immer noch ein paar Konservenbüchsen, Tabak, Schokolade, Kerzen und Sandalen, sogar Seife, eine Spirituslampe, Spiritus und Wollzeug hinein. Mit der Decke, dem Schlafsack, dem Zelttuch, dem Werkzeug, der Gamelle und dem Lagergeschirr wächst der Tornister in die Höhe und in die Breite zu einer erdrückenden Monumentalität. Mein Nachbar sagt mit Recht: jedesmal, wenn der Soldat nach langem Kilometermarsch auf der Strasse oder im Graben das Ziel erreicht, schwört er, das nächste Mal eine Menge Zeug zurückzulassen und seinen Schultern etwas von der Bürde nachzulassen. Aber jedesmal, wenn's wieder an's Packen geht, lädt er sich wieder die gleiche erschöpfende und fast übermenschliche Last auf; nie trennt er sich von ihr, obgleich er ohne Unterlass über sie schimpft.

– Es gibt schon Schlaumeier, die sich zu drücken verstehen, sagt Lamuse, und die 's fertig kriegen, etwas in die Kompagniekutsche oder in den Sanitätswagen zu schmuggeln. Ich kenn einen, der hat zwei neue Hemden und eine Unterhose im Gepäck der Adjutantur versorgt, aber, verstehst du, es hat gleich zweihundertfünfzig Mann in der Kompagnie, und jeder kennt den Kniff und jedem kann er eben nicht zugute kommen. Am wenigsten den Unteroffizieren, je mehr sie Unteroffiziere sind, um so gesalzener der Rüffel, wenn sie ihren Kram im Geheimen unterbringen. Abgesehn davon, dass der Kommandant die Karren absucht, manchmal unverhofft, und dann schmeisst er dir deine Garderobe mitten auf die Strasse, wenn er sie wo findet, wo sie sich verlaufen hat. Hopp, weg damit! Und dazu die Anschnauzerei und sonstige Zugaben.

– Am Anfang war's noch gemütlich. Ich hab welche gesehn, die ihren Brotbeutel und sogar die Kommode auf einen Kinderwagen verladen hatten und schoben das Zeug so auf der Strasse vor sich her.

– Hast 'ne Ahnung! Das waren die schönen Zeiten im Krieg! Aber das ist alles anders geworden.

Volpatte, der von alledem nichts hört, dreht sich im Kreis um einen Gegenstand, der auf dem Boden liegt. Dazu hat er sich in seine Decke gewickelt wie in einen Schal und sieht einer alten Hexe gleich.

– Ob ich wohl diese Schweinekanne mitschleppe? fragt er sich selber. Es ist die einzige Kanne, die die Korporalschaft besitzt und ich habe sie immer getragen. Nur dass sie eben rinnt wie 'n Salatsieb.

Er kann sich nicht entschliessen und spielt die reinste Trennungsszene.

Barque schaut ihn von der Seite an und macht sich über ihn lustig. Man versteht so was wie »senil, krankhaft«, aber dann stellt er das Spotten ein und meint:

– Schliesslich war man an seiner Stelle ebenso saudumm.

Volpatte aber verschiebt die Entscheidung auf später:

– Morgen früh werden wir sehn

Nachdem die Taschen inspiziert und gepackt sind, kommen die Brotbeutel und dann die Patronentaschen dran. Barque erklärt, wie man die zweihundert vorschriftsmässigen Patronen in die drei Patronentaschen reinkriegt. In Paketen ist es unmöglich. Man muss sie zuerst auspacken und sie dann eine nach der andern, die eine nach unten, die andre nach oben, hineinstecken. So sind die Patronentaschen bis auf's letzte Plätzchen ausgefüllt und der Leibgurt wiegt dadurch sechs Kilo.

Das Gewehr ist schon geputzt, der Lader eingewickelt und der Lauf gesichert, damit im Schützengraben keine Erde hineinkommt; letzteres ist deshalb eine unumgängliche Vorsichtsmassregel.

Jetzt müssen aber die Gewehre leicht voneinander unterschieden werden.

– Ich hab eine Kerbe in den Riemen eingeschnitten; siehst du? Ich hab den Rand ausgeschnitten.

– Ich hab oben ein Schuhbändel rumgewickelt, so erkenn ich es mit der Hand so gut wie mit dem Auge.

– Ich hab einen Patentknopf dran. Da kannst du nicht irren. In der Dunkelheit spürst du's gleich und weisst: »das ist mein Karabiner«. Denn, verstehst du, die Kerle, die sich nicht ausrenken wollen, die legen sich auf die Bärenhaut, während die anderen putzen. Und dann erlauben sie sich einen Handgriff nach einem geputzten Gewehr; und nachher sagen sie einfach: »Herr Hauptmann, ich hab ein tipptoppes Gewehr.« Das ist Schieberei, verstehst du aber mir passt die Schieberei nicht, die hängt mir schon lang zum Hals raus.

*

– Komisch, merkwürdig, sagt Marthereau zu mir morgen geht's in den Schützengraben und keiner ist noch besoffen und keine Keilerei heute abend? Was mich angeht ... ja, die beiden, das geb ich zu, dass die ein bisschen knüll und benebelt sind; vollständig mürbe sind sie zwar nicht, aber 'ne schmutzige Nase haben sie doch, was?

– Es sind Poitron und Poilpot von Broyers Korporalschaft.

Sie sind abgelegen und reden leise. Man sieht die runde Nase und den Mund des einen neben einer Kerze glänzen; seine Hand hat einen Finger ausgestreckt und macht kleine, erklärende Gesten, während der zugehörige Schatten immer treu nachfolgt.

– 's Feuer kann ich anzünden, aber wenn's aus geht, krieg ich's nicht wieder an, erklärt Poitron.

– Kamel! sagt Poilpot, wenn du's anzünden kannst, kriegst du's doch auch wieder an; wenn du's nämlich wieder anzündest, kannst du ja sagen, du zündest es an.

– Das sind alles faule Redensarten. Ich kann nicht rechnen und pfeif auf dein Geflunker. Ich sag dir nur eins und sag dir's nochmal: Feuer anzünden kann ich allemal, aber wenn's ausgeht, dann ist's mit dem Anzünden nichts mehr. Ich kann dir's nicht besser erklären.

Die Antwort Poilpots entgeht mir.

– Herr! Du gottverdammter Dickkopf, keucht Poitron, dreissigmal sag ich dir's doch schon, ich kann's nicht; hat der 'nen dicken Schweinsschädel!

– Allmählich wird's Anhören langweilig, sagt Marthereau zu mir.

Er hatte seine vorige Bemerkung allerdings etwas zu früh angebracht.

Infolge des Abschiedsgelages herrscht doch eine gewisse Aufregung unter der Mannschaft, die in jenem Wirrwarr, auf dunstigem Stroh, teils stehend und nachdenklich, teils kniend und klopfend, wie Bergarbeiter, ihre Vorräte und ihre Habseligkeiten ausbessert, aufstapelt und einpackt. Fluchende Worte und Bewegungen fahren durcheinander. Im Rauchdunst heben sich Schädelsilhouetten ab, und dunkle Hände hantieren über jenen Schatten wie Marionetten.

Die Nachbarscheune trennt eine mannshohe Mauer von der unseren; angeheiterte Stimmen schallen zu uns herüber. Zwei Männer zanken sich und fluchen sich mit ausgelassener und verzweifelter Wut an. Die Luft erzittert unter den gemeinsten Ausdrücken, die's auf Erden gibt. Der eine aber, der zu einer andern Korporalschaft gehörte, wird von den Insassen hinausgeschickt, und die Flüche des andern werden schwächer und verstummen.

– Bei uns geht's noch anständig zu! bemerkt Marthereau mit einem gewissen Stolz.

Er hat recht. Das haben wir Bertrand zu verdanken, den der Hass gegen den Alkohol nicht ruhen lässt, der Hass gegen jenes vergiftende Unvermeidliche, das mit den Massen sein Spiel treibt, Bertrand verdanken wir es, dass unsere Korporalschaft zu denen gehört, die das Wein- und Schnapslaster am wenigsten heimsucht.

... Sie schreien, sie singen und sind rings herum ausser Rand und Band. Und sie lachen in einem fort; für den menschlichen Organismus aber bedeutet das Lachen soviel wie der Lärm eines Räderwerkes oder irgend eines Gegenstandes.

Man versucht sich in einige Gesichter zu vertiefen. Sie haben in dieser Schattenmenagerie und diesem Reflexkäfig eine ergreifende Reliefstärke. Aber es gelingt einem nicht; man sieht sie wohl vor sich, aber man entdeckt ihr Inneres nicht.

*

– Schon zehn Uhr, Kinder, sagt Bertrand. Packt morgen fertig. Jetzt ist es Zeit, 's Fleisch in die Lumpen zu legen.

Nun legt sich jeder langsam schlafen. Das Schwatzen aber hört kaum auf. Der Soldat nimmt sich alle Zeit zu seinen Verrichtungen, sobald er sich nicht unbedingt beeilen muss. Ein jeder geht noch herum und hat etwas in der Hand – und ich sehe Eudorens ungeheuern Schatten an einer Kerze vorüberschleichen; zwei Kampfersäckchen hängen ihm pendelnd an den Fingerspitzen.

Lamuse reckelt sich hin und her und sucht eine günstige Liegestellung. Ihm ist offenbar nicht wohl; heute hat er sich übergessen, obwohl er viel zu fassen vermag.

– Es hat solche, die möchten schlafen! Maul halten, Hornochsen! schreit Mesnil Joseph von seinem Lager aus.

Diese Mahnung dämpft für einen Augenblick den Lärm der Stimmen und das Hin- und Hergelaufe, vermag ihm aber nicht völlige Ruhe zu gebieten.

– Morgen geht's allerdings in den Schützengraben, sagt Paradis, und abends in die erste Linie. Aber niemand denkt dran. Man weiss es nur, ganz einfach.

Allmählich liegt ein jeder auf seinem Platz. Ich habe mich auf's Stroh hingestreckt, neben mir wickelt sich Marthereau in seine Decke ein.

Eine kolossale Gestalt tritt leise ein und vermeidet vorsichtig jedes Geräusch. Es ist der Sanitätssergeant und Maristen-Bruder, ein mächtiger Kerl mit Bart und Brille; man merkt wohl, dass es ihm unangenehm ist, seine Beine zu offenbaren, nachdem er seinen Mantel abgelegt hat und in der Weste dasteht. Und man sieht, wie sich diese bärtige Nilpferdgestalt verstohlen beeilt. Er schnauft, seufzt und murmelt.

Marthereau deutet mit dem Kopf auf ihn und sagt ganz leise zu mir:

– Guck ihn an. Die Kerle müssen doch immer was vormachen. Wenn man ihn fragt, was er im Zivil ist, sagt er einem nicht: »Ich bin Lehrbruder in den Schulen«; er sagt: »Ich bin Professor,« und schielt einen mit halben Augen an, so unter seiner Brille hervor. Wenn er sehr früh zur Messe aufsteht und man schon wach ist, sagt er nicht: »Ich geh zur Messe«, er sagt: »Ich hab Leibschmerzen. Ich muss unbedingt mal auf den Horchposten.«

Etwas weiter von uns liegt Vater Ramure und erzählt von seinem Heimatdorf.

Ich bin in einem kleinen Nest zu Hause; 's ist nicht gross, das kleine Nest. Den ganzen Tag hockt mein Alter und raucht Pfeife oder arbeitet oder ruht aus, und bläst seinen Rauch in die Luft oder in den Kaminqualm ...

Ich lausche dieser ländlichen Traumerzählung, die dann plötzlich in's technische Spezialgebiet übergeht:

– Dazu macht er sich immer einen Schmetterling zurecht. Weisst du, was das ist? Du nimmst einen grünen Kornhalm und schälst ihn. Dann spaltest ihn in zwei Teile und dann nochmal und dann hast du [Zeile fehlt im Buch] Grössen oder verschiedene Nummern. Dann wickelt er sie mit einem Faden um den Pfeifenzapfen ...

Da aber keiner der Zuhörer irgend drauf eingeht, bricht er dieses Lehrgespräch plötzlich ab.

Jetzt brennen nur noch zwei Kerzen. Ein grosser Schattenflügel bedeckt die umherliegenden Leute.

Hie und da flattern noch Privatgespräche im primitiven Schlafsaal auf und Bruchstücke davon erreichen mein Ohr.

Vater Ramure schimpft jetzt gegen den Kommandanten:

– Der Kommandant, weisst du, mit seinen vier Schnüren, ich hab's gemerkt, dass er nicht rauchen kann. Wie verrückt saugt er an seinen Pfeifen und verbrennt sie. Das Holz spaltet sich natürlich und wird durchgebraten, und auf einmal ist es Kohle statt Holz. Die Tonpfeifen halten's ein bisschen länger aus, aber auch die röstet er durch. Bei der Schnauze, die er sich leistet, ist es auch kein Wunder. Ich will dir was sagen: dem passiert schon nochmal, was keinem passiert ist; ihm platzt einmal vor aller Welt die Pfeife im Schnabel, wenn er sie bis in die Knochen so weiter auskocht, dass sie glühheiss wird. Wirst sehn.

Allmählich wird es ruhig und still in der Scheune und das Schweigen deckt alle Sorgen und Hoffnungen der Schlafenden zu. Dabei liegen diese gleichartigen, eingewickelten Wesen nebeneinander wie die Pfeifen einer Riesenorgel, die verschiedenartige Schnarchtöne von sich gibt.

Marthereau hat die Nase auch bereits unter die Decke gesteckt und erzählt mir etwas von sich.

– Ich bin Lumpenverkäufer, sagt er, oder besser gesagt Lumpensammler, aber en gros; ich kauf den kleinen Lumpensammlern von der Strasse ihre Ware ab und hab einen Laden, so 'nen Schopf, weisst du, als Ablage. Ich handle mit allen Lumpen, vom Tuch bis zur Konservenbüchse, aber hauptsächlich Besenstiele, Säcke und Schlappen; und dann natürlich Spezialität in Kaninchenfellen.

Und dann hör ich noch, wie er sagt:

– Und ich, so klein und schlecht gedrechselt wie ich bin, ich trag so 'n zweihundert Kilo schweren Rundarsch den Schopf rauf, auf einer Leiter mit Holzschuhen an den Füssen. Einmal hab ich's mit einem zweifelhaften Kerl zu tun gehabt, er soll mit Mädchen gehandelt haben, sagten sie ...

– In der Nase hab ich das Exerzieren und das Marschieren, mit dem sie uns in der Ruhezeit schinden, schreit plötzlich Fouillade; die Hüften hab ich wie abgehackt und kann nicht einschnarchen, so abgeschunden bin ich.

Dann hört man in der Gegend von Volpatte ein Klirren. Er hat sich doch entschlossen, seine Kanne mitzunehmen und flucht sie an, weil sie doch das fatale Loch hat.

– Wenns nur mal ein End hätt', der Krieg! jammert ein Schläfer.

Darauf hört man einen verbissnen, unverständlichen Ausruf der Revolte:

– Unsre Haut wollen sie!

– Reg dich nicht auf! antwortet ein anderer, aber es klingt nicht minder verbissen als vorhin der Empörungsschrei.

... Lange Zeit darauf bin ich aufgewacht. Es schlägt gerade zwei Uhr. Ich sehe im fahlen Lichte, offenbar das des Mondes, die unruhige Silhouette Pinégals. In der Ferne kräht ein Hahn. Pinegal setzt sich aufrecht und ich höre seine heisere Stimme:

– Es ist doch mitten in der Nacht, und der Hahn hat die Schnauze offen? Den hat's, den Hahn.

Und er lacht und wiederholt: »Den hat's, den Hahn«; dann wickelt er sich wieder in die Wolle ein und schläft röchelnd mit lachendem Geschnarche ein.

Cocon hat Pinégals Bemerkung aufgeweckt. Nun denkt der Zahlenmensch laut und sagt:

– Die Korporalschaft hatte siebzehn Mann, als sie in den Krieg zog. jetzt sind's immer noch siebzehn mit dem Ersatz. Jeder Soldat hat schon vier Mäntel verbraucht, einen vom früheren Blau, drei zigarrenrauchblaue, zwei Paar Hosen, sechs Paar Schuhe. Man muss pro Mann zwei Gewehre rechnen: aber die Mechaniker kann man nicht mit rechnen. Dreiundzwanzig mal haben wir frischen Reserveproviant bekommen. Vierzehn mal ist sie zitiert worden, zweimal vor der Brigade, viermal vor der Division, einmal vor der Armee. Einmal sind wir sechzehn Tage hintereinander im Schützengraben geblieben. Wir waren bis jetzt in siebenundvierzig verschiedenen Dörfern einquartiert. Seit Kriegsbeginn sind zwölftausend Mann beim Regiment gewesen; das Regiment zu zweitausend Mann gerechnet.

Merkwürdige Zischlaute aber unterbrechen ihn. Es ist Blaire, dem sein neues Gebiss das Sprechen erschwert. Auch beim Essen hat er Mühe. Aber jeden Abend legt er es an und behält es mit tapferer Hartnäckigkeit die ganze Nacht im Mund, denn sie haben ihm versprochen, er werde sich bald an das Ding gewöhnen, das sie ihm in den Schädel gesteckt haben.

Ich liege halb aufrecht wie auf einem Schlachtfeld. Noch einmal betrachte ich diese Menschen, die das Leben über die Lande und in allerlei Geschicke jagt. Ich betrachte sie mir alle; jetzt liegen sie da, reglos im Schlünde der Vergessenheit, an dessen Rand sich einzelne mit armseliger Besorgnis, ihrem Kinderinstinkt und ihrer sklavischen Unwissenheit anzuklammern scheinen.

Schliesslich erliege ich der Schlaftrunkenheit. Aber ich vergesse nicht, was sie getan haben und was sie tun werden. Und angesichts dieser armseligen Menschennacht, die ihr schwarzes Totentuch über [Zeile fehlt im Buch] Höhle legt, träume ich von irgend einem unendlichen Licht.

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